| Wallfahrt: | Rattenberg, ehemalige Klosterkirche St. Augustinus – historische Wallfahrt zu den Sieben Schmerzen Mariens |
| Status: | Historischer Wallfahrts- und Andachtsort im Tiroler Unterland. |
| Kultzentrum: | Sein Mittelpunkt ist eine Pietà von 1818, die als Gnadenbild verehrt wurde. |
| Ort: | Rattenberg |
| Region: | Tiroler Unterland |
| Bundesland: | Tirol |
| • | Lage: Augustinermuseum, Klostergasse 63 und 94, 6240 Rattenberg. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Tiroler Unterland |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Web: Augustinermuseum Rattenberg |
| • | Öffnungszeiten: Mai bis Oktober täglich 10:00 bis 17:00. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
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Die ehemalige Klosterkirche St. Augustinus in Rattenberg war keine Wallfahrtskirche von ihrer Gründung an. Eine Wallfahrt beziehungsweise wallfahrtsmäßige Verehrung zu den Sieben Schmerzen Mariens entwickelte sich offenbar erst nach der Übernahme des Klosters durch den Servitenorden im Jahr 1817. Heute ist die Kirche Teil des Augustinermuseums und keine lebendige Wallfahrtskirche mehr.
Die Klosteranlage wurde 1384 durch Johann Kummersbrucker, Pfandinhaber des Gerichts Rattenberg, für die Augustiner-Eremiten gestiftet. Die ursprüngliche Klosterkirche entstand ab 1385 und diente zugleich als Grablege des Stifters. Nach mehreren Bränden und baulichen Veränderungen wurde das Gotteshaus von 1695 bis 1711 umfassend barockisiert. Das Langhaus entstand 1695–1697 neu, die prächtige Stuck- und Freskenausstattung folgte im frühen 18. Jahrhundert.
Kunsthistorisch gehört die Kirche zu den bedeutendsten barocken Sakralräumen des Tiroler Unterlandes. Besonders berühmt ist das große Kuppelfresko, der sogenannte "Augustinerhimmel", das die Verherrlichung des hl. Augustinus inmitten zahlreicher Ordensheiliger zeigt. Die Stuckarbeiten stammen von Diego Francesco Carlone und Paolo d’Allio, die Fresken von Johann Josef Waldmann; am Hochaltar befindet sich ein Gemälde von Jakob Zanusi.
Für die Wallfahrtsgeschichte ist jedoch nicht der Hochaltar entscheidend, sondern ein Seitenaltar im Langhaus. Dieser wird als Gnadenaltar der Sieben Schmerzen Mariens bezeichnet. Sein Mittelpunkt ist eine Pietà von 1818, die als Gnadenbild verehrt wurde. Maria hält dabei den vom Kreuz abgenommenen Leichnam Christi auf ihrem Schoß. Das Bildwerk führt unmittelbar in die Spiritualität der Schmerzhaften Muttergottes.
Die Datierung von 1818 ist auffällig, denn ein Jahr zuvor hatten die Serviten das Kloster übernommen. Der Augustinerorden bestand in Rattenberg bis 1817; anschließend betreuten die Serviten Kirche und Kloster bis 1971.
Gerade dieser Ordenswechsel erklärt die Verehrung der Sieben Schmerzen Mariens. Die Serviten – der Orden der Diener Mariens – widmen sich seit dem Mittelalter in besonderer Weise dem Leiden der Gottesmutter. Das Fest der Sieben Schmerzen war dem Orden bereits seit dem 17. Jahrhundert eigens gestattet und wurde später auf die gesamte katholische Kirche ausgedehnt.
Es liegt daher sehr nahe, dass die Serviten nach ihrer Ankunft in Rattenberg den Gnadenaltar errichteten oder neu gestalteten und die Verehrung der Schmerzhaften Muttergottes gezielt förderten. Die Pietà von 1818 wäre dann nicht zufällig unmittelbar nach der Klosterübernahme entstanden, sondern sichtbarer Ausdruck der neuen servitischen Frömmigkeit. Das ist eine gut begründete Schlussfolgerung aus Ordensgeschichte, Datierung und Altarpatrozinium, auch wenn mir bislang keine ausführliche zeitgenössische Gründungsurkunde der Wallfahrt vorliegt.
Die Sieben Schmerzen Mariens beziehen sich traditionell auf:
die Weissagung Simeons, die Flucht nach Ägypten, die Suche nach dem zwölfjährigen Jesus, die Begegnung auf dem Kreuzweg, die Kreuzigung, die Kreuzabnahme und die Grablegung Christi. Im Zentrum steht Maria als Mutter, die das Leiden ihres Sohnes miterlebt. Die Pietà fasst vor allem den sechsten Schmerz, die Kreuzabnahme, in einem besonders eindringlichen Bild zusammen.
Die Wallfahrt dürfte daher vor allem Menschen angesprochen haben, die selbst von Trauer, Krankheit, Tod, familiärem Leid oder anderen schweren Schicksalsschlägen betroffen waren. Die Schmerzhafte Muttergottes galt nicht nur als betrachtetes Passionsbild, sondern als himmlische Mitfühlende, die menschliches Leid aus eigener Erfahrung verstand.
Allerdings ist die Quellenlage weniger dicht als etwa bei Kleinholz, Mariastein oder dem Hechenberg. Die heute maßgeblichen Darstellungen des Augustinermuseums und der Kirche beschreiben ausführlich Baugeschichte und Kunstwerke, bezeichnen St. Augustinus jedoch nicht mehr ausdrücklich als Wallfahrtskirche.
Der konkrete Wallfahrtsnachweis beruht vor allem auf der Bezeichnung des Seitenaltars als Gnadenaltar, auf der als Gnadenbild verehrten Pietà und auf Wallfahrtsverzeichnissen, welche Rattenberg als Marienwallfahrtsort anführen. Hinweise auf große regelmäßige Prozessionen, ein Mirakelbuch, einen umfangreichen Votivbestand oder bestimmte Herkunftsorte der Pilger scheinen nicht zu existieren.
Von einer großen überregionalen Wallfahrt ist daher nicht auszugehen. Wahrscheinlicher ist eine kleinere regionale beziehungsweise klösterlich betreute Servitenwallfahrt, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert bestand.
Die Aufhebung des klösterlichen Lebens brachte schließlich einen deutlichen Bruch. Die Serviten verließen Rattenberg 1971. Seit 1993 gehören Klosterkirche, Kreuzgang, Hoferkapelle und Ecce-Homo-Kapelle zum Augustinermuseum. Damit wurde aus dem ehemaligen Gotteshaus und Wallfahrtsraum vorwiegend ein museal erschlossenes Baudenkmal.
Volkskundlich ist der Ort dennoch sehr interessant. Hier lässt sich beobachten, wie ein bereits jahrhundertealtes Augustinerkloster durch den Wechsel zu einem anderen Orden eine neue Frömmigkeitsschicht erhielt. Die Serviten übernahmen nicht einfach nur eine bestehende Kirche, sondern brachten ihr eigenes zentrales Kultthema – die Schmerzen Mariens – in den Raum ein. Der 1818 errichtete beziehungsweise ausgestattete Gnadenaltar wurde so zum sichtbaren Zeichen des Ordenswechsels.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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