Sibratsgfäll, Wallfahrtskapelle Maria Hilf im Rindberg

Die Maria-Hilf-Kapelle im Rindberg bei Sibratsgfäll gehört zu den kleineren, historisch jedoch eindeutig belegten Wallfahrtsorten des Bregenzerwaldes. Ihre Kapellentradition reicht bis in das späte 17. Jahrhundert zurück, während die eigentliche Maria-Hilf-Wallfahrt vor allem im 19. Jahrhundert greifbar wird. Besondere Bedeutung erhielt der Ort durch die Überlieferung von der Heilung der schwer gehbehinderten Theresia Dorn aus Riefensberg im Jahr 1881 und die als Votivgabe zurückgelassene Krücke. Historische Ansichtskarten bezeichnen Rindberg bereits 1904 ausdrücklich als "Wallfahrtsort" und wenig später regelmäßig als "Wallfahrtskapelle". Die Diözese Feldkirch führt die Kapelle auch heute unter den Wallfahrtsorten Vorarlbergs.

Eine zweite, völlig andere Bedeutungsschicht erhielt der Ort 1999, als eine gewaltige Hangbewegung die damalige Kapelle rund 180 Meter talwärts verschob und schließlich zerstörte. Das Inventar konnte zuvor gerettet werden. 2007 entstand an sicherer Stelle eine neue Kapelle, deren Konstruktion bewusst auf die weiterhin bestehende geologische Gefährdung Rücksicht nimmt und bei Bedarf innerhalb kurzer Zeit abgebaut werden kann. Damit verbindet der Rindberg auf ungewöhnliche Weise historische Wallfahrtsfrömmigkeit, Votivwesen, lokale Erinnerung und die Erfahrung einer Naturkatastrophe.

Die Rindbergkapelle liegt in der gleichnamigen Streusiedlung südöstlich des Ortszentrums von Sibratsgfäll im Vorderen Bregenzerwald. Die Landschaft ist von den Ereignissen des Jahres 1999 bis heute sichtbar geprägt. An die großflächigen Hangbewegungen erinnert die "Georunde Rindberg", die an mehreren Stationen die geologischen Veränderungen und deren Auswirkungen auf Häuser, Landwirtschaft und Bewohner erläutert. Die Marienkapelle bildet inzwischen selbst einen Teil dieser Erinnerungslandschaft.

Die erste Kapelle von 1694

Nach der Pfarrüberlieferung wurde die erste Kapelle im Rindberg im Jahr 1694 errichtet und gilt als älteste Kapelle im Tal. Über ihre frühe religiöse Nutzung ist wesentlich weniger bekannt als über die spätere Maria-Hilf-Wallfahrt. Sicher ist jedoch, dass damit bereits lange vor dem eigentlichen Wallfahrtsaufschwung ein lokaler sakraler Mittelpunkt bestand.

Erst im 19. Jahrhundert tritt die marianische Verehrung deutlicher hervor. Nach späteren Darstellungen ließ Pfarrer Hellmeyer 1873 in der Kapelle ein Maria-Hilf-Bild anbringen. Dieses Bild wurde zum zentralen Andachtsgegenstand des Heiligtums und blieb trotz der späteren Neubauten und der Katastrophe von 1999 erhalten.

Die zeitliche Abfolge ist auffällig: Auf die Aufstellung des Maria-Hilf-Bildes 1873 folgte bereits 1881 jene Heilungsgeschichte, die für den Ruf des Rindbergs als Wallfahrtsort von besonderer Bedeutung wurde; 1883 entstand eine neue Kapelle. Ohne einen unmittelbaren ursächlichen Zusammenhang behaupten zu können, lässt sich darin doch eine deutliche Intensivierung der Marienverehrung in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts erkennen.

Die Heilung der Theresia Dorn

Den volkskundlich bedeutendsten Kern der Rindberger Wallfahrtsüberlieferung bildet eine Heilungsgeschichte aus dem Jahr 1881. Nach der bis heute von der Pfarre bewahrten Überlieferung litt Theresia Dorn aus Riefensberg schwer an Gicht. Sie konnte nur noch mit Krücken gehen, und die ärztliche Behandlung habe keine Besserung gebracht.

Daraufhin unternahmen ihre Eltern mit der Kranken eine Wallfahrt zur Muttergottes in der Rindbergkapelle. Bemerkenswert ist die ausdrücklich überlieferte Angabe, die Wallfahrt sei "bei Wasser und Brot" durchgeführt worden. Damit erhielt der ohnehin beschwerliche Weg eine zusätzliche asketische Dimension: Der freiwillige Verzicht verstärkte die Bittwallfahrt und verlieh ihr den Charakter einer besonderen religiösen Leistung.

Nach der Rückkehr von dieser ersten Wallfahrt habe sich Theresias Zustand bereits gebessert. Die Wallfahrt wurde daraufhin wiederholt, und nach dem zweiten Gang zum Rindberg soll sie ohne ihre Krücken heimgekehrt sein. Eine der nun nicht mehr benötigten Krücken wurde in der Kapelle zurückgelassen und wird in der örtlichen Überlieferung ausdrücklich als Votivgabe bezeichnet.

Historisch lässt sich diese Heilung derzeit nicht durch einen zeitgenössischen medizinischen Bericht oder eine unabhängig erhaltene Dokumentation aus dem Jahr 1881 überprüfen. Die Geschichte ist deshalb als örtliche Wallfahrts- und Heilungsüberlieferung wiederzugeben, nicht als medizinisch erwiesene Wunderheilung. Für die Geschichte der Volksfrömmigkeit ist diese Unterscheidung jedoch keineswegs eine Entwertung. Entscheidend ist, dass die Heilung am Ort selbst erinnert wurde, mit einem konkreten Gegenstand verbunden war und offensichtlich zum Ruf der Kapelle als Gnadenstätte beitrug.

Die Krücke als Votivgabe

Die zurückgelassene Krücke ist volkskundlich besonders bemerkenswert. Anders als ein eigens angefertigtes Wachsbein, eine silberne Hand oder ein gemaltes Votivbild handelt es sich bei einer Krücke um einen tatsächlich gebrauchten Gegenstand aus dem Alltag des Kranken. Gerade weil sie nach der erzählten Heilung nicht mehr benötigt wurde, konnte sie als besonders anschauliches Zeichen der erfahrenen Hilfe verstanden werden.

Solche Sachvotive besitzen innerhalb einer Wallfahrtsstätte eine starke kommunikative Wirkung. Das Objekt erzählt die Heilung gewissermaßen ohne Worte: Die Krücke verweist auf den früheren Zustand des Kranken, ihr Verbleib im Heiligtum auf die Überzeugung, dass sie nach der Wallfahrt nicht mehr gebraucht worden sei. Für spätere Besucher wurde sie damit zugleich zum Erinnerungszeichen und zur sichtbaren Bestätigung des Rufes des Gnadenortes.

Die Rindberger Krücke verbindet deshalb individuelle Krankheitsgeschichte und kollektive Wallfahrtstradition. Aus einem persönlichen Gebrauchsgegenstand wurde ein öffentliches Zeugnis des Dankes.

Neubau der Kapelle 1883

Nur zwei Jahre nach der überlieferten Heilung wurde 1883 eine neue Kapelle errichtet. Die Einweihung wird für 1885 angegeben.

Ob die Heilung Theresia Dorns unmittelbar den Neubau auslöste, lässt sich aus den derzeit online verfügbaren Quellen nicht sicher belegen und sollte daher nicht behauptet werden. Die zeitliche Nähe ist dennoch bemerkenswert. Sie fällt in jene Phase, in der die Maria-Hilf-Verehrung am Rindberg deutlich an Bedeutung gewann.

Diese Kapelle von 1883 war es auch, die mehr als ein Jahrhundert später der großen Hangrutschung von 1999 zum Opfer fiel. Die häufig zu lesende Bezeichnung als "300 Jahre alte Kapelle" bezieht sich auf die bis 1694 zurückreichende Kapellentradition; das tatsächlich zerstörte Gebäude selbst stammte aus dem Jahr 1883.

Rindberg als Wallfahrtsort um 1900

Für die Einordnung des Rindbergs ist ein außergewöhnlich schöner Quellenbestand in der Vorarlberger Landesbibliothek erhalten. Historische Ansichtskarten zeigen, dass die Bezeichnung als Wallfahrtsort keineswegs erst aus jüngerer Zeit stammt.

Eine 1904 datierte Karte trägt ausdrücklich die Beschriftung:

"Gruss aus Siebratsgfäll 875 m : Wallfahrtsort Rindberg".

Damit besteht bereits für das frühe 20. Jahrhundert ein eindeutiger zeitgenössischer Beleg, dass Rindberg öffentlich als Wallfahrtsort verstanden wurde.

Weitere Ansichtskarten verwenden Bezeichnungen wie "Walfarts-Kapelle", "Wallfahrtskapelle Rindberg" und "Wallfartsort bei Siebratsgfäll". Eine Karte "Rindberg bei Sibratsgfäll : Walfarts-Kapelle" ist auf 1913 datiert; andere Exemplare entstanden in den folgenden Jahrzehnten.

Diese Karten sind für die Wallfahrtsgeschichte mehr als bloße historische Ortsansichten. Sie zeigen, dass der religiöse Charakter des Rindbergs zu den Merkmalen gehörte, mit denen Sibratsgfäll nach außen dargestellt wurde. Die Wallfahrt war damit im öffentlichen Bewusstsein so fest verankert, dass "Wallfahrtsort Rindberg" als selbstverständliche Ortsbezeichnung auf Postkarten erscheinen konnte.

Besonders bemerkenswert ist dabei der frühe Beleg von 1904: Zwischen der überlieferten Heilung Theresia Dorns von 1881 und dieser ausdrücklichen Bezeichnung als Wallfahrtsort liegen nur 23 Jahre. Das lässt zumindest erkennen, wie rasch sich der Ruf des Marienheiligtums im ausgehenden 19. Jahrhundert gefestigt hatte.

Maria Hilf

Das Rindberger Gnaden- beziehungsweise Andachtsbild gehört zum weit verbreiteten Bildtypus "Maria Hilf". Derartige Marienbilder konnten in unterschiedlichen regionalen Zusammenhängen zu Mittelpunkten von Bitt- und Dankfrömmigkeit werden. Am Rindberg erhielt das 1873 aufgestellte Bild seine besondere Bedeutung durch den lokalen Wallfahrtsbrauch und vor allem durch die mit ihm verbundene Heilungsüberlieferung.

Für die Wallfahrer stand damit weniger die kunsthistorische Bedeutung des Bildes als seine Funktion als religiöser Bezugspunkt im Vordergrund. Man kam mit konkreten Anliegen, verband den Weg mit Gebet und – im Fall der Theresia Dorn – sogar mit asketischem Verzicht und hinterließ nach erfahren geglaubter Hilfe eine Votivgabe.

Der Rindberg entspricht darin dem klassischen Muster eines kleinräumigen regionalen Wallfahrtsortes: Nicht eine überregionale kirchliche Inszenierung, sondern die Weitergabe konkreter Erhörungs- und Heilungserzählungen begründete und festigte den Ruf des Heiligtums.

Die Hangrutschung von 1999

Im Frühjahr 1999 wurde die Geschichte des Rindbergs durch eine Naturkatastrophe grundlegend verändert. Nach starken Niederschlägen und der Schneeschmelze gerieten im Mai große Teile des Berghanges in Bewegung. Häuser, Wirtschaftsgebäude, Straßen, Wiesen und Waldflächen wurden verschoben oder zerstört. Die Bewegungen dauerten über Wochen an.

Auch die Wallfahrtskapelle bewegte sich gemeinsam mit dem Untergrund. Insgesamt wurde sie etwa 180 Meter talwärts verfrachtet. Am Wochenende des 19. und 20. Juni 1999 brach das Gebäude schließlich zusammen. Aufgrund der rechtzeitigen Evakuierungen kamen bei der Katastrophe keine Menschen ums Leben.

Das Inventar der Kapelle war angesichts der fortschreitenden Gefahr zuvor geborgen worden. Dadurch ging zwar das historische Gebäude von 1883 verloren, nicht aber der religiöse Kern des Wallfahrtsortes. Das Maria-Hilf-Bild und weitere Ausstattungsstücke konnten in den späteren Neubau übernommen werden. Schon der bisherige SAGEN.at-Text hält deshalb mit Recht fest, dass die Kapelle zerstört, ihr Inventar jedoch gerettet wurde.

Diese Unterscheidung ist für die Wallfahrtsgeschichte wichtig. Eine Wallfahrtsstätte besteht nicht ausschließlich aus ihrer Architektur. Kultbild, Votivgegenstände, Erinnerungen, Erzählungen und religiöse Handlungen können den Verlust eines Gebäudes überdauern. Genau dies geschah am Rindberg.

Das Heiligtum als Opfer der Naturkatastrophe

Volkskundlich besitzt die Katastrophe eine eigentümliche Umkehrung der bisherigen Wallfahrtsgeschichte. Über Generationen hatten Menschen einen Ort aufgesucht, an dem sie sich Hilfe und Schutz in persönlicher Not erhofften; 1999 wurde nun das Heiligtum selbst hilfsbedürftig.

Die Kapelle, die mit der Erinnerung an Heilung und Dank verbunden war, konnte nicht gerettet werden. Gerettet werden konnten jedoch ihre beweglichen religiösen Zeugnisse. Dadurch entstand eine Kontinuität, die weniger an den alten Mauern als an der gemeinsamen Erinnerung und den Kultgegenständen hing.

Gerade bei kleinen lokalen Wallfahrtsorten ist diese Bindung an die Gemeinschaft von besonderer Bedeutung. Nachdem die alte Kapelle verschwunden war, wurde der Ort nicht aufgegeben. Vielmehr setzte sich die Bevölkerung für die Errichtung eines neuen Gotteshauses ein. Der Wiederaufbau kann deshalb auch als Ausdruck der fortbestehenden lokalen Bedeutung des Rindbergs verstanden werden.

Die neue Marienkapelle von 2007

2007 wurde die heutige Kapelle errichtet und geweiht. Äußerlich lehnt sie sich bewusst an den Vorgängerbau an und führt damit auch architektonisch die Erinnerung an die zerstörte Kapelle weiter.

Gleichzeitig unterscheidet sich ihre Konstruktion grundlegend vom historischen Gebäude. Weil der Rindberg geologisch weiterhin als gefährdet gilt, wurde die neue Kapelle so ausgeführt, dass sie bei erneuter akuter Rutschungsgefahr wieder entfernt werden könnte. Nach örtlichen Angaben ist eine Demontage innerhalb von etwa 48 Stunden möglich. Die Konstruktion stammt vom Sibratsgfäller Zimmermeister Albert Bereuter.

Die Kapelle besitzt damit fast den Charakter eines mobilen Heiligtums. Die religiöse Kontinuität des Ortes wird nicht dadurch gesichert, dass man die Naturgewalt ignoriert oder einen unverrückbaren Monumentalbau errichtet hätte. Vielmehr wurde gerade die Erfahrung der Katastrophe konstruktiv berücksichtigt.

Im Falle einer neuerlichen Gefährdung könnte die Kapelle dem Hang gewissermaßen ausweichen. Was zunächst wie ein technisches Kuriosum erscheint, ist zugleich ein bemerkenswertes Zeugnis dafür, wie sich Landschaftserfahrung und religiöse Tradition miteinander verbinden können.

Landschaft in Bewegung

Der Rindberg ist seit 1999 nicht mehr nur Wallfahrtsort, sondern zugleich Erinnerungslandschaft einer Naturkatastrophe. Die heutige "Georunde Rindberg" führt durch das Gelände und macht an verschiedenen Stationen sichtbar, welche gewaltigen Verschiebungen stattfanden. Wohnhäuser wurden um viele Meter versetzt, Alphütten noch weiter; die Marienkapelle legte auf dem bewegten Untergrund rund 180 Meter zurück.

Die neue Kapelle steht dadurch in einer Landschaft, deren scheinbare Dauerhaftigkeit 1999 grundlegend in Frage gestellt wurde. Gerade dies verleiht dem Ort eine zusätzliche Bedeutungsebene. Alte Wallfahrtsorte sind gewöhnlich durch die Vorstellung eines festen, ausgezeichneten Platzes geprägt: An genau diesem Ort befindet sich das Gnadenbild, die Quelle, das Grab oder der wunderbare Fundplatz. Der Rindberg zeigt dagegen, dass selbst ein über Jahrhunderte religiös besetzter Ort physisch in Bewegung geraten kann.

Umso bemerkenswerter ist, dass die Wallfahrtstradition nicht mit dem alten Bauwerk verschwand.

Wallfahrt als Weg und körperliche Leistung

Die Heilungserzählung der Theresia Dorn erinnert zudem daran, dass historische Wallfahrt wesentlich eine körperliche Handlung war. Der Weg zum Rindberg musste zurückgelegt werden, obwohl die Erkrankte nach der Überlieferung kaum mehr gehen konnte und auf Krücken angewiesen war.

Die ausdrückliche Beschränkung auf Wasser und Brot verstärkte diese körperliche Dimension. Hunger, Weganstrengung, Krankheit und Gebet wurden miteinander verbunden. Die Wallfahrt bedeutete damit nicht bloß, an einem bestimmten Ort ein Gebet zu sprechen, sondern den ganzen Weg dorthin als religiöse Handlung zu gestalten.

Gerade bei regionalen Wallfahrten konnte der beschwerliche Weg selbst Bestandteil des Gelübdes oder der Bitte sein. Im überlieferten Fall der Theresia Dorn steht deshalb nicht nur die vermeintliche Heilung am Ende, sondern bereits der Weg bildet einen wesentlichen Teil der Erzählung.

Bitte, Heilung und Dank

Die Rindberger Überlieferung folgt einer für Wallfahrtsorte charakteristischen Abfolge: Krankheit und menschliche Hilflosigkeit führen zur religiösen Zuflucht; die Wallfahrt wird unternommen und wiederholt; anschließend wird eine Besserung beziehungsweise Heilung erfahren und ein Gegenstand als Dank am Gnadenort zurückgelassen.

Die Krücke schließt diesen Ablauf sichtbar ab. Sie blieb dort, während die Geheilte nach Hause zurückkehrte. Damit wurde ein persönliches Erlebnis dauerhaft in die materielle Ausstattung des Heiligtums eingeschrieben.

Für spätere Wallfahrer konnten solche Gegenstände wiederum Vertrauen erzeugen. Wer eine Krücke in einer Kapelle sah und die dazugehörige Geschichte kannte, erhielt eine sichtbare Erzählung von einer bereits erfolgten Hilfe. Votivgaben sind deshalb nicht nur individuelle Dankeszeichen, sondern zugleich Medien kollektiver Erinnerung.

Vom örtlichen Heiligtum zum Wallfahrtsort

Die Entwicklung des Rindbergs lässt sich besonders deutlich in mehreren Stufen erkennen. 1694 bestand zunächst eine lokale Kapelle. Mit der Aufstellung des Maria-Hilf-Bildes 1873 trat die Marienverehrung stärker hervor. 1881 entstand die Heilungsüberlieferung um Theresia Dorn; 1883 folgte der Neubau der Kapelle. Bereits 1904 bezeichnete eine Ansichtskarte Rindberg ausdrücklich als "Wallfahrtsort".

Diese Entwicklung ist für kleine Wallfahrtsorte typisch. Nicht immer steht am Anfang eine spektakuläre Gründungslegende. Ein vorhandenes Heiligtum kann durch ein verehrtes Bild, eine Gebetserhörung oder eine Heilungserzählung allmählich neue Bedeutung gewinnen. Je häufiger solche Erzählungen weitererzählt werden und je mehr Menschen den Ort aufsuchen, desto stärker verfestigt sich sein Ruf.

Für Rindberg besitzen wir mit den historischen Ansichtskarten schließlich sogar eine externe Bestätigung dieses Prozesses: Der Ort war um 1900 so eindeutig als Wallfahrtsziel etabliert, dass die Bezeichnung für die öffentliche Darstellung Sibratsgfälls verwendet werden konnte.

Heutige Wallfahrt

Die Katholische Kirche Vorarlberg führt die Kapelle weiterhin ausdrücklich unter den Wallfahrtsorten des Landes. Über eine regelmäßige größere Wallfahrt mit festem jährlichem Wallfahrtstag liegen derzeit allerdings keine belastbaren veröffentlichten Angaben vor. Der heutige Status unterscheidet sich damit von großen Wallfahrtszentren wie Rankweil oder Bildstein; Rindberg ist vielmehr ein kleiner regionaler Wallfahrts- und Andachtsort mit historisch eindeutig nachgewiesener Wallfahrtstradition.

Gerade die Neubaugeschichte von 2007 zeigt, dass die religiöse Bedeutung der Kapelle nach der Katastrophe nicht aufgegeben wurde. Die Weiterverwendung des geretteten Inventars verbindet das heutige Heiligtum unmittelbar mit seinem Vorgänger.

Volkskundliche Einordnung

Die Rindbergkapelle besitzt volkskundlich mehrere ungewöhnlich gut miteinander verbundene Bedeutungsschichten. Ausgangspunkt ist ein älterer lokaler Sakralort, der durch die Maria-Hilf-Verehrung des 19. Jahrhunderts zum Marienheiligtum wurde. Eine konkrete Heilungserzählung verleiht der Wallfahrt ein individuelles Gesicht, während die Krücke der Theresia Dorn als Sachvotiv das erzählte Geschehen materiell bewahrt.

Dazu kommt der historische Nachweis der gesellschaftlichen Wahrnehmung des Ortes. Ansichtskarten nennen Rindberg schon 1904 ausdrücklich einen "Wallfahrtsort". Damit lässt sich der Wallfahrtscharakter nicht nur aus einer späteren Ortschronik oder der heutigen kirchlichen Bezeichnung erschließen, sondern durch ein zeitgenössisches Medium der Alltagskultur belegen.

Schließlich fügte die Naturkatastrophe von 1999 dem Heiligtum eine neue Erinnerungsschicht hinzu. Die Kapelle ging unter, Kultbild und Inventar wurden gerettet, der Bau wurde wiedererrichtet. Das Heiligtum überlebte gewissermaßen durch seine beweglichen Gegenstände und durch die Entscheidung der Bevölkerung, seine Tradition fortzuführen.

Die neue Kapelle trägt diese Erfahrung sogar in ihrer Konstruktion weiter. Sie besitzt keinen Anspruch auf absolute Unverrückbarkeit, sondern kann im Ernstfall dem gefährlichen Untergrund entzogen werden. Gerade darin liegt eine bemerkenswerte Verbindung von religiöser Kontinuität und menschlicher Anpassung an eine Landschaft, deren Beweglichkeit 1999 auf dramatische Weise sichtbar wurde.

Rindberg ist daher weit mehr als eine kleine Marienkapelle am Rand des Bregenzerwaldes. Der Ort verbindet historische Heilwallfahrt, Votivwesen und Maria-Hilf-Frömmigkeit mit einer außergewöhnlichen Katastrophen- und Wiederaufbaugeschichte. Die zurückgelassene Krücke, das gerettete Marienbild und die abbaubare Kapelle erzählen dabei auf ganz unterschiedliche Weise dasselbe Grundmotiv: von menschlicher Verletzlichkeit, von Hoffnung auf Hilfe und vom Versuch, nach einer erfahrenen Bedrohung weiterzumachen.

Lage: Wallfahrtskapelle Maria Hilf im Rindberg, Rindberg, 6952 Sibratsgfäll.
Lage in SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Vorarlberg
Ansicht in Street View
Web: Pfarre Hittisau
Geöffnet: jederzeit geöffnet und tagsüber für Besucher und Pilger frei zugänglich.
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Literatur zur Wallfahrt:

- Otto Lässer: "Neuaufbau der Rindbergkapelle in Sibratsgfäll", in: Bregenzerwald-Heft, Bd. 26, 2007. Der Beitrag ist im Gesamtverzeichnis des Heimatpflegevereins Bregenzerwald nachgewiesen.

- Pfarre bzw. Gemeinde Sibratsgfäll: Geschichte der Rindbergkapelle mit Angaben zur ersten Kapelle von 1694, zur Heilungsüberlieferung um Theresia Dorn sowie zum Neubau nach der Katastrophe.

- Vorarlberger Landesbibliothek, volare: historische Ansichtskarten des Rindbergs, darunter "Gruss aus Siebratsgfäll 875 m : Wallfahrtsort Rindberg", 1904, sowie "Rindberg bei Sibratsgfäll : Walfarts-Kapelle", 1913.

- Katholische Kirche Vorarlberg: "Wallfahrtsorte Vorarlberg", mit ausdrücklicher Nennung der Kapelle im Rindberg in Sibratsgfäll.

- Bregenzerwald Tourismus / Vorarlberg Tourismus: Dokumentation der Hangbewegung von 1999 und der Georunde Rindberg.

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Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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