Amlach, Filial- und Wallfahrtskirche St. Ottilia

Schnellüberblick
Wallfahrt:Historische Heiligenwallfahrt zu Ottilia, Luzia und Apollonia, besonders bei Augen-, Ohren-, Hals- und Zahnleiden.
Status:Die einst außergewöhnlich starke Wallfahrt ist heute vor allem historisch fassbar; die Kirche ist frei zugänglich.
Kultzentrum:Die Verehrung der hl. Ottilia, ergänzt durch Luzia und Apollonia.
Besonderheit:Ablassbriefe belegen den Pilgerzustrom bereits im Spätmittelalter; der Wallfahrerandrang prägte die ungewöhnliche Größe der Kirche.
Ort:Amlach.
Bezirk:Lienz / Osttirol.
Bundesland:Tirol.
Lage und Besuch
•Lage: Kirchweg, 9908 Amlach.
•Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Tirol - Osttirol/Bezirk Lienz
•Ansicht in Street View
•Web: Amlach - SR Lienz Süd
•Öffnungszeiten: frei zugänglich.
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Ausführliche Beschreibung

Mitten im kleinen Dorf Amlach steht eine Kirche, deren Größe noch heute von einer einst außergewöhnlich starken Wallfahrt zeugt: Kranke und Hilfesuchende kamen hierher zu drei weiblichen Heiligen, denen man besondere Macht über Augen-, Ohren-, Hals- und Zahnleiden zuschrieb.

Die erste urkundliche Erwähnung eines Amlacher Gotteshauses stammt aus dem Jahr 1382. Ablassbriefe von 1417 und 1501 lassen bereits für das Spätmittelalter einen regen Zustrom von Wallfahrern erkennen. Im 17. Jahrhundert nahm die Wallfahrt so stark zu, dass die ältere Kapelle durch ein für den kleinen Ort ungewöhnlich großes Langhaus erweitert werden musste.

Die Kirche ist kirchenrechtlich keine selbständige Pfarrkirche, sondern eine Filialkirche der Pfarre Tristach.Das Patrozinium wird am 13. Dezember begangen.

Historisch

Das erste Amlacher Gotteshaus war ursprünglich der heiligen Gertraud geweiht, der Patronin der Feld- und Gartenarbeit. Schon früh trat jedoch die Verehrung der heiligen Ottilia hinzu. Später kamen die heiligen Luzia und Apollonia dazu. Die Ottilienverehrung wurde schließlich so bedeutend, dass Gertraud als Hauptpatronin vollständig verdrängt wurde. Die örtliche Chronik vermutet, dass wiederholt berichtete Gebetserhörungen zu diesem Patroziniumswechsel beigetragen haben könnten.

Der starke Wallfahrerandrang machte im 17. Jahrhundert einen größeren Kirchenbau erforderlich. Ein Inschriftstein über dem westlichen Eingang nennt 1684 als Beginn des Erweiterungsbaues; der Triumphbogen vor dem Presbyterium trägt die Jahreszahl 1691 und bezeichnet offenbar dessen Abschluss. Dass eine kleine Filialgemeinde eine derart geräumige Kirche erhielt, ist ein deutliches bauliches Zeugnis der damaligen Wallfahrtsblüte.

Die Kirche blieb trotz ihrer Bedeutung stets eng mit Tristach verbunden. Gerade darin liegt eine typische Besonderheit vieler ländlicher Wallfahrtsorte: Ein Gotteshaus konnte einen beträchtlichen Pilgerzustrom besitzen, ohne selbst Pfarrkirche oder Mittelpunkt eines eigenen großen Seelsorgebezirkes zu sein.

Die heilige Ottilia

Ottilia beziehungsweise Odilia wurde nach ihrer Legende als blinde Tochter eines elsässischen Herzogs geboren. Der Vater verstieß das Kind; bei seiner Taufe soll es im Alter von zwölf Jahren das Augenlicht erhalten haben. Später gründete Ottilia auf dem Odilienberg im Elsass ein Frauenkloster und wurde besonders als Fürsprecherin bei Blindheit und Augenkrankheiten verehrt. Ihr Attribut ist häufig ein Buch, auf dem zwei Augen liegen.

In Amlach befindet sich die älteste Darstellung der Heiligen als spätgotische Statue aus der Zeit um 1470 oberhalb des Tabernakels. Sie gehört damit noch in jene frühe Phase, in der die Verehrung Ottilias die ältere Gertraud-Tradition allmählich zu überlagern begann.

Ottilias Gedenktag ist der 13. Dezember. Auffällig ist, dass am selben Tag auch die heilige Luzia gefeiert wird, deren Name mit dem lateinischen lux, Licht, verbunden wurde. Beide Heilige standen deshalb in besonders enger Beziehung zu Licht, Sehen und Augenleiden.

Drei weibliche Heilige als Nothelferinnen

Das besondere Profil der Amlacher Wallfahrt ergibt sich aus der Verbindung dreier "Bräute Christi", die auf dem heutigen Hochaltarbild von Josef Strasser aus dem Jahr 1859 dargestellt sind:

  • Ottilia wurde vor allem bei Blindheit und Augenleiden angerufen.
  • Luzia galt als Helferin bei Augen-, Ohren- und Halskrankheiten.
  • Apollonia, dargestellt mit einer Zange und einem Zahn, war Patronin bei Zahnschmerzen.

Diese Zusammenstellung machte Amlach zu einem regelrechten Heilungswallfahrtsort für Beschwerden des Kopfes und der Sinnesorgane. Wer schlecht sah, an Ohren- oder Halsschmerzen litt oder von Zahnschmerzen geplagt wurde, fand in derselben Kirche eine jeweils zuständige Fürsprecherin.

Volkskundlich zeigt sich darin eine für die Heiligenverehrung typische Spezialisierung. Die Heiligen wurden nicht nur allgemein um Hilfe gebeten, sondern besaßen klar umrissene Zuständigkeitsbereiche. Ihre Lebens- oder Leidensgeschichte erklärte jeweils ihr Patronat:

  • Ottilia erhielt nach ihrer Taufe das Augenlicht.
  • Luzia wurde durch einen Schwerthieb am Hals getötet und mit Licht und Sehen verbunden.
  • Apollonia wurden der Legende nach die Zähne ausgeschlagen beziehungsweise ausgerissen.

Die körperliche Verletzung oder wunderbare Heilung der Heiligen begründete also ihre besondere Fähigkeit, Menschen mit ähnlichen Leiden beizustehen.

Kunstgeschichtlich

Der barocke Hochaltar entstand um 1700. Nach örtlicher Überlieferung kaufte ihn ein Baron von Sternbach aus der Wallfahrtskirche Maria Luggau. Nach mehreren späteren Übermalungen wurde er 1988/89 wieder auf seine ursprüngliche Fassung zurückgeführt.

Im Zentrum steht das 1859 von Josef Strasser geschaffene Bild der heiligen Ottilia mit Luzia und Apollonia. Oberhalb des Tabernakels befindet sich die ältere spätgotische Ottilienfigur. Damit verbindet der Altar zwei unterschiedliche Schichten des Kultes: die mittelalterliche Heiligenstatue und die im 19. Jahrhundert erneuerte Darstellung der drei Nothelferinnen.

In den größeren Altarnischen stehen Josef mit dem Jesuskind und Johannes der Täufer; kleinere Figuren zeigen die Apostel Andreas und Johannes. Hinzu kommen eine vergoldete Schutzengelplastik von Mathias Oberegger, ein Bild der im 19. Jahrhundert populären heiligen Philomena sowie eine Gewölbemalerei Emil Kerles von 1907.

Der linke Seitenaltar trägt eine barocke Kopie des berühmten Mariahilfbildes Lucas Cranachs. Am rechten Seitenaltar erscheint der heilige Antonius von Padua. Die Kirche war somit neben ihrer eigentlichen Ottilienwallfahrt auch in die weitverbreitete Mariahilf- und Antoniusfrömmigkeit eingebunden.

Zu den ältesten Ausstattungsstücken zählt ein Weihwasserbecken aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts mit dem Wappen der Herren von Graben. Die Orgel wurde 1862/63 vom Südtiroler Orgelbauer Franz Perfler aus Kiens erbaut.

Votivbilder und Gebetserhörungen

Votivbilder in der Kirche erinnern daran, dass die Wallfahrer ihre Heilung oder Besserung nicht nur erhofften, sondern nach eigener Überzeugung auch erfahren hatten. Solche Tafeln wurden als Dank gestiftet und öffentlich im Kirchenraum angebracht.

Das Votivbild erfüllte dabei mehrere Aufgaben:

Es löste ein zuvor abgelegtes Gelübde ein, hielt die persönliche Notlage im Gedächtnis fest und bezeugte gegenüber späteren Besuchern die vermeintliche Wirksamkeit der angerufenen Heiligen. Jede neue Tafel konnte dadurch den Ruf des Wallfahrtsortes weiter verstärken.

Leider nennen die frei zugänglichen Quellen weder Zahl noch genauere Inhalte der erhaltenen Amlacher Votivbilder. Eine ausführliche volkskundliche Auswertung müsste daher unmittelbar in der Kirche beziehungsweise anhand des Pfarr- oder Diözesanarchivs erfolgen.

Volkskundliche Bedeutung

Wallfahrt als Krankenfürsorge

Vor der Entwicklung moderner Augenheilkunde, Hals-Nasen-Ohren-Medizin und Zahnmedizin waren Erkrankungen der Sinnesorgane besonders bedrohlich. Der Verlust des Augenlichtes konnte Arbeitsfähigkeit, Selbständigkeit und wirtschaftliche Existenz zerstören; Zahnentzündungen und Halskrankheiten konnten lebensgefährlich werden.

Die Wallfahrt bot eine Möglichkeit, angesichts solcher Leiden nicht völlig untätig zu bleiben. Der Kranke oder seine Angehörigen konnten einen Bittgang unternehmen, eine Messe lesen lassen, eine Kerze stiften oder ein Gelübde ablegen. Die religiöse Handlung ersetzte medizinische Maßnahmen nicht notwendigerweise, gab der Krankheit aber Sinn, Hoffnung und eine soziale Form.

Weibliche Heilige

Bemerkenswert ist die fast vollständige Konzentration auf weibliche Heilige. Ottilia, Luzia und Apollonia waren keine unnahbaren Herrscherinnen, sondern Jungfrauen und Märtyrerinnen, deren eigene Körper von Krankheit, Gewalt oder wundersamer Heilung geprägt waren.

Für die Wallfahrer wurden sie dadurch zu verständlichen Gegenübern. Man wandte sich an eine Heilige, die das betreffende Leiden gewissermaßen selbst kannte. Die Beziehung zwischen Heiligenlegende und Krankheit machte die himmlische Hilfe anschaulich und leicht erinnerbar.

Der Patroziniumswechsel

Besonders aufschlussreich ist die Verdrängung der heiligen Gertraud durch Ottilia. Kirchliche Patrozinien erscheinen häufig als unveränderliche Traditionen; in Amlach zeigt sich dagegen, dass die tatsächlichen Bedürfnisse der Bevölkerung einen Kultort verändern konnten.

Gertraud stand für Feld- und Gartenarbeit. Ottilia, Luzia und Apollonia boten Hilfe bei unmittelbar körperlichen Leiden. Offenbar gewann diese Heilungsfrömmigkeit eine so große Bedeutung, dass sie schließlich auch den offiziellen Namen der Kirche bestimmte.

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Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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