Innervillgraten-Kalkstein, Expositur- und Wallfahrtskirche Maria Schnee

Schnellüberblick
Wallfahrt:Alpine Maria-Schnee-Wallfahrt, nach örtlicher Überlieferung aus einem Pestgelöbnis hervorgegangen.
Status:Lebendiger religiöser Ort; neben der klassischen Wallfahrt bestehen Bergpilgern und Jugendwallfahrten.
Kultzentrum:Marienverehrung in der Wallfahrtskirche Maria Schnee in Kalkstein.
Besonderheit:Pestgedächtnis von 1634 mit 31 überlieferten Pesttoten und hochalpine Lage im Villgratental.
Ort:Kalkstein, Innervillgraten.
Bezirk:Lienz / Osttirol.
Bundesland:Tirol.
Lage und Besuch
•Lage: bei Kalkstein 160, 9932 Innervillgraten.
•Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Tirol - Osttirol/Bezirk Lienz
•Ansicht in Street View
•Web: Pfarre Innervillgraten
•Öffnungszeiten: tagsüber frei zugänglich.
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Ausführliche Beschreibung

Ganz hinten im Villgratental, auf rund 1.640 Metern Seehöhe, steht Maria Schnee in Kalkstein als eindrucksvolles Zeugnis alpiner Krisenfrömmigkeit: Nach örtlicher Überlieferung aus einem Pestgelöbnis entstanden, entwickelte sich die kleine Kirche zu einem regionalen Marienwallfahrtsort, dessen Geschichte bis heute eng mit der Erinnerung an die Pesttoten des Jahres 1634 verbunden ist.

Historisch – das Pestgelöbnis

Der Ursprung der Kirche wird von der Gemeinde ausdrücklich als mündlich überlieferte Tradition bezeichnet. Demnach gelobten die Bewohner von Kalkstein während einer Pestepidemie die Errichtung eines Gotteshauses. Der Bau soll um 1640 begonnen worden sein; 1655 wurden ein kleiner Altar angeschafft und die Messlizenz erteilt, 1660 erfolgte die Weihe zu Ehren Maria Schnee.

Für das Jahr 1634 gibt es am Ort ein bemerkenswertes materielles Erinnerungszeichen: Ein schmiedeeisernes Kreuz trägt die Inschrift, dass in diesem Jahr 31 Personen aus Kalkstein an der Pest gestorben und dort begraben worden seien. Damit ist die Erinnerung an die Pest nicht nur Teil der mündlichen Gründungserzählung, sondern bis heute sichtbar im Kirchen- und Friedhofsbereich verankert. Historisch belegt ist die örtliche Erinnerung an 31 Pesttote des Jahres 1634. Dass gerade daraus ein Gelübde zum Kirchenbau entstand, beruht nach Angabe der Gemeinde auf mündlicher Überlieferung.

Vom kleinen Pestkirchlein zur heutigen Kirche

Die erste Kirche muss recht bescheiden gewesen sein. Noch 1847 bezeichnete der Tiroler Topograph Johann Jakob Staffler sie als "klein und finster". Kalkstein bestand damals lediglich aus 14 bewohnten Häusern mit 78 Einwohnern.

Nachdem Alois Steiger 1867 Expositus geworden war, betrieb er die Erweiterung des Gotteshauses. Aus dem zunächst geplanten Umbau entwickelte sich schließlich weitgehend ein Neubau. Das Portal trägt die Jahreszahl 1868, und 1875 wurde die neugotische Kirche durch den Brixner Fürstbischof Vinzenz Gasser geweiht. Vom älteren Bau blieben nur Teile erhalten beziehungsweise wurden in den Neubau einbezogen.

Die heutige Kirche ist damit im Wesentlichen ein Bau des 19. Jahrhunderts, doch die Wallfahrt selbst reicht in die Mitte des 17. Jahrhunderts zurück.

Das Gnadenbild Maria Schnee

Besonders wichtig ist eine Unterscheidung, die man beim bloßen Blick auf den Hochaltar leicht übersieht.

Auf dem heutigen Hochaltar steht eine Madonna mit Kind, eine Grödner Arbeit des Bildhauers Ploner aus der Zeit um 1868/70. Der barocke Altar selbst stammt ursprünglich aus St. Quirin im Sellraintal und wurde später nach Kalkstein übertragen.

Das eigentliche historische Gnadenbild Maria Schnee befindet sich dagegen an der linken Seite des Langhauses. Es stammt aus dem 17. Jahrhundert und zeigt Maria mit dem Jesuskind; Engel präsentieren das Marienbild über einer Ansicht von Kalkstein mit der früheren Kirche.

Das am Hochaltar sichtbare Marienbild ist nicht das ursprüngliche Gnadenbild der Wallfahrt. Das historische Gnadenbild des 17. Jahrhunderts blieb erhalten und befindet sich seitlich im Langhaus.

Damit überstand der eigentliche Kultgegenstand sogar den weitgehenden Neubau des 19. Jahrhunderts.

Maria Schnee

Das Patrozinium Maria Schnee geht grundsätzlich auf die römische Basilika Santa Maria Maggiore zurück. Nach der bekannten Legende soll ein wunderbarer Schneefall im Hochsommer den Ort bezeichnet haben, an dem die Gottesmutter eine Kirche errichtet wissen wollte. Das Fest wird traditionell am 5. August begangen.

Für Kalkstein existiert allerdings keine eigene Schneewunderlegende. Der Ursprung der örtlichen Wallfahrt ist vielmehr mit dem Pestgelöbnis verbunden. Man sollte die römische Maria-Schnee-Legende daher als Erklärung des Patroziniums, nicht als Gründungslegende der Kalksteiner Wallfahrt erzählen.

Die Pest als kollektive Erfahrung

Volkskundlich gehört Kalkstein zu den besonders anschaulichen Pestwallfahrtsorten.

Eine Epidemie traf eine kleine, weitgehend abgeschlossene Bergsiedlung ungleich härter als eine große Stadt. Wenn tatsächlich 31 Menschen innerhalb kurzer Zeit starben, muss dies für eine Gemeinschaft von nur wenigen Höfen ein einschneidendes demographisches und soziales Ereignis gewesen sein. Familien verloren Angehörige, Arbeitskräfte fehlten, Höfe und Viehwirtschaft waren gefährdet.

Das Gelübde bot eine religiöse Möglichkeit, auf eine Gefahr zu reagieren, gegen die man praktisch kaum etwas ausrichten konnte:

Wenn die Gemeinschaft von weiterem Sterben verschont bleibt, wird zum Dank ein Gotteshaus errichtet.

Dabei ist das Gelübde kein rein privates Versprechen. Eine ganze Dorfgemeinschaft bindet sich und – zumindest symbolisch – auch ihre Nachkommen an eine Verpflichtung. Die errichtete Kirche wird zum dauerhaften Denkmal der überstandenen Krise.

Vom Pestgedächtnis zum Wallfahrtsort

Bemerkenswert ist, dass Kalkstein nicht bei einer einmaligen Dankkapelle blieb. Aus dem Erinnerungsort entwickelte sich eine regionale Marienwallfahrt.

Das ist volkskundlich ein typischer Prozess: Ein Gelübde begründet einen sakralen Ort; die Erinnerung an erfahrene Bewahrung stärkt das Vertrauen in dessen besondere Wirksamkeit; Menschen aus der Umgebung beginnen, mit eigenen Bitten zu kommen; schließlich entsteht aus dem lokalen Dank ein überörtlicher Wallfahrtsplatz.

Maria wird dabei von einer Beschützerin der kleinen Pestgemeinde zur allgemeinen Fürsprecherin der Wallfahrer.

In Kalkstein kommt hinzu, dass der Ort landschaftlich ausgesprochen abgeschieden liegt. Der Weg ans Ende des Villgratentales gehörte damit selbst zur Wallfahrt. Man verließ die dichter besiedelten Talbereiche und gelangte zu einem Heiligtum unmittelbar am Übergang in die hochalpine Landschaft.

Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg

Auch eine wesentlich jüngere Gefahr wurde in der Kirche religiös gedeutet und dauerhaft festgehalten. Ein Chorfenster mit einer Schutzmantelmadonna und dem Datum 20. Oktober 1944 erinnert daran, dass Bomben in unmittelbarer Nähe Kalksteins abgeworfen wurden, ohne im Dorf Schäden anzurichten.

Dadurch wiederholt sich gewissermaßen das ältere Grundmotiv der Wallfahrtsgeschichte: Eine Gemeinschaft erlebt eine existenzielle Bedrohung, versteht ihre Bewahrung als besondere Gnade und hält die Erinnerung daran im Kirchenraum fest.

Zwischen Pestgelöbnis und Schutzmantelmadonna liegen drei Jahrhunderte – die religiöse Denkfigur ist jedoch sehr ähnlich: Gefahr – Bewahrung – Dank – bleibendes Erinnerungszeichen.

Wallfahrt und Gegenwart

Kalkstein wird weiterhin als bekannter Marienwallfahrtsort Osttirols wahrgenommen. Es sind auch ausdrücklich Jugendwallfahrten mit gemeinsamer Fußstrecke und Jugendmesse in Maria Schnee dokumentiert. Darüber hinaus ist Kalkstein heute eine wichtige Station des Bergpilgerwegs "Hoch und Heilig".

Damit hat sich die Form des Pilgerns teilweise verändert. Neben die klassische Wallfahrt zum Gnadenbild treten heute Bergpilgern, Jugendwallfahrten und Wege der persönlichen Besinnung. Der alte Gnadenort erhält dadurch neue Funktionen, ohne seine historische Identität zu verlieren.

Volkskundliche Einordnung

Der Ursprung liegt nicht in einer wundersamen Bildauffindung, sondern in einer kollektiven Katastrophe. Die Wallfahrt ist aus dem Gedächtnis an Tod und Überleben entstanden.

Die Kirche wurde zu einem materiellen Gedächtnis der Dorfgemeinschaft. Das Kreuz für die 31 Pesttoten, das Gnadenbild und später das Schutzmantelmadonna-Fenster erzählen verschiedene Generationen derselben Grundgeschichte: von Bedrohung und Bewahrung.

Der abgelegene Talschluss verleiht der Wallfahrt eine besondere räumliche Qualität. Kalkstein ist kein Heiligtum, das man zufällig auf dem Weg durch eine Stadt betritt. Man muss bewusst dorthin fahren oder gehen.

Bemerkenswert ist die Kontinuität trotz baulicher Veränderung. Die kleine Kirche des 17. Jahrhunderts verschwand weitgehend im Neubau des 19. Jahrhunderts, doch Gnadenbild, Patrozinium und Wallfahrt blieben bestehen.

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Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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