| Wallfahrt: | Historische Marienwallfahrt zur Schmerzhaften Muttergottes auf dem Ulrichsbichl. |
| Status: | Historischer lokaler Wallfahrtsort; heute liegt die Kapelle auch am Bergpilgerweg "Hoch und Heilig". |
| Kultzentrum: | Das historische Bild der Schmerzhaften Muttergottes; der hl. Ulrich ist Kirchenpatron, nicht Mittelpunkt der Wallfahrt. |
| Besonderheit: | Der bis heute so genannte "Wallfahrersteg" erinnert an den früheren Pilgerverkehr. |
| Ort: | Ulrichsbichl bei Amlach. |
| Bezirk: | Lienz / Osttirol. |
| Bundesland: | Tirol. |
| • | Lage: bei Ulrichsbichl 2, 9908 Amlach. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Tirol - Osttirol/Bezirk Lienz |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Web: Amlach - SR Lienz Süd |
| • | Öffnungszeiten: |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
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Auf einem stillen, bewaldeten Hügel zwischen Amlach und Tristach liegt die Ulrichskapelle, deren eigentliche Wallfahrtsgeschichte nicht dem Kirchenpatron, sondern einem aus einer zerstörten Kapelle geretteten Bild der Schmerzhaften Muttergottes gilt. Der heilige Ulrich ist der Kirchenpatron; das eigentliche historische Gnadenbild und die Wallfahrt sind jedoch marianisch geprägt.
Die Kapelle steht auf einem bewaldeten Hügel zwischen Amlach und Tristach. Bauuntersuchungen ergaben, dass Teile des Mauerwerks noch auf einen romanischen Vorgängerbau zurückgehen. Dieser wurde vermutlich im ausgehenden Mittelalter nach Osten erweitert. Nachdem das Gebäude 1752 als baufällig gemeldet worden war, erneuerte und barockisierte der Lienzer Baumeister Thomas Mayr die Kapelle zwischen 1760 und 1762.
Im Jahr 1851 erhielt das Äußere seine klassizistische Gestaltung und die Kapelle eine veränderte Altarausstattung. Weitere Restaurierungen erfolgten 1968 sowie in den Jahren 1993 und 1994. Dabei wurden die spätbarocken Malereien wieder freigelegt; 1995 wurde die Kapelle neu geweiht.
In populären Darstellungen findet sich daneben die Erzählung, die Herren von Graben hätten um 1570 zunächst einen einfachen Holzbau errichtet, der später durch einen Steinbau ersetzt worden sei. Diese Tradition ist mit den bei der Restaurierung nachgewiesenen romanischen Mauerresten schwer vereinbar. Für eine quellenkritische Darstellung würde ich daher der bauhistorischen Untersuchung folgen: Der Kapellenplatz ist wesentlich älter als das 16. Jahrhundert; um 1570 dürfte eher eine Änderung des Patroziniums oder eine Erneuerung stattgefunden haben.
Tatsächlich soll in der Kapelle zunächst der heilige Ägidius verehrt worden sein. Später trat die Schmerzhafte Muttergottes in den Mittelpunkt, während der Wechsel zum Ulrichspatrozinium um 1570 angesetzt wird. Teilweise werden auch die Heiligen Johannes und Paulus als Mitpatrone genannt.
Der Überlieferung zufolge befand sich im sogenannten Leidenstal, einer Schlucht südöstlich von Amlach, eine kleine Kapelle mit einem besonders verehrten Bild der Schmerzhaften Muttergottes. Naturgewalten zerstörten das Gotteshaus. Das Bild galt zunächst als verloren, wurde jedoch nach längerer Zeit unversehrt wiedergefunden. Man brachte es daraufhin auf den Ulrichsbichl, wo die Verehrung stark zunahm und sich eine Wallfahrt entwickelte.
Die Geschichte gehört zu den klassischen Bewahrungs- und Übertragungslegenden der Wallfahrtskultur. Das Kultbild übersteht eine Katastrophe, während das Gebäude um es herum vernichtet wird. Seine Unversehrtheit wird nicht als Zufall, sondern als sichtbares Zeichen besonderer Gnade verstanden.
Anders als bei einer Rückkehrlegende wählt das Bild seinen neuen Ort nicht dadurch, dass es selbständig dorthin zurückkehrt. Der neue Kultort entsteht vielmehr durch eine rituelle Rettung und Übertragung: Das Bild wird aus dem gefährdeten Naturraum des Leidenstales auf den geschützten Hügel gebracht.
Der Name "Leidenstal" erhält dabei beinahe eine doppelte Bedeutung. Er bezeichnet einerseits eine konkrete Schlucht, andererseits erinnert er an das Leiden Christi und den Schmerz Mariens. Ob der Flurname tatsächlich vom Gnadenbild abgeleitet wurde oder schon vorher bestand, lässt sich aus den verfügbaren Quellen nicht sicher entscheiden. Die örtliche Überlieferung verbindet ihn jedenfalls unmittelbar mit der Schmerzhaften Muttergottes.
Das als Gnadenbild bezeichnete Werk befindet sich unterhalb des großen Altarbildes. Es stammt vom Beginn des 16. Jahrhunderts und zeigt in halbfiguriger Darstellung den Schmerzensmann Christus, flankiert von Maria und dem Apostel Johannes.
Das Bild ist damit keine Pietà im engeren Sinn, bei der Maria den Leichnam Christi auf ihrem Schoß hält. Im Mittelpunkt steht vielmehr Christus als Schmerzensmann. Maria nimmt als mitleidende Mutter an seiner Passion teil; Johannes vertritt den gläubigen Betrachter.
Gerade diese Bildform eignet sich besonders für Bittgänge in Zeiten von Krankheit, Naturgefahr oder wirtschaftlicher Bedrohung. Die Wallfahrer sahen nicht nur eine himmlische Helferin, sondern eine Mutter, die selbst Leid erfahren hatte und deshalb menschliche Not verstehen konnte.
Das größere Altarbild aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zeigt die Heiligen Johannes Nepomuk und Ulrich kniend vor Maria mit dem Jesuskind. Die weißen, teilweise vergoldeten Altarfiguren stellen ebenfalls Nepomuk und Ulrich dar. An den Seitenwänden befinden sich eine spätgotische Ulrichsfigur aus der Zeit um 1430 und eine Pietà des 18. Jahrhunderts.
Die Kapelle ist ein kleiner zweijochiger Bau mit eingezogenem, dreiseitig geschlossenem Chor, schindelgedecktem Satteldach und einer zweibogigen Glockenwand. Die klassizistische Außengliederung stammt im Wesentlichen aus dem 19. Jahrhundert.
Besonders reizvoll sind die 1761 von Thomas Valtiner geschaffenen spätbarocken Malereien. Sie täuschen architektonischen und ornamentalen Stuck vor. Im Chorgewölbe erscheint Maria als Siegerin über Schlange und Sünde; hinzu kommen Sinnbilder aus der Lauretanischen Litanei, darunter der elfenbeinerne Turm, das goldene Haus, die Arche des Bundes, die Himmelspforte und der Morgenstern.
Das Bildprogramm zeigt deutlich, dass die Kapelle trotz ihres Ulrichspatroziniums stark marianisch geprägt blieb. Der heilige Ulrich gibt dem Ort seinen Namen, doch Maria beherrscht Fresken, Gnadenbild und Wallfahrtsüberlieferung.
Neben der Verehrung des Gnadenbildes waren die Bittgänge gegen Wetter- und Naturgefahren von besonderer Bedeutung. Aus Tristach ist ein traditioneller Bittgang zum Ulrichsbichl am Fest des Evangelisten Markus belegt. Auch in jüngerer Zeit führen Amlach und Tristach gemeinsam Bittgänge zur Kapelle durch.
Solche Bittgänge fanden gewöhnlich im Frühjahr statt, wenn Saat, Wiesen und Vieh durch Frost, Hagel, Unwetter und Überschwemmungen besonders gefährdet waren. Die Prozession verband Gebet und körperliches Unterwegssein mit der Bitte um Schutz für die gesamte Dorfgemeinschaft.
Dabei war nicht nur Maria von Bedeutung. Johannes Nepomuk wurde als Patron gegen Wassergefahr verehrt, während der heilige Ulrich vielerorts bei Unwetter, Krankheit und Wassernot angerufen wurde. Die Vereinigung dieser Heiligen mit der Schmerzhaften Muttergottes machte die Kapelle zu einem geeigneten Ziel für gemeinschaftliche Schutz- und Wetterbitten.
Dass ein Fußweg zwischen Lienz und Ulrichsbichl bis heute über den sogenannten "Wallfahrersteg" führt, ist ein schönes materielles Zeugnis des früheren Pilgerverkehrs. Die Gemeinde erneuerte diese Brücke 2018 ausdrücklich unter ihrem überlieferten Namen.
Volkskundlich ist der Ulrichsbichl vor allem durch die Verbindung von Katastrophenerinnerung, Bildrettung und gemeinschaftlichem Bittgang bedeutsam.
Die Ursprungserzählung erklärt, warum gerade dieses Bild als gnadenreich galt: Es überstand jene Naturgewalt, gegen die man später am neuen Standort um Schutz bat. Seine eigene Rettung wurde gewissermaßen zum Beweis dafür, dass es auch die Wallfahrer bewahren könne.
Der Ortswechsel vom engen, gefährdeten Leidenstal auf den bewaldeten Hügel lässt sich zudem als symbolischer Übergang verstehen:
Die Bittgänge machten aus persönlichen Sorgen ein gemeinschaftliches Ritual. Nicht ein einzelner Bauer bat allein für sein Feld, sondern das Dorf zog geordnet zur Kapelle. Glocken, Gebete, Prozessionskreuz und gemeinsamer Weg stellten die bedrohte Gemeinschaft sichtbar wieder her.
Zugleich blieb der Ulrichsbichl ein kleiner, landschaftsnaher Wallfahrtsort. Es entstanden offenbar keine großen Mirakelbücher oder überregionalen Pilgerströme. Seine Bedeutung lag in den regelmäßigen Wegen der umliegenden Bevölkerung und in der beständigen Bindung von Amlach und Tristach an "ihre" Kapelle.
Heute liegt die Kapelle auch am Bergpilgerweg "Hoch und Heilig". Dadurch wird der alte Bittgangsort in eine moderne Form des Pilgerns einbezogen, ohne dass seine lokale Geschichte verloren geht.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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