| Wallfahrt: | Historische Antoniuswallfahrt, getragen von der Antoniusbruderschaft und regionalen Bittgängen. |
| Status: | Ehemaliger beziehungsweise historischer regionaler Wallfahrtsort; das Antoniuspatrozinium wird weiterhin am 13. Juni gefeiert. |
| Kultzentrum: | Statue des hl. Antonius von Padua am neugotischen Hochaltar. |
| Besonderheit: | Aus einer mittelalterlichen Margarethenkirche entwickelte sich durch Bruderschaft und Heiligenverehrung ein Antoniuswallfahrtsort mit Kreuzweg und Heiligem Grab. |
| Ort: | Anras. |
| Bezirk: | Lienz / Osttirol. |
| Bundesland: | Tirol. |
| • | Lage: Dorf, 9912 Anras. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Tirol - Osttirol/Bezirk Lienz |
| • | Ansicht in Street View (Luftbild) |
| • | Web: Anras - SR Abfaltersbach-Anras-Strassen |
| • | Öffnungszeiten: |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
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Etwas abseits des Anraser Ortskerns steht auf einer bewaldeten Geländestufe ein spätgotisches Kirchlein, dessen Geschichte einen bemerkenswerten Wandel bewahrt: Aus einer Margarethenkirche wurde durch Bruderschaft, Heiligenverehrung und regionale Bittgänge ein Wallfahrtsort des heiligen Antonius von Padua.
Die Kirche entstand in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts und war ursprünglich der heiligen Margaretha geweiht. Sie steht westlich des Dorfes auf einer terrassenartigen Verebnung eines steilen, bewaldeten Rückens. Der ummauerte Platz wird als "Pestfriedhof" bezeichnet; ein Friedhof wurde dort 1626 zwar geweiht, nach der überlieferten Baugeschichte jedoch nie tatsächlich belegt.
Um 1620 erhielt das gotische Gewölbe Seccomalereien, die bei der Renovierung von 1997 wieder freigelegt wurden. Der Dachreiter entstand 1699. Im frühen 18. Jahrhundert wandelte sich die religiöse Bedeutung der Kirche grundlegend: 1716 beziehungsweise 1717 wurde sie der Antoniusbruderschaft überlassen, und der heilige Antonius von Padua verdrängte die frühere Patronin Margaretha zunehmend als bestimmende Kultfigur.
Bemerkenswert ist, dass die ältere Patronin im örtlichen Gedächtnis nicht völlig verschwand. Die Gemeinde berichtet, dass die Pfarre den Margarethentag weiterhin als Patrozinium begeht. Damit bestehen gewissermaßen zwei Erinnerungsschichten nebeneinander: die mittelalterliche Margarethenkirche und der später hinzugekommene Antoniuswallfahrtsort.
1721 wurde an der Nordseite eine eigene Kapelle zur Schmerzhaften Muttergottes angebaut. Ihr Altar wurde 1723 geweiht. Im Jahr 1815 legte man am Hang oberhalb der Kirche einen Kreuzweg an, der zu einer Heilig-Grab-Kapelle führt. Dadurch wurde das Gotteshaus in eine größere Passions- und Andachtslandschaft eingebunden.
St. Antonius ist ein kleiner spätgotischer Bau mit zweijochigem Langhaus, eingezogenem Chor und Sternrippengewölben. Das spitzbogige Westportal, die steile Dachform und die gemalte Eckquaderung erinnern noch deutlich an die mittelalterliche Entstehungszeit. Auf der Südseite befindet sich ein stark übermaltes Christophorusfresko, das wohl aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts stammt.
Der heutige neugotische Hochaltar trägt die Statue des heiligen Antonius von Padua. Die ursprüngliche barocke Ausstattung des Antoniuskultes scheint demnach später verändert oder ersetzt worden zu sein. Der Heilige ist gewöhnlich im Ordensgewand der Franziskaner dargestellt, häufig mit dem Jesuskind, einem Buch oder einer Lilie.
Besonders geschlossen wirkt die Seitenkapelle zur Schmerzhaften Muttergottes. Ihr von Michael Anrater geschaffener Altar zeigt das Kreuz und Maria mit den sieben Schmerzen, umgeben von den Leidenswerkzeugen Christi, den Arma Christi. Barocke Bilder der Passion ergänzen diese Ausstattung. Neben der Antoniusverehrung bestand somit ein zweiter Frömmigkeitsschwerpunkt, der auf Leiden, Tod und mütterliche Trauer ausgerichtet war.
Für das Verständnis der Wallfahrt ist die Antoniusbruderschaft besonders wichtig. Religiöse Bruderschaften waren freiwillige Gemeinschaften von Männern und Frauen, die sich zu regelmäßigen Gebeten, Gottesdiensten, Prozessionen, gegenseitiger Hilfe und zum Gedenken an verstorbene Mitglieder verpflichteten.
Die Übergabe der Kirche an eine solche Bruderschaft bedeutete daher mehr als einen Patroziniumswechsel. Sie schuf einen festen organisatorischen Rahmen für den Kult:
Die Kirche wurde dadurch zu einem religiösen Mittelpunkt, dessen Wirkung über die kleine Filialgemeinde hinausreichte.
Antonius von Padua gehört zu den populärsten Heiligen der katholischen Volksfrömmigkeit. Er lebte im 13. Jahrhundert, gehörte dem Franziskanerorden an und wurde besonders als Prediger verehrt. In der volkstümlichen Frömmigkeit weitete sich sein Patronat stark aus.
Am bekanntesten ist seine Anrufung beim Verlust von Gegenständen. Der Heilige sollte helfen, Verlorenes wiederzufinden. Diese Zuständigkeit wurde häufig übertragen: Man bat ihn auch bei verlorener Hoffnung, bei schwierigen Lebenslagen oder bei der Suche nach einem geeigneten Ehepartner.
Daneben galt Antonius als allgemeiner Helfer der Armen und Bedrängten. Seine große Popularität erklärt, warum ein älteres Margarethenkirchlein im frühen 18. Jahrhundert zu einem regionalen Antoniuswallfahrtsort werden konnte. Ein neuer, stark verbreiteter Heiligenkult überlagerte die ältere lokale Tradition.
Für Anras selbst konnte ich allerdings keine besondere örtliche Antoniuslegende oder einen fest umrissenen Heilungsbereich nachweisen. Man sollte daher nicht ohne zusätzliche Quellen behaupten, die Wallfahrt habe sich dort ausschließlich auf verlorene Gegenstände, Heiratsbitten oder eine bestimmte Krankheit bezogen.
Der 1815 angelegte Naturkreuzweg erweitert den Antoniuskult um eine ausgeprägte Passionsfrömmigkeit. Die Betenden steigen von Station zu Station den Hang hinauf und betrachten dabei Leiden und Tod Christi. Ziel des Weges ist eine Heilig-Grab-Kapelle.
Damit besitzt Anras eine religiöse Wegordnung aus drei miteinander verbundenen Elementen:
Der Pilgerbesuch beschränkte sich folglich nicht auf das Gebet vor einer Heiligenstatue. Er konnte mit körperlichem Aufstieg, Kreuzwegandacht und der Betrachtung des Todes Christi verbunden werden.
Besonders aufschlussreich ist der Wechsel von Margaretha zu Antonius. Er zeigt, dass Kirchenpatrozinien in der gelebten Volksfrömmigkeit nicht immer unveränderlich blieben. Neue religiöse Bedürfnisse und besonders erfolgreiche Heiligenkulte konnten ältere Traditionen überlagern.
Margaretha war eine bedeutende mittelalterliche Patronin, unter anderem für Frauen, Gebärende und die bäuerliche Bevölkerung. Antonius wurde dagegen in der Barockzeit zu einem außerordentlich vielseitigen und persönlich ansprechbaren Helfer. Dass sein Kult schließlich den Namen der Kirche bestimmte, lässt auf eine starke Beteiligung der Bevölkerung schließen.
Gleichzeitig blieb der Margarethentag erhalten. Der Kultwechsel bedeutete somit keine vollständige Auslöschung, sondern eine Schichtung religiöser Erinnerung.
Viele Wallfahrtsorte erklären ihren Ursprung durch eine Erscheinung, ein gefundenes Bild oder ein spektakuläres Wunder. Für Anras ist eine solche Geschichte bislang nicht greifbar.
Gerade das macht den Ort interessant: Die Wallfahrt scheint wesentlich durch eine organisierte Gemeinschaft entstanden zu sein. Bruderschaft, Altar, Gottesdienste und wiederkehrende Festtage konnten einen Wallfahrtsort ebenso hervorbringen wie eine Mirakelerzählung.
Die Antoniusverehrung, die Kapelle zur Schmerzhaften Muttergottes und der Kreuzweg bilden zusammen eine vielschichtige Frömmigkeitslandschaft. Der Einzelne konnte Antonius mit seinen persönlichen Sorgen anrufen, vor der Schmerzhaften Mutter das Leiden der eigenen Familie wiederfinden und im Kreuzweg die Passion Christi nachvollziehen.
Die Kirche vereinte somit persönliche Hilfe, gemeinschaftliche Bruderschaftsfrömmigkeit und die großen Themen von Schmerz, Tod und Erlösung.
Die Gemeinde bezeichnet St. Antonius weiterhin als ehemaligen beziehungsweise historischen regionalen Wallfahrtsort. Das Patrozinium des heiligen Antonius wird am 13. Juni gefeiert.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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