Kartitsch-Hollbruck, Pfarr- und Wallfahrtskirche zu Unserer Lieben Frau – Maria Hilf

Schnellüberblick
Wallfahrt:Alte Marienwallfahrt nach Hollbruck, heute unter anderem mit Fatimawallfahrten und Bittgängen.
Status:Lebendiger regionaler Wallfahrtsort.
Kultzentrum:Eine nur etwa 13 Zentimeter hohe tönerne Muttergottesfigur; nicht das große Mariahilfbild des Hochaltars.
Besonderheit:Ein für 1650 überliefertes Wunder führte zu starkem Pilgerzustrom und zum späteren Kirchenneubau.
Ort:Hollbruck bei Kartitsch.
Bezirk:Lienz / Osttirol.
Bundesland:Tirol.
Lage und Besuch
•Lage: bei Hollbruck 10, 9941 Kartitsch.
•Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Tirol - Osttirol/Bezirk Lienz
•Ansicht in Street View
•Web: Pfarre Kartitsch
•Öffnungszeiten: täglich von 08:00 Uhr bis 18:00 Uhr.
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Ausführliche Beschreibung

Hoch über dem Pustertal liegt mit Hollbruck ein alter Osttiroler Marienwallfahrtsort, dessen eigentlicher Mittelpunkt überraschenderweise nicht das große Mariahilfbild am Hochaltar ist, sondern eine nur etwa 13 Zentimeter hohe tönerne Muttergottesfigur. Ein für 1650 überliefertes Wunder begründete den Ruf des Ortes und führte zu einem solchen Zustrom von Wallfahrern, dass schließlich die heutige frühbarocke Kirche errichtet werden musste.

Historisch

Am Beginn stand offenbar eine kleine Kapelle. Für 1650 ist die Weihe eines Vorgängerbaus überliefert. Nach der örtlichen Wallfahrtstradition ereignete sich im selben Jahr ein Wunder, worauf der Zustrom der Gläubigen stark anwuchs. Die heutige Kirche wurde deshalb von 1680 bis 1685 nach Plänen des aus Stegen bei Bruneck stammenden Michael Niedergatscher errichtet und 1688 geweiht. Der Turm mit seiner charakteristischen Zwiebelhaube folgte 1697/99.

1782 wurde Hollbruck zur Lokalkaplanei und 1891 zur selbständigen Pfarre erhoben. Ein bemerkenswerter Vorgang: Aus einem kleinen Wallfahrtsort entwickelte sich mit der Zeit eine eigene Pfarrgemeinde. Die Wallfahrt stand also am Anfang der kirchlichen Aufwertung des Ortes und nicht umgekehrt.

Gnadenbild

Besonders interessant ist die Frage nach dem Gnadenbild. Wer die Kirche betritt, könnte zunächst das große Mariahilfbild nach dem berühmten Vorbild Lucas Cranachs für den Mittelpunkt der Wallfahrt halten.

Das eigentliche historische Gnadenbild ist jedoch eine nur etwa 13 Zentimeter hohe tönerne Figur der Muttergottes mit dem Jesuskind. Sie befindet sich in einer gekrönten Monstranz beziehungsweise einem Strahlenkranz im Zentrum des Hochaltares. Das größere Mariahilfbild kann davor beziehungsweise darüber erscheinen und verdeckt dann die kleine Figur die dort auch als "Gnadenspenderin" bezeichnet wird.

Das kunsthistorisch unscheinbarste Objekt ist religiös das bedeutendste. Nicht Größe, Materialwert oder künstlerischer Rang machen ein Gnadenbild aus, sondern die ihm zugeschriebenen Gebetserhörungen und die über Generationen fortgesetzte Verehrung.

Die Legende vom Korb

Eine spätere Wallfahrtsüberlieferung bzw. Legende erzählt, eine Frau habe die kleine Marienfigur plötzlich in ihrem Korb gefunden, ohne zu wissen, wie sie dorthin gekommen sei. Sooft sie die Figur anderswo aufstellte, sei sie wieder in den Korb zurückgekehrt. Erst als die Frau sie in die Kapelle von Hollbruck brachte, sei sie dort geblieben.

Das Motiv gehört zur klassischen Ortserwählungslegende: Das Gnadenbild bestimmt selbst, wo es verehrt werden möchte. Anders als bei einem Bild, das immer wieder an seinen Fundort zurückkehrt, führt die Hollbrucker Erzählung über den geheimnisvollen Korb schließlich zu jenem Platz, an dem die Figur "bleiben will".

Das Wunder von 1650

1650 soll sich in Hollbruck ein Wunder ereignet haben, das zur Ausbildung der Wallfahrt und zum starken Pilgerzustrom führte.

In späteren Wallfahrtsdarstellungen wird dieses Mirakel konkretisiert: Ein totgeborenes Kind des Georg Egger aus Panzendorf soll vor dem Gnadenbild wieder Lebenszeichen gezeigt beziehungsweise zum Leben zurückgefunden haben.

Kunstgeschichtlich

Die heutige Kirche gehört zu den bemerkenswert geschlossenen frühbarocken Sakralbauten der Region. Das schlichte Langhaus und der polygonale Chor stehen in starkem Gegensatz zur reichen Innenausstattung. Besonders qualitätsvoll sind die Stuckrahmen aus dem Umfeld der Werkstatt des Innsbruckers Gallus Apeller, ausgeführt von Georg Holzmeister.

Die zehn großen Deckengemälde schuf Gabriel Kessler 1686 gemeinsam mit seinem Sohn. Sie zeigen Szenen aus dem Leben Mariens und machen damit den gesamten Kirchenraum zu einer bildlichen Marienvita. Die Altäre entstanden ebenfalls im späten 17. Jahrhundert. Der Hochaltar ist ganz auf den marianischen Kultmittelpunkt ausgerichtet: Hinter beziehungsweise unter dem aufziehbaren Mariahilfbild erscheint im Strahlenkranz die kleine tönerne Gnadenfigur.

Damit besitzt der Hochaltar gewissermaßen zwei Ebenen der Marienverehrung: das weithin bekannte Mariahilf-Motiv nach Cranach und dahinter das kleine, nur Hollbruck eigene Gnadenbild.

Kreuzweg und Wallfahrtsweg

Zum Wallfahrtsort gehört auch der Weg. 1904 wurde vom sogenannten Simmelerstöckl zur Wallfahrtskirche ein Kreuzweg angelegt; nach einem Straßenausbau wurden die Stationen 1926 neu aufgestellt. Die überdachten Stationen mit auf Holz gemalten Passionsbildern begleiten den Aufstieg zur Kirche.

Dadurch wird Hollbruck zu einer kleinen Wallfahrtslandschaft. Der Pilger erreicht das Heiligtum nicht nur räumlich, sondern kann den Weg durch die Betrachtung der Passion Christi religiös strukturieren.

Von der alten Mariahilf-Wallfahrt zur Fatimawallfahrt

Interessant ist, dass sich die Formen der Wallfahrt im Lauf der Zeit verändert haben. Zur älteren Verehrung der Hollbrucker Mariahilf-Madonna kam im 20. Jahrhundert die Fatimafrömmigkeit hinzu.

Volkskundlich ist das ein schönes Beispiel für die Überlagerung verschiedener Wallfahrtskulte: Ein alter barocker Gnadenort bleibt bestehen, nimmt aber neue marianische Frömmigkeitsformen auf. Maria Hilf und Fatima konkurrieren dabei nicht miteinander; beide werden als unterschiedliche Ausdrucksformen derselben Marienverehrung verstanden.

Volkskundliche Bedeutung

Die kleine Tonfigur zeigt, dass ein Gnadenbild keinen großen materiellen Wert besitzen muss. Seine Bedeutung entsteht aus Erzählung, Ritual und überlieferter Erfahrung von Hilfe.

Die Korblegende enthält ein besonders anschauliches Ortserwählungsmotiv. Die Menschen bestimmen nicht den endgültigen Platz der Figur – die Gottesmutter zeigt durch das Verhalten ihres Bildes selbst, wo sie bleiben möchte.

Am Beginn der eigentlichen Wallfahrtsblüte steht ein Heilungs- beziehungsweise Wiederbelebungswunder. Gerade die Rettung eines Kindes gehört zu den emotional stärksten Mirakelmotiven der traditionellen Wallfahrtskultur, weil Geburt, Tod und Hoffnung unmittelbar zusammentreffen. Die konkrete Hollbrucker Erzählung muss allerdings weiterhin als Überlieferung gekennzeichnet werden.

Hollbruck zeigt außergewöhnliche Kontinuität. Die Wallfahrt führte zum großen Kirchenbau des 17. Jahrhunderts, wurde durch einen eigenen Kreuzweg räumlich erweitert und lebt heute in Fatimawallfahrten, Bittgängen und besonderen Gruppenwallfahrten weiter. Selbst Schützenwallfahrten aus dem Südtiroler Raum sind dokumentiert.

Gerade diese Verbindung über die heutige Staatsgrenze hinweg passt historisch gut zum Ort. Hollbruck liegt in einem Kulturraum, dessen kirchliche und künstlerische Beziehungen seit Jahrhunderten entlang des Pustertales nach Innichen, Bruneck und Brixen reichen; bereits der Baumeister der heutigen Kirche kam aus Stegen bei Bruneck.

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Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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