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Die Bludenzer Pfarrkirche zum Unbefleckten Herzen Mariens, allgemein auch als Fatimakirche bezeichnet, gehört zu den jüngeren Wallfahrtsorten Vorarlbergs. Anders als die über Jahrhunderte gewachsenen Marienwallfahrten des Landes entstand sie nicht aus einer mittelalterlichen Kulttradition oder aus einer älteren Mirakelüberlieferung, sondern unmittelbar aus den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges und der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts rasch anwachsenden internationalen Fatima-Frömmigkeit. Die Kirche ist zugleich Pfarrkirche, Gelöbniskirche und Fatima-Heiligtum. Eine größere historische Pilgerbewegung, wie sie etwa für Bildstein belegt ist, lässt sich für Bludenz nicht feststellen. Der Wallfahrtscharakter beruht vielmehr auf dem Fatimakult und der kirchlichen Einordnung des Gotteshauses als Wallfahrtsort. Das KriegsgelübdeAm Beginn der Entstehungsgeschichte steht ein Gelübde des Bludenzer Stadtpfarrers und Dekans Adolf Ammann. Während des Zweiten Weltkrieges versprach er, der Gottesmutter eine Kirche zu Ehren von Fatima zu errichten, falls Bludenz von schweren Kriegsschäden verschont bleiben sollte. Nachdem die Stadt die letzten Kriegsereignisse ohne die befürchtete großflächige Zerstörung überstanden hatte, wurde das Gelübde eingelöst. Die spätere Kirche lässt sich daher selbst als eine besonders monumentale Form des Votivs verstehen: Nicht eine Tafel, eine Wachsgabe oder ein einzelner Gegenstand wurde als Dank gestiftet, sondern ein ganzes Gotteshaus. Die Entstehung der Kirche steht damit in einer langen Tradition religiöser Gelübde, bei denen Menschen in existentieller Bedrohung eine bestimmte fromme Handlung, Stiftung oder Wallfahrt versprachen und diese nach erfahrener Rettung als Dank erfüllten. Während solche Gelübde in älteren Wallfahrtsorten meist nur noch durch Votivtafeln oder schriftliche Überlieferungen fassbar sind, bildet in Bludenz das gesamte Kirchengebäude das sichtbare Ergebnis eines solchen Versprechens. Die Südtiroler SiedlungNeben dem Kriegsgelübde bestand für den Kirchenbau ein zweites wesentliches Motiv. Am Rand des damaligen Antoniuswaldes war seit 1940 die sogenannte Südtiroler Siedlung entstanden. Ihr Bau stand im Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Umsiedlungspolitik gegenüber der deutschsprachigen Bevölkerung Südtirols und der sogenannten Option. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges entstand hier ein neuer Wohnbezirk mit zahlreichen Wohnungen. Die Bezeichnung „Südtiroler Siedlung“ darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass dort nach Kriegsende keineswegs ausschließlich Südtiroler Umsiedler lebten. Dennoch blieb die Entstehungsgeschichte des Viertels eng mit den politischen und sozialen Umbrüchen der Kriegszeit verbunden. Für die stark angewachsene Bevölkerung bestand ein entsprechender seelsorglicher Bedarf. So verbanden sich beim Bau von Herz Mariä zwei Anliegen: die Erfüllung des Kriegsgelübdes und die Errichtung eines neuen kirchlichen Mittelpunktes für ein junges Siedlungsgebiet. Gerade diese Verbindung macht die Kirche sozialgeschichtlich besonders interessant. Sie entstand zugleich als Dank für die Bewahrung der Stadt und als Sakralbau für Menschen, deren Lebensgeschichten vielfach von Umsiedlung, Krieg und Verlust vertrauter Lebensräume geprägt waren. Bau und WeiheDie Kirche wurde zwischen 1948 und 1950 nach Plänen des Stuttgarter Architekten Otto Linder errichtet. Linder hatte bereits vor dem Zweiten Weltkrieg die Bludenzer Heilig-Kreuz-Kirche entworfen und gehörte zu den bedeutenden Kirchenarchitekten seiner Zeit. Herz Mariä gilt als erster Kirchenneubau Vorarlbergs nach dem Zweiten Weltkrieg. Damit besitzt das Gotteshaus nicht nur religionsgeschichtliche, sondern auch architekturhistorische Bedeutung für die unmittelbare Nachkriegszeit. Der Bauplatz lag auf einem Grundstück der Familie Wachter. Dort hatte sich zuvor das Geburtshaus des aus Bludenz stammenden Missionars August Wachter befunden. Die feierliche Weihe der neuen Kirche erfolgte am 8. September 1950, dem Fest Mariä Geburt, durch Bischof Paulus Rusch. Zunächst wurde Herz Mariä als Pfarrvikariat geführt; am 1. Oktober 1960 erfolgte die Erhebung zur selbständigen Stadtpfarre zum Unbefleckten Herzen Mariens. Fatima und das Unbefleckte Herz MariensDie Wahl des Patroziniums und die volkstümliche Bezeichnung als Fatimakirche stehen unmittelbar mit den Marienerscheinungen von Fátima in Portugal im Jahr 1917 in Verbindung. Die Erscheinungen waren 1930 kirchlich anerkannt worden und entwickelten sich besonders während und nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer internationalen katholischen Frömmigkeitsbewegung. Im Mittelpunkt standen das Rosenkranzgebet, Buße, die Bitte um Frieden und die Verehrung des Unbefleckten Herzens Mariens. Gerade in den politisch und gesellschaftlich erschütterten Jahrzehnten um die Mitte des 20. Jahrhunderts gewann diese Botschaft besondere Resonanz. Krieg, Gewalt, die Erfahrung totalitärer Herrschaft und die Furcht vor weiteren politischen Konflikten gaben der Fatima-Frömmigkeit eine starke zeitgeschichtliche Aktualität. Die Bludenzer Kirche ist daher nicht nur einer portugiesischen Marienerscheinung gewidmet. Sie dokumentiert zugleich die Aufnahme eines internationalen katholischen Kultes in die lokale religiöse Landschaft Vorarlbergs. Die FatimamadonnaDas zentrale Kultbild der Kirche ist eine etwa 2,20 Meter hohe Fatima-Madonna des Bregenzer Bildhauers Franz Albertani. Die monumentale Holzfigur prägt den Kirchenraum und macht die besondere Ausrichtung des Gotteshauses unmittelbar sichtbar. Sie folgt dem bekannten Bildtypus der Gottesmutter von Fátima, wie er sich im 20. Jahrhundert über Europa und weit darüber hinaus verbreitete. Damit besitzt Herz Mariä ein klar definiertes Andachtsbild. Im Unterschied zu älteren Wallfahrtsorten handelt es sich jedoch nicht um ein historisch gewachsenes Gnadenbild, dem über Jahrhunderte Mirakel zugeschrieben wurden, sondern um eine bewusst für den neuen Fatimakult geschaffene Darstellung. Diese Unterscheidung ist für die Einordnung des Wallfahrtsortes wesentlich. Die religiöse Bedeutung des Bildes beruht auf seiner Verbindung mit dem international verbreiteten Erscheinungskult von Fátima und nicht auf einer eigenständigen Bludenzer Mirakeltradition. Architektur und AusstattungDer Bau besitzt einen langgestreckten Kirchenraum mit steilem Satteldach und schlankem Dachreiter. Im Unterschied zu vielen monumentalen Kirchenbauten der Zwischenkriegszeit erhielt Herz Mariä einen vergleichsweise zurückhaltenden, beinahe ländlichen Charakter, der sich in das damalige Siedlungsgebiet einfügte. Der Altarbereich ist erhöht und wurde mit Halleiner Marmor gestaltet; der Tabernakel ist vergoldet. Unter beziehungsweise im Bereich des Kirchenbaues wurden auch Gemeinschaftsräume vorgesehen, sodass das Gebäude von Beginn an nicht nur als Gottesdienstraum, sondern auch als kirchliches Zentrum der neuen Pfarrgemeinde dienen konnte. Zur frühen künstlerischen Ausstattung gehören Glasfenster mit einem für die katholische Frömmigkeit der Nachkriegszeit charakteristischen Bildprogramm. Neben regional und kirchengeschichtlich bedeutenden Gestalten erscheinen Heilige und religiöse Motive, die den lokalen Kirchenraum mit der größeren katholischen Welt verbinden. Besonders bemerkenswert ist dabei das Nebeneinander von Lourdes- und Fatima-Frömmigkeit. Es zeigt, wie die großen Marienerscheinungsorte des 19. und 20. Jahrhunderts in die religiöse Bildwelt einer modernen Vorarlberger Kirche aufgenommen wurden. August WachterMit dem Bauplatz der Kirche ist auch die Erinnerung an den Bludenzer Missionar August Wachter verbunden. Wachter wurde 1878 in Bludenz geboren und wirkte später als katholischer Missionar in Nordborneo. Während der letzten Phase des Zweiten Weltkrieges wurde er von japanischen Soldaten verschleppt und kam 1945 im Zusammenhang mit einem Todesmarsch ums Leben. Eine Gedenktafel bei der Kirche erinnert an ihn. Seine Person steht nicht unmittelbar mit dem Fatimakult oder der Wallfahrt in Verbindung, gehört jedoch zur Erinnerungsgeschichte des Ortes und des Grundstücks, auf dem die Kirche errichtet wurde. WallfahrtscharakterHerz Mariä wird von der Diözese Feldkirch als Wallfahrtsort geführt. Dennoch unterscheidet sich die Kirche deutlich von älteren Wallfahrtszentren. Für größere historische Pilgerströme nach Bludenz bestehen keine entsprechenden Belege. Ebenso ist keine über Jahrhunderte entwickelte Mirakelüberlieferung bekannt. Die Kirche war von Beginn an in erster Linie ein neuer Pfarrmittelpunkt, der zugleich als Fatima-Heiligtum und Gelöbniskirche verstanden wurde. Ihr Wallfahrtscharakter liegt daher vor allem in der Verehrung der Gottesmutter von Fátima und des Unbefleckten Herzens Mariens. Damit steht Bludenz für eine moderne Form der Wallfahrt, bei der ein international verbreiteter Erscheinungskult in eine bestehende Stadt- und Pfarrstruktur übertragen wurde. Volkskundliche BedeutungVolkskundlich ist Herz Mariä besonders aufschlussreich, weil sich hier die Entstehung eines neuen religiösen Kultortes in der Mitte des 20. Jahrhunderts nachvollziehen lässt. Die Entwicklung folgt einem Muster, das in seinen Grundzügen sehr alt ist: Eine Gemeinschaft erlebt eine existentielle Bedrohung; in dieser Situation wird ein Gelübde abgelegt; nach der erhofften Rettung erfolgt die Einlösung durch eine religiöse Stiftung. Neu ist dagegen der zeitgeschichtliche Rahmen und die Verbindung mit dem erst wenige Jahrzehnte zuvor entstandenen Fatimakult. Die Kirche steht damit für die religiöse Verarbeitung der Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges. In ihr wurden Dank für die Bewahrung der Stadt, die Hoffnung auf Frieden und die Verehrung Mariens miteinander verbunden. Zugleich erinnert ihre Entstehung an eine Bevölkerung, die teilweise durch Umsiedlung und Krieg an diesen Ort gelangt war. Die Kirche war deshalb nicht nur Ausdruck persönlicher oder städtischer Dankbarkeit, sondern wurde zugleich zum religiösen Mittelpunkt eines neuen Wohngebietes. Besonders charakteristisch ist schließlich die Übertragung des Kultes von Fátima nach Bludenz. Moderne Verkehrsmittel, Druckmedien, kirchliche Organisationen und internationale katholische Netzwerke ermöglichten im 20. Jahrhundert eine wesentlich raschere Verbreitung neuer Wallfahrtskulte als in früheren Jahrhunderten. Innerhalb weniger Jahrzehnte entstanden in zahlreichen Ländern Fatimakapellen, Fatimakirchen und Nachbildungen des portugiesischen Gnadenortes. Herz Mariä dokumentiert diese moderne Form der Kultübertragung in Vorarlberg besonders anschaulich. Der Wallfahrtsort entstand nicht über Jahrhunderte hinweg, sondern innerhalb weniger Jahre aus dem Zusammentreffen von Kriegserfahrung, Gelübde, moderner Marienfrömmigkeit und städtischer Entwicklung. Die Bludenzer Fatimakirche ist daher weniger wegen großer Pilgerströme bedeutsam als als Zeugnis dafür, dass Wallfahrts- und Gelöbniskultur auch im 20. Jahrhundert lebendig blieb und auf die politischen und sozialen Erfahrungen ihrer jeweiligen Zeit reagieren konnte. |
| | Lage: Sonnenbergstraße 14, 6700 Bludenz. |
| | Lage in SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Vorarlberg |
| | Ansicht in Street View |
| | Web: Pfarre Bludenz Herz Mariae |
| | Geöffnet: täglich von 07:30 Uhr bis 20:00 Uhr. |
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| | Literatur zur Wallfahrt:
- Bundesdenkmalamt (Hrsg.): Dehio-Handbuch. Die Kunstdenkmäler Österreichs. Vorarlberg. Verlag Anton Schroll, Wien 1983. - Katholische Pfarre Bludenz Herz Mariä: Dokumentation zur Geschichte der Pfarrkirche und ihrer Entstehung aus dem Gelübde von Dekan Adolf Ammann. - Sark, Catherine: Die Südtiroler Siedlungen in Vorarlberg. Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Schriftenreihe des vorarlberg museums. - Stadtarchiv und Stadtlabor Bludenz: Dokumentation zur Geschichte der Südtiroler Siedlung und zur Stadtentwicklung im Bereich Hasensprung. - Diözese Feldkirch: Verzeichnis der Wallfahrtsorte in Vorarlberg. |
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher © www.SAGEN.at |