| Wallfahrt: | Lokaler Marien- und Gnadenort; nach der Besitzerüberlieferung 1885 aus Hoffnung auf Kindersegen gestiftet. |
| Status: | Lebendiger lokaler Wallfahrts- und Andachtsort mit Maiandachten, privaten Besuchen und gelegentlichen Gottesdiensten. |
| Kultzentrum: | Muttergottes von Lourdes; Stiftungsgeschichte der Familie Wörndle und zugehöriger Marmorbrunnen. |
| Ort: | Kolsassberg |
| Region: | Innsbruck-Land |
| Bundesland: | Tirol |
| • | Lage: im Wald westlich von Merans, am Lourdesweg, 6115 Kolsassberg. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Tirol - Innsbruck-Land |
| • | Ansicht in Street View (Luftbild) |
| • | Web: Pfarre Kolsass |
| • | Öffnungszeiten: Privatbesitz der Familie Wörndle-Kellerer (Schafflerhof); die Kapelle wird für private Andacht offen gehalten. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
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Die Lourdeskapelle am Kolsassberg liegt im Wald westlich des Ortsteils Merans und gehört zu jenen kleinen Tiroler Wallfahrts- und Andachtsorten, deren Bedeutung weniger in großen überregionalen Pilgerzügen als in der unmittelbaren Frömmigkeit einer bäuerlichen Umgebung liegt. Die Kapelle befindet sich in Privatbesitz der Familie des Schafflerhofes und wird bis heute als Ort persönlicher Bitte, des Dankes und gemeinsamer Maiandachten aufgesucht. Gerade ihre Entstehungsgeschichte macht sie volkskundlich besonders bemerkenswert: Am Anfang steht der Kinderwunsch eines bäuerlichen Ehepaares und damit ein sehr persönliches Anliegen, aus dem ein dauerhaft öffentlich zugänglicher Marienort entstand.
Die ausführlichste Überlieferung zur Gründung stammt aus der Besitzerfamilie des Schafflerhofes in Merans. Josef und Philomena Wörndle waren demnach einige Zeit kinderlos. Auf Anraten des damaligen Kooperators in Kolsass, Norbert Kraler, ließ Josef Wörndle in der Hoffnung auf Kindersegen eine Lourdeskapelle errichten. Am 16. Juli 1885 wurde die Kapelle eingeweiht.
Die Familienüberlieferung verbindet die Stiftung unmittelbar mit der späteren Geburt von Kindern: Am 28. Februar 1886 kam der erste Sohn Josef zur Welt, danach wurden noch vier weitere Kinder geboren. Für die historische Beurteilung muss zwischen religiöser Deutung und nachprüfbarem Geschehen unterschieden werden. Belegt beziehungsweise in der Familienchronik überliefert sind Kinderlosigkeit, Kapellenbau, Einweihung und die anschließende Geburt der Kinder; dass diese Geburt als Gebetserhörung verstanden wurde, gehört zur religiösen Deutung der Familie. Gerade darin liegt jedoch der Kern der Wallfahrtsgeschichte: Die Kapelle entstand aus Hoffnung und Bitte und wurde nach der als erfahren geglaubten Hilfe zu einem dauerhaften Dank- und Andachtsort.
Bei der Datierung besteht eine bemerkenswerte Quellenabweichung. Ältere denkmal- und ortskundliche Zusammenfassungen nennen für die "Wallfahrtskapelle Maria Lourdes" das Jahr 1858 und führen auch einen östlich gelegenen Marmorbrunnen mit dieser Jahreszahl an. Gleichzeitig erwähnen sie ein Epitaph für Kooperator Norbert Kraler aus dem Jahr 1885. Die ausführliche Überlieferung der Besitzerfamilie nennt dagegen den Bau durch Josef Wörndle und die Einweihung am 16. Juli 1885.
Diese Angaben lassen sich anhand der derzeit zugänglichen Quellen nicht sicher miteinander vereinbaren. Denkbar wäre ein älterer Vorgänger beziehungsweise ein bereits 1858 bestehendes Andachtszeichen, doch dafür liegt bislang kein belastbarer Nachweis vor. Ebenso kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Jahreszahl 1858 in späteren Zusammenfassungen mit dem Erscheinungsjahr von Lourdes verwechselt wurde. Für die bestehende Kapelle ist daher die präzise überlieferte Einweihung von 1885 derzeit die besser fassbare Angabe; die abweichende Datierung 1858 bleibt als offene Forschungsfrage festzuhalten.
Norbert Kraler war als Kooperator von Kolsass der geistliche Anreger des Kapellenbaues. Ein bemerkenswertes persönliches Zeugnis zu ihm hat sich in der SAGEN.at-Fotogalerie erhalten: Ein lithographiertes Erinnerungsblatt berichtet, dass der neugeweihte Priester Norbert Kraler am 8. August 1858 in der Pfarrkirche zu Patsch seine Primiz feierte. Damit ist zumindest ein wichtiger biographischer Fixpunkt gesichert. Rund 27 Jahre später begegnet er in Kolsass als jener Geistliche, der Josef Wörndle zur Errichtung der Lourdeskapelle riet.
In denkmalgeschichtlichen Zusammenfassungen wird in der Kapelle außerdem ein Epitaph für Kraler aus dem Jahr 1885 genannt. Warum dieses gerade mit dem Gründungsjahr der Kapelle verbunden ist und welche Inschrift es trägt, wäre bei einer späteren Besichtigung oder anhand gedruckter Denkmalliteratur noch genauer zu untersuchen. Schon jetzt zeigt sich jedoch, dass Kraler für die Entstehungsgeschichte nicht nur eine beiläufige Figur war, sondern offenbar eng mit dem jungen Gnadenort verbunden blieb.
Die Stiftung gehört in die starke Lourdesfrömmigkeit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zwischen Februar und Juli 1858 berichtete die junge Bernadette Soubirous im französischen Lourdes von Marienerscheinungen in der Grotte von Massabielle. Besonders prägend wurden die Bezeichnung Mariens als "Unbefleckte Empfängnis", die Quelle in der Grotte und die rasch entstehende Hoffnung auf Hilfe in Krankheit und persönlicher Not.
Innerhalb weniger Jahrzehnte entstanden auch in Tirol zahlreiche Lourdesgrotten und Lourdeskapellen. Sie sollten den französischen Gnadenort nicht einfach architektonisch kopieren, sondern seine religiöse Bedeutung in die eigene Landschaft übertragen. Eine Pilgerreise nach Frankreich war für die meisten Menschen kaum möglich; eine örtliche Lourdeskapelle machte dieselbe Marienverehrung im vertrauten Lebensraum zugänglich. Am Kolsassberg verband sich diese allgemeine Frömmigkeitsbewegung mit dem ganz persönlichen Kinderwunsch der Familie Wörndle.
Im Mittelpunkt der Verehrung steht die Muttergottes von Lourdes. Anders als bei älteren Tiroler Wallfahrten handelt es sich daher nicht um ein mittelalterliches Gnadenbild mit eigener örtlicher Ursprungslegende, sondern um die Übertragung eines international verbreiteten Marienkultes. Die Bedeutung des Kultbildes entstand am Kolsassberg gerade durch die Stiftungsgeschichte: Für die Besitzerfamilie verband sich die Lourdesmadonna mit Bitte um Kindersegen, Dank und familiärer Erinnerung.
Östlich der Kapelle wird in der Denkmalliteratur ein Marmorbrunnen genannt. Für Lourdesorte ist die Verbindung mit Wasser besonders naheliegend, weil die Quelle von Massabielle zu den zentralen Elementen der Lourdesverehrung gehört. Ob dem Kolsassberger Brunnen selbst jemals eine ausdrücklich heilende Wirkung zugeschrieben wurde, lässt sich aus den derzeit zugänglichen Quellen allerdings nicht belegen. Er sollte daher nicht ohne weiteren Nachweis als "Heilquelle" bezeichnet werden.
Die Besitzerüberlieferung berichtet, dass Menschen der Kapelle Tafeln stifteten. Solche Votivtafeln sind für die Wallfahrtsforschung besonders wertvoll, weil sie die individuelle religiöse Praxis sichtbar machen: Eine Bitte wurde ausgesprochen, eine Hilfe als erfahren geglaubt und anschließend durch eine sichtbare Gabe öffentlich bezeugt. Nach den Kriegsjahren wurden diese von Gläubigen gespendeten Tafeln im Zuge einer Renovierung abgenommen und der Kapellenraum neu ausgemalt.
Leider scheint damit ein wichtiger Teil der älteren materiellen Überlieferung verloren beziehungsweise zerstreut worden zu sein. Wo sich die abgenommenen Tafeln heute befinden, ist aus den zugänglichen Quellen nicht ersichtlich. Gerade dieser Punkt wäre für eine spätere lokale Recherche besonders interessant, denn die Votive könnten Hinweise auf das Einzugsgebiet der Kapelle und auf konkrete Anliegen der Besucher liefern.
Nach der Erinnerung der Besitzerfamilie wurde die Lourdesmadonna während der Kriegsjahre für viele Menschen zu "Zuflucht und Stütze". Diese knappe Formulierung ist volkskundlich sehr aussagekräftig. Kleine Kapellen erhielten in Zeiten existenzieller Bedrohung häufig eine Bedeutung, die sich in amtlichen Kirchenakten kaum niederschlägt: Angehörige beteten um Soldaten und Vermisste, baten um Heimkehr, Schutz des Hofes und Bewahrung der Familie oder suchten einfach einen stillen Ort für ihre Angst.
Die Kolsassberger Lourdeskapelle war damit nicht nur Erinnerungsort an den Kinderwunsch ihrer Gründerfamilie. Spätestens in den Kriegsjahren wurde sie offenbar zu einem Andachtsort der weiteren Bevölkerung, dessen religiöse Funktion sich an neue Nöte anpasste.
Eine ungewöhnlich genaue lokale Überlieferung besteht auch für die 1970er und frühen 1980er Jahre. Die Kapelle wurde damals wiederholt beschädigt: Der Opferstock wurde gewaltsam geleert, Fenster wurden eingeschlagen, ein Altarteppich gestohlen und Kreuzwegstationen mehrfach entwendet. Besonders einschneidend war ein versuchter Diebstahl der Lourdesmadonna. Nach der Familienerinnerung war die Figur offenbar zu schwer, um sie über das Gitter zu heben; abgebrochene Spitzen des Gitters erinnerten später an diesen Versuch.
Bei einem anderen Diebstahl verschwanden Figuren des hl. Josef und der hl. Anna. Die Täter wurden nach der Überlieferung an der Grenze angehalten, sodass die beschädigten Figuren zurückkehrten. Diese Ereignisse zeigen, wie stark religiöse Kleindenkmäler auf private Pflege angewiesen sind und wie Verletzungen des sakralen Raumes von den Besitzern und Besuchern als Angriff auf einen gemeinschaftlichen Erinnerungsort wahrgenommen werden.
Nach einer ersten Renovierung in der Nachkriegszeit wurde 1985 erneut gearbeitet. Später erwiesen sich dabei verwendete Materialien teilweise als ungeeignet; Farbe löste sich von den Wänden, während die originalen Deckengemälde einer fachgerechten Auffrischung bedurften. Die Besitzerfamilie entschloss sich deshalb zu einer umfassenderen Sanierung.
2011 wurde mit einem neuen Dach begonnen, anschließend folgten Maßnahmen zur Hangsicherung und zur Gestaltung des Vorplatzes. Die Erhaltung wurde nicht nur von der Familie getragen. Die Schützenkompanie Kolsassberg unterstützte die Renovierung 2015 mit einer Spende; im Kulturbericht des Landes Tirol für 2016 ist für die Lourdeskapelle in Merans eine Förderung der Landesgedächtnisstiftung ausgewiesen. Damit wurde die private Verantwortung für die Kapelle zugleich als öffentlich relevantes Kulturerbe anerkannt.
Die Lourdeskapelle gehört weiterhin zum religiösen Jahreslauf am Kolsassberg. Die Gemeinde hebt ausdrücklich hervor, dass die privat erhaltenen Kapellen des Berges liebevoll gepflegt und jahreszeitlich geschmückt werden. Gemeinsam mit Leach-, Knappn- und Fankhauskapelle dient die Lourdeskapelle regelmäßig als Ort der Maiandachten. Gemeindeblätter dokumentieren diese Tradition über viele Jahre.
Neben den gemeinsamen Andachten spielt die private Frömmigkeit eine mindestens ebenso wichtige Rolle. Die Gemeinde beschreibt ausdrücklich Besuche "im Sinne von Danksagung oder wenn Hilfe not tut". Ein Pfarrbericht hält fest, dass das Tor der privat im Besitz der Familie Wörndle-Kellerer befindlichen Kapelle für Menschen offenstand, die ihre Sorgen und Freuden zur Muttergottes tragen. Auch gelegentliche Gottesdienste vor der Kapelle sind belegt. Damit ist der Ort nicht lediglich ein erhaltenes Baudenkmal, sondern ein weiterhin benutzter lokaler Gnaden- und Andachtsort.
In der Denkmalliteratur wird das Gotteshaus ausdrücklich als "Wallfahrtskapelle Maria Lourdes" bezeichnet. Seine Geschichte unterscheidet sich jedoch von einer großen überregionalen Wallfahrt mit institutionalisierten Pilgerzügen und umfangreichen Mirakelbüchern. Der Kolsassberg ist vielmehr ein kleinräumiger, bis heute lebendiger Gnadenort. Seine Wallfahrt besteht vor allem aus individuellen Besuchen, Danksagung, Bitte, Maiandachten und gelegentlichen gemeinschaftlichen Gottesdiensten.
Die Kapelle verbindet mehrere typische Elemente der Tiroler Frömmigkeitsgeschichte in ungewöhnlich dichter Form. Ein privater Kinderwunsch führt zur Stiftung; ein Kooperator gibt den geistlichen Anstoß; die internationale Lourdesverehrung wird in eine Tiroler Waldlandschaft übertragen; eine als Gebetserhörung verstandene Geburt prägt die Familienerinnerung; Votivtafeln dokumentieren weitere Bitten und Danksagungen; in Kriegszeiten wird die Kapelle zum Zufluchtsort; Maiandachten und stille Einzelbesuche halten die Verehrung lebendig. Ebenso wichtig ist die Kontinuität des Privatbesitzes: Die Kapelle blieb durch Generationen einer Familie erhalten, die das Bauwerk als anvertrautes Gut verstand. Gerade diese Verbindung von Hofgeschichte, Familiengedächtnis, religiösem Gelübde und öffentlicher Nutzung macht die kleine Lourdeskapelle zu einem besonders anschaulichen Beispiel ländlicher Wallfahrtsfrömmigkeit.
- Gemeinde Kolsassberg: "Generalsanierung Lourdeskapelle". In: Kolsassberger Gemeindeblatt, Ausgabe 11. Beitrag der Familie Christine Kellerer, Schafflerhof.
- Gemeinde Kolsassberg: Kirche - Seelsorgeraum Weer-Kolsass-Weerberg. Angaben zu Lourdeskapelle, Besitz, Maiandachten und privater Andacht.
- Seelsorgeraum Kolsass-Weer-Weerberg: Pfarrbrief 2023. Bericht zur Lourdeskapelle als offenem privaten Andachtsort der Familie Wörndle-Kellerer.
- Amt der Tiroler Landesregierung: Kulturbericht 2016. Förderung der Lourdeskapelle in Merans im Rahmen der Landesgedächtnisstiftung.
- Kolsasser Gemeindeblatt, April 2026: Bericht über eine hl. Messe bei der Lourdeskapelle mit dem Landsturm Kolsassberg.
- SAGEN.at-Fotogalerie: Erinnerungsblatt zur Primiz Norbert Kralers am 8. August 1858 in Patsch. Erinnerungsblatt zur Primiz des neugeweihten Priesters Norbert Kraler am 8. August 1858 in Patsch; biographisches Zeugnis zum späteren geistlichen Anreger der Lourdeskapelle am Kolsassberg.
- Denkmal- und ortskundliche Zusammenfassungen zur Wallfahrtskapelle Maria Lourdes in Kolsassberg; die dort genannte Datierung 1858 weicht von der detaillierten Besitzerüberlieferung mit Einweihung 1885 ab und bedarf weiterer Prüfung.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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