Kundl, Filial- und Wallfahrtskirche St. Leonhard auf der Wiese


Lage: St. Leonhard 1, 6250 Kundl.
Lage in SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Tiroler Unterland
Ansicht in Street View
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St. Leonhard auf der Wiese
Von Fanny Reinisch. (1932)

Zwei Kilometer westlich vom Dorfe Kundl steht die Kirche St. Leonhard auf der Wiese.

In vergangenen Tagen floss der Inn noch dort vorüber, wo heute das schöne Gotteshaus steht. Einmal schwamm eine steinerne Statue, die den hl. Leonhard darstellte, den Fluss herunter, bei Kundl wurde sie an das Ufer gespült, fromme Bewohner stellten sie zur Verehrung an der Straße auf. Es geschah, dass im Jahre 1004 Kaiser Heinrich II. der Heilige auf seinem ersten Römerzug hier vorbeiritt, um sich in Italien die römische Kaiserkrone auf das Haupt setzen zu lassen. Er sah das unbedeckte Bild des Heiligen und gelobte, wenn er glücklich von Italien zurückkehre, ihm eine Kirche zu bauen. In Pavia wurde Kaiser Heinrich mit der eisernen und in Rom mit der römischen Kaiserkrone geschmückt. Er kehrte wohlbehalten nach Deutschland zurück, vergaß aber ganz auf sein gegebenes Versprechen. Nach einigen Jahren (1012) unternahm Heinrich einen zweiten Zug nach Italien und kam wiederum an dieser Stelle vorüber, da bäumte sich das Pferd und war trotz Sporen nicht weiter zu bewegen. Der Kaiser erinnerte sich seines Versprechens und gelobte, es einzuhalten. Als er aus Italien zurückkam, begann er die Kirche zu bauen, welche 1019 vollendet wurde. Im Jahre 1020 lud Kaiser Heinrich den Papst Benedikt VIII. ein, den neuerbauten Dom in Bamberg einzuweihen. Der Kaiser eilte seinem Gaste bis an die Stelle der St.-Leonhards-Kirche entgegen und bat den Papst, auch diese von ihm erbaute Kirche zu weihen. Eine auf dem Gesangschore angebrachte Tafel erinnert noch heute an diese Legende. Das Bild stellt die Einweihung der Kirche durch den Papst dar, in Gegenwart des Kaisers, der Kardinäle, Bischöfe und Ritter.

Von der ursprünglichen Kirche sind nur mehr einige Teile in dem gotischen Neubau von 1481 zu sehen. Wenn wir das Gotteshaus durch das Westportal betreten, so sehen wir ein schmiedeeisernes Abschlussgitter aus dem Jahre 1695 vor uns. Neben dem Eingang führt eine Wendeltreppe auf den Orgelchor und auf den Turm, die Stiege ist aus Tuffstein in die Ecke des mächtigen Turmmauerwerkes eingebaut. Das Innere der Kirche bildet eine von einem reichen Netzgewölbe abgeschlossene Halle in der Länge von 35 Meter und 12 Meter Breite. Ein Triumphbogen scheidet das ganze Gebäude in zwei ziemlich gleich lange Teile: Der Chor ist also verhältnismäßig groß und gegenüber dem Schiff reicher ausgestaltet. Besonders bemerkenswert ist der große Schlussstein in der Mitte des Chorgewölbes, er reicht in Form eines krappen besetzten Kreissegmentes frei und tief herab und ist überdies noch mit einem Stengel besetzt, den eine doppelte Kreuzblume ziert, eine höchst eigenartige Erscheinung, die in verwandter Ausführung sonst nur in der Spätgotik in England vorkommt. Kräftig hervortretende Wandpfeiler, denen im Langhaus die Kapitäle fehlen, gliedern das ganze Gotteshaus in acht Abteilungen. Aus der alten romanischen Kirche entnommene Teile aus Sandstein bilden die Sockel des Triumphbogens; der eine zeigt einen Lindwurm und eine Löwenfigur, der andere einen Bären in liegender Stellung, darüber die Büste einer menschlichen Figur mit einem Spruchband. In der Mitte unter dem Triumphbogen ist die steinerne Statue des hl. Leonhard in sitzender Stellung; es soll dies jenes Bild sein, das einst Kaiser Heinrich aufstellen ließ. Das Buch, das der Heilige in der Hand hält, trägt jedoch die Jahreszahl 1581. An verschiedenen Baustellen der Kirche finden sich viele interessante Steinmetzzeichen. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Kirche renoviert. Man fand unter der Tünche alte Malereien, die zum Teil, besonders am Gewölbe, freigelegt und durch Kunstmaler Siber von Hall wieder hergestellt wurden. Ober dem Hauptaltar fanden sich zwei große Freskobilder, den heiligen Leonhard und einen Bischof darstellend. An der Nordwand sehen wir eine Kreuzigungsgruppe, unter derselben einen rotbärtigen Priester. Nach der Unterschrift ist dies das Bild des Pfarrers Johann Alpinger, der von 1583 bis 1594 in Kundl wirkte; aus dieser Zeit dürfte die Malerei stammen. Auch an anderen Stellen zeigten sich Spuren von Wandgemälden, die aber wegen Mangel an Mitteln nicht mehr ergänzt werden konnten. In der Sakristei ist oberhalb der Tür die sogenannte Georgiusmesse zu sehen.

Die Altäre stammen nach einer Inschrift auf dem Hochaltar aus dem Jahr 1645 und wurden 1846 auf ziemlich ungeschickte Weise erneuert. Die geschnitzten Chorstühle füllen das Presbyterium vor einer reichen Täfelung, es sind auffällig viele Sitze angebracht. Die Überlieferung sagt, dass in jener Zeit das Kloster Georgenberg hier angebaut werden sollte und deswegen auch die Nordwand der Kirche ohne Fenster geblieben sei. Zu erwähnen ist noch die Kanzel aus dem Ende des 17. Jahrhunderts mit den Bildwerken des Königs David und der vier großen Kirchenlehrer; die Wangen der Kirchenstühle sind geschnitzte Löwenköpfe. An sonstigen Bildwerken können noch angeführt werden auf dem Hochaltar die hölzernen Statuen der Heiligen Leonhard, Wolfgang und Heinrich. Ober der Sakristeitür sehen wir zwei alte Bilder, das Schweißtuch der Veronika und ein lebensgroßes Bild des Heilandes. Von den vielen Exvoto-Gegenständen, die früher an den Wänden und besonders an der Statue des hl. Leonhard zu sehen waren, ist jetzt außer einem Bild, welches die Errettung des „fürnehmben Hanns Greisenbekh zu Jenbach", der samt seinem Pferd zehn Klafter tief in eine alte heidnische Zeche gestürzt war (1669), und einem großen Rosseisen mit den Jahreszahlen 1647 bis 1704, wenig mehr zu finden. Am Scheitel des Triumphbogens hängt ein großes Kruzifix mit einem Totenkopf.

Die Außenseite der Kirche ist ziemlich einfach, aus rotem Kramsacher Marmor und am Langhaus ohne Streben. Das spitzbogige Hauptportal ist durch Stäbe und Hohlkehlen profiliert, das Seitenportal zeigt einen reich mit Krappen besetzten Wimberg, ober demselben ein riesiges Bild des hl. Christoph, das anfangs dieses Jahrhunderts vom Kunstmaler August Wagner erneuert wurde.

Die Kirche war früher ein sehr besuchter Wallfahrtsort. Der hl. Leonhard wird von der Landbevölkerung als Viehpatron verehrt. Im Jahre 1773 wurde die Wallfahrt aufgehoben und das Gnadenbild in die Pfarrkirche Kundl auf den Johannesaltar übertragen. Die zum Abbruch bestimmte Kirche wurde von der Gemeinde Kundl um 800 Gulden ersteigert. Am Anfange des vorigen Jahrhunderts wurde das Bild des hl. Leonhard zurückgestellt. Von da an wurden wieder Messen und Gottesdienste an mehreren Sonn- und Festtagen von der hochwürdigen Geistlichkeit von Kundl abgehalten. Der schöne Bau der Kirche ist gut erhalten und heute noch das Ziel vieler Andächtiger und Kunstfreunde.
Anmerkung: Quellen: Juffinger, Kundl, und Karl Atz im „Kunstfreund", 10. Jahrgang, 1894.

Quelle: Fanny Reinisch, St. Leonhard auf der Wiese, in: Tiroler Heimatblätter, 10. Jahrg., Heft 3, März 1932, S. 89 - 92.

Blick auf die Filial- und Wallfahrtskirche St. Leonhard auf der Wiese:

Filial- und Wallfahrtskirche St. Leonhard auf der Wiese

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Außenansicht Filial- und Wallfahrtskirche St. Leonhard auf der Wiese:

Filial- und Wallfahrtskirche St. Leonhard auf der Wiese

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Außenansicht Filial- und Wallfahrtskirche St. Leonhard auf der Wiese:
Die Leonhardskirche in Kundl, Ansicht von Süden. An der Fassade der hl. Christophorus und eine Sonnenuhr.
Der Turm ist 56 Meter hoch, die Länge ist 35 Meter die Breiste 12 Meter, die Scheitelhöhe des Schiffs beträgt 13 Meter.
Die Leonhardskirche ist neben der Schwazer Stadtpfarrkirche der bedeutendste spätgotische Sakralbau in Tirol.
Sie wurde vermutlich ohne Vorläuferbau durch eine Hagauer (bei Kramsach) Bauhütte ab ca. 1450 oder 1480 errichtet. Der Hagauer Meister Christian Nickinger übernahm den Bau 1480 bis 1492. Das Weihedatum im Jahr 1512 ist nicht urkundlich belegt.
Die Schlusssteine im Chor der Kirche tragen neben dem Wappen des Kaisers Maximilian I. die Wappen heimischer Gewerkengeschlechter: Mermoser, Lintauer, Hocholtinger, Fronhalmer, Ridler.
Neben der beeindruckenden Ausstattung ist die Kirche im Brauchtum der Region fest verankert. Besonders bekannt ist der Leonhardiritt im November mit Elementen der Pferdeweihe und Erntedank.
Die Kirche gehört zur Erzdiözese Salzburg.

Filial- und Wallfahrtskirche St. Leonhard auf der Wiese

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Heiltumslaube mit Statue des hl. Leonhard:
Am westlichen der beiden Eingänge in den von einer Mauer umfriedeten Platz vor der Kirche befindet sich in der südwestlichen Ecke eine "Heiltumslaube" mit einer barocken Statue des hl. Leonhard und ein massiver eiserner Opferstock.
In dieser spätgotischen Öffnung haben die Wallfahrer ihre Weihegaben niedergelegt, bzw. wurden ihnen Reliquien gezeigt.

Filial- und Wallfahrtskirche St. Leonhard auf der Wiese - Heiltumslaube

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Leonhardskirche Kundl - Westportal:
Das sehr schöne, dreifach gekehlte Westportal der Leonhardskirche in Kundl, Tirol. Der heutige Haupteingang der Kirche.

Filial- und Wallfahrtskirche St. Leonhard auf der Wiese - Westportal, Hauptportal

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Leonhardskirche Kundl - Südportal:
Das sehr schöne Südportal mit dem Haupt Christi im Tympanon der Leonhardskirche in Kundl, Tirol. Auch der massive, eiserne Schmutzfänger vor der Tür beeindruckt sehr.

Filial- und Wallfahrtskirche St. Leonhard auf der Wiese - Südportal

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Leonhardskirche Kundl - Innenansicht:
Der Hochaltar und der Georgialtar (linker Seitenaltar) entstammen wahrscheinlich der Kufsteiner Werkstatt des Peter Weißbachauer um 1646.
Als Schreinwächter am Hochaltar neben dem Kirchenpatron stehen St. Wolfgang und sein heiliger Schüler Kaiser Heinrich II. Am Georgsaltar stehen die Gesprengefiguren des Christus Salvator und der hll. Maria und Johannes.
Der Oswaldaltar (rechter Seitenaltar) ist 1685 aufgestellt worden; als Figuren zieren ihn die hll. Erasmus, Ulrich und Ägydius. Er ist vermutlich dem Werkstattnachfolger Sebastian Weißbachauer und dem als Mesner in St. Leonhard tätigen Bildhauer Michael Mayr zuzuschreiben.
Etwas links von der Mitte die Figur des Kirchenpatrons hl. Leonhard aus Kramsacher Marmor mit der Jahreszahl "1481" vom Hagauer Meister Christian Nickinger. Diese Figur war das ursprüngliche Kultbild. (Text nach Kirchenführer: Die Kirchen von Kundl/Tirol, Johannes Neuhardt, 2005)

Filial- und Wallfahrtskirche St. Leonhard auf der Wiese - Innenansicht

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Leonhardskirche Kundl - Gnadenbild Marmorfigur St. Leonhard:
Der hl. Leonhard aus Kramsacher Marmor mit der Jahreszahl "1481" vom Hagauer Meister Christian Nickinger. Ursprünglich als Patron der Bergknappen, ab der Barockzeit Schutzheiliger des Viehstandes.
Im Hintergrund der älteste Beichtstuhl Tirols datiert "1614".

Filial- und Wallfahrtskirche St. Leonhard auf der Wiese

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Leonhardskirche Kundl - Fresko der Kreuzigung:
Fresko der Kreuzigung vermutlich von einem Rattenberger Künstler, eine Stiftung des Pfarrers Johann Alxinger.

Filial- und Wallfahrtskirche St. Leonhard auf der Wiese - Fresko Kreuzigung

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Leonhardskirche Kundl - Schlussstein des Chorgewölbes:
Leonhardskirche Kundl. Der Schlussstein des Chorgewölbes in der Form einer frei herabhängenden Kreuzblume.
Ein Hinweis auf eine andere Bauleitung des Chores als die des Kirchenschiffes.
Der abgebildete Bereich des Fotos entspricht etwa drei bis vier Meter, die Größe der Kreuzblume ist beachtlich.

Leonhardskirche Kundl - Schlussstein des Chorgewölbes

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Literatur zur Wallfahrt:
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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