Gaschurn, Wallfahrtskapelle Maria Schnee auf dem Bühel

Die auf einem kleinen Bühel oberhalb der Ill gelegene Kapelle Maria Schnee gehört zu den bedeutenden historischen Wallfahrtsorten des Montafons. Gestiftet wurde sie 1637 von Lukas Tschofen und seiner Ehefrau Anna Clawothin; aus dem zunächst privaten Gelübde- und Andachtsort entwickelte sich im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts eine regionale Marienwallfahrt, deren Bedeutung durch Prozessionen, Votivgaben und einen bemerkenswerten Bestand an Votivbildern dokumentiert ist. Die Diözese Feldkirch führt Maria Schnee weiterhin unter den Wallfahrtsorten Vorarlbergs.

Die Geschichte der Kapelle ist zugleich eng mit der sagenhaften Überlieferung um ihren Stifter Lukas Tschofen verbunden. Historisch fassbare Stiftungsgeschichte, spätere Schneewunderlegende und die Erzählungen vom sagenhaften Reichtum Tschofens müssen dabei sorgfältig voneinander unterschieden werden. Gerade diese Überlagerung macht Maria Schnee volkskundlich besonders interessant: Ein historischer Stifter wurde im lokalen Gedächtnis zu einer beinahe mythischen Gestalt, während sich um seine Stiftung eine eigenständige Wallfahrtskultur entwickelte.

Lukas Tschofen und die Stiftung der Kapelle

Die Kapelle wurde 1637 von Lukas Tschofen und seiner Ehefrau Anna Clawothin errichtet. Das Baujahr ist durch mehrere materielle Zeugnisse gesichert; sowohl das Kapellenglöcklein als auch das 1636 verliehene Wappen Tschofens tragen die Jahreszahl 1637. Der ursprüngliche Bau umfasste im Wesentlichen den heute schmaleren, taleinwärts gelegenen Teil mit dem eingezogenen Chor. Am 31. Dezember 1639 wurde die Kapelle durch den Churer Bischof Johann Flugi geweiht.

Die Stiftung erfolgte nach der Überlieferung aufgrund eines Gelübdes in einer schweren Notlage. Welche konkrete Gefahr diesem Gelübde zugrunde lag, lässt sich jedoch nicht mehr mit Sicherheit feststellen. Gerade hier beginnt die spätere Legendenbildung: Verschiedene Erzählungen berichten von einer schweren Krankheit Tschofens, von einer Rettung aus Lawinengefahr oder von einer anderen lebensbedrohlichen Situation. Die historische Stiftung von 1637 steht fest; die genaue dramatische Vorgeschichte gehört dagegen zu den späteren Deutungen.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass der bei der Kapelle eingerichtete Friedhof ausdrücklich auch für Pestzeiten vorgesehen war. Die Pest hatte das Montafon im frühen 17. Jahrhundert wiederholt schwer getroffen, sodass ein Zusammenhang zwischen der Stiftung und der Erfahrung beziehungsweise Furcht vor der Seuche durchaus denkbar erscheint. Ein eindeutiger Beweis dafür, dass gerade eine überstandene Pestgefahr das Gelübde ausgelöst habe, liegt jedoch nicht vor. Die Quellenlage erlaubt daher keine abschließende Entscheidung zwischen den unterschiedlichen Überlieferungen.

Die Legende vom Schnee im Sommer

Die bekannteste Gründungslegende erzählt, Lukas Tschofen sei schwer erkrankt und habe gelobt, nach seiner Genesung an jenem Ort eine Kapelle zu errichten, an dem es mitten im Sommer schneien werde. Daraufhin sei der kleine Bühel an der Ill auf wunderbare Weise von Schnee bedeckt worden, während das umliegende Tal grün geblieben sei. Tschofen habe seine Gesundheit wiedererlangt, sein Gelübde erfüllt und das neue Kirchlein "Maria Schnee" genannt.

Die Erzählung besitzt eine klassische ätiologische Funktion: Sie erklärt gleichzeitig den Standort der Kapelle und deren Namen. Der wunderbare Sommerschnee bezeichnet den Platz, den Maria selbst für ihr Heiligtum gewählt beziehungsweise bestätigt habe. Ein entsprechendes Motiv begegnet bereits in der traditionsreichen römischen Legende von Santa Maria Maggiore, deren Bauplatz ebenfalls durch einen wunderbaren Schneefall am 5. August bezeichnet worden sein soll. In Gaschurn wurde dieses überregionale Motiv auf die eigene Landschaft übertragen und mit der Person des örtlichen Stifters verbunden.

Die Legende blieb nicht auf die mündliche Erzählung beschränkt, sondern wurde auch Bestandteil der bildlichen Ausstattung der Kapelle. Dadurch verankerte sich die Geschichte dauerhaft im religiösen Gedächtnis des Ortes.

Lukas Tschofen zwischen Geschichte und Sage

Um Lukas Tschofen entwickelte sich eine wesentlich umfangreichere Sagenüberlieferung. In ihr erscheint er als weitgereister Kriegsmann und Landsknecht, der nach Jahren in der Fremde mit einem unerklärlich großen Vermögen ins Montafon zurückkehrt, ein außergewöhnlich prächtiges Haus errichtet und schließlich durch Krankheit zum Stifter von Maria Schnee wird.

Die neuere sozialgeschichtliche Forschung zeichnet dagegen ein nüchterneres Bild. Die Familie Tschofen gehörte zur wohlhabenden ländlichen Oberschicht Gaschurns; Vermögen, Besitz, Heiratsverbindungen und wirtschaftliche Tätigkeit bieten eine wesentlich plausiblere Erklärung für den sozialen Aufstieg als der in der Sage angedeutete geheimnisvolle Kriegsschatz. Gerade die Diskrepanz zwischen historischer Person und lokaler Erzählung ist jedoch volkskundlich wertvoll: Auffälliger Reichtum verlangte nach Erklärung, und die Überlieferung beantwortete diese Frage mit dem Motiv des in der Fremde zu geheimnisvollem Vermögen gelangten Kriegsmannes.

Die Überlieferung bei Anna Hensler

Eine besonders anschauliche Fassung dieser Überlieferung veröffentlichte die Vorarlberger Schriftstellerin und Heimatkundlerin Anna Hensler 1936 in dem von Andreas Ulmer herausgegebenen Band "Rund um Vorarlberger Gotteshäuser. Heimatbilder aus Geschichte, Legende, Kunst und Brauchtum". Henslers Darstellung ist keine historische Biographie Lukas Tschofens, sondern ein wichtiges Zeugnis dafür, wie seine Person und die Entstehung von Maria Schnee noch im frühen 20. Jahrhundert erzählt wurden. Anna Hensler lebte von 1878 bis 1952 und beschäftigte sich intensiv mit Vorarlberger Sagen, Legenden und volkskundlichen Überlieferungen:

"Die Kapelle wurde 1637 von Lukas Tschofen II. und seiner Ehefrau Anna Clawothin aus Dankbarkeit für eine überstandene Notlage gestiftet.

Im Innern findet man volkstümliche Barockkunst, darunter Darstellungen der Legende "Maria Schnee" und Reproduktionen des Turiner Grabtuchs am Gnadenaltar.

Das Kirchlein Maria Schnee

In Gaschurn steht auf einem kleinen runden Hügel an der Ill das hübsche Kirchlein Maria Schnee, und weiter oben an der Straße sieht man ein mächtiges, steingebautes Haus; halbverwittert, mit altmodischen Stuckverzierungen an der Tür und den Fenstern, macht es einen zerfallenen, schwermütigen Eindruck.

Der Mann, der diese Bauten vor alters aufführen ließ, - es sind wohl an die dreihundert Jahre her, - war ein Kriegsmann und hieß Lukas Tschofen. Vor wenigen Jahren noch zeigte man im Hause sein Bildnis: Er, hoch zu Rosse, mit einem Walmhut und neben ihm auf weißem Zelter sein Ehegemahl.

Er war ein Montafoner und zog als Landsknecht mit den Fähnlein durch die Welt da draußen. Unendlich reich war er, da er wiederkehrte ins Tal; Gold und Silber hatte er zusammengetan, man wußte nicht wie.

Als er anhub sein Haus zu bauen, sammelte er soviel Steine, daß beide Bündten nebenan damit angefüllt waren. Da ward er krank und groß war der Jammer: "Wenn der Tschofen stirbt, so verganten die Wiesen im Tal!" - Er aber gelobte, wenn er wiederum gesunde, ein Kirchlein zu bauen, wo es im Sommer schneie. Und siehe, es schneite auf jenem Hügel an der Ill, daß er ward ein weißer Fleck im grünen Tale, und der Tschofen genas und baute das Kirchlein und nannte es "Maria Schnee".

Die Steine aber, die er für sein Haus gesammelt, langten nicht weiter als für die Kellerwölbungen, so groß baute er. Im ganzen Lande war kein so prächtiges Haus. Mancherlei Zierat von Stuckarbeit war daran und rings um das zweite Stockwerk lief ein Säulengang.

Stuben und Gaden aber füllte der Tschofen mit kostbarem Getäfel und Schnitzwerk und teuren Schlössern an Truhen und Türen. Die Schlosserarbeit allein hatte hundert Gulden gekostet. Als jedoch nach Jahren das Haus verkauft werden mußte, wurde für den ganzen Bau nur soviel gezahlt, denn niemand im Montafon konnte mehr Geld aufwenden.

Es war über seinem Reichtum wie ein Verhängnis: Bei des Tschofen Tode hatten die Kinder das Silber in Scheffeln geteilt, aber schon die Enkel sind betteln gegangen."
Quelle: Anna Hensler, in: Rund um Vorarlberger Gotteshäuser, Heimatbilder aus Geschichte, Legende, Kunst und Brauchtum, Bregenz 1936, S. 61

Zur volkskundlichen Einordnung der Hensler-Erzählung

Henslers Text ist gerade deshalb wertvoll, weil er mehrere typische Sagenmotive miteinander verbindet. Tschofen kehrt als ehemaliger Kriegsmann unerklärlich reich aus der Fremde zurück, baut ein Haus von geradezu übermäßiger Pracht und wird schließlich von Krankheit getroffen. Das Gelübde und der wunderbare Schnee führen zur Errichtung der Kapelle, während auf den außergewöhnlichen Reichtum des Stifters ein ebenso auffälliger sozialer Niedergang seiner Nachkommen folgt.

Die abschließende Vorstellung, wonach die Kinder noch das Silber in Scheffeln teilten, die Enkel aber bereits betteln gingen, folgt einer weit verbreiteten moralischen Erzählstruktur. Übermäßiger oder rätselhaft erworbener Reichtum besitzt keinen dauerhaften Bestand. Die Sage bietet damit nicht nur eine Erklärung für die Herkunft des Vermögens und die Stiftung der Kapelle, sondern zugleich eine moralische Kommentierung sozialen Aufstiegs und wirtschaftlichen Niedergangs.

Für die historische Biographie Tschofens sind diese Motive nicht als Tatsachenbericht zu verwenden. Für die Erforschung des lokalen Gedächtnisses sind sie dagegen von erheblichem Wert, denn sie zeigen, wie aus einem wirtschaftlich erfolgreichen Angehörigen der Gaschurner Oberschicht über Generationen eine sagenhafte Figur entstehen konnte.

Erweiterung der Kapelle

Der ursprüngliche Bau erwies sich schon wenige Jahrzehnte nach seiner Errichtung als zu klein. Im Jahr 1676 ließ ein gleichnamiger Sohn des Stifters ein breiteres und höheres Schiff anbauen. Eine weitere Vergrößerung erfolgte 1856. Die verschiedenen Mitglieder der Familie Tschofen werden in älteren Darstellungen nicht immer einheitlich nummeriert, weshalb es sinnvoller ist, bei der Erweiterung von 1676 vom "gleichnamigen Sohn des Stifters" zu sprechen.

Dass eine erst 1637 errichtete Kapelle bereits wenige Jahrzehnte später erweitert werden musste, fügt sich gut in die wachsende Bedeutung des Ortes. Maria Schnee entwickelte sich im Barock zu einer regionalen Wallfahrtsstätte, die nicht nur von einzelnen Betern, sondern auch im Rahmen von Prozessionen aufgesucht wurde. Die neuere Montafoner Darstellung bezeichnet die Kapelle ausdrücklich als lokale Wallfahrtsstätte.

Das historische Gnadenbild Maria Hilf

Ein für die Beurteilung der Wallfahrt besonders wichtiger Punkt ist die Unterscheidung zwischen dem Namen der Kapelle und ihrem eigentlichen historischen Gnadenbild. Der Kult richtete sich nicht ausschließlich auf eine bildliche Darstellung des Schneewunders. Als Wallfahrtsgnadenbild diente vielmehr ein Maria-Hilf-Bild, das heute an der rechten Langhauswand angebracht ist. Seine frühere Funktion als Gnadenbild lässt sich unter anderem anhand der historischen Votivbilder erschließen.

Damit überlagerten sich in Maria Schnee zwei unterschiedliche marianische Traditionen. Der Name der Kapelle und die lokale Gründungslegende bezogen sich auf Maria Schnee und den wunderbaren Sommerschnee; das konkrete Gnadenbild, vor dem Wallfahrer ihre Anliegen vortrugen und dem sie ihre Votive zuordneten, gehörte dagegen zum weit verbreiteten Typus Maria Hilf.

Eine solche Überlagerung ist für historische Wallfahrtsorte keineswegs ungewöhnlich. Patrozinium, Gründungslegende und tatsächlich verehrtes Kultbild müssen nicht zwingend dieselbe ikonographische Tradition repräsentieren. Gerade deshalb ist die genaue Unterscheidung für Maria Schnee wesentlich.

Die Votivbilder

Zu den stärksten Belegen für die Wallfahrt gehören die historischen Votivbilder. Der Bestand war volkskundlich so bedeutend, dass Andreas Rudigier ihm eine eigene umfangreiche Untersuchung widmete. Die Bilder befinden sich heute nicht mehr in der Kapelle, stellen jedoch eine zentrale Quelle zur religiösen Praxis des Wallfahrtsortes dar. Rudigiers Studie "Die Votivbilder aus der Kapelle von Maria Schnee" erschien in den Bludenzer Geschichtsblättern und umfasst die Seiten 151 bis 181.

Votivbilder entstanden gewöhnlich aufgrund eines Gelübdes oder als Dank für erfahrene Hilfe. Sie machten persönliche Notsituationen öffentlich sichtbar und dokumentierten zugleich, dass die erbetene Hilfe der Fürsprache Mariens zugeschrieben wurde. Für nachfolgende Wallfahrer besaßen solche Bilder deshalb eine doppelte Funktion: Sie waren individuelle Dankzeichen und zugleich sichtbare Zeugnisse für die angenommene Wirksamkeit des Heiligtums.

Besonders aufschlussreich ist, dass Darstellungen des historischen Maria-Hilf-Bildes auf diesen Votiven seine Stellung als eigentliches Gnadenbild belegen. Die Votivbilder helfen dadurch nicht nur bei der Rekonstruktion der Frömmigkeitspraxis, sondern auch bei der Bestimmung des Kultgegenstandes selbst.

Maria Schnee als regionale Wallfahrt

Die Bedeutung der Kapelle ging über eine bloße örtliche Privatandacht hinaus. Maria Schnee gehörte zu den regional bedeutenden Wallfahrtsstätten des Montafons und stand in einem religiösen Netzwerk mit anderen Gnadenorten des Tales. Wallfahrten und Prozessionen verbanden solche Heiligtümer mit den Pfarren und Siedlungen der Umgebung.

Die Wallfahrt nach Maria Schnee war damit Teil jener dichten katholischen Sakrallandschaft, in der größere Pfarrkirchen, kleine Kapellen, Gnadenbilder, Bruderschaften und Prozessionswege miteinander verbunden waren. Gerade für das Montafon ist dieser Zusammenhang volkskundlich besonders wichtig, weil die religiöse Topographie nicht allein von einzelnen herausragenden Großwallfahrten bestimmt wurde, sondern von mehreren regionalen Kultorten, die für konkrete Anliegen der Bevölkerung erreichbar waren.

Die Rosenkranzbruderschaft und das Totengedenken

Schon die Stiftungsgeschichte zeigt, dass die Kapelle nicht ausschließlich auf Wallfahrer ausgerichtet war. Lukas Tschofen verpflichtete sich zum Unterhalt des Gotteshauses und stiftete ein Kapital, aus dessen Erträgen regelmäßig Gottesdienste gefeiert werden sollten. Das Kapellenglöcklein wurde außerdem in das Totengedenken eingebunden und zu bestimmten Zeiten für die Verstorbenen geläutet; auch die Rosenkranzbruderschaft bezog die Kapelle in ihre religiösen Umgänge ein.

Maria Schnee war damit zugleich Wallfahrtsort, Familien- und Gedächtnisstiftung und Bestandteil des religiösen Jahreslaufes der Gaschurner Bevölkerung. Diese verschiedenen Funktionen standen nicht nebeneinander, sondern ergänzten sich. Die Stiftung für Verstorbene, das Rosenkranzgebet und die Wallfahrt zur Gottesmutter verbanden individuelle Familienmemoria mit gemeinschaftlicher Frömmigkeit.

Ausstattung und Kunst

Die Ausstattung der Kapelle ist durch mehrere Bau- und Frömmigkeitsepochen geprägt. Neben dem ehemaligen Maria-Hilf-Gnadenbild gehören volkstümliche barocke und rokokozeitliche Malereien zum Bestand. Die Maria-Schnee-Legende wurde bildlich dargestellt und damit dauerhaft in den Sakralraum eingeschrieben.

Zu den außergewöhnlichen Ausstattungsstücken gehört außerdem eine historische Darstellung des Turiner Grabtuches. Sie sollte nicht mit dem eigentlichen Mariengnadenbild gleichgesetzt werden, sondern gehört in einen eigenen Passions- und Andachtszusammenhang.

Auch die Figuren des hl. Lukas und der hl. Anna am Chorbogen wurden lange unmittelbar als Namenspatrone des Stifterpaares Lukas Tschofen und Anna Clawothin verstanden. Andreas Rudigier hat jedoch gezeigt, dass diese scheinbar naheliegende Deutung komplizierter ist; die Figuren gehören einer späteren Ausstattungsphase an und sind deshalb nicht ohne weiteres als ursprüngliche "Stifterpatrone" anzusprechen. Seine Untersuchung über die "vermeintlichen Stifterpatrone von Maria Schnee" verdeutlicht, wie vorsichtig auch scheinbar eindeutige Bildprogramme historisch interpretiert werden müssen.

Rückgang der älteren Wallfahrt

Die traditionelle Wallfahrtsbedeutung von Maria Schnee ging im Laufe des 20. Jahrhunderts zurück. Der Ort blieb jedoch religiös genutzt und wird von der Diözese weiterhin unter den Wallfahrtsorten Vorarlbergs geführt. Die Kapelle dient heute daneben für Andachten sowie für Taufen und Hochzeiten; die ältere Form der regionalen Wallfahrt mit ihrem Votivwesen besitzt jedoch nicht mehr die einstige Intensität.

Damit gehört Maria Schnee zu jenen historischen Wallfahrtsorten, deren kultische Bedeutung nicht vollständig erloschen ist, deren ältere Wallfahrtskultur aber wesentlich stärker war als die heutige Praxis. Das erhaltene Gnadenbild, die Kapelle, die Gründungslegende und die dokumentierten Votivbilder bewahren dennoch die Erinnerung an diese frühere Bedeutung.

Volkskundliche Bedeutung

Maria Schnee ist für die Volkskunde in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlich ergiebig. Am Anfang steht ein historisch fassbares Gelübde eines wohlhabenden Gaschurner Ehepaares, dessen konkrete Notlage jedoch nicht mehr eindeutig bestimmt werden kann. Um diese offene Stelle der Geschichte bildeten sich unterschiedliche Legenden, von denen die Erzählung des wunderbaren Sommerschnees die bekannteste wurde. Sie erklärt den Namen und den Standort der Kapelle und verbindet einen überregional bekannten Maria-Schnee-Mythos mit einer konkreten Montafoner Landschaft.

Daneben entwickelte sich Lukas Tschofen selbst zur Sagengestalt. Sein Wohlstand, sein außergewöhnliches Haus und die Stiftung der Kapelle wurden im lokalen Gedächtnis miteinander verbunden und durch Geschichten vom Kriegsmann, geheimnisvollen Reichtum und späteren Niedergang der Familie erklärt. Die 1936 von Anna Hensler aufgezeichnete Fassung ist dafür ein wichtiges Überlieferungszeugnis und sollte gerade deshalb nicht als historische Quelle korrigiert oder aus dem Beitrag entfernt, sondern als Sage klar von der belegbaren Geschichte getrennt werden.

Eine weitere Schicht bildet die eigentliche Wallfahrtspraxis. Das Maria-Hilf-Bild fungierte als Gnadenbild, und Votivbilder dokumentierten persönliche Notlagen, Gelübde und Dank. Rosenkranzbruderschaft, Totengedenken und gestiftete Gottesdienste banden die Kapelle zugleich eng in die religiöse Lebenswelt der örtlichen Bevölkerung ein.

Maria Schnee zeigt damit in ungewöhnlicher Dichte, wie historische Stiftung, persönliche Memoria, lokale Sage, überregionaler Marienkult und konkrete Wallfahrtspraxis ineinandergreifen konnten. Gerade die Möglichkeit, diese verschiedenen Ebenen heute durch Schriftquellen, Kunstwerke, Votivbilder und mündliche Überlieferung voneinander zu unterscheiden, macht die Kapelle zu einem besonders aufschlussreichen Wallfahrtsort des Montafons.

Lage: Lukas Tschofen Weg 523, 6793 Gaschurn.
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Literatur zur Wallfahrt:

- Honold, Konrad: "350 Jahre Kapelle Maria Schnee in Gaschurn". In: Montfort, 40. Jahrgang, 1988, S. 222–239.

- Honold, Konrad: Kapelle Maria Schnee. Gaschurn/Montafon. Schnell Kunstführer Nr. 1882. München/Zürich 1991.

- Rudigier, Andreas; Tschaikner, Manfred (Hrsg.): Lukas Tschofen und Gaschurn. Bludenzer Geschichtsblätter, Hefte 14/15, 1993.

- Rudigier, Andreas: "Die vermeintlichen Stifterpatrone von Maria Schnee – Studien zur Barockplastik". In: Bludenzer Geschichtsblätter 14/15, 1993, S. 131–149.

- Rudigier, Andreas: "Die Votivbilder aus der Kapelle von Maria Schnee". In: Bludenzer Geschichtsblätter 14/15, 1993, S. 151–181.

- Beitl, Klaus: Die Votivbilder der Montafoner Gnadenstätten. Volkskundliche Inventarisierung und Interpretation des Gegenwartsbestandes.

- Hensler, Anna: "Lukas Tschofen". In: Andreas Ulmer (Hrsg.): Rund um Vorarlberger Gotteshäuser. Heimatbilder aus Geschichte, Legende, Kunst und Brauchtum. Bregenz 1936, S. 61.

- Bundesdenkmalamt (Hrsg.): Dehio-Handbuch. Die Kunstdenkmäler Österreichs. Vorarlberg. Wien.

- Pfarrverband Innermontafon: Dokumentationen zur Kapelle Maria Schnee und ihrer Stiftungsgeschichte.

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Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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