Alberschwende, Wendelinkapelle (Merbodkapelle) – Wallfahrt zum seligen Merbod

Die dem heiligen Wendelin geweihte Kapelle in Alberschwende im Bregenzerwald ist im Volksmund wesentlich besser als Merbodkapelle bekannt. Ihre eigentliche Bedeutung beruht weniger auf dem offiziellen Patrozinium als auf der jahrhundertelangen Verehrung des "seligen" Merbod, dessen Todes- und Begräbnisstätte hier der Überlieferung nach gelegen haben soll. Die Diözese Feldkirch führt die Wendelins- beziehungsweise Merbodkapelle ausdrücklich unter den Wallfahrtsorten Vorarlbergs.

Geschichte der Kapelle

Der Sakralplatz reicht wesentlich weiter zurück als der heutige Bau. Bei archäologischen Untersuchungen unter der Leitung von Wilhelm Sydow im Jahr 1985 wurden Grundmauern eines romanischen Saalbaus mit rechteckigem Chor festgestellt, die in das 12. Jahrhundert zurückreichen. Damit ist an dieser Stelle bereits für die Zeit nicht lange nach der angenommenen Lebenszeit Merbods ein Kirchenbau nachweisbar. Die weitere Baugeschichte führte über einen gotischen Vorgängerbau zur heutigen barocken Kapelle, die 1742 errichtet wurde. Seit 1735 bestand bei der Kapelle außerdem eine kleine Einsiedelei.

Schriftlich ist das Gotteshaus spätestens seit dem ausgehenden Mittelalter fassbar. Eine frühe Erwähnung stammt aus dem Jahr 1374; besonders aussagekräftig für die bereits bestehende kultische Bedeutung ist eine Stiftung vom 6. Februar 1420, mit der die Bewohner von Alberschwende mit Zustimmung Graf Wilhelms von Montfort eine wöchentliche Messe bei der über Merbods Grab errichteten Kapelle ermöglichten. Der Merbodkult war damit keineswegs nur eine Erscheinung später barocker Volksfrömmigkeit, sondern besaß bereits im Spätmittelalter eine feste örtliche Verankerung.

Merbod zwischen Geschichte und Legende

Merbod gehört gemeinsam mit Diedo von Andelsbuch und Ilga von Schwarzenberg zu den sogenannten "seligen Geschwistern" des Bregenzerwaldes. Die spätere Überlieferung machte sie zu Angehörigen des Hauses der Grafen von Bregenz, die auf Reichtum und gesellschaftliche Stellung verzichtet hätten, um ein religiöses Leben zu führen. Diese Geschwisterbeziehung und die gräfliche Abstammung lassen sich historisch jedoch nicht belegen und gehören zur erst im Lauf der Jahrhunderte ausgebildeten Legendenüberlieferung.

Von den drei Gestalten besitzt Merbod noch den deutlichsten historischen Kern. Nach der quellenkritischen Untersuchung von Alois Niederstätter dürfte zumindest ein Priester dieses Namens existiert haben, der in enger Verbindung zum Kloster Mehrerau stand und im Zusammenhang mit dessen Besitzungen in Alberschwende eine bedeutende Rolle spielte. Die später präzise angegebenen Todesdaten sind dagegen nicht gesichert. Traditionell wird Merbods Tod um 1120 angesetzt; andere örtliche Überlieferungen nennen 1123. Sicherer als das genaue Datum ist daher die Feststellung, dass sich im Mittelalter um die Erinnerung an einen Priester Merbod ein lokaler Märtyrer- und Heiligenkult entwickelte.

Der Legende zufolge wirkte Merbod als Seelsorger in Alberschwende und wurde schließlich erschlagen. Spätere Erzählungen versuchten den Mord näher zu erklären und brachten ihn etwa mit der Heilung eines Kindes oder mit Auseinandersetzungen mit Einheimischen in Verbindung. Gerade diese unterschiedlichen Varianten zeigen, wie eine zunächst nur knapp überlieferte historische Gestalt im Lauf der Jahrhunderte mit immer ausführlicheren legendären Motiven ausgestattet wurde. Merbod wurde kirchlicherseits nie förmlich seliggesprochen, in der lokalen Frömmigkeit jedoch seit Jahrhunderten als "Seliger" verehrt. Das Gotteshaus trägt offiziell das Patrozinium des heiligen Wendelin, während sich im Volksmund die Bezeichnung Merbodkapelle behauptete.

Wallfahrt und Volksglaube

Mittelpunkt der Wallfahrt war die in der Kapelle als Grab Merbods verehrte Stelle. Die Pilger wandten sich an den Seligen mit der Bitte um Hilfe bei Krankheiten und persönlichen Nöten, wobei insbesondere Heilungswunder einen wesentlichen Teil seiner Kultüberlieferung bilden. Besonders bemerkenswert ist der volksmedizinische Brauch, Erde von der als Grab Merbods geltenden Stelle gegen Kopfschmerzen zu verwenden: Sie wurde auf den Kopf aufgelegt und sollte durch die Verbindung mit dem verehrten Grab heilende Kraft vermitteln. In diesem Brauch zeigt sich deutlich die ältere Vorstellung von der Übertragbarkeit sakraler Kraft durch unmittelbaren materiellen Kontakt mit einem heiligen Ort.

Eine ehemals in der Kapelle befindliche und heute im Vorarlberg Museum verwahrte Votivtafel stellte sieben Merbod zugeschriebene Wundertaten dar. Blinde erhielten ihr Augenlicht, Gefangene wurden aus der Türkei befreit, Gehbehinderte konnten wieder gehen, das Haferfeld einer Witwe blieb bei einem Unwetter verschont, Kranke beziehungsweise Gebrechliche wurden geheilt und Kopfschmerzen durch das Auflegen von Erde aus dem Grab gelindert. Eine weitere Darstellung erzählt von einem verstorbenen Verehrer Merbods, bei dessen Vorbeitragen die Glocken der Kapelle ohne menschliches Zutun zu läuten begonnen hätten. Derartige Mirakelüberlieferungen verbinden Heilungs-, Befreiungs-, Wetter- und Glockenwunder und zeigen damit ein breites Spektrum jener Erwartungen, die an einen örtlichen Wallfahrtsheiligen gerichtet werden konnten.

Auch die Ermordung Merbods wurde in der volkstümlichen Bildüberlieferung ausgestaltet. Bei der um 1870 entstandenen Darstellung des C. Walch erscheinen seine Mörder als türkische Soldaten. Diese Historisierung ist nicht als Wiedergabe eines tatsächlichen Ereignisses zu verstehen, sondern als bildliche Übertragung: Der "Türke" fungierte in der religiösen Vorstellungswelt der Entstehungszeit als weithin verständliches Sinnbild des Glaubensfeindes und damit des Bösen.

Eine besonders eigenartige Form materieller Volksfrömmigkeit ist mit der Keule Merbods verbunden, die zugleich als Attribut seines Martyriums erscheint. Überliefert ist der Brauch, von einer als "Keule des seligen Merbod" bezeichneten hölzernen Keule kleine Stücke abzuschneiden und mit nach Hause zu nehmen. Diesen Hölzchen wurde Anteil an der wundertätigen Kraft des Seligen zugeschrieben. Religionsethnologisch gehört der Brauch in den Bereich der Berührungs- und Sekundärreliquien: Nicht eine körperliche Reliquie des Verehrten wurde weitergegeben, sondern ein Gegenstand, der durch seine symbolische Beziehung zu ihm Anteil an dessen Heiligkeit erhalten sollte. Bemerkenswert ist dabei die Umkehrung der Bedeutung des Gegenstandes – aus dem Werkzeug des Martyriums wurde ein Träger erhoffter Schutz- und Heilkraft.

Ausstattung

Der heutige Bau ist eine barocke Kapelle mit rechteckigem Langhaus, dreikonchigem Chor und einem achteckigen Glockenturm mit Zwiebelhaube. Große Teile der Innenausstattung erhielten im 19. Jahrhundert eine neuromanische Gestaltung. Der Hochaltar trägt ein Gemälde der Himmelfahrt Mariens von Melchior Paul von Deschwanden; seitlich stehen Figuren der heiligen Notburga und des heiligen Wendelin. Der linke Seitenaltar besitzt ein 1872 geschaffenes Bild der heiligen Anna mit Maria, während der rechte Seitenaltar den heiligen Josef mit dem Jesuskind zeigt.

Vor dem linken Seitenaltar befindet sich die als Grab Merbods verehrte Stelle unter einer von vier Säulen getragenen Mensa; darüber steht eine barocke Figur des "Seligen". Die bildliche Ausstattung der Kapelle nimmt mehrfach auf Merbod Bezug. C. Walch schuf um 1870 Darstellungen seines Martyriums sowie seiner Wunder, während Glasfenster von Carl Rieder aus den Jahren 1958/59 Merbod bei der Heilung Kranker und bei seiner Ermordung zeigen. Votivtafeln erinnern zusätzlich an die Bedeutung der Kapelle als Ort persönlicher Bitte und Danksagung.

Bedeutung der Wallfahrt

Die Merbodkapelle ist ein besonders anschauliches Beispiel dafür, wie sich aus einer nur fragmentarisch fassbaren historischen Persönlichkeit über Jahrhunderte ein regionaler Heiligenkult entwickeln konnte. Historische Erinnerung, Legendenbildung, Wallfahrt und Volksmedizin gingen dabei ineinander über. Das vermeintliche Grab, die Verwendung von Graberde, die Wundererzählungen, Votivgaben und die Merbodkeulenhölzchen machten die Kapelle zu einem Ort, an dem die erhoffte Wirksamkeit des Seligen nicht nur im Gebet, sondern auch sinnlich und materiell erfahren werden sollte.

Während sich die historische Person Merbods nur in Umrissen erkennen lässt, ist die Geschichte seiner Verehrung umso deutlicher greifbar. Gerade darin liegt die besondere volkskundliche Bedeutung der Merbodkapelle: Sie dokumentiert die Entstehung und jahrhundertelange Fortentwicklung eines lokalen, von der Bevölkerung getragenen Kultes, der sich auch ohne förmliche kirchliche Seligsprechung dauerhaft behaupten konnte. Die Kapelle wird weiterhin religiös genutzt und von der Diözese Feldkirch ausdrücklich als Wallfahrtsort geführt.

Lage: Merbodkapelle / Wendelinkapelle, Hof 31, 6861 Alberschwende.
Lage in SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Vorarlberg
Ansicht in Street View
Web: Pfarre zum Hl. Martin Alberschwende
Geöffnet: tagsüber frei zugänglich.
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Literatur zur Wallfahrt:

- Bundesdenkmalamt (Hrsg.): Dehio-Handbuch. Die Kunstdenkmäler Österreichs. Vorarlberg. Verlag Anton Schroll, Wien 1983, S. 2–3.

- Alois Niederstätter: "Zur Konstruktion von Geschichte(n): die ‚seligen Geschwister‘ Diedo, Merbod und Ilga". In: Montfort. Vierteljahresschrift für Geschichte und Gegenwart Vorarlbergs, 60. Jahrgang, Heft 3, 2008, S. 139–155.

- Wilhelm Sydow: "Merbodkult und Baugeschichte der Wendelinkapelle in Alberschwende". In: Jahrbuch des Vorarlberger Landesmuseumsvereins, Bd. 131, 1987, S. 53–72.

- Alois Niederstätter: Wäldar ka nüd jedar sin! Eine Geschichte des Bregenzerwaldes. Universitätsverlag Wagner, Innsbruck. Zur quellenkritischen Behandlung von Diedo, Merbod und Ilga siehe S. 40–43.

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Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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