Buchboden, Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Geburt – Wallfahrt zur Schmerzhaften Mutter

Die Pfarrkirche Mariä Geburt in Buchboden, einem Ortsteil der Gemeinde Sonntag im Großen Walsertal, ist zugleich ein historischer Marienwallfahrtsort. Die ältere Wallfahrt galt der Schmerzhaften Mutter und einem heute nicht mehr erhaltenen Gnadenbild, das in der Überlieferung als "Mariahilfbild von Buchboden" beziehungsweise als "Maria der Schmerzen" bezeichnet wird.

Eine früher gelegentlich vorgenommene Gleichsetzung dieses Kultbildes mit einer spätgotischen Pietà lässt sich nach dem derzeitigen Quellenstand nicht aufrechterhalten. Das ursprüngliche Wallfahrtsbild ist vielmehr verschollen; möglicherweise wurde es beim Kirchenbrand von 1726 zerstört. Auch die genaue Ikonographie des Bildes lässt sich deshalb heute nicht mehr sicher bestimmen.

Die Geschichte Buchbodens zeigt besonders anschaulich, wie sich ein Wallfahrtsort im Laufe der Jahrhunderte verändern kann. Aus einer frühen Marienverehrung entwickelte sich im 17. Jahrhundert eine Wallfahrt von solcher Bedeutung, dass wegen der wachsenden Zahl der Pilger eine größere Kirche errichtet wurde. Nach Brand und möglichem Verlust des ursprünglichen Gnadenbildes erhielt die Kirche im 18. Jahrhundert mit dem Patrozinium Mariä Geburt eine neue marianische Ausrichtung, während die Erinnerung an die ältere Wallfahrt zur Schmerzhaften Mutter erhalten blieb.

Buchboden und Bad Rothenbrunnen

Die Entstehung Buchbodens steht in engem räumlichem und historischem Zusammenhang mit dem nahe gelegenen Bad Rothenbrunnen.

Im 17. Jahrhundert gewann das Heilbad wegen seiner eisenhaltigen Quelle zunehmend Bedeutung. Das Wasser hinterlässt aufgrund seiner mineralischen Bestandteile charakteristische rötliche Ablagerungen, denen der Ort seinen Namen verdankt.

Bereits 1638 ist im Bereich Buchboden eine Kapelle nachweisbar. Ihre Entstehung wird in der örtlichen Überlieferung auch mit den Badegästen von Rothenbrunnen in Verbindung gebracht.

Bad und Wallfahrtskirche müssen dennoch als zwei voneinander zu unterscheidende Kultorte betrachtet werden. Rothenbrunnen besitzt eine eigene Quellen- und Kapellentradition, während sich in Buchboden eine eigenständige Marienwallfahrt entwickelte.

Gerade die räumliche Nähe ist jedoch volkskundlich bemerkenswert: körperliche Heilung durch das Wasser des Bades und religiöse Heilserwartung im Marienheiligtum lagen hier unmittelbar nebeneinander und prägten gemeinsam die Sakrallandschaft des hinteren Großen Walsertales.

Entstehung der Wallfahrt

Die frühe Marienverehrung in Buchboden entwickelte sich im Laufe des 17. Jahrhunderts zu einer Wallfahrt, die zunehmend Pilger aus der weiteren Umgebung anzog.

Der Zustrom wurde schließlich so groß, dass die vorhandene Kapelle nicht mehr genügte. Im Jahr 1687 errichteten die Bewohner eine größere Wallfahrtskirche.

Damit liegt für Buchboden ein ungewöhnlich eindeutiger Hinweis auf die Bedeutung der historischen Wallfahrt vor: Der Neubau erfolgte ausdrücklich vor dem Hintergrund einer bereits bestehenden und anwachsenden Pilgerbewegung.

Der Kirchenbau von 1687 besaß einen Grundriss in Form eines griechischen Kreuzes. Der Zentralbau war damit für gemeinschaftliche Gottesdienste und eine größere Zahl von Wallfahrern wesentlich besser geeignet als die ältere Kapelle.

Das verlorene Gnadenbild

Im Mittelpunkt der älteren Wallfahrt stand ein heute nicht mehr erhaltenes Marienbild.

In der Überlieferung begegnet es sowohl als "Mariahilfbild von Buchboden" als auch als "Maria der Schmerzen". Diese beiden Bezeichnungen dürfen nicht ohne weiteres als genaue kunsthistorische Beschreibung verstanden werden.

Ein klassisches Mariahilfbild und eine Darstellung der Schmerzhaften Mutter gehören normalerweise unterschiedlichen ikonographischen Traditionen an. Da das Buchbodener Kultbild nicht erhalten geblieben ist, lässt sich heute nicht mehr feststellen, welcher Bildtyp tatsächlich vorlag.

Insbesondere besteht kein ausreichender Beleg dafür, das historische Gnadenbild mit einer Pietà aus dem 15. Jahrhundert gleichzusetzen.

Der heutige Verbleib des Bildes ist unbekannt. Eine mögliche Erklärung ist, dass es beim schweren Kirchenbrand von 1726 vernichtet wurde.

Für die Geschichte der Wallfahrt bedeutet der Verlust des Kultbildes einen tiefen Einschnitt. Ein Wallfahrtsbild war nicht bloß Bestandteil der Kirchenausstattung, sondern der materielle Mittelpunkt der Verehrung. Vor ihm wurden Bitten ausgesprochen, Gelübde abgelegt und Dankgebete verrichtet. Sein Verlust konnte daher die Identität eines Wallfahrtsortes wesentlich verändern.

Der Kirchenbrand von 1726

Im Jahr 1726 wurde die Kirche durch einen Brand schwer zerstört.

Der anschließend errichtete Neubau übernahm wiederum die charakteristische Form eines barocken Zentralbaues mit kreuzförmiger Anlage. Dieser Bau prägt die Kirche in ihren wesentlichen Grundzügen bis heute.

Ob das alte Wallfahrtsbild bereits vor dem Brand an einen anderen Ort gebracht worden war oder tatsächlich im Feuer verloren ging, lässt sich nicht sicher feststellen. Die Vermutung einer Zerstörung im Jahr 1726 bleibt daher eine plausible, aber nicht abschließend bewiesene Erklärung.

Die Wallfahrt selbst endete mit dem Brand jedoch nicht.

Mariä Geburt und die Neuorientierung der Wallfahrt

Im Jahr 1774 erhielt die Kirche durch den Bischof von Chur das Patrozinium Mariä Geburt.

Damit trat neben beziehungsweise an die Stelle der älteren Verehrung der Schmerzhaften Mutter ein neuer marianischer Schwerpunkt. Die Kirche besitzt seither das bis heute gültige Patrozinium Unserer Lieben Frau Mariä Geburt; das Fest wird am 8. September gefeiert.

Die Neuorientierung führte offenbar nicht zu einem Bedeutungsverlust, sondern zunächst zu einem erneuten Aufschwung der Wallfahrt.

Bereits beim ersten größeren Fest nach dieser Neuausrichtung sollen etwa 400 Pilger nach Buchboden gekommen sein.

Für eine kleine und abgelegen gelegene Siedlung im Großen Walsertal stellt diese Zahl einen beträchtlichen Zustrom dar. Buchboden war damit zumindest zeitweise ein Wallfahrtsort, dessen Bedeutung deutlich über die eigene Pfarrgemeinde hinausreichte.

Wallfahrt in einer alpinen Landschaft

Die Lage Buchbodens gehört wesentlich zur Geschichte des Wallfahrtsortes.

Der Weg in das hintere Große Walsertal war in früheren Jahrhunderten beschwerlich. Wer nach Buchboden pilgerte, musste einen erheblich größeren körperlichen Aufwand auf sich nehmen als beim Besuch eines leicht erreichbaren städtischen Heiligtums.

Gerade diese Beschwernis war jedoch kein Gegensatz zur Wallfahrt. Das Gehen selbst konnte Bestandteil des religiösen Vollzuges werden. Mühe, Entfernung und körperliche Anstrengung erhielten im Zusammenhang mit einem Gelübde oder einer Bitte eine eigene religiöse Bedeutung.

Buchboden gehört damit zu jenen kleinen alpinen Wallfahrtsorten, deren Wirkung nicht aus monumentaler Architektur oder großen städtischen Pilgerströmen entstand, sondern aus der Verbindung von Abgeschiedenheit, Landschaft und religiöser Erwartung.

Wallfahrt und Heilbad

Besonders auffällig ist die Nachbarschaft von Wallfahrtskirche und Bad Rothenbrunnen.

Das Heilbad bot eine Form körperlicher Behandlung durch mineralisches Wasser. Die Kirche dagegen eröffnete einen religiösen Zugang zu Krankheit, Leid und Hoffnung auf Hilfe.

Beides muss historisch voneinander unterschieden werden, doch für die Menschen der frühen Neuzeit waren medizinische und religiöse Heilserwartungen keineswegs zwingend Gegensätze. Der Besuch eines Bades konnte mit Gebet, Gelübden oder dem Besuch einer Kapelle verbunden werden.

Die Landschaft um Buchboden und Rothenbrunnen lässt deshalb eine Verbindung verschiedener Heilvorstellungen erkennen: Wasser, Körperpflege, Marienverehrung und Wallfahrt bestanden räumlich nebeneinander und konnten sich in der Erfahrung der Besucher ergänzen.

Die Legende von Rothenbrunnen

Mit der Heilquelle von Rothenbrunnen verbindet sich eine eigene Marienlegende.

Nach einer heute überlieferten Erzählung soll einem Hirten die Gottesmutter erschienen sein. Der Mann habe einen verletzten Fuß in das Quellwasser gehalten und daraufhin Heilung erfahren.

Diese Erzählung gehört jedoch zur Überlieferung des Bades Rothenbrunnen und darf nicht mit der Entstehungslegende der Buchbodener Wallfahrtskirche vermischt werden.

Die räumliche Nähe beider Orte führte dazu, dass sich ihre religiösen und heilkundlichen Traditionen leicht überlagern konnten. Gerade deshalb ist eine quellenkritische Trennung notwendig.

Ausstattung der heutigen Kirche

Die heutige Ausstattung gehört unterschiedlichen Zeiten an und darf nicht ohne weiteres mit der ursprünglichen Wallfahrt in Verbindung gebracht werden.

Der Hochaltar entstand 1761, befand sich jedoch ursprünglich nicht in Buchboden. Er wurde erst 1903 aus der Pfarrkirche Bürs hierher übertragen.

Auch das heutige Hochaltarbild gehört in diesen jüngeren Zusammenhang.

Der gegenwärtige Altarraum dokumentiert daher nicht mehr unmittelbar den Kultplatz der ursprünglichen Wallfahrt zur Schmerzhaften Mutter. Das historische Gnadenbild war zu diesem Zeitpunkt bereits seit langer Zeit verschwunden.

Gerade diese Veränderung ist für die Geschichte des Wallfahrtsortes bezeichnend: Der Kirchenraum blieb in Gebrauch und erhielt immer wieder neue Ausstattungsstücke, während sich die konkrete materielle Form der Wallfahrt wandelte.

Bedeutungsverlust der älteren Wallfahrt

Im Laufe der Zeit verlor die traditionelle Wallfahrt nach Buchboden an Bedeutung.

Der ursprüngliche Kult um das verlorene Marienbild konnte ohne seinen materiellen Mittelpunkt nicht unverändert fortbestehen. Zugleich veränderten sich im 19. und 20. Jahrhundert Mobilität, Frömmigkeitsformen und die Bedeutung kleiner regionaler Wallfahrten.

Die alte Wallfahrt verschwand jedoch nicht völlig aus dem religiösen Gedächtnis. Die Kirche wird weiterhin ausdrücklich als Wallfahrtskirche bezeichnet, und die Erinnerung an die Schmerzhafte Mutter gehört zur Geschichte des Ortes.

Es handelt sich daher weniger um eine vollständig erloschene Wallfahrt als um einen historischen Kult, dessen ursprüngliche Form weitgehend verloren gegangen ist.

Neuere marianische Belebung

In jüngerer Zeit erhielt Buchboden erneut eine stärkere marianische Bedeutung.

Die Kirche wurde in den Gebetsverbund "Maria Mutter Europas" einbezogen und damit Teil eines neueren Wallfahrts- und Gebetsnetzes.

Diese gegenwärtige Entwicklung steht nicht in unmittelbarer Kontinuität zur barocken Wallfahrt zur Schmerzhaften Mutter. Vielmehr handelt es sich um eine neue marianische Belebung eines historisch bereits bedeutenden Wallfahrtsortes.

Gerade darin zeigt sich ein typischer Vorgang religiöser Traditionsbildung: Ein alter Kult kann an Bedeutung verlieren, während derselbe Sakralort später unter neuen Vorzeichen wieder als Wallfahrtsziel entdeckt wird.

Buchboden und Klesenza

Mit dem Raum Buchboden ist auch die Alpkapelle Klesenza verbunden.

Dort entstand im 20. Jahrhundert eine eigene Wallfahrtstradition, unter anderem im Zusammenhang mit einem Gelübde des Freiburger Priesters Josef Kary während des Zweiten Weltkrieges. In späterer Zeit entwickelten sich Wallfahrten aus dem Raum Freiburg im Breisgau.

Klesenza besitzt jedoch eine eigenständige Entstehungs- und Kultgeschichte und ist deshalb von der historischen Wallfahrt zur Buchbodener Pfarrkirche zu unterscheiden.

Die Verbindung zeigt dennoch, dass das Große Walsertal auch in neuerer Zeit Teil grenzüberschreitender religiöser Netzwerke blieb.

Volkskundliche Bedeutung

Buchboden ist volkskundlich vor allem deshalb bemerkenswert, weil sich die Geschichte des Wallfahrtsortes nicht als einfache ununterbrochene Kontinuität erzählen lässt.

Am Anfang stand eine frühe Marienverehrung in einem Umfeld, das zugleich durch den Badebetrieb von Rothenbrunnen geprägt war. Im 17. Jahrhundert wuchs die Wallfahrt so stark an, dass 1687 eine größere Kirche gebaut werden musste.

Das historische Gnadenbild, das als "Mariahilfbild von Buchboden" beziehungsweise als "Maria der Schmerzen" bezeichnet wurde, ging später verloren. Vermutlich geschah dies beim Brand von 1726.

Damit verlor die Wallfahrt ihren ursprünglichen materiellen Mittelpunkt. Dennoch bestand der Sakralort weiter. Mit dem Patrozinium Mariä Geburt erhielt die Kirche 1774 eine neue marianische Identität, und der Zustrom von mehreren hundert Pilgern zeigt, dass auch diese Neuorientierung erfolgreich sein konnte.

Buchboden veranschaulicht damit besonders deutlich, dass Wallfahrtsorte keine unveränderlichen Gebilde sind. Gnadenbilder können verloren gehen, Patrozinien können wechseln, alte Wallfahrten können zurückgehen und neue Formen religiöser Verehrung können an demselben Ort entstehen.

Hinzu kommt die besondere Lage innerhalb einer alpinen Heil- und Sakrallandschaft. Wallfahrtskirche, Bad Rothenbrunnen, Heilquelle und verschiedene Kapellen lagen in unmittelbarer Nachbarschaft und boten unterschiedliche Antworten auf Krankheit, Not und Hoffnung auf Heilung.

Buchboden ist deshalb weniger durch ein heute noch sichtbares Gnadenbild geprägt als durch die Geschichte eines sich wandelnden Marienwallfahrtsortes, in dem sich über mehrere Jahrhunderte hinweg unterschiedliche religiöse Vorstellungen und Praktiken ablösten und überlagerten.

Lage: Buchboden 156, 6731 Buchboden (Gemeinde Sonntag).
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Ansicht in Street View (Luftbild)
Web: Pfarre Sonntag
Geöffnet: tagsüber frei zugänglich.
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Literatur zur Wallfahrt:

- Türtscher, Johann: Wallfahrtskirche Buchboden 1687–1987. Festschrift. Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck 1987.

- Bundesdenkmalamt (Hrsg.): Dehio-Handbuch. Die Kunstdenkmäler Österreichs. Vorarlberg. Verlag Anton Schroll, Wien 1983, Sonntag-Buchboden, Pfarrkirche Unserer Lieben Frau Mariä Geburt, S. 385.

- Vallaster, Christoph: Kleines Vorarlberger Heilbäderbuch. Ländle-Bibliothek, Bd. 2, Dornbirn 1984.

- Fliri, Michael: "Bad, Bergdorf, Wallfahrtsziel. Pfarrkirche Buchboden". In: Vorarlberger KirchenBlatt, 20. Mai 2021.

- Diözese Feldkirch: Verzeichnis der Wallfahrtsorte Vorarlbergs.

- Örtliche und kirchliche Überlieferungen zur Pfarrkirche Buchboden, zum historischen Gnadenbild und zur Wallfahrt zur Schmerzhaften Mutter.

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Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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