| Wallfahrt: | Bäuerliche Wendelinwallfahrt mit Vieh-, Schutz- und Wetterfrömmigkeit. |
| Status: | Lebendige Heiligenverehrung; das Wendelinsfest wird bis heute begangen. |
| Kultzentrum: | Verehrung des hl. Wendelin mit historischem Wallfahrtsbild und Reliquie; dazu der Wendelinbrunnen unterhalb der Kirche. |
| Ort: | Bregenz-Fluh |
| Bezirk: | Bregenz |
| Bundesland: | Vorarlberg |
| • | Lage: Pfarr- und Wallfahrtskirche hl. Wendelin, Fluh 35, 6900 Bregenz. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Vorarlberg |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Web:Pfarre Bregenz St. Wendelin / Fluh |
| • | Öffnungszeiten: tagsüber frei zugänglich. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
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Die Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Wendelin in Bregenz-Fluh gehört zu den charakteristischen bäuerlichen Heiligenwallfahrten Vorarlbergs. Im Mittelpunkt steht der heilige Wendelin, der besonders als Patron der Hirten und Bauern, des Viehs und der Landwirtschaft verehrt wurde. Mit der Kirche verbunden sind ein historisches Wallfahrtsbild, eine Wendelinreliquie und der unterhalb des Gotteshauses gelegene Wendelinbrunnen, dessen Wasser im Volksglauben insbesondere zum Schutz vor Viehseuchen verwendet wurde.
Die Wallfahrt besaß zeitweise ein über Vorarlberg hinausreichendes Einzugsgebiet. Wallfahrer kamen auch aus dem süddeutschen Raum; insbesondere aus Württemberg ist eine so intensive Verbindung überliefert, dass die Fluh dort sogar als "Wendelinsberg" bezeichnet worden sein soll. Eine weitere, volkskundlich bemerkenswerte Überlieferung nennt die Fluh als Wallfahrtsort lediger Frauen.
Die erste Wendelinskapelle auf der Fluh wurde 1666 als Filialkirche von Bregenz errichtet. Bereits wenige Jahre nach ihrer Gründung lässt sich eine ausgeprägte Verehrung des Kirchenpatrons erkennen.
Im Jahr 1820 wurde die Kirche zur Expositur erhoben. Nachdem der ältere Bau den Anforderungen nicht mehr genügte, entstand 1846/47 nach Plänen von Gabriel Mallaun die heutige Kirche. Die Weihe erfolgte 1849.
Im Jahr 1872 wurde Fluh schließlich zur selbständigen Pfarre erhoben. Die Entwicklung von der kleinen Wallfahrtskapelle über die Expositur zur Pfarrkirche führte jedoch nicht zum Verschwinden der älteren Wallfahrtstradition. St. Wendelin blieb zugleich Pfarr- und Wallfahrtskirche.
Der heilige Wendelin gehört zu den besonders in ländlichen Gebieten Mitteleuropas verbreiteten Schutzheiligen. Nach seiner Legende lebte er zunächst als Einsiedler und Hirte und wurde später Abt eines Klosters. Sein Kult verbreitete sich vom bedeutenden Wallfahrtsort St. Wendel im Saarland weit in den süddeutschen und österreichischen Raum.
In der bäuerlichen Frömmigkeit löste sich seine Verehrung teilweise von der eigentlichen Heiligenvita. Wendelin wurde zum Patron der Hirten, Bauern und Haustiere und insbesondere bei Viehkrankheiten und Seuchen angerufen.
Die Verehrung auf der Fluh steht deutlich in diesem bäuerlichen Zusammenhang. In einer Landschaft, in der Viehhaltung und Landwirtschaft über Jahrhunderte zu den wesentlichen wirtschaftlichen Grundlagen gehörten, richtete sich die Bitte um Schutz nicht allein auf die Menschen, sondern ebenso auf deren Tiere.
Der Verlust eines Rindes oder gar mehrerer Tiere durch eine Seuche konnte für einen bäuerlichen Haushalt eine existentielle wirtschaftliche Katastrophe darstellen. Die religiöse Sorge um das Vieh war daher keineswegs ein nebensächlicher Bereich des Volksglaubens, sondern unmittelbar mit der Sicherung der Lebensgrundlage verbunden.
Unterhalb der Kirche befindet sich der Wendelinbrunnen, der über einen steilen Weg von der Wallfahrtskirche erreichbar ist. Die heute sichtbare Brunnenfassung stammt aus dem 20. Jahrhundert; die mit der Quelle verbundene religiöse Überlieferung ist jedoch älter.
Dem Wasser wurde besondere Wirksamkeit zugeschrieben. Gustav Gugitz nennt den Wendelinbrunnen ausdrücklich als heilsame Quelle und überliefert seine Verwendung zur Abwehr von Viehseuchen.
Damit besitzt die Wallfahrt auf der Fluh eine für die bäuerliche Volksfrömmigkeit besonders charakteristische Verbindung von Heiligen- und Quellenkult. Die Wirkung des Wassers bezog sich nicht nur auf menschliche Krankheiten, sondern auf den Schutz der Haustiere und damit unmittelbar auf die wirtschaftliche Existenz der bäuerlichen Bevölkerung.
Die Vorstellung von heilkräftigem oder gesegnetem Wasser gehört zu den ältesten und beständigsten Formen religiöser Volkskultur. Bei christlichen Wallfahrtsorten wurde die besondere Kraft einer Quelle häufig mit einem Heiligen oder einem Gnadenort verbunden. In Fluh ist diese Verbindung eindeutig dem hl. Wendelin und seiner Funktion als Viehpatron zugeordnet.
Zu den bedeutendsten Zeugnissen der frühen Wallfahrt gehört ein großes, auf 1676 datiertes Gemälde mit sieben Szenen aus der Legende des hl. Wendelin.
Das Bild entstand damit nur etwa zehn Jahre nach der Errichtung der ersten Kapelle und dokumentiert, dass der Wendelinkult bereits in der Frühzeit des Heiligtums gezielt ausgestaltet wurde.
Ein solches Wallfahrtsbild erfüllte nicht nur eine dekorative Funktion. Die einzelnen Szenen vermittelten den Pilgern die Lebensgeschichte des Heiligen und machten seine Frömmigkeit und seine besondere Stellung anschaulich. Die bildliche Heiligenvita konnte somit zugleich belehren, erinnern und zur Andacht anregen.
Gerade in der frühneuzeitlichen Wallfahrtskultur waren solche Bilder wichtige Medien religiöser Kommunikation. Sie ermöglichten eine unmittelbare Begegnung mit der Heiligenlegende auch unabhängig von gedruckten oder geschriebenen Texten.
Auch das historische Hochaltarbild steht unmittelbar mit der Wallfahrt in Verbindung. Es wurde 1693 von Matthäus Zehender geschaffen und zeigt den hl. Wendelin.
Das Bild stammt somit ebenfalls noch aus der Zeit der ursprünglichen Wallfahrtskapelle und wurde beim Neubau des 19. Jahrhunderts weiterverwendet. Diese Übernahme älterer Kultbilder in die neue Kirche dokumentiert die Kontinuität der Verehrung.
Der Neubau des 19. Jahrhunderts ersetzte zwar das ältere Kirchengebäude, nicht aber dessen religiöse Tradition.
Gustav Gugitz nennt in seiner Beschreibung der Wallfahrt außerdem eine Wendelinreliquie auf einem Seitenaltar.
Reliquien besaßen innerhalb der traditionellen Heiligenverehrung besondere Bedeutung, da sie als materielle Verbindung zum verehrten Heiligen verstanden wurden. Ihre Anwesenheit verlieh einem Kultort zusätzliche sakrale Qualität und konnte wesentlich zur Anziehungskraft einer Wallfahrt beitragen.
Über den heutigen Verbleib beziehungsweise die gegenwärtige Präsentation dieser Reliquie liegen keine ausreichenden Angaben vor. Ihre historische Bedeutung für die Wallfahrt ist jedoch durch die ältere volkskundliche Literatur belegt.
Die Wendelinswallfahrt auf der Fluh blieb nicht auf Bregenz und dessen unmittelbare Umgebung beschränkt.
Gustav Gugitz überliefert, dass die Kirche insbesondere von Württembergern besucht wurde. Unter ihnen soll die Fluh sogar als "Wendelinsberg" bekannt gewesen sein.
Diese Bezeichnung ist ein bemerkenswertes Zeugnis für die überregionale Bekanntheit des Wallfahrtsortes. Sie zeigt zugleich, dass der historische Wallfahrtsraum rund um den Bodensee nicht mit den heutigen Staatsgrenzen gleichgesetzt werden darf.
Vorarlberg, das württembergische und oberschwäbische Gebiet, das Allgäu und die Ostschweiz standen durch Handel, Arbeitsmigration, verwandtschaftliche Beziehungen und religiöse Traditionen in enger Verbindung. Wallfahrten gehörten zu jenen kulturellen Praktiken, durch welche dieser grenzüberschreitende Raum immer wieder neu verbunden wurde.
Wie beim nahe gelegenen Gebhardsberg zeigt sich damit auch auf der Fluh eine Wallfahrtslandschaft, deren Einzugsbereich weit über das heutige Österreich hinausreichte.
Eine ungewöhnliche zusätzliche Überlieferung bezeichnet die Fluh als Wallfahrtsort für ledige Frauen.
Welche konkrete Erwartung mit dieser Wallfahrt verbunden war und welche Handlungen die Frauen dabei ausführten, lässt sich aus den bislang bekannten Quellen nicht ausreichend erschließen. Eine spezielle Gebetsform, ein bestimmtes Opfer oder ein mit dem Wendelinbrunnen verbundener Brauch kann daher nicht sicher angegeben werden.
Dennoch ist die Überlieferung volkskundlich bemerkenswert. Sie zeigt, dass sich die Aufgaben eines Wallfahrtsheiligen innerhalb der lokalen Volksfrömmigkeit erheblich über seine kirchlich beziehungsweise hagiographisch begründeten Schutzfunktionen hinaus erweitern konnten.
Die klassische Zuständigkeit Wendelins für Hirten, Bauern, Vieh und Landwirtschaft erklärt eine Wallfahrt unverheirateter Frauen nicht unmittelbar. Offenbar hatte sich auf der Fluh zusätzlich eine lokale Erwartung an den Heiligen oder den Wallfahrtsort entwickelt.
Solche sekundären Kultfunktionen sind für historische Wallfahrten charakteristisch. Die Gläubigen richteten sich bei der Wahl ihrer Fürsprecher nicht ausschließlich nach theologischen oder hagiographischen Vorgaben, sondern entwickelten regionale und örtliche Traditionen, in denen einzelne Heilige ganz besondere Zuständigkeiten erhielten.
Der traditionelle Haupttag der Wallfahrt war der 20. Oktober, der Gedenktag des hl. Wendelin.
An diesem Tag beziehungsweise im zeitlichen Umfeld des Patroziniums kamen die Wallfahrer zur Kirche, um den Heiligen um Fürsprache zu bitten und ihm für erhaltene Hilfe zu danken.
Das Wendelinsfest wird auf der Fluh bis heute begangen. Festgottesdienst und anschließende gemeinschaftliche Veranstaltungen zeigen, dass die Verehrung des Kirchenpatrons weiterhin einen festen Platz innerhalb des lokalen religiösen und gesellschaftlichen Lebens besitzt.
Die heutige Bedeutung des Festes darf allerdings nicht ohne weiteres mit dem Umfang der historischen Wallfahrt gleichgesetzt werden. Die früheren Fernwallfahrten, insbesondere aus Württemberg, spielen gegenwärtig offenbar keine vergleichbare Rolle mehr. Dennoch besteht eine deutliche Kontinuität des Wendelinkultes.
Die heutige Kirche ist ein vergleichsweise schlichter Bau des 19. Jahrhunderts mit Langhaus, eingezogenem Chor und angebautem Turm.
Neben den älteren, unmittelbar mit der Wallfahrt verbundenen Darstellungen des hl. Wendelin besitzt die Kirche weitere bemerkenswerte Ausstattungsstücke. Die Deckenmalereien entstanden im frühen 20. Jahrhundert.
Für die Geschichte der Wallfahrt sind jedoch insbesondere jene Gegenstände von Bedeutung, die aus der älteren Wendelinskapelle übernommen beziehungsweise in der älteren Literatur als Kultobjekte genannt werden: das Wallfahrtsbild von 1676, das Wendelinbild von 1693 und die Wendelinreliquie.
Gemeinsam mit dem Wendelinbrunnen bilden sie einen ungewöhnlich gut nachvollziehbaren Kultkomplex.
Bregenz-Fluh gehört zu den besonders charakteristischen Beispielen einer bäuerlichen Heiligenwallfahrt.
Im Mittelpunkt steht kein marianisches Gnadenbild und keine spektakuläre Erscheinung, sondern ein Heiliger, dessen Schutzfunktion unmittelbar mit der Lebens- und Wirtschaftsweise der Bevölkerung verbunden war. Wendelin war Patron der Hirten und Bauern, der Viehhaltung und damit eines wesentlichen Bereiches bäuerlicher Existenz.
Die Wallfahrt verband mehrere religiöse Ausdrucksformen miteinander. Die Pilger verehrten das Bild und die Reliquie des Heiligen, besuchten die Kirche an seinem Festtag und nutzten das Wasser des Wendelinbrunnens zum Schutz vor Viehkrankheiten.
Besonders der Viehseuchenschutz macht deutlich, wie wenig sich historische Volksfrömmigkeit auf das persönliche Seelenheil beschränkte. Religion durchdrang sämtliche Bereiche des Alltags. Menschen baten um Gesundheit für sich selbst und ihre Angehörigen, aber ebenso um das Gedeihen von Feldern, Schutz vor Unwettern und die Gesundheit ihrer Tiere.
Die überlieferten Wallfahrer aus Württemberg zeigen zugleich die überregionale Ausstrahlung des Kultortes. Dass die Fluh unter ihnen sogar als "Wendelinsberg" bezeichnet wurde, lässt auf eine zeitweise ausgeprägte Identifikation des Berges mit seinem Wallfahrtsheiligen schließen.
Eine weitere, noch nicht ausreichend erklärte Schicht bildet die Überlieferung als Wallfahrtsort unverheirateter Frauen. Hier zeigt sich besonders deutlich, wie sich die Funktionen eines Heiligen innerhalb lokaler religiöser Traditionen erweitern und von seiner ursprünglichen Legende lösen konnten.
Bregenz-Fluh verbindet damit Heiligenverehrung, Reliquienkult, Quellenglaube, Viehschutz, bäuerliche Frömmigkeit und grenzüberschreitende Wallfahrt zu einem bemerkenswert geschlossenen volkskundlichen Komplex.
• Literatur zur Wallfahrt:
- Gugitz, Gustav: Österreichs Gnadenstätten in Kult und Brauch. Ein topographisches Handbuch zur religiösen Volkskunde. Band 3: Kärnten und Vorarlberg. Wien 1956, S. 210.
- Bundesdenkmalamt (Hrsg.): Dehio-Handbuch. Die Kunstdenkmäler Österreichs. Vorarlberg. Verlag Anton Schroll, Wien 1983, Bregenz-Fluh, Pfarrkirche hl. Wendelin, S. 69–70.
- Hirsch, Siegrid; Ruzicka, Wolf: Heilige Quellen in Österreich.
- Diözese Feldkirch: Dokumentation zur Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Wendelin in Bregenz-Fluh.
SAGEN.at: "Bregenz-Fluh, Wendelinbrunnen". Dokumentation des Wendelinbrunnens und seiner volkskundlichen Überlieferung nach Gustav Gugitz, Österreichs Gnadenstätten in Kult und Brauch, Band 3, Wien 1956, S. 210.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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