Matrei in Osttirol, Mariahilf-Kapelle in Klaunz

Schnellüberblick
Wallfahrt:Lokale Zweckwallfahrt zum Klaunzkirchl mit Bitte um Kindersegen.
Status:Der ältere Brauch ist historisch belegt; die Bedeutung des Ortes für Kindersegen wird bis heute erinnert.
Kultzentrum:Mariahilf-Altarbild nach dem Cranach-Typus.
Besonderheit:Der Weg zwischen Bachkapelle und Klaunzkirchl wurde je nach erhofftem Geschlecht des Kindes in festgelegter Richtung gegangen.
Ort:Klaunz bei Matrei in Osttirol.
Bezirk:Lienz / Osttirol.
Bundesland:Tirol.
Lage und Besuch
•Lage: südwestlich Klaunz 21, 9971 Matrei in Osttirol.
•Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Tirol - Osttirol/Bezirk Lienz
•Ansicht in Street View (Luftbild)
•Web: Seelsorgeraum Matrei-Kals-Huben
•Öffnungszeiten:
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Ausführliche Beschreibung

Hoch über dem Matreier Markt steht auf dem Klaunzbühel das kleine "Klaunzkirchl" (auch: "Klaunz Kirchle"), dessen besondere volkskundliche Bedeutung in einer ungewöhnlichen Kindersegen-Wallfahrt liegt: Je nachdem, ob ein Bub oder ein Mädchen erhofft wurde, musste der Weg zwischen zwei Kapellen in einer genau festgelegten Richtung zurückgelegt werden.

Man ging zwischen der Bachkapelle und dem Klaunzkirchl "kirfathen" ging, also wallfahren, um Kindersegen zu erbitten. Gustav Gugitz führt den Brauch ebenfalls als Wallfahrtsmotiv für Kindersegen an. Damit haben wir einen belastbaren Nachweis für eine lokale Zweckwallfahrt, auch wenn Klaunz keine institutionell ausgeprägte Wallfahrtsstätte im engeren Sinn war.

Historisch

Das Klaunzkirchl wurde um 1700 auf dem Klaunzbühel errichtet und am 17. Februar 1713 als Maria-Hilf-Kapelle geweiht. Die Weihe nahm der zuständige Archidiakon aus Gmünd in Kärnten vor; Matrei gehörte damals noch zum geistlichen Herrschaftsbereich Salzburgs. Um 1770 erhielt die Kapelle ihren Rokokoaltar. Das Altarbild zeigt Maria mit dem Jesuskind und folgt dem berühmten Mariahilf-Typus nach Lucas Cranach, dessen Original sich heute im Innsbrucker Dom befindet.

Die Kapelle steht zudem an einem archäologisch bemerkenswerten Ort: Auf dem Klaunzbühel ist ein bronzezeitlicher Schmelzplatz nachgewiesen. Daraus darf allerdings keine vorchristliche Kultkontinuität abgeleitet werden; dafür gibt es keinen Beleg. Es handelt sich zunächst lediglich um eine interessante zeitliche Überlagerung eines sehr alten Wirtschafts- und Siedlungsraumes mit einem neuzeitlichen christlichen Andachtsplatz.

Die Gründungslegende

Die Pfarre Matrei überliefert mehrere Varianten zur Entstehung der Kapelle. In einer davon lebte auf dem Motiserhof ein Ehepaar, dessen Ehe lange kinderlos geblieben war. Die Bäuerin begegnete eines Tages im Wald einer fremden Frau mit einem neugeborenen Kind. Sie nahm Mutter und Kind aus Mitleid bei sich auf. Am nächsten Morgen war die fremde Frau verschwunden – das Kind jedoch zurückgeblieben.

Die Bauersleute deuteten das Geschehen als Wunder, nahmen das Kind an und zogen es auf. In den folgenden Jahren seien sie schließlich selbst mit reichem Kindersegen beschenkt worden. Aus Dankbarkeit habe der Motiser Bauer daraufhin die Kapelle auf dem Klaunzbühel errichten lassen. Die Pfarre betont, dass dies nur eine von mehreren Sagenvarianten zur Entstehung des Kirchleins ist.

Eine bei Gustav Gugitz überlieferte Variante fügt ein weiteres Motiv hinzu: Nach dem Besuch der geheimnisvollen Frau sei eine zuvor nicht vorhandene Quelle entsprungen. Auch dies gehört in den Bereich der Wallfahrtsüberlieferung und sollte nicht als historisches Ereignis dargestellt werden.

Die Sage sagt es nicht ausdrücklich, doch innerhalb der religiösen Erzählstruktur ist die Deutung naheliegend: Die fremde Frau mit dem Kind wird als Erscheinung oder Verkörperung Mariens mit dem Jesuskind verstanden.

Das Motiv ist volkskundlich sehr schön aufgebaut. Die kinderlose Frau begegnet nicht einer herrschaftlich auftretenden Himmelskönigin, sondern einer scheinbar hilfsbedürftigen Mutter. Zuerst muss sie selbst Barmherzigkeit zeigen und der Fremden Unterkunft gewähren. Erst danach wird ihr eigener Wunsch nach einem Kind erfüllt. Damit besitzt die Sage eine fast märchenhafte Logik:

Wer einem fremden Kind und seiner Mutter ein Zuhause gibt, wird selbst mit Kindern beschenkt.

Das Wunder ist also zugleich eine Prüfung menschlicher Hilfsbereitschaft.

Die Kindersegen-Wallfahrt

Hier liegt die eigentliche volkskundliche Besonderheit von Klaunz.

Nach dem von der Pfarre Matrei beschriebenen Brauch waren zwei Kapellen miteinander verbunden: die Bachkapelle St. Florian unten im Bereich des Matreier Marktes und die höher gelegene Mariahilf-Kapelle in Klaunz.

Wer sich einen Buben wünschte, musste zuerst zur Bachkapelle und anschließend zum Klaunzkirchl "kirfathen".

Wünschte man sich ein Mädchen, musste die Reihenfolge genau umgekehrt werden: zuerst Klaunz, dann die Bachkapelle.

Das ist eine ausgesprochen seltene Form der Wallfahrt. Nicht nur das Ziel war entscheidend, sondern auch die Richtung des Weges.

Volkskundlich begegnen wir hier einer Vorstellung, die zwischen kirchlicher Wallfahrt und volkstümlicher religiöser Praxis steht. Das Gebet um Kindersegen ist vollkommen in die katholische Frömmigkeit eingebettet. Die Vorstellung jedoch, durch die genaue Reihenfolge zweier Kapellen sogar das Geschlecht des erhofften Kindes beeinflussen zu können, gehört deutlich stärker in den Bereich des Volksglaubens.

Der Weg selbst erhält dadurch eine beinahe rituelle Wirksamkeit:

Bachkapelle → Klaunzkapelle = Bub
Klaunzkapelle → Bachkapelle = Mädchen

Die richtige Reihenfolge durfte nach der Überlieferung nicht vertauscht werden. Gustav Gugitz hebt ausdrücklich hervor, dass die Ordnung eingehalten werden musste.

Gerade solche konkreten Handlungsanweisungen sind für die Volkskunde besonders wertvoll. Sie zeigen, wie Menschen eine allgemeine religiöse Bitte – "Schenke uns ein Kind" – in eine körperlich vollzogene Handlung übersetzten. Man betete nicht nur, sondern ging einen genau bestimmten Weg.

Außergewöhnlich ist zudem, dass die Wallfahrt nicht an einem einzigen Gnadenbild endet. Erst die Verbindung zweier Sakralorte macht die Handlung vollständig.

Die Bachkapelle St. Florian war ursprünglich als Votivkapelle gegen Unwetter-, Brand- und Hochwassergefahr errichtet worden. Das Klaunzkirchl war dagegen durch seine Gründungslegende unmittelbar mit Kinderlosigkeit und Kindersegen verbunden. Im Kinderwunschbrauch erhielten die beiden ursprünglich unterschiedlich geprägten Kapellen plötzlich eine gemeinsame Funktion.

Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie Volksfrömmigkeit bestehende Sakralorte neu miteinander verknüpfen konnte, ohne dass diese Verbindung ursprünglich von der kirchlichen Obrigkeit geplant gewesen sein musste.

Das Mariahilfbild

Dass gerade eine Mariahilf-Kapelle zum Ziel einer Kindersegen-Wallfahrt wurde, ist folgerichtig. Das Cranachsche Mariahilfbild zeigt keine ferne Himmelskönigin, sondern die körperlich innige Beziehung zwischen Mutter und Kind. Maria hält das Jesuskind schützend an sich; das Kind schmiegt sich vertrauensvoll an die Mutter.

Für eine kinderlose Frau musste dieses Bild eine besonders unmittelbare emotionale Wirkung besitzen. Die Bitte galt nicht nur Maria als allgemeiner Helferin, sondern einer sichtbaren Mutter mit ihrem Kind.

Die Gründungslegende und das Altarbild verstärken sich dadurch gegenseitig: In beiden erscheint eine Mutter mit einem Kind, und in beiden steht der Wunsch nach eigener Mutterschaft im Mittelpunkt. Das dürfte wesentlich dazu beigetragen haben, dass sich gerade hier der Kindersegenbrauch festsetzte. Das ist eine volkskundliche Interpretation, die sich aus der Verbindung von überlieferter Sage und Bildtypus ergibt.

Ein bis heute erinnerter Brauch

Bemerkenswert ist, dass die heutige Pfarre Matrei die Verbindung des Klaunzkirchls mit dem Kindersegen nicht lediglich als längst verschwundene historische Kuriosität beschreibt. Sie schreibt ausdrücklich, dass die besondere Bedeutung für Kindersegen auch heute noch mit dem Klaunzkirchl verbunden sei. In welchem Umfang der alte Doppel-Kapellen-Gang gegenwärtig tatsächlich noch praktiziert wird, lässt sich daraus allerdings nicht bestimmen.

Die Pfarrgeschichte erwähnt außerdem Wallfahrer aus Heiligenblut, die einst vom Glockengeläut der Klaunzkapelle begrüßt wurden. Das zeigt zumindest, dass der Ort auch mit überörtlichem Pilgerverkehr in Berührung stand; ob diese Gruppen jedoch speziell wegen des Kindersegenkultes nach Klaunz kamen, ist aus der Quelle nicht ersichtlich.

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Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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