Obertilliach, ehemalige Wallfahrt Pfarrkirche St. Ulrich

Schnellüberblick
Wallfahrt:Ehemalige Marienwallfahrt zur Tabernakel-Muttergottes in der Pfarrkirche St. Ulrich.
Status:Die organisierte Wallfahrt ist weitgehend erloschen; die Kirche dient heute in erster Linie als Pfarrkirche.
Kultzentrum:Die 1735 nach Obertilliach gebrachte Nachbildung der Waldauf-Madonna von Hall in Tirol.
Besonderheit:Die Marienwallfahrt war ein wesentlicher Anlass für den ungewöhnlich großen barocken Kirchenneubau.
Ort:Obertilliach.
Bezirk:Lienz / Osttirol.
Bundesland:Tirol.
Lage und Besuch
•Lage: Dorf, 9942 Obertilliach.
•Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Tirol - Osttirol/Bezirk Lienz
•Ansicht in Street View
•Web: Pfarre Obertilliach - SR Tiroler Gailtal
•Öffnungszeiten: täglich frei zugänglich.
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Ausführliche Beschreibung

Die für das kleine Bergdorf Obertilliach erstaunlich große barocke Pfarrkirche verdankt ihre heutige Gestalt wesentlich einer einst blühenden Marienwallfahrt: Nicht der Kirchenpatron Ulrich stand im Mittelpunkt des Pilgerwesens, sondern die sogenannte Tabernakel-Muttergottes, eine 1735 nach Obertilliach gebrachte Nachbildung der Waldauf-Madonna von Hall in Tirol.

Es handelt sich um eine Kirche, deren Patrozinium und Wallfahrtskult nicht identisch sind: Kirchenpatron ist der heilige Ulrich von Augsburg, Ziel der historischen Wallfahrt war Maria.

Historisch

Eine Kirche beziehungsweise Kuratie in Obertilliach ist seit dem 14. Jahrhundert nachweisbar. Den entscheidenden Impuls für die spätere Wallfahrt brachte jedoch das Jahr 1735: Damals kam eine Kopie der sogenannten Waldauf-Madonna von Hall in Tirol nach Obertilliach. Mit ihrer Verehrung setzte eine rege Wallfahrtsbewegung ein.

Der Ruf der Madonna als wundertätig zog offenbar so viele Menschen an, dass das ältere Gotteshaus den Anforderungen nicht mehr genügte. Unter dem als bedeutenden Kirchenbauer bekannten Pfarrer Franz de Paula Penz entstand ab 1762 die heutige große Barockkirche. Der Dehio setzt den eigentlichen Neubau 1762 bis 1764 an; nach anderen Quellen Fertigstellung bis 1783.

1891 wurde Obertilliach zur Pfarre erhoben. Der heutige Kirchturm ist jünger als der barocke Kirchenbau und entstand anstelle des älteren Turmes gegen Ende des 19. Jahrhunderts.

Die Tabernakel-Muttergottes

Das eigentliche Gnadenbild befindet sich am Hochaltar über dem Tabernakel – daher die Bezeichnung "Tabernakel-Muttergottes". Es handelt sich um eine Nachbildung der Waldauf-Madonna in Hall in Tirol, die 1735 nach Obertilliach gebracht wurde. Auch eine ältere Tiroler Sehenswürdigkeitenbeschreibung nennt ausdrücklich ein "Gnadenbild Muttergottes am Hochaltar".

Damit begegnet uns hier erneut ein für die Tiroler Wallfahrtskultur wichtiger Vorgang: Ein bereits verehrtes Marienbild wird kopiert und an einen neuen Ort übertragen, wo die Kopie selbst zum Gnadenbild wird.

Die religiöse Bedeutung einer solchen Kopie lag nicht in künstlerischer Originalität. Entscheidend war ihre Beziehung zum berühmten Vorbild. Die Wallfahrer konnten sich durch die Nachbildung mit dem ursprünglichen Gnadenort verbunden fühlen. Entwickelten sich am neuen Ort eigene Gebetserhörungen und Wallfahrtstraditionen, wurde aus der Kopie schließlich ein eigenständiges lokales Gnadenbild.

Genau dies scheint in Obertilliach geschehen zu sein: Die Madonna blieb nicht bloß Erinnerung an Hall, sondern gewann selbst den Ruf der Wundertätigkeit und zog eigene Wallfahrer an. Der Erfolg war so groß, dass er sich unmittelbar in der Dimension des heutigen Kirchenbaus niederschlug.

Kunstgeschichtlich

Die heutige Kirche ist ein großzügiger barocker Saalbau, dessen Dimensionen für die Größe Obertilliachs auffallen. Der Hochaltar bildet mit seiner mächtigen Säulenarchitektur den optischen Mittelpunkt. Das große Altarbild zeigt Maria mit den Heiligen Jakobus, Ulrich und Martin; darüber beziehungsweise im Bereich des Tabernakels befindet sich die verehrte Tabernakel-Muttergottes.

Die Deckenfresken schufen Anton und Josef Anton Zoller 1764. Im Langhaus erscheinen unter anderem die Anbetung des Allerheiligsten und Szenen aus der Ulrichslegende, darunter Ulrich im Zusammenhang mit der Schlacht auf dem Lechfeld. Weitere Darstellungen zeigen Evangelisten, Kirchenlehrer und allegorische Tugenden.

Der Kirchenraum verbindet somit mehrere Frömmigkeitsschwerpunkte: den offiziellen Kirchenpatron Ulrich, die Eucharistie und die marianische Wallfahrt. Das Gnadenbild ist zwar materiell vergleichsweise klein, steht durch seine Position am Hochaltar aber im sakralen Zentrum des Raumes.

Eine Wallfahrt ohne Gründungslegende

Für die Wallfahrt Obertilliach ist keine Gründungslegende bekannt. Entscheidend war der Ruf des Gnadenbildes, der sich offenbar durch mündlich weitererzählte Gebetserhörungen verbreitete. Mirakelbelege scheinen nicht vorzuliegen.

Volkskundliche Bedeutung: Ein importiertes Bild wird zum eigenen Gnadenbild

Volkskundlich besonders interessant ist die Übertragung eines Kultes von Hall nach Obertilliach. Das Bild kam von außen, wurde aber von der örtlichen Bevölkerung angenommen und in die eigene religiöse Lebenswelt integriert.

Nach einiger Zeit war es nicht mehr nur "eine Kopie aus Hall", sondern die Obertilliacher Tabernakel-Muttergottes.

Es zeigt, wie religiöse Kulte wandern können. Bilder, kleine Andachtsdrucke und Statuen ermöglichten die Verbreitung berühmter Gnadenbilder über weite Entfernungen. Doch nicht jede Kopie wurde selbst zum Wallfahrtsbild. Erst die lokale Verehrung und der Ruf erfahrener Hilfe machten daraus einen neuen Gnadenort.

Der Kirchenbau als Zeugnis der Wallfahrt

Die Größe der Kirche mit dem außerordentlich großzügigen barocken Sakralbau für ein kleines Bergdorf zeigt den Zusammenhang zwischen dem zunehmenden Wallfahrerzustrom zur Tabernakel-Muttergottes.

Damit ist die frühere Wallfahrt gewissermaßen noch heute im Ortsbild sichtbar. Selbst wenn die großen Pilgerzüge verschwunden sind, steht der Bau weiterhin als architektonisches Ergebnis ihrer einstigen Bedeutung.

"Zutagegehen" und traditionelle Frömmigkeit

Nicht unmittelbar mit der historischen Wallfahrt identisch, aber volkskundlich ausgesprochen bemerkenswert ist das Obertilliacher "Zutagegehen". Vom ersten Sonntag im Oktober bis zum Palmsonntag versammeln sich Gläubige bereits um vier Uhr morgens in der Pfarrkirche zum Rosenkranzgebet.

Der Brauch zeigt die starke Verankerung gemeinschaftlicher Frömmigkeit im Dorf. Gerade in einer bäuerlichen Arbeitswelt lag das gemeinsame Gebet häufig vor Beginn des eigentlichen Arbeitstages. Die außergewöhnlich frühe Stunde machte das Gebet zugleich zu einer bewussten körperlichen Leistung: aufstehen, das Haus verlassen und gemeinsam zur Kirche gehen, lange bevor der normale Tagesablauf begann.

Auch das traditionelle Betläuten gehört in diesen Zusammenhang. Im Sommer erinnern die Glocken morgens und abends an das Gebet; früher unterbrachen die Menschen beim Läuten kurz ihre Arbeit. Beim traditionellen Glockenläuten im Sommer läuten die Kirchenglocken morgens um 05:00 Uhr und abends um 19:00 Uhr.

Diese Bräuche sind kein Beweis für die Wallfahrt zur Tabernakel-Muttergottes, zeigen aber den religiösen Alltag jener Gemeinschaft, die den historischen Gnadenort über Generationen getragen hat.

Gegenwärtige Einordnung

St. Ulrich ist heute ein ehemalige beziehungsweise historisch bedeutende Wallfahrtskirche. Die Kirche wird heute in erster Linie als Pfarrkirche genutzt.

Das Gnadenbild ist jedoch weiterhin vorhanden, und die Kirche ist nach Angaben des Tourismusverbandes täglich zugänglich. Die historische Wallfahrt ist damit nicht durch Verlust oder Entfernung ihres Kultbildes beendet worden; vielmehr scheint der organisierte Pilgerzustrom im Laufe der Zeit zurückgegangen zu sein.

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Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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