| Wallfahrt: | Historische Chrysanthuswallfahrt mit bäuerlicher Schutz-, Heil- und Opferfrömmigkeit. |
| Status: | Außergewöhnlich gut belegter historischer Wallfahrtsort mit bis heute erhaltenen materiellen Zeugnissen. |
| Kultzentrum: | Verehrung des hl. Chrysanthus, besonders als Schutzheiliger gegen Pest, Viehseuchen und Krankheit. |
| Besonderheit: | Reiche Votiv- und Opfertradition mit Tieropfern, Wachsfiguren, Opferwiddern und steinernem Wurftisch. |
| Ort: | Nörsach bei Nikolsdorf. |
| Bezirk: | Lienz / Osttirol. |
| Bundesland: | Tirol. |
| • | Lage: in der Nähe von Nörsach 50, 9782 Nikolsdorf. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Tirol - Osttirol/Bezirk Lienz |
| • | Ansicht in Street View (Luftbild) |
| • | Web: Pfarre Nikolsdorf - SR Sonnseite |
| • | Öffnungszeiten: nur über Kontakt Pfarre. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
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Auf einem bewaldeten Felshügel über Nörsach steht mit St. Chrysanthen einer der volkskundlich außergewöhnlichsten Wallfahrtsorte Osttirols: Der römische Märtyrer Chrysanthus wandelte sich hier zum bäuerlichen Schutzheiligen gegen Pest, Viehseuchen und Krankheit – und eine reiche Überlieferung aus Votivtafeln, Tieropfern, Wachsfiguren und einem steinernen Wurftisch lässt die frühere Wallfahrtskultur ungewöhnlich deutlich erkennen.
Der Wallfahrtscharakter ist außerordentlich gut und bereits für das späte Mittelalter belegt. Wir haben hier sogar einen sehr frühen zeitgenössischen Bericht: Als Paolo Santonino 1485 die Weihe der neu erbauten Kirche begleitete, hielt er fest, dass das Gotteshaus durch die Opfergaben jener Gläubigen errichtet worden sei, die an vielen Tagen des Jahres dort zusammenströmten. Georg Reitter wertete diese Nachricht als Beleg dafür, dass bereits vor dem Kirchenneubau von 1485 ein besuchter Kult- und Wallfahrtsort bestanden haben muss.
Der Volkskundler Georg Reitter legte 1960 seine fast 400 Seiten umfassende Dissertation Wallfahrtsvolkskunde von Sankt Chrysanthen-Nörsach in Osttirol vor, womit diese Wallfahrt außerordentlich gut dokumentiert ist.
Für die Barockzeit sprechen Visitationsprotokolle ausdrücklich von einer "magna devotio et peregrinatio", also einer großen Verehrung und Wallfahrt. Hinzu kommen Hunderte Votivgaben und eine außergewöhnlich reiche Opfertradition. St. Chrysanthen war nach Reitters Forschungen sogar Mittelpunkt eines eigenen Chrysanthus-Verehrungskreises, der von Osttirol nach Oberkärnten ausstrahlte.
Die heutige spätgotische Kirche wurde am 14. Oktober 1485 von Pietro Carlo, Bischof von Caorle, geweiht. Santonino nennt drei Altäre: den Hauptaltar zu Ehren des heiligen Chrysanthus, einen Altar der Vierzehn Nothelfer und einen Wolfgangsaltar. Mit der Weihe waren Ablässe für bestimmte Fest- und Patroziniumstage verbunden. Die Kirche unterstand damals der Pfarre Irschen und lag kirchenpolitisch in einem Grenzraum zwischen Salzburg und Aquileia.
Die Verehrung selbst dürfte älter sein als der heutige Bau. Reitter verweist sowohl auf das Alter der ursprünglichen Kultstatue als auch auf Santoninos Bericht vom bereits bestehenden Zustrom der Gläubigen. Wahrscheinlich entwickelte sich der Kult zunächst in der bäuerlichen Bevölkerung; Hirten, Senner und Almleute könnten den Ruf des Heiligen über Nörsach hinaus verbreitet haben. Das ist allerdings eine historische Rekonstruktion Reitters, kein unmittelbar dokumentierter Gründungsbericht.
Für eine örtliche Ursprungslegende nennt Reitter ein Baum- beziehungsweise Holzfällermotiv. Die genauere Erzählgestalt ist in dem zugänglichen Auszug leider nicht wiedergegeben. Auch eine Verbindung des Heiligen mit dem nahen Chrysanthenbach ist sagenhaft überliefert.
Chrysanthus und seine Gemahlin Daria gehören zu den frühchristlichen römischen Märtyrern. Ihr Kult verbreitete sich vor allem durch Reliquien. In Nörsach vollzog sich jedoch eine bemerkenswerte Funktionsveränderung: Aus dem vornehmen römischen Märtyrer wurde ein ausgesprochen ländlicher Schutzheiliger gegen Krankheit, Seuchen und Gefahren für das Vieh. Reitter bezeichnet diese regionale Umdeutung ausdrücklich als Besonderheit des osttirolisch-oberkärntnerischen Raumes.
In den Nörsacher Votivbildern erscheint Chrysanthus häufig als gerüsteter Heiliger. Zu seinen Füßen liegt ein Skelett beziehungsweise knöcherner Unhold, den er mit einer Lanze durchbohrt oder niedertritt. Das Gerippe verkörpert Krankheit, Pest und Tod; schwarze Flecken können zusätzlich auf die Pest hinweisen. Diese Bildform ist eine ausgeprägte regionale Besonderheit.
Die dazugehörige Sage erzählt, Chrysanthus habe den seuchenbringenden Unhold an der Grenze seines heiligen Bezirkes vernichtet. Der Heilige wird somit bildlich zumjenigen, der die Krankheit vom Dorf, den Menschen und ihren Tieren fernhält.
Das ist volkskundlich ausgesprochen interessant: Der Heilige schützt nicht nur den einzelnen Kranken. Er verteidigt geradezu ein sakrales Schutzgebiet gegen das Eindringen der Seuche.
Der wichtigste Schwerpunkt der Wallfahrt war die Sorge um den bäuerlichen Viehbestand. Die Votivtafeln zeigen in großer Zahl:
Auffällig ist, dass häufig auch die Jungtiere dargestellt wurden. Daneben erscheinen menschliche Nöte: Krankenlager, Wochenbett, Blutsturz, Verletzungen, Lawinengefahr oder berufliche Gefährdungen. Chrysanthus war also keineswegs ausschließlich Viehpatron, doch gerade die Tierdarstellungen bestimmen das besondere Profil der Nörsacher Wallfahrt.
Für einen Bauern war der Verlust mehrerer Tiere eine existenzielle Katastrophe. Ein krankes Rind bedeutete nicht nur den Verlust eines Tieres, sondern möglicherweise weniger Milch, fehlende Zugkraft und eine Bedrohung der wirtschaftlichen Grundlage des Hofes.
Die Wallfahrt nach St. Chrysanthen gab dieser Sorge eine religiöse Form: Man stellte den eigenen Hof, die Familie und den Viehbestand unter den Schutz des Heiligen.
Georg Reitter nahm 1952 noch 137 erhaltene Votivtafeln auf; nach seiner Einschätzung muss der ursprüngliche Bestand in die Hunderte gegangen sein. Die Tafeln reichen über mehrere Jahrhunderte und dokumentieren nicht nur den Wallfahrtskult, sondern auch Kleidung, bäuerliche Lebenswelt, Tierhaltung und unterschiedliche Formen von Krankheit und Gefahr.
Die typische Tafel ist zweigeteilt: oben erscheint der angerufene Heilige in der himmlischen Sphäre, unten der Wallfahrer mit dem Menschen oder Tier, für das Hilfe erbeten oder für dessen Rettung gedankt wurde. Zahlreiche Bilder tragen die Aufschrift "Ex voto" und eine Jahreszahl.
Besonders eindrucksvoll ist eine von Reitter beschriebene Tafel von 1740: Ein betender Mann erscheint zusammen mit einer Stute und ihrem Fohlen, einer Kuh mit Kalb, Schweinen, Schafen und Ziegen. Das gesamte wirtschaftliche Leben des Hofes wird damit gewissermaßen dem Schutz des Heiligen anvertraut.
Die Votivtafeln machen St. Chrysanthen deshalb zu einer außerordentlich wichtigen Quelle der Volkskunde: Die Menschen erzählen ihre Sorgen nicht in langen Texten, sondern in Bildern.
Vor der Kirche befindet sich in der offenen Vorhalle ein steinerner Wurftisch. Dieser war unmittelbar in das Wallfahrts- und Opferbrauchtum eingebunden.
Früher brachten die Pilger nicht nur Geld, sondern auch Naturalien: Wolle, Eier und sogar lebende Tiere. Reitter berichtet, dass Hohlräume am Wurftisch beziehungsweise unter einem angebauten Sitz als vorübergehende Ställe für geopferte Schafe, Zicklein und Hühner dienten, während der Gottesdienst gefeiert wurde.
Auch hölzerne und wächserne Votivfiguren wurden an den Festtagen angeboten und anschließend am Altar geopfert. Dazu kamen teilweise außergewöhnlich große Wachskerzen. Diese Formen hielten sich in St. Chrysanthen bemerkenswert lange – teilweise bis über die Wende zum 20. Jahrhundert.
Das ist ein besonders schönes Beispiel dafür, dass "Opfer" im Wallfahrtswesen ganz unterschiedliche Formen annehmen konnte: Geld, Lebensmittel, Wolle, Tiere, Wachsfiguren oder ein gemaltes Votivbild.
Besonders bemerkenswert ist auch für St. Chrysanthen ein Widderopfer.
Noch Reitter konnte beobachten beziehungsweise aus jüngster Erinnerung berichten, dass ein schöner weißer Widder zur Kirche gebracht und nach dem Gottesdienst beim Wurftisch versteigert wurde. Der Erlös fiel der Kirche zu. Auch ältere Kirchenrechnungen belegen den Chrysanthener Opferwidder. Reitter weist ausdrücklich auf Parallelen und teilweise sogar direkte Verbindungen zu den Widderbräuchen von Maria Lavant und Ötting hin.
Wie beim Virgentaler Opferwidder handelte es sich dabei nicht um ein blutiges Tieropfer. Das Tier wurde nicht rituell geschlachtet. Geopfert wurde sein wirtschaftlicher Wert.
Damit gehört St. Chrysanthen in einen bemerkenswerten osttirolisch-oberkärntnerischen Kulturraum, in dem lebende Tiere als Votivgaben eine besonders große Rolle spielten.
Die beiden wichtigsten Festtage waren der dritte Sonntag nach Ostern, an dem das Gedächtnis der Kirchenweihe begangen wurde, und der 25. Oktober, der Chrysanthentag. Zu diesen Terminen kamen früher Wallfahrer aus einem größeren Einzugsgebiet. Gruppen zogen als sogenannte "Kreuze" teilweise bereits am Vorabend heran und übernachteten in Scheunen, Bauernhäusern oder Gasthäusern.
Am Festtag kündigten Böllerschüsse die Feier an. Weil die Kirche die Menge nicht aufnehmen konnte, standen die Menschen auch in der Vorhalle und auf dem Platz davor. Nach dem Gottesdienst entwickelte sich ein regelrechter Kirchtagsbetrieb mit Speisen, Wein und Verkaufsständen.
Hier zeigt sich wieder die typische Verbindung von Wallfahrt und Fest. Religiöser Ernst, Opferhandlung, Gottesdienst, Essen, Trinken und soziale Begegnung gehörten zum selben Ereignis.
Die 1485 geweihte Kirche ist ein bemerkenswert einheitlicher spätgotischer Saalbau mit steilem Satteldach und schlankem Turm. Im Inneren haben sich spätgotische Wandmalereien erhalten, darunter eine Krönung Mariens durch die Dreifaltigkeit, eine Anna selbdritt sowie Aposteldarstellungen. Der heutige neugotische Hochaltar entstand um 1905/10 und trägt unter anderem Figuren der Heiligen Chrysanthus und Daria.
Für die Wallfahrtsgeschichte ist allerdings besonders wichtig, dass Reitter als ursprüngliches, wallfahrtsbegründendes Kultobjekt eine kleine spätgotische Knieplastik des heiligen Chrysanthus bezeichnet. Die späteren Votivtafeln zeigen dagegen meist den barock umgedeuteten Heiligen als gerüsteten Pestbezwinger.
Damit lässt sich sogar am Bild des Heiligen die Entwicklung des Kultes ablesen: Aus der spätgotischen Heiligenfigur wurde in der barocken Volksfrömmigkeit der mächtige Kämpfer gegen Pest und Viehseuche.
In St. Chrysanthen lässt sich beinahe die gesamte traditionelle Wallfahrtskultur an einem einzigen Ort beobachten:
Wallfahrt und Votivbild: Persönliche und familiäre Nöte werden bildlich festgehalten.
Mensch und Tier: Nicht nur Menschen, sondern der gesamte Viehbestand wird dem Heiligen anvertraut.
Pest und Seuche: Der Heilige wird regional völlig neu interpretiert und zum Bezwinger eines knöchernen Seuchenwesens.
Naturalopfer: Eier, Wolle und lebende Tiere werden zur Wallfahrtskirche gebracht.
Votivfiguren: Körperteile und Tiere werden in Holz oder Wachs nachgebildet und geopfert.
Opferwidder: Ein wertvolles lebendes Tier wird gestiftet und zugunsten der Kirche versteigert.
Wurftisch: Ein bis heute vorhandenes bauliches Objekt erinnert unmittelbar an diese Opferpraxis.
Gemeinschaftswallfahrt: Ganze Gruppen ziehen in "Kreuzen" zum Heiligtum und verbinden Gottesdienst und Kirchtag.
Noch bemerkenswerter ist die regionale Ausstrahlung. Reitter konnte Spuren der Chrysanthusverehrung in zahlreichen Orten Osttirols und Oberkärntens feststellen und sah Nörsach als Mittelpunkt eines eigenen alpenländischen Chrysanthus-Kultkreises.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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