Schnals, Unser Frau - Pfarr- und Wallfahrtskirche Maria Himmelfahrt

Schnellüberblick
Wallfahrt:Marienwallfahrt seit dem frühen 14. Jahrhundert; die örtliche Gründungsüberlieferung setzt den Beginn auf 1304, ein Ablass ist für 1312 überliefert. Seit Jahrhunderten Mittelpunkt ist das nur etwa 13 cm hohe Gnadenbild.
Status:Lebendige Pfarr- und Wallfahrtskirche; seit 24. November 2024 durch bischöfliches Dekret ausdrücklich als diözesaner Wallfahrtsort der Diözese Bozen-Brixen gemäß cann. 1230 und 1234 CIC bestimmt.
Kultzentrum:Nur etwa 13 cm hohe thronende Muttergottes mit Kind aus Buchsbaumholz, um 1300; durch jahrhundertelange Berührungs- und Kussverehrung stark abgenutzt und heute geschützt in einem barocken Ostensorium am Gnadenaltar.
Ort:Unser Frau in Schnals (Madonna di Senales), Hauptort der Gemeinde Schnals, auf rund 1500 m Höhe.
Bezirk:Vinschgau / Burggrafenamt
Bundesland:Südtirol
Lage und Besuch
Unser Frau 30, 39020 Schnals, Südtirol.
Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Südtirol
Ansicht in Street View
Pfarre: Pfarrei Unser Frau - Pfarrkirche Maria Himmelfahrt
Öffnungszeiten: nach aktueller Gemeindeangabe täglich 9.00-18.00 Uhr; Gottesdienstzeiten werden im jeweiligen Pfarrblatt bekanntgegeben.
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Bilddokumentation
Ausführliche Beschreibung

Bilddokumentation

Pfarr- und Wallfahrtskirche Maria Himmelfahrt in Unser Frau in Schnals, Ansicht von Süden. Der hoch über dem Talgrund gelegene Kirchenstandort wird durch die Gründungslegende als von der Gottesmutter selbst bestimmter Ort gedeutet.

Pfarr- und Wallfahrtskirche Maria Himmelfahrt in Unser Frau in Schnals, Ansicht von Süden

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Wallfahrtskirche Unser Frau im Schnalstal, Ansicht von Norden. Das Heiligtum gab dem früher als Unternvernagt bezeichneten Ort schließlich seinen heutigen Namen.

Wallfahrtskirche Unser Frau im Schnalstal, Ansicht von Norden

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Das Schnalser Gnadenbild: eine nur etwa 13 cm hohe, um 1300 entstandene thronende Muttergottes mit Kind aus Buchsbaumholz. Die Figur wurde durch unzählige Küsse der Pilger über Jahrhunderte stark abgerieben und wird heute hinter Glas in einem barocken Ostensorium am Gnadenaltar geschützt. Links unten am Altar steht die Bitte: "Man bittet um ein Opfer für die Gnadenmutter!" Auf der gestickten Altardecke ist zu lesen: "Maria mit dem Kinde Lieb uns allen Deinen Segen gib".

Gnadenbild der Wallfahrtskirche Unser Frau in Schnals, kleine Marienstatue im Ostensorium

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Ausführliche Beschreibung

Die Pfarr- und Wallfahrtskirche Maria Himmelfahrt in Unser Frau gehört zu den traditionsreichsten Marienwallfahrtsorten Südtirols. Auf einem erhöhten Geländerücken in rund 1500 Metern Höhe gelegen, beherrscht sie den gleichnamigen Hauptort des Schnalstales. Im Mittelpunkt der Verehrung steht eine nur etwa 13 Zentimeter hohe Muttergottesstatue aus Buchsbaumholz, deren Entstehung um 1300 angesetzt wird. Um dieses kleine Bildwerk entwickelte sich eine Wallfahrt, die seit dem frühen 14. Jahrhundert historisch greifbar ist und dem Ort schließlich sogar seinen heutigen Namen gab.

Die kirchliche Stellung des Heiligtums ist heute außergewöhnlich klar. Mit Dekret vom 24. November 2024 bestimmte Bischof Ivo Muser die Pfarrkirche Maria Himmelfahrt in Unser Frau in Schnals ausdrücklich als einen von zehn diözesanen Wallfahrtsorten der Diözese Bozen-Brixen gemäß cann. 1230 und 1234 CIC. Damit ist Schnals nicht nur ein traditioneller regionaler Pilgerort, sondern ein kirchenrechtlich ausgewiesenes diözesanes Heiligtum.

1304 - eine alte Gründungsüberlieferung, aber keine zeitgenössische Urkunde

Die örtliche Tradition setzt den Beginn der Wallfahrt in das Jahr 1304. Diese Jahreszahl wird unter anderem auf einem historischen Gründungsbild in der Kirche überliefert. Oswald Menghin beschrieb bereits 1914 eine große, in mehrere Szenen gegliederte Tafel, welche die Ankunft beziehungsweise Auffindung des Gnadenbildes, die beim Kirchenbau verletzten Arbeiter und die schließlich am richtigen Ort vollendete Kirche zeigt. Der beigefügte Vers nennt ausdrücklich das Jahr 1304 und erzählt von einem fremden Pilger, der aus weiter Ferne in das Tal gekommen sei.

Damit ist 1304 keineswegs eine moderne Erfindung, sondern eine seit langem fest verankerte lokale Datierung. Quellenkritisch ist jedoch zwischen einer späteren Gründungstafel und einer im Jahr 1304 ausgestellten Urkunde zu unterscheiden. Ein unmittelbar zeitgenössischer schriftlicher Gründungsbeleg von 1304 ist derzeit nicht nachgewiesen. Für die SAGEN.at-Dokumentation ist deshalb die Formulierung vorzuziehen, dass die örtliche Überlieferung den Beginn des Kultes auf 1304 datiert.

1306 und 1312 - der frühe Kapellenbau

Nach der überlieferten Chronologie wurde bereits 1306 eine erste Kapelle für das Marienbild errichtet. Wenige Jahre später wird die Quellenlage fester: Um 1312 ist eine Marienkapelle in Schnals in einer kirchlichen Urkunde beziehungsweise im Zusammenhang mit der Verleihung eines Ablasses greifbar. Spätestens zu diesem Zeitpunkt bestand somit ein marianischer Andachtsort, der bereits über die Bedeutung einer privaten Hausandacht hinausging.

1349 wurde die kleine Kapelle erweitert und ein Marienaltar geweiht. 1407 war ein größerer gotischer Kirchenbau vollendet. Diese bauliche Entwicklung spiegelt das Anwachsen des Kultes: Innerhalb eines Jahrhunderts entstand aus einer kleinen Kapelle eine richtige Kirche.

1366 - frühe Mirakelüberlieferung

Eine weitere bemerkenswerte Nachricht wird in der pfarrlichen Geschichtsdarstellung für das Jahr 1366 überliefert. Demnach bestätigte der Bischof von Chur die Seelsorge in Schnals und verwies dabei auf Wunder, die hier "des öfteren geschehen" seien. Solange die betreffende Churer Quelle nicht in einer kritischen Edition unmittelbar vorliegt, sollte diese Aussage an die pfarrliche Überlieferung gebunden bleiben. Dennoch zeigt sie, wie früh der Ort bereits mit einem besonderen Gnaden- und Mirakelruf verbunden wurde.

Die Gründungslegende

Die Ursprungslegende ist in mehreren Fassungen überliefert. In der heute verbreiteten Erzählung finden zwei Pilger im Gesträuch des späteren Kirchbühels ein kleines Marienbild und übergeben es einem Bauern. Das Bild bleibt jedoch nicht dort, sondern kehrt auf wunderbare Weise an den Ort seiner Auffindung zurück. Eine ältere auf der Gründungstafel festgehaltene Fassung spricht dagegen von einem einzelnen fremden Pilger. Andere spätere Varianten erweitern die Erzählung um einen ungewöhnlichen Lichtschein, der die Pilger zum Bild geführt habe.

Die Unterschiede zeigen deutlich, dass es sich nicht um einen protokollarischen Ereignisbericht handelt, sondern um eine über Jahrhunderte weitergegebene Gründungslegende. Konstant bleibt jedoch das zentrale Motiv: Das Marienbild verfügt gleichsam über einen eigenen Willen und bestimmt selbst den Ort seiner Verehrung.

Die blutigen Späne und die Vögel

Die Bewohner wollten die Kirche der Legende nach zunächst an einem bequemeren Platz im Talgrund errichten. Beim Bau verletzten sich jedoch Zimmerleute; sie "verhackten" sich. Vögel sollen die mit Blut befleckten Holzspäne aufgenommen und hinauf auf den Kofel getragen haben, an den Platz, an dem das Marienbild gefunden worden war. Darin erkannte man ein Zeichen dafür, dass Maria an diesem erhöhten Ort verehrt werden wollte.

Volkskundlich gehört diese Erzählung zum verbreiteten Typus der Bauplatzlegende. Nicht menschliche Zweckmäßigkeit entscheidet über den Standort des Heiligtums, sondern ein außergewöhnliches Zeichen. In Schnals ist besonders die Verbindung von verletzten Arbeitern, ihrem Blut und den Vögeln als Vermittlern des göttlichen Willens charakteristisch.

Das Gnadenbild

Der eigentliche Mittelpunkt der Wallfahrt ist erstaunlich klein: eine nur ungefähr 13 Zentimeter hohe thronende Madonna mit dem Jesuskind aus Buchsbaumholz. Die Entstehung wird um 1300 angesetzt. Ihre genaue Herkunft ist bislang nicht geklärt. Stilistische Vergleiche wurden sowohl im süddeutschen Raum als auch weiter westlich bis nach Zentralfrankreich gesucht. Die gelegentlich geäußerte Vorstellung, die Figur sei ein Pilgersouvenir aus dem Heiligen Land, ist dagegen nicht belegt und sollte nicht als historische Tatsache wiederholt werden.

Die geringe Größe des Bildes ist für seine Geschichte durchaus bedeutend. Ein solches Objekt war transportierbar und konnte ursprünglich auch als persönliches Andachtsbild gedient haben. Ob es tatsächlich von einem Fernpilger in das Schnalstal gebracht wurde, lässt sich aus der Kunstform allein jedoch nicht erschließen.

Eine alte Kopie auf Schloss Tirol

Im Südtiroler Landesmuseum Schloss Tirol wird eine nur etwa 9,2 Zentimeter hohe historische Kopie des Schnalser Gnadenbildes verwahrt. Sie ist vermutlich in Tirol entstanden und könnte noch dem 14. Jahrhundert angehören. Die kleine Nachbildung ist für die Ikonographie des heute stark abgenutzten Originals von besonderem Interesse.

Die Kopie zeigt eine thronende Maria mit Schleier und geflochtenem Haar. In der rechten Hand hält sie einen Apfel, der Maria als neue Eva kennzeichnet; das Christkind sitzt auf ihrem linken Knie und greift zur Brust der Mutter. Unterhalb des Thrones befindet sich ein kleines Reliquienfach. Nicht jedes Detail der Kopie darf automatisch auf das Original übertragen werden, doch sie vermittelt eine Vorstellung davon, wie der Bildtyp ursprünglich ausgesehen und verstanden worden sein kann.

Solche Nachbildungen dienten darüber hinaus nicht nur der Erinnerung. In der vormodernen Gnadenbildfrömmigkeit konnte eine Kopie als Träger einer vom Original abgeleiteten sakralen Wirksamkeit verstanden werden. Die frühe Schnalser Kopie ist daher zugleich ein Zeugnis für die Verbreitung des Kultes.

Berührungsfrömmigkeit - das "abgebusste" Gnadenbild

Das Original selbst bewahrt auf besonders eindrucksvolle Weise Spuren jahrhundertelanger Verehrung. Pilger küssten das kleine Bild über Generationen so häufig, dass seine Oberfläche stark abgerieben und die ursprüngliche Form teilweise kaum mehr erkennbar wurde. Heute befindet sich die Figur deshalb geschützt hinter Glas in einem barocken Ostensorium.

Diese Abnutzung ist kein bloßer konservatorischer Schaden, sondern ein materielles Dokument religiöser Praxis. Das Gnadenbild wurde nicht nur betrachtet. Die Wallfahrer suchten die unmittelbare körperliche Nähe zum heiligen Gegenstand. Der Kuss bedeutete Verehrung, Bitte und persönliche Kontaktaufnahme zugleich. Die Oberfläche der Statue trägt deshalb gewissermaßen die Spuren unzähliger einzelner Wallfahrten.

Gnadenaltar und Hochaltar

Für die Beschreibung des Kirchenraumes ist eine klare Unterscheidung notwendig: Das Gnadenbild befindet sich am Gnadenaltar in seinem Ostensorium und ist damit nicht einfach mit dem Bild- oder Figurenprogramm des eigentlichen Hochaltares gleichzusetzen. Der Gnadenaltar wird von Schnitzfiguren des heiligen Josef und des heiligen Johannes Nepomuk begleitet. Der Hochaltar wurde nach der örtlichen Beschreibung von Michael Stämbler entworfen.

Gerade diese Sonderstellung des kleinen Mirakelbildes macht deutlich, dass seine Bedeutung nicht aus seiner Größe oder künstlerischen Monumentalität entsteht. Ein wenige Zentimeter großes Andachtsbild besitzt im Kirchenraum einen eigenen, auf seinen Kult zugeschnittenen repräsentativen Ort.

Opfergaben und das Wallfahrtsaufkommen

Auf dem Gnadenaltar erinnert die Inschrift "Man bittet um ein Opfer für die Gnadenmutter!" an eine der ältesten materiellen Formen des Wallfahrens. Pilger brachten neben Gebet und Gelübde häufig auch eine Gabe an den Gnadenort.

Karl Gruber und Hans Griessmair berichten für das 15. Jahrhundert von jährlichen Opfergeldern bis etwa 500 Gulden. Ein unmittelbar zugänglicher mittelalterlicher Rechnungsbeleg für diese konkrete Summe konnte bei der jetzigen Bearbeitung nicht geprüft werden. Die Zahl sollte deshalb ausdrücklich an diese Autoren gebunden bleiben. Wenn sie auf zeitgenössischen Rechnungen beruht, vermittelt sie jedenfalls eine Vorstellung von der außergewöhnlichen wirtschaftlichen und religiösen Bedeutung des hochgelegenen Heiligtums.

Vom gotischen Heiligtum zur barocken Wallfahrtskirche

Im 18. Jahrhundert genügte auch die gotische Kirche den Anforderungen nicht mehr. 1747 wurde nach der örtlichen Pfarrgeschichte der Grundstein für den heutigen größeren Bau gelegt. Unter Pfarrer Hieronymus Mathuj und dem Bozner Baumeister Schiestl entstand die barocke Kirche, die 1756 geweiht wurde. Der ältere gotische Bau wurde anschließend abgetragen.

Die barocke Monumentalisierung steht in einem auffälligen Verhältnis zum winzigen Gnadenbild. Ein Objekt von nur wenigen Zentimetern wurde zum religiösen Mittelpunkt eines großen Kirchenbaues. Damit macht gerade die Architektur sichtbar, welche soziale und religiöse Bedeutung sich um das kleine Bild angesammelt hatte.

Die Gründungslegende im Kirchenraum

1881 erhielt das Gewölbe Nazarenermalereien von Heinrich Klubenschedl. Die Bildfolge zeigt unter anderem die Auffindung des Gnadenbildes sowie weitere marianische Szenen. Damit wurde die mittelalterliche Gründungsüberlieferung im 19. Jahrhundert noch einmal großformatig in den Kirchenraum eingeschrieben.

Die Legende lebt daher in Schnals auf mehreren Ebenen fort: in schriftlichen Fassungen, auf der historischen Gründungstafel und in der späteren Deckenmalerei. Für die Wallfahrtsgeschichte ist gerade diese immer neue bildliche Vergegenwärtigung aufschlussreich. Sie zeigt, dass die Entstehungserzählung selbst Teil des Kultes geworden war.

Eine Votivtafel von 1694 - Schaftrieb und Gletscherspalte

Ein besonders charakteristisches Zeugnis des Schnalser Votivwesens stammt aus dem Jahr 1694. Eine Votivtafel erinnert an einen Hirten, der beim Schaftrieb in Richtung Vent in eine Gletscherspalte stürzte. In der Todesgefahr verlobte er sich zur Gottesmutter von Unser Frau und versprach eine Votivtafel. Nach seiner Rettung erfüllte er dieses Gelübde.

Der Vorgang verbindet die Wallfahrt unmittelbar mit der tatsächlichen Lebens- und Arbeitswelt des Tales: Viehwirtschaft, hochalpiner Schaftrieb, Gletscher und Lebensgefahr. Die Wallfahrt war damit nicht von der bäuerlichen Alltagswelt getrennt. Die Gnadenmutter wurde gerade in jenen Situationen angerufen, in denen die Menschen bei ihrer Arbeit den elementaren Gefahren des Gebirges ausgesetzt waren.

Wallfahrt und Transhumanz

Der Schnalser Schaftrieb über den Alpenhauptkamm gehört zu den eindrucksvollsten Formen alpiner Transhumanz. Menschen und Tiere bewegten sich regelmäßig zwischen den Höfen des Schnalstales und den Weidegebieten jenseits der Jöcher. Die Votivtafel von 1694 zeigt, dass diese wirtschaftliche Wanderbewegung zugleich eine religiöse Dimension besitzen konnte.

Wer einen gefährlichen Übergang antrat, konnte sich der Gnadenmutter empfehlen; wer gerettet zurückkehrte, erfüllte ein Gelübde. Der Wallfahrtsort wurde dadurch in das System von Wegen, Arbeitsbewegungen und Gefahren eingebunden, das die bäuerliche Existenz des Tales bestimmte.

Die Wallfahrt von St. Martin im Kofel

Eine der eindrucksvollsten noch lebendigen Traditionen ist die Fußwallfahrt von St. Martin im Kofel nach Unser Frau. Die Pilger legen einen langen und beschwerlichen Weg über Niederjöchl und Penaudtal zurück. Historische Überlieferungen und jüngere Berichte verbinden die Wallfahrt besonders mit der Bitte um Schutz vor Naturkatastrophen und um eine gute Kornernte; in neuerer Zeit treten Dank, persönliche Anliegen und die Bitte um Schutz bei der schweren Arbeit am Berg hinzu.

Gerade an dieser Wallfahrt lässt sich der Wandel bäuerlicher Frömmigkeit ablesen. Das Grundmuster bleibt erhalten: Ein weiter körperlicher Weg wird mit einer konkreten Bitte verbunden. Die Anliegen verschieben sich jedoch entsprechend den Lebensbedingungen der Pilger.

Das Gnadenbild für die St.-Martiner Pilger

Nach Karl Grubers Kirchenführer wird das sonst hinter Glas geschützte Gnadenbild den Pilgern aus St. Martin im Kofel am Ende ihrer Wallfahrtsmesse zur besonderen Verehrung dargeboten. Damit bleibt eine ältere Form körpernaher Gnadenbildverehrung wenigstens in einem rituell begrenzten Zusammenhang erhalten.

Die Distanz, die heute aus konservatorischen Gründen zwischen Pilger und Bild besteht, wird für diese traditionelle Pilgergruppe noch einmal bewusst verringert. Dadurch besitzt die St.-Martiner Wallfahrt eine besonders enge Beziehung zum zentralen Kultobjekt.

Maria Himmelfahrt am 15. August

Das Hauptfest des Wallfahrtsortes ist Maria Himmelfahrt am 15. August. Das kleine Gnadenbild wird dabei in Prozession durch Unser Frau getragen. Die öffentliche Prozession stellt den sonst geschützten Kultgegenstand in den Mittelpunkt der ganzen Gemeinde und führt ihn für kurze Zeit aus dem Kirchenraum hinaus.

An den Gewändern der Träger erscheinen Jakobsmuscheln als Pilgerzeichen. Daraus sollte jedoch nicht ohne weitere Belege auf eine konkrete mittelalterliche Santiago-Route durch Schnals geschlossen werden. Die Muschel ist heute ein allgemein verständliches Symbol des Pilgerwesens und dokumentiert zunächst die bewusste Identifikation der Prozession mit der Wallfahrt.

Das "Schnolser Mueterle"

Im religiösen Alltag wird die Gnadenmutter liebevoll als "Schnolser Mueterle" bezeichnet. Diese Dialektform bringt eine besondere Nähe zum Ausdruck. Aus dem kunsthistorisch spätromanischen Mirakelbild und der liturgischen Maria Himmelfahrt wird im persönlichen Gebet eine vertraute mütterliche Gestalt, zu der Menschen mit Bitten und Dank kommen.

Die heute entzündeten Votivkerzen setzen dabei eine ältere Tradition in veränderter Form fort. Die barocke oder frühneuzeitliche Votivtafel erzählte eine Rettung ausführlich in Bild und Schrift; die Kerze ist knapper und anonymer. Beide Handlungen machen jedoch Bitte oder Dank materiell sichtbar.

Der Marien-Wallfahrtsweg

Um 1999/2000 wurde südlich von Unser Frau ein eigener Marien-Wallfahrtsweg angelegt. Die Quellen nennen teilweise fünf, teilweise sechs Stationen; wahrscheinlich werden fünf eigentliche Wegstationen und die Kirche beziehungsweise der Gnadenaltar als Ziel unterschiedlich gezählt. Der Weg führt durch den Lärchenwald zur Wallfahrtskirche und bietet eine moderne Form der bewussten Annäherung an das Heiligtum.

Die neue Wegform ersetzt die ältere Fußwallfahrt nicht. Sie überträgt vielmehr ein altes Grundprinzip in einen heute leichter zugänglichen Rahmen: Wallfahrt bedeutet nicht allein das Erreichen eines Zieles, sondern auch einen bewusst gegangenen, durch Gebet und Betrachtung gegliederten Weg.

Ein Wallfahrtsort gibt einem Dorf den Namen

Die religiöse Bedeutung des Heiligtums prägte schließlich sogar den Ortsnamen. Das heutige Unser Frau wurde früher als Unternvernagt bezeichnet. Mit der zunehmenden Verehrung der "Gnadenmutter Maria von Schnals" setzte sich der Name Unser Frau durch.

Damit ist die Wirkung der Wallfahrt im geographischen Namen selbst eingeschrieben. Nicht nur die Kirche trägt den Namen des Ortes; der Ort wurde nach seinem marianischen Heiligtum benannt.

Der Friedhof als Kunstlandschaft

Zum Ensemble von Unser Frau gehört unmittelbar der Friedhof. Seine besondere Bedeutung erschöpft sich nicht in der sepulkralen Funktion. Zahlreiche moderne Grabkreuze und Grabzeichen aus Bronze, Kupfer und anderen Materialien machen ihn zu einem bemerkenswerten Ort der Südtiroler Kunst des 20. Jahrhunderts. Besonders prägend sind die Arbeiten der beiden 1923 im Schnalstal geborenen Bildhauer Friedrich Gurschler und Martin Rainer.

Diese moderne Kunstschicht steht in unmittelbarer Nachbarschaft zum mittelalterlichen Gnadenbild und zur barocken Wallfahrtskirche. Wer aus der Kirche tritt, begegnet daher innerhalb weniger Schritte Werken, zwischen denen mehrere Jahrhunderte liegen. Gerade diese Selbstverständlichkeit, mit der alte religiöse Kunst und moderne Grabgestaltung nebeneinander bestehen, gehört zum besonderen Charakter von Unser Frau.

Friedrich Gurschler - Bildhauer aus Mastaun

Friedrich Gurschler wurde am 8. Februar 1923 auf dem Mastaunhof bei Unser Frau im Schnalstal geboren und starb am 18. Januar 2020 in Meran. Schon als Kind schnitzte er Figuren. Nach Kriegsdienst und Nachkriegsjahren arbeitete er zunächst als Knecht im Schnalstal. Mit etwa 25 Jahren besuchte er die Kunstschule in St. Ulrich in Gröden und studierte anschließend Bildhauerei an der Akademie in Nürnberg. 1958 schloss er seine Ausbildung als akademischer Bildhauer ab und kehrte nach Südtirol zurück. Später lebte und arbeitete er in Töll bei Partschins.

Gurschlers Werk umfasst Skulptur, Holzschnitzerei, Malerei und Graphik; einen besonders großen Anteil nehmen sakrale Arbeiten ein. Seine Formensprache ist häufig von bewusster Reduktion geprägt. Er selbst formulierte als künstlerisches Ideal, dass eine Arbeit dann stimme, wenn alles Überflüssige weggelassen sei.

Mit dem Schnalstal blieb er lebenslang verbunden. Auf dem Friedhof von Unser Frau befinden sich zahlreiche seiner Grabzeichen. Noch mit über neunzig Jahren schuf er den Dorfbrunnen von Unser Frau aus einem mehr als sechs Tonnen schweren Block weißen Göflaner Marmors. Der Brunnen wurde 2016 aufgestellt und nimmt mit dem Guten Hirten und den Schnalser Schafen unmittelbar auf die Lebenswelt des Tales Bezug. Bereits 1967 hatte Gurschler den Hochgebirgsbrunnen in Katharinaberg geschaffen.

Auch außerhalb des Schnalstales begegnet man seinen Arbeiten an vielen Orten Südtirols. In der Pfarrkirche von Steinegg schuf er Altar, Taufstein und Ambo. Für die Pfarrkirche von Schabs gestaltete er den Taufbrunnen aus Andrianer Porphyr. In der Christkönigskirche von Rabland stammen die Kunstwerke im Kirchenraum sowie weitere Arbeiten im Umfeld der Kirche von ihm. Darüber hinaus schuf Gurschler zahlreiche Grabmäler und Werke für öffentliche Plätze und Friedhöfe.

Seine künstlerische Bedeutung wurde durch zahlreiche Ehrungen anerkannt. 1983 erhielt er das Verdienstkreuz des Landes Tirol, 1987 wurde er Ehrenbürger seiner Heimatgemeinde Schnals, 1996 erhielt er das Ehrenzeichen des Landes Tirol und im Jahr 2000 den Walther-von-der-Vogelweide-Preis. 2001 ernannte ihn Partschins zum Ehrenbürger, 2012 wurde er Ehrenmitglied des Südtiroler Künstlerbundes.

Für Unser Frau ist Friedrich Gurschler deshalb weit mehr als ein aus dem Tal stammender berühmter Künstler. Seine Grabzeichen und der Dorfbrunnen prägen noch heute den unmittelbaren Lebensraum um die Wallfahrtskirche. Seine Kunst gehört damit zur jüngeren kulturellen Identität des Ortes.

Martin Rainer - der Mensch zwischen Herkunft, Leben und Tod

Martin Rainer wurde am 7. April 1923 in Obvernagt im Schnalstal geboren und wuchs auf dem Unterörlhof auf. Nach Zweitem Weltkrieg und Kriegsgefangenschaft besuchte er ab 1947 die Kunstschule in St. Ulrich in Gröden bei Luis Piazza. Anschließend studierte er zwölf Semester Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste in München bei Josef Henselmann. 1964 übersiedelte er mit seiner Familie nach Brixen, wo er bis zu seinem Tod am 13. August 2012 lebte und arbeitete.

Rainers Werk ist in besonderer Weise auf den Menschen ausgerichtet. Geburt und Tod, Beziehung, Schutz, Gefährdung, Alter und die Übergänge des Lebens gehören zu seinen wiederkehrenden Themen. Dabei interessierte ihn nicht das makellos Heroische, sondern gerade das Unvollkommene und Verletzliche. Sein viel zitierter Satz "Das Perfekte ist majestätisch und langweilig" bringt diese Haltung auf den Punkt.

Auch Martin Rainer ist unmittelbar an der Wallfahrtskirche von Unser Frau präsent. An der Ostfassade befindet sich das von ihm geschaffene Kriegerdenkmal. Auf dem benachbarten Friedhof stehen zahlreiche seiner Grabzeichen. Dadurch tritt Rainers Auseinandersetzung mit Leben, Tod und Erinnerung in unmittelbare Nachbarschaft zum mittelalterlichen Gnadenbild und zur barocken Kirche.

Im Schnalstal gehört auch der Brunnen auf dem Dorfplatz von Karthaus zu seinen bekannten Arbeiten. Die Bronzefiguren greifen die Geschichte des ehemaligen Kartäuserklosters Allerengelberg auf. Außerhalb des Tales ist Rainer besonders in Brixen präsent: Im Dom schuf er 1971 den Hauptaltar aus getriebenem Kupfer; auch der heute dort verwendete Ambo stammt von ihm. Auf dem Brixner Domplatz steht sein Lebensbrunnen, der den menschlichen Lebensweg von der Hand Gottes bis zur Rückkehr in diese Hand in einer spiralförmigen Bildfolge darstellt. Das Denkmal für Bischof Joseph Gargitter im Dom stammt ebenfalls von Rainer.

Weitere bedeutende Arbeiten befinden sich in der Cusanus-Akademie in Brixen, wo Rainer ein ausdrucksstarkes Betonrelief des Nikolaus von Kues und Bronzekruzifixe für Zimmer und Säle schuf. In der romanischen Stiftskirche von Innichen stammen Altar, Tabernakel und Ambo von 1980 aus seiner Hand. Auch in der Pfarrkirche von Schabs ist er mit Tabernakel und Ewig-Licht-Ampel vertreten.

Martin Rainer erhielt 1976 den Walther-von-der-Vogelweide-Preis, außerdem das Ehrenzeichen des Landes Tirol, die Ehrenbürgerschaft der Gemeinde Schnals und 1996 den Mozart-Preis der Baseler Goethe-Stiftung. Er war Ehrenringträger der Stadt Brixen und wurde 2012 Ehrenmitglied des Südtiroler Künstlerbundes. Seit 2022 erinnert der von seiner Familie und dem Südtiroler Künstlerbund gestiftete Martin-Rainer-Preis an sein künstlerisches Denken und fördert zeitgenössische Positionen, die sich mit Raum, Form und Inhalt auseinandersetzen.

Volkskundliche Bedeutung

Unser Frau in Schnals ist ein ungewöhnlich vollständiger Wallfahrtsort. Am Anfang steht ein winziges hölzernes Marienbild. Ob es tatsächlich 1304 von einem einzelnen oder mehreren Pilgern gebracht beziehungsweise gefunden wurde, lässt sich historisch nicht entscheiden. Schon im frühen 14. Jahrhundert steht an diesem Ort jedoch eine Marienkapelle, und wenig später ist der Kult kirchlich greifbar.

Die Wallfahrt wächst. Kapelle, gotische Kirche und schließlich der große barocke Bau folgen aufeinander. Das Heiligtum wird so bedeutend, dass es dem ganzen Dorf einen neuen Namen gibt. Das Gnadenbild selbst wird über Jahrhunderte geküsst, bis seine Oberfläche beinahe verschwindet. Eine frühe Kopie verbreitet seinen Bildtyp weiter.

1694 fällt ein Hirte beim Schaftrieb in eine Gletscherspalte und verlobt sich zur Schnalser Gottesmutter. Seine Votivtafel verbindet den Kult unmittelbar mit der charakteristischen Wirtschafts- und Gefahrenwelt des Tales. Noch heute kommen Pilger aus St. Martin im Kofel über die Berge nach Unser Frau. Was historisch besonders der Abwehr von Naturkatastrophen und der Bitte um eine gute Ernte diente, wird nun auch mit persönlichen Anliegen und Schutz bei der Arbeit am Berg verbunden.

Am 15. August wird das kleine Gnadenbild aus seinem geschützten Altar genommen und durch den Ort getragen. Besucher entzünden Votivkerzen und richten Bitten an das "Schnolser Mueterle". Ein moderner Marienweg ergänzt die älteren Wallfahrtsformen. Gleichzeitig prägen mit Friedrich Gurschler und Martin Rainer zwei bedeutende Schnalser Künstler den Friedhof und die unmittelbare Umgebung der Kirche.

Gerade diese Verbindung von mittelalterlichem Gnadenbild, Berührungsfrömmigkeit, alpiner Lebensgefahr, Transhumanz, Votivwesen, Bittwallfahrt, moderner Kunst und heutiger Prozessionspraxis macht Unser Frau zu einem außergewöhnlich dichten Dokument der religiösen und kulturellen Geschichte des Schnalstales.

Literatur und Quellen

- Karl Gruber / Hans Griessmair: Südtiroler Wallfahrten. 2., verbesserte Auflage, Athesia, Bozen 1994, insbesondere S. 89.

- Karl Gruber: Kirchenführer Schnals. Besonders wichtig für Gnadenbild, Berührungsfrömmigkeit und die Wallfahrt von St. Martin im Kofel.

- Oswald Menghin: "Gründungsbilder von Wallfahrtsorten." In: Zeitschrift für österreichische Volkskunde, 20. Jahrgang, Wien 1914, S. 14-23; mit Beschreibung der Schnalser Gründungstafel.

- Karl Atz / Adelgott Schatz: Der deutsche Anteil des Bistums Trient. Topographisch-historisch-statistisch und archäologisch beschrieben. Band V: Die Dekanate Passeier und Schlanders, Bozen 1910, zu Unser Frau in Schnals.

- Franz Messner: "Unser Frau in Schnals - 720 Jahre Marien-Wallfahrtsort." In: Schnolser Blattl, 2024; zur Gründungsüberlieferung, zur Churer Nachricht von 1366, zum Ortsnamenswandel und zur heutigen Verehrung.

- Franz Jäger: Schafe in Tirol. Ein Haustier zwischen Wirtschaft und Kult(ur). Land Tirol, Museumsservicestelle, 2022; zur Votivtafel von 1694 und zum Zusammenhang von Schaftrieb, alpiner Gefahr und Wallfahrt.

- Südtiroler Landesmuseum Schloss Tirol: "Schnalser Gnadenbild", Inv.-Nr. LG 13; zur historischen Kopie des Gnadenbildes und ihrer Ikonographie.

- Diözese Bozen-Brixen: "Dekret zur Bestimmung der Diözesanen Wallfahrtsorte", 24. November 2024. In: Folium Dioecesanum 2024, Nr. 6, S. 190 ff.; Unser Frau in Schnals als diözesaner Wallfahrtsort Nr. 9.

- Gert Ammann: Friedrich Gurschler. Verlagsanstalt Athesia, Bozen 2008.

- Karl Gruber: Martin Rainer. Eine Monographie. Verlagsanstalt Athesia, Bozen 1993.

- Südtiroler Kulturinstitut: Dokumentation des Walther-von-der-Vogelweide-Preises; Martin Rainer als Preisträger 1976 und Friedrich Gurschler als Preisträger 2000.

- Gemeinde Schnals / Schnolser Blattl: Beiträge zu Friedrich Gurschler, Martin Rainer, dem Dorfbrunnen in Unser Frau und zur Kulturgeschichte des Tales.

- Martin-Rainer-Preis / Südtiroler Künstlerbund und Familie Rainer: biographische Angaben, Werkcharakteristik und Ehrungen Martin Rainers.

- Pfarrei und Gemeinde Schnals: laufende Angaben zu Kirche, Adresse, Öffnung, Gottesdiensten und Wallfahrtspraxis.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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