| Wallfahrt: | Historische und wieder ausdrücklich belebte Wallfahrt zur Brugg’n Mutter in der Karlskirche. |
| Status: | Lebendiger Wallfahrts- und Andachtsort; seit 2026 wieder regelmäßige Wallfahrtsmessen. |
| Kultzentrum: | Brugg’n Mutter, die verehrte Pietà in der Fiegerkapelle; daneben Karl-Borromäus-, Marien- und Dreifaltigkeitsverehrung. |
| Ort: | Volders |
| Region: | Innsbruck-Land |
| Bundesland: | Tirol |
| • | Lage: Volderwaldstraße 3, 6111 Volders. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Tirol - Innsbruck-Land |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Web: Pfarre Volders |
| • | Web: Gemeinschaft Karlskirche Volders |
| • | Öffnungszeiten: zu den üblichen Kirchenöffnungszeiten. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
• Außenaufnahme von der Volderer Brücke:
Die Volderer-Brücke an dieser Stelle (Fotostandort) besteht seit schon seit ca. 1300 und war über Jahrhunderte die einzige Innbrücke zwischen Hall und Schwaz.
Die Karlskirche, der erste barocke Zentralbau Nordtirols, wurde in den Jahren 1620-54 nach Plänen des Haller Stiftsarztes und Amateurarchitekten Dr. Hippolyt Guarinoni errichtet, die Weihe hatte er jedoch nicht mehr erlebt, sie fand sechs Wochen nach seinem Tod statt. Guarinoni liegt hier begraben, 1765/66 wurde die Kirche innen im Rokokostil mit klassizistischen Elementen umgestaltet.
Durch die Verlegung des Flussbettes im Jahr 1968 liegt die Karlskirche jetzt nicht mehr am Inn, sondern an der Autobahn. (nach Gertrud Pfaundler-Spat 2005, 648).
Streng zentrale Anlage mit überragender Mittelkuppel, wohl von der noch unverlängerten Zentralanlage des Petersdomes angeregt, jedoch - geleitet von einer sehr konsequent verfolgten Dreifaltigkeitssymbolik - höchst eigenwillig umgeformt. In dem Bestreben, die "Einheit in der Dreiheit" zu erreichen, fügte Guarinoni die 3 mit Halbkuppeln überwölbten Rundapsiden so unvermittelt an den kreisförmigen Hauptraum an, dass sich die Kuppeldächer mit dem mittleren verschneiden und eine rhytmisch bewegte Silhouette ergeben. (nach Dehio-Tirol).
Im Bildhintergrund das Servitenkonvent und Oberstufenrealgymnasium Volders.
Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie
Die Karlskirche in Volders steht westlich des Dorfes unmittelbar an der heutigen Inntalautobahn. Ihre scheinbar verkehrsferne Lage erklärt sich erst aus der historischen Landschaft: Bis zur Verlegung des Inns im Zuge des Autobahnbaues führte die Straße von Volders unmittelbar an der Kirche vorbei zur alten Innbrücke, die über Jahrhunderte eine wichtige Verbindung zwischen Hall und Schwaz bildete. Im Volksmund war das Gotteshaus deshalb die "Brugg’nkirche". Die spätere Bezeichnung als "Autobahnkirche" beschreibt zwar ihre heutige Lage, verdeckt aber den ursprünglichen Zusammenhang von Kirche, Brücke, Verkehrsweg und vorbeiziehenden Reisenden und Wallfahrern.
Die Karlskirche ist zugleich Votivkirche, Pestkirche, Marienheiligtum, Begräbniskirche ihres Stifters und späterer Wallfahrtsort zur Schmerzhaften Mutter. Ihre ungewöhnliche Gestalt lässt sich deshalb nicht allein kunsthistorisch erklären. Sie ist in hohem Maß Ausdruck der religiösen Vorstellungswelt ihres Stifters Hippolyt Guarinoni und gehört zu den persönlichsten Sakralbauten des frühen 17. Jahrhunderts in Tirol.
Hippolyt Guarinoni wurde am 18. November 1571 in Trient geboren und starb am 31. Mai 1654 in Hall in Tirol. Nach seiner Jugend in Trient, Wien und Prag besuchte er von 1583 bis 1593 die Jesuitenschule in Prag und studierte anschließend in Padua, wo er zum Doktor der freien Künste und der Medizin promoviert wurde. Seit 1598 wirkte er als Stiftsarzt des königlichen Damenstiftes in Hall, ab 1601 zugleich als Stadtphysikus und Salinenarzt und seit 1604 auch als Arzt der Gewerken in Schwaz.
Guarinoni verband Medizin, Hygiene, religiöse Erneuerung und moralische Unterweisung in einer für seine Zeit charakteristischen, zugleich aber ungewöhnlich persönlichen Weise. Während der schweren Epidemie von 1611/12 - in der neueren Forschung wird dabei eher an Flecktyphus als an die klassische Pest gedacht - trat er als Arzt hervor. Seine 1612 gedruckte "Pestilenz Guardien" behandelte Maßnahmen gegen ansteckende Krankheiten, während sein weit umfangreicheres Werk "Die Grewel der Verwüstung Menschlichen Geschlechts" von 1610 medizinische und hygienische Beobachtungen mit einem strengen katholischen Moralprogramm verband.
Guarinoni war ein entschiedener Vertreter der katholischen Reform. Er verfasste und übersetzte Heiligenleben, förderte religiöse Bruderschaften und Spiele und beschäftigte sich intensiv mit Gestalten, die für seine persönliche Frömmigkeit wichtig wurden. Dazu gehörten Karl Borromäus, Franziska Romana, Ignatius von Loyola und die hl. Notburga. Problematisch und aus heutiger Sicht ausdrücklich kritisch einzuordnen ist seine maßgebliche Rolle bei der Ausformung und Verbreitung der antijüdischen Ritualmordlegende um das sogenannte "Anderl von Rinn". Gerade diese Spannweite zeigt, wie stark sein medizinisches, religiöses und publizistisches Handeln von den konfessionellen Vorstellungen seiner Epoche geprägt war.
Die Idee einer Kirche zu Ehren des hl. Karl Borromäus lässt sich bei Guarinoni bereits 1611 nachweisen und steht unmittelbar im Zusammenhang mit der kurz zuvor überstandenen Epidemie. Karl Borromäus, Erzbischof von Mailand, war erst 1610 heiliggesprochen worden. Während der Mailänder Pest von 1576 hatte er sich durch seinen persönlichen Einsatz für Kranke und Sterbende einen Ruf als Pesthelfer erworben. Für den Arzt Guarinoni verband dieser Heilige daher in geradezu idealer Weise Seelsorge, Krankenfürsorge und katholische Reform.
Guarinonis Verehrung für Karl Borromäus ging weit über das Patrozinium der Kirche hinaus. 1618 veröffentlichte er eine deutsche Bearbeitung der großen Borromäus-Biographie Giovanni Pietro Giussanos unter dem Titel "Prälaten Cron". In der Karlskirche wurde der Heilige so zum Mittelpunkt eines umfassenden religiösen Programms, das Pestnot und Heilsbitte ebenso einschloss wie die nachtridentinische Erneuerung des katholischen Glaubens.
Eine wichtige Rolle in der Entstehungsgeschichte spielte der Kapuzinerbruder Thomas von Bergamo, mit dem Guarinoni eng verbunden war. Nach der Überlieferung soll Thomas in einer prophetischen Schau den Platz erkannt haben, an dem die Kirche zu errichten sei. Guarinoni selbst verfasste später eine Lebensbeschreibung dieses Kapuziners. Die Erzählung von der wunderbaren Bestimmung des Bauplatzes gehört damit nicht bloß zu einer nachträglich entstandenen Ortslegende, sondern steht in unmittelbarer Nähe zum religiösen Denken des Stifters.
Auch politisch und gesellschaftlich war Guarinoni gut vernetzt. Erzherzogin Maria Christierna, Vorsteherin des Haller Damenstiftes und damit eine wichtige Bezugsperson des Stiftsarztes, setzte sich für sein Kirchenprojekt ein. Über sie gelangte das Anliegen an Kaiser Ferdinand II. und an dessen Bruder Leopold V. Guarinoni investierte selbst erhebliche Mittel in den Bau, war jedoch auf weitere Unterstützung angewiesen.
Der Grundstein der Karlskirche wurde am 2. April 1620 gelegt. Der Bau zog sich wegen der wirtschaftlichen Schwierigkeiten, der Zeitumstände und der Belastungen des Dreißigjährigen Krieges über mehr als drei Jahrzehnte hin. Guarinoni war dabei nicht nur Stifter und Entwerfer, sondern griff nach zeitgenössischer und späterer Überlieferung auch selbst zur Maurerkelle.
Aus dieser persönlichen Mitarbeit entwickelte sich die Erzählung vom "Meister Pölten". Ein Bauer vom Weerberg soll dem als Maurer arbeitenden Guarinoni ein kleines Trinkgeld gegeben und nach seinem Namen gefragt haben; Guarinoni habe sich daraufhin als "Meister Pölten" bezeichnet. Der Kern dieser Überlieferung ist bemerkenswert, weil Guarinoni selbst solche kleinen Begebenheiten schriftlich festhielt und damit sein bewusst gepflegtes Bild als demütiger Arbeiter am eigenen Gotteshaus mitprägte.
Guarinoni starb am 31. Mai 1654 und erlebte die Vollendung seines Lebenswerkes nicht mehr. Am 25. Juli 1654 wurde die Kirche durch den Brixner Weihbischof Jesse Perkhofer geweiht. Die Weihe galt nicht nur Karl Borromäus, sondern einem umfangreichen Programm: der Heiligsten Dreifaltigkeit, der Unbefleckten Empfängnis und der Geburt Mariens sowie den Heiligen Karl Borromäus, Ignatius von Loyola und Franziska Romana. Diese Patrozinien spiegeln auffallend genau Guarinonis persönliche religiöse Bezugspunkte.
Die Karlskirche gilt als erster barocker Zentralbau Nordtirols und nimmt innerhalb der Tiroler Sakralarchitektur eine Sonderstellung ein. Der Bau besteht aus einem zentralen, überkuppelten Raum, an den drei apsidiale Kapellen und nach Westen ein längsrechteckiger Vorraum anschließen. Entscheidend ist jedoch weniger die bloße Form als ihre symbolische Bedeutung.
Guarinoni entwarf die Kirche als "sprechende Architektur". Das immer wiederkehrende Motiv der Dreizahl verweist auf die Heiligste Dreifaltigkeit: Drei Seitenräume umgeben die zentrale Einheit, der Turm greift die Dreierform in seinem kleeblattartig ausschwingenden Grundriss auf, und auch der nicht vollständig verwirklichte Idealentwurf führte diese Symbolik weiter. Die "Einheit in der Dreiheit" sollte nicht nur theologisch behauptet, sondern räumlich erlebt werden.
Ein in Guarinonis medizinisch-philosophischer Schrift "Chylosophiae academicae artis Aesculapiae" von 1648 veröffentlichter Kupferstich von Andreas Spängler zeigt den Idealentwurf der Kirche. Auf diesem Blatt wird das symbolische Programm besonders deutlich: Maria als Himmelskönigin ist der zentralen Rotunde zugeordnet, während die kleineren Rotunden Karl Borromäus, Ignatius von Loyola und Franziska Romana entsprechen. Damit war die Karlskirche von Anfang an nicht nur Karl-Borromäus-Kirche, sondern zugleich Marienheiligtum und architektonisches Bekenntnis zur katholischen Reform.
Die Forschung hat zudem auf lombardische Marienheiligtümer und auf zentrale Pestkirchen in Mailand als mögliche Vorbilder hingewiesen. Die eigenwillige Verbindung dieser Einflüsse mit Guarinonis Trinitätssymbolik macht die Karlskirche zu einem Bau, der sich kaum in ein gewöhnliches Tiroler Schema einordnen lässt. Für die weitere Entwicklung des frühbarocken Kirchenbaus in Nordtirol wurde sie dennoch wichtig; besonders für die Innsbrucker Mariahilfkirche ist ihr Einfluss diskutiert worden.
Die Karlskirche wurde auch zur Gedächtnis- und Begräbniskirche ihres Stifters. Guarinoni war zunächst in Hall bestattet worden und wurde später gemeinsam mit seiner zweiten Ehefrau Helena von Spieß und Angehörigen seiner Familie in die Karlskirche übertragen. Vor dem Dreikönigsaltar erinnert eine weiße Marmortafel an ihn. Damit ist der Bau in besonderer Weise mit seinem Stifter verbunden: Guarinoni entwarf und finanzierte die Kirche, arbeitete an ihr mit, prägte ihr religiöses Programm und fand schließlich in ihr seine Grabstätte.
Das heutige Innere wird wesentlich durch die Umgestaltung des 18. Jahrhunderts geprägt. Die großen Kuppel- und Deckenfresken schuf Martin Knoller 1765/66; sie gehören zu den bedeutenden Arbeiten des Malers. Im Zentrum der Hauptkuppel steht die Verherrlichung des hl. Karl Borromäus. Um ihn entfaltet sich ein umfangreiches Programm aus Aposteln, Heiligen, den göttlichen Tugenden und Gestalten der katholischen Kirche. Der Triumph des Heiligen verbindet sich mit dem Triumph des katholischen Glaubens.
Das Hochaltarbild Knollers nimmt den ursprünglichen Pestgedanken wieder auf: Karl Borromäus reicht einer kranken Frau die Kommunion. Bereits Guarinonis früheres, heute verlorenes Hauptaltarbild hatte nach seiner eigenen Beschreibung Karl Borromäus bei der Krankenkommunion mit marianischen Themen verbunden. Die Rokokoausstattung ersetzte daher das ursprüngliche Programm nicht völlig, sondern übersetzte zentrale Gedanken Guarinonis in die Bildsprache des 18. Jahrhunderts.
Der plastische und ornamentale Schmuck wurde unter anderem durch den Stuck Johann Georg Gigls geprägt. Die spätere Ausstattung macht die Karlskirche zu einem ungewöhnlichen Doppelmonument: Der eigenwillige frühbarocke Zentralbau Guarinonis trägt im Inneren eine hochrangige spätbarocke Bildwelt.
Guarinoni hatte die Kirche von Anfang an als Teil einer Klosteranlage gedacht. Nach der kunsthistorischen Forschung war zunächst sogar eine Übergabe an die Jesuiten vorgesehen; nach deren Absage wandte sich Guarinoni an die Innsbrucker Serviten. Die tatsächliche Errichtung des Konventes verzögerte sich jedoch noch jahrzehntelang über seinen Tod hinaus.
In den frühen 1690er Jahren begann die Niederlassung der Serviten; am 19. Februar 1694 wurde ihre Einführung in das Volderer Kloster feierlich begangen, 1698 war der Konvent vollendet. Damit erhielt die Karlskirche eine Ordensgemeinschaft, deren besondere Marienfrömmigkeit für die weitere Entwicklung des Ortes entscheidend wurde. Aus der von Guarinoni entworfenen Karl-Borromäus-, Marien- und Dreifaltigkeitskirche entwickelte sich nun zusätzlich ein ausgeprägter Kultort der Schmerzhaften Mutter.
Das eigentliche Zentrum der Wallfahrt ist heute nicht das Hochaltarbild des hl. Karl Borromäus, sondern die "Brugg’n Mutter" in der nördlich an die Vorhalle anschließenden Fiegerkapelle. Diese Kapelle der Schmerzhaften Mutter wurde Ende des 17. Jahrhunderts als Stiftung der Familie Fieger errichtet. Die verehrte Pietà wird dem bedeutenden Stamser Barockbildhauer Andreas Thamasch zugeschrieben; eine Entstehung um 1694 wird genannt, während die Aufstellung am heutigen Ort für 1708 überliefert ist.
Maria hält den toten Christus auf ihrem Schoß. Sieben Schwerter verweisen auf die sieben Schmerzen Mariens. Gerade diese Bildform entsprach der Spiritualität der Serviten, deren Ordensfrömmigkeit in besonderer Weise der leidenden Gottesmutter galt. Die Fresken der Kapelle von Kaspar Waldmann führen diese marianische Thematik weiter und beziehen auch die sieben Gründer des Servitenordens ein.
Der volkstümliche Name "Brugg’n Mutter" bewahrt zugleich die Erinnerung an die frühere Lage der Kirche bei der Innbrücke. Für Reisende, Fuhrleute, Soldaten und Bewohner des Inntales lag die Kapelle unmittelbar an einem stark benutzten Verkehrsweg. So verbanden sich Verkehrsraum, Marienverehrung und Wallfahrt zu einem lokal besonders charakteristischen Kult.
Über lange Zeit suchten Menschen die Brugg’n Mutter mit Bitten um Hilfe, Trost und Schutz auf. Kerzen, Gebetsanliegen und andere Zeichen persönlicher Frömmigkeit bezeugen diese Funktion bis in die Gegenwart. Besondere Bedeutung gewann die Schmerzensmutter auch für Soldaten. Das benachbarte Kloster wurde wiederholt als Lazarett verwendet, und die Pietà stand in enger Beziehung zum Gedenken an Gefallene und Verwundete.
Am Fest der Schmerzen Mariens beziehungsweise am darauffolgenden "Brugg’n Sonntag" entwickelte sich eine Prozession zum nahegelegenen Kriegerfriedhof. Für diese Prozession wurde im frühen 20. Jahrhundert eine eigene, der Gnadenfigur ähnliche Pietà geschaffen. Nach der Andacht am Friedhof kehrte die Prozessionsfigur in die Kirche zurück und wurde in die Festmesse einbezogen.
Die Wallfahrt ist nicht erloschen. Nach einer Phase geringerer öffentlicher Wahrnehmung wird die Karlskirche seit 2026 wieder ausdrücklich als Wallfahrtsort belebt; regelmäßig werden Wallfahrtsmessen zur Gnadenmutter von Volders gefeiert. Damit tritt die historische Wallfahrtsfunktion der Fiegerkapelle neben die kontinuierliche sonntägliche und werktägliche Nutzung der Karlskirche.
Zu den bekanntesten Volderer Überlieferungen gehört der "Stein des Gehorsams", der in der Vorhalle der Karlskirche sichtbar eingemauert ist. Nach der Sage löste sich während des Kirchenbaues ein großer Felsblock oberhalb der Baustelle und drohte ein vorbeikommendes Fuhrwerk oder die Arbeiter zu treffen. Guarinoni soll dem Stein im Namen Gottes zugerufen haben, stehenzubleiben. Der Fels habe dem Befehl gehorcht und sei auf wunderbare Weise zum Stillstand gekommen.
Die Erzählung ist volkskundlich besonders interessant, weil sie über eine bloße lokale Bauanekdote hinausweist. Anton Avanzin machte bereits 1957 auf auffallende motivische Parallelen in den "Dialogen" Papst Gregors des Großen aufmerksam. Dort werden heilige Männer geschildert, die durch Gebet, Kreuzzeichen oder die Anrufung Christi gefährliche Felsmassen zum Stillstand bringen oder versetzen. Der Volderer "Stein des Gehorsams" gehört damit zu einem weit älteren hagiographischen Erzählmotiv, das am konkreten Bauwerk und an der Person Guarinonis neu lokalisiert wurde.
Für SAGEN.at ist die Überlieferung besonders ergiebig, weil drei Fassungen des "Steins des Gehorsams" dokumentiert sind. Damit lässt sich nicht nur die Sage selbst, sondern auch ihre unterschiedliche literarische Ausformung nachvollziehen.
Die Person Guarinonis hat die lokale Überlieferung ungewöhnlich stark geprägt. Neben dem "Stein des Gehorsams" erzählen die SAGEN.at-Texte von "Meister Pölten", von Karl Borromäus und von Guarinonis Welt der Zahlen und religiösen Zeichen. Historische Person, Bauherr, frommer Laie und Sagengestalt gehen dabei ineinander über. Gerade die Erzählungen vom arbeitenden "Meister Pölten" und vom gehorsamen Stein verdichten Eigenschaften, die Guarinoni auch selbst hervorhob: persönliche Demut, tätige Frömmigkeit, Vertrauen auf göttliche Hilfe und die Vorstellung, dass sich religiöser Sinn in konkreten Dingen und Zahlen offenbaren könne.
Die Sagen sind deshalb keine bloße Zugabe zur Kunstgeschichte der Karlskirche. Sie gehören zur Rezeptionsgeschichte des Baues und seines Stifters und zeigen, wie Guarinoni im lokalen Gedächtnis vom gelehrten Arzt und Kirchenstifter zu einer beinahe legendenhaften Gestalt wurde.
Von 1977 bis 1988 wurde die Karlskirche umfassend restauriert. Nach dem Rückzug der Serviten aus ihrer Volderer Niederlassung wurde die Liegenschaft 2025 an das Institut Österreichischer Orden übertragen; das Kirchenrektorat ging an die Diözese Innsbruck. Die kirchliche Nutzung blieb erhalten, und die erneute Belebung regelmäßiger Wallfahrtsmessen unterstreicht die fortdauernde religiöse Funktion des Ortes.
• Klaus Amann / Max Siller (Hrsg.): Hippolytus Guarinonius. Akten des 5. Symposiums der Sterzinger Osterfestspiele (5.-7.4.2004). Innsbruck 2008.
• Anton Avanzin: "Im Zeichen Gregors des Großen." In: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde XI/60, 1957, S. 219-225. Darin insbesondere die motivgeschichtliche Einordnung des "Steins des Gehorsams".
• Reinhold M. Bodner / Gemeinschaft "Rettet die Karlskirche Volders" (Hrsg.): Die Karlskirche in Volders. Volders 1988.
• Dehio-Handbuch. Die Kunstdenkmäler Österreichs. Tirol. Wien 1980, Volders, Karlskirche.
• Erika Frodl-Kraft: Tiroler Barockkirchen. Innsbruck 1955.
• Markus Neuwirth / Thomas Witting: "Die sprechende Architektur von Hippolyt Guarinoni." In: Klaus Amann / Max Siller (Hrsg.): Hippolytus Guarinonius. Innsbruck 2008, S. 215-236.
• Sabine Petersohn: "Die Karlskirche in Volders. Die Herkunft der Bauformen und ihre Bedeutung für den frühbarocken Kirchenbau nördlich der Alpen." In: Veröffentlichungen des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum 79, Innsbruck 1999, S. 33-54.
• Gertrud Pfaundler-Spat: Tirol-Lexikon. Ein Nachschlagewerk über Menschen und Orte des Bundeslandes Tirol. Innsbruck 2005, S. 648.
• Ludwig Rapp: Hippolytus Guarinoni. Stiftsarzt in Hall. Ein tirolisches Kulturbild aus dem 17. Jahrhundert. Brixen 1903.
• Verena Konrad: "Guarinoni, Hippolyt." In: Artisti Italiani in Austria, Universität Innsbruck, 2009.
• Der Stein des Gehorsams, Version I.
• Der Stein des Gehorsams, Version II.
• Der Stein des Gehorsams, Version III.
• Meister Pölten (Hippolytus Guarinoni).
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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