Всеукраїнський Санктуарій Матері Божої Святого Скапулярію
Berdytschiw - Karmelitenkloster

Schnellüberblick
Wallfahrt:Historisch und gegenwärtig eindeutig belegte überregionale römisch-katholische Marienwallfahrt. Die Berdytschiwer Gottesmutterikone wurde 1647 kirchlich als wundertätig anerkannt und 1756 mit päpstlich autorisierten Kronen gekrönt. Heute kommen regelmäßig organisierte Fußpilgergruppen aus verschiedenen Teilen der Ukraine; 2026 fand die 48. allukrainische Wallfahrt statt.
Status:Aktives Allukrainisches Nationalheiligtum der römisch-katholischen Kirche in der Ukraine, betreut von den Unbeschuhten Karmeliten. Nationalheiligtum seit 27. Oktober 2011; die Kirche der Unbefleckten Empfängnis der Gottesmutter trägt seit 2024 den Titel Basilica minor.
Kultzentrum:Gottesmutter vom Heiligen Skapulier / Berdytschiwer Gottesmutter; heutige, 1990 geschaffene Ikone als Nachfolgerin des seit 1941 verschollenen historischen Gnadenbildes; Skapulierverehrung, päpstlich autorisierte Krönungen, Votivgaben und das jährliche Hauptwallfahrtsfest im Juli.
Ort:Berdytschiw / Berdychiv (Бердичів).
Region:Gebiet Schytomyr.
Land:Ukraine.
Lage und Besuch
•Allukrainisches Nationalheiligtum der Gottesmutter vom Heiligen Skapulier, Soborna-Platz 25, Berdytschiw, Gebiet Schytomyr, Ukraine. GPS: 49.897648, 28.574581.
•Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte in der Ukraine
•Ansicht in Street View
•Das Heiligtum ist gegenwärtig religiös aktiv und veranstaltet weiterhin Wallfahrten, Nachtwachen und Gottesdienste. Zugang, Verkehrsverbindungen und konkrete Veranstaltungsabläufe können sich wegen der Kriegslage kurzfristig ändern und sollten nicht aus älteren Besuchsinformationen abgeleitet werden.
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Besonders gesucht sind Aufnahmen des befestigten Karmelitenklosters über dem Hnylopjat, der Ober- und Unterkirche, der heutigen Berdytschiwer Gottesmutterikone mit Kronen und Skapulier, von Votivgaben, Prozessionen, Fußpilgergruppen, Skapulierfeiern, Wallfahrtsmedaillen sowie historische Ansichten der Festungsanlage.

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Ausführliche Beschreibung

Ein befestigtes Marienheiligtum über dem Hnylopjat

Das Karmelitenheiligtum von Berdytschiw liegt auf einem erhöhten Geländesporn über dem Fluss Hnylopjat und unterscheidet sich bereits durch seine bauliche Gestalt von vielen anderen ukrainischen Wallfahrtsorten. Der heutige Komplex verbindet die Mauern einer frühneuzeitlichen Festung, Klostergebäude, Unterkirche und barocke Oberkirche zu einem geschlossenen sakralen Bezirk. Über mehr als drei Jahrhunderte war dieser Ort zugleich Kloster, Wehrbau, Gnadenbildheiligtum, Druckerei, Bildungszentrum und Ziel großer Marienwallfahrten. Seine religiöse Kontinuität beruht nicht auf einem unveränderten Gebäude oder einem bis heute erhaltenen Originalbild, sondern auf einer immer wieder erneuerten Verbindung von Ort, Marienbild, Skapulierfrömmigkeit und Pilgerpraxis.

Janusz Tyszkiewicz und die Gründungsüberlieferung

Die Stiftung ist eng mit Janusz Tyszkiewicz verbunden, dem Besitzer von Berdytschiw und späteren Wojewoden von Kyjiw. Nach der karmelitischen Überlieferung geriet er während eines Feldzuges gegen Krimtataren in Gefangenschaft und sah im Traum Ordensleute, die vor der Gottesmutter für seine Befreiung beteten. Nach seiner Freilassung habe er in Lublin eben jene Mönche als Unbeschuhte Karmeliten wiedererkannt und gelobt, ihnen in Berdytschiw ein Kloster zu stiften. Die Traumvision gehört zur religiösen Gründungserzählung und ist nicht als unabhängig belegbarer Tatsachenbericht zu behandeln. Sicher dokumentiert sind dagegen die folgenden Stiftungsakte, durch die der Kultort rechtlich und institutionell Gestalt annahm.

1628 bis 1642: Stiftung, Unterkirche und befestigtes Kloster

Am 5. Dezember 1628 genehmigte der Generalrat der Unbeschuhten Karmeliten die geplante Niederlassung. Am 19. Juli 1630 übergab Janusz Tyszkiewicz vor dem Tribunal in Lublin seinen Berdytschiwer Schlossbesitz sowie Einkünfte und weitere Rechte an den Orden; im November desselben Jahres bestätigte der lateinische Bischof von Kyjiw die Stiftung. Damit begann eine dauerhaft fassbare Klostergeschichte. Bemerkenswert ist, dass die Karmeliten nicht auf einem unbebauten Grundstück siedelten, sondern eine bestehende befestigte Anlage übernahmen. Das Heiligtum entwickelte sich deshalb von Anfang an im Spannungsfeld zwischen Kloster und Festung.

Am 2. März 1634 wurde der Grundstein für die erste steinerne Kirche gelegt. Sie entstand als Unterkirche innerhalb des befestigten Klosterbezirks und wurde am 22. Juli 1642 unter dem Patrozinium der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau Maria geweiht. Mauern, Türme und Wehrbauten verliehen dem Komplex einen ausgeprägten Festungscharakter, der angesichts der politischen Unsicherheit des Grenzraumes praktische Bedeutung besaß. Für den Pilger bedeutete der Eintritt in Berdytschiw daher nicht nur das Betreten einer Kirche, sondern den Übergang in einen räumlich klar abgegrenzten, geschützten Bezirk, dessen Sakralität durch Mauern und Tore sichtbar markiert war.

1642: das Familienbild wird zum öffentlichen Gnadenbild

Anlässlich der Kirchweihe schenkte Tyszkiewicz den Karmeliten ein in seiner Familie verehrtes Marienbild. Die spätere Überlieferung beschreibt es als Ikone der Gottesmutter im Typus der Hodegetria und verbindet seine Komposition mit der römischen Marienikone „Salus Populi Romani“ in Santa Maria Maggiore. Das verlorene Original wurde in kirchlichen und kunsthistorischen Darstellungen gewöhnlich dem 16. Jahrhundert zugeschrieben; eine präzise Entstehungsgeschichte ist heute jedoch nicht mehr überprüfbar. Entscheidend für den Wallfahrtsort war weniger das genaue Alter als die Veränderung seiner Funktion: Aus einem privaten Familienbild wurde ein öffentlich zugängliches Kultbild im Hauptaltar eines neuen Karmelitenheiligtums.

1643 bis 1648: Wunderbuch und kirchliche Anerkennung des Kultbildes

Schon kurz nach der Aufstellung begannen die Karmeliten, Berichte über sogenannte Gnaden und Wunder schriftlich zu sammeln. Für die Jahre 1643 bis 1648 werden 77 Einträge genannt. Die Berichte betreffen vor allem Heilungen, Rettungen aus Gefahr und andere Ereignisse, die von den Betroffenen als Fürsprache der Gottesmutter verstanden wurden. Solche Aufzeichnungen sind nicht als moderne medizinische Dokumentation zu lesen, sondern als Quellen zur religiösen Wahrnehmung, zur sozialen Zusammensetzung der Bittsteller und zur frühen Ausbreitung des Kultes. Dass ein eigenes Gnadenbuch geführt wurde, zeigt zugleich, wie rasch der Orden die Einzelberichte zu einer kollektiven Wallfahrtstradition formte.

Besondere Bedeutung erhielt die berichtete Genesung des römisch-katholischen Kyjiwer Bischofs Stanisław Zaremba, der seine Heilung der Fürsprache der Berdytschiwer Gottesmutter zuschrieb. Nach Prüfung der vorliegenden Dokumentation erklärte er das Bild am 23. Mai 1647 offiziell für wundertätig. Diese kirchliche Anerkennung war ein entscheidender Schritt in der Entwicklung vom lokalen Andachtsbild zum überregionalen Gnadenbild. Sie schuf einen institutionellen Rahmen, innerhalb dessen Wallfahrten, Votive, liturgische Feiern und spätere Krönungsbestrebungen legitimiert und weiter ausgebaut werden konnten.

1648 bis 1721: Krieg, Flucht und Rückkehr der Ikone

Bereits 1648 wurde die junge Wallfahrt von den kriegerischen Ereignissen des Chmelnyzkyj-Aufstandes erfasst. Die Karmeliten verließen Berdytschiw und brachten das Gnadenbild an einen sicheren Ort. In den folgenden Jahrzehnten kam es zu wiederholten Besitzkonflikten und Unterbrechungen des Klosterlebens. Die Karmeliten kehrten zeitweise zurück, konnten ihre Rechte jedoch erst nach langwierigen Verfahren dauerhaft sichern. 1721 gelangte die Ikone wieder nach Berdytschiw. Die Objektgeschichte des Gnadenbildes war somit von Anfang an durch Translation und Rückkehr geprägt; die Wallfahrt entwickelte ihre Kontinuität trotz politischer Unterbrechungen.

Der barocke Neubau 1739 bis 1754

Im 18. Jahrhundert wurde der Komplex grundlegend erneuert. Über der älteren Unterkirche entstand zwischen 1739 und 1754 eine große Oberkirche, deren Planung besonders mit dem Ingenieur und Architekten Jan de Witte verbunden wird. Barocke und rokokoartige Formen, reiche Innenausstattung und die erneuerten Befestigungen machten Berdytschiw zu einem weithin sichtbaren Kirchen- und Festungskomplex. Architektur und Gnadenbildkult verstärkten einander: Das Heiligtum erhielt nun den repräsentativen Rahmen, der einer wachsenden überregionalen Wallfahrt entsprach.

1752 bis 1756: Untersuchung der Gnadenberichte und päpstliche Krönungsgenehmigung

Mit dem anwachsenden Kult wurden die überlieferten Gnadenberichte erneut kirchlich untersucht. Der Kyjiwer Bischof Samuel Ożga setzte eine theologische Kommission ein, die über mehrere Jahre Zeugnisse prüfte. Die karmelitische Tradition spricht von insgesamt mehr als 260 anerkannten Gnaden und Wundern. Unter den Bittstellern erscheinen römisch-katholische, griechisch-katholische und orthodoxe Gläubige, was auf eine zumindest zeitweise konfessionsübergreifende Anziehungskraft des Heiligtums hinweist. Die einzelnen Wunderkategorien spiegeln die klassischen Anliegen frühneuzeitlicher Wallfahrt: Krankheit, drohender Tod, Augenleiden, Unfälle, Feuer, Überschwemmung, Epidemien und Verlust von Eigentum.

Die Dokumentation der Gnadenberichte bildete die Grundlage für den Antrag auf eine kanonische Krönung des Gnadenbildes. 1753 erteilte das Kapitel der Petersbasilika in Rom mit Zustimmung Papst Benedikts XIV. die entsprechende Genehmigung; der Papst ließ goldene Kronen für Maria und das Jesuskind nach Berdytschiw senden. Damit erhielt der Kult eine überdiözesane Bestätigung. Die päpstlich autorisierte Krönung gehörte im katholischen Europa des 18. Jahrhunderts zu den stärksten öffentlichen Auszeichnungen eines Marienbildes und erhöhte den Rang des Berdytschiwer Heiligtums erheblich.

16. Juli 1756: die barocke Krönungswallfahrt

Die Krönung fand am 16. Juli 1756, dem Fest Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel, statt. Weil die erwartete Menschenmenge die Kirche bei weitem überstieg, wurde außerhalb der Stadt eine große hölzerne Festarchitektur mit elf Altären errichtet, deren zentraler Bereich ungefähr 20.000 Menschen aufnehmen konnte. Der Weg zwischen Kloster und Krönungsplatz war mit acht Triumphbögen, Leuchten, Bildprogrammen und Symbolen geschmückt; Gebet, Musik, nächtliche Beleuchtung, Prozession und Salutschüsse verbanden sich zu einer bewusst inszenierten barocken Festdramaturgie. Die Krönung war damit nicht nur liturgischer Akt, sondern ein Großereignis, das Stadtraum, temporäre Architektur und Pilgerbewegung zu einem einzigen Ritualraum verband.

Wallfahrtsmedaillen, Votive, Skapulier und materielle Frömmigkeit

Zur Krönung und zu späteren Wallfahrtsfeiern wurden Medaillen, Medaillons und Andachtsbilder hergestellt, die Pilger als Erinnerung mitnehmen konnten. Zugleich erhielt das Gnadenbild Schmuck, Metallgaben und andere Votive. In der materiellen Kultur der Wallfahrt begegnen damit zwei Bewegungsrichtungen: Pilger brachten persönliche Gaben zum Heiligtum und nahmen zugleich geweihte oder erinnernde Gegenstände wieder mit nach Hause. Solche Objekte verbreiteten die Berdytschiwer Marienverehrung weit über den Ort hinaus und machten die Wallfahrt im häuslichen Alltag sichtbar.

Als Heiligtum der Unbeschuhten Karmeliten war Berdytschiw eng mit der Skapulierfrömmigkeit verbunden. Das kleine braune Skapulier, ursprünglich Teil des Ordenshabits, entwickelte sich in der katholischen Volksfrömmigkeit zu einem getragenen Zeichen marianischer Zugehörigkeit und des Vertrauens auf den Schutz der Gottesmutter. Das Hauptfest am 16. Juli verbindet daher das lokale Gnadenbild mit der universalen Karmeltradition. Bis heute kommen nicht nur allgemeine Pilgergruppen nach Berdytschiw; eigene Wallfahrten richten sich ausdrücklich an Menschen, die das Skapulier tragen oder es empfangen möchten.

1854: erneute Krönung und große Pilgermengen

Die ursprünglichen Kronen wurden im 19. Jahrhundert mehrfach gestohlen beziehungsweise gingen verloren. Papst Pius IX. ließ neue Kronen anfertigen, mit denen das Bild am 6. Juni 1854 erneut feierlich gekrönt wurde. Karmelitische Quellen nennen für dieses Ereignis eine außergewöhnlich große Menschenmenge von nahezu 100.000 Teilnehmern, darunter auch orthodoxe Besucher. Eine solche Zahl lässt sich nicht wie eine moderne Besucherstatistik überprüfen und ist als historische Quellenangabe zu behandeln; sie belegt jedoch, in welcher Größenordnung und mit welchem Anspruch die Wallfahrt damals wahrgenommen wurde.

Druckerei, Schule und die Verbreitung der Wallfahrt

Das Kloster entwickelte sich im 18. und 19. Jahrhundert zugleich zu einem wichtigen Bildungs- und Medienzentrum. Druckerei, Bibliothek und Schule verbreiteten religiöse Literatur, Gebetbücher, Andachtsdrucke und Lehrwerke. Für die Geschichte der Wallfahrt ist besonders die Druckerei bedeutsam, weil der Berdytschiwer Marienkult dadurch nicht nur über persönliche Erzählung und Pilgerbewegung, sondern auch über reproduzierbare Texte und Bilder verbreitet wurde. Gebete, Geschichten des Gnadenbildes und Wallfahrtspraktiken konnten so weit entfernt vom Heiligtum gelesen und weitergegeben werden.

1866: Aufhebung des Klosters, Fortbestand des Heiligtums

1866 wurde das Karmelitenkloster im Zuge der russischen Kirchenpolitik aufgehoben. Die Ordensgemeinschaft musste Berdytschiw verlassen, doch die Kirche blieb als katholisches Heiligtum bestehen und wurde von Diözesanpriestern betreut. Die Wallfahrt überdauerte damit die institutionelle Aufhebung des Klosters. Gerade diese Phase zeigt, dass die religiöse Bindung stärker an Gnadenbild und Ort als an die ununterbrochene Präsenz des Ordens gebunden war. Noch 1913 bestätigte Papst Pius X. einen vollkommenen Ablass für Pilger zum Berdytschiwer Heiligtum.

1918 bis 1926: Rückkehr der Karmeliten und sowjetische Enteignung

Nach den politischen Umbrüchen von 1917 konnten die Unbeschuhten Karmeliten 1918 erneut in Berdytschiw tätig werden. Diese Phase blieb kurz. Nach dem Tod des letzten dort wirkenden Karmeliten wurde der Komplex 1926 verstaatlicht. Die Oberkirche wurde in museale Einrichtungen überführt, darunter ein Museum der Revolution und ein atheistisches Museum; die Unterkirche diente zeitweise als Kino. Die sakrale Topographie wurde damit bewusst profaniert und ideologisch neu besetzt, während der historische Wallfahrtscharakter nur noch in Erinnerung und privaten Frömmigkeitsformen fortbestand.

1941: Brand und Verschwinden des historischen Gnadenbildes

1941 kam es im Klosterkomplex zu einem schweren Brand. Seit diesem Ereignis ist das historische Berdytschiwer Gnadenbild verschollen. In älterer Literatur wurde häufig angenommen, es sei im Feuer zerstört worden; einen eindeutigen Augenzeugenbeweis dafür gibt es jedoch nicht. Auch eine vorherige Bergung oder heimliche Entfernung lässt sich nicht ausschließen. Wissenschaftlich korrekt ist deshalb die Feststellung, dass das Original seit 1941 nicht mehr nachweisbar ist und sein weiteres Schicksal ungeklärt bleibt. Diese Unsicherheit ist für die spätere Kultgeschichte entscheidend, weil die Wallfahrt nach 1991 ohne das ursprüngliche materielle Kultobjekt neu aufgebaut werden musste.

1991: Rückgabe des zerstörten Heiligtums

Am 15. November 1991 erhielt die römisch-katholische Kirche zunächst Ober- und Unterkirche zurück; wenig später begann wieder regelmäßiger Gottesdienst. Die bauliche Situation war schwierig: Fenster, Gewölbe und Ausstattung waren beschädigt, Räume standen offen, und die ersten Feiern fanden in winterlicher Kälte statt. Trotzdem kamen Gläubige in großer Zahl. Die Rückkehr der Karmeliten und der Wiederaufbau des Heiligtums wurden dadurch von Anfang an nicht nur als Restaurierungsprojekt, sondern als religiöse Wiederaneignung eines historischen Wallfahrtsortes erlebt.

1990 bis 1998: eine neue Ikone für einen alten Kult

Weil das historische Original nicht wiedergefunden wurde, beschlossen die Karmeliten 1990, eine neue Berdytschiwer Gottesmutterikone schaffen zu lassen. Die Malerin und Restauratorin Bożena Mucha-Sowińska orientierte sich an historischen Fotografien, Zeichnungen und detaillierten Beschreibungen des verlorenen Bildes. Das Ergebnis wurde nicht als wiedergefundenes Original ausgegeben, sondern bewusst als neue Kultikone in der Tradition des alten Gnadenbildes verstanden. Am 9. Juni 1997 segnete Papst Johannes Paul II. das Bild in Krakau. Die für die Krönung bestimmten Kronen wurden nach historischem Vorbild hergestellt; Gläubige stifteten dafür unter anderem persönliche Schmuckstücke und Eheringe. Am 19. Juli 1998 krönte Bischof Jan Purwiński die Ikone aufgrund eines päpstlich autorisierten Dekrets. Damit wurde der alte Kult auf ein neues materielles Bild übertragen, ohne die historische Differenz zum verlorenen Original zu verbergen.

2011 Nationalheiligtum, 2024 Basilica minor

Am 27. Oktober 2011 erklärte die Bischofskonferenz der römisch-katholischen Kirche in der Ukraine das bisherige diözesane Heiligtum zum Allukrainischen Nationalheiligtum der Gottesmutter vom Heiligen Skapulier. Der Titel institutionalisiert die besondere Bedeutung Berdytschiws für die römisch-katholische Kirche des ganzen Landes. Am 21. Juli 2024 wurde während der Hauptwallfahrt unter Leitung des päpstlichen Legaten Kardinal Pietro Parolin bekanntgegeben, dass die Kirche der Unbefleckten Empfängnis den päpstlichen Titel Basilica minor erhalten hatte. Das Heiligtum vereinigt damit heute Kloster, Pfarrei, Nationalheiligtum und Basilica minor in einem Komplex.

Wallfahrt 2026: Fußpilger, Generationen und nationale Öffentlichkeit

Am 18. und 19. Juli 2026 fand die 48. allukrainische Wallfahrt zur Berdytschiwer Gottesmutter statt. Allein am ersten Tag trafen mehr als 550 Fußpilger in sieben organisierten Gruppen ein; die jüngsten Teilnehmer waren Kleinkinder, die ältesten über siebzig Jahre alt. Eine Gruppe ging sechs Tage von Kyjiw nach Berdytschiw, eine andere vier Tage über Schepetiwka und Polonne. Am Haupttag versammelten sich mehr als tausend Gläubige unmittelbar auf dem Platz vor dem Heiligtum. Die heutige Wallfahrt zeigt damit eine bemerkenswerte Kontinuität körperlicher Pilgerpraxis: Trotz moderner Verkehrsmittel bleibt das mehrtägige Gehen ein bewusst gewählter religiöser Vollzug.

Wallfahrt im Krieg

Seit der großangelegten russischen Invasion der Ukraine hat die Berdytschiwer Wallfahrt eine zusätzliche Bedeutung als Ort gemeinsamer Gebete um Frieden, für Soldaten, Verwundete, Vermisste, Gefangene und Vertriebene erhalten. 2026 wurde die Hauptmesse von Erzbischof Paul Richard Gallagher als Sondergesandtem von Papst Leo XIV. gefeiert; an den Feierlichkeiten nahm auch das Oberhaupt der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche teil. Soldaten trugen die Berdytschiwer Ikone auf den Platz. Diese gegenwärtige Symbolik ist von der historischen Wallfahrt zu unterscheiden, fügt ihr aber eine neue gesellschaftliche Schicht hinzu: Das Nationalheiligtum fungiert nun zugleich als religiöser Erinnerungs- und Fürbittort in einer Kriegsgesellschaft.

Wallfahrten der Skapulierträger und weitere Pilgergruppen

Die Wallfahrt konzentriert sich nicht mehr ausschließlich auf das große Juli-Fest. Am 5. September 2026 fand erneut eine eigene Wallfahrt der Menschen statt, die das heilige Skapulier tragen oder es empfangen möchten. Daneben kommen Organisten, Katecheten, Ordensgemeinschaften, Jugendgruppen und weitere kirchliche Gruppen zu eigenen Begegnungen nach Berdytschiw. Der Kult hat sich damit von einer einzigen jährlichen Großwallfahrt zu einem ganzjährigen System unterschiedlicher Pilgerformen entwickelt, deren gemeinsamer Bezugspunkt die Berdytschiwer Gottesmutter bleibt.

Wallfahrtsstatus und volkskundliche Bedeutung

Berdytschiw ist historisch und gegenwärtig ohne Einschränkung als großer Wallfahrtsort einzustufen. Vom 17. Jahrhundert an sind Gnadenberichte, kirchliche Anerkennung, organisierte Pilgerfahrten, Votivgaben und eine päpstlich autorisierte Bildkrönung dokumentiert. Besonders reich ist die materielle Überlieferung: Gnadenbild, Kronen, Skapulier, Votivschmuck, Medaillen, Gebetbücher und Prozessionsobjekte begleiten die Geschichte des Kultes. Hinzu kommen temporäre Festarchitektur, mehrtägige Fußwallfahrt, nächtliche Vigil, Druckmedien und die Weitergabe persönlicher Schmuckstücke für die neuen Kronen. Der Verlust des Originals 1941 und die Schaffung eines neuen Kultbildes zeigen zugleich, dass die Kontinuität einer Wallfahrt nicht ausschließlich an die materielle Unversehrtheit eines einzelnen Gegenstandes gebunden ist. Der Kult konnte seine Identität bewahren, obwohl das historische Bild verschwand und durch eine bewusst als Nachfolgerin geschaffene Ikone ersetzt wurde.

Quellen und Literatur

- Benignus Józef Wanat OCD: „Sanktuarium Matki Bożej Szkaplerznej w Berdyczowie“. Kraków 1998. Grundlegend zur Geschichte des Karmelitenheiligtums, zur Wallfahrt, zu Wunderberichten, Krönungen und zur Wiederbelebung im 20. Jahrhundert.

- Dionizy Bączkowski: „Historia pokarmelickiego klasztoru i kościoła Najświętszej Maryi Panny w Berdyczowie“. Warszawa 1912.

- Wacław z Sulgostowa [Edward Nowakowski]: „O cudownych obrazach w Polsce Przenajświętszej Matki Bożej. Wiadomości historyczne, bibliograficzne i ikonograficzne“. Kraków 1902, Abschnitt Berdytschiw.

- A. Groza: „Ołtarzyk Berdyczowski czyli zbiór modlitw“. Kijów 1856. Historische Andachtsliteratur zur Berdytschiwer Gottesmutter.

- Allukrainisches Nationalheiligtum der Gottesmutter vom Heiligen Skapulier: Geschichte des Heiligtums; Dokumentation zur Unter- und Oberkirche, zur historischen Ikone, zur Wiederherstellung seit 1991 und zur neuen Kultikone.

- Unbeschuhte Karmeliten in der Ukraine: Dokumentation zum Berdytschiwer Heiligtum und zur Geschichte der Gottesmutterikone.

- Römisch-Katholische Kirche in der Ukraine: Verzeichnis der Nationalheiligtümer; Berdytschiw seit 2011 Allukrainisches Nationalheiligtum der Gottesmutter vom Heiligen Skapulier.

- Römisch-Katholische Kirche in der Ukraine: Dokumentation zum 270. Jahrestag der ersten Krönung der Berdytschiwer Ikone, 2026. Zur Krönung 1756, Wallfahrtsgeschichte, Basilica minor und gegenwärtigem Kult.

- Suspilne Schytomyr: Bericht zur 48. allukrainischen Wallfahrt nach Berdytschiw am 18. und 19. Juli 2026. Zu Fußpilgergruppen, Teilnehmerzahlen und gegenwärtiger Wallfahrtspraxis.

- Römisch-Katholische Kirche in der Ukraine: Dokumentation zur Wallfahrt der Skapulierträger am 5. September 2026.

- Stadt Berdytschiw und staatliche Denkmaldokumentation: Karmelitenkloster und Festungsanlage, Soborna-Platz 25; zur Bau- und Restaurierungsgeschichte.

 

Ergänzungen: Wolfgang Morscher