| Wallfahrt: | Lebendige Marienwallfahrt zum 1797 auf einer Fensterscheibe erschienenen Gnadenbild der Muttergottes. |
| Status: | Lebendiger überregionaler Wallfahrtsort; St. Michael wurde 2000 zur Basilica minor erhoben. |
| Kultzentrum: | Das Absamer Gnadenbild auf einer Fensterscheibe, seit 1797 am südlichen Seitenaltar verehrt; umfangreiches Votivwesen. |
| Ort: | Absam |
| Region: | Innsbruck-Land |
| Bundesland: | Tirol |
| • | Lage: Dörferstraße 55a, 6067 Absam. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Tirol - Innsbruck-Land |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Web: Pfarre Absam St. Michael |
| • | Öffnungszeiten: täglich, freier Eintritt. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
• Gnadenbild:
Am 17.1.1797 erschien der damals 18-jährigen Rosina Puecher in Absam, Tirol ein Frauenbild auf einer Glasscheibe. Nachdem es mit einem Lappen von der Mutter entfernt wurde, erschien es immer wieder.
Heute ist das Bild zur Verehrung am rechten Seitenaltar der Kirche aufgestellt.
Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie
• Votivkapelle:
Im Mesnerhaus neben der Basilika St. Michael befindet sich eine Votivkapelle mit über 400 Votivtafeln, die von Gebetserhörungen zeugen.
Heute wird in der Votivkapelle ein Gesprächsangebot durch den engagierten Pfarrer und Wallfahrtsbetreuer angeboten.
Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie
Die Basilika St. Michael in Absam ist Pfarrkirche, bedeutender Kunstbau und einer der wichtigsten lebendigen Marienwallfahrtsorte Tirols. Dabei ist die Geschichte des Gnadenortes ungewöhnlich: Nicht eine alte Marienstatue, eine Quelle oder eine mittelalterliche Gründungslegende steht am Anfang der Wallfahrt, sondern ein Ereignis des Jahres 1797, das in einer Bauernstube seinen Ausgang nahm. Auf einer Fensterscheibe des Hauses der Familie Puecher beziehungsweise Bucher wurde ein Frauenbild sichtbar, in dem die Bevölkerung die Gottesmutter erkannte. Die kirchlichen und weltlichen Behörden reagierten mit bemerkenswerter Skepsis, ließen das Glas untersuchen und anerkannten seine Entstehung nicht als Wunder. Gerade diese Spannung zwischen amtlicher Zurückhaltung und außerordentlich rasch wachsender Volksverehrung gehört zu den charakteristischen Zügen der Absamer Wallfahrt.
Die Geschichte der Michaelskirche reicht weit vor das Entstehen der Marienwallfahrt zurück. Bereits vor dem Jahr 1000 ist in Absam mit einer christlichen Gemeinde zu rechnen. Im 13. Jahrhundert gewann der Ort durch den Salzabbau im Halltal an Bedeutung; um 1280 wurde Absam eine selbständige Pfarre. Bemerkenswert ist die enge Verbindung mit Augsburg: Der Augsburger Bischof verfügte über Besitz in Absam und übte das Patronatsrecht über die Pfarre aus. Die benachbarte Nikolauskirche in Hall war zunächst Filialkirche von Absam, doch mit dem wirtschaftlichen Aufstieg Halls verlagerte sich im 14. Jahrhundert auch der Schwerpunkt der Seelsorge dorthin.
Die Michaelskirche ist 1331 urkundlich belegt. Nach den überlieferten Angaben wurde ein älterer Bau 1413 zerstört; der heutige dreischiffige spätgotische Hallenbau entstand in den Jahrzehnten um 1420 bis 1440 unter Hans Sewer. Der hoch aufragende Bau mit stark eingezogenem polygonalem Chor, Maßwerkfenstern und spitzbogigen Portalen lässt seinen gotischen Ursprung noch deutlich erkennen. Ende des 18. Jahrhunderts wurde das Innere umfassend barock beziehungsweise bereits klassizistisch geprägt. Die heutige Westvorhalle und der getreppte Giebel kamen erst 1897 hinzu.
Die spätbarocke Umgestaltung ist am Triumphbogen mit 1779 bezeichnet. Josef Anton Zoller überzog 1780 die Gewölbe mit Fresken, die bereits den Übergang zum Klassizismus erkennen lassen. Im Chor erscheint das Letzte Abendmahl; im Langhaus sind unter anderem Gottvater, der Kirchenpatron Michael, Maria sowie Heilige dargestellt, die mit dem Dorf und seiner Arbeitswelt verbunden sind. Besonders bemerkenswert ist die Einbeziehung des Bergbaupatrons Rupert, denn der Salzbergbau im Halltal bestimmte über Jahrhunderte das Leben zahlreicher Absamer Familien.
Der Hochaltar besitzt einen Viersäulenaufbau mit den beiden heiligen Johannes; das große Altarblatt mit dem Engelssturz stammt von Franz Sebald Unterberger. Von hoher Qualität sind auch die Kreuzwegstationen Johann Georg Höttingers von 1734. Ein außergewöhnliches spätgotisches Ausstattungsstück ist das sogenannte "Fiegerkreuz", ein beinahe lebensgroßer Kruzifix von 1492, dessen Echthaar die Darstellung des Gekreuzigten ungewöhnlich wirklichkeitsnah erscheinen lässt. Im nördlichen Seitenschiff wird zur Weihnachtszeit eine bedeutende Krippe mit Figuren Johann Giners von 1796 aufgestellt.
Der Beginn der Wallfahrt ist ungewöhnlich genau datiert. Am Nachmittag des 17. Jänner 1797 saß die 18-jährige Rosina Puecher - in einem Teil der Überlieferung auch Bucher geschrieben - in der Stube des elterlichen Bauernhauses beim Nähen. Ihr Vater Johann arbeitete wie ihr Bruder im Salzberg. Zwischen drei und vier Uhr bemerkte Rosina auf einer Scheibe des inneren Fensters einen Frauenkopf. Die Mutter kam hinzu und erkannte darin ebenfalls ein Marienbild. Ihre erste Reaktion war nach der späteren Familienüberlieferung keine Freude, sondern Sorge: Sie befürchtete, das Zeichen könne auf ein Unglück der im Berg arbeitenden Männer hinweisen.
Rosinas Bruder Johann schrieb die Begebenheit viele Jahrzehnte später im Beisein von Zeugen nieder. Nach seiner Erinnerung wurde das Bild von der Mutter mit einem Tuch weggewischt, erschien jedoch nach kurzer Zeit erneut. Als Vater und Sohn wenige Tage später gesund aus dem Salzberg zurückkehrten, verlor die anfängliche Unglücksdeutung an Gewicht. Nun verbreitete sich die Nachricht von dem Bild im Dorf und in der Umgebung mit großer Geschwindigkeit.
Das Absamer Gnadenbild unterscheidet sich grundlegend von den meisten Tiroler Wallfahrtsbildern. Es handelt sich weder um eine geschnitzte Madonna noch um ein gemaltes Tafelbild, sondern um ein nur in Grautönen sichtbares Brustbild auf einer kleinen Fensterscheibe. Der Frauenkopf ist von einem doppelten Schleier umgeben und leicht geneigt; das Gesicht wirkt ernst und leidend. In späterer Wahrnehmung wurden besonders die Tränen im Auge als kennzeichnendes Merkmal hervorgehoben. Gerade diese Schlichtheit und Unbestimmtheit des Bildes dürfte zu seiner Wirkung beigetragen haben: Die Gesichtszüge lassen sich nicht mit der eindeutigen Präzision eines gemalten Porträts festlegen, sondern verändern sich je nach Beleuchtung und Betrachtungswinkel.
Das Bild wurde bald als "Muttergottes von Absam", "Unsere Liebe Frau von Absam" und in älteren Andachtsdrucken als "Wundervolle Mutter Gottes zu Absam" bezeichnet. In der religiösen Überlieferung wurde es auch in die alte Vorstellung der sogenannten acheiropoietischen Bilder eingeordnet, also von Bildern, die nicht von Menschenhand geschaffen worden seien. Gerade diese Deutung wurde von der kirchlichen Untersuchung jedoch ausdrücklich nicht bestätigt.
Die schnelle Ausbreitung der Nachricht rief den zuständigen Fürstbischof von Brixen auf den Plan. Das Fenster wurde nach Innsbruck gebracht und von einer Kommission untersucht, der neben kirchlichen und weltlichen Vertretern auch Fachleute angehörten. Genannt werden der Mathematiker Franz von Zollinger, der Chemieprofessor Schöpfer, der Freskenmaler Josef Schöpf aus Telfs sowie die Glasermeister Schwänninger und Appeller.
Das erhaltene Untersuchungsprotokoll ist gerade aus heutiger Sicht außerordentlich interessant, weil die Kommission keineswegs unkritisch vorging. Man wusch und rieb die Scheibe, verwendete unterschiedliche Flüssigkeiten und versuchte schließlich auch eine mechanische Bearbeitung. Nach dem Abwaschen verschwand das Bild zunächst, wurde beim Trocknen jedoch wieder sichtbar. Erst durch stärkeres Polieren mit einem damals als Trippel bezeichneten feinen Schleifmittel und Glasblei konnten einzelne Stellen so bearbeitet werden, dass dort klares Glas zurückblieb und die Zeichnung nicht wieder erschien.
Die Untersuchung führte deshalb nicht zur kirchlichen Anerkennung eines Wunders. Das Protokoll hielt vielmehr eine natürliche Ursache für möglich. Spätere Erklärungsversuche nahmen an, dass die Scheibe früher bemalt gewesen sein könnte und sich Spuren einer alten Bemalung beziehungsweise Veränderungen der Glasoberfläche erhalten hätten. Entscheidend für die Geschichte der Wallfahrt ist daher eine klare Unterscheidung: Die Kirche billigte die Verehrung des Bildes und Absam entwickelte sich zu einem kirchlich anerkannten Wallfahrtsort; die übernatürliche Entstehung des Bildes selbst wurde hingegen nicht verbindlich als Wunder anerkannt.
Die vorsichtige Haltung der Behörden muss vor dem geistigen und politischen Hintergrund des ausgehenden 18. Jahrhunderts gesehen werden. Die Aufklärung hatte auch in kirchlichen Kreisen eine kritische Haltung gegenüber rasch verbreiteten Wunderberichten gefördert. Zugleich waren die Folgen der josephinischen Kirchenreformen noch unmittelbar spürbar: Wallfahrten, Klöster und traditionelle Frömmigkeitsformen waren eingeschränkt oder aufgehoben worden. Ausgerechnet in dieser Atmosphäre entstand in Absam ein neuer Gnadenort, der nicht von einer kirchlichen Institution geplant wurde, sondern wesentlich aus der religiösen Reaktion der Bevölkerung hervorwuchs.
Dazu kam die politische Bedrohung durch die französischen Revolutionskriege. Tirol befand sich in einer Zeit großer Unsicherheit; Nachrichten von Kämpfen, Truppendurchzügen und drohender Besetzung prägten die Stimmung. Der Sieg Tiroler Verbände bei Spinges am 2. April 1797 wurde in der Bevölkerung bald mit der Fürsprache der Absamer Muttergottes in Verbindung gebracht. Eine solche Deutung ist historisch als Ausdruck zeitgenössischer Volksfrömmigkeit zu verstehen, nicht als Aussage über eine göttliche Parteinahme im Krieg.
Der Brixner Fürstbischof untersagte den zunächst gewünschten Bau einer eigenen Kapelle für das Fensterglas. Die Bevölkerung setzte sich dennoch nachdrücklich für eine öffentliche Verehrung ein. Am 24. Juni 1797 wurde das Bild feierlich in die Michaelskirche übertragen. In der Überlieferung verbindet sich diese Prozession mit dem Satz: "Wo der Sohn ist, da muss auch die Mutter sein!"
Zunächst wurde das Bild am Hochaltar gezeigt; später erhielt es seinen dauerhaften Platz am südlichen beziehungsweise rechten Seitenaltar. Der heutige Goldaltar entstand um 1900. Bei einer Restaurierung im Jahr 1930 entdeckte man hinter dem barocken Altar eine spätgotische Wandmalerei aus der Zeit um 1470 mit einer thronenden Madonna und Heiligen. Diese ältere Mariengestalt wurde in die Altararchitektur einbezogen, sodass sich an diesem Platz zwei sehr unterschiedliche Schichten der Marienverehrung begegnen: die spätmittelalterliche gemalte Madonna und darunter das 1797 erschienene Fensterglas.
Dass sich die Verehrung nahezu unmittelbar zu einer Wallfahrt entwickelte, zeigen nicht nur schriftliche Berichte, sondern auch materielle Zeugnisse. Bereits 1801 erschienen eine Litanei und Gebete zur "Wundervollen Mutter Gottes zu Absam". Noch bemerkenswerter ist eine erhaltene Wallfahrtsmedaille, die bereits auf das Jahr 1797 datiert wird. Ihre Vorderseite zeigt den Erzengel Michael, die Rückseite eine Prozession zur Absamer Kirche; über dem Gotteshaus tragen Engel das Gnadenbild im Fensterglas. Damit war das neue Heiligtum praktisch im Jahr seiner Entstehung bereits in die traditionelle Bild- und Andenkenkultur der Wallfahrt eingegangen.
Im 19. Jahrhundert verbreitete sich das Absamer Bild durch kleine Andachtsbilder, Gebetszettel, Wallfahrtsbüchlein und Gnadenpfennige weit über den Ort hinaus. Das historische Einzugsgebiet umfasste vor allem Nord- und Osttirol, reichte aber auch nach Südtirol, insbesondere in das Puster- und Gadertal. Der Gnadenort wurde damit zu einer Landeswallfahrt, deren Ausstrahlung weit über die unmittelbare Umgebung von Hall und Innsbruck hinausging.
Ein markantes Zeichen der überregionalen Bedeutung war der Besuch der kaiserlichen Familie im Revolutionsjahr 1848. Kaiser Ferdinand I. und Kaiserin Maria Anna pilgerten nach Absam; weitere Angehörige des Hauses Habsburg folgten. Solche Besuche steigerten die öffentliche Wahrnehmung des Gnadenortes zusätzlich und verbanden die Wallfahrt mit den politischen und dynastischen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts.
Zum hundertjährigen Jubiläum 1897 wurde die Geschichte der Wallfahrt in einer umfangreichen Festschrift von Philibert Seeböck aufgearbeitet. Die Feierlichkeiten erstreckten sich über mehrere Tage und zogen hohe kirchliche Würdenträger und zahlreiche Geistliche nach Absam. Die Wallfahrt war damit längst nicht mehr bloß ein lokales Phänomen, sondern ein religiöser Erinnerungsort von landesweiter Bedeutung.
Das volkskundlich bedeutendste Archiv der Absamer Wallfahrt bilden die Votivtafeln. Mehr als 400 solcher Dankzeugnisse werden mit dem Gnadenort verbunden. Ein Teil befindet sich in der ehemaligen Totenkapelle im Mesnerhaus südlich der Kirche. Die Tafeln sind nicht bloß Schmuck. Sie dokumentieren ein Grundprinzip historischer Wallfahrt: Menschen kamen mit Krankheit, Unfall, Kriegserfahrung, familiärer Not, Gefahr oder existenzieller Angst nach Absam, gelobten eine Gabe und stifteten nach einer als erfahren geglaubten Hilfe ein sichtbares Zeichen des Dankes.
Da im 19. Jahrhundert klassische Mirakelbücher vielfach nicht mehr in der älteren Form geführt wurden, wurden Berichte über Gebetserhörungen und Heilungen auch in Wallfahrtsbüchern und Festschriften gesammelt. Votivbild, gedruckter Bericht und mündliche Erzählung ergänzten einander. Für die religiöse Volkskunde ist dieser Bestand besonders wertvoll, weil er nicht nur kirchliche Lehre, sondern konkrete Lebensängste und Hoffnungen der Wallfahrer sichtbar macht.
Nach dem Ersten Weltkrieg erhielt Absam erneut die Funktion eines Landesheiligtums. Im Jahr 1919 kamen etwa 10.000 Gläubige zusammen, erneuerten den Tiroler Bund mit dem Herzen Jesu und beteten angesichts der politischen Neuordnung nach dem Zusammenbruch der Monarchie um die Einheit des Landes. Hier zeigt sich besonders deutlich, wie Wallfahrt religiöse Frömmigkeit mit kollektiver Erinnerung und politischer Erfahrung verbinden konnte.
Auch während der nationalsozialistischen Herrschaft brach die Verehrung nicht ab. Trotz Einschränkungen und Verbote kamen weiterhin Menschen zum Gnadenbild. Zum 150-jährigen Jubiläum 1947 wurde der Ort dann zu einem großen religiösen Treffpunkt der Nachkriegsgesellschaft. Bei einer Buß- und Bittprozession gedachte man der Gefangenen und betete um deren Heimkehr; bei einer Gelöbniswallfahrt der Katholischen Jugend nahmen nach den überlieferten Angaben rund 20.000 Jugendliche teil. Der Gnadenort wurde damit zu einem Raum, in dem Kriegserfahrung, Trauer, Heimkehrhoffnung und religiöser Neuanfang öffentlich Ausdruck fanden.
Die Bedeutung des Bildes blieb nicht auf Kirche und Wallfahrt beschränkt. Seit 1965 ist das Gnadenbild Bestandteil des Gemeindewappens von Absam. Damit wurde ein zunächst in einer privaten Bauernstube wahrgenommenes Bild zu einem öffentlichen Identitätszeichen der ganzen Gemeinde. Dieser Weg vom häuslichen Fenster über die kirchliche Verehrung bis zum kommunalen Wappen ist kulturgeschichtlich bemerkenswert.
Auch das Erscheinungshaus blieb erhalten und befindet sich in Privatbesitz. Die ursprüngliche Stube wird als Erinnerungsort der Ereignisse von 1797 verstanden. Damit besitzt Absam neben der Basilika einen zweiten, wesentlich unscheinbareren Erinnerungsort: die bäuerliche Wohnstube, in der die Wallfahrtsgeschichte begann. Gerade diese Verbindung von alltäglichem Hausraum und öffentlichem Heiligtum gehört zu den Besonderheiten der Absamer Überlieferung.
Das Erscheinungsbild der Scheibe hängt stark von Beleuchtung und Blickwinkel ab. Gustav Gugitz vermerkte, dass im Jahr 1944 bei veränderter Beleuchtung am unteren Rand ein kleines, als Kinderköpfchen gedeutetes Detail sichtbar geworden sei. Ein in der SAGEN.at-Fotogalerie veröffentlichtes Foto des Gnadenbildes aus dem Jahr 2007 zeigt im linken unteren Bereich tatsächlich eine auffällige Struktur, die auf anderen Aufnahmen kaum wahrnehmbar ist. Solche Beobachtungen sollten nicht als neue Wundererscheinungen interpretiert werden; sie zeigen vielmehr, wie stark die Wahrnehmung eines nur schwach in Grautönen sichtbaren Glasbildes von Licht, Kontrast und Erwartung des Betrachters abhängig sein kann.
Am 24. Juni 2000 wurde St. Michael zur Basilica minor erhoben. Die Auszeichnung erfolgte wegen der besonderen Bedeutung der Wallfahrt. Absam war damit die erste Tiroler Kirche ohne Anbindung an ein Kloster oder Stift, die diesen Rang erhielt. Obwohl das Patrozinium weiterhin dem Erzengel Michael gilt, ist im allgemeinen Sprachgebrauch häufig von der "Marienbasilika Absam" die Rede. Diese Bezeichnung macht deutlich, wie vollständig die seit 1797 entstandene Marienwallfahrt die Wahrnehmung der alten Michaelskirche geprägt hat.
Die Wallfahrt nach Absam ist nicht erloschen. Besonders der 17. Jänner als Jahrestag des Erscheinens des Bildes und der 24. Juni als Erinnerung an seine Übertragung in die Kirche werden kirchlich begangen; daneben finden regelmäßige Wallfahrtsgottesdienste und Marienandachten statt. Einzelpilger, Pfarrgruppen, Kranke, Ehepaare und traditionelle Gemeinschaften suchen das Heiligtum weiterhin auf. Eine besondere Verbindung besteht auch zum Tiroler Schützenwesen, dessen Wallfahrten nach Absam die alte Vorstellung einer Landeswallfahrt in veränderter Form fortsetzen.
Die heutige Frömmigkeit knüpft dabei weniger an die Forderung nach einem naturwissenschaftlich unerklärlichen Wunder an als an das Bild Mariens als Trösterin und Begleiterin menschlicher Not. Gerade darin liegt eine bemerkenswerte Kontinuität: Schon 1797 wurde das Bild in einer Zeit von Krieg, Unsicherheit und Angst als Hoffnungszeichen verstanden; Votivtafeln, Anliegenbücher und die bis heute fortdauernde Pilgerpraxis zeigen, dass diese Funktion des Ortes weiterlebt.
Absam ist für die Wallfahrtsforschung ein außergewöhnlicher Fall. Die Entstehung des Kultes liegt nicht im Dunkel des Mittelalters, sondern in einer vergleichsweise gut dokumentierten Zeit. Wir kennen das Datum, den Ort, die Familie, die kirchliche Untersuchung und sogar technische Einzelheiten der Prüfung des Glases. Trotzdem entstand um das Objekt beinahe unmittelbar jene religiöse Dynamik, die sonst häufig erst nach Generationen in Quellen fassbar wird: Prozession, Gnadenbildverehrung, Votive, Gebetsdrucke, Wallfahrtsmedaillen, Berichte über Gebetserhörungen und ein wachsendes überregionales Einzugsgebiet.
Gerade die nicht erfolgte kirchliche Anerkennung der Bildentstehung als Wunder macht Absam volkskundlich besonders aufschlussreich. Wallfahrt entsteht hier nicht einfach durch einen obrigkeitlich bestätigten Mirakelbericht. Sie entsteht aus dem Vertrauen einer Bevölkerung, die in einem rätselhaften Bild ein religiöses Zeichen erkennt, dieses Zeichen gegen Skepsis öffentlich verehrt und dadurch einen dauerhaften Gnadenort schafft. Die Geschichte von Absam zeigt damit sehr anschaulich, dass die Wirksamkeit eines Wallfahrtsortes nicht allein von der Erklärung seines Ursprungs abhängt, sondern von den religiösen Erfahrungen, Erzählungen, Ritualen und materiellen Zeugnissen, die sich über Generationen um ihn sammeln.
- Umständlicher Bericht von dem Bilde der jungfräulichen Gottesmutter Maria zu Absam unweit Hall in Tirol. Innsbruck: Wagner, 1801.
- Seeböck, Philibert: Die liebe Gottesmutter im Gnadenbilde zu Absam in Tirol. Festschrift zur 100jährigen Jubelfeier der Erscheinung des Marienbildes 1797-1897. Innsbruck 1897.
- Troger, Adjut: Unsere Liebe Frau von Absam. Innsbruck 1931.
- Prohaska, Heinrich: Absamer Denkwürdigkeiten. 1947.
- Winterberger, G.: Die geschichtliche Entwicklung der Landeswallfahrt Absam. 1949.
- Gugitz, Gustav: Österreichs Gnadenstätten in Kult und Brauch. Bd. 3: Tirol und Vorarlberg. Wien 1956, S. 1-2.
- Dollinger, Inge: Tiroler Wallfahrtsbuch. Innsbruck 1982, S. 25-28.
- Maria Absam. Kirchenführer, herausgegeben vom Pfarramt Absam, o. J. [um 1987].
- Ammann, Gert (Hg.): Heiltum und Wallfahrt. Katalog der Tiroler Landesausstellung 1988. Innsbruck 1988, S. 124-126.
- Gugitz, Gustav / Maly, Luitgard: "Absam". In: Bäumer, Remigius / Scheffczyk, Leo (Hg.): Marienlexikon. Bd. 1. St. Ottilien 1988, S. 19-20.
- Kapferer, Martin: "Absam. Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Michael". In: Rampold, Reinhard (Hg.): Kunstführer Tirol. Innsbruck 2014, S. 102-103.
- Pfarre Absam St. Michael: Wallfahrtsgeschichte, Pfarrgeschichte und Kirchenbeschreibung.
- Diözese Innsbruck: Dokumentation zum Absamer Gnadenbild und zur Wallfahrt.
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