| Wallfahrt: | Marienwallfahrt zu "Maria vom Blut" in der spätgotischen Pfarrkirche St. Nikolaus. |
| Status: | Kirchlich überlieferter Wallfahrtsort; die historische Wallfahrt dürfte vor allem regionalen Charakter besessen haben. |
| Kultzentrum: | Gnadenbild "Maria vom Blut", eine Kopie des in Bergatreute verehrten Kultbildes. |
| Ort: | Damüls |
| Bezirk: | Bregenz |
| Bundesland: | Vorarlberg |
| • | Lage: Kirchdorf 133, 6884 Damüls. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Vorarlberg |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Web: Pfarre Damüls |
| • | Öffnungszeiten: täglich von 07:00 Uhr bis 18:00 Uhr frei zugänglich. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
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Die spätgotische Pfarrkirche St. Nikolaus in Damüls gehört zu den bemerkenswerten historischen Sakralbauten des Bregenzerwaldes und ist zugleich ein Marienwallfahrtsort. Der Wallfahrtskult richtet sich dabei nicht auf den Kirchenpatron, sondern auf das Gnadenbild "Maria vom Blut", eine Kopie des in Bergatreute in Oberschwaben verehrten Gnadenbildes.
Damüls ist damit ein besonders anschauliches Beispiel für die weiträumige Verbreitung frühneuzeitlicher Gnadenbildkulte. Die religiöse Tradition entstand nicht aus einem lokalen Marienwunder, sondern durch die Übertragung eines bereits an anderen Orten verehrten Bildtypus in eine abgelegene Walsergemeinde Vorarlbergs.
Damüls gehört zu den historischen Walserorten Vorarlbergs. Die Besiedlung durch Walser ist seit dem frühen 14. Jahrhundert urkundlich fassbar. Die hoch gelegene Siedlung entwickelte eine eigene rechtliche und kirchliche Organisation, wobei eine Kirche bereits 1392 erwähnt wird.
Der heutige spätgotische Kirchenbau entstand ab 1484 unter dem Baumeister und Steinmetz Rolle Maiger von Röthis. Im Jahr 1495 wurde die Kirche geweiht.
Damit bestand das Gotteshaus bereits seit mehreren Jahrhunderten, bevor der Kult um Maria vom Blut nach Damüls gelangte. Die Kirche wurde also nicht ursprünglich als Wallfahrtskirche errichtet; vielmehr wurde ein bestehender Pfarr- und Sakralraum später um einen neuen marianischen Kult erweitert.
Zwischen dem ausgehenden 17. und dem frühen 18. Jahrhundert wurde die Kirche barockisiert und erhielt weitere Ausstattungsstücke, ohne dass die spätgotische Grundsubstanz verloren ging.
Das Damülser Wallfahrtsbild trägt die Bezeichnung "Maria vom Blut".
Der Ursprung dieses ungewöhnlichen Gnadenbildtypus liegt nicht in Vorarlberg, sondern im piemontesischen Ort Re im Val Vigezzo im heutigen Norditalien.
Dort befand sich an einer Kirche ein Marienbild, das Maria mit dem Jesuskind darstellte. Nach der Wallfahrtsüberlieferung wurde das Bild im Jahr 1494 durch einen Steinwurf an der Stirn getroffen. Aus der Verletzung soll daraufhin Blut ausgetreten sein.
Das Ereignis wurde zum Ausgangspunkt einer bedeutenden Wallfahrt zur Madonna del Sangue, der "Madonna vom Blut".
Die besondere Verehrung richtete sich damit nicht auf eine Darstellung der Schmerzhaften Mutter oder eine Pietà, sondern auf ein Marienbild mit dem Jesuskind, dessen Stirn durch die wundersame Blutung gekennzeichnet war.
Der Kult blieb nicht auf das piemontesische Heiligtum beschränkt. Kopien des Bildes wurden in andere Regionen Europas gebracht und konnten dort selbst zum Ausgangspunkt neuer Wallfahrten werden.
Eine dieser Nachbildungen gelangte nach Klattau, dem heutigen Klatovy in Böhmen.
Dort soll sich am 8. Juli 1685 ein weiteres Blutwunder ereignet haben. Nach der Überlieferung erschienen auf der Kopie Blutstropfen, wodurch auch dieses Bild zu einem eigenständigen Gnadenbild wurde.
Das Ereignis wurde untersucht und zog zahlreiche Gläubige an. Pilger sollen Tücher oder Papier mit dem verehrten Bild in Berührung gebracht haben, um einen materiellen Anteil an dessen Gnadenwirkung mitnehmen zu können.
Daraus entstand eine weitere Wallfahrt, die wiederum zur Verbreitung neuer Kopien beitrug.
Eine entscheidende Rolle für die weitere Übertragung des Kultes spielte Bergatreute in Oberschwaben.
Der damalige Klattauer Bürgermeister Johann Jakob Teplitz war mit dem Bergatreuter Pfarrer Johann Michael Mietinger verschwägert. Über diese persönliche Verbindung gelangte 1686 eine Kopie des Klattauer Gnadenbildes nach Bergatreute.
Das Bild war nach der dortigen Überlieferung am Klattauer Gnadenbild berührt worden und erhielt dadurch eine besondere sakrale Bedeutung.
Bereits wenige Jahre später entwickelte sich auch in Bergatreute eine intensive Marienwallfahrt. Mirakelbücher dokumentieren Heilungen und Gebetserhörungen; Pilger kamen aus einem weiten Einzugsgebiet, und die bestehende Kirche wurde für den zunehmenden Wallfahrtsbetrieb schließlich zu klein.
Von Bergatreute aus verbreitete sich der Kult erneut weiter.
Eine Kopie des Bergatreuter Gnadenbildes gelangte schließlich auch nach Damüls und wurde dort zum Mittelpunkt einer eigenen Marienverehrung.
Damit lässt sich eine außergewöhnlich weiträumige Kultübertragung nachvollziehen:
Von Re im Piemont nach Klattau in Böhmen über Bergatreute in Oberschwaben nach Damüls in Vorarlberg.
Wann genau die Damülser Kopie in die Pfarrkirche kam, lässt sich nach den bislang bekannten Quellen nicht sicher bestimmen.
Da das Bergatreuter Gnadenbild erst 1686 dorthin gelangte, muss die Damülser Nachbildung jünger sein. Eine Entstehung beziehungsweise Übertragung im späten 17. oder frühen 18. Jahrhundert erscheint aufgrund der zeitgleichen Barockisierung der Kirche zwar möglich, kann jedoch derzeit nicht als gesichert gelten.
Ebenso lässt sich nicht nachweisen, dass die Damülser Kopie unmittelbar am Bergatreuter Gnadenbild berührt wurde. Diese für manche Gnadenbildkopien wichtige Form der Kultübertragung ist für Bergatreute im Verhältnis zu Klattau dokumentiert, für Damüls jedoch bislang nicht belegt.
Die Geschichte von Maria vom Blut ist volkskundlich besonders aufschlussreich, weil sie zeigt, dass ein Gnadenbild in der traditionellen Wallfahrtsfrömmigkeit nicht an ein einziges Original gebunden sein musste.
Aus moderner kunsthistorischer Sicht unterscheidet man eindeutig zwischen Original und Kopie. Innerhalb religiöser Kultpraxis konnte eine Kopie jedoch selbst zum Träger sakraler Bedeutung werden.
Besonders wichtig war dabei die Vorstellung, dass die Wirksamkeit eines Gnadenbildes durch Berührung übertragen werden könne. Eine Kopie, die das ursprüngliche Kultbild berührt hatte, konnte dadurch gleichsam Anteil an dessen heiliger Kraft erhalten.
Auch ohne eine nachweisbare Berührung konnte eine genaue Nachbildung die Erinnerung an das ursprüngliche Heiligtum und dessen Wundertätigkeit an einen neuen Ort übertragen.
Damit entstanden in ganz Europa Tochterwallfahrten und lokale Gnadenbildkulte, die auf entfernte Mutterheiligtümer verwiesen und deren religiöse Bedeutung in neue Landschaften übertrugen.
Damüls gehört in diesen größeren Zusammenhang.
Der Wallfahrtsstatus von Damüls ist kirchlich überliefert. Über den konkreten Umfang der historischen Wallfahrt liegen jedoch bislang nur begrenzte Nachrichten vor.
Anders als für Bergatreute sind aus Damüls keine umfangreichen Mirakelbücher, große historische Votivsammlungen oder über längere Zeit dokumentierte Pilgerströme bekannt.
Es wäre deshalb verfehlt, aus der Bezeichnung als Wallfahrtskirche auf eine große überregionale Pilgerbewegung zu schließen.
Wahrscheinlicher ist eine kleinere regionale Wallfahrt beziehungsweise Gnadenbildverehrung, bei der Gläubige aus Damüls und der weiteren Umgebung die Pfarrkirche aufsuchten und sich der Fürsprache Mariens anvertrauten.
Gerade solche kleineren Kultorte waren für die religiöse Landschaft jedoch von großer Bedeutung. Sie machten die Gnadenwirkung berühmter Wallfahrtsorte auch für Menschen zugänglich, die keine weiten Reisen unternehmen konnten.
Die Verbreitung von Maria vom Blut zeigt die erstaunliche Mobilität religiöser Bilder und Vorstellungen in der frühen Neuzeit.
Der Kult wanderte über große Entfernungen und durch mehrere Sprach- und Kulturräume: aus einem piemontesischen Alpental nach Böhmen, von dort nach Oberschwaben und schließlich in eine Walsergemeinde Vorarlbergs.
Solche Übertragungen waren Teil eines weitreichenden religiösen Kommunikationsnetzes. Geistliche, Pilger, Händler, Handwerker und andere Reisende brachten Bilder, Andachtsdrucke, Reliquien und Erzählungen von einem Ort zum anderen.
Dadurch konnten weit entfernte Wallfahrtszentren in lokale Sakrallandschaften hineinwirken.
Die Damülser Maria vom Blut ist daher nicht nur ein einzelnes Gnadenbild, sondern ein materielles Zeugnis eines grenzüberschreitenden katholischen Kulturtransfers.
Unabhängig von der späteren Wallfahrt besitzt die Pfarrkirche St. Nikolaus einen außergewöhnlich bedeutenden Bestand spätgotischer Wandmalereien.
Die um 1490 bis 1500 entstandenen Fresken wurden im 20. Jahrhundert wieder freigelegt.
An der Nordwand befindet sich ein umfangreicher Passionszyklus; weitere Darstellungen zeigen das Jüngste Gericht und verschiedene Heilige.
Besonders bemerkenswert sind die bildlichen Darstellungen der leiblichen Werke der Barmherzigkeit.
Hungrige speisen, Durstige tränken, Fremde beherbergen, Nackte bekleiden, Kranke besuchen, Gefangene trösten und Tote bestatten wurden der spätmittelalterlichen Gemeinde als konkrete religiöse Pflichten vor Augen gestellt.
Die Wandmalereien dienten damit nicht lediglich der Ausschmückung des Kirchenraumes. Sie vermittelten religiöses Wissen und verbanden biblische Heilsgeschichte mit konkreten Anforderungen an das alltägliche Verhalten.
Gerade in einer abgelegenen Walsergemeinde bildete die Kirche damit einen zentralen Ort religiöser Unterweisung.
Eine weitere Schicht der religiösen Ausstattung bildet ein Pestaltar aus der Zeit um 1630, der mit dem Bildhauer Erasmus Kern verbunden wird.
Im Mittelpunkt steht der hl. Sebastian; daneben erscheinen unter anderem Theodul, Jodok und Rochus.
Diese Heiligen gehörten zu den wichtigen Fürsprechern gegen Krankheit, Seuchen und andere Bedrohungen. Besonders Rochus und Sebastian wurden in Zeiten epidemischer Krankheiten angerufen.
Der hl. Theodul besaß darüber hinaus im alpinen und insbesondere im Walserraum eine besondere Bedeutung. Auch eine spätgotische Theodulfigur aus der Zeit um 1470 gehört zum historischen Bestand der Kirche.
Damit wird sichtbar, dass die später hinzugekommene Verehrung von Maria vom Blut auf einen Kirchenraum traf, der bereits von einem dichten System religiöser Schutzvorstellungen geprägt war.
In Damüls überlagern sich mehrere Frömmigkeitsschichten. Der hl. Nikolaus ist der traditionelle Kirchenpatron. Die spätgotischen Fresken spiegeln die religiöse Vorstellungswelt der Walsergemeinde um 1500.
Theodul gehört zur regionalen alpinen Heiligenverehrung. Sebastian und Rochus erinnern an die religiöse Bewältigung von Seuchen. Und schließlich trat mit Maria vom Blut ein international verbreiteter barocker Gnadenbildkult hinzu.
Die Kirche ist deshalb ein besonders anschauliches Beispiel dafür, wie sich ein Sakralraum über Jahrhunderte immer wieder neuen religiösen Bedürfnissen öffnete, ohne ältere Kultformen vollständig zu verdrängen.
Zu den ältesten erhaltenen Ausstattungsstücken gehört eine Glocke aus dem Jahr 1459.
Sie ist damit älter als der heutige spätgotische Kirchenbau und verweist auf die bereits zuvor bestehende kirchliche Tradition in Damüls.
Glocken gehörten über Jahrhunderte zu den wichtigsten akustischen Zeichen einer Dorfgemeinschaft. Sie riefen zum Gottesdienst, begleiteten Tod und Begräbnis, warnten vor Gefahren und strukturierten den Tagesablauf.
Die Damülser Glocke verbindet damit die heutige Kirche materiell noch mit der mittelalterlichen Vorgängeranlage.
Die Wallfahrt zu Maria vom Blut in Damüls ist volkskundlich weniger durch eine eigenständige lokale Mirakelgeschichte als durch die Wanderung eines Kultbildes und seiner Bedeutung bemerkenswert.
Der Ausgangspunkt lag in Re im Piemont. Dort führte die Überlieferung eines blutenden Marienbildes zur Entstehung einer Wallfahrt. Eine Kopie wurde in Klattau selbst zum Gegenstand eines weiteren Blutwunders; von dort gelangte eine wiederum verehrte Nachbildung nach Bergatreute und schließlich eine weitere Kopie nach Damüls.
An jeder Station konnte sich ein neuer lokaler Kult entwickeln.
Das Beispiel zeigt, dass religiöse Wirksamkeit in der frühneuzeitlichen Wallfahrtskultur nicht ausschließlich an einen einzigen geographischen Ort gebunden gedacht wurde. Sie konnte durch Bilder, Kopien, Berührungen und Erzählungen übertragen werden.
Damüls bildet das alpine Ende einer außergewöhnlich weiten Kultkette.
Dabei traf die neue Marienverehrung auf eine bereits jahrhundertealte Walserkirche mit spätgotischer Heiligenfrömmigkeit, Pestheiligen und regionalen Schutzpatronen.
Die Pfarrkirche St. Nikolaus ist deshalb zugleich Walserkirche, spätgotischer Bilderraum und Wallfahrtsort eines europäischen Gnadenbildkultes.
• Literatur zur Wallfahrt:
- Bundesdenkmalamt (Hrsg.): Dehio-Handbuch. Die Kunstdenkmäler Österreichs. Vorarlberg. Verlag Anton Schroll, Wien 1983, Damüls, Pfarrkirche hl. Nikolaus, S. 126–128.
- Bischof, Bruno: Damüls im Bregenzerwald. Pfarrkirche St. Nikolaus. Kunstverlag Josef Fink, 4. Auflage, Lindenberg 2020.
- Hepp, Alexander: Maria vom Blut. Ein verletztes Gnadenbild aus Italien verbreitet sich in Mitteleuropa. Ursprung, Geschichte und Wunder der Wallfahrt im oberschwäbischen Bergatreute. Fe-Medienverlag.
- Pfarr- und Wallfahrtskirche Bergatreute: Dokumentationen zur Geschichte des Gnadenbildes Maria vom Blut und zur Kultübertragung von Re über Klattau nach Bergatreute.
- Diözese Feldkirch: Verzeichnis und Dokumentation der Wallfahrtsorte Vorarlbergs.
- Gemeinde Damüls und örtliche kirchengeschichtliche Dokumentationen zur Pfarrkirche St. Nikolaus und ihrer Ausstattung.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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