| Wallfahrt: | Historischer regionaler Wallfahrts- und Andachtsort zur hl. Ottilia. Wallfahrer, Votivtafeln und Gebetserhörungen belegen besonders die Bitte um Hilfe bei Augenleiden. Eine förmlich institutionalisierte Wallfahrt ist in den vorliegenden Quellen dagegen nicht eindeutig nachweisbar. |
| Status: | Lebendiger Bittgangs- und Andachtsort der Pfarre Tschengls. Jährlich führen Bittgänge am 1. Mai, 11. November, 13. Dezember und 31. Dezember zur Kirche; außerdem finden fallweise religiöse Feiern statt. |
| Kultzentrum: | Der frühbarocke Altar mit dem Altarblatt der hl. Ottilia und Anna selbdritt. Ein eigenes, von diesem Altarbild unterschiedenes Gnadenbild ist für St. Ottilia in den herangezogenen Quellen nicht belegt. |
| Stifter: | Caspar Pörlinger (1619-1702), in zeitgenössischen Quellen auch Perlinger; wohlhabender Grundbesitzer und Handelsmann, Gerichtsverpflichteter und mehrfach Kirchpropst in Tschengls. |
| Ort: | Etwa einen Kilometer westlich von Tschengls im Alten Feld, auf einer markanten Felskuppe auf rund 1002 Metern Meereshöhe. |
| Gemeinde: | Laas |
| Region: | Vinschgau, Südtirol |
| • | St. Ottilia, Altes Feld, 39023 Tschengls, Südtirol. Die Kirche liegt außerhalb des Dorfes im Alten Feld und ist über einen schmalen Güterweg erreichbar. Die Kirche wird zu den Bittgängen und zu einzelnen religiösen Feiern genutzt. Im Zuge der jüngsten Restaurierung ist auch eine wiederkehrende Öffnung für Besucher geplant. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Südtirol |
| • | Ansicht in Street View (Luftbild) |
| • | Pfarre / Seelsorgeeinheit: Seelsorgeeinheit Laas. |
| • | Öffnungszeiten: Geschlossen. Besuch derzeit nur über Anmeldung Pfarre Seelsorgeeinheit Laas. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
• Die Wallfahrtskirche St. Ottilia im Alten Feld von Tschengls. Im Hintergrund der Ort Tschengls, Gemeinde Laas, Südtirol:
Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie
• Die Glocken von St. Ottilia im Alten Feld von Tschengls.
Die eine Glocke trägt die Inschrift "Sta Anna ora pro nobis 1681". An der Vorderseite ist im Relief Anna selbdritt dargestellt, auf der Rückseite das Wappen des Stifters mit dem Schriftzug Caspar Perlinger. Darunter die Inschrift "Thomas Zwelfer in Bozen hat mich gegossen" (Thomas Zwelfer (1650-1704), ein aus Innsbruck stammender Glockengießer, der ab 1679 als Meister in Bozen tätig war. In der campanologischen Fachliteratur wird Zwelfer sogar als besonders wichtiger Vertreter der sogenannten Bozner manieristischen Rippe bezeichnet; seine Glocken werden wegen ihres vergleichsweise ausgeglichenen Klangaufbaus hervorgehoben). Sie ist ist auf den Ton G gegossen und wiegt 65 Kilo. Sie ist heute die älteste Glocke von Tschengls.
Die andere alte Glocke ist laut Pfarrchronik nach dem Dorfbrand von 1885 abgenommen und ins Dorf gebracht worden, weil das gesamte Geläute beim Brand zerstört worden war. So konnte zumindest noch eine Glocke läuten. Sie wurde am Kirchplatz so heftig geläutet, dass sie zersprungen ist. Die heutige kleine Glocke in St. Ottilia ist 1922 von Luigi Colbacchini in Trient gegossen worden.
Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie
St. Ottilia im Alten Feld gehört zu jenen kleinen Sakralbauten des Vinschgaus, deren Bedeutung sich erst erschließt, wenn Landschaft, persönliche Stiftung, Volksfrömmigkeit und lokale Geschichte gemeinsam betrachtet werden. Die Kirche steht etwa einen Kilometer westlich von Tschengls auf einer Felskuppe mitten in den alten Fluren. Von hier öffnet sich der Blick über die weite Biegung des Vinschgaus. Südlich darüber liegen die Veste Tschenglsberg und der Larchögg, der über lange Zeit ein wichtiger Verteilerpunkt des Waalsystems für die Bewässerung des Alten Feldes war.
Der Bau entstand 1681 als private Stiftung des wohlhabenden Tschenglsers Caspar Pörlinger. Schon in den folgenden Generationen wurde die hl. Ottilia hier besonders von Menschen angerufen, die unter Augenleiden litten. Votivtafeln, Wallfahrer, Bittgänge und eine im Kirchenarchiv überlieferte Gebetserhörung belegen diese Frömmigkeit. Zugleich mahnen die Quellen zu einer genauen Unterscheidung: Während Leo Andergassen ausdrücklich von Wallfahrern spricht und das 2025 herausgegebene Faltblatt eine einsetzende Wallfahrt nennt, formuliert Herbert Raffeiner im ausführlicheren Schlern-Beitrag vorsichtiger, dass es zu einer eigentlichen, kirchlich institutionalisierten Wallfahrt vielleicht nicht gekommen sei oder diese nicht zugelassen worden sei. Sicher belegt ist jedoch eine über Jahrhunderte anhaltende regionale Ottilienverehrung mit Votivpraxis und Prozessionen.
Die Felskuppe von St. Ottilia war bereits lange vor dem barocken Kirchenbau ein auffälliger Ort. Bei einer eintägigen archäologischen Untersuchung unter Hans Nothdurfter im Jahr 1988 wurde an der Ostseite der Kirche ein Brandopferplatz aus der jüngeren Eisenzeit festgestellt. Unter der Ostmauer kam eine Brandschicht mit Steinlage zum Vorschein; außerdem wurden Knochen und Keramikfragmente geborgen.
Gerade an einem Wallfahrtsort liegt die Versuchung nahe, daraus eine ununterbrochene Kulttradition vom vorgeschichtlichen Opferplatz bis zur christlichen Kapelle abzuleiten. Dafür gibt es jedoch keinen Beleg. Leo Andergassen betont ausdrücklich, dass die Kulttradition unterbrochen war und der barocke Kirchenbau nicht als Fortsetzung des eisenzeitlichen Heiligtums verstanden werden darf. Der archäologische Befund macht den Platz deshalb nicht zu einem seit Jahrtausenden kontinuierlich verehrten Heiligtum; er zeigt vielmehr, dass dieselbe landschaftlich markante Kuppe in sehr verschiedenen Zeiten religiös gedeutet wurde.
Das Patrozinium der hl. Ottilia ist im Vinschgau vergleichsweise selten. Die elsässische Heilige wurde seit dem Mittelalter besonders als Patronin der Blinden und Augenkranken verehrt. Nach ihrer Legende kam sie blind zur Welt und erhielt bei der Taufe das Augenlicht. Als Äbtissin von Hohenburg, dem später nach ihr benannten Odilienberg im Elsass, wurde sie zu einer der bedeutenden Heiligengestalten des oberrheinischen Raumes. Ihr Gedenktag ist der 13. Dezember.
In Tschengls war Ottilia nicht erst durch die Kapelle bekannt; sie gehörte auch zu den Altarheiligen der Pfarrkirche. Warum Caspar Pörlinger gerade sie zur Patronin seiner Stiftung machte, ist nicht urkundlich überliefert. Rainer Loose erwägt, ob das auffällige Augenmotiv der Kapelle auf ein persönliches Augenleiden des Stifters hinweisen könnte. Hermann Theiner verbindet die Wahl der Patronin mit Pörlingers umfangreicher Schreib- und Verwaltungstätigkeit und erinnert zugleich daran, dass in einem Kircheninventar zwei silberne Augen als Votivgaben genannt werden. Beides sind Deutungen, keine sicheren biographischen Tatsachen. Die spätere Votivpraxis zeigt jedoch zweifelsfrei, dass St. Ottilia in Tschengls als Helferin bei Augenleiden angerufen wurde.
Für einen Dorfbewohner des 17. Jahrhunderts ist Caspar Pörlinger ungewöhnlich dicht dokumentiert. Hermann Theiner hat für seine Untersuchung mehr als 211 Schriftstücke aus den Verfachbüchern der Gedingstatt Laas und des Gerichtes Schlanders sowie aus dem Kirchenarchiv Tschengls zusammengetragen, transkribiert oder inhaltlich erschlossen. Es handelt sich allerdings nicht um Briefe, Tagebücher oder persönliche Erinnerungen, sondern überwiegend um Kauf- und Schuldverträge, Vormundschaftsrechnungen, Erbschaftsakten, Gemeindesachen und kirchliche Schriftstücke. Gerade darin liegt ihr besonderer Wert: Sie zeigen Pörlinger nicht als nachträglich idealisierte Stifterfigur, sondern mitten in den wirtschaftlichen, rechtlichen und sozialen Verhältnissen seiner Zeit.
Die Quellen haben zugleich eine klare Grenze. Über Pörlingers Gedanken, seine Ausbildung oder die persönlichen Beweggründe vieler Entscheidungen erfahren wir fast nichts. Theiner betont selbst, dass die Herkunft der Familie noch nicht restlos geklärt ist und auch nicht lückenlos nachgewiesen werden kann, wie der spätere Kirchenstifter zu seinem außerordentlichen Besitz und zu seiner angesehenen Stellung aufstieg. Die erhaltenen Akten machen dafür sichtbar, wie breit sein Tätigkeitsfeld war und wie stark sein Leben mit dem Dorf Tschengls, dem Gericht Schlanders und einem weit über den Ort hinausreichenden Wirtschaftsraum verbunden war.
Die Familiengeschichte ist nicht ganz einfach zu verfolgen, weil mehrere Generationen denselben Vornamen trugen. Bereits in der Tschenglser Dorfordnung von 1611 erscheint ein Caspar Pörlinger als Mitglied des Gemeindeausschusses. Theiner bezeichnet ihn als Caspar I. und vermutet in ihm den Großvater des späteren Kirchenstifters. Die nächste Generation, Caspar II. und dessen Bruder Melchior, begegnet 1653 in einem Wappenbrief Erzherzog Ferdinand Karls als Handelsleute und Bürger von Bozen. Caspar II. starb um 1658.
Der Stifter von St. Ottilia ist Caspar III. Pörlinger, geboren 1619 und gestorben am 21. Dezember 1702. Gerade wegen der Namensgleichheit ist die Unterscheidung wichtig. Der Wappenbrief von 1653 wurde nach Theiners genealogischer Rekonstruktion nicht dem späteren Kirchengründer persönlich verliehen, sondern der Generation seines Vaters Caspar II. und dessen Bruder Melchior. Das Familienwappen wurde jedoch von der Tschenglser Linie weitergeführt. Es erscheint am Grabstein des Stifters und auf der von ihm 1681 für St. Ottilia gestifteten Glocke.
Auch die Schreibweise des Namens wechselt. Der Grabstein nennt ihn Caspar Pörlinger; auf dem Stifterbild und auf der Glocke steht Caspar Perlinger. Solche Varianten sind für frühneuzeitliche Quellen nichts Ungewöhnliches. Für den vorliegenden Beitrag wird der von Theiner im Titel seiner Untersuchung und auf dem Grabstein überlieferte Name Pörlinger verwendet.
Caspar Pörlinger war dreimal verheiratet. Seine erste Ehe schloss er 1647 mit Maria Pölin. Aus dieser Verbindung gingen nach den von Theiner ausgewerteten Unterlagen unter anderem drei Töchter hervor: Anna, geboren 1648, Maria, geboren 1652, und Sara, geboren 1655. Maria Pölin starb gegen Ende des Jahres 1658. Die anschließende Regelung ihres Vermögens zeigt zugleich, wie stark Ehe, Erbe und Besitz im 17. Jahrhundert miteinander verflochten waren. Pörlinger durfte den Fruchtgenuss aus dem mütterlichen Vermögen der Töchter behalten, verpflichtete sich aber, die Kinder zu erhalten, zu erziehen und ihnen später das Muttergut samt zusätzlicher Ausstattung für die Heirat auszuhändigen.
Seine zweite Ehefrau Maria Clauserin stammte aus einer wirtschaftlich bedeutenden Laaser Familie. Sie starb 1678 im Kindbett. Jakob Raffeiners genealogische Forschungen, die Theiner heranzieht, weisen aus dieser Ehe acht Kinder nach; bei der Erbteilung von 1703 lebten davon noch die Söhne Caspar, geboren 1672, und Johannes, geboren 1678. Schon diese wenigen Angaben erinnern an die hohe Kindersterblichkeit der Zeit und daran, wie häufig Familien durch Tod, Wiederverheiratung, Stiefkinder und neue Erbansprüche umgebildet wurden.
Am 6. Juni 1679 heiratete Pörlinger zum dritten Mal. Seine Frau Anna Martineuin war zuvor mit Michael Vellensteiner, Stadt- und Gerichtsschreiber zu Glurns, verheiratet gewesen. Die Trauung in Tschengls ist im Kirchenbuch ausdrücklich vermerkt; als Zeugen traten mit Veit Reiner und Malachias Khistler zwei Richter auf. Aus dieser dritten Ehe gingen keine Kinder hervor. Anna brachte jedoch ihre Tochter Helene Vellensteinerin in die neue Familie mit. Pörlinger unterstützte den Eintritt Helenes in das Kloster Säben; Theiner nennt für das sogenannte "Hochzeitsgeld" zum Eintritt in den klösterlichen Stand die beträchtliche Summe von 1400 Gulden.
Die Akten lassen Pörlinger in einem dichten Netz von Verwandtschaft und Schwägerschaft erscheinen. Familien wie Pöli, Clauser, Geiger, Stöckl, Luggin, Verklayrer, Vellrorer, Blaß, Wellenzohn und andere begegnen fortlaufend in Erbschaften, Heiratsgütern, Vormundschaften, Käufen und Abrechnungen. Verwandtschaft war dabei nicht bloß eine private Angelegenheit. Sie bildete einen wesentlichen Teil des sozialen und wirtschaftlichen Gefüges, in dem Besitz weitergegeben, Kredite vermittelt, Minderjährige vertreten und Streitigkeiten beigelegt wurden.
Der sichtbare Mittelpunkt der Familie war das Pörlingerhaus oberhalb der Pfarrkirche von Tschengls. Die Steuerbereitung von 1695 beschreibt eine Behausung mit Hofstatt, Stadl, Stallung und Krautgarten. Das Haus lag "unter der Gefahr", womit Theiner wahrscheinlich die Gefährdung durch den Tschenglser Wildbach erklärt. In seiner äußeren Erscheinung hatte der Bau den Charakter eines kleinen Ansitzes. Theiner verweist auf einen angebauten Turm und Arkaden gegen die Gasse und sieht darin den Ausdruck eines Besitzers, der auf die Repräsentation seines Hauses Wert legte.
Vom Bauzustand der Zeit Pörlingers ist allerdings nur wenig unmittelbar erhalten. Bei den großen Dorfbränden von 1885 und 1924 brannten mit Teilen des Dorfes und der Pfarrkirche auch das Pörlingerhaus ab. Das Gebäude blieb bestehen beziehungsweise wurde wiederhergestellt, doch viele Spuren des 17. Jahrhunderts gingen verloren. Umso wichtiger sind die Steuerakten, Erbteilungen und Hausbeschreibungen, die den Besitz wenigstens schriftlich fassbar machen.
Die früheste von Theiner dem späteren Stifter sicher zugeordnete Nachricht stammt aus dem Jahr 1642. Der damals etwa 23-jährige Caspar Pörlinger forderte von einem Schlanderser Handelsmann die Bezahlung gekaufter Ochsen. Schon dieser unscheinbare Vorgang weist auf ein Tätigkeitsfeld hin, das ihn über Jahrzehnte beschäftigte: Handel, Kredit und die Verbindung landwirtschaftlicher Produktion mit regionalen Märkten.
1649 erwarb Pörlinger von verwandten Eheleuten aus Eyrs einen umfangreichen Güterkomplex in Tschengls. Für verschiedene Güter, einen Acker und eine Frühwiese nennt der Vertrag zusammen 1480 Gulden. Solche Käufe waren keine isolierten Einzelgeschäfte. In den folgenden Jahrzehnten vergrößerte und ordnete Pörlinger seinen Besitz immer wieder neu. Er kaufte Häuser, Äcker, Wiesen und Rechte, tauschte Liegenschaften und löste Grundlasten ab.
Sein Wirtschaftsraum reichte weit über Tschengls hinaus. Besitz und Forderungen sind in Prad, Laas, Schlanders, Goldrain, Meran und Lana belegt. 1672 tauschte er beispielsweise Besitz in Göflan gegen einen höher bewerteten Weingarten in Niederlana und kaufte im selben Jahr bei St. Margarethen in Niederlana das Törggele-Gut mit Behausung, Torggl, Stadl, Stallung, Garten, Acker und Weinbau. 1674 kam eine Behausung in Laas hinzu. Solche Geschäfte zeigen, dass Pörlinger nicht nur von der Landwirtschaft seines Heimatdorfes lebte, sondern sehr bewusst in unterschiedliche Produktions- und Besitzformen investierte.
Gerade die vielen Abrechnungen machen Pörlingers Leben zu einer hervorragenden Quelle für die Alltagswirtschaft des 17. Jahrhunderts. Theiner weist darauf hin, dass nach den Kriegsjahrzehnten Bargeld knapp war. Forderungen wurden deshalb nicht selten mit Getreide, Vieh, Wein oder anderen Naturalien beglichen; Schuldbriefe konnten weitergegeben und mit anderen Forderungen verrechnet werden. Was für heutige Leser wie ein unübersichtliches Geflecht wirkt, war Teil einer Wirtschaft, in der Geld zwar gerechnet, aber keineswegs jede Schuld mit Münzen bezahlt wurde.
Pörlinger handelte besonders mit Mastochsen. In einem 1670 aufgenommenen Zeugenprotokoll wird berichtet, dass er mit einem Metzger in Lana "viel gehandelt" habe. Mehrere Ochsenpaare wurden nach Lana getrieben; zugleich blieb Pörlinger über längere Zeit Gläubiger des Käufers. In einem anderen Geschäft wurde eine Schuld teilweise mit Getreide und zwei Ochsen bezahlt. Solche Einzelheiten sind für die Geschichte des Vinschgaus besonders anschaulich, weil sie zeigen, wie eng Viehzucht, Fernhandel, Kredit und persönliche Vertrauensbeziehungen zusammengehörten.
Auch Wein spielte in diesem Wirtschaftsverkehr eine wichtige Rolle. Besitz in Lana verband Pörlinger mit dem dortigen Weinbau; Wein erscheint zugleich als Naturalzahlung und Gegenleistung. Daneben handelte er mit Getreide, kaufte und verpachtete Grundstücke, gewährte Darlehen und übernahm Garantien. Theiner vermerkt, dass in den Abrechnungen regelmäßig Zinsen von fünf Prozent angesetzt wurden - mitunter zum Missfallen der Schuldner.
Der wirtschaftliche Aufstieg verlief offenbar nicht ohne Krisen. In den Anmerkungen zu einem Vorgang des Jahres 1664 spricht Theiner von einem "Konkursverfahren" gegen Caspar Pörlinger, dessen genauer Verlauf aus den erhaltenen Akten nicht mehr zu rekonstruieren ist. Im Zusammenhang damit steht ein Vergleich über 558 Gulden 49 Kreuzer. Gerade weil die Hintergründe fehlen, wäre es falsch, daraus eine moderne Konkursgeschichte zu konstruieren. Der Hinweis zeigt aber, dass Pörlingers späterer Reichtum nicht einfach als geradlinige Erfolgsgeschichte verstanden werden darf.
Hinzu kamen die Risiken der Landwirtschaft. Im Juli 1665 wurden nach einem schweren Hagel- und Sturmereignis Schäden an Feldern in Laas gerichtlich aufgenommen. Auch Pörlingers Getreideflächen waren betroffen. Weizen, Gerste und anderes Sommergetreide waren teilweise so zerschlagen, dass kaum mehr als Stroh zu erwarten war; Roggen war nach vorausgegangener Trockenheit zusätzlich durch Wind ausgeschlagen worden. Solche Schadensaufnahmen waren nötig, um gegenüber Grundherren Zinsnachlässe zu beantragen. Sie zeigen, wie rasch ein großer Besitz durch Wetterereignisse empfindlich getroffen werden konnte.
Besitz bestand in dieser Zeit nicht nur aus klar abgegrenzten Grundstücken. Ebenso wichtig waren Wasserrechte, Holzrechte, Weiderechte, Zehente und Grundzinsen. 1658 stritt Pörlinger gemeinsam mit einem Laaser um die Wasserführung zu Gärten unter der Landstraße. 1666 führte er einen langwierigen Streit mit der Gemeinde Laas um Mähmoos, Holzschlag und Weiderechte im Laaser Moos. Der Vergleich musste zwischen privatem Nutzungsrecht und den Ansprüchen der Gemeinde auf Weide und Holz vermitteln.
Solche Auseinandersetzungen wirken auf den ersten Blick kleinlich, waren aber für eine agrarische Gesellschaft von grundlegender Bedeutung. Ein Stück Moos konnte zugleich Mähfläche, Weide, Holzreserve und Teil eines Entwässerungssystems sein. Rechte mussten deshalb genau ausgehandelt und durch alte Lehenbriefe, Zeugenaussagen und Gerichtsentscheide abgesichert werden. Pörlinger erscheint in diesen Akten als hartnäckiger Vertreter seiner Ansprüche, zugleich aber auch als jemand, der gerichtliche Vergleiche akzeptierte, wenn damit langwierige Streitigkeiten beendet werden konnten.
Seit 1666 wird Caspar Pörlinger als Gerichtsverpflichteter beziehungsweise Gerichtsbeglaubter von Tschengls, gelegentlich auch von Schlanders, bezeichnet. Er bekleidete diese Stellung bis zu seinem Tod. Das Amt ist nicht mit einem heutigen Richteramt gleichzusetzen. Pörlinger war vielmehr ein vereidigter, ortskundiger Vertrauensmann, der bei Rechtsgeschäften, Abrechnungen, Schätzungen, Gemeindeangelegenheiten und Beweisaufnahmen beigezogen wurde. Seine Unterschrift, sein Wissen und seine persönliche Glaubwürdigkeit hatten Gewicht.
Theiner macht deutlich, dass gerade diese Tätigkeit in den Registern der Gerichtsbücher leicht unterschätzt wird. Ein Gerichtsverpflichteter wurde bei vielen Geschäften als Ratgeber oder Beisitzer herangezogen, ohne im alphabetischen Register jedes Mal eigens aufzuscheinen. Pörlingers tatsächliche Präsenz in der lokalen Verwaltung war daher wohl noch größer, als die ohnehin umfangreiche Dokumentation erkennen lässt.
Auch innerhalb der Gemeinde übernahm er wiederholt Verantwortung. Das Dorfmeisteramt fiel nach der örtlichen Ordnung turnusmäßig auf bestimmte Besitzungen; Pörlinger versah es, wenn die Reihe auf seinen Hof kam. Als Kirchpropst der Pfarrkirche ist er für 1657, 1668, 1674 und 1684 belegt. Damit war er an der Verwaltung kirchlicher Vermögen, Forderungen, Grundstücke und laufender Ausgaben beteiligt. Straßen, Waalanlagen, Wald, Weide, Brunnen, Nachtwache, Schmied, Mesner, Organist oder Schulmeister gehörten zu jener dörflichen Verwaltungswelt, deren Rechnungen durch die späteren Brände weitgehend verloren gingen.
Eine ungewöhnliche Spur dieser Verwaltung ist auf dem Deckel der erhaltenen Tschenglser Archivtruhe zu finden, wo Abrechnungsnotizen mit dem Namen Pörlinger angebracht wurden. Noch wichtiger wären seine eigenen Aufzeichnungen gewesen. In Gerichtsakten ist von drei Pörlingerischen Hausbüchern die Rede, in denen er wirtschaftliche Vorgänge festhielt. Diese Bücher wurden vor Gericht als Beweismittel anerkannt, sind aber nicht erhalten. Ihr Verlust ist für die Ortsgeschichte erheblich, denn sie hätten wahrscheinlich einen noch unmittelbareren Einblick in seinen Alltag eröffnet.
Ein weiterer Teil seiner Tätigkeit bestand in Vormundschaften, den sogenannten Gerhabschaften. Dabei ging es nicht um eine bloß formale Betreuung Minderjähriger. Ein Gerhab musste Besitz verwalten, Schulden eintreiben, Rechnungen prüfen, Pachtverhältnisse ordnen und schließlich Rechenschaft über das Vermögen des Mündels ablegen. Pörlinger übernahm mehrere solcher Aufgaben, unter anderem in der Familie Telser und besonders im Zusammenhang mit dem Besitz der Lugginischen Kinder.
Theiner schildert den langwierigen Streit um Johannes Luggin als Beispiel dafür, wie ernst Pörlinger eine solche Aufgabe nahm. Er setzte sich gegen unklare Rechnungen und gegen den älteren Bruder des Mündels zur Wehr, bis die Vermögensverhältnisse nachvollziehbar geworden waren. Die Akten zeigen damit eine Seite seines öffentlichen Ansehens, die mit Reichtum allein nicht erklärt werden kann: Wer zum Vormund über fremdes Vermögen bestellt wurde, musste als rechnungsfähig und vertrauenswürdig gelten.
Besonders aufschlussreich ist Pörlingers Rolle bei der Abrechnung der sogenannten Kriegsmolesten. Obwohl der Dreißigjährige Krieg 1648 geendet hatte, waren die wirtschaftlichen Folgen im Vinschgau Jahrzehnte später noch nicht erledigt. Durchziehende Truppen hatten in den 1630er- und 1640er-Jahren Dörfer belastet, Vorräte verbraucht, Felder geschädigt und Kosten verursacht. Gemeinden stritten noch lange darüber, welche Viertel des Gerichtes Schlanders welche Lasten zu tragen hätten und welche Schäden bei den Steuern gegengerechnet werden müssten.
Am 1. Dezember 1671 beauftragten die Dorfmeister von Tschengls Caspar Pörlinger ausdrücklich, die noch ausständigen Kriegsschäden für die Gemeinde einzutreiben. Weil eine solche Vollmacht offenbar nicht genügte, versammelte sich am 3. Jänner 1672 die Gemeinde und stellte ihm erneut einen umfassenden Gewaltbrief aus. Pörlinger sollte die Gerichts-Steuerrechnung vorantreiben, die anerkannten Kriegsschäden bei den Steuern absetzen und weitere alte Forderungen einbringen.
Diese Vollmacht ist ein besonders starkes Zeugnis seines Ansehens. Die Gemeinde übertrug ihm nicht eine private Forderung, sondern die Vertretung gemeinsamer wirtschaftlicher Interessen gegenüber dem Gericht. Theiner sieht in der langwierigen Ausgleichung der Kriegsschäden einen wesentlichen Teil von Pörlingers Lebenswerk. Dass viele der dazugehörigen Akten später verloren gingen, lässt den Umfang nur mehr erahnen.
Noch nach seinem Tod wurden seine Rechnungen mit der Gemeinde geordnet. Bei der Abrechnung von 1703 stellte sich heraus, dass zwischen Pörlingers Verlassenschaft und Tschengls noch gegenseitige Forderungen bestanden. Die Gemeinde verzichtete schließlich auf ausständige Zinsen und rechnete sie ihm für seine "Mühewaltung" nach. Auch dieser kleine Vorgang ist bezeichnend: Seine langjährige Arbeit für das Dorf wurde selbst in einer nüchternen Schlussabrechnung ausdrücklich berücksichtigt.
Pörlingers Tätigkeit berührte wiederholt auch das Verhältnis zwischen Pfarrer und Gemeinde. Besonders eindringlich sind die Gerichtsprotokolle von 1672 über den damaligen Tschenglser Pfarrer Paulus Plackh. Als Gerichtsverpflichteter und Gemeindevorsteher ließ Pörlinger Zeugen darüber vernehmen, ob der Pfarrer seinen seelsorglichen Pflichten gegenüber Kranken und Sterbenden nachgekommen sei. Mehrere Aussagen berichteten, dass Kranke vergeblich um Beichte oder Sakramente gebeten hätten oder erst nach wiederholtem Drängen besucht worden seien.
Diese Berichte sind als zeitgenössische Zeugenaussagen ernst zu nehmen, aber nicht als moderne gerichtliche Feststellung jeder Einzelheit. Sie zeigen vor allem, welche Erwartungen eine Dorfgemeinschaft an ihren Seelsorger stellte. Die Versorgung Sterbender mit Beichte, Kommunion und den kirchlichen Sakramenten wurde nicht als private Gefälligkeit, sondern als unverzichtbare Pflicht angesehen. Theiner berichtet, dass die durch Kundschaften erhärteten Vorwürfe schließlich in die Auseinandersetzungen einflossen, nach denen Bischof Ulrich VI. von Mont Pfarrer Plackh abberief.
Für Pörlingers Biographie ist der Vorgang wichtig, weil er eine sonst leicht übersehene Funktion des dörflichen Honoratioren zeigt. Er war nicht nur Gläubiger, Käufer oder Grundbesitzer, sondern vertrat die Gemeinde auch in religiös und sozial heiklen Konflikten. Gerade in einer Zeit, in der kirchliche Versorgung, Armenwesen, Schule und Gemeindeverwaltung eng ineinandergriffen, war diese Vermittlerrolle von erheblicher Bedeutung.
Pörlingers kirchliches Engagement begann lange vor dem Bau von St. Ottilia. 1657 erscheint er als Kirchpropst der Pfarrkirche Mariä Geburt. Im selben Jahr war er gemeinsam mit Pfarrer Matheu Rofenatscher und dem Schlanderser Pflegsverwalter Hans Jenumb am Vertrag mit dem Innsbrucker Hoforgelbauer Daniel Herz beteiligt. Für das neue Instrument war die sehr hohe Summe von 1000 Gulden vorgesehen. Bei der bischöflichen Visitation von 1662 wurde die Orgel als "organum pulcherrimum", also als besonders schönes Orgelwerk, bezeichnet.
Auch später begegnet Pörlinger in der Verwaltung der Pfarrkirche, bei Schuldbriefen, Garantien und Inventaren. 1696 stiftete er das Fresko der Mariä Heimsuchung an der Außenwand der Marienkapelle bei der Pfarrkirche. Theiner hält es für wahrscheinlich, dass der Schlanderser Maler Michael Madein den Auftrag ausführte. Damit wird deutlich, dass St. Ottilia zwar sein persönlichstes und sichtbarstes Kirchenwerk war, aber keineswegs seine einzige religiöse Stiftung.
Seine Frömmigkeit lässt sich dennoch nicht psychologisch aus den Geschäftspapieren herauslesen. Was sich sicher sagen lässt, sind Handlungen: Er verwaltete wiederholt Kirchenvermögen, unterstützte den Bau einer bedeutenden Orgel, errichtete auf eigenem Grund St. Ottilia, stattete die Kapelle mit Kapital aus, stiftete später das Fresko an der Marienkapelle und bedachte die Pfarrkirche auch in seiner letzten Verfügung.
Vor diesem Hintergrund erhält die Stiftung im Alten Feld ein anderes Gewicht. Als Pörlinger 1681 die Ottilienkirche auf eigenem Grund und auf eigene Kosten errichten ließ, war er kein plötzlich auftretender Wohltäter, sondern seit Jahrzehnten in der kirchlichen und kommunalen Verwaltung tätig. Zugleich besaß er gerade im Alten Feld umfangreiche Grundstücke. Die Kapelle stand daher mitten in einer Landschaft, die zu seinem wirtschaftlichen Lebensbereich gehörte und die er durch eine religiöse Stiftung dauerhaft prägte.
Rainer Loose hat für diese Stiftung treffend auf das Zusammenspiel von Frömmigkeit und Sozialprestige hingewiesen. Das muss nicht als Gegensatz verstanden werden. Frühneuzeitliche Stiftungen konnten persönliche Andacht, Sorge um das Seelenheil, Familiengedächtnis und öffentliche Repräsentation gleichzeitig erfüllen. Das Stifterbild von 1681 macht genau diese Verbindung sichtbar: Pörlinger zeigt sich mit seiner Familie und dem Kirchenmodell, übergibt das Werk an die hl. Ottilia und bindet damit Familie, Besitz und religiöse Hoffnung in ein einziges Bildprogramm ein.
Besonders nahe kommt man Caspar Pörlinger in den letzten Verfügungen des Dezember 1702. Am 15. Dezember, nur sechs Tage vor seinem Tod, war er schwer krank, nach dem Protokoll aber bei guter Vernunft und Aussprache. In dieser Situation ordnete er nicht nur große Vermögensfragen, sondern traf sehr konkrete Verfügungen für Menschen und Einrichtungen, die ihm verbunden waren.
Der Pfarrkirche Unserer Lieben Frau in Tschengls vermachte er 200 Gulden aus einem Schuldbrief. Seine Enkelin Anna Plazerin, die ihn im hohen Alter und während seiner Krankheit gepflegt und den Haushalt geführt hatte, erhielt lebenslang eine Frühwiese, eine Kuh, regelmäßige Lieferungen von Korn, Weizen, Gerste und Wein sowie unentgeltliche Unterkunft im Pörlingerhaus. Nach ihrem Tod sollten die Güter an die Blutsverwandten zurückfallen. Die Bestimmung verbindet Altersversorgung, Anerkennung persönlicher Pflege und die Sicherung des Familienbesitzes.
Auch geistliche Fürbitte spielte in seinen letzten Anordnungen eine Rolle. Einer Klosterfrau aus der Familie Vellensteiner in Säben wies er Zinseinnahmen und einen weiteren Geldbetrag zu, damit sie seiner im Gebet gedenke. Seine beiden Söhne Caspar und Johannes sollten den Kapuzinern in Schlanders das übliche Fleischalmosen, das der Vater bisher gegeben hatte, für ihre Lebenszeit weiterreichen. Solche Verfügungen lassen seine Frömmigkeit konkreter erkennen als jede Vermutung über persönliche Gefühle: Sie zeigen eine Welt, in der familiäre Fürsorge, Armen- und Klosterunterstützung, Messgedenken und Sorge um das eigene Seelenheil selbstverständlich zusammengehörten.
Caspar Pörlinger starb am 21. Dezember 1702. Sein Grabstein aus Laaser Marmor hat sich auf dem Friedhof von Tschengls erhalten. Die Inschrift bezeichnet ihn als "ernvest und firnemb Herr" und als gewesenen Gerichtsverpflichteten zu Tschengls. Das Denkmal trägt das Familienwappen und macht damit noch heute sichtbar, welchen Rang seine Familie im Dorf erreicht hatte.
Die 1703 durchgeführte Erbteilung ist eine der wichtigsten Quellen für seinen Besitz. Das unmittelbar zu verteilende Vermögen wurde mit 27.318 Gulden 20 Kreuzern berechnet. Da persönliche Legate und bestimmte Zuwendungen nicht vollständig in diese Endsumme eingingen, veranschlagt Theiner den tatsächlichen Gesamtwert mit rund 30.000 Gulden. Eine einfache Umrechnung in heutiges Geld wäre irreführend; schon innerhalb der damaligen Quellen wird aber deutlich, dass es sich um ein außergewöhnlich großes Vermögen handelte.
Allein die in der Verlassenschaft bewerteten liegenden Güter in Tschengls beliefen sich auf 8092 Gulden. Hinzu kamen Besitzungen in Laas und anderen Orten, Wein- und Wiesengüter, Häuser, Grund- und Herrengülten, Forderungen sowie auswärtiges Vermögen. Gleichzeitig standen dem Nachlass zahlreiche offene Rechnungen, Heiratsgüter, Ansprüche und Verpflichtungen gegenüber. Die Erbteilung ist deshalb weniger eine einfache Vermögensliste als ein Querschnitt durch Jahrzehnte wirtschaftlicher Beziehungen.
Die Akten zeigen zudem, wie stark der Familienbesitz bereits zu Lebzeiten in die nächste Generation überführt worden war. Die Söhne hatten Heiratsgut, Güter oder Pachtwerte erhalten; Töchter und Enkel waren durch frühere Heiratsausstattungen und Erbansprüche beteiligt. Noch bei der Teilung mussten ältere Abrechnungen neu geprüft und einzelne Ansprüche verglichen werden. Pörlingers wirtschaftliches Lebenswerk bestand also nicht nur im Erwerb von Besitz, sondern auch in dessen fortwährender Ordnung innerhalb einer großen Familie.
Hermann Theiner fasst Pörlinger nicht als einsamen reichen Mann, sondern als eine Persönlichkeit auf, deren wirtschaftliche Fähigkeiten, öffentliche Ämter und Stiftungen eng miteinander verbunden waren. Mehr als 211 ausgewertete Dokumente lassen einen arbeitsreichen Alltag erkennen: Verhandlungen vor Gericht, Wege zwischen Tschengls, Laas, Schlanders und anderen Orten, Rechnungen, Pachtverträge, Viehhandel, Erbschaften, Vormundschaften, Gemeindesachen und Kirchenverwaltung.
Vieles davon ist heute nur noch in den Akten vorhanden. Die drei Hausbücher sind verloren, Teile des Gemeindearchivs gingen bei den Dorfbränden zugrunde, und auch das Pörlingerhaus wurde durch die Brände von 1885 und 1924 stark verändert. Umso auffälliger sind die sichtbaren Zeugnisse, die geblieben sind: sein Grabstein, das Familienwappen, die Glocke von 1681, das Stifterbild, die von ihm gestiftete Mariä-Heimsuchung an der Marienkapelle und vor allem St. Ottilia im Alten Feld.
Gerade deshalb ist die Biographie Pörlingers für die Geschichte von St. Ottilia mehr als eine Ergänzung. An seiner Person lässt sich ein Stück Vinschgauer Lebenswelt des 17. Jahrhunderts ablesen: die Verbindung von Landwirtschaft und Handel, die Bedeutung von Kredit und Naturalzahlung, die komplizierten Besitz- und Grundrechte, die Verantwortung für Waisenvermögen, die Selbstverwaltung des Dorfes, die langwierige Bewältigung von Kriegsschäden und die enge Verflechtung von öffentlichem Ansehen und religiöser Stiftung. Die kleine Kirche im Alten Feld ist das dauerhafteste Monument eines Lebens, das in den Akten weit über den eigentlichen Kirchenbau hinaus sichtbar wird.
1681 ließ Caspar Pörlinger auf eigenem Grund und auf eigene Kosten die Kirche im Alten Feld errichten und ausstatten. Die Stiftung war nicht nur ein Gebäude, sondern erhielt auch eine wirtschaftliche Grundlage. Zwei Schuldbriefe vom 28. April 1682 belegen Kapitalien von 100 und 90 Gulden, die zugunsten der neuen St.-Ottilien-Filialkirche auf Grundstücken abgesichert wurden. Theiner fasst die Ausstattung mit einem Kapital von rund 200 Gulden zusammen.
Am 31. Juli 1682, während einer großen Visitation des Vinschgaus, weihte der Churer Bischof Ulrich VI. von Mont die neue Kapelle. Das Original des Weihebriefes ist verloren; im Kirchenarchiv Tschengls hat sich jedoch eine 1729 beglaubigte Abschrift erhalten. Darin wird ausdrücklich festgehalten, dass Pörlinger die Kapelle auf seinem Grund, auf eigene Kosten und zu Ehren der hl. Jungfrau Ottilia erbaut, ausreichend ausgestattet und der Pfarrkirche von Tschengls einverleibt hatte.
Der einzige Altar wurde ebenfalls konsekriert. Nach Rainer Loose wurden darin Reliquien des hl. Agapitus von Praeneste, des Märtyrers Desiderius sowie der Heiligen Prosper und Florian eingeschlossen. Damit erhielt die private Stiftung ihre volle kirchenrechtliche Einbindung in die Pfarre und Diözese.
Die nach Norden orientierte Kirche ist ein einfacher länglicher Bau mit polygonalem Abschluss. Eine niedrige Umfassungsmauer folgt dem Kirchenareal und schafft auf der abschüssigen Felskuppe eine kleine ebene Zone. Die Länge des Baues beträgt ungefähr das Doppelte seiner Breite. Der Fassadendachreiter nimmt die beiden Glocken auf.
Einzelne Formen, besonders das Spitzbogenportal, erinnern an spätgotische Sakralbauten und führten ältere Autoren zur Vermutung, Teile der Kapelle könnten mittelalterlich sein. Andergassen hält dem entgegen, dass der Gesamteindruck eindeutig für den barocken Neubau des Jahres 1681 spricht. Auch der vorgeschichtliche Befund unter der Ostmauer liefert keinen Hinweis auf einen mittelalterlichen Vorgängerbau. Die heutige Tür selbst stammt ohnehin aus der großen Restaurierung von 1908.
Der frühbarocke Altar gehört in die Zeit der Kirchengründung. Sein Aufbau wird von gedrehten Säulen mit Blatt-, Reben- und Rankenwerk bestimmt. Die jüngsten restauratorischen Untersuchungen zeigten, dass der Altar möglicherweise aus mehreren Teilen zusammengesetzt und für den kleinen Kirchenraum angepasst wurde. Trotz späterer Überfassungen und schwerer Verluste ist er das bestimmende Kunstwerk des Innenraumes.
Das zentrale Altarblatt zeigt die hl. Ottilia gemeinsam mit Anna selbdritt. Ottilia erscheint in schwarzer Ordenstracht mit Äbtissinnenstab und Regelbuch; das Augenpaar verweist auf ihr Patronat über Blinde und Augenkranke. Neben ihr steht die hl. Anna mit Maria und dem Jesuskind. Über der Szene öffnen sich die Wolken, Engel streuen Blumen. Das Auszugsbild zeigt den hl. Martin zu Pferd bei der Mantelteilung.
Der Maler des Altarbildes ist nicht sicher bekannt. Hermann Theiner hält eine Beteiligung des Laaser Wirtes und Malers Georg Clauser, eines Schwagers Pörlingers, für möglich. Archivalische Belege oder eine Signatur fehlen jedoch. Die Zuschreibung muss deshalb als Vermutung behandelt werden.
Zu den wichtigsten Ausstattungsstücken von St. Ottilia gehört das große Stifterbild von 1681. Es trägt die Inschrift "Caspar Perlinger Uhr-höber dises Loblichen Gots-Hauß 1681" und macht den Stiftungsakt selbst zum Bildthema. Pörlinger kniet in schwarzer Kleidung mit Halskrause und hält das Modell seiner neuen Kirche in den Händen. Die dargestellte Kapelle besitzt noch einen kleinen Zwiebelturm und überliefert damit zugleich einen älteren Bauzustand.
Über Pörlinger kniet die hl. Ottilia auf einer Wolke. Sie nimmt die gestiftete Kirche entgegen und vermittelt die Gabe weiter an Maria mit dem Kind. Ein Engel trägt den Äbtissinnenstab, darüber erscheinen Engel, der Heilige Geist und Gottvater. Die Stiftung wird so in eine himmlische Ordnung eingebunden: Der Stifter übergibt sein Werk an die Patronin, die es wiederum der Gottesmutter empfiehlt.
Neben Pörlinger erscheinen seine dritte Ehefrau Anna Martineuin sowie die Kinder Johannes, Caspar, Maria und Anna. Das Bild vereint damit Frömmigkeit, Familiengedächtnis und gesellschaftliche Repräsentation. Gerade bei einer privat errichteten Kirche ist diese Verbindung besonders anschaulich. Was Rainer Loose für die Stiftung als Zusammenwirken von Sozialprestige und Frömmigkeit beschreibt, wird hier unmittelbar sichtbar.
Von besonderem Wert ist die größere Glocke aus dem Gründungsjahr 1681. Sie wurde von Thomas Zwelfer in Bozen gegossen, wiegt etwa 65 Kilogramm und trägt neben einer Darstellung der Anna selbdritt das Wappen des Stifters und den Namen Caspar Perlinger. Sie ist heute die älteste erhaltene Glocke von Tschengls.
Die Glocke wurde von Thomas Zwelfer (1650-1704) gegossen, einem aus Innsbruck stammenden Glockengießer, der 1679 als Meister in Bozen aufgenommen wurde und dort die ältere Gießereitradition der Familie Schellener fortführte. Die 1681 für St. Ottilia gegossene Glocke gehört somit zu seinen frühen Bozner Arbeiten. Zwelfer entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zu einem bedeutenden Glockengießer Südtirols; erhaltene Werke befinden sich unter anderem in Mölten, Terlan, Kaltern und Bozen. Seine Marktglocke am Bozner Merkantilgebäude von 1690 trägt dieselbe charakteristische Gießersignatur "Thomas Zwelfer in Bozen hat mich gegossen".
Eine zweite, jüngere Glocke ergänzt das kleine Geläute. Sie ist 1922 von Luigi Colbacchini in Trient gegossen worden.
Die Rundbogenfenster erhielten 1908 Glasmalereien der Tiroler Glasmalerei in Innsbruck. Das Westfenster ist für den Ottilienkult besonders aussagekräftig: Ein Engel hält ein aufgeschlagenes Buch mit einem Augenpaar, darunter steht "St. Othilia". Das gegenüberliegende Fenster zeigt Kreuz, Kelch und IHS-Monogramm.
Bei der jüngsten Innenrestaurierung wurden mehrere übereinanderliegende Malschichten festgestellt. Wiederhergestellt wurde im Wesentlichen die Dekorationsfassung von 1908 mit Quadrierung, Dekorband und Apostelkreuzen. Ein älteres Apostelkreuz aus einer darunterliegenden Fassung blieb sichtbar. Im Gewölbe erscheinen das Lamm Gottes im Strahlenkranz, der Heilige Geist und dekorative Malereien in den Stichkappen.
Zur heutigen Ausstattung der Ottilienkirche gehört auch ein Mariahilfbild im Format von etwa 53 x 65 Zentimetern. Herbert Raffeiner berichtet, dass das Bild über Jahrzehnte in den Dachräumen des Tschenglser Widums aufbewahrt und dort wiederholt von einem Platz an einen anderen gestellt wurde. Dadurch und durch ältere Reinigungsversuche hatte es stark gelitten. Die Restauratorin Lucia Giacomozzi stellte Risse, Abplatzungen und weitere Schäden fest; besonders hervorgehoben wird der schöne Intarsienrahmen. Im Zuge der Generalsanierung wurde das Bild fachgerecht restauriert und anschließend wieder in St. Ottilia aufgehängt.
Das Gemälde zeigt den verbreiteten Mariahilf-Bildtypus mit der innigen Darstellung Mariens und des Jesuskindes. Über Entstehungszeit, Künstler, ursprünglichen Standort oder eine besondere kultische Funktion des Bildes geben die hier ausgewerteten Quellen keine näheren Auskünfte. Es darf daher nicht ohne weiteren Beleg als eigenes Gnadenbild der Ottilienwallfahrt angesprochen werden. Gerade seine Wiederaufnahme in den Kirchenraum nach jahrzehntelanger Lagerung macht es jedoch zu einem bemerkenswerten Bestandteil der erhaltenen Andachtsausstattung.
Ein gesondertes Gnadenbild im engeren Sinn lässt sich für St. Ottilia nicht nachweisen. Mittelpunkt der Verehrung war vielmehr die Heilige selbst, wie sie im Altarbild und in den Bildzeichen der Kapelle gegenwärtig war. Dass Menschen wegen konkreter Nöte hierher kamen, wird besonders durch die Votivtafeln sichtbar.
Vier erhaltene Votivtafeln stammen aus den Jahren 1796, 1807 und 1843. Sie wurden aus Sicherheitsgründen zeitweise aus der Kirche entfernt und nach der jüngsten Restaurierung wieder gezeigt. Die Tafeln dokumentieren persönliche Bitten und Dank für erfahrene Hilfe. Besonders deutlich ist ein Votivbild von 1807, auf dem ein vornehm gekleideter Mann die hl. Ottilia als Fürsprecherin zur Gottesmutter um gutes Augenlicht anruft. Damit ist der Zusammenhang zwischen dem Patrozinium und der Hilfe bei Augenkrankheiten unmittelbar belegt.
Auch ältere Hinweise passen in dieses Bild. In Inventaren der Tschenglser Pfarrkirche erscheinen zwei silberne Augen als Votivgaben. Da sie im Inventar der Pfarrkirche und nicht ausdrücklich als Ausstattung der Ottilienkirche geführt werden, darf ihre direkte Herkunft von St. Ottilia nicht vorausgesetzt werden. Sie zeigen aber, dass das Augenmotiv in der Tschenglser religiösen Praxis bereits im späten 17. Jahrhundert vorhanden war.
Hermann Theiner weist außerdem auf eine im Kirchenarchiv Tschengls erhaltene, beglaubigte Gebetserhörung aus der Zeit der bayerischen Verwaltung hin. Sie wurde vom Vater eines geheilten Kindes, dem königlich-bayerischen Landrichter Joseph Rungger zu Naudersberg, berichtet und bestätigt. Der ausführliche Wortlaut dieser Quelle ist in den hier vorliegenden Scans nicht wiedergegeben; deshalb lässt sich das Ereignis derzeit nicht näher erzählen. Als archivalischer Nachweis einer konkreten Gebetserhörung ist der Hinweis dennoch für die Geschichte der Ottilienverehrung bedeutsam.
Schwieriger ist die Frage nach dem formalen Status der Wallfahrt. Das zur Restaurierung 2025 herausgegebene Faltblatt berichtet, nach dem Kirchenbau habe eine Wallfahrt eingesetzt, besonders von Menschen mit Augenleiden, die schließlich vom Churer Bischof eingestellt worden sei. Für dieses Verbot liegt in den hier ausgewerteten Unterlagen jedoch kein Wortlaut eines bischöflichen Dekrets vor. Raffeiner selbst formuliert im ausführlichen Schlern-Beitrag vorsichtiger und spricht von einer großen Verehrung, ohne eine voll entwickelte Wallfahrt sicher anzunehmen. Für die historische Einordnung ist deshalb zwischen belegtem Wallfahrerbesuch und Votivwesen einerseits und einer kirchlich organisierten Wallfahrt andererseits zu unterscheiden.
Unzweifelhaft bleibt: St. Ottilia war ein regionaler Zielort religiöser Hilfe- und Dankpraxis. Die Votivtafeln und die Überlieferung der Gebetserhörung geben dieser Frömmigkeit einen konkreten Inhalt, und die Augenpatronin bestimmte die besondere Funktion des Ortes.
Zur barocken Sakrallandschaft gehörte zeitweise auch eine Einsiedelei. Nördlich beziehungsweise unterhalb der Kirche stand eine Klause, von der noch bis in die 1980er-Jahre Spuren erkennbar gewesen sein sollen. Mehrere Eremiten sind in den Matriken der Pfarre Tschengls verzeichnet. Leo Andergassen nennt für 1752 ausdrücklich den Augustinereremiten Johann Hinhofer.
Hermann Theiner ordnet die Tschenglser Einsiedelei in eine größere Entwicklung des Vinschgaus ein. Nach der Errichtung des Eremitenklosters St. Josefsberg über Forst entstanden in mehreren Orten des Tales ähnliche Klausen; die Eremiten standen in einer geregelten kirchlichen Ordnung. St. Ottilia war damit zeitweise nicht nur Ziel von Betern und Bittgängern, sondern auch dauernder Lebens- und Gebetsort eines Einsiedlers.
Die Verbindung der Kapelle mit dem Dorf ist besonders durch die Bittgänge fassbar. Andergassen nennt für die ältere kirchliche Ordnung den Dienstag der Bittwoche vor Christi Himmelfahrt als Tag des Ganges nach St. Ottilia; am Montag ging man nach St. Veit am Tartscher Bühel, am Mittwoch nach St. Remigius in Eyrs. Solche Prozessionsordnungen verbanden die bäuerliche Flur mit den umliegenden Sakralorten und stellten Aussaat, Wetter, Ernte und menschliche Arbeit unter religiösen Schutz.
Heute werden nach Herbert Raffeiner vier jährliche Bittgänge zur Ottilienkirche gehalten: am 1. Mai, am 11. November zu Martini, am 13. Dezember am Fest der hl. Ottilia und am 31. Dezember zu Silvester. Bis in die 1980er-Jahre führte außerdem die Fronleichnamsprozession von der Pfarrkirche Mariä Geburt hinaus durch die Fluren bis nach St. Ottilia. Auch private religiöse Feiern finden gelegentlich in der Kirche statt.
Damit hat sich die religiöse Funktion des Ortes zwar verändert, ist aber nicht erloschen. Die einstige individuelle Hilfesuche bei der Augenpatronin, die Votivbilder und die ältere Einsiedelei stehen heute neben einer lebendigen lokalen Bittgangstradition.
Die heute sichtbare Gestalt von St. Ottilia ist wesentlich durch die große Erneuerung des Jahres 1908 geprägt. Unter Pfarrer Alois Schlechtleitner wurde das Dach weniger steil ausgeführt, der Dachreiter verändert, der Barockaltar neu gefasst und der Innenraum mit einer Dekorationsmalerei versehen. Die heutige Spitzbogentür und das Gestühl entstanden ebenfalls damals. Zeichnerische Vorlagen dieser Arbeiten haben sich im Pfarrarchiv erhalten und waren für die jüngste Restaurierung von besonderem Wert.
Weitere Eingriffe folgten im 20. Jahrhundert. 1970 wurde die Kirche ockerfarben getüncht, 1986 das Schindeldach erneuert. Bei einer Besichtigung 1987 machten die Landeskonservatoren Helmut Stampfer und Karl Gruber auf starke Feuchtigkeitsschäden aufmerksam und empfahlen zugleich, die Votivtafeln aus Sicherheitsgründen zu bergen. In den folgenden Jahren wurden unter anderem Drainage, Boden und Fenster erneuert beziehungsweise restauriert.
Die abgelegene Lage machte die Kirche wiederholt zum Ziel von Kunstdieben. In den 1960er-Jahren verschwanden die Kreuzwegstationen, in den 1970er-Jahren wurden zwei Barockengel vom Altar gestohlen. Besonders schwer war der Einbruch in der Nacht vom 10. auf den 11. Oktober 2002. Die Täter brachen die Tür gewaltsam auf, rissen zwei äußere Altarsäulen aus dem Aufbau und entwendeten außerdem die Barockkartusche mit der Bitte "Hl. Ottilia bitt für uns" sowie zwei Engelsköpfe.
Nach diesen Verlusten wurde die Kirche technisch besser gesichert. Die beiden gestohlenen Altarsäulen konnten nicht zurückgewonnen werden. Im Zuge der jüngsten Restaurierung wurden sie nach dem historischen Vorbild neu geschaffen, geschnitzt, gefasst, vergoldet und versilbert. Dadurch gewann der frühbarocke Altar seine zuvor empfindlich gestörte architektonische Geschlossenheit zurück.
Nachdem Feuchtigkeit, Witterung und die Folgen früherer Eingriffe immer deutlicher geworden waren, begann 2022 die Vorbereitung einer umfassenden Restaurierung. Die eigentlichen Bau- und Restaurierungsarbeiten wurden vor allem 2023 und 2024 durchgeführt. Finanziert wurde das Vorhaben aus Mitteln des staatlichen PNRR-Programms sowie durch Beiträge des Landesdenkmalamtes, der Gemeinde Laas, kirchlicher Stellen, einer Stiftung, eines Legates, der Pfarre und privater Spender.
Die Maßnahmen umfassten die Trockenlegung und Abdichtung der Fundamente, die Erneuerung schadhaften Außen- und Innenputzes, die Sanierung der Natursteinmauer, die Neueindeckung von Kirchendach, Dachreiter und Vordächern sowie die Restaurierung der Fassaden, Fenster und der Eingangstür. Im Innenraum wurden die historischen Malschichten untersucht, die Fassung von 1908 wiederhergestellt und ältere Befunde behutsam sichtbar belassen.
Besondere Aufmerksamkeit galt dem Altar. Der gesamte Aufbau wurde konserviert und gereinigt; die 2002 gestohlenen Säulen wurden nachgeschnitzt und wieder eingesetzt. Das Altarbild, das Auszugsbild, das Stifterbild und ein Mariahilfbild wurden von Lucia Giacomozzi restauriert. Die Votivtafeln kehrten in die Kirche zurück. Damit wurde nicht nur ein Baudenkmal gesichert, sondern der Zusammenhang von Architektur, Ausstattung, Stiftungsgeschichte und Volksfrömmigkeit wieder lesbar gemacht.
Am 1. Mai 2025 wurde die erneuerte Ottilienkirche feierlich gesegnet. Die Wahl des Tages knüpfte unmittelbar an den bis heute gehaltenen Bittgang an und machte deutlich, dass die Restaurierung nicht allein der Erhaltung eines Kunstdenkmals diente. St. Ottilia blieb ein religiös genutzter Ort.
St. Ottilia im Alten Feld ist volkskundlich besonders aufschlussreich, weil sich auf engem Raum mehrere Formen religiöser Praxis überlagern. Der Bau selbst entstand als private Stiftung eines wirtschaftlich erfolgreichen und öffentlich tätigen Dorfbewohners. Das Stifterbild übersetzt diese Verbindung von persönlicher Frömmigkeit, Familiengedächtnis und sozialem Rang unmittelbar ins Bild. Die Kirche war zugleich durch Kapitalien dauerhaft abgesichert und der Pfarrkirche eingegliedert.
In den folgenden Jahrhunderten trat eine andere Ebene hinzu: Menschen kamen mit individuellen Nöten, vor allem mit Augenleiden, zur hl. Ottilia. Votivtafeln hielten Bitte und Dank fest. Eine beglaubigte Gebetserhörung bewahrt die Erinnerung an eine konkrete Heilung. Die Eremitenklause zeigt eine asketische Form religiösen Lebens, während die Bittgänge die Kapelle in den Jahreslauf der Dorfgemeinschaft und in die bäuerliche Kulturlandschaft einordneten.
Bemerkenswert ist schließlich die fortdauernde Bindung des Dorfes an die abgelegene Kirche. Wiederholte Restaurierungen, die Sicherung der Votivtafeln nach den Kunstdiebstählen und die große Generalsanierung 2023/24 wären ohne lokale Initiative kaum möglich gewesen. So steht St. Ottilia heute nicht nur für einen historischen Heiligenkult, sondern auch für die Weitergabe eines kleinen Sakralortes, dessen Bedeutung in der Verbindung von Landschaft, Erinnerung, Kunst und gelebter religiöser Praxis liegt.
- Herbert Raffeiner: St. Ottilia im Alten Feld von Tschengls. Restaurierungsgeschichte(n). In: Der Schlern, Heft 7/8, 2026, S. 160-173.
- Hermann Theiner: Caspar Pörlinger zu Tschengls (1619-1702). Der Stifter der Kirche zur hl. Ottilia war ein hochverehrter Mitbürger. In: Der Schlern, Heft 7/8, 2026, S. 62-159.
- Herbert Raffeiner / Jakob Raffeiner / Erwin Tarneller: St. Ottilia im Alten Feld von Tschengls. Faltblatt zur Segnung der restaurierten Ottilienkirche am 1. Mai 2025, Meran 2025.
- Leo Andergassen: Die Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Geburt Tschengls. Pfarre Tschengls, Lana 2010, besonders S. 39-42.
- Rainer Loose: "Wallfahrt, Täufer, Christenlehre. Kirchliches Leben und Reform in der Pfarrgemeinde Tschengls im Vintschgau (ca. 1499 bis 1700)." In: Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens und seiner Zweige, Bd. 122, St. Ottilien 2011, S. 97-136, besonders S. 129-130.
- Kirchenarchiv Tschengls und Südtiroler Landesarchiv: archivalische Belege zu Caspar Pörlinger, zur Stiftung und Weihe von St. Ottilia, zu Schuldbriefen, Inventaren und späteren Restaurierungen; ausgewertet und teilweise transkribiert bei Hermann Theiner und Herbert Raffeiner.
| Zurück zur Übersicht: Wallfahrtsorte im Burggrafenamt und im Vinschgau | |
| Zurück zur Übersicht: Wallfahrt in Südtirol | |
| Zurück zur Gesamtübersicht Wallfahrt |
Ergänzungen: Wolfgang Morscher
© www.SAGEN.at