| Wallfahrt: | Marien-, Quell- und Bergwallfahrt zur Wallfahrtskirche Maria Schnee in Heiligwasser oberhalb von Igls. |
| Status: | Lebendiger Wallfahrtsort mit regelmäßigen Wallfahrtsmessen und besonderen Fußwallfahrten. |
| Kultzentrum: | Heute eine Kopie der 1971 gestohlenen spätgotischen Madonna; zugleich ist die namensgebende Quelle wesentlicher Teil des Gnadenortes. |
| Besonderheit: | Erscheinungslegende von 1606, Heilung eines stummen Kindes 1651 sowie die Verbindung von Bildbaum, Quelle und Bergwallfahrt. |
| Ort: | Heiligwasser oberhalb von Igls. |
| Bezirk: | Innsbruck-Stadt. |
| Bundesland: | Tirol. |
| • | Lage: Heiligwasserweg 47, 6080 Innsbruck. - Innsbruck, Stadtteil Igls, Wanderwege am Nordhang des Patscherkofels. Seehöhe 1240 m. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Innsbruck |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Web: Pfarre Igls - Vill |
| • | Öffnungszeiten: übliche Kirchenöffnungszeiten, kein Eintritt. Wallfahrtsgasthaus. (vorübergehend geschlossen). Das direkt daneben liegende Alpengasthaus Heiligwasser hat normalerweise Mittwoch bis Sonntag von 11:30 bis 18:00 Uhr geöffnet (Änderungen oder Ruhetage vorbehalten). |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
• Das Gnadenbild, eine spätgotische Maria mit Kind aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts, stammte aus dem Stift Wilten. Es wurde 1971 gestohlen. Seitdem steht eine Kopie am Hochaltar.
Neben dem Haupteingang im Westen befindet sich der 1736 errichtete Brunnen.
Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie
Hoch über Igls, an einem bewaldeten Hang des Patscherkofels, verbindet Heiligwasser auf besonders eindrucksvolle Weise Marienerscheinung, wundertätige Quelle, Bildbaum und Bergwallfahrt: Aus einem abgelegenen Quellplatz entstand im 17. Jahrhundert einer der meistbesuchten Gnadenorte im Umkreis von Innsbruck.
Wallfahrtskirche Maria Schnee in Heiligwasser, auch "Unsere Liebe Frau zum heiligen Wasser", oberhalb von Igls.
Das Patrozinium Maria Schnee und der volkstümliche Name Heiligwasser bezeichnen dabei zwei unterschiedliche Ebenen. Maria Schnee ist der kirchliche Weihetitel; "Heiligwasser" verweist auf die Quelle, die zusammen mit der Marienerscheinung und einer Heilungserzählung den eigentlichen Ausgangspunkt der Wallfahrt bildet. Die Kirche liegt auf etwa 1.240 Metern Seehöhe am Nordhang des Patscherkofels.
Der Überlieferung zufolge hüteten im Jahr 1606 zwei Knaben – in einer Fassung Johannes und Paul Mayr – am Nordhang des Patscherkofels das Vieh. Als sechs Tiere verschwanden und trotz langen Suchens nicht gefunden werden konnten, beteten die Jungen zur Gottesmutter. Maria soll ihnen in einem überirdischen Licht erschienen sein und auf den Ort gezeigt haben, an dem sich die vermissten Tiere befanden. Zugleich hätten die Knaben den Auftrag erhalten, den Chorherren des Stiftes Wilten mitzuteilen, dass an der dort entspringenden Quelle eine Kapelle errichtet werden solle.
Die Buben trafen der Legende zufolge tatsächlich auf Wiltener Chorherren, wagten aber aus Schüchternheit oder Angst nicht, von der Erscheinung zu erzählen. Das Geschehen blieb daher zunächst ohne erkennbare Folgen. Erst viele Jahrzehnte später sollte die Gründung des Wallfahrtsortes durch ein zweites Wunder ausgelöst werden.
Diese lange Verzögerung ist ein charakteristisches Element vieler Wallfahrtslegenden: Der himmlische Auftrag wird zunächst nicht erfüllt; erst ein weiteres Zeichen zwingt die Menschen gewissermaßen dazu, den Ort öffentlich anzuerkennen. Die spätere Wallfahrt erscheint dadurch nicht als menschliche Erfindung, sondern als wiederholt bekundeter Wille der Gottesmutter.
Im Jahr 1651 soll einer der inzwischen erwachsenen Hirten nochmals zur Quelle gegangen sein und einen von Geburt an stummen, nach manchen Fassungen auch gehörlosen Knaben mitgenommen haben. Nachdem das Kind vom Quellwasser getrunken oder sich dort aufgehalten hatte, soll es plötzlich gesprochen haben. Nun berichtete der ehemalige Hirtenknabe sowohl von der Erscheinung des Jahres 1606 als auch von der Heilung. Noch im selben Jahr hätten Einwohner von Igls und auswärtige Spender den Bau einer kleinen hölzernen Kapelle ermöglicht.
Damit enthält die Gründungsüberlieferung zwei verschiedene Mirakel:
Das erste Wunder betrifft die bäuerliche Lebensgrundlage, das zweite den menschlichen Körper. Gemeinsam begründen sie die besondere Kraft des Ortes.
Historisch lässt sich zumindest feststellen, dass in der Mitte des 17. Jahrhunderts bereits ein verehrter "Mutter-Gottes-Baum" beziehungsweise ein "Taxbaum" und eine hölzerne Andachtsstätte vorhanden waren. Diese frühe Kapelle brannte offenbar 1652 ab. Die Bezeichnung "Heiligwasser" scheint sich erst ab etwa 1670 allgemein durchgesetzt zu haben; zuvor wurde der Platz stärker mit dem Marien- oder Bildbaum verbunden.
Die ausführliche Erzählung von 1606 und 1651 ist als Wallfahrtslegende zu verstehen. Der Bildbaum, die Kapelle und die wachsende Verehrung seit der Mitte des 17. Jahrhunderts sind dagegen historisch besser zu belegen.
Der Wiltener Abt Dominikus Löhr förderte die rasch anwachsende neue Wallfahrt. Nachdem die erste hölzerne Andachtsstätte nicht mehr genügte, begann der Bau der heutigen gemauerten Kirche. Die Vorbereitungen setzten wahrscheinlich 1661 ein; die feierliche Grundsteinlegung erfolgte am 15. Mai 1662. Zum Bauaufseher wurde Bartolomä Geyr, der Superior des Stiftes Wilten, bestellt. Drei Jahre später weihte der Brixner Weihbischof Jesse Perkhofer die Kirche. Das Weihedatum wird mit dem 20. Oktober 1665 angegeben.
Die Kirche erhielt das Patrozinium Maria Schnee. Dieser Marientitel erinnert an die römische Legende von der Gründung von Santa Maria Maggiore, deren Bauplatz durch einen wunderbaren Schneefall im August angezeigt worden sein soll. Für Heiligwasser ist jedoch keine eigene Schneewundererzählung überliefert; der örtliche Kult gründet vielmehr auf Quelle, Erscheinung und Heilung.
Bereits 1662 wurde eine spätgotische Marienstatue aus dem Stift Wilten nach Heiligwasser gebracht. Sie wurde zum eigentlichen Gnadenbild der Kirche. Unter Abt Martin Stickler, der von 1719 bis 1747 amtierte, wurde die Verehrung des Bildes besonders gefördert und der Kirchenbau entscheidend erweitert.
In den Jahren 1722/23 entstand an der südlichen Seite eine Kapelle zu Ehren der heiligen Ottilia. Um 1740/41 wurden außerdem das westliche Vorhallenjoch, die Empore und der Säulenportikus errichtet. Ein ursprünglich für die Annakapelle der Wiltener Stiftskirche geschaffener Marmoraltar kam nach Heiligwasser und erhielt ein neues Altarbild mit der heiligen Ottilia.
Auch die Quelle wurde architektonisch gefasst. Der Brunnen neben dem westlichen Haupteingang trägt die Jahreszahl 1736. Dadurch wurde der natürliche Wasseraustritt nicht nur leichter zugänglich, sondern zugleich in den sakralen Gesamtbereich der Wallfahrt einbezogen.
Unter Abt Martin Stickler entstand ferner das spätere Mesner- und Wallfahrtsgasthaus. Kirche, Brunnen und Gasthaus bildeten damit jenes Ensemble, das für viele größere Wallfahrtsorte charakteristisch ist: Gebet, Wasserschöpfen, Versorgung, Ruhe und Geselligkeit fanden in unmittelbarer räumlicher Nähe statt.
Im Zuge der josephinischen Reformen drohte auch Heiligwasser in den 1780er-Jahren die Aufhebung. Die Schließung konnte verhindert werden; nach späterer Überlieferung spielte dabei ein Attest eine Rolle, das dem Quellwasser eine gesundheitlich günstige Wirkung bescheinigte. Dennoch wurde die Wallfahrt vorübergehend stark eingeschränkt.
Nach dem Tod Josephs II. setzte ein erneuter Aufschwung ein. Papst Pius VII. gewährte 1802 Ablässe für den Besuch von Heiligwasser. Gleichzeitig wurde die Kirche renoviert und der Wallfahrtsweg von Igls durch mehrere Kapellen gegliedert. Ein Teil dieser Wegkapellen ist bis heute erhalten.
Die Wallfahrt erreichte im 19. Jahrhundert wiederum große Ausmaße. Zum 250-jährigen Jubiläum der Überlieferung im Jahr 1856 sollen während der Festwoche rund 30.000 Menschen nach Heiligwasser gekommen sein. Auch wenn solche historischen Zahlen nicht immer nach heutigen statistischen Maßstäben überprüfbar sind, zeigen sie doch den außerordentlichen Ruf des Ortes.
Die Wallfahrtskirche ist ein schlichter, langgestreckter Saalbau mit dreiseitig geschlossenem Chor. An den Chor schließt ein sechseckiger Turm mit Zwiebelhelm an. Die einfache äußere Gestalt entspricht dem Ursprung als Berg- und Quellheiligtum; die repräsentative Wirkung konzentriert sich auf die westliche Vorhalle mit ihrem Säulenportikus.
Über dem Eingang befindet sich ein Fresko aus dem Jahr 1743, das die Entstehungslegende darstellt. Es wird Johann Michael Strickner zugeschrieben. Die Besucher sehen somit bereits beim Betreten der Kirche jene Erzählung, welche die Heiligkeit des Platzes begründet: die Hirtenknaben, die Marienerscheinung, das verlorene Vieh und die Quelle.
Der Innenraum ist dreijochig und von einer Stichkappentonne überwölbt. Wandpfeiler und reiche Stuckaturen gliedern das Langhaus. Die heutigen Deckenbilder schuf Hans Andre 1945. Trotz verschiedener Ausstattungsphasen bleibt der Raum deutlich auf Hochaltar und Gnadenbild ausgerichtet.
Der barocke Hochaltar umfängt die Marienstatue in einer festlichen Architektur. Wie bei vielen Wallfahrtskirchen ist das eigentliche Gnadenbild wesentlich älter als sein Altar und der größte Teil der umgebenden Ausstattung. Die barocke Rahmung macht das vergleichsweise kleine Bildwerk sichtbar zum Mittelpunkt der Kirche.
Das historische Gnadenbild war eine spätgotische, farbig gefasste Madonna mit dem Jesuskind aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Die Figur stammte aus dem Stift Wilten und wurde 1662 nach Heiligwasser gebracht. Damit war sie älter als der Wallfahrtskult und ursprünglich nicht für diesen Ort geschaffen worden.
Die Wallfahrt war also zunächst nicht um diese Statue entstanden. Ihr Ursprung lag bei Quelle, Bildbaum und Heilungserzählung. Erst durch die Übertragung aus Wilten erhielt der neue Gnadenort ein dauerhaftes, kirchlich anerkanntes Gnadenbild.
Dieser Vorgang ist wallfahrtsgeschichtlich aufschlussreich: Ein zunächst landschaftlich und erzählerisch bestimmter Kultplatz wurde durch ein altes Marienbild materiell gefestigt. Die Statue gab der unsichtbaren Erscheinung eine sichtbare Gestalt und ermöglichte eine geordnete liturgische Verehrung am Hochaltar.
Im Oktober 1971 wurde die originale spätgotische Madonna aus der Kirche gestohlen. Sie ist seither verschwunden. Auf dem Hochaltar steht heute eine Kopie.
Für einen Wallfahrtsort ist der Verlust des Gnadenbildes ein tiefer Einschnitt. Das Original war über drei Jahrhunderte lang Mittelpunkt zahlloser Gebete, Gelübde und Prozessionen gewesen. Materiell kann eine Kopie das historische Werk ersetzen; kultisch trägt sie jedoch die Erinnerung an ein verlorenes Original weiter.
Bemerkenswert ist, dass die Wallfahrt durch den Diebstahl nicht erlosch. Der Gnadenort war nie ausschließlich an die Statue gebunden. Quelle, Gründungslegende, Kirchenraum, Wallfahrtsweg und wiederkehrende Gottesdienste bilden gemeinsam eine Kultlandschaft, die auch nach dem Verlust des Originals weiterbestehen konnte.
Die Quelle ist das auffälligste und namensgebende Element des Wallfahrtsortes. In der Legende entstand oder offenbarte sie sich im Zusammenhang mit der Marienerscheinung; 1651 soll das stumme Kind durch sie die Sprache erhalten haben. Der Begriff Heiligwasser bezeichnet daher nicht gewöhnliches Weihwasser, das von einem Priester gesegnet wird, sondern Wasser aus einer natürlichen Quelle, dem aufgrund der Ursprungserzählung besondere Gnaden- und Heilwirkung zugeschrieben wurde.
Diese Unterscheidung ist wichtig:
Aus heutiger Sicht handelt es sich bei den Heilwirkungen um Bestandteile religiöser Überlieferung, nicht um einen medizinischen Wirksamkeitsnachweis. Für die Wallfahrer war jedoch entscheidend, dass das Wasser mit einer Marienerscheinung und einer als wunderbar verstandenen Heilung verbunden war.
Das Wasser konnte getrunken, zum Waschen verwendet oder in Gefäßen mit nach Hause genommen werden. Selbst wenn einzelne konkrete Bräuche nicht für jede Epoche schriftlich dokumentiert sind, zeigt die aufwendige Brunnenfassung, dass das Schöpfen des Wassers zu den grundlegenden Handlungen am Wallfahrtsort gehörte. Der Pilger nahm damit einen Teil des heiligen Ortes in seine häusliche Lebenswelt mit.
Besonders bemerkenswert ist die frühe Verbindung der Quelle mit einem Baum. Schriftliche Zeugnisse aus der Mitte des 17. Jahrhunderts sprechen noch vom Taxbaum oder Mutter-Gottes-Baum. Auf Andachtsbildern des 18. Jahrhunderts erscheinen auffällige Tannen, teilweise mit drei Spitzen, die ihre besondere Heiligkeit kennzeichnen sollten. Erst später trat die Quelle im Namen des Ortes stärker in den Vordergrund.
Der Baum dürfte Bilder, Votivgaben oder andere Zeichen der Marienverehrung getragen haben. Damit besaß der Kultplatz anfangs vermutlich noch keine klare Trennung zwischen Natur und gebautem Heiligtum: Baum, Quelle, Bild und kleine Holzkapelle bildeten eine Einheit.
Gelegentlich wird Heiligwasser deshalb als sehr altes oder sogar vorchristliches Quellheiligtum bezeichnet. Dafür gibt es jedoch bislang keinen historischen oder archäologischen Nachweis. Sicher belegt ist die christliche Verehrung erst seit dem 17. Jahrhundert. Die ältere Deutung ist eine reizvolle Vermutung, ist aber keine belegte Vorgeschichte.
Volkskundlich ist gerade die Verbindung zweier Naturzeichen bedeutsam:
Durch Marienbild und Erscheinungslegende wurden beide Elemente in eine katholische Kultordnung aufgenommen.
Die südliche Seitenkapelle ist der heiligen Ottilia geweiht. Ottilia wurde traditionell besonders bei Augenkrankheiten angerufen. Ihre Einbindung in einen Wallfahrtsort mit heilkräftig verehrter Quelle ist daher inhaltlich stimmig: Neben die allgemeine Marienhilfe trat ein spezielles Heiligenpatronat für körperliche Leiden.
Der in der Kapelle aufgestellte Marmoraltar war ursprünglich 1667 für die Annakapelle der Wiltener Stiftskirche geschaffen worden. Nach seiner Übertragung erhielt er ein Altarblatt mit der Taufe beziehungsweise Darstellung der heiligen Ottilia und wurde 1741 aufgestellt.
Damit erweiterte sich das Spektrum des Gnadenortes. Heiligwasser war nicht allein eine Marienwallfahrt, sondern bot innerhalb desselben Kirchenraums zusätzliche Formen der Heiligenanrufung.
Von Igls führen mehrere Wege nach Heiligwasser. Einer wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts durch eine Reihe kleiner Kapellen gegliedert. Diese Wegstationen machten den Aufstieg selbst zum religiösen Vorgang. Der Wallfahrer näherte sich nicht lediglich geografisch dem Ziel, sondern wurde durch Bilder, Gebete und Stationen schrittweise auf den Kirchenbesuch vorbereitet.
Die Lage auf 1.240 Metern erfordert einen spürbaren Aufstieg. Dadurch unterscheidet sich Heiligwasser von den innerstädtischen Gnadenorten Innsbrucks. Der Weg bedeutet Mühe, Zeitaufwand und Entfernung vom Alltag – wesentliche Elemente einer klassischen Wallfahrt.
Seit dem 18. Jahrhundert verbreiteten Kupferstiche und kleine Andachtsbilder den Ruf des Ortes. Sie zeigten Kirche, Quelle, Bäume und Gnadenbild und konnten als Erinnerung oder Schutzzeichen mitgenommen werden. Einige waren mit Ablassgebeten verbunden. Die Darstellungen sind heute besonders wertvoll, weil sie ältere Zustände des Wallfahrtsortes dokumentieren, auch wenn ihre Landschaftsdarstellung nicht immer topografisch genau war.
Heiligwasser gehört zu den besonders anschaulichen Tiroler Beispielen einer Quellwallfahrt. Der religiöse Mittelpunkt liegt nicht allein in der Kirche oder im Gnadenbild, sondern ebenso außerhalb des Gebäudes beim fließenden Wasser.
Quellen werden als Orte wahrgenommen, an denen etwas Verborgenes aus dem Inneren der Erde sichtbar hervortritt. Das ständig erneuerte, klare Wasser eignet sich besonders als Symbol für Reinigung, Heilung, Leben und göttliche Gnade. Die christliche Wallfahrt knüpfte diese allgemein verständliche Erfahrung an Maria und an eine konkrete Heilungserzählung.
Dass die Gründungslegende gerade von einem stummen Kind berichtet, ist bemerkenswert. Sprache ist nicht nur eine körperliche Fähigkeit, sondern Voraussetzung für soziale Gemeinschaft, Gebet und öffentliches Zeugnis.
Das Kind kann nach der Berührung mit dem heiligen Ort sprechen; zugleich beginnt der bisher schweigende Hirtenknabe endlich selbst zu erzählen. Auf zwei Ebenen wird also das Schweigen überwunden:
Erst durch dieses doppelte Sprechen kann die Wallfahrt entstehen. Die Legende handelt damit nicht nur von körperlicher Heilung, sondern auch von der Notwendigkeit, erfahrene Gnade öffentlich weiterzuerzählen.
Die vermissten Kühe sind kein nebensächliches Detail. Für bäuerliche Familien bedeutete der Verlust mehrerer Tiere eine ernsthafte wirtschaftliche Bedrohung. Maria erscheint daher zunächst nicht bei einer abstrakten theologischen Frage, sondern in einer konkreten Arbeitssituation.
Die Auffindung des Viehs macht sie zur Helferin im bäuerlichen Alltag. Spätere Wallfahrer konnten sich deshalb mit sehr unterschiedlichen Sorgen an den Ort wenden: Krankheit, wirtschaftliche Not, gefährdete Tiere, Unfälle, Familienprobleme oder Reisegefahren.
Bereits der erste Kapellenbau soll durch Beiträge der Igler Bevölkerung und Opfer auswärtiger Gläubiger ermöglicht worden sein. Die Gemeinschaft reagierte auf die Wundererzählung nicht nur mit Glauben, sondern mit materieller Beteiligung.
Spätere Votivgaben, Messstiftungen, Kerzen und Andachtsbilder erfüllten dieselbe Grundfunktion: Die erhoffte oder erfahrene Hilfe sollte durch ein sichtbares Zeichen beantwortet werden. Gleichzeitig machte jede Gabe anderen Besuchern deutlich, dass an diesem Ort bereits Hilfe erwartet und erfahren worden war.
Das Wallfahrtsgasthaus ist kein zufälliger touristischer Zusatz. Wallfahrer brauchen nach dem Aufstieg Nahrung, Wärme, Ruhe und Unterkunft. Das Gasthaus ist daher Teil der sozialen Infrastruktur des Kultortes.
Religiöse Andacht und Geselligkeit waren dabei nicht streng getrennt. Nach Messe, Wasserschöpfen und Gebet folgten Mahlzeit, Gespräch und gemeinsamer Rückweg. Gerade diese Verbindung machte die Wallfahrt zu einem sozialen Ereignis, das Familien, Nachbarschaften und Pfarrgemeinden zusammenführte.
Heiligwasser ist zugleich ein Aussichtsort. Von der Terrasse öffnet sich der Blick über das Inntal und auf Innsbruck. Der Wallfahrer verlässt die Stadt, steigt auf den Berg und sieht anschließend seine alltägliche Lebenswelt aus größerer Entfernung.
Diese räumliche Erfahrung kann auch religiös verstanden werden: Sorgen und Pflichten bleiben unten im Tal sichtbar, erscheinen vom Wallfahrtsort aus aber in einer anderen Ordnung. Der Bergweg ermöglicht Abstand, ohne die Verbindung zur Stadt abzubrechen.
Heiligwasser ist kein erloschener historischer Kultort. Regelmäßige Wallfahrtsmessen werden angeboten. Daneben bestehen besondere Fußwallfahrten und eine Wallfahrt um geistliche Berufe.
Heiligwasser ist deshalb weit mehr als eine Wallfahrtskirche neben einer Quelle: Der ganze Ort ist das Heiligtum. Der Aufstieg durch den Wald, das Rauschen des Wassers, die Erzählung von der Erscheinung, die Kirche, das Marienbild und der weite Blick über Innsbruck bilden gemeinsam eine der geschlossensten und eindrucksvollsten Wallfahrtslandschaften der Stadt Innsbruck.
•
- Das heilige Wasser, in: Sagen aus Tirol, Gesammelt und herausgegeben von Ignaz V. Zingerle, Innsbruck 1891, Nr. 257, Seite 157.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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