St. Jakob in Defereggen, Wallfahrtskapelle Maria Hilf bei Rinderschinken

Schnellüberblick
Wallfahrt:Historische Mariahilf-Wallfahrt zur Kapelle bei Rinderschinken im Defereggental.
Status:Die ältere organisierte Wallfahrt ist heute weitgehend erloschen; der Ort liegt wieder an einem Pilgerweg.
Kultzentrum:Mariahilfbild des 18. Jahrhunderts nach dem Cranach-Typus.
Besonderheit:Ehemals vielbesuchter kleiner Gnadenort in hochalpiner Lage nahe der Schwarzach.
Ort:Rinderschinken, St. Jakob in Defereggen.
Bezirk:Lienz / Osttirol.
Bundesland:Tirol.
Lage und Besuch
•Lage: nördlich Oberrotte 92, 9963 St. Jakob in Defereggen.
•Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Tirol - Osttirol/Bezirk Lienz
•Ansicht in Street View
•Web: Pfarre St. Jakob in Defereggen
•Öffnungszeiten: tagsüber durchgehend geöffnet.
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Ausführliche Beschreibung

Nahe der Schwarzach, ganz hinten im Defereggental, liegt mit der Mariahilf-Kapelle bei Rinderschinken ein ehemals vielbesuchter kleiner Marienwallfahrtsort. Im Mittelpunkt steht ein Mariahilfbild des 18. Jahrhunderts nach dem berühmten Cranach-Typus – ein weiteres Beispiel dafür, wie sich die Innsbrucker Mariahilf-Verehrung bis in entlegene Tiroler Bergtäler ausbreitete und dort eigenständige lokale Gnadenorte entstehen ließ.

Historisch

Eine erste Mariahilfkapelle soll hier bereits 1669 errichtet worden sein. Der heutige spätbarocke Bau entstand 1785 unter Einbeziehung eines Vorgängerbaues und wurde noch im selben Jahr geweiht. Die Kapelle liegt auf etwa 1.430 Metern Seehöhe nahe der Schwarzach.

Der Neubau des späten 18. Jahrhunderts dürfte mit der Bedeutung des Ortes für die Marienverehrung zusammenhängen. Dass die Kapelle später ausdrücklich als ehemals vielbesuchtes Wallfahrtsziel beschrieben wird, zeigt, dass ihre Funktion weit über die eines gewöhnlichen Andachtsraumes für die wenigen umliegenden Höfe hinausging.

Eine Gründungslegende und Mirakelbuch sind nicht bekannt.

Das Mariahilfbild

Im Mittelpunkt des Kapellenraumes befindet sich ein Mariahilfbild des Cranach-Typus aus dem 18. Jahrhundert. Es ist von einem vergoldeten Strahlenkranz umgeben und wird von vier hölzernen Putten aus der Mitte des 18. Jahrhunderts begleitet. Bei einer Renovierung im Jahr 1991 wurden außerdem einfache Baldachinmalereien in der Apsis freigelegt.

Das Bild gehört damit zu jener großen Familie von Nachbildungen des berühmten Innsbrucker Mariahilfbildes Lucas Cranachs, dessen Original heute im Dom St. Jakob verehrt wird. Der Bildtypus zeigt Maria nicht als distanzierte Himmelskönigin, sondern in unmittelbarer körperlicher Nähe zum Jesuskind. Gerade diese innige Mutter-Kind-Beziehung machte das Bild seit dem 17. Jahrhundert zu einem der beliebtesten marianischen Andachtsbilder im Alpenraum.

Für Rinderschinken lässt sich allerdings nicht nachweisen, ob die vorhandene Darstellung ausdrücklich als "wundertätiges Gnadenbild" bezeichnet wurde oder welche konkreten Gebetserhörungen den Wallfahrerzustrom begründeten. Gesichert ist die Wallfahrt, nicht aber ihre genaue Ursprungsgeschichte.

Kunstgeschichtlich

Die Kapelle ist ein schlichter spätbarocker Bau mit rechteckigem Langhaus, eingezogenem beziehungsweise abgerundetem Chorbereich und einer westlich vorgelagerten hölzernen Vorhalle. Über dem Eingang erhebt sich ein kleiner Giebelreiter mit Pyramidenhelm, Kreuz und Wetterhahn. Das Äußere ist bewusst einfach gehalten und entspricht dem Charakter eines ländlichen Wallfahrtsheiligtums.

Im Inneren überspannt ein flaches Tonnengewölbe den Raum. Eine hölzerne Empore befindet sich über dem Eingang. Der heutige Altarbereich ist vergleichsweise schlicht; dadurch tritt das Mariahilfbild mit seinem goldenen Strahlenkranz besonders deutlich hervor.

Interessant sind auch die im Zweiten Weltkrieg entstandenen Glasfenster. Sie wurden nach Entwürfen von Carl Rieder aus Schwaz zwischen 1943 und 1944 von der Tiroler Glasmalereianstalt ausgeführt und zeigen verschiedene marianische Gnadenbilder. Damit wird die kleine Kapelle bildlich in eine größere Landschaft von Marienwallfahrtsorten eingebunden: Das eigene Mariahilfbild steht nicht isoliert, sondern erscheint als Teil eines ganzen Netzes verehrter Marienbilder.

Volkskundliche Bedeutung

Mariahilf im abgelegenen Bergtal

Volkskundlich ist besonders interessant, wie weit der Mariahilfkult in den Alpenraum vorgedrungen ist. Ein Bildtypus, der über Cranachs Innsbrucker Madonna weithin bekannt wurde, erreichte auch eine kleine Siedlung tief im Defereggental. Dort wurde aus dem allgemein verbreiteten Mariahilfbild ein konkreter lokaler Wallfahrtsort.

Das zeigt einen typischen Vorgang der barocken Volksfrömmigkeit: Ein berühmtes Gnadenbild wird kopiert, die Kopie erhält einen festen Platz, Menschen beginnen dort zu beten und von Hilfe zu berichten – und schließlich entwickelt sich um das neue Bild eine eigene Wallfahrt. Für Rinderschinken können wir den letzten Schritt, die tatsächliche Wallfahrt, belegen; die einzelnen Stationen ihrer Entstehung bleiben dagegen noch im Dunkeln.

Ein Wallfahrtsort an der Brücke

Auch die Lage ist bemerkenswert. Die Kapelle befindet sich im Bereich der Schwarzachbrücke zwischen Rinderschinken und der gegenüberliegenden Siedlung Mariahilf. Der ältere Name des dortigen Siedlungsbereiches "Bruggen" leitete sich gerade von dieser Brückensituation ab.

Brücken waren im Alltag früherer Jahrhunderte besonders wichtige und zugleich gefährdete Orte. Sie verbanden Siedlungen, ermöglichten Handels- und Pilgerwege und waren durch Hochwasser bedroht. Ob die konkrete Lage der Kapelle selbst mit einem Schutz- oder Brückenkult zusammenhing, ist nicht belegt. Die Lage am Übergang über die Schwarzach dürfte aber wesentlich dazu beigetragen haben, dass das Heiligtum für Reisende und Talbewohner gut erreichbar war.

Die Wallfahrt verschwindet – der Pilgerweg kehrt zurück

Die ältere organisierte Mariahilfwallfahrt scheint heute weitgehend erloschen zu sein; die Literatur spricht ausdrücklich von einem ehemals vielbesuchten Wallfahrtsziel. Gleichzeitig erhält die Kapelle durch den modernen Bergpilgerweg "Hoch und Heilig" wieder eine neue Funktion als Pilgerstation. Die sechste Etappe von Kalkstein nach St. Jakob führt nach dem Abstieg ins Defereggental über Rinderschinken mit einem Abstecher zur Wallfahrtskapelle Maria Hilf.

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Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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