Unsere Liebe Frau im Walde – Pfarr- und Wallfahrtskirche Maria Himmelfahrt

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Wallfahrt: Alte Marienwallfahrt an einem seit dem späten 12. Jahrhundert belegten kirchlichen und hospitallen Zentrum am Gampenpass; spätestens in der frühen Neuzeit als überregionaler Gnadenort mit weitreichenden Bittprozessionen, Mirakel- und Votivwesen fassbar.
Status: Lebendige Wallfahrt. Das Heiligtum wird weiterhin von Pilgern aus dem Deutschnonsberg und dem italienischsprachigen Nonsberg sowie aus angrenzenden Südtiroler Gebieten aufgesucht.
Kultzentrum: Spätgotisches Gnadenbild Maria mit dem Kind aus dem frühen 15. Jahrhundert in einem verglasten Schrein am Hochaltar. Das ursprüngliche Marienbild des Heiligtums ist verschollen.
Ort: Unsere Liebe Frau im Walde / Senale, Gemeinde Unsere Liebe Frau im Walde-St. Felix / Senale-San Felice, Deutschnonsberg.
Bezirk: Bezirksgemeinschaft Burggrafenamt.
Land: Südtirol, Italien.
Lage und Besuch
Pfarr- und Wallfahrtskirche Maria Himmelfahrt, Obere Innere 21, I-39010 Unsere Liebe Frau im Walde / Senale. Der Wallfahrtsort liegt auf rund 1.340 Metern Höhe am Deutschnonsberg südlich des Gampenpasses.
Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Südtirol
Ansicht in Street View
Pfarrei: Pfarreien Tisens, Unsere Liebe Frau im Walde und St. Felix
Öffnungszeiten: täglich zu den üblichen Kirchenöffnungszeiten; aktuelle Gottesdienst- und Pfarrinformationen veröffentlicht die Pfarrei.
Pilgerweg: Vom Gampenpass führt ein Pilger- und Kreuzweg mit 14 Kreuzwegstationen zur Wallfahrtskirche; eine weitere Station beim Friedhof ist der Auferstehung gewidmet.
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Bilddokumentation
Ausführliche Beschreibung

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Unsere Liebe Frau im Walde-St. Felix: Pfarr- und Wallfahrtskirche Maria Himmelfahrt am Deutschnonsberg südlich des Gampenpasses.

Unsere Liebe Frau im Walde-St. Felix, Pfarr- und Wallfahrtskirche Maria Himmelfahrt

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Gnadenbild "Maria mit dem Kinde" in der Pfarr- und Wallfahrtskirche Maria Himmelfahrt. Das heute verehrte spätgotische Kultbild stammt aus der Zeit des Kirchenneubaus im frühen 15. Jahrhundert; das ältere ursprüngliche Marienbild ist verschollen.

Gnadenbild Maria mit dem Kinde in Unsere Liebe Frau im Walde-St. Felix

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Votivbilder in der Pfarr- und Wallfahrtskirche Maria Himmelfahrt. Der erhaltene Bestand erinnert nur noch an einen Teil des ehemals sehr reichen Votivwesens von Senale.

Votivbilder in der Wallfahrtskirche Unsere Liebe Frau im Walde-St. Felix

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Votivbild der Kreuzgänger aus St. Pauls in Eppan. Die Inschrift dankt der Gottesmutter von Senale für die als Gebetserhörung verstandene Abwendung von "Gössen und anderer schaedlicher Insekten" aus den Weinbergen in den Jahren 1885 und 1886:
"Der wunderbaren Gottesmutter von Senale für die auffallende Erhörung der Bitten um Abwendung der Gössen und anderer schaedlicher Insekten von den Weinbergen in den Jahren 1885 und 1886. Die dankbaren Kreuzgänger der Pfarrgemeinde St. Pauls in Eppan."

Votivbild der Kreuzgänger aus St. Pauls in Eppan für die Wallfahrt nach Senale

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Ausführliche Beschreibung

Der Wallfahrtsort Unsere Liebe Frau im Walde, italienisch Senale, liegt auf etwa 1.340 Metern Höhe am Deutschnonsberg südlich des Gampenpasses. Die Lage ist für die Entstehung des Heiligtums von grundlegender Bedeutung. Über den Gampenpass verlief seit alters ein wichtiger inneralpiner Verkehrsweg zwischen dem Nonsberg und dem Raum Meran; weitere Verbindungen führten in das Ultental und von dort in Richtung Vinschgau. Unsere Liebe Frau im Walde war daher zunächst nicht nur ein kirchlicher Ort, sondern zugleich eine Station an einem beschwerlichen Gebirgsübergang.

Geschichte

Die älteste sichere Nachricht stammt aus den Jahren 1184/85. In einem Privileg Papst Lucius' III. werden die "fratres sancte Marie de Senali regularem vitam professi", die nach einer Ordensregel lebenden Brüder von St. Maria in Senale, und ihre Besitzungen unter päpstlichen Schutz gestellt. Eine Urkunde des Trienter Bischofs Konrad bezeichnet die Kirche 1199 ausdrücklich als einen Ort von religiöser Bedeutung und Gastlichkeit. Das zugehörige Hospiz nahm Reisende auf und stand in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Verkehr über den Gampenpass.

1224 schrieb Bischof Gerhard von Trient der Gemeinschaft Regel und Habit der Augustiner-Chorherren vor. Zugleich ist überliefert, dass bereits sein Vorgänger Friedrich von Wangen, Bischof von Trient von 1207 bis 1218, eine Kirche in Senale geweiht hatte. 1321 wurde die Gemeinschaft mit ihren Rechten und Besitzungen dem Augustiner-Chorherrenstift in der Au bei Bozen, dem späteren Stift Gries, eingegliedert.

Bemerkenswert ist die frühe Verbindung von Marienkirche und Hospiz. Daraus darf jedoch noch nicht ohne weiteres auf eine organisierte Wallfahrt im späteren Sinn geschlossen werden. Sicher belegt ist zunächst ein sehr alter Marienkult an einem kirchlichen und hospitallen Mittelpunkt des Passverkehrs; die ausdrücklich nachweisbare Wallfahrt tritt erst später deutlicher hervor. Gerade diese allmähliche Entwicklung unterscheidet Senale von vielen Gnadenorten, deren Überlieferung mit einem einzelnen Wunder oder einer wundersamen Auffindung eines Kultbildes beginnt.

Auch der Ortsname verweist früh auf die Verbindung von Marienverehrung und Waldlandschaft. Neben der Bezeichnung Senale begegnet bereits im Mittelalter die Form "sancta Maria in Silva", Heilige Maria im Wald. 1496 ist die Bezeichnung "zu unser lieben Frawen im Wald auf Nons" nachweisbar. Der deutsche Name ist damit wesentlich älter als die erhaltenen neuzeitlichen Fassungen der Wallfahrtslegende.

Kirche und kunstgeschichtliche Ausstattung

Die heutige Kirche gehört im Wesentlichen dem 15. Jahrhundert an. Am 10. Juni 1432 wurde der dreischiffige gotische Bau vom Bischof von Trient geweiht. Nach Angaben der Pfarrei wurde seine Errichtung unter anderem von den Grafen Thun sowie den Familien Firmian und Arz unterstützt, deren Wappen sich im Presbyterium erhalten haben.

Der spätgotische Kirchenraum besitzt einen polygonalen Chor und ein reiches Netzgewölbe. Der Turm bewahrt älteren romanischen Bestand. Zum Ensemble gehört außerdem die etwa um 1500 errichtete zweigeschossige Friedhofskapelle St. Michael mit Krypta. Im 17. und 18. Jahrhundert erhielt die gotische Kirche ihre reiche barocke Ausstattung. Der heutige Hochaltar entstand in der Mitte des 18. Jahrhunderts.

Das Gnadenbild

Im Mittelpunkt der Wallfahrt steht das Gnadenbild Maria mit dem Kind auf dem Hochaltar. Die heute verehrte farbig gefasste plastische Darstellung stammt aus dem 15. Jahrhundert und befindet sich in einem verglasten, reich vergoldeten Schrein.

Von besonderer Bedeutung ist die Mitteilung der Pfarrei, dass das ursprüngliche Marienbild des Heiligtums verschollen ist. Das gegenwärtige Gnadenbild stammt demnach aus der Zeit des gotischen Kirchenneubaus. Zwischen dem Ursprung der Marienverehrung in Senale und dem heute vorhandenen materiellen Kultbild ist daher zu unterscheiden.

Gerade dieser Umstand ist volkskundlich bemerkenswert. Die Kontinuität der Wallfahrt war offenbar nicht ausschließlich an die materielle Kontinuität eines einzigen Bildes gebunden. Nachdem das ältere Marienbild verloren gegangen war, übernahm eine jüngere spätmittelalterliche Madonna dessen Funktion als Gnadenbild. Der Gnadenort und die Verehrung bestanden weiter, während sich das konkrete Kultobjekt änderte.

Wallfahrtslegende

Eine im 19. Jahrhundert schriftlich überlieferte Wallfahrtslegende erzählt, das Marienbild sei im Wald gefunden worden. Als man die Kirche an anderer Stelle habe errichten wollen, sei das Bild wiederholt an jenen Platz zurückgekehrt, an dem heute die Kirche steht.

Die Erzählung gehört zu dem im europäischen Wallfahrtswesen weit verbreiteten Typus der Ortswahllegenden. Ein Gnadenbild bestimmt durch sein wunderbares Zurückkehren selbst den Ort, an dem ihm ein Heiligtum errichtet werden soll. Die Erzählung ist daher nicht als historische Nachricht über die Entstehung der Kirche zu verstehen, sondern als religiöse Deutung ihres Standortes.

Interessant ist, dass der Wald damit nicht bloß Bestandteil des Ortsnamens, sondern zum Schauplatz des Wunderbaren wird. Der mittelalterliche Nachweis der Bezeichnung "Maria im Wald" zeigt allerdings, dass die Verbindung von Marienkirche und Wald wesentlich älter ist als die erhaltene schriftliche Fassung der Legende.

Entwicklung der Wallfahrt

Über den genauen Beginn der Wallfahrt lässt sich keine bestimmte Jahreszahl angeben. P. Vinzenz Gasser, dessen 1901 erschienene Geschichte von Kloster, Wallfahrt und Pfarre Senale zu den wichtigsten Quellen für den Gnadenort gehört, stellte selbst fest, dass ihm keine Urkunde über den eigentlichen Beginn der Wallfahrt bekannt war.

Spätestens in der frühen Neuzeit war Senale jedoch ein weithin bekannter Wallfahrtsort. Gasser berichtet, dass seit alten Zeiten alljährlich Prozessionen aus Lana, Marling, Völlan, Tisens, Ulten, Eppan, Kaltern, Jenesien, Afing und Fondo nach Unsere Liebe Frau im Walde kamen. Bei besonderen Anlässen oder zur Erbitte günstiger Witterung zogen außerdem Prozessionen aus Castelfondo, Tret, St. Felix, Laurein und Proveis zum Heiligtum.

Das Einzugsgebiet der Wallfahrt war damit bemerkenswert groß. Es reichte vom italienischsprachigen Nonsberg über den Deutschnonsberg und das Burggrafenamt bis in den Überetsch und den Raum Bozen. Senale war daher nicht nur ein örtlicher Gnadenort, sondern ein sprachraumübergreifendes Marienheiligtum.

Die Prozessionen zur Erbitte guter Witterung zeigen zugleich, dass die Wallfahrt keineswegs ausschließlich individuellen Anliegen galt. Senale war auch Ziel gemeinschaftlicher bäuerlicher Bittgänge, bei denen die Sicherung der Ernte und damit der Lebensgrundlage ganzer Dorfgemeinschaften im Mittelpunkt stand.

Mirakel und Gebetserhörungen

Von außergewöhnlichem Wert für die Geschichte des Wallfahrtsortes sind die Aufzeichnungen des Pfarrers Josef Tyrler. Tyrler wirkte ab 1746 zunächst als Kooperator und später als Pfarrer in Senale und hinterließ eine Handschrift über die dortige Wallfahrt.

Nach den von Vinzenz Gasser ausgewerteten Aufzeichnungen konnte Tyrler aufgrund glaubwürdiger Zeugen feststellen, dass zu Beginn des 18. Jahrhunderts die ganze große Kirche mit Votivtafeln behangen gewesen sei. Auf dem Chor hätten sich außerdem zwei Truhen voller Krücken von Kranken sowie weitere Zeugnisse von Gnadenerweisen und Gebetserhörungen befunden.

Diese Nachricht vermittelt eine Vorstellung vom früheren Umfang des Mirakel- und Votivwesens, die aus dem heutigen Bestand allein kaum mehr gewonnen werden kann. Eine mit Votivtafeln bedeckte Kirche und zwei Truhen mit zurückgelassenen Krücken sprechen für eine große Zahl von Wallfahrern, die Senale wegen Krankheit, körperlicher Gebrechen oder anderer Nöte aufsuchten und nach einer als erfolgt angesehenen Hilfe ein sichtbares Zeichen des Dankes hinterließen.

Noch bemerkenswerter ist Tyrlers ausdrückliche Angabe, er könne "fide sacerdotali", also auf sein priesterliches Zeugnis hin, bestätigen, dass während 28 Jahren seiner Tätigkeit bei der Gnadenmutter von Senale 46 Gebetserhörungen vorgekommen seien. Diese Fälle führte er in seiner Handschrift einzeln an.

Gassers Hinweis ist deshalb besonders wichtig, weil hier offenbar ein eigenes historisches Verzeichnis von Mirakeln beziehungsweise Gebetserhörungen für Senale vorlag. Gasser selbst druckte die 46 Fälle nicht vollständig ab. Er vermerkte jedoch, dass sieben von ihnen Personen aus Bozen betrafen. Auch daraus wird das überörtliche Einzugsgebiet des Gnadenortes deutlich.

Die Bezeichnung dieser Vorgänge als "Mirakel" ist aus heutiger wissenschaftlicher Sicht als historische religiöse Interpretation zu verstehen. Entscheidend für die volkskundliche Betrachtung ist nicht die naturwissenschaftliche Beurteilung der berichteten Heilungen oder Rettungen, sondern die Überzeugung der Betroffenen und ihrer Zeitgenossen, durch die Fürbitte der Gottesmutter Hilfe erfahren zu haben. Aus dieser Überzeugung entstanden Wallfahrten, Gelübde, Votivgaben und öffentliche Dankbezeugungen.

Votivwesen

Die Wallfahrt nach Senale entwickelte ein ausgeprägtes Votivwesen. Die von Tyrler beschriebene Fülle an Votivtafeln und Krücken zeigt, dass der heutige Bestand lediglich einen Rest einer ehemals wesentlich umfangreicheren Ausstattung darstellt.

Ein besonders anschauliches Votivbild stammt aus St. Pauls in Eppan. Es erinnert an Paul Tissertori, Fischer in St. Pauls, der am 16. April 1880 einen Sturz aus einer Höhe von 18 Schuh, ungefähr fünf bis sechs Metern, unverletzt überstand. In der Inschrift führte er seine Rettung ausdrücklich auf die Fürbitte der Gottesmutter von Unsere Liebe Frau im Walde zurück.

Das Votivbild gehört zum klassischen Typus des persönlichen Rettungsvotivs. Ein außergewöhnliches Ereignis, das nach menschlichem Ermessen schwere Verletzungen hätte verursachen können, wurde als erfahrene Hilfe der Gottesmutter interpretiert. Die Votivtafel machte diese persönliche Erfahrung öffentlich und bewahrte sie zugleich als Zeugnis für spätere Wallfahrer.

Noch aussagekräftiger für die gemeinschaftliche bäuerliche Wallfahrt ist ein weiteres Votivbild aus St. Pauls in Eppan. Seine Inschrift dankt der "wunderbaren Gottesmutter von Senale" für die Erhörung der Bitten um die Abwendung von "Gössen und anderer schaedlicher Insekten" von den Weinbergen in den Jahren 1885 und 1886. Gestiftet wurde die Tafel von den "dankbaren Kreuzgängern der Pfarrgemeinde St. Pauls in Eppan".

Hier handelt es sich nicht um ein individuelles Mirakel, sondern um eine als Gebetserhörung verstandene Hilfe für eine ganze Gemeinde. Der Schädlingsbefall bedrohte die Weinberge und damit einen wesentlichen Teil der wirtschaftlichen Existenz der Bevölkerung. Die gemeinschaftliche Wallfahrt nach Senale, die Bitte um Schutz der Weinberge und die nachfolgende Stiftung eines Votivbildes verbinden religiöse Praxis unmittelbar mit der bäuerlichen Wirtschafts- und Lebenswelt.

Gerade dieses Votivbild gehört daher zu den volkskundlich wichtigsten erhaltenen Zeugnissen der Wallfahrt nach Unsere Liebe Frau im Walde. Es dokumentiert nicht nur einen konkreten Wallfahrtszug von Eppan nach Senale, sondern zeigt gleichzeitig, wie gemeinschaftliche Krisen religiös gedeutet und durch Gelübde, Prozession und Votivgabe bewältigt wurden.

Der Einschnitt unter Kaiser Joseph II.

Einen schweren Einschnitt brachte das Jahr 1784. Im Zuge der josephinischen Kirchenreformen wurden Prozessionen eingeschränkt beziehungsweise verboten. Auch die Wallfahrt nach Senale wurde davon getroffen.

Nach Gasser mussten sämtliche Votivtafeln aus der Kirche entfernt werden. Silberne und goldene Votivgaben sollten aufgrund eines Dekrets vom 29. April 1784 an die Regierung abgeliefert und zu Geld gemacht werden. Statt der zahlreichen einzelnen Votivtafeln sollte eine große Tafel an der Kirche angebracht werden, auf der Namen und Jahreszahlen erhörter Andächtiger verzeichnet werden konnten.

Diese Maßnahmen bedeuteten nicht nur einen Eingriff in die Wallfahrtspraxis, sondern auch einen erheblichen Verlust an volkskundlichen Quellen. Mit den entfernten Votivtafeln und abgegebenen Votivgaben verschwanden materielle Zeugnisse individueller Schicksale, Krankheiten, Gefahren und Dankhandlungen, deren Inhalt heute nicht mehr rekonstruiert werden kann.

Gerade die Beschreibung Tyrlers erlaubt jedoch zumindest eine Vorstellung davon, wie stark das Innere der Kirche zuvor vom Votivwesen geprägt gewesen sein muss.

Wiederbelebung der Wallfahrt

Die josephinischen Maßnahmen schwächten die Wallfahrt, brachten sie jedoch nicht zum Erlöschen. Im 19. Jahrhundert lässt sich eine deutliche Wiederbelebung erkennen.

Die erhaltenen Votivtafeln aus dieser Zeit belegen erneut zahlreiche individuelle und gemeinschaftliche Wallfahrtsanliegen. Die beiden Eppaner Votivbilder von 1880 beziehungsweise 1885/86 zeigen, dass Senale weiterhin ein bedeutender Gnadenort für das Überetsch blieb.

Auch verschiedene Bruderschaften unterstützten die organisierte Frömmigkeit. Bereits 1642 war eine Bruderschaft zu den Heiligen Sebastian und Rochus errichtet worden, 1688 folgte eine Rosenkranzbruderschaft. Im 19. Jahrhundert entstanden weitere religiöse Vereinigungen.

Hospiz, Passweg und Wallfahrt

Für die volkskundliche Einordnung ist die Verbindung von Hospiz und Wallfahrt von besonderer Bedeutung. Der sakrale Ort befand sich unmittelbar in einer Landschaft des Übergangs. Wer über den Gampenpass zog, war im Mittelalter und in der frühen Neuzeit Witterung, Schnee, Dunkelheit und den allgemeinen Gefahren des Reisens ausgesetzt.

Das Hospiz bot Unterkunft und praktische Hilfe, während die Marienkirche einen Ort des Gebetes und des religiösen Schutzes darstellte. Materielle Fürsorge und religiöse Zuflucht standen hier unmittelbar nebeneinander.

Senale unterscheidet sich damit von jenen Wallfahrtsorten, deren Geschichte nach der Überlieferung mit einem einzigen Wunder oder der Auffindung eines Gnadenbildes beginnt. Hier bestand zunächst ein institutionell abgesicherter kirchlicher und hospitaller Ort an einem bedeutenden Verkehrsweg. Erst im Verlauf der weiteren Geschichte wird die ausgeprägte Wallfahrt zum Marienbild in den Quellen deutlich fassbar.

Die spätere Wallfahrtslegende verdichtete diese komplexe Entwicklung zu einer einfacheren und anschaulicheren Erzählung vom im Wald gefundenen und auf wunderbare Weise an seinen erwählten Ort zurückkehrenden Marienbild.

Wallfahrt und Agrarkultur

Von besonderem volkskundlichem Interesse ist die enge Verbindung des Gnadenortes mit den Bedürfnissen einer landwirtschaftlich geprägten Bevölkerung. Die überlieferten Prozessionen um günstige Witterung und das Eppaner Votivbild gegen schädliche Insekten zeigen, dass Maria von Senale auch als Fürsprecherin in elementaren Fragen der bäuerlichen Existenz angerufen wurde.

Wetter, Hagel, Schädlingsbefall und Missernten konnten für vormoderne bäuerliche Gesellschaften unmittelbare wirtschaftliche Not bedeuten. Gemeinschaftliche Bittgänge waren daher nicht bloß Ausdruck individueller Religiosität, sondern Bestandteil einer kollektiven Strategie im Umgang mit Gefahren, die sich der unmittelbaren menschlichen Kontrolle entzogen.

Der Kreuzgang nach Senale verband körperliche Anstrengung, Gebet, Gelübde und Gemeinschaft. Die anschließende Votivgabe machte eine als erfolgreich erfahrene Bitte dauerhaft sichtbar. In dieser Verbindung von Wallfahrt und Agrarkultur liegt eine der besonderen volkskundlichen Qualitäten des Gnadenortes.

Die Wallfahrt bis in die Gegenwart

Die Wallfahrt nach Unsere Liebe Frau im Walde ist nicht erloschen. Der Gnadenort wird weiterhin von Pilgern aufgesucht, und insbesondere die Verbindung mit dem italienischsprachigen Nonsberg besitzt bis heute Bedeutung.

Auch der historische Zusammenhang von Weg und Wallfahrt wurde in neuerer Zeit bewusst wieder aufgenommen. Am 30. April 2011 wurde ein neu angelegter Pilger- und Kreuzweg vom Gampenpass zur Wallfahrtskirche gesegnet. Seine 14 Kreuzwegstationen begleiten den Weg zum Heiligtum; eine weitere Station beim Friedhof ist der Auferstehung gewidmet.

Damit setzt sich in moderner Form jene Verbindung fort, die den Ort seit dem Mittelalter geprägt hat: Menschen überschreiten den Pass, folgen einem Weg durch die Gebirgslandschaft und erreichen die Marienkirche als Ziel, Rastplatz und religiösen Mittelpunkt.

Volkskundliche Bedeutung

Unsere Liebe Frau im Walde gehört zu den besonders vielschichtigen Wallfahrtsorten des südlichen Tiroler Raumes. Seine Bedeutung beruht nicht auf einem einzelnen Element, sondern auf dem außergewöhnlichen Zusammentreffen von mittelalterlichem Hospizwesen, Passverkehr, Marienkult, Gnadenbild, Prozessionswesen, Bruderschaften, Mirakelüberlieferung und Votivbrauch.

Hinzu kommt die Lage an der deutsch-italienischen Sprachgrenze. Das Einzugsgebiet der Wallfahrt überschritt diese Grenze seit Jahrhunderten. Prozessionen aus dem Nonsberg, dem Burggrafenamt, dem Überetsch und dem Bozner Raum machten Senale zu einem gemeinsamen religiösen Bezugspunkt verschiedener Landschaften und Sprachräume.

Besondere Bedeutung besitzen die Nachrichten über die 46 von Pfarrer Josef Tyrler verzeichneten Gebetserhörungen, die einst mit Votivtafeln behangene Kirche und die beiden Truhen voller Krücken. Sie zeigen einen Gnadenort, dessen heutiger materieller Bestand nur noch einen kleinen Ausschnitt einer ehemals sehr reichen Mirakel- und Votivkultur vermittelt.

Die erhaltenen Votivbilder führen diese Geschichte in einzelnen menschlichen Schicksalen weiter. Der unverletzt überstandene Sturz Paul Tissertoris und der Dank der Eppaner Kreuzgänger für die Abwendung von Schädlingen aus den Weinbergen stehen exemplarisch für zwei Grundformen des Wallfahrtswesens: die persönliche Anrufung in individueller Not und die gemeinschaftliche Bitte angesichts einer Bedrohung, die eine ganze Bevölkerung betraf.

Gerade die Geschichte von Unsere Liebe Frau im Walde zeigt schließlich, dass Wallfahrt nicht allein aus einer Gründungslegende erklärt werden kann. Der Kult entwickelte sich über Jahrhunderte in einem Geflecht aus Verkehrsweg, institutioneller Fürsorge, Marienverehrung, gemeinschaftlicher Prozession, Mirakelerfahrung und materieller Erinnerung. Das ursprüngliche Kultbild ging verloren, politische Verbote vernichteten einen großen Teil der Votivzeugnisse, und dennoch blieb der Ort im religiösen Gedächtnis der umliegenden Täler lebendig.

Literatur und Quellen

- Vinzenz Gasser: Geschichte des ehemaligen Klosters, der Wallfahrt und Pfarre Senale, Unsere liebe Frau im Walde, am Nonsberge. In: Zeitschrift des Ferdinandeums für Tirol und Vorarlberg, 3. Folge, 45. Heft, 1901, S. 81–126.

- Emanuele Curzel: Madonna di Senale / Unsere Liebe Frau im Walde. In: Hannes Obermair, Emanuele Curzel, Klaus Brandstätter (Hrsg.): Dom- und Kollegiatstifte in der Region Tirol, Südtirol, Trentino in Mittelalter und Neuzeit / Collegialità ecclesiastica nella regione trentino-tirolese del medioevo all'età moderna. Schlern-Schriften 329, Innsbruck 2006, S. 279–282.

- Walter Schneider: Die Hospitäler im Raum Alt-Tirol. Probleme einer Pass- und Übergangsregion. In: Michael Matheus (Hrsg.): Funktions- und Strukturwandel spätmittelalterlicher Hospitäler im europäischen Vergleich. Geschichtliche Landeskunde 56, Stuttgart 2005, S. 59–99.

- Josef Weingartner: Die Kunstdenkmäler Südtirols. Band 2, 7. Auflage, Bozen–Innsbruck–Wien 1991.

- Karl Gruber / Hans Griessmair: Südtiroler Wallfahrten. Bozen 1989.

- Peter Stürz: Unsere Liebe Frau im Walde. Ein volkskundlicher Beitrag über den bedeutenden Wallfahrtsort am Nonsberg. In: Südtirol in Wort und Bild, 22. Jahrgang, Heft 4, 1978, S. 13–20.

- Hans Staffler: Erinnerung an die 500jährige Einweihung der Wallfahrtskirche Senale. Bozen 1932.

- Gino Piz: La Madonna di Senale. Bozen 1949.

- Ambrosius Steinegger: Kurzer Bericht über die Wallfahrt U. L. Frau im Walde (Senale). 4. Auflage, Bozen 1877.

- Ambros Trafojer: Unsere liebe Frau im Walde. Senale, Nonsberg. Wallfahrtsbüchlein. Bozen 1947.

- Georg Ott: Marianum. Legende von den lieben Heiligen. Zweiter Teil, 1869; zur im 19. Jahrhundert überlieferten Wallfahrtslegende.

- Pfarreien Tisens, Unsere Liebe Frau im Walde und St. Felix: Informationen zur Pfarr- und Wallfahrtskirche, zum Gnadenbild und zum Pilgerweg.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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