| Wallfahrt: | Lokale und regionale Loreto- und Schutzwallfahrt. |
| Status: | Lebendige örtliche Wallfahrt mit Bittgang, Gottesdiensten, Maiandachten und Rosenkranzgebet. |
| Kultzentrum: | Von Johann Klettenhammer aus Loreto mitgebrachte beziehungsweise nach dem dortigen Vorbild angefertigte Kopie des Gnadenbildes. |
| Besonderheit: | Übertragung des Loretoheiligtums in die Heimat und eigene Schutzüberlieferung nach wiederholten Vermurungen. |
| Ort: | Winnebach, Gemeinde Innichen. |
| Bezirk: | Pustertal. |
| Bundesland: | Südtirol. |
| • | Lage: Loretokirche, Pustertaler Straße, 39038 Winnebach, Gemeinde Innichen. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Südtirol |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Web: Pfarrei zum Hl. Erzengel Michael |
| • | Öffnungszeiten: In der warmen Jahreszeit in der Regel täglich von 9.00 bis 18.00 Uhr. In den Wintermonaten bleibt die Kapelle gewöhnlich geschlossen; im Spätherbst können eingeschränkte Wochenendöffnungen gelten. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
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Die Loretokapelle steht in Winnebach, italienisch Prato alla Drava, dem östlichsten Dorf der Gemeinde Innichen im Oberen Pustertal. Winnebach liegt nahe der österreichischen Grenze an der Pustertaler Straße zwischen Innichen und Sillian. Anders als die erhöht über dem Dorf gelegene Pfarrkirche St. Nikolaus befindet sich die Loretokapelle unten im Talbereich unmittelbar an der Pustertaler Straße.
Die Entstehung der Winnebacher Loretokapelle geht auf den Gastwirt Johann Klettenhammer zurück. Klettenhammer war ein eifriger Wallfahrer und hatte den großen Marienwallfahrtsort Loreto bei Ancona wiederholt besucht. Von einer dieser Pilgerreisen brachte er eine Kopie des dort verehrten Gnadenbildes mit. Für dieses Bild ließ er neben seinem Gasthaus "Klettenheim" eine Kapelle errichten, die in Form und Gestaltung an die Santa Casa von Loreto erinnern sollte. Die Weihe erfolgte im Jahr 1650.
Die Stiftung steht in bemerkenswerter Parallele zum Innichner "Außerkirchl". Auch dieses geht auf einen Gastwirt und Wallfahrer zurück: Georg Paprion ließ nach seinen Pilgerreisen Nachbildungen des Heiligen Grabes von Jerusalem und der Gnadenkapelle von Altötting errichten. Johann Klettenhammer und Georg Paprion verkörpern eine für das 17. Jahrhundert charakteristische Form bürgerlicher Frömmigkeit: Wohlhabende Gastwirte und Kaufleute brachten von weiten Wallfahrten nicht nur Andachtsbilder und Erinnerungsstücke mit, sondern übertrugen die verehrten Heiligtümer in verkleinerter Form in ihre Heimat.
Der ursprüngliche Standort der Kapelle erwies sich jedoch als gefährdet. Der Mittereggerbach und der Mühlbach führten wiederholt Muren und Geschiebe in den Talboden. Im Jahr 1761 wurde die erste Kapelle so stark vermurt beziehungsweise zerstört, dass man sie auf höher gelegenem Gelände neu errichten musste. Der amtliche Südtiroler Monumentbrowser bezeichnet den heute bestehenden Bau ausdrücklich als einen 1761 über beziehungsweise oberhalb des zerstörten Vorgängerbaues errichteten Neubau.
Auch der neue Bau wurde in späterer Zeit mehrmals von Muren getroffen und beschädigt, jedoch nie vollständig zerstört. Als letztes schweres Ereignis wird die Vermurung von 1965 genannt. Dass die kleine Kapelle den wiederholten Naturkatastrophen widerstand, wurde von der Bevölkerung nicht bloß als glücklicher Zufall, sondern als sichtbarer Schutz der Gottesmutter verstanden. Gerade diese Rettungserfahrungen trugen wesentlich dazu bei, dass die Kapelle immer stärker von Hilfesuchenden aufgesucht wurde.
Das ehemalige Gasthaus Klettenheim bestand wesentlich länger als die erste Kapelle. Es musste 1870 dem Bau der Pustertalbahn weichen. Die Loretokapelle blieb damit als einziges sichtbares Zeugnis der Stiftung Johann Klettenhammers und der mit seinem Gasthaus verbundenen Wallfahrtskultur erhalten.
Die heutige Loretokapelle ist ein schlichter, rechteckiger Sakralbau mit geradem Chorschluss. Der Innenraum wird von einem Tonnengewölbe überspannt und durch Lünettenfenster belichtet. Über der Eingangsseite erhebt sich eine einfache Glockenmauer. Diese zurückhaltende Bauweise unterscheidet sich deutlich von repräsentativen barocken Wallfahrtskirchen und entspricht dem Charakter einer kleinen örtlichen Gnadenkapelle.
Der Bau versucht nicht, die große Basilika von Loreto nachzuahmen. Vorbild ist vielmehr die innerhalb der Basilika stehende Santa Casa, das "Heilige Haus", das nach der Legende das Wohnhaus Mariens in Nazareth gewesen sein soll. Die Winnebacher Kapelle ist eine vereinfachte lokale Übertragung dieses Heiligtums. Sie machte es den Gläubigen möglich, die Gnadenstätte von Loreto gewissermaßen in der eigenen Heimat aufzusuchen.
An der Außenwand befindet sich ein Wandgemälde aus dem 18. Jahrhundert. Es zeigt die legendäre Übertragung des Heiligen Hauses von Nazareth nach Loreto. Der Legende zufolge trugen Engel das Haus Mariens durch die Luft und setzten es schließlich in der Nähe von Ancona nieder. Das Fresko erklärt damit nicht nur das Patrozinium, sondern stellt die Kapelle selbst in den größeren Überlieferungszusammenhang der Loretoverehrung.
Im Inneren befindet sich die von Johann Klettenhammer aus Loreto mitgebrachte beziehungsweise nach dem dortigen Vorbild angefertigte Kopie des Gnadenbildes. Die Wände tragen zahlreiche Andachtsbilder, Votivtafeln und Erinnerungsstücke. Dadurch besitzt der Innenraum weniger den Charakter eines kunsthistorisch einheitlich gestalteten barocken Kirchenraumes als jenen eines über lange Zeit gewachsenen volkstümlichen Andachtsortes.
Im italienischen Loreto wird eine dunkel gefasste Marienfigur mit dem Jesuskind verehrt. Das Bild steht in der Santa Casa, die nach der seit dem späten Mittelalter verbreiteten Legende das Wohnhaus Mariens in Nazareth und damit auch der Ort der Verkündigung gewesen sein soll. Engel hätten das Haus im 13. Jahrhundert zunächst aus dem Heiligen Land fortgetragen und schließlich nach Loreto gebracht.
Der Kult von Loreto verbreitete sich in der frühen Neuzeit über große Teile Europas. Pilger ließen Kopien des Gnadenbildes herstellen, brachten Berührungsreliquien mit und stifteten in ihrer Heimat Nachbildungen der Santa Casa. Eine solche Kapelle war daher mehr als eine gewöhnliche Marienkapelle: Sie verstand sich als örtliche Vergegenwärtigung des Hauses von Nazareth und des großen italienischen Wallfahrtsortes.
Für die Winnebacher Gläubigen ersetzte die Kapelle zwar nicht die wirkliche Pilgerfahrt nach Loreto, sie machte deren religiöse Kraft aber dauerhaft im Dorf gegenwärtig. Johann Klettenhammers persönliche Wallfahrt wurde dadurch in eine gemeinschaftliche örtliche Wallfahrt verwandelt. Aus dem von einem einzelnen Pilger mitgebrachten Bild entstand ein Heiligtum für die gesamte Umgebung.
Die Winnebacher Wallfahrt besitzt zwei aufeinanderfolgende Ursprünge.
Zunächst beruhte sie auf der Übertragung des Loretoheiligtums: Ein Wallfahrer brachte eine Kopie des Gnadenbildes aus Italien mit und errichtete dafür eine Nachbildung der Gnadenkapelle. Die Heiligkeit des Ortes war somit ursprünglich von Loreto abgeleitet. Das Winnebacher Kirchlein war ein religiöser Ableger der großen italienischen Marienwallfahrt.
Später entwickelte sich eine eigene örtliche Wunder- und Schutzüberlieferung. Die Kapelle wurde wiederholt vermurt, blieb jedoch trotz der Gewalt der Wildbäche bestehen. Die Bevölkerung erkannte darin den besonderen Schutz der Gottesmutter. Aus der Nachbildung eines fernen Wallfahrtsortes wurde dadurch ein eigenständiger regionaler Gnadenort. Hilfesuchende kamen nun nicht nur, weil die Kapelle an Loreto erinnerte, sondern weil Maria sich nach örtlicher Vorstellung gerade hier als schützend und hilfreich erwiesen hatte.
Die zahlreichen Votivtafeln sind der wichtigste materielle Beleg dieser Verehrung. Sie dokumentieren Dank, Bitte, überstandene Gefahren und erfahrene Hilfe. Nicht jede an der Wand angebrachte Andachtsdarstellung muss eine klassische Votivtafel sein; der erhaltene Bestand zeigt jedoch deutlich, dass die Kapelle über lange Zeit von Menschen in persönlichen Notlagen aufgesucht wurde.
Die Wallfahrt besteht auch heute weiter. Der heutige Kult ist allerdings vorwiegend lokal und regional. Eine große überregionale Pilgerbewegung wie an bedeutenden Wallfahrtszentren ist nicht mehr nachweisbar. Lebendig geblieben sind der Bittgang, einzelne Gottesdienste, Maiandachten, Rosenkranzgebete und der persönliche Besuch der Kapelle.
Volkskundlich gehört die Winnebacher Loretokapelle zu den besonders aufschlussreichen Beispielen barocker Wallfahrtsfrömmigkeit im Pustertal.
Die Kapelle zeigt, wie ein international bedeutender Wallfahrtsort in eine kleine Dorfgemeinschaft übertragen wurde. Ein einzelner Pilger brachte nicht bloß ein Andenken mit, sondern schuf eine dauerhafte räumliche Kopie des besuchten Heiligtums. Wallfahrt führte damit nicht nur Menschen zu heiligen Orten; sie brachte heilige Orte in vervielfältigter Form in die Heimat der Pilger zurück.
Johann Klettenhammer war kein Geistlicher und kein adeliger Grundherr, sondern Gastwirt. Gerade Gastwirte waren aufgrund ihres Berufes mit Reisenden, Pilgern, Händlern und Nachrichten aus entfernten Gegenden verbunden. Klettenhammer erscheint somit als Vermittler zwischen überregionaler Pilgerkultur und örtlicher Volksfrömmigkeit.
Seine Stiftung zeigt zugleich, dass barocke Frömmigkeit keineswegs ausschließlich von Klöstern und kirchlichen Obrigkeiten getragen wurde. Wohlhabende Bürger konnten mit privaten Mitteln Sakralräume errichten und dadurch die religiöse Landschaft ihres Heimatortes dauerhaft prägen.
Winnebach war durch Wildbäche und Vermurungen immer wieder bedroht. Das Überleben der Kapelle wurde vor diesem Erfahrungshintergrund als Wunder verstanden. Die Marienkapelle trat damit in eine unmittelbare Beziehung zur gefährdeten Kulturlandschaft.
Die Wallfahrt bot den Menschen eine religiöse Form, mit kaum beherrschbaren Naturgewalten umzugehen. Muren wurden nicht nur technisch oder wirtschaftlich wahrgenommen, sondern in eine religiöse Deutung eingebunden. Das gerettete Heiligtum vermittelte die Hoffnung, dass auch Menschen, Häuser, Felder und Vieh unter dem Schutz Mariens stehen könnten.
Votivtafeln machen individuelle Not öffentlich sichtbar. Ein Krankheitsfall, ein Unfall, ein Brand oder eine Naturgefahr wurde durch die bildliche Darstellung in die Erinnerung der Gemeinschaft aufgenommen. Die Tafel bezeugte zugleich das Gelübde des Hilfesuchenden und die angenommene Erhörung.
Der Votivbestand der Loretokapelle ist daher nicht bloß Schmuck. Er bildet ein Archiv örtlicher Frömmigkeit, in dem sich persönliche Schicksale, Gefahrenvorstellungen und Hoffnungen mehrerer Generationen niederschlagen.
Der heutige Bittgang von der Pfarrkirche zur Loretokapelle hält die Verbindung zwischen Dorfpfarrei und Gnadenort aufrecht. Der gemeinsame Weg, die anschließende Messe und die Maiandacht sind keine bloße Erinnerung an eine vergangene Wallfahrt, sondern eine weiterhin praktizierte Form lokaler religiöser Kultur.
• Literatur zur Wallfahrt:
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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