Bregenz, Wallfahrtskapelle auf dem Gebhardsberg

Die hoch über Bregenz gelegene Wallfahrtskapelle auf dem Gebhardsberg gehört zu den traditionsreichen Heiligenwallfahrtsorten Vorarlbergs. Verehrt wird hier der heilige Gebhard von Konstanz, der 949 in Bregenz geboren wurde, später Bischof von Konstanz war und 995 starb. Die genaue Lokalisierung seines Geburtsortes auf dem heutigen Gebhardsberg gehört allerdings zur späteren Wallfahrtsüberlieferung und ist historisch nicht sicher nachweisbar.

Der Gebhardsberg ist zugleich Burgberg, Sakralort und Wallfahrtsstätte. Aus den Ruinen der mittelalterlichen Burg Hohenbregenz entwickelte sich seit dem 17. Jahrhundert ein Heiligtum, das zunehmend mit dem Kult des heiligen Gebhard verbunden wurde. Im Laufe der Zeit verdrängte seine Verehrung sogar das ältere Georgspatrozinium, und schließlich ging der Name des Heiligen auf den gesamten Berg über.

Der heilige Gebhard

Gebhard wurde 949 in Bregenz geboren und entstammte dem Geschlecht der Udalrichinger beziehungsweise der Grafen von Bregenz. Seine Ausbildung erhielt er im Umfeld des Konstanzer Bischofs Konrad; 979 wurde er selbst zum Bischof von Konstanz gewählt.

Zu seinen bedeutendsten Leistungen gehörte die Gründung des Benediktinerklosters Petershausen bei Konstanz. Gebhard starb am 27. August 995 und wurde in Petershausen bestattet. Seine Verehrung verbreitete sich in der Folge besonders im Bodenseeraum und in Vorarlberg. Heute gilt er als erster Patron der Diözese Feldkirch.

In der Volksfrömmigkeit wurde Gebhard besonders um Hilfe bei schweren Geburten angerufen. Diese Patronage hängt mit einer Legende um seine eigene Geburt zusammen. Seine Mutter soll während der Geburt gestorben sein; Gebhard sei durch einen frühen operativen Eingriff aus ihrem Leib gerettet worden. Aus dieser Erzählung entwickelte sich die Vorstellung vom Heiligen als besonderem Fürsprecher für Gebärende.

Daneben wurde er auch bei verschiedenen körperlichen Leiden angerufen, darunter insbesondere bei Beschwerden des Halses.

Burg Hohenbregenz und ältere Sakraltradition

Der heutige Gebhardsberg war ursprünglich Standort der mittelalterlichen Burg Hohenbregenz. Die erhaltenen beziehungsweise archäologisch nachweisbaren Burganlagen entstanden allerdings erst deutlich später als die Lebenszeit des heiligen Gebhard, wahrscheinlich im ausgehenden 11. Jahrhundert.

Die häufig wiederholte Vorstellung, Gebhard sei in dieser Burg geboren worden, ist daher historisch problematisch. Dass er in Bregenz geboren wurde, gilt als gesichert; die konkrete Gleichsetzung seines Geburtshauses mit der späteren Burg Hohenbregenz gehört jedoch zur Wallfahrts- und Kultüberlieferung.

Bereits vor der Entstehung der Gebhardswallfahrt bestand innerhalb der Burg ein Sakralraum. Für 1399 ist eine Stiftung zugunsten des Kaplans eines St.-Georgs-Altars auf der Burg überliefert. Die spätere Gebhardskapelle knüpfte somit an einen älteren kirchlich genutzten Ort an, ohne dass daraus eine unmittelbare Kontinuität des Gebhardkultes abgeleitet werden kann.

Zerstörung der Burg und Entstehung des Wallfahrtsortes

Im Dreißigjährigen Krieg wurde Hohenbregenz 1647 von schwedischen Truppen eingenommen und weitgehend zerstört. Die militärisch bedeutende Burg verwandelte sich damit in eine Ruinenlandschaft.

Gerade diese Zerstörung bildete jedoch die Voraussetzung für die spätere sakrale Umdeutung des Ortes. Um 1670 ließen sich Eremiten in den Ruinen nieder. In ihrem Umfeld setzte auch die zunehmende Verehrung des heiligen Gebhard ein.

Dieser Vorgang ist religionsgeschichtlich bemerkenswert. Ein ehemals herrschaftlicher und militärischer Ort verlor seine ursprüngliche Funktion und wurde schrittweise zu einem religiösen Erinnerungsraum. Die Ruine erhielt eine neue Bedeutung: Nicht mehr Burg und Verteidigung, sondern die Erinnerung an einen Heiligen und die Hoffnung auf seine Fürsprache bestimmten zunehmend die Wahrnehmung des Berges.

Entstehung der Wallfahrtskapelle

Im frühen 18. Jahrhundert wurde innerhalb der Ruinen eine Kapelle errichtet. 1723 erfolgte die Weihe zu Ehren der heiligen Georg und Gebhard.

Der heilige Georg erinnerte an das ältere Patrozinium innerhalb der Burg. Die Verehrung Gebhards gewann jedoch immer stärkere Bedeutung und trat schließlich so sehr in den Vordergrund, dass der gesamte Berg zunehmend nach ihm benannt wurde.

Im 18. Jahrhundert setzte sich die Bezeichnung Gebhardsberg endgültig durch. Damit wurde nicht nur die Kapelle, sondern die gesamte Topographie des Ortes mit dem Heiligen verbunden.

Die Entwicklung zeigt besonders deutlich, wie Wallfahrtskulte Landschaften sprachlich und symbolisch verändern können. Der Heilige wurde nicht nur Patron eines Altars oder einer Kapelle, sondern schließlich zum Namengeber des Berges selbst.

Josephinische Einschränkungen

Wie zahlreiche andere Wallfahrten geriet auch der Gebhardsberg unter Kaiser Joseph II. in die staatlichen Reformmaßnahmen gegen als übermäßig angesehene Formen barocker Volksfrömmigkeit.

Die Wallfahrt wurde vorübergehend aufgehoben beziehungsweise erheblich eingeschränkt. Bereits 1790 konnte sie jedoch wieder aufgenommen werden.

Die rasche Wiederbelebung zeigt, dass die Bindung der Bevölkerung an den Gebhardsberg nicht allein auf kirchlicher Organisation beruhte. Der Wallfahrtsort war inzwischen fest in der regionalen Frömmigkeit verankert.

Brand und Wiederaufbau

Nur kurze Zeit nach der Wiederzulassung der Wallfahrt wurde die Anlage von einer weiteren Katastrophe getroffen. 1791 brannten Kirche und zugehörige Gebäude ab.

Die Kapelle wurde jedoch noch im selben Jahr wiedererrichtet. Dieser Neubau bildet im Wesentlichen den Kern des heutigen Gotteshauses.

Das achteckige Glockentürmchen über der Westseite wurde 1820 ergänzt. Der Hochaltar stammt aus der Zeit um 1795 und gehört damit zur Ausstattung der unmittelbar nach dem Brand erneuerten Kirche.

Auch hier zeigt sich die Beständigkeit des Kultortes. Weder die Zerstörung der mittelalterlichen Burg noch die josephinische Aufhebung noch der spätere Brand führten zur Aufgabe des Gebhardsberges als religiösem Zentrum.

Die Gebhard-Reliquie

Für die weitere Entwicklung der Wallfahrt war das Jahr 1821 von besonderer Bedeutung. Nach der Aufhebung des von Gebhard gegründeten Klosters Petershausen gelangte eine Armreliquie des heiligen Gebhard auf den Gebhardsberg.

Damit erhielt die Kapelle neben der Überlieferung vom angeblichen Geburtsort des Heiligen nun auch eine körperliche Reliquie.

Aus Sicht traditioneller Heiligenverehrung bedeutete dies eine wesentliche Steigerung der sakralen Bedeutung des Ortes. Eine Reliquie stellte eine besonders unmittelbare materielle Verbindung zwischen dem verehrten Heiligen und den Gläubigen her. Die Präsenz eines Teiles seines Körpers ließ den Kultort in besonderer Weise als Ort seiner Gegenwart erscheinen.

Der Gebhardsberg wurde damit zugleich Erinnerungsort und Reliquienheiligtum.

Die große Wallfahrt im 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Gebhardswallfahrt zu einer bedeutenden grenzüberschreitenden Wallfahrt des Bodenseeraumes.

Zeitgenössische und spätere Erinnerungen berichten von großen Pilgergruppen, die besonders zum Fest des heiligen Gebhard am 27. August nach Bregenz und auf den Berg zogen. Pilger kamen nicht nur aus Vorarlberg, sondern auch aus dem benachbarten süddeutschen Raum, aus der Schweiz und anderen Gegenden rund um den Bodensee.

Überliefert sind große Fußwallfahrten, bei denen zahlreiche Menschen gemeinsam betend unterwegs waren. Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung einer Wallfahrt über den Bodensee. Ab dem späten 19. Jahrhundert wurden Pilger teilweise mit Schiffen nach Bregenz gebracht; erwähnt werden unter anderem Wallfahrtsgruppen beziehungsweise Pilgerschiffe aus Württemberg und der Schweiz.

Damit gehörte der Gebhardsberg zu jenen Wallfahrtsorten, deren Einzugsgebiet nicht den heutigen Staatsgrenzen folgte. Der Bodensee trennte die Pilgerregionen nicht, sondern verband sie.

Heiligenbilder als Wallfahrtsandenken

Zur Wallfahrtskultur gehörten auch kleine Andachts- und Heiligenbilder, die von den Pilgern mit nach Hause genommen wurden.

Aus dem 19. Jahrhundert ist die Erinnerung überliefert, dass Kinder auf heimkehrende Wallfahrer warteten und von ihnen Gebhardsbildchen erhielten. Solche kleinen Druckwerke waren typische Wallfahrtsandenken.

Sie dienten nicht lediglich als Erinnerung an eine Reise. Das Bild des Heiligen wurde zu Hause aufbewahrt, in Gebetbücher eingelegt, an Wänden befestigt oder im persönlichen religiösen Gebrauch verwendet. Damit wurde ein Stück des Wallfahrtsortes in die häusliche Frömmigkeit übertragen.

Die Gebhardsbildchen gehören somit zur weit verbreiteten Praxis materieller Wallfahrtsfrömmigkeit, bei der Bilder, Medaillen oder andere kleine Gegenstände den Kontakt zwischen Heiligtum und Alltag aufrechterhielten.

Gebhard als Helfer bei Geburten

Ein wesentliches Motiv der Wallfahrt war die Anrufung des heiligen Gebhard um eine gute und glückliche Geburt.

Diese Funktion des Heiligen unterscheidet die Wallfahrt deutlich von vielen Marienwallfahrten. Im Mittelpunkt stand nicht ein Gnadenbild, sondern ein Heiliger mit einer konkreten Schutzfunktion.

Geburt gehörte bis weit in die Neuzeit zu den gefährlichsten Lebenssituationen von Frauen. Die medizinischen Möglichkeiten waren begrenzt, und Komplikationen konnten sowohl für Mutter als auch Kind lebensbedrohlich werden. Religiöse Schutzhandlungen, Gelübde, Wallfahrten und die Anrufung bestimmter Heiliger bildeten deshalb einen wichtigen Bestandteil traditioneller Geburtskultur.

Der Gebhardsberg gehörte in diesem Zusammenhang zu den regional bedeutsamen Orten, an denen Frauen und Familien um Schutz und einen glücklichen Ausgang baten.

Gebhard Fugel und die bildliche Vita des Heiligen

Zum 900. Todestag des heiligen Gebhard erhielt die Kapelle gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine umfangreiche bildliche Ausstattung.

Der Münchner Kirchenmaler Gebhard Fugel schuf einen Zyklus mit Szenen aus dem Leben des Heiligen. Dargestellt werden wichtige Stationen seiner Vita, darunter seine Ausbildung, sein Wirken als Bischof, die Gründung des Klosters Petershausen sowie seine Bedeutung als Schutzpatron Vorarlbergs.

Der Kirchenraum erhielt dadurch beinahe den Charakter einer begehbaren Heiligenvita.

Für die Pilger erfüllten solche Bilder mehrere Funktionen. Sie erzählten das Leben des Kultpatrons, erläuterten seine Bedeutung und unterstützten zugleich die Andacht. Auch Menschen, die keine umfangreichen Heiligenlegenden lesen konnten oder wollten, konnten sich über die Bilder mit Gebhards Leben vertraut machen.

Die Bildausstattung verstärkte damit die Identifikation des gesamten Kirchenraumes mit dem Heiligen.

Wallfahrtslandschaft Gebhardsberg

Die besondere Wirkung des Gebhardsberges ergibt sich nicht allein aus der Kapelle.

Burgmauern, Aussicht, Wald, steile Wege und Sakralbau verbinden sich zu einer charakteristischen Wallfahrtslandschaft. Der Aufstieg aus dem Stadtgebiet von Bregenz schafft eine räumliche Trennung vom Alltag und führt zu einem exponierten Ort hoch über dem Bodensee.

Solche erhöht gelegenen Wallfahrtsstätten besitzen häufig eine besondere symbolische Qualität. Der körperliche Aufstieg kann zugleich als religiöse Bewegung verstanden werden: Der Pilger verlässt den alltäglichen Siedlungsraum und nähert sich Schritt für Schritt dem Heiligtum.

Auf dem Gebhardsberg tritt zu dieser allgemeinen Bedeutung noch die Ruinenlandschaft hinzu. Mauern einer ehemaligen Burg umschließen einen Ort, der inzwischen nicht mehr für weltliche Herrschaft, sondern für Heiligenverehrung steht.

Die Wallfahrt in der Gegenwart

Die Gebhardswallfahrt ist nicht erloschen. Die Kapelle wird weiterhin religiös genutzt, und der heilige Gebhard besitzt als Patron der Diözese Feldkirch bis heute besondere Bedeutung.

In den Sommermonaten finden Wallfahrtsgottesdienste beziehungsweise Abendwallfahrten auf den Gebhardsberg statt. Einen besonderen Höhepunkt bildet weiterhin das Fest des heiligen Gebhard am 27. August.

Die heutige Wallfahrt erreicht nicht mehr die Größenordnung jener Pilgerbewegungen, die für das 19. Jahrhundert überliefert sind. Dennoch besteht eine erkennbare Kontinuität des Kultes.

Volkskundliche Bedeutung

Der Gebhardsberg gehört zu den volkskundlich besonders vielschichtigen Wallfahrtsorten Vorarlbergs.

Seine Geschichte beginnt nicht mit einem Gnadenbild oder einem spektakulären Mirakel. Vielmehr wurde ein zerstörter weltlicher Herrschaftsort nach und nach religiös umgedeutet. Eremiten ließen sich in der Burgruine nieder, ein älterer Sakralraum wurde erneuert, und die Verehrung des heiligen Gebhard verdrängte schließlich das ursprüngliche Georgspatrozinium.

Die Zuschreibung des Berges als Geburtsort Gebhards verstärkte die Sakralisierung der Landschaft, auch wenn diese Überlieferung historisch nicht gesichert ist. Für die Wallfahrt war nicht entscheidend, ob Gebhard tatsächlich an genau dieser Stelle geboren worden war; entscheidend war, dass die Gläubigen den Berg als Ort seiner Herkunft verstanden.

Mit der Übertragung der Gebhard-Reliquie 1821 erhielt die Wallfahrt zusätzlich einen materiellen Mittelpunkt. Nun verbanden sich Erinnerungsort, Reliquienverehrung und die konkrete Schutzfunktion des Heiligen.

Besonders charakteristisch ist Gebhards Funktion als Fürsprecher bei schwierigen Geburten. Darin wird sichtbar, wie unmittelbar Wallfahrten mit den existentiellen Erfahrungen des menschlichen Lebens verbunden waren. Schwangerschaft und Geburt wurden nicht allein medizinisch oder familiär bewältigt, sondern zugleich in ein religiöses Schutzsystem eingebunden.

Die großen Fußwallfahrten des 19. Jahrhunderts und die Pilgerschiffe über den Bodensee zeigen außerdem die überregionale Ausstrahlung des Kultes. Wallfahrt verband Menschen aus Gebieten, die heute zu unterschiedlichen Staaten gehören, innerhalb eines gemeinsamen religiösen Kulturraumes.

Lage: Kapelle auf dem Gebhardsberg, Gebhardsbergstraße 509, 6900 Bregenz.
Lage in SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Vorarlberg
Ansicht in Street View (Luftbild)
Web: Pfarre St. Gallus - Bregenz
Geöffnet: während der Öffnungszeiten der Burganlage bzw. des Burgrestaurants tagsüber für Besucher frei zugänglich, daher Montag geschlossen.
Außenansicht:

Wallfahrtskapelle auf dem Gebhardsberg, Bregenz

Bildquelle: Zusendung Allen With, Februar 2026

Kirchenraum:

Wallfahrtskapelle auf dem Gebhardsberg, Bregenz

Bildquelle: Zusendung Allen With, Februar 2026

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Literatur zur Wallfahrt:

- Ulmer, Andreas: Der Gebhardsberg bei Bregenz als Burgsitz, Wallfahrtsort und Aussichtswarte. Eine historisch-topographische Darstellung. Dornbirn 1938.

- Ammann, Gerd: "Wallfahrtskirche auf dem Gebhardsberg". In: St. Gallus Bregenz. Schnell-Kunstführer, München.

- Reckefuss-Kleiner, Hedwig: "Gebhardsberg und St. Gebhard". In: Jahrbuch des Vorarlberger Landesmuseumsvereins, 1995.

- Niederstätter, Alois: Die Vorarlberger Burgen. Universitätsverlag Wagner, Innsbruck 2017.

- Zösmair, Josef: "Über Schloß Bregenz". In: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung, 26. Heft, 1897, S. 7–21.

- Bundesdenkmalamt (Hrsg.): Dehio-Handbuch. Die Kunstdenkmäler Österreichs. Vorarlberg. Verlag Anton Schroll, Wien 1983.

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Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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