Assling, Filial- und Wallfahrtskirche St. Korbinian

Schnellüberblick
Wallfahrt:Historische Korbinianwallfahrt zu Kirche und Reliquien des hl. Korbinian.
Status:Die große historische Wallfahrt ist heute weitgehend erloschen; Gottesdienste werden wieder regelmäßig gefeiert.
Kultzentrum:Korbinianreliquien und der um 1480 entstandene Korbinianaltar.
Besonderheit:Seltene Heiligenwallfahrt mit enger Verbindung nach Freising und zum Stift Neustift.
Ort:Thal-Wilfern / Unterassling.
Bezirk:Lienz / Osttirol.
Bundesland:Tirol.
Lage und Besuch
•Lage: Thal-Wilfern, 9911 Assling.
•Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Tirol - Osttirol/Bezirk Lienz
•Ansicht in Street View
•Web: Seelsorgeraum Assling
•Öffnungszeiten: Kirche nur durch Fenster zu besichtigen. Sonntagsmesse um 10:00 Uhr.
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Ausführliche Beschreibung

Auf einer Anhöhe über dem Drautal steht mit St. Korbinian eine der kunsthistorisch kostbarsten gotischen Kirchen Osttirols. Ihre jahrhundertelange Wallfahrt beruhte nicht auf einem Marienbild oder einer Heilquelle, sondern auf der Verehrung eines seltenen Kirchenpatrons und auf Reliquien, die bereits kurz nach der Errichtung des Gotteshauses aus Freising nach Assling gelangten.

Geografisch steht die Kirche nicht unmittelbar im geschlossenen Dorf Unterassling, sondern auf einer Anhöhe beim Ortsteil Thal-Wilfern. Sie liegt jedoch im Gebiet der Katastralgemeinde Unterassling und gehört seit ihrer Gründung als Filialkirche zur Pfarre Assling.

Historisch

St. Korbinian wurde um 1460 bis 1465 während der Herrschaft des Grafen Leonhard von Görz-Tirol errichtet und 1468 durch den Salzburger Weihbischof Kaspar geweiht. Bereits 1471 übersandte der Freisinger Bischof Johann dem Grafen Leonhard Reliquien der heiligen Korbinian und Sigmund für die neu errichtete Kirche. Diese Reliquienübertragung dürfte für die Ausbildung der Wallfahrt entscheidend gewesen sein.

Gelegentlich wird erzählt, Erzherzog Sigmund der Münzreiche habe die Kirche als Sühneleistung gestiftet. Diese Geschichte erscheint zwar in älterer Literatur, gilt nach neueren Forschungen jedoch als historisch widerlegt. Sicher ist lediglich, dass der Bau in die Regierungszeit des Görzer Grafen Leonhard fällt und mit dessen Herrschaft sowie seinen kirchlichen Beziehungen zusammenhing.

Die Kirche blieb stets Filialkirche der Pfarre Assling. Diese war seit 1261 dem Augustiner-Chorherrenstift Neustift bei Brixen inkorporiert und wird weiterhin von den Neustifter Chorherren betreut. Dadurch war St. Korbinian eng in einen Kulturraum eingebunden, der Osttirol, das Pustertal und das Brixner Gebiet miteinander verband.

Der heilige Korbinian

Korbinian wirkte um 720 als Missionsbischof im Raum Freising. Seine um 770 von Bischof Arbeo verfasste Lebensbeschreibung zählt zu den ältesten bedeutenden literarischen Zeugnissen Bayerns. Sie schildert Korbinian als Pilger, Missionar und Bischof, der mehrfach nach Rom reiste und auch im Gebiet um Meran und Mais wirkte.

Damit war Korbinian für einen Wallfahrtsort im Pustertal besonders passend: Seine eigene Heiligenvita ist von Reisen über die Alpen, Romwallfahrten und Verbindungen zwischen Bayern und dem südlichen Tirol geprägt. Die Asslinger Verehrung dürfte weniger aus einem örtlichen Wunder entstanden sein als aus der Übertragung seines Kultes und seiner Reliquien entlang dieser alten kirchlichen Verbindungen.

Sein bekanntestes Attribut ist der Bär. Nach der Legende tötete ein wilder Bär auf einer Romreise das Lasttier des Heiligen. Korbinian zwang das Tier daraufhin, selbst das Reisegepäck bis nach Rom zu tragen. Der gezähmte Bär wurde zum Sinnbild dafür, dass selbst wilde und zerstörerische Kräfte in den Dienst Gottes genommen werden können. Die Bärenlegende erscheint mehrfach in der bildlichen Ausstattung von St. Korbinian.

Kunstgeschichtlich

St. Korbinian gehört zu den geschlossensten spätgotischen Kirchenanlagen Osttirols. Netz- und Kreuzrippengewölbe, Portale und Fensterrahmungen bestehen aus behauenem Tuffstein. Auf elf bemalten Schlusssteinen erscheinen Heilige, Wappen und Hinweise auf die kirchlichen und weltlichen Herrschaftsverhältnisse der Entstehungszeit. Die Malereien werden Friedrich Pacher zugeschrieben.

Die Kirche besitzt gleich mehrere bedeutende spätgotische Altäre. Der wichtigste für die Wallfahrt ist der um 1480 entstandene Korbinianaltar aus dem Umkreis Friedrich Pachers. Die zentrale Figur des Heiligen wird dem Brixner Bildschnitzer Hans Klocker zugeschrieben; auf der Predella erscheinen Szenen aus dem Leben Korbinians. Der Altar stand ursprünglich als Hochaltar im Mittelpunkt der Kirche.

Seine später zerstreuten Teile hatten ein außergewöhnliches Schicksal. Die Flügel gelangten im 19. Jahrhundert in den Kunsthandel, später in die Sammlung des niederländischen Kunsthändlers Jacques Goudstikker und während der NS-Zeit in die Sammlung Hermann Görings. Nach der Restitution an die Erben Goudstikkers wurden sie 2007 von der Tiroler Landesgedächtnisstiftung zurückgekauft, restauriert und 2010 wieder mit den in Assling erhaltenen Teilen vereinigt.

Daneben besitzt die Kirche einen frühen Passionsaltar, einen Magdalenenaltar von 1498 und einen außergewöhnlich umfangreichen Passionszyklus mit 31 Szenen. Die Wandmalereien führen vom Leben Jesu über Kreuzigung, Auferstehung und Pfingsten bis zum Jüngsten Gericht. Dadurch wurde der Kirchenraum selbst zu einer umfassenden Bilderzählung des christlichen Heilsgeschehens.

Der barocke Hochaltar aus der Zeit um 1660 zeigt wiederum Korbinian als Bischof; darüber befindet sich eine Kopie des Innsbrucker Mariahilfbildes. Der ältere Korbinianaltar wurde damals an die Seitenwand versetzt. Der Heiligenkult blieb somit erhalten, erhielt aber eine neue barocke Inszenierung.

Art der Wallfahrt

Für St. Korbinian ist keine ausführliche Fund-, Erscheinungs- oder Rückkehrlegende überliefert. Ebenso fehlen in den zugänglichen Quellen Hinweise auf eine bestimmte Heilquelle oder ein auf einzelne Krankheiten spezialisiertes Patronat.

Die Wallfahrt dürfte vielmehr auf drei Grundlagen beruht haben:

  1. dem seltenen und angesehenen Patrozinium des Freisinger Bistumsheiligen,
  2. den 1471 übertragenen Reliquien,
  3. sowie dem reich ausgestatteten Korbinianaltar mit Szenen aus seinem Leben.

St. Korbinian war damit wahrscheinlich vor allem eine Heiligen- und Reliquienwallfahrt. Die Gläubigen kamen nicht zu einem angeblich aufgefundenen Bild, sondern zu einem kirchlich anerkannten Heiligen, von dem sich Reliquien im Gotteshaus befanden.

Welche konkreten Bitten die Wallfahrer vorbrachten, ist nicht ausreichend dokumentiert. Korbinian konnte als allgemeiner Fürsprecher, als Schutzheiliger auf Reisen und als Vorbild des Pilgerns angerufen werden. Eine Spezialisierung auf Viehkrankheiten oder Bärengefahr allein aufgrund seines Tierattributes wäre dagegen ohne örtlichen Nachweis zu weitgehend.

Volkskundliche Bedeutung

Reliquien ermöglichten den Gläubigen eine unmittelbare körperliche Nähe zum Heiligen. Der historische Korbinian hatte in Freising und im Meraner Raum gelebt; durch die Reliquien war er nun auch in Assling gegenwärtig.

Die Wallfahrt überwand damit räumliche Entfernung. Man musste nicht bis zum Freisinger Dom reisen, um den Heiligen an seinem Grab zu verehren. Ein Teil seiner sakralen Gegenwart war nach Osttirol übertragen worden.

Ein Heiliger der Alpenwege

Korbinian war selbst ein Reisender zwischen Rom, Bayern und dem südlichen Alpenraum. Seine Verehrung in Assling fügt sich daher besonders gut in die Lage am Pustertal, einem alten Verkehrs- und Durchgangsraum.

Der Wallfahrer begegnete in Korbinian einem Heiligen, dessen Leben ebenfalls aus Aufbruch, gefährlichen Wegen, Alpenüberquerungen und der Suche nach einem geistlichen Ziel bestand. Die Biografie des Heiligen spiegelte gewissermaßen die Handlung des Pilgers.

Der gezähmte Bär

Die Bärenerzählung besitzt eine starke volkskundliche Bildkraft. Ein wildes Tier vernichtet zunächst das Lasttier des Heiligen und bedroht damit seine Reise. Danach übernimmt es dessen Last und ermöglicht die Fortsetzung des Weges.

Der Bär steht dadurch für eine gefährliche Naturkraft, die nicht getötet, sondern verwandelt wird. Das Ungezähmte wird zum Helfer. Für Menschen, die selbst mit steilen Wegen, Wald, wilden Tieren und Naturgefahren lebten, war dieses Bild unmittelbar verständlich.

Herrschaft und Wallfahrt

St. Korbinian ist zugleich eine gräfliche Stiftung und ein Wallfahrtsort der Bevölkerung. Wappen, Reliquien und kostbare Altäre erinnern an die Görzer Herrschaft; der jahrhundertelange Besuch durch Wallfahrer machte die Kirche jedoch zu einem Ort gelebter regionaler Frömmigkeit.

Herrschaftliche Repräsentation und Volksfrömmigkeit bestanden dabei nicht getrennt nebeneinander. Die Stiftung ermöglichte den Bau und die Ausstattung, während Gebete, Gottesdienste und Wallfahrten den Ort dauerhaft mit religiösem Leben erfüllten.

Gegenwart

Die große historische Korbinianwallfahrt scheint heute weitgehend erloschen zu sein. Seit umfangreichen Restaurierungen werden jedoch wieder regelmäßig Gottesdienste gefeiert. Aus Sicherheitsgründen bleibt der eigentliche Kirchenraum außerhalb der Gottesdienste verschlossen; von Mai bis Oktober ermöglicht ein gläserner Windfang zumindest den Blick in das Innere. Besichtigungen und Führungen können vereinbart werden.

Durch den Bergpilgerweg "Hoch und Heilig" erhält St. Korbinian zugleich eine neue Pilgerfunktion: Die Kirche ist Ziel der ersten Etappe von Lavant und Ausgangspunkt des Weges über den Kofelpass nach Maria Luggau. Diese moderne Nutzung knüpft an die historische Wallfahrt an, ohne mit ihr völlig identisch zu sein.

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Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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