Nenzing-Kühbruck, Wallfahrtskirche zur Rosenkranzkönigin – Maria am Weißen Bach

Die Wallfahrtskirche Kühbruck liegt abgeschieden im Gamperdonatal am Weg von Nenzing in den Nenzinger Himmel, unmittelbar an der Meng und ungefähr auf halber Strecke zwischen dem Talort und der Alpe Gamperdona. Das kleine Heiligtum ist der Rosenkranzkönigin geweiht und gehört zur Pfarre Nenzing. Kühbruck ist keine lediglich historisch als Wallfahrtsort bezeichnete Kapelle: Mehrmals im Jahr führen bis heute Wallfahrten hierher, wobei der Weg vielfach zu Fuß zurückgelegt wird. Die Wallfahrt verbindet eine ältere Überlieferung um ein bei einer Hochwasserkatastrophe wunderbar erhalten gebliebenes Marienbild mit Gelöbnissen, Dankzeichen und der Bitte um Schutz vor den Gefahren des Gebirges.

Maria am Weißen Bach

Der ältere Name des Wallfahrtsortes lautet "Maria am Weißen Bach". Dass diese Bezeichnung tatsächlich über längere Zeit gebräuchlich war, belegen historische Ansichtskarten aus dem Bestand der Vorarlberger Landesbibliothek, die Kühbruck noch im frühen 20. Jahrhundert ausdrücklich unter diesem Namen führen.

Die Geschichte der heutigen Kapelle ist eng mit den Naturgewalten des Gamperdonatales verbunden. Eine etwas weiter oberhalb gelegene Vorgängerkapelle wurde 1762 gemeinsam mit der damaligen Kühbruck durch ein Hochwasser der Meng fortgerissen. Nach der örtlichen Überlieferung blieb jedoch das Altarbild der Rosenkranzmadonna unversehrt: Es sei auf einem Stein mitten im tosenden Wasser aufgefunden worden. Die wunderbare Bewahrung des Bildes wurde als Zeichen göttlichen Schutzes verstanden; das Marienbild galt seither als Gnadenbild. Bereits kurz nach der Katastrophe entstand weiter talabwärts wieder eine Kapelle, bevor 1806 der heutige Bau errichtet wurde.

Gerade diese Überlieferung ist für das Verständnis der Wallfahrt wesentlich. Das Gnadenbild erhielt seine besondere Bedeutung nicht durch eine Marienerscheinung, sondern durch das vermeintlich wunderbare Überstehen einer konkreten Naturkatastrophe. In einem Tal, dessen Bewohner, Hirten, Holzarbeiter und Reisende Hochwasser, Muren und Lawinen unmittelbar ausgesetzt waren, wurde die Rosenkranzkönigin damit zur himmlischen Schutzmacht gegenüber den Gefahren der Landschaft. Auch die heutige Denkmalbeschreibung nennt Schutz vor Hochwasser, Muren und Lawinen ausdrücklich als ursprüngliches Anliegen der Wallfahrt.

Das Gnadenbild der Rosenkranzkönigin

Das barocke Altarbild aus der Mitte des 18. Jahrhunderts zeigt die Rosenkranzkönigin mit dem Jesuskind. Begleitet wird Maria von den Heiligen Martin und Eligius von Noyon, dem im deutschen Sprachraum häufig als St. Loy bezeichneten Patron unter anderem der Schmiede und Pferde. Das ältere Bild wurde aus dem Vorgängerbau übernommen und bildet bis heute den kultischen Mittelpunkt der Kapelle.

Der barocke Altar steht damit in bemerkenswertem Gegensatz zum schlichten Äußeren der kleinen Wallfahrtskirche. Der heutige, 1806 errichtete Rechteckbau besitzt einen eingezogenen Chor und einen kleinen Glockendachreiter; seine geringe Größe unterstreicht den Charakter Kühbrucks als abgelegenes Wallfahrtsheiligtum und nicht als reguläre Ortskirche.

Gelöbnis und Wallfahrt

Eine jährlich wiederkehrende Wallfahrt wird auf ein Gelöbnis des Jahres 1862 zurückgeführt, nachdem die Gamperdonaalpe von mehreren Unglücksfällen betroffen gewesen sein soll. Damit setzte sich die bereits durch die Hochwasserüberlieferung geprägte Vorstellung fort, in Kühbruck bei außerordentlichen Gefahren den Schutz der Gottesmutter zu suchen und ein Gelöbnis durch eine gemeinschaftliche Wallfahrt einzulösen.

Solche Gelöbniswallfahrten besitzen volkskundlich eine besondere Bedeutung. Das Gelübde stellt eine Verpflichtung dar, die in einer Situation existenzieller Bedrohung eingegangen und nach überstandener Gefahr erfüllt wird. Die Wallfahrt ist damit nicht bloß Ausdruck allgemeiner Marienfrömmigkeit, sondern Teil einer religiösen Gegenseitigkeitsvorstellung: Auf die erhoffte göttliche Hilfe folgt der versprochene Gang zum Heiligtum, oftmals über Generationen hinweg als gemeinschaftliche Verpflichtung fortgeführt.

Dass die Tradition bis in die Gegenwart reicht, zeigte unter anderem die Wallfahrt nach Abschluss der Generalsanierung der Jahre 2024 und 2025. Im Juni 2025 gingen die Pilger von Stellveder aus rosenkranzbetend durch das Gamperdonatal nach Kühbruck; die Pfarre berichtete beim anschließenden Festgottesdienst von rund 200 Wallfahrerinnen und Wallfahrern. Auch unabhängig von diesem besonderen Anlass finden nach Angaben der Denkmalpflege weiterhin mehrere offizielle Wallfahrten im Jahr statt.

Die Soldatenwallfahrt von 1914

Eine außergewöhnliche Dimension erreichte die Wallfahrt unmittelbar nach Beginn des Ersten Weltkrieges. Am 10. September 1914 versammelten sich nach der Darstellung von Thomas Gamon rund 1.250 zum Kriegsdienst eingezogene Männer aus der Region bei der Wallfahrtskirche Kühbruck. Die Wallfahrt gehörte zu jenen religiösen Veranstaltungen, die angesichts des beginnenden Krieges für Soldaten und ihre Familien organisiert wurden.

Für die Geschichte des Wallfahrtsortes ist dieses Ereignis besonders aufschlussreich. Die kleine Kapelle, die ursprünglich vor allem mit den elementaren Gefahren des Gebirges verbunden war, wurde in einer neuen historischen Bedrohungssituation wiederum zu einem Ort gemeinschaftlicher Fürbitte. Die Zahl der Teilnehmer zeigt zugleich, dass Kühbruck zu Beginn des 20. Jahrhunderts weit über den unmittelbaren Kreis der Bewohner des Gamperdonatales hinaus bekannt gewesen sein muss.

Votiv- und Dankzeichen

Im Eingangsbereich der Kapelle haben sich verschiedene Danksagungen erhalten. Sie sind unmittelbare Zeugnisse jener persönlichen Frömmigkeit, die einen Wallfahrtsort erst als solchen erkennen lässt: Menschen suchten Kühbruck mit bestimmten Anliegen auf und hinterließen nach erfahrener oder erhoffter Hilfe ein sichtbares Zeichen ihres Dankes.

Ein besonders charakteristisches Zeugnis dieser religiösen Haltung befindet sich gegenüber der Kapelle. Dort steht das sogenannte Flötzerkreuz, das nach der Überlieferung von zwei Holzarbeitern gestiftet wurde, nachdem sie beim Holzflößen nur knapp dem Tod entgangen waren. Das Kreuz gehört zwar nicht unmittelbar zum Gnadenbildkult, steht jedoch in demselben religiösen Zusammenhang von Lebensgefahr, Rettung und Dank. Gerade in der Gebirgslandschaft des Gamperdonatales, in der Hochwasser, Holzarbeit, Muren und Lawinen zum Erfahrungsraum der Bevölkerung gehörten, erhielten solche Dankzeichen eine besondere Bedeutung.

Der letzte Bär Vorarlbergs

Eine ungewöhnliche Erinnerung bewahrt das Vorzeichen der Kapelle mit einem Bild über die Erlegung des angeblich letzten frei lebenden Bären Vorarlbergs. Das Tier soll am 27. August 1783 in der Umgebung von Kühbruck geschossen worden sein. Das Bild nennt auch die beteiligten Jäger und verbindet damit ein Ereignis der regionalen Jagdgeschichte dauerhaft mit dem Sakralraum.

Mit der eigentlichen Marienwallfahrt steht das Bärenbild nicht unmittelbar in Verbindung. Volkskundlich ist seine Aufbewahrung in der Kapelle dennoch bemerkenswert, weil sich hier religiöse und lokale Erinnerungskultur überlagern: Das Wallfahrtskirchlein wurde zugleich zu einem Ort, an dem außergewöhnliche Ereignisse der Landschaft und ihrer Bewohner bewahrt und erinnert wurden.

Der Wallfahrtsweg

Bei der Wegkapelle Stellveder beginnt heute ein Bibel- und Wallfahrtsweg nach Kühbruck. Neun Stationen begleiten den Weg durch das Gamperdonatal; an ausgewählten Stellen sind Bibelverse, vor allem aus den Psalmen, angebracht. Dieser Bibelweg ist eine jüngere Gestaltung und darf nicht mit dem Ursprung der Wallfahrt gleichgesetzt werden, nimmt aber den alten Fußweg zum Heiligtum auf und führt die Tradition des bewussten, betenden Unterwegsseins fort.

Die abgeschiedene Lage ist dabei ein wesentlicher Bestandteil des Wallfahrtserlebnisses. Kühbruck liegt nicht in einer Siedlung, sondern in einer Gebirgslandschaft, in der der Weg selbst erhebliches Gewicht erhält. Die heutige Denkmalbeschreibung spricht von einem ungefähr zweistündigen Fußweg von Nenzing und weist darauf hin, dass Pilger weiterhin aus persönlichen Anliegen nach Kühbruck gehen.

Volkskundliche Bedeutung

Kühbruck vereinigt mehrere Grundformen traditioneller Wallfahrtsfrömmigkeit auf engem Raum. Am Anfang steht die Katastrophenerfahrung des Hochwassers von 1762, aus der die Erzählung von der wunderbaren Rettung des Marienbildes hervorging. Daraus entwickelte sich die Vorstellung eines besonders wirksamen Schutzortes. Spätere Unglücksfälle führten zu Gelöbnissen und regelmäßigen Wallfahrten, persönliche Gebetserhörungen hinterließen Dankzeichen, und auch das Flötzerkreuz erzählt von überstandener Lebensgefahr.

Besonders kennzeichnend ist dabei die enge Beziehung zwischen Wallfahrt und Landschaft. Kühbruck entstand nicht unabhängig von seiner Umgebung: Hochwasser, Muren, Lawinen, gefährliche Waldarbeit und die schwierige Erschließung des Gamperdonatales prägten die religiöse Deutung des Ortes. Die Wallfahrtskirche wurde zu einem geistlichen Gegenpol zur Unsicherheit einer Landschaft, deren Naturkräfte das Leben und Arbeiten der Menschen unmittelbar bestimmen konnten.

Die Soldatenwallfahrt des Jahres 1914 erweiterte diesen traditionellen Schutzgedanken schließlich auf eine völlig andere Form existenzieller Bedrohung. Kühbruck erscheint damit über mehr als zwei Jahrhunderte hinweg immer wieder als Ort, an dem individuelle und gemeinschaftliche Not religiös verarbeitet wurde. Dass weiterhin Wallfahrten zur Rosenkranzkönigin stattfinden, macht die Kapelle zu einer der lebendigen historischen Wallfahrtsstätten Vorarlbergs.

Lage: Gamperdonaweg, 6710 Nenzing.
Koordinaten: 47.146718, 9.691096
Lage in SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Vorarlberg
Ansicht in Street View (Luftbild)
Web: Pfarre Nenzing
Geöffnet: Für die Wallfahrtskapelle werden von der Pfarre keine regelmäßigen täglichen Öffnungszeiten veröffentlicht. Bei Wallfahrten und Gottesdiensten ist die Kapelle zugänglich; für eine gezielte Innenbesichtigung außerhalb solcher Termine empfiehlt sich eine vorherige Anfrage beim Pfarramt Nenzing.
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Literatur zur Wallfahrt:

- Schallert, Elmar: Kapellen und Bildstöcke in der Pfarre Nenzing. 1968.

- Bundesdenkmalamt (Hrsg.): Dehio-Handbuch. Die Kunstdenkmäler Österreichs. Vorarlberg. Wien 1983, Kühbruck.

- Gamon, Thomas: "Soldatenwallfahrt nach Kühbruck in Nenzing". In: Andreas Brugger, Werner Matt, Katrin Netter (Hrsg.): Die letzten Friedensjahre und der erste Weltkrieg. Arbeitskreis Vorarlberger Kommunalarchive, Dornbirn/Egg/Schruns 2016, ISBN 978-3-901900-52-5, S. 125 ff.

- Vorarlberger Landesbibliothek, Ansichtskartensammlung: historische Aufnahmen der Kühbruck beziehungsweise "Maria am Weißen Bach", vor 1905, vor 1911 und vor 1927.

- Pfarre Nenzing: Wallfahrtskirche zur Rosenkranzkönigin in Kühbruck; Dokumentation der Wallfahrt und der Renovierung 2024/25.

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Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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