Riffian - Pfarr- und Wallfahrtskirche zu den Sieben Schmerzen Mariens

Schnellüberblick
Wallfahrt:Seit 1310 urkundlich fassbare Marienwallfahrt; mittelalterliche Ablass- und Bußwallfahrt, später ausgeprägte Gnadenbild- und Votivwallfahrt zur Schmerzhaften Muttergottes.
Status:Lebendige Pfarr- und Wallfahrtskirche und Wallfahrtsmittelpunkt des Burggrafenamtes. Besondere Wallfahrtszeiten sind der Marienmonat Mai, der Oktober, die Marienfeste und das Übersetzungsfest im November.
Kultzentrum:Das um 1415 entstandene Gnadenbild, eine Pietà beziehungsweise ein Vesperbild aus Ton; ursprünglich in der benachbarten Friedhofs- und Gnadenkapelle, seit dem 16. November 1749 auf dem Hochaltar der großen Kirche.
Ort:Riffian (Rifiano), am Eingang des Passeiertales nördlich von Meran.
Bezirk:Burggrafenamt
Bundesland:Südtirol
Lage und Besuch
Kirchweg 51, I-39010 Riffian (Rifiano), Südtirol.
Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Südtirol
Ansicht in Street View
Pfarre: Wallfahrtskirche "Zu den Sieben Schmerzen Mariens" Riffian
Öffnungszeiten: werktags 7.30-19.30 Uhr, Sonn- und Feiertage 8.00-18.30 Uhr.
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Bilddokumentation
Ausführliche Beschreibung

Bilddokumentation

Panoramaansicht um 1950:

Ansichtskarte um 1950:

Gnadenbild:
Das Gnadenbild in der Wallfahrtskirche zur Schmerzhaften Muttergottes in Riffian, Passeier, Südtirol.
Das Gnadenbild in Form eines Vesperbildes ist aus Ton gefertigt und stammt aus der Zeit um 1415. Es zeigt Maria mit dem vom Kreuz abgenommenen, blutenden Leichnam Christi auf ihrem Schoß. Es befindet sich im Hochaltar, 1748 von Bartlmä Gratl geschaffen. Am Hochaltar wird das Gnadenbild von sieben Putten mit Kartuschen zu den Sieben Schmerzen Mariens umgeben.
Links im Bild befindet sich der Evangelist Johannes mit seinem Attribut dem Adler.
Rechts im Bild Maria Magdalena, sie hält hier das Kreuz und das für sie charakteristische Salbgefäß.
Beide Figuren verweisen auf die Passion Christi und ergänzen damit unmittelbar die Darstellung der Pietà.

Ausführliche Beschreibung

Riffian gehört zu den ältesten und bekanntesten Marienwallfahrtsorten Südtirols. Die Wallfahrt lässt sich seit dem frühen 14. Jahrhundert urkundlich verfolgen und entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte zu einem religiösen Mittelpunkt des Burggrafenamtes. Ihre Geschichte umfasst mittelalterliche Ablasswallfahrt, individuelle Pilgerreisen, eine gerichtlich auferlegte Bußwallfahrt, barocke Gnadenbildverehrung, ein umfangreiches Votivwesen, Prozessionen und einen bis heute lebendigen Kult um die Schmerzhafte Muttergottes. Die Pfarrei selbst bezeichnet Riffian als Wallfahrtsmittelpunkt des Burggrafenamtes.

Besonders anschaulich ist, dass sich die Geschichte der Wallfahrt noch heute in zwei unmittelbar benachbarten Sakralbauten ablesen lässt. Neben der großen barocken Pfarr- und Wallfahrtskirche steht die wesentlich kleinere Friedhofskapelle "Unsere Liebe Frau am Friedhof", die ursprünglich das Gnadenbild beherbergte. Erst 1749 wurde die Pietà feierlich in die große Kirche übertragen. Die alte Kapelle blieb bestehen und bewahrt mit ihren Fresken von 1415 ein außergewöhnliches Zeugnis dafür, wie eng Gnadenbild, Wallfahrt und spätmittelalterliche Kunst in Riffian miteinander verbunden waren.

Die Ablassbriefe von 1310

Die frühesten sicheren Zeugnisse für die besondere religiöse Bedeutung Riffians stammen aus dem Jahr 1310. Im Pfarrarchiv haben sich vier Ablassbriefe erhalten. Der Churer Bischof Siegfried von Gelnhausen stellte am 24. April 1310 einen Ablass für Besucher und Wohltäter der Marienkapelle von Riffian aus; weitere entsprechende Urkunden folgten am 26. April durch den Bischof von Eichstätt sowie am 1. Mai durch die Bischöfe von Basel und Konstanz.

Der Churer Ablassbrief ist für die Geschichte der Wallfahrt besonders aufschlussreich. Er wandte sich an reuige und gebeichtete Gläubige, die die Marienkapelle an den Festen der Gottesmutter oder am Jahrestag ihrer Kirchweihe aus Andacht besuchten. Ebenso wurden Menschen einbezogen, die der Kapelle zu Lebzeiten oder testamentarisch etwas aus ihrem Besitz zukommen ließen. Damit erscheinen bereits 1310 mehrere klassische Elemente mittelalterlicher Wallfahrtsfrömmigkeit gemeinsam: Marienfeste, Beichte und Buße, der bewusste Besuch eines besonderen Andachtsortes und materielle Zuwendungen an das Heiligtum.

Die vier Urkunden beweisen noch nicht, wie groß die Zahl der damaligen Pilger war. Sie zeigen jedoch, dass die Marienkapelle bereits zu Beginn des 14. Jahrhunderts von kirchlichen Autoritäten bewusst als Ziel religiöser Andacht gefördert wurde. Die heute häufig genannte Jahreszahl 1310 ist daher keine bloße Traditionszahl, sondern durch originale Urkunden abgesichert.

Spätmittelalterliche Pilger und Bußwallfahrt

Die weitere Überlieferung lässt erkennen, dass Riffian früh ein überörtliches Einzugsgebiet besaß. Für 1395 wird eine Schlossfrau von Kasten als Pilgerin aus dem Vinschgau genannt. Noch ungewöhnlicher ist ein Fall aus dem Jahr 1498: Ein Mann aus Eppan, der einen Menschen unglücklich getötet hatte, wurde zu einer Bußwallfahrt nach Riffian verpflichtet.

Damit begegnet eine Form des Wallfahrens, die sich von der später besonders hervortretenden Bitte um Heilung unterscheidet. Eine Pilgerfahrt konnte als Sühneleistung auferlegt werden. Der zurückgelegte Weg, die körperliche Mühe und das Gebet am Gnadenort waren Teil eines Bußvollzuges. Dass Riffian hierfür gewählt wurde, zeigt die bereits im späten Mittelalter anerkannte Stellung des Heiligtums.

Die Auffindungslegende

Die historisch belegte Entwicklung ist klar von der Riffianer Gründungslegende zu unterscheiden. Nach der örtlichen Überlieferung bemerkte ein Bauer nachts wiederholt einen geheimnisvollen Lichtschein im Flussbett der Passer. Gemeinsam mit anderen Männern ging er der Erscheinung nach und fand zwischen Sand und Geröll das Bild der Schmerzhaften Muttergottes.

Der übernatürliche Lichtschein ist ein klassisches Motiv von Auffindungslegenden. Ein zunächst verborgenes oder unscheinbares Objekt wird durch Licht als heilig kenntlich gemacht. In Riffian verbindet sich dieses Motiv mit der Passer: Der Fluss erscheint zugleich als Naturraum, als Gefahrenzone und als jener Ort, aus dem das Kultbild nach der Legende in die menschliche Gemeinschaft gelangt.

Aus dieser Erzählung lässt sich kein historisches Datum für die Entstehung des Kultes gewinnen. Ihr Wert liegt vielmehr darin, zu erklären, weshalb gerade dieses Bild als außergewöhnliches und von Gott ausgezeichnetes Gnadenbild verstanden wurde.

Die Schwalben und die Wahl des Bauplatzes

Die Legende endet nicht mit der Auffindung. Die Riffianer wollten zunächst an einem anderen Platz eine Kapelle errichten. Doch Arbeiter sollen sich wiederholt verletzt haben, und das tagsüber errichtete Mauerwerk sei in der Nacht zusammengebrochen. Schließlich hätten Schwalben die mit Blut befleckten Holzspäne der verletzten Zimmerleute auf einen benachbarten Hügel getragen. Darin erkannte die Bevölkerung den Willen der Gottesmutter und errichtete die Kapelle an jener Stelle.

Volkskundlich werden hier zwei weit verbreitete Legendentypen miteinander verbunden: die wunderbare Auffindung eines Kultbildes und die wunderbare Bestimmung des Bauplatzes. Nicht die Menschen entscheiden endgültig über den Ort des Heiligtums; die verehrte Heiligengestalt selbst gibt durch ein Zeichen zu erkennen, wo sie verehrt werden will.

Gerade die Schwalben verleihen der Riffianer Überlieferung ihre örtliche Eigenart. Der Kirchenführer weist darauf hin, dass der als "Schlag" bezeichnete überdeckte Eingangsbereich noch heute ein beliebter Nistplatz der Schwalben ist und sich die Vögel im Herbst im Bereich der Kirche sammeln. Daraus darf selbstverständlich kein historischer Beweis für die Legende abgeleitet werden; als Überschneidung von Erzählmotiv und örtlicher Beobachtung ist der Zusammenhang dennoch bemerkenswert.

Das Gnadenbild - die Pietà um 1415

Das zentrale Kultobjekt der Riffianer Wallfahrt ist die Pietà beziehungsweise das Vesperbild der Schmerzhaften Muttergottes. Die Figur entstand um 1415 und ist als Tonarbeit überliefert. Maria hält den vom Kreuz abgenommenen Leichnam Christi auf ihrem Schoß und beklagt seinen Tod. Der Bildtypus konzentriert das Passionsgeschehen auf den Schmerz der Mutter und die unmittelbare körperliche Nähe zum toten Sohn.

Damit steht das Gnadenbild in enger Beziehung zum später besonders hervorgehobenen Patrozinium der Sieben Schmerzen Mariens. Es ist nicht eine triumphierende oder königlich thronende Madonna, sondern die Mutter in einem Augenblick tiefster Trauer. Gerade diese Darstellung machte Maria für Wallfahrer zu einer Gestalt, der menschliches Leid und Verlust nicht fremd sind.

Eine wichtige quellenkritische Trennung ist auch hier notwendig: Die Auffindungslegende berichtet vom Fund eines Marienbildes im Flussbett der Passer; die heute verehrte Pietà ist kunsthistorisch um 1415 zu datieren. Legende und materielles Objekt dürfen daher nicht wie ein zeitgenössischer historischer Bericht miteinander gleichgesetzt werden.

Die Friedhofs- und Gnadenkapelle

Über Jahrhunderte befand sich das Gnadenbild nicht in der heutigen großen Kirche, sondern in der unmittelbar benachbarten Friedhofskapelle "Unsere Liebe Frau am Friedhof". Die annähernd quadratische Kapelle wurde kurz vor 1400 errichtet. Ihr Untergeschoss diente als Beinhaus; darüber liegt der eigentliche Kapellenraum. Damit standen Totengedächtnis, Friedhof und Marienverehrung räumlich eng beieinander.

Besonders wichtig ist jedoch, dass sich das Bildprogramm der Kapelle nicht bloß auf Tod und Friedhof bezieht. Der von der Pfarre herausgegebene Kirchenführer interpretiert die Ausmalung als unmittelbar mit dem Gnadenbild und der bereits bestehenden Wallfahrt verbunden. Damit erhalten die Fresken erheblichen Quellenwert: Wenige Jahrzehnte nach den Ablassbriefen von 1310 wird die besondere Bedeutung des Ortes auch in einer anspruchsvollen künstlerischen Ausstattung sichtbar.

Meister Wenzlaus und die Fresken von 1415

Im Jahr 1415 wurde die Friedhofskapelle von einem Maler ausgemalt, der sich in einer Inschrift als "Magister Wenclaus" bezeichnete und sein Werk datierte. Die Fresken gehören zu den bedeutenden Zeugnissen der internationalen Gotik im Raum Meran. Ältere Forschung brachte diesen Riffianer Meister unmittelbar mit jenem Wenzlaus in Verbindung, der für den Trienter Fürstbischof Georg von Liechtenstein die berühmten Monatsbilder im Adlerturm des Castello del Buonconsiglio geschaffen hatte. Die neuere Forschung ist bei einer vollständigen Gleichsetzung vorsichtiger und verweist auf stilistische Unterschiede.

Das Freskenprogramm ist ungewöhnlich anspruchsvoll. Szenen des Mannaregengeschehens und des Goldenen Kalbes stellen rechte Gottesverehrung und Götzendienst gegenüber. An den Seitenwänden erscheinen Episoden aus der Legende der Kreuzauffindung durch die heilige Helena; die Erweckung eines Toten dient dabei als Zeichen zur Erkenntnis des wahren Kreuzes. Kreuztragung und Flucht nach Ägypten führen zugleich unmittelbar zum Thema der Leiden Christi und Mariens.

Die kleine Kapelle war daher keineswegs nur Aufbewahrungsraum für das Gnadenbild. Kultobjekt, Architektur und Wandmalerei bildeten ein theologisches und künstlerisches Ensemble, das die Bedeutung der Wallfahrt um 1400 eindrucksvoll bezeugt.

Vom romanischen Bau zur barocken Wallfahrtskirche

Der heutigen Kirche ging ein romanischer Bau des 12. Jahrhunderts voraus. Nur wenige Reste haben sich erhalten. 1368 wurde eine gotische Kirche geweiht; 1465 folgte eine Erweiterung. Teile dieser mittelalterlichen Bauphasen sind noch im heutigen Gebäude erkennbar.

Der anwachsende Wallfahrtsbetrieb machte im 17. Jahrhundert einen grundlegenden Umbau notwendig. Der Baumeister Francesco Delai bezog zwischen 1669 und 1671 wesentliche Teile der älteren gotischen Kirche in einen neuen barocken Zentralraum ein. Besonders bemerkenswert ist die veränderte Orientierung: Das ehemals geostete gotische Langhaus ging in die Querarme des neuen Baues ein, während das barocke Langhaus nun in Nord-Süd-Richtung verläuft. 1671 wurde die umgestaltete Kirche geweiht.

Damit ist die Baugeschichte selbst ein Zeugnis des Wallfahrtswachstums. Der mittelalterliche Kirchenraum wurde nicht einfach beseitigt, sondern in einen größeren Bau einbezogen, der den Bedürfnissen der Pilger besser entsprach.

Das Votivbild vom Kirchenbau 1669

Der große Umbau ist sogar in einem Votivbild dokumentiert. Eine Tafel von 1669 zeigt einen Arbeiter, der von einem hohen Balken des Dachstuhls in die Tiefe stürzt. Nach der religiösen Deutung des Votivs blieb er durch die Fürbitte der Gottesmutter unverletzt.

Dieses Bild ist ein besonders schönes Beispiel für den mehrfachen Quellenwert von Votivtafeln. Es dokumentiert eine persönliche Gefahr und die subjektiv als erfahren verstandene Hilfe Mariens, zugleich aber auch einen konkreten Abschnitt der Baugeschichte. Das einzelne Ex voto wird dadurch gleichzeitig zu einer Quelle für Frömmigkeits-, Alltags- und Baugeschichte.

Die verschollene Votivtafel zur Schlacht von Calliano

Noch älter soll eine heute verschollene Votivtafel gewesen sein, die den Tiroler Sieg über die Republik Venedig in der Schlacht bei Calliano 1487 der Fürbitte der Riffianer Gottesmutter zuschrieb. Der Kirchenführer bezeichnet sie als früheste Votivtafel des Gnadenortes.

Der Vorgang zeigt eine andere Dimension des Votivwesens: Nicht ein einzelner Krankheits- oder Unfallfall, sondern ein politisch-militärisches Ereignis wurde religiös interpretiert. Weil die Tafel heute nicht mehr vorhanden ist, können Inhalt und Datierung allerdings nur über ältere Beschreibungen rekonstruiert werden. Sie sollte daher ausdrücklich als verschollen überliefertes Votivbild verstanden werden.

Der barocke Hochaltar und die Sieben Schmerzen Mariens

1748/49 schuf Bartlmä Gratl aus Amras den monumentalen Hochaltar. Das mittelalterliche Gnadenbild wurde darin nicht lediglich als ältere Statue aufgenommen; der gesamte Altaraufbau wurde um die Pietà und das Thema der Sieben Schmerzen Mariens entwickelt.

Sieben Putten umgeben das Gnadenbild und tragen Kartuschen mit Darstellungen der sieben Schmerzen. Auch die großen Begleitfiguren beziehen sich auf das Leiden Mariens: Simeon erinnert an die Weissagung vom Schwert, Jesaja an die Leidensprophetien, Johannes und Maria Magdalena an die Passion und den Tod Christi. Balthasar Horer schuf die großen Figuren; Joseph Wengenmayr war wesentlich an der farblichen Gesamtgestaltung beteiligt.

Das alte Vesperbild erhielt damit im 18. Jahrhundert eine neue barocke Rahmung, ohne seine Stellung als eigentliches Kultzentrum zu verlieren. Die mittelalterliche Pietà und der barocke Altar bilden seither eine über mehrere Jahrhunderte gewachsene Einheit.

Die Übertragung des Gnadenbildes 1749

Am 16. November 1749 wurde das Gnadenbild feierlich aus der kleinen Friedhofskapelle auf den neuen Hochaltar der großen Wallfahrtskirche übertragen. Dieses Datum ist im neueren, von der Pfarre herausgegebenen Kirchenführer ausdrücklich angegeben und passt zur Errichtung des Hochaltares 1748/49.

An diese Translation erinnert bis heute das sogenannte Übersetzungsfest, das im November begangen wird. Das Fest ist deshalb besonders interessant, weil es nicht an die legendenhafte Auffindung des Bildes erinnert, sondern an ein historisch greifbares Ereignis seiner Kultgeschichte: die Verlagerung des Gnadenbildes vom ursprünglichen Heiligtum in den großen Kirchenraum.

Die Polstermadonna und eine zweite Wunderüberlieferung

Neben der Pietà besitzt Riffian noch eine weitere bemerkenswerte marianische Bildtradition. Eine um 1500 geschnitzte, auf einem Kissen thronende Madonna mit Kind - die sogenannte Polstermadonna - stand ursprünglich auf dem Hochaltar der gotischen Kirche.

Ein Visitationsprotokoll von 1638 berichtet, dieses Bild habe etwa zwanzig Jahre zuvor "wahre Tränen" vergossen. Damit war offenbar auch diese Madonna zeitweise mit einer Wunderüberlieferung verbunden. Für die Kultgeschichte ist das bemerkenswert, weil Riffian zumindest vorübergehend mehr als ein marianisches Bild besaß, dem eine besondere Wirksamkeit zugeschrieben wurde.

Eine Verwechslung ist jedoch zu vermeiden: Das zentrale und dauerhaft verehrte Gnadenbild der Riffianer Wallfahrt ist die Pietà der Schmerzhaften Muttergottes. Die Polstermadonna besitzt eine eigene Tränenüberlieferung, wurde jedoch nicht zum bestimmenden Kultobjekt der späteren Wallfahrt.

Votivbilder als Archiv menschlicher Nöte

Riffian bewahrt zahlreiche Votivtafeln, besonders aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Sie dokumentieren eine Seite der Wallfahrtsgeschichte, die in Bauakten und offiziellen Kirchenchroniken oft nur am Rand sichtbar wird: Krankheit, Unfall, Lebensgefahr, familiäre Sorge und die Hoffnung auf Fürsprache.

Das Votivbild macht eine private Erfahrung öffentlich. In typischer Form erscheinen Notsituation, Gnadenbild und die betende oder gerettete Person gemeinsam. Der Kirchenraum wurde dadurch über Generationen zu einem materiellen Gedächtnis menschlicher Not und des Dankes. Historisch darf die dargestellte Rettung nicht als medizinisch oder naturwissenschaftlich bewiesenes Wunder verstanden werden; entscheidend ist die religiöse Deutung der Stifter, die ihre Rettung oder Genesung mit der Riffianer Gottesmutter verbanden.

Ein außergewöhnlicher Fall von 1871 - ein totgeborenes Kind in Riffian

Ein für die religiöse Volkskunde besonders eindrücklicher Vorgang ist für das Jahr 1871 überliefert. In Mölten war ein etwa acht Monate altes Mädchen tot geboren worden. Zwei Personen aus der Nachbarschaft trugen das Kind nach Riffian, weil sie bei der dort verehrten Gottesmutter ein Lebenszeichen erbitten wollten, das eine Taufe ermöglichen sollte.

Während des Gebetes glaubten die Begleiter Veränderungen am Körper wahrzunehmen; im Pfarrhaus waren diese Zeichen jedoch nicht mehr erkennbar. Das Kind wurde zunächst in Riffian begraben. Nachdem die Begleiter erfahren hatten, dass bei einem wahrgenommenen Lebenszeichen auch ein Laie eine bedingte Nottaufe hätte vornehmen können, kehrten sie wenige Tage später trotz winterlicher Verhältnisse nach Riffian zurück. Das Kind wurde wieder ausgegraben. Nach neuerlichem Gebet wurden wiederum körperliche Veränderungen als Zeichen von Leben interpretiert, worauf der anwesende Mesner und Totengräber die Taufe vornahm. Danach wurde das Kind kirchlich beigesetzt.

Der Bericht stammt von Pfarrer Johann Klotzner aus Mölten und wurde 1871 schriftlich festgehalten. Er darf selbstverständlich nicht als medizinisch nachgewiesene Wiederbelebung verstanden werden. Historisch dokumentiert er vielmehr eine heute fremd wirkende religiöse Vorstellung, die in der Forschung mit den sogenannten Zeichenkindern oder dem europäischen Répit-Phänomen verglichen wird. Angehörige hofften bei totgeborenen Kindern auf ein kurzes Zeichen des Lebens, um noch die Taufe spenden zu können.

Für Riffian ist quellenkritisch wichtig: Der Fall beweist, dass der Gnadenort 1871 ausdrücklich für eine solche Bitte aufgesucht wurde. Er beweist noch nicht, dass in Riffian über Jahrhunderte ein institutionalisierter oder regelmäßig ausgeübter Zeichenkinderbrauch bestanden hätte. Dafür wären weitere Riffian-spezifische Quellen erforderlich. Als konkret dokumentierter Einzelfall gehört der Vorgang jedoch zur Geschichte der Wallfahrt.

Von Mirakel- und Anliegenbüchern zum heutigen Fürbittbuch

Die schriftliche Fixierung persönlicher Anliegen hat in Riffian eine bemerkenswerte Kontinuität. Jüngere Eintragungen, die im Kirchenführer wiedergegeben werden, sprechen häufig weniger von spektakulären körperlichen Heilungen als von Erschöpfung, Schwermut, Lebenskrisen, Trost und neuer Kraft. Der Gnadenort wird damit weiterhin in Situationen persönlicher Not aufgesucht, auch wenn sich Sprache und Erwartung verändert haben.

Im Eingangsbereich der Kirche liegt heute ein Fürbittbuch auf. Pilger und Besucher können Bitten und Dank eintragen; die Anliegen werden nach Angaben der Pfarrei in das Gebet der Gemeinde aufgenommen. Die materielle Form ist eine andere als bei einer gemalten Votivtafel, die religiöse Grundstruktur bleibt jedoch vergleichbar: Not wird benannt, vor Maria gebracht und in eine gemeinschaftliche Gebetspraxis eingebunden.

Wallfahrtszeiten und Pilgerwege

Die Wallfahrt nach Riffian ist bis heute lebendig. Traditionell besitzen der Marienmonat Mai, der Rosenkranzmonat Oktober und die Marienfeste besondere Bedeutung. Das Übersetzungsfest im November hält die Erinnerung an die Translation des Gnadenbildes von 1749 wach.

Auch der zu Fuß zurückgelegte Weg spielt weiterhin eine Rolle. Pilger erreichen Riffian auf alten Wegen aus dem Raum Meran und Passeier. Der Kirchweg führt unmittelbar zum Heiligtum; auch der Riffianer Waalweg verbindet Landschaftserlebnis und bewusste Annäherung an die Kirche. Der Weg bleibt damit ein Teil der Wallfahrt und nicht nur eine Strecke zwischen Ausgangspunkt und Ziel.

Der Besinnungsweg der Sieben Schmerzen

Zum Jubiläum "700 Jahre Wallfahrt Riffian" wurde 2010 entlang des Riffianer Waalweges ein Besinnungsweg geschaffen. Sieben Holzstelen des Bildhauers Hartmut Hintner greifen die traditionelle Zahl der Sieben Schmerzen Mariens auf und übersetzen sie in gegenwärtige menschliche Erfahrungen.

Damit wird ein Grundmotiv der Wallfahrt neu formuliert. Die Sieben Schmerzen bleiben der religiöse Ausgangspunkt, werden aber mit Leid, Einsamkeit, Hoffnung, Durchhalten und Lebensmut verbunden. Der historische Kult wird nicht museal konserviert, sondern in eine Sprache übertragen, die auch heutige Besucher verstehen können.

Die Schmerzhafte Mutter als Trostbild

Die starke Ausrichtung Riffians auf seelische Not lässt sich unmittelbar aus dem Gnadenbild verstehen. Maria erscheint nicht als vom Leid unberührte Himmelskönigin, sondern als Mutter, die den toten Sohn auf ihrem Schoß hält. Der Kult stellt nicht die Vermeidung jedes Leidens in den Mittelpunkt, sondern die Vorstellung, dass Maria selbst Schmerz erfahren hat und deshalb menschlichem Leid besonders nahe sei.

Gerade darin liegt ein möglicher Grund für die erstaunliche Dauerhaftigkeit der Wallfahrt. Die konkreten Nöte ändern sich: mittelalterliche Buße, Unfall, Krankheit, Sorge um Kinder, Tod und heute häufiger auch Erschöpfung oder seelische Belastung. Der religiöse Bezugspunkt bleibt derselbe - die Schmerzhafte Mutter als Gegenüber für Menschen in einer Situation, in der einfache Lösungen fehlen.

Volkskundliche Bedeutung

Riffian ist aus volkskundlicher Sicht außergewöhnlich, weil sich hier über mehr als sieben Jahrhunderte unterschiedliche Formen des Wallfahrens nahezu wie historische Schichten übereinanderlegen. 1310 stehen Ablass, Marienfeste, Beichte und Stiftung im Mittelpunkt. Im späten Mittelalter erscheinen individuelle Pilger und eine gerichtlich verhängte Bußwallfahrt. Die Auffindungs- und Bauplatzlegende begründet die Heiligkeit von Bild und Ort. Um 1415 erhält die Gnadenkapelle ein anspruchsvolles Freskenprogramm, das die bereits entwickelte Bedeutung des Kultes sichtbar macht.

Die frühe Neuzeit erweitert die marianische Bildwelt mit der Polstermadonna und ihrer Tränenüberlieferung. Das 17. Jahrhundert bringt den großen Kirchenumbau und Votivzeugnisse, das 18. Jahrhundert den monumentalen Hochaltar, der vollständig um die mittelalterliche Pietà und die Sieben Schmerzen Mariens organisiert ist. 1749 wird das Gnadenbild in die große Kirche übertragen; dieses Ereignis bleibt bis heute in einem eigenen Fest präsent.

Das 19. Jahrhundert führt mit dem dokumentierten Fall des totgeborenen Kindes von 1871 in eine heute kaum mehr verständliche, aber historisch reale religiöse Welt, in der Taufe, Tod und ewiges Heil eine existenzielle Einheit bildeten. Im 20. und 21. Jahrhundert verändern sich die Ausdrucksformen erneut. Votivtafeln treten in den Hintergrund; Fürbittbuch, organisierte Fußwallfahrt und Besinnungsweg übernehmen neue Funktionen. Die Anliegen werden häufiger in der Sprache von Trost, Erschöpfung und Lebenskrisen formuliert.

Riffian ist deshalb nicht nur eine alte Wallfahrtskirche mit bedeutender Kunst. Der Ort zeigt in ungewöhnlicher Dichte, wie sich eine Wallfahrt verändern und gleichzeitig ihren zentralen religiösen Bezug bewahren kann. Das Gnadenbild blieb über Jahrhunderte der Mittelpunkt, während sich Bauformen, Rituale, Votivpraktiken und die Sprache der Pilger wandelten.

Literatur und Quellen

- Josef Pircher: Pfarr- und Wallfahrtskirche "Zu den Sieben Schmerzen Mariens" in Riffian. Herausgegeben vom Bildungsausschuss Riffian-Kuens in Zusammenarbeit mit der Pfarre Riffian, Medus, Meran 2013; später online bereitgestellte Fassung des Kirchenführers.

- Mathilde Weger: Riffian. Geschichte des Dorfes und seiner Wallfahrt. Riffian 1983; spätere Ausgabe Bozen 1991.

- Dušan Buran: "Die Ausmalung der Friedhofskapelle in Riffian. Meister Wenzel, Südtirol und die böhmische Kunst um 1400." In: Umění 54, 2006, S. 298-315.

- Ellen Haniel: Meister Wenzlaus von Riffian. München 1940.

- Margarita Machilek: "Der Hochaltar der Pfarr- und Wallfahrtskirche zu Riffian." In: Der Schlern 76, 2002, Heft 10, S. 58-72.

- Leo Andergassen: Südtirol. Kunst vor Ort. Bozen 2002.

- Erich Egg: Kunst im Burggrafenamt. Bozen 1994.

- Josef Weingartner: Die Kunstdenkmäler Südtirols. Band 2, Bozen 1991.

- Bündner Urkundenbuch. Band IV, Nr. 1920, mit Edition des Churer Ablassbriefes vom 24. April 1310 und Nachweis der drei weiteren Riffianer Ablassbriefe desselben Jahres.

- Johann Klotzner: Bericht vom 4. Mai 1871 über ein totgeborenes Kind aus Mölten und die Wallfahrt nach Riffian; veröffentlicht 1871 im Sendboten des göttlichen Herzens Jesu. Für die Riffianer Zeichenkinderpraxis ist die Quelle als konkret belegter Einzelfall, nicht als Nachweis eines institutionalisierten Brauches zu verwenden.

- Pfarrei Riffian: laufende Informationen zur Wallfahrtskirche, zu Öffnungszeiten, Gottesdiensten, Übersetzungsfest, Fürbittbuch, Pilgerwegen und Besinnungsweg.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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