Tschengls, Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Geburt

Schnellüberblick
Wallfahrt:Historisch eindeutig belegte Marienwallfahrt zur Pfarrkirche "Unsere Liebe Frau" in Tschengls. Spätestens 1595 ist eine besondere Andacht bezeugt; 1638 wird das Marienbild ausdrücklich als wundertätig bezeichnet und als Ziel von Wallfahrern aus umliegenden Dörfern und Tälern genannt.
Status:Die Wallfahrt besteht in kleinerem Umfang fort. Nach Auskunft von Dr. Herbert Raffeiner kommen gelegentlich organisierte Wallfahrergruppen mit Bussen sowie Einzelpilger nach Tschengls.
Kultzentrum: Marienbild der Madonna mit Kind nach dem Typus eines um 1380 entstandenen gotischen Gnadenbildes.
Hauptfest: Das Fest Mariä Geburt, mit feierlichem Gottesdienst und großer Prozession und anschließendem Rohnenkirchtag am 8. September. Drei Heiligenfiguren werden an diesem Festtag durch das Dorf getragen; das Gnadenbild selbst wird nur zu besonderen kirchlichen Anlässen, in größeren zeitlichen Abständen, mitgeführt.
Besonderheit:1693 ordnete der Churer Bischof den Bau einer eigenen Kapelle für das wundertätige Gnadenbild an. Die 1696 vollendete Marienkapelle ist damit unmittelbar aus der Wallfahrt entstanden.
Ort:Tschengls, Gemeinde Laas, Vinschgau.
Region:Burggrafenamt und Vinschgau, Südtirol.
Lage und Besuch
Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Geburt, Tuchbleiche, 39023 Tschengls, Südtirol.
Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Südtirol
Ansicht in Street View
Pfarre / Seelsorgeeinheit: Seelsorgeeinheit Laas.
Öffnungszeiten: ganzjährig täglich von 08:00 Uhr bis 19:00 Uhr für Besucher geöffnet.
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Bilddokumentation
Ausführliche Beschreibung

Bilddokumentation

Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Geburt in Tschengls, Westansicht. Der spätgotische Neubau trägt am Portal die Jahreszahl 1499; die Weihe erfolgte am 5. Mai 1510.

Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Geburt in Tschengls, Westansicht. Der spätgotische Neubau trägt am Portal die Jahreszahl 1499; die Weihe erfolgte am 5. Mai 1510.

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Tschengls mit Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Geburt aus der Luft. Das Ensemble aus Pfarrkirche, Friedhof und angebauter Marienkapelle zeigt die zentrale Stellung der Kirche im alten Dorf.

Tschengls mit Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Geburt aus der Luft. Das Ensemble aus Pfarrkirche, Friedhof und angebauter Marienkapelle zeigt die zentrale Stellung der Kirche im alten Dorf.

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Westportal der Pfarrkirche. Die Jahreszahl 1499 bezeichnet die spätgotische Bauphase; oberhalb des Eingangs befand sich ursprünglich eine plastische Passionsgruppe, die 1971 gestohlen wurde.

Westportal der Pfarrkirche. Die Jahreszahl 1499 bezeichnet die spätgotische Bauphase; oberhalb des Eingangs befand sich ursprünglich eine plastische Passionsgruppe, die 1971 gestohlen wurde.

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Das heute verehrte Gnadenbild der Madonna mit Kind. Es ist die 1924 in Gröden bestellte und 1925 nach Tschengls gelieferte Kopie des schwer beschädigten gotischen Gnadenbildes aus der Zeit um 1380. Die Reste des Originals wurden nach archivalischem Nachweis anschließend verbrannt.

Das heute verehrte Gnadenbild der Madonna mit Kind. Es ist die 1924 in Gröden bestellte und 1925 nach Tschengls gelieferte Kopie des schwer beschädigten gotischen Gnadenbildes aus der Zeit um 1380. Die Reste des Originals wurden nach archivalischem Nachweis anschließend verbrannt.

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Hochaltar der Pfarrkirche. Der neugotische Nischenaufbau der Werkstatt Fleischmann entstand nach dem Brand von 1885; die Figuren stammen von Franz Tavella. Im Zentrum steht das Tschenglser Gnadenbild.

Hochaltar der Pfarrkirche. Der neugotische Nischenaufbau der Werkstatt Fleischmann entstand nach dem Brand von 1885; die Figuren stammen von Franz Tavella. Im Zentrum steht das Tschenglser Gnadenbild.

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Arme-Seelen-Relief aus dem frühen 18. Jahrhundert. Das Relief befand sich ursprünglich in der Friedhofskapelle und wird heute in der Marienkapelle aufbewahrt.

Arme-Seelen-Relief aus dem frühen 18. Jahrhundert. Das Relief befand sich ursprünglich in der Friedhofskapelle und wird heute in der Marienkapelle aufbewahrt.

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Hl. Katharina von Alexandrien, Holzplastik von Gregor Schwenzengast um 1700. Sie gehört zu den wenigen erhaltenen Teilen der älteren barocken Ausstattung und gilt als eine seiner qualitätvollen Arbeiten.

Hl. Katharina von Alexandrien, Holzplastik von Gregor Schwenzengast um 1700. Sie gehört zu den wenigen erhaltenen Teilen der älteren barocken Ausstattung und gilt als eine seiner qualitätvollen Arbeiten.

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Außenansicht der 1696 errichteten Marien- und Gnadenkapelle an der Nordseite der Pfarrkirche. Ihr Bau geht unmittelbar auf die bischöfliche Anordnung von 1693 zurück, dem wundertätigen Marienbild einen eigenen Verehrungsort zu schaffen.

Außenansicht der 1696 errichteten Marien- und Gnadenkapelle an der Nordseite der Pfarrkirche. Ihr Bau geht unmittelbar auf die bischöfliche Anordnung von 1693 zurück, dem wundertätigen Marienbild einen eigenen Verehrungsort zu schaffen.

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Marien-Bildstock am Kirchenplatz. Solche Bildstöcke gehören zur religiösen Nahumgebung des Wallfahrtsortes und tragen die Marienverehrung aus dem Kirchenraum in den öffentlichen Raum.

Marien-Bildstock am Kirchenplatz. Solche Bildstöcke gehören zur religiösen Nahumgebung des Wallfahrtsortes und tragen die Marienverehrung aus dem Kirchenraum in den öffentlichen Raum.

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Marien-Bildstock am Weg zur Kirche mit der Inschrift: "O Maria Mutter rein! / Lass uns deine Kinder sein".

Marien-Bildstock am Weg zur Kirche mit der Inschrift: "O Maria Mutter rein! / Lass uns deine Kinder sein".

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Historische Rötelinschrift an der Marienkapelle. Die erhaltenen Einritzungen und Rötelspuren sind als historische Benutzerspuren des Sakralraumes bemerkenswert; ihre genaue zeitliche und inhaltliche Einordnung bedarf einer gesonderten Aufnahme.

Historische Rötelinschrift an der Marienkapelle. Die erhaltenen Einritzungen und Rötelspuren sind als historische Benutzerspuren des Sakralraumes bemerkenswert; ihre genaue zeitliche und inhaltliche Einordnung bedarf einer gesonderten Aufnahme.

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Historische Rötelinschrift an der Marienkapelle. Die erhaltenen Einritzungen und Rötelspuren sind als historische Benutzerspuren des Sakralraumes bemerkenswert; ihre genaue zeitliche und inhaltliche Einordnung bedarf einer gesonderten Aufnahme.

Historische Rötelinschrift an der Marienkapelle. Die erhaltenen Einritzungen und Rötelspuren sind als historische Benutzerspuren des Sakralraumes bemerkenswert; ihre genaue zeitliche und inhaltliche Einordnung bedarf einer gesonderten Aufnahme.

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Westfenster der Pfarrkirche, links: S: W: P: C: P: Sebastian Wolff, Pfarrer; Caspar Pörlinger.

Historische Rötelinschrift an der Marienkapelle. Die erhaltenen Einritzungen und Rötelspuren sind als historische Benutzerspuren des Sakralraumes bemerkenswert; ihre genaue zeitliche und inhaltliche Einordnung bedarf einer gesonderten Aufnahme.

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Sonnenuhr an der Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Geburt.

Sonnenuhr an der Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Geburt.

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Brunnen auf dem Kirchenplatz, aus einem Block Laaser Marmor gearbeitet.

Brunnen auf dem Kirchenplatz, aus einem Block Laaser Marmor gearbeitet.

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Blick auf Tschengls im Jahr 1915 mit der Pfarrkirche als beherrschendem Bau des Dorfes.

Blick auf Tschengls im Jahr 1915 mit der Pfarrkirche als beherrschendem Bau des Dorfes.

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Ausführliche Beschreibung

Tschengls besitzt einen der quellenmäßig besonders gut fassbaren kleineren Marienwallfahrtsorte des Vinschgaus. Die Wallfahrt ist nicht aus einer spät erfundenen Zuschreibung an eine gewöhnliche Pfarrkirche abzuleiten, sondern wird durch Visitationsprotokolle des Bistums Chur, durch Stiftungen, durch die bauliche Reaktion auf starken Wallfahrerandrang und schließlich durch die Errichtung einer eigenen Gnadenkapelle eindeutig belegt. Zugleich zeigt Tschengls exemplarisch, wie sich ein mittelalterliches Marienbild, frühneuzeitliche Wallfahrtsfrömmigkeit, gegenreformatorische Erzählung, barocke Bruderschaftskultur und neuzeitliche Kultkontinuität miteinander verbinden.

Eine besondere Bedeutung kommt der Geschichte des Gnadenbildes zu. Das verehrte Original war eine gotische Madonna mit Kind aus der Zeit um 1380. Es überstand den großen Dorf- und Kirchenbrand von 1885, wurde jedoch beim neuerlichen Brand von 1924 schwer beschädigt. Aufgrund eines von Dr. Herbert Raffeiner im Pfarrarchiv aufgefundenen Rechnungsbeleges und einer zugehörigen Notiz lässt sich sein Ende heute genauer bestimmen: Der damalige Pfarrer gab noch 1924 bei Grödner Bildschnitzern eine Kopie in Auftrag, erhielt diese 1925 und ließ anschließend die schwer beschädigten Reste des alten Gnadenbildes verbrennen. Damit ist die heute verehrte Figur nicht das mittelalterliche Original, sondern dessen unmittelbar nach dem Brand geschaffene Nachfolgerin.

Eine alte Pfarre des Churer Kirchensprengels

Der Ortsname Tschengls erscheint 1149 erstmals als "Sengilis". Kirchlich gehörte Tschengls wie die Mutterpfarre Schluderns zum Bistum Chur. Zunächst blieb der Ort im Pfarrverband von Schluderns und wurde vom benachbarten Prad aus seelsorglich betreut. Wann die selbständige Pfarre entstand, lässt sich nicht exakt bestimmen. 1317 ist jedoch mit Berthold von Tschengls erstmals ein Pfarrer genannt; 1333 erscheint er als Erzpriester. Dieser Titel macht deutlich, dass die Tschenglser Seelsorgestelle bereits im Mittelalter einen besonderen Rang besaß.

1317 bemühte sich Pfarrer Berthold in Rom um Ablässe für die Marienkirche in Tschengls und die Johanneskirche in Prad. Damit ist der Marientitel des Tschenglser Gotteshauses schon im frühen 14. Jahrhundert gesichert. Der damalige Bau wurde 1357 durch Bischof Peter von Chur zu Ehren der Aufnahme Mariens in den Himmel geweiht. Beim Einbau einer Kirchenheizung im Jahr 1997 kamen Reste dieser älteren Bauphasen zutage: eine romanische Apsis, der Unterbau eines freistehenden Altares, Estrich sowie Reste gotischer Wandmalerei aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Unter dieser spätromanischen Anlage liegt nach dem archäologischen Befund noch eine ältere, nicht ausgegrabene Vorgängerkirche.

Die Grabungsergebnisse sind für die Wallfahrtsgeschichte insofern wichtig, als sie zeigen, dass die Marienverehrung in Tschengls auf einen sehr alten kirchlichen Mittelpunkt trifft. Sie beweisen jedoch für sich allein noch keine Wallfahrt. Der Wallfahrtsstatus wird erst durch die schriftlichen Zeugnisse des ausgehenden 16. und des 17. Jahrhunderts eindeutig fassbar.

Michaelskapelle und Benefiziatenhaus am Friedhof

Zum historischen Kirchenensemble gehört auch die kleine Michaelskapelle am Friedhof. Der nach Norden ausgerichtete, rechteckige Bau reicht nach Leo Andergassen ins 15. Jahrhundert zurück und ist heute baulich eng mit dem östlich anschließenden Benefiziatenhaus verbunden. Sein gotischer Charakter ist noch am südlichen Spitzbogenfenster ablesbar. Wie zahlreiche mittelalterliche Friedhofskapellen stand auch die Tschenglser Kapelle unter dem Patrozinium des Erzengels Michael. Zur älteren Ausstattung gehörten ein 1697 geschaffener Schmerzensmann des Schludernser Bildhauers Christian Greiner und ein barockes Arme-Seelen-Relief, das sich heute in der Marien- und Gnadenkapelle befindet.

Das angrenzende Benefiziatenhaus entstand im 19. Jahrhundert im Zusammenhang mit dem Versuch, an die ältere Tschenglser Frühmesstradition anzuknüpfen. Bereits 1440 hatten die Lichtensteiner ein Frühmessbenefizium gestiftet, durch das neben dem Pfarrer ein zweiter Geistlicher für zusätzliche Gottesdienste unterhalten werden konnte. Der Frühmesser versah die sonntägliche Frühmesse und betreute auch Gottesdienste in der Johanneskirche von Prad. Die alte Stelle bestand bis 1812. Im 19. Jahrhundert stellten Johann und Anna Spechtenhauser erneut Stiftungskapital bereit; die Gemeinde errichtete daraufhin unmittelbar an der Friedhofskapelle das Benefiziatenhaus. Die Mittel reichten allerdings nur für eine beschränkte Zahl gestifteter Jahresmessen und Ämter.

Der spätgotische Neubau von 1499 bis 1510

Der heutige Kirchenbau entstand um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert. Die Jahreszahl 1499 am Scheitel des Westportals bezeichnet die spätgotische Bauphase. Gerade dieses Jahr war für den oberen Vinschgau von den Kämpfen des Schwabenkrieges beziehungsweise der Calvenschlacht geprägt. Nach der Niederlage der habsburgischen Truppen bei der Calven kam es in der Region zu Verwüstungen und Bränden; die Bauarbeiten in Tschengls dürften dadurch unterbrochen worden sein.

Steinmetzzeichen verbinden den Tschenglser Bau mit der Latscher Werkhütte und dem Umfeld des Steinmetzen Oswald Further. Am 5. Mai 1510 weihte der Churer Weihbischof Stephan Tschuggli die neue Kirche. Zugleich wurden vier Altäre konsekriert. Der Hauptaltar war der Jungfrau Maria, der Heiligen Dreifaltigkeit und einer größeren Gruppe von Heiligen gewidmet. Der spätgotische Bau mit Netzrippengewölben in Langhaus und Chor bildet bis heute den architektonischen Kern der Kirche.

An der Westfassade befand sich ursprünglich eine plastische Passionsgruppe. Das Vesperbild sowie die begleitenden Figuren des Nikodemus und Josef von Arimathäa wurden 1971 gestohlen und sind seither verschollen. Andergassen hält es für möglich, dass eine solche Passionsdarstellung bereits vor der späteren Gnadenbildwallfahrt besondere Verehrung genossen haben könnte; ein sicherer Zusammenhang mit der Marienwallfahrt ist jedoch nicht nachweisbar.

1595: der erste eindeutige Hinweis auf besondere Marienverehrung

Einen wichtigen Einschnitt bildet die Visitation von 1595. Die Visitatoren hielten fest, dass an diesem Ort eine besonders große Andacht und Frömmigkeit herrsche. Im lateinischen Protokoll steht die knappe Formulierung "Est una ad eundem locum frequens devotio". Rainer Loose wertet diese Notiz überzeugend als Hinweis auf die Verehrung der Gottesmutter in der Pfarrkirche.

Noch deutlicher ist die Erwähnung des Opferstockes. Die Gelder, welche Wallfahrer und Kirchenbesucher hinterließen, waren nach dem Protokoll nicht ordnungsgemäß nachweisbar. Diese Verwaltungsbeanstandung ist für die Geschichte der Wallfahrt ein besonders wertvoller indirekter Beleg: Die Visitatoren unterscheiden ausdrücklich zwischen den Einnahmen aus dem Gottesdienstbetrieb und dem Geld, das Wallfahrer und Kirchenbesucher zurückließen. Damit ist spätestens 1595 ein über die gewöhnliche Pfarrnutzung hinausgehender Besuch der Kirche fassbar.

1638: das "wundertätige Bild" im Mittelpunkt des Chores

Die Visitation von 1638 lässt die Wallfahrt in ungewöhnlicher Anschaulichkeit erkennen. Im Chorraum stand, durch ein eisernes Gitter gesichert, ein Marienbild, das im Protokoll ausdrücklich als "miraculosa imago", also als wundertätiges Bild der seligen Jungfrau Maria, bezeichnet wird. Dieses Bild war nach Loose das Ziel einer regen Wallfahrt aus den umliegenden Dörfern und Tälern.

Für das festliche Schmücken des Bildes waren wertvolle Stoffe, eine goldene Krone, eine goldene Rute, zwölf silberne Ringe und mehrere Rosenkränze vorhanden. Diese Gegenstände dokumentieren die besondere kultische Behandlung des Bildes. Sie dürfen nicht ohne weiteren Nachweis sämtlich als Votivgaben angesprochen werden; sie zeigen jedoch, dass das Marienbild nicht lediglich als gewöhnliche Altarfigur wahrgenommen wurde, sondern über einen eigenen Schmuckbestand verfügte.

Auch die Gottesdienstordnung berücksichtigt die Wallfahrt. Bischof Johann VI. Flugi legte 1639 fest, an welchen Wochentagen der Pfarrer Messe zu lesen hatte und bestimmte ausdrücklich, dass dabei auch Messen für Wallfahrer angerechnet werden konnten. Die Wallfahrt war damit nicht nur sichtbar im Kirchenraum, sondern Teil der seelsorglichen Organisation.

Wallfahrer aus Schlanders und aus den umliegenden Tälern

Eine weitere konkrete Nachricht betrifft Schlanders. Nach Loose zog man von dort seit 1631 am Pfingstmontag mit dem Kreuz nach Tschengls, anfangs offenbar noch im Wechsel mit Latsch. Diese Nachricht ist deshalb wichtig, weil sie eine organisierte auswärtige Wallfahrt mit Herkunftsort und Termin nennt. Tschengls war also nicht nur ein Ort persönlicher Andacht, sondern in regionale Prozessions- und Wallfahrtsnetze eingebunden.

Die Quellen sprechen zugleich von Wallfahrern aus umliegenden Dörfern und Tälern. Eine große überregionale Fernwallfahrt lässt sich daraus nicht ableiten. Das historische Profil von Tschengls entspricht vielmehr einer kräftigen regionalen Marienwallfahrt, deren Einzugsbereich sich über die eigene Pfarre hinaus erstreckte.

Das gotische Gnadenbild um 1380

Das historische Gnadenbild war eine Holzplastik der Maria mit dem Jesuskind und wird kunsthistorisch in die Zeit um 1380 datiert. Maria trug das bekleidete, sitzende Kind auf dem rechten Arm; in der linken Hand hielt sie ein Zepter mit lilienförmigem Abschluss. Der Bildtyp erinnert an hochgotische thronende beziehungsweise stehende Madonnenbilder des 14. Jahrhunderts und wurde von Andergassen mit dem Gnadenbild von Ettal in Beziehung gesetzt.

Das Bild wurde in früherer Zeit mit Stoffkleidern bekleidet. Wie diese barocke Präsentation ungefähr aussah, zeigt eine Darstellung am Bildstock unterhalb der Kirche aus der Zeit um 1770. Das Bekleiden von Gnadenbildern gehört zu einer verbreiteten frühneuzeitlichen Praxis: Durch textile Gewänder, Kronen und Schmuck wurde das Bild nicht nur ausgestattet, sondern zu Festzeiten sichtbar verwandelt und in den Rang eines besonders verehrten Kultbildes gehoben.

Die Auffindungslegende aus dem Münstertal

Im 19. Jahrhundert wird eine Herkunftserzählung fassbar, die das Tschenglser Gnadenbild mit den konfessionellen Auseinandersetzungen im benachbarten Münstertal verbindet. Der 1846 erschienene "Pilger durch Tirol" berichtet, reformierte Schweizer hätten 1624 in Santa Maria im Münstertal ein Marienbild in den Rambach geworfen. Das Bild sei über das Wasser in die Etsch gelangt und in den Tschenglser Auen liegen geblieben. Hirten hätten nachts einen ungewöhnlichen Glanz bemerkt, worauf das Bild geborgen und in der Tschenglser Kirche aufgestellt worden sei.

Eine jüngere Variante verlegt das Geschehen bereits um 1580. In beiden Fassungen wird das Bild durch Bilderstürmer aus einem reformierten Gebiet entfernt, durch das Wasser getragen und schließlich in katholischem Gebiet gerettet. Gerade dieser Aufbau ist typisch für gegenreformatorische Gnadenbildlegenden. Das alte Kultbild erscheint als Zeuge der "alten" Kirche, übersteht die Attacke der Gegner und findet auf wunderbare Weise einen neuen Ort der Verehrung.

Für Tschengls ist deshalb eine klare quellenkritische Trennung notwendig. Einen historischen Beleg für die Übertragung des Gnadenbildes aus Santa Maria gibt es nicht. Andergassen geht vielmehr davon aus, dass das Bild schon zuvor in Tschengls beheimatet war. Die Erzählung ist daher nicht als gesicherte Objektgeschichte, wohl aber als wichtiger Bestandteil der späteren Wallfahrtsüberlieferung zu verstehen.

1685: Fenster für die Gläubigen vor der Kirche

Die Stärke des Wallfahrer- und Kirchgängerandranges lässt sich an einem ungewöhnlichen baulichen Eingriff ablesen. An Marienfesten und sogenannten Konkurstagen kamen offenbar mehr Menschen nach Tschengls, als die Kirche aufnehmen konnte. Ein Teil der Gläubigen musste dem Gottesdienst vom Vorplatz aus folgen.

Pfarrer Sebastian Wolf ließ deshalb 1685 zwei in Marmor gefasste und vergitterte Fenster in die Westwand brechen. Sie ermöglichten den Menschen vor der Kirche wenigstens akustisch und teilweise auch optisch die Teilnahme. Diese beiden Öffnungen sind ein besonders anschauliches materielles Zeugnis für die Intensität des Kultbetriebes im späten 17. Jahrhundert.

1693: der Bischof ordnet eine eigene Gnadenkapelle an

Bei der Visitation von 1693 beanstandete Bischof Ulrich VII. de Mont die Aufstellung des wundertätigen Marienbildes mitten im Chor. Dort verdeckte es den Blick auf den Hochaltar. Der Bischof ordnete deshalb an, das Gnadenbild an einen anderen Ort zu versetzen und auf der Evangelienseite neben dem Anna-Altar eine neue Kapelle zu errichten.

Für den Bau sollte ein Kapital von 500 Gulden verwendet werden, das eine Gräfin von Liechtenstein Unserer Lieben Frau in Tschengls vermacht hatte. Zugleich verlangte der Bischof die Errichtung einer Rosenkranzbruderschaft, damit die Andacht zur Muttergottes weiter zunehme. Er wollte außerdem die Genehmigung eines privilegierten Altares in Rom erwirken. Die Kapelle war somit nicht einfach eine kunstliebhaberische Erweiterung der Kirche, sondern das Ergebnis einer gezielten Neuordnung und Förderung des Wallfahrtskultes.

Nach dem Tod Pfarrer Sebastian Wolfs 1695 wurden die Pläne unter seinem Nachfolger verwirklicht. Rainer Loose nennt den Churer Domherrn und Theologen Andreas Saroth; im Kirchenführer Leo Andergassens erscheint der Name als Andreas Schrott. 1696 wurde die Kapelle gebaut, 1697 folgte der Vertrag mit Gregor Schwenzengast über Teile der künstlerischen Ausstattung.

Die Marienkapelle von 1696

Die nordseitig an die Kirche angebaute Marienkapelle ist ein eigenständiger Zentralraum auf annähernd quadratischem Grundriss. Über vier kräftigen Stützen erhebt sich eine achteckige Kuppel mit Laterne. Sie gehört zu den charakteristischen barocken Sakralräumen des Vinschgaus und bildet innerhalb der spätgotischen Pfarrkirche einen bewusst andersartigen, auf die Marienverehrung konzentrierten Raum.

Nach den von Hermann Theiner ausgewerteten Kirchenrechnungen stammen die Baupläne von Franz Delai; seine Werkstatt führte den Bau aus. Gregor Schwenzengast war demnach nicht der eigentliche Baumeister, schuf aber den Altar und die Holzplastiken. Die Stuckaturen werden dem Umfeld der Delai zugerechnet.

Der Kapellenraum ist vollständig marianisch ausgerichtet. Inschriften, Embleme der Lauretanischen Litanei und Bildszenen aus dem Marienleben verbinden Architektur, Malerei und Skulptur. In den Kartuschen erscheinen Anrufungen Mariens; in der Eingangszone sind unter anderem der Turm Davids, der elfenbeinerne Turm, die Bundeslade, die Himmelspforte, Rose und Lilie dargestellt.

Michael Madein, Matthias Pußjäger und Gregor Schwenzengast

Die Kuppelmalereien stammen vom Schlanderer Maler Michael Madein. Dargestellt sind Szenen des Marienlebens, darunter Geburt Mariens, Flucht nach Ägypten, Anbetung der Hirten und Krönung Mariens. Das Außenfresko zeigt die Heimsuchung Mariens. Die Malereien wurden später stark überarbeitet, insbesondere um 1900 durch Jonas Ranter.

Der Kapellenaltar ist ein zweisäuliger barocker Aufbau mit reichem Schnitzdekor. Die Seitenfiguren stellen Dominikus und Franz von Assisi dar. Die prominente Stellung des hl. Dominikus passt zur gleichzeitig geförderten Rosenkranzfrömmigkeit. Die Fassung des Altars und die Vergoldung der Plastiken besorgte Michael Madein.

Das Altarblatt mit der Aufnahme Mariens in den Himmel malte Matthias Pußjäger. Im oberen Bildteil wird Maria von Engeln in den Himmel getragen, darunter stehen die Apostel und Frauen um das leere Grab. Damit greift auch das Altarbild das alte Marienpatrozinium auf und bindet die Gnadenkapelle in die gesamte marianische Tradition der Pfarrkirche ein.

1772: Rückkehr des Gnadenbildes auf den Hochaltar

Obwohl die Marienkapelle eigens für das Gnadenbild errichtet worden war, blieb sein Standort nicht dauerhaft dort. 1772 wurde das Bild wieder auf den Hochaltar übertragen. Diese Rückkehr ist für die Kultgeschichte bemerkenswert: Das Bild behielt seine besondere Stellung, wurde aber erneut in das liturgische Zentrum der Pfarrkirche integriert.

Die Wallfahrt war damit nicht an einen einzigen architektonischen Standort gebunden. Entscheidend blieb das Gnadenbild selbst. Die Kapelle dokumentierte weiterhin die barocke Intensivierung des Kultes, während das Bild am Hochaltar sichtbar für Pfarrgemeinde und Wallfahrer zugleich präsent war.

Rosenkranzbruderschaft, Stiftungen und liturgische Andacht

Die Rosenkranzbruderschaft gehört zur barocken Frömmigkeitsgeschichte Tschengls. Ihre Errichtung wurde 1693 vom Bischof ausdrücklich angeordnet. Unter Kaiser Joseph II. wurde die Bruderschaft aufgehoben, später jedoch wieder aktiviert; 1844 erneuerte Pfarrer Johann Groß die Rosenkranzbruderschaft. Um 1860 kam eine Herz-Jesu-Bruderschaft hinzu.

Auch private Stiftungen zeigen die religiöse Dichte des Ortes. 1693 vermachte der Stilfser Anwalt Johannes Zischg der Frauenkirche 150 Gulden unter der Bedingung, dass an allen Samstagen und an Vorabenden von Marienfesten eine Litanei für Verstorbene gehalten werde. Solche Legate verbanden persönliche Jenseitsvorsorge mit der dauerhaften Finanzierung liturgischer Praxis.

Religiöse Bräuche im 17. Jahrhundert

Die Visitationsakten bewahren daneben seltene Einblicke in den religiösen Alltag. 1638 schritt der Churer Bischof gegen eine Reihe lokaler Segens- und Festbräuche ein, die er als Missbrauch oder als nicht mit der römischen Liturgie vereinbar betrachtete. Genannt werden Segnungen von Salz am Stephanstag, Wein am Johannestag, Kerzen zu Lichtmess, Palmzweigen am Palmsonntag sowie Fleisch, Eiern und Gebäck zu Ostern.

Auch das Herumführen eines Esels, das Herabwerfen von Oblaten, Wasser, Feuer und Nüssen am Himmelfahrtstag sowie mehrmaliges Umschreiten des Taufsteins zu Ostern und Pfingsten sollten unterbunden werden. Für die Volkskunde sind solche Verbote besonders aufschlussreich, weil sie Praktiken sichtbar machen, die in offiziellen liturgischen Beschreibungen sonst kaum überliefert wären. Sie zeigen zugleich, wie stark kirchliche Reform im 17. Jahrhundert in den konkreten religiösen Jahreslauf der Dorfbevölkerung eingriff.

Bittgänge und Wallfahrten der Tschenglser

Tschengls war nicht nur Ziel, sondern auch Ausgangspunkt religiöser Wege. Im Barock gingen die Tschenglser am Markustag und am Fest Kreuzauffindung nach St. Georg in Agums, um dort den großen geschnitzten Kruzifixus zu verehren. In der Bittwoche führte der Montag nach St. Veit am Tartscher Bühel, der Dienstag zur Ottilienkirche und der Mittwoch zur Remigiuskirche in Eyrs.

Eine theophorische Prozession mit dem Allerheiligsten führte am 2. Juli, dem Fest Mariä Heimsuchung, zum Wetterkreuz hoch über Tschengls. Das Fest galt im bäuerlichen Kalender zugleich als Lostag für die Witterung. Am 29. August, dem Fest der Enthauptung Johannes des Täufers, zog man nach St. Johann in Prad. Das Beispiel zeigt ein dichtes Netz gegenseitiger Wallfahrten und Bittgänge, in dem die Pfarre Tschengls eingebunden war.

Das 19. Jahrhundert: Fastensamstage und Patrozinium

Für das 19. Jahrhundert berichtet die Wallfahrtsliteratur von großem Zulauf an allen Samstagen der Fastenzeit. Das Hauptfest der Wallfahrt war mit dem Kirchenpatrozinium verbunden und wurde zu Mariä Geburt im September gefeiert. Der Marienkult blieb damit sowohl an wiederkehrende Fastenandachten als auch an den kirchlichen Jahresfestkreis gebunden.

Gerade die Fastensamstage passen in eine weit verbreitete katholische Marienfrömmigkeit, in der der Samstag traditionell der Gottesmutter zugeordnet ist. Für Tschengls ist jedoch wichtig, dass der Zulauf nicht nur aus allgemeiner Frömmigkeit erschlossen wird, sondern ausdrücklich in der historischen Wallfahrtsbeschreibung genannt ist.

Der Dorfbrand von 1885 und die neugotische Ausstattung

Am 25. Juli 1885 zerstörte ein großer Brand weite Teile von Tschengls. Auch Kirche und Turm wurden schwer in Mitleidenschaft gezogen. Die ältere barocke Kirchenausstattung ging großteils verloren; einzelne Werke, darunter die Figur der hl. Katharina von Gregor Schwenzengast, konnten gerettet werden.

In den folgenden Jahren erhielt die Kirche eine neugotische Ausstattung. Der bis in das Chorgewölbe reichende Hochaltar wurde in der Werkstatt der Gebrüder Fleischmann in Schlanders gefertigt. Die Figuren stammen von Franz Tavella. Seitlich des Gnadenbildes stehen die Heiligen Notburga und Ottilia; darüber erscheinen Petrus und Paulus sowie die Herz-Jesu-Figur.

Das mittelalterliche Gnadenbild überstand den Brand von 1885. Gerade dieser Punkt ist wichtig, weil ältere Beschriftungen und auch der Kirchenführer von 2010 die heutige Figur irrtümlich als Kopie um 1885 bezeichneten. Die von Dr. Herbert Raffeiner im Pfarrarchiv aufgefundenen Unterlagen erlauben inzwischen eine präzisere Datierung.

1924 und 1925: Verlust des Originals und Entstehung der heutigen Kopie

Am 18. April 1924 kam es zu einem neuerlichen Kirchen- und Turmdachbrand. Dabei wurde das alte Gnadenbild des 14. Jahrhunderts schwer beschädigt. Nach der mündlichen Auskunft von Dr. Herbert Raffeiner, der die entsprechenden Unterlagen im Pfarrarchiv eingesehen hat, bestellte der damalige Pfarrer noch im Laufe des Jahres 1924 bei den bekannten Bildschnitzern im Grödental eine Kopie.

Die neue Figur wurde 1925 geliefert. Im Pfarrarchiv hat sich nach Raffeiner die damalige Rechnung erhalten. Ebenso fand er eine Notiz, wonach der Pfarrer anschließend die Reste des schwer beschädigten ursprünglichen Gnadenbildes verbrannte. Damit lässt sich ein Vorgang, der in der örtlichen Erinnerung noch mündlich weitergegeben wurde, archivalisch fassen.

Aus denkmalpflegerischer Sicht wirkt die Vernichtung der Reste heute einschneidend. Für die damalige Pfarrpraxis dürfte jedoch die Wiederherstellung eines verehrbaren Kultbildes im Vordergrund gestanden haben. Die Kopie sollte die traditionelle Erscheinung des Gnadenbildes bewahren und den unterbrochenen Kult möglichst rasch fortsetzen. Das materielle Original ging verloren; die kultische Identität wurde auf die neue Figur übertragen.

Die heutige Kopie als Fortsetzung des Gnadenbildes

Volkskundlich ist gerade dieser Übergang bemerkenswert. Wallfahrtskulte werden häufig stark an ein materielles Original gebunden. Tschengls zeigt dagegen, dass die Bedeutung eines Gnadenbildes auch nach dem Verlust des Originals fortbestehen kann, wenn Bildtyp, Name, Ort, rituelle Verwendung und gemeinschaftliche Erinnerung kontinuierlich bleiben.

Die heutige Figur ist deshalb nicht einfach eine kunsthandwerkliche Reproduktion. Innerhalb der örtlichen religiösen Praxis trat sie an die Stelle des alten Gnadenbildes und übernahm dessen Funktion. Die Wallfahrt brach nicht deshalb ab, weil das mittelalterliche Holz nicht mehr vorhanden war. Verehrt wurde weiterhin "das" Tschenglser Gnadenbild - nun in einer 1925 eingetroffenen Grödner Nachbildung.

Der Brand von 1924 und die Restaurierung der Kirche

Nach dem Brand setzte sich Pfarrer Michael Leitner für eine rasche Wiederherstellung ein. Dachstuhl und Dacheindeckung wurden erneuert. 1925 genehmigte das Denkmalamt den Restaurierungsentwurf Johann Matthias Peskollers und verlangte, dass vorhandene ältere Farbreste bei der Neugestaltung berücksichtigt würden. Ein besonders sichtbares Erinnerungszeichen an den Wiederaufbau befindet sich am großen Schlussstein des Langhauses. Peskoller malte dort 1925 Maria mit dem Kind. Die beigegebene lateinische Inschrift "Maria aedificabit sibi domum MCMXXV; Regina pacis ora pro nobis!" erinnert unmittelbar an den Kirchenbrand und die Wiederherstellung: "Maria wird sich ein Haus bauen 1925; Königin des Friedens, bitte für uns!" Der Schlussstein verbindet damit die bauliche Erneuerung mit dem marianischen Patrozinium der Kirche.

Der Brand von 1924 ist deshalb in Tschengls nicht nur ein baugeschichtliches Ereignis. Er bildet eine Zäsur in der Geschichte des zentralen Kultobjektes: Das mittelalterliche Gnadenbild wurde schwer beschädigt und 1925 durch die neu angefertigte Grödner Kopie ersetzt. Auch die heutige Gestalt des Kirchturmes steht mit dem Wiederaufbau nach diesem Brand in Zusammenhang.

Nach einer mündlichen Überlieferung von Dr. Herbert Raffeiner fiel der Wiederaufbau zudem in eine für Südtirol politisch besonders heikle Phase des Faschismus. Da Pfarrer Michael Leitner für die Wiederherstellung der Kirche bei den Behörden um finanzielle Unterstützung ansuchen musste, spielte auch die äußere Gestaltung des Turmes eine Rolle. Der hohe, ausgeprägt gotische Turm, von den Behörden als "gotico tedesco" bezeichnet, sei dort auf wenig Zustimmung gestoßen. Nach Raffeiners Darstellung schlug der Pfarrer deshalb als Kompromiss die charakteristische wulstartige beziehungsweise zwiebelförmige Ausbildung der Turmspitze vor. Die Behörden erklärten sich mit dieser Lösung einverstanden. Der ungewöhnliche Abschluss blieb erhalten und prägt bis heute das unverwechselbare Erscheinungsbild des Tschenglser Kirchturmes.

Ein weithin sichtbares marianisches Zeichen trägt auch der westseitige Turmgiebel. Dort erscheint eine Mondsichel- beziehungsweise Strahlenkranzmadonna mit dem Jesuskind; zu ihren Füßen knien zwei Engel auf Wolkenbänken. Ihre Schriftbänder tragen die Bitte "Maria mit dem Kinde lieb / uns allen deinen Segen gib". Cassian Dapoz (Dallapozza) restaurierte die Malerei 1922, die entsprechende Jahreszahl steht an der Giebelspitze. Nach Leo Andergassen reicht die Darstellung in ihrem Kern jedoch bis ins 16. Jahrhundert zurück. Bei der späteren Turmrestaurierung wurde die Pfarre vom Denkmalamt in Trient ausdrücklich aufgefordert, diese Malerei zu erhalten.

Diese mündliche Überlieferung ergänzt die schriftlich fassbare Baugeschichte in einem wesentlichen Punkt. Die eigenwillige Turmform ist demnach nicht einfach als eine von den faschistischen Behörden vorgeschriebene Umgestaltung zu verstehen, sondern als Ergebnis eines Aushandlungsprozesses zwischen dem um den Wiederaufbau bemühten Pfarrer und den damaligen Behörden. Gerade vor dem Hintergrund der politischen Verhältnisse in Südtirol erhält dieses architektonische Detail damit zusätzlich eine historische Bedeutung.

Der Rohnenkirchtag am 8. September

Das Patrozinium Mariä Geburt ist bis heute der große Kirchtag von Tschengls. Gefeiert wird am 8. September selbst. Leo Andergassen bezeichnet diesen Tag ausdrücklich als Hauptfest der Tschenglser Wallfahrt; die heutige Festpraxis hält an diesem Datum fest und verbindet den feierlichen Gottesdienst mit der anschließenden Prozession durch das Dorf.

Der allgemein gebräuchliche Name "Rohnenkirchtag" besitzt eine bemerkenswerte volkskundliche Vorgeschichte. "Rohnen" sind Rote Rüben. Nach einem Bericht von Josef Laner aus dem Jahr 2010, der sich auf die Aussagen mehrerer älterer Tschenglser stützt, geht die Bezeichnung nicht auf einen besonderen kirchlichen Rübenbrauch zurück. Vielmehr sollen vor allem Bewohner der Nachbarorte Eyrs und Laas die Tschenglser früher mit dem spöttischen Hinweis geneckt haben, in Tschengls gebe es außer Rohnen nicht viel. Dieser Dorfspott wurde offenbar durchaus ernst genommen; nach der örtlichen Erinnerung kam es deswegen gelegentlich sogar zu Raufereien.

Im Laufe der Zeit wandelte sich die Bedeutung dieser Fremdbezeichnung grundlegend. Die Tschenglser übernahmen den einstigen Spottnamen selbst und machten die Rohne zu einem positiven Kennzeichen ihres Kirchtages. Damit zeigt der Rohnenkirchtag einen für lokale Identitätsbildung charakteristischen Vorgang: Aus einer von den Nachbarn verwendeten Neckerei wurde eine selbstbewusst gepflegte Eigenbezeichnung des Dorffestes. Auch kulinarisch ist die Rohne inzwischen fest mit dem Kirchtag verbunden; zum traditionellen Festessen gehört Schöpsernes mit Knödel und Rohnensalat.

Nach der mündlichen Auskunft von Dr. Herbert Raffeiner werden bei der großen Prozession am Rohnenkirchtag drei Heiligenfiguren durch das Dorf getragen. Das Gnadenbild selbst gehört nicht regelmäßig zu dieser jährlichen Prozession. Zu besonderen kirchlichen Anlässen wird es jedoch in größeren zeitlichen Abständen ebenfalls mitgeführt. Gerade diese seltenere Bewegung des Bildes besitzt besondere Aussagekraft: Das gewöhnlich am Hochaltar ruhende Kultbild verlässt seinen festen Ort und tritt für eine begrenzte Zeit in den öffentlichen Raum des Dorfes.

Der Rohnenkirchtag verbindet damit mehrere Ebenen: das Patrozinium Mariä Geburt, das historische Hauptfest der Wallfahrt, die Prozession als öffentlich sichtbare religiöse Handlung und die weltliche Kirchtagskultur des Dorfes. Die Gläubigen gehen nicht nur zum Gnadenbild und zur Kirche; mit der Prozession werden zugleich Dorf, Wege und Plätze in die Festhandlung einbezogen.

Wallfahrt heute

Die Tschenglser Wallfahrt ist nicht erloschen, besitzt aber heute nicht mehr die Größenordnung, die aus den Quellen des 17. und 19. Jahrhunderts sichtbar wird. Nach Dr. Herbert Raffeiner kommen gelegentlich organisierte Wallfahrergruppen mit Bussen nach Tschengls. Daneben besuchen Einzelpilger die Kirche.

Eine genaue Zahl lässt sich nicht sinnvoll angeben. Bei einer frei zugänglichen Pfarr- und Wallfahrtskirche ist nicht feststellbar, welche Einzelbesucher aus kunsthistorischem Interesse, aus persönlicher Andacht oder ausdrücklich als Pilger kommen. Gerade diese Unschärfe gehört zur gegenwärtigen Realität vieler kleiner historischer Wallfahrtsorte.

Votivtafeln, Mirakelaufzeichnungen und Wallfahrtsandenken

In der Kirche ist heute nur wenig älteres Material vorhanden, das sich eindeutig als Votivtafel, Mirakelaufzeichnung oder Wallfahrtsandenken ansprechen lässt. Dr. Herbert Raffeiner weist jedoch darauf hin, dass im Pfarrarchiv bislang noch nicht gezielt nach solchen Beständen gesucht wurde. Ein negatives Ergebnis für die historische Votivpraxis darf daraus daher nicht abgeleitet werden.

Die frühneuzeitlichen Quellen belegen immerhin einen eigenen Schmuckbestand des Gnadenbildes, Opfergelder von Wallfahrern, Stiftungen für die Marienverehrung und eine Rosenkranzbruderschaft. Ob sich darüber hinaus Mirakelberichte, Rechnungen über Votivgaben, gedruckte Andachtsbilder oder weitere Zeugnisse erhalten haben, bleibt eine offene Forschungsfrage. Gerade angesichts der von Loose beschriebenen Feuchtigkeits- und Pilzschäden an älteren Pfarrarchivalien wäre eine systematische Sichtung und Sicherung kulturgeschichtlich besonders wertvoll.

Die historischen Rötelinschriften an der Gnadenkapelle

An der Außenseite der Marienkapelle haben sich mehrere historische Rötelinschriften beziehungsweise Besucherspuren erhalten. Solche Eintragungen können Namen, Initialen, Jahreszahlen oder andere Zeichen enthalten und sind für die Erforschung historischer Nutzung von Sakralräumen grundsätzlich interessant.

Ohne vollständige Aufnahme, Lesung und Datierung wäre es jedoch voreilig, sie unmittelbar als Pilgerinschriften zu bezeichnen. Für die Dokumentation werden sie deshalb zunächst als historische Benutzerspuren festgehalten. Eine spätere systematische fotografische und epigraphische Auswertung könnte klären, ob sich darunter konkrete Hinweise auf Wallfahrer befinden.

Bildstöcke und die religiöse Nahumgebung

Die Marienverehrung beschränkt sich in Tschengls nicht auf den Innenraum der Pfarrkirche. Mehrere Bildstöcke im Bereich des Kirchenplatzes und an den Wegen tragen marianische Bilder und Anrufungen in den öffentlichen Raum. Eine Tafelmalerei aus der Zeit um 1770 ist darüber hinaus eine wichtige Quelle für das damalige Erscheinungsbild des bekleideten Gnadenbildes.

Ein weiterer Bildstock trägt die schlichte Bitte "O Maria Mutter rein! Lass uns deine Kinder sein". Solche kleinen religiösen Monumente markieren den Übergang zwischen Alltag und Wallfahrtsort. Sie begleiten den Weg zur Kirche, erinnern außerhalb des Gottesdienstes an die Gottesmutter und bilden eine dauerhafte religiöse Zeichenschicht im Dorf.

Weitere kunstgeschichtlich bedeutende Ausstattung

Neben dem Gnadenbild und der Marienkapelle besitzt die Kirche mehrere qualitätvolle Werke verschiedener Epochen. Der spätgotische Taufstein aus Laaser Marmor entstand um 1510/15 und trägt das Meisterzeichen eines Steinmetzen aus dem Umfeld der Latscher Werkhütte. Sein neugotischer Deckel gehört der Erneuerungsphase nach dem Brand von 1885 an.

Die hl. Katharina von Alexandrien ist eine Holzplastik Gregor Schwenzengasts um 1700 und gehört zu den besten erhaltenen Arbeiten dieses Bildhauers. In der Sakristei befindet sich ein spätgotisches Kruzifix um 1500, das als Vortragekreuz verwendet wurde. Eine frühbarocke Madonna an der Nordwand dürfte ursprünglich zu einem Marienaltar gehört haben.

Die Orgelempore entstand im Zusammenhang mit einer im 17. Jahrhundert angeschafften Orgel. Eine besonders bedeutende Vorgängerorgel baute Daniel Herz aus Innsbruck in den Jahren 1657 bis 1661. Teile dieses Instruments sind erhalten. Die heutige Orgel stammt aus dem späten 19. Jahrhundert.

Zum Kirchenschatz gehört eine bedeutende Renaissancemonstranz des Augsburger Goldschmieds Hans Merzenbach aus dem frühen 17. Jahrhundert sowie mehrere barocke Kelche und weitere liturgische Geräte. Diese Stücke dokumentieren den materiellen Rang einer Pfarre, die im 17. Jahrhundert über ein beträchtliches Kirchenvermögen verfügte.

Volkskundliche Einordnung

Tschengls ist volkskundlich vor allem deshalb bemerkenswert, weil sich hier mehrere Entwicklungsstufen eines Wallfahrtskultes ungewöhnlich dicht verfolgen lassen. Am Anfang steht eine alte Marienkirche mit einem gotischen Bildwerk. Spätestens 1595 ist besondere Andacht samt Opfergeld von Wallfahrern belegt. 1638 erscheint das Bild ausdrücklich als wundertätig und als Ziel einer regionalen Wallfahrt. Der Andrang wird so groß, dass 1685 zusätzliche Öffnungen für die vor der Kirche stehenden Gläubigen geschaffen werden.

1693 greift der Bischof ordnend in den Kult ein. Das Gnadenbild soll einen eigenen Raum erhalten, eine Rosenkranzbruderschaft soll die Andacht fördern. Daraus entsteht die barocke Marienkapelle. Im 18. Jahrhundert wird das Bild wieder auf den Hochaltar versetzt, ohne seine Sonderstellung zu verlieren. Im 19. Jahrhundert sind stark besuchte Fastensamstage und das Patroziniumsfest bezeugt.

Der Brand von 1924 zerstört schließlich das mittelalterliche Original als materielles Objekt. Dennoch bleibt die Kulttradition bestehen. Die 1925 eingetroffene Grödner Kopie übernimmt den Namen, den Standort und die rituelle Funktion des alten Bildes. Bis heute kommen Wallfahrer nach Tschengls, und zu besonderen Anlässen wird das Gnadenbild in Prozession getragen.

Damit zeigt Tschengls besonders deutlich, dass ein Wallfahrtsort nicht allein durch die materielle Unversehrtheit eines alten Gnadenbildes definiert wird. Entscheidend ist das Zusammenspiel von Ort, Bildgedächtnis, liturgischer Praxis, gemeinschaftlicher Erinnerung und wiederholtem religiösem Handeln. Das Original ging verloren; die Wallfahrtstradition überdauerte diesen Verlust.

Literatur und Quellen

- Leo Andergassen: Die Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Geburt in Tschengls. Pfarre Tschengls, Tappeiner, Lana 2010, ISBN 978-88-7073-553-6.

- Rainer Loose: "Wallfahrt, Täufer, Christenlehre. Kirchliches Leben und Reform in der Pfarrgemeinde Tschengls im Vintschgau (ca. 1499 bis 1700)." Erweiterte und für den Druck überarbeitete Fassung des Vortrages zur 500-Jahr-Feier der Kirchenweihe, 2011.

- Dr. Herbert Raffeiner, Tschengls: mündliche Auskunft an Wolfgang Morscher, Sommer 2026; insbesondere zum Schicksal des 1924 beschädigten Gnadenbildes, zur 1924 bestellten und 1925 gelieferten Grödner Kopie, zur Notiz über die Verbrennung der Reste des Originals, zur Turmgestaltung nach dem Brand, zum heutigen Wallfahrtsbesuch und zur Prozessionspraxis.

- Josef Laner: "Ihr habt ja nur Rohnen und sonst nichts". In: Der Vinschger, Nr. 32/2010, 15. September 2010.

- Josef Thaler: "Tirols Alterthümer in dessen geographischen Eigennamen." In: Zeitschrift des Ferdinandeum 12, 1846, S. 1-138.

- Karl Atz / Adelgott Schatz: Der deutsche Anteil des Bistums Trient. Topographisch-historisch-statistisch und archäologisch beschrieben. Band V, Bozen 1910, S. 78-85.

- Josef Weingartner: Die Kunstdenkmäler Südtirols. Band 2, Bozen 1991, S. 857-860.

- Theodor Müller: "Die Marienkrönung aus Tschengls im Germanischen Nationalmuseum und andere Probleme der spätgotischen Skulptur in Tirol." In: Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums, 1963, S. 45-54.

- Hermann Theiner: Gregor Schwenzengast. Barockbildhauer in Latsch 1646-1723. Latsch 1996.

- Leo Andergassen: "Kirchenkunst in der freisingischen Propstei Eyrs." In: Der Schlern 71, 1997, S. 5-33.

- Hans Nothdurfter: "Kleine Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte und zur Archäologie des Mittelalters." In: Denkmalpflege in Südtirol 1987/88. Bozen 1989, S. 285-300.

- Örtliche Besucherinformation Schlanders-Laas: Maria Geburt Kirche, Tschengls - Angaben zu Lage, Zugang und Erreichbarkeit.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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