| Wallfahrt: | Scheffau am Wilden Kaiser, Bärnstattkapelle zum Leidenden Heiland – Wallfahrtskapelle und Ziel der Leonhardiwallfahrt |
| Status: | Historischer Wallfahrts- und Andachtsort im Tiroler Unterland. |
| Kultzentrum: | Die Pfarre Scheffau bezeichnet den größeren Bau ausdrücklich als Wallfahrtskirche und berichtet, dass das Gnadenbild 1765 aus der älteren Kapelle in das neue Gotteshaus übertragen wurde. |
| Ort: | Scheffau am Wilden Kaiser |
| Region: | Tiroler Unterland |
| Bundesland: | Tirol |
| • | Lage: gegenüber Hinterstein 18, 6351 Scheffau am Wilden Kaiser. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Tiroler Unterland |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Web: Pfarre Scheffau |
| • | Öffnungszeiten: täglich ca. 8:00 bis 18:00. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
Wir haben leider noch keine Fotos dieses Wallfahrtsortes.
Mit diesen und weiteren Fotomotiven können Sie hier zur Dokumentation beitragen.
Die Bärnstattkapelle bei Scheffau am Wilden Kaiser liegt im Ortsteil Hinterstein an der Straße zum Hintersteiner See, gegenüber dem Gasthof Bärnstatt. Neben dem heutigen Kirchenbau steht noch die wesentlich kleinere ursprüngliche Gnadenkapelle von 1693. Die Pfarre Scheffau bezeichnet den größeren Bau ausdrücklich als Wallfahrtskirche und berichtet, dass das Gnadenbild 1765 aus der älteren Kapelle in das neue Gotteshaus übertragen wurde. Zahlreiche Votivtafeln bezeugen die jahrhundertelange Verehrung.
Am Anfang stand offenbar kein Leonhardsheiligtum, sondern eine kleine Andachtsstätte zum Leidenden Heiland. Die 1693 errichtete Gnadenkapelle ist heute noch erhalten und steht unmittelbar neben der späteren Wallfahrtskirche. Damit lässt sich die Entwicklung des Ortes ungewöhnlich anschaulich nachvollziehen: zuerst ein kleiner Bildstock beziehungsweise eine enge Gnadenkapelle, später wegen der zunehmenden Verehrung ein geräumigerer Kirchenbau.
Die heutige Wallfahrtskapelle wurde in den Jahren 1763 bis 1765 errichtet. Im Jahr 1765 übertrug man das verehrte Gnadenbild aus der alten Kapelle in den Neubau. Bereits 1767 kamen die Kreuzwegbilder hinzu. Die rasche Ergänzung durch einen Kreuzweg passt sehr gut zum Kult des Leidenden Heilands, weil dadurch das Leiden Christi nicht nur am Altarbild betrachtet, sondern in einer Folge von Passionsstationen nachvollzogen werden konnte.
Die Pfarre nennt den Bau ausdrücklich "Bärnstattkapelle zum leidenden Heiland". Das eigentliche Ziel der älteren Wallfahrt war somit nicht primär eine Leonhardsfigur, sondern ein Christusbild. Der Begriff "Leidender Heiland" bezeichnet gewöhnlich Christus während der Passion: gegeißelt, verspottet, mit Dornen gekrönt oder als Schmerzensmann dargestellt.
Solche Heilandsbilder wurden besonders bei Krankheit, körperlichen Schmerzen, seelischer Bedrängnis und in schweren Lebenslagen angerufen. Der leidende Christus galt den Gläubigen als jemand, der menschliches Leid selbst erfahren hatte und deshalb den Bedrängten besonders nahe war.
Dass die Wallfahrt tatsächlich über eine bloße örtliche Andacht hinausging, zeigen die Aussagen der Pfarre, wonach Menschen "aus nah und fern" in der Bärnstattkapelle Trost und Hilfe suchten. Noch wichtiger ist der umfangreiche Bestand an Votivtafeln. Solche Bilder wurden gewöhnlich nach einer überstandenen Krankheit, einem Unfall, einer gefährlichen Geburt, einem Viehschaden oder einer anderen Notlage gestiftet. Sie sind damit unmittelbare Zeugnisse einer Erwartung konkreter göttlicher Hilfe.
Die Wallfahrtskapelle ist ein schlichter barocker Bau mit rechteckigem Langhaus, eingezogenem polygonalem Chor und steilem, schindelgedecktem Dach. Darüber erhebt sich ein kleiner hölzerner Dachreiter mit Zwiebelhaube. Der Chor besitzt einen eigenen Sakristeianbau.
Im Inneren wird das Langhaus von einer Flachkuppel überspannt; der Chor besitzt ein Platzlgewölbe. Die Deckengemälde schuf Matthias Kirchner aus Kitzbühel im Jahr 1798. Dargestellt sind unter anderem Wunderheilungen Christi, die Himmelfahrt Mariens, Johannes der Täufer und die vier lateinischen Kirchenlehrer. Dadurch wird das zentrale Thema der göttlichen Hilfe nochmals bildlich ausgeweitet: Christus erscheint nicht nur leidend, sondern auch heilend.
An der Außenwand befindet sich der sogenannte "Bärnstatter Tod", eine Darstellung des Todes als Skelett mit Sense und Spruchband. Solche Todesbilder erinnerten die Vorübergehenden an die Vergänglichkeit des Lebens und an die Notwendigkeit geistlicher Vorbereitung. Gerade an einem Wallfahrtsort zum Leidenden Heiland fügt sich diese Mahnung besonders schlüssig in das religiöse Gesamtprogramm ein.
Die Kreuzwegbilder aus dem Jahr 1767 verstärken den Passionscharakter des Ortes. Sie führen die Betenden durch die Leidensgeschichte Jesu und verbinden das Gnadenbild mit einer geordneten Andachtsform. Die Bärnstattkapelle ist deshalb nicht einfach eine Leonhardskapelle, sondern zunächst eine ausgeprägte Christus- und Passionswallfahrt.
Heute wird die Kapelle vor allem mit dem heiligen Leonhard verbunden. Alljährlich findet am 6. November, dem Gedenktag des Heiligen, eine Leonhardiwallfahrt statt. Die Pfarre hebt ausdrücklich hervor, dass dabei Leonhard als Schutzpatron des Viehs und der Pferde verehrt wird. Daneben werden bei einer jährlichen Almmesse bäuerliche Traditionen gepflegt.
Der heilige Leonhard war im Alpenraum einer der wichtigsten bäuerlichen Schutzheiligen. Ursprünglich galt er als Patron der Gefangenen, worauf seine Darstellung mit einer Kette verweist. Im ländlichen Volksglauben wurde diese Kette jedoch zunehmend als Viehkette verstanden. Dadurch entwickelte sich Leonhard zum Schutzheiligen von Pferden, Rindern, Stall und bäuerlichem Besitz.
Seine Wallfahrten waren häufig mit Tiersegnungen, Umritten, Wachsvotiven in Form von Pferden oder Rindern und Bitten um Schutz vor Viehkrankheiten verbunden. Für Bärnstatt ist derzeit vor allem die jährliche Wallfahrt sicher belegt; ob dort früher auch ein regelrechter Leonhardiritt oder Tierumgang stattfand, müsste noch durch lokale Chronikquellen geklärt werden.
Volkskundlich ist die Bärnstattkapelle besonders interessant, weil sich hier offenbar zwei Wallfahrtsschichten überlagern:
Die ältere Schicht ist die Wallfahrt zum Leidenden Heiland. Sie entstand bei der Gnadenkapelle von 1693, führte zum Neubau von 1763–1765 und ist durch Gnadenbild, Kreuzweg und Votivtafeln belegt.
Die jüngere beziehungsweise heute stärker sichtbare Schicht ist die Leonhardiwallfahrt. Sie verbindet den Ort mit bäuerlicher Vieh- und Pferdefrömmigkeit und wird bis heute am 6. November begangen.
Damit ist es etwas ungenau, die Kapelle ausschließlich als "Wallfahrtskapelle hl. Leonhard" zu bezeichnen. Der heilige Leonhard bestimmt zwar den heutigen Hauptwallfahrtstag, aber der Bau selbst heißt in der kirchlichen Quelle ausdrücklich Wallfahrtskirche zum Leidenden Heiland.
Die Kapelle wurde 1954 außen renoviert. Im Jahr 1994 erfolgten der Einbau einer Empore und eine umfassende Innenrenovierung. Nach einem Hagelschaden wurde das Dach 2025 neu mit Schindeln gedeckt. Heute dient die Kapelle neben der Wallfahrt auch für Andachten, Taufen, Hochzeiten und kleinere kirchliche Feiern.
Die Wallfahrt ist also keineswegs nur historisch. Die jährlich begangene Leonhardiwallfahrt und die kirchliche Nutzung zeigen eine lebendige Kontinuität, auch wenn sich die Schwerpunkte der Verehrung im Lauf der Zeit verschoben haben.
| Zurück zur Übersicht: Wallfahrt im Tiroler Unterland | |
| Zurück zur Übersicht: Wallfahrt in Tirol | |
| Zurück zur Gesamtübersicht Wallfahrt |
Wir bitten Sie um Ihre Mitarbeit mit Text- oder Bildzusendungen.
Ergänzungen: Wolfgang Morscher
© www.SAGEN.at