Innichen, Die Verehrung des wundertätigen Kreuzes in der Stiftskirche

Schnellüberblick
Wallfahrt:Historische Kreuzwallfahrt zum wundertätigen romanischen Kreuz der Stiftskirche.
Status:Die große frühneuzeitliche Wallfahrt besteht nicht mehr in früherer Form; die Kreuzverehrung lebt in regionaler Sternwallfahrt weiter.
Kultzentrum:Überlebensgroße romanische Kreuzigungsgruppe aus der Mitte des 13. Jahrhunderts.
Besonderheit:Brandwunder von 1413 und ehemals weit über 2.000 Mitglieder umfassende Heiligkreuzbruderschaft.
Ort:Innichen.
Bezirk:Pustertal.
Bundesland:Südtirol.
Lage und Besuch
Lage: Stiftskirche zu den heiligen Candidus und Korbinian, Attostraße 1, 39038 Innichen.
Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Südtirol
Ansicht in Street View
Web: Pfarrei zum Hl. Erzengel Michael und Pfarrei zum Hl. Erzengel Michael
Öffnungszeiten: täglich von 8.00 bis 18.00 Uhr.
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Die Stiftskirche zu den heiligen Candidus und Korbinian steht im historischen Zentrum von Innichen im Oberen Pustertal. Der mächtige romanische Bau, von der Bevölkerung gewöhnlich als "Dom" oder mundartlich als "Tuim" bezeichnet, liegt unmittelbar östlich des Pflegplatzes und ist vom Ortszentrum und vom Bahnhof aus zu Fuß erreichbar.

Geschichte des Stiftes und der Kirche

Innichen gehört zu den ältesten kirchlichen Zentren Tirols. Im Jahr 769 übergab der bayerische Herzog Tassilo III. dem Abt Atto einen ausgedehnten Landstrich im Pustertal. Von dem neu gegründeten Benediktinerkloster aus sollte die christliche Missionierung der östlich angrenzenden slawischen Gebiete betrieben werden. Als Atto später Bischof von Freising wurde, gelangte Innichen unter die Herrschaft des Hochstifts Freising, bei dem es bis zur Säkularisation von 1803 verblieb.

Um 1140 beziehungsweise 1143 wurde das Benediktinerkloster in ein Kollegiatstift umgewandelt. Damals begann der Bau der monumentalen Stiftskirche. Innichen entwickelte sich zugleich zu einem bedeutenden kirchlichen Mittelpunkt, Wallfahrtsort und Handelszentrum. Nach einem Brand im Jahr 1200 wurde die Kirche unter Mitwirkung lombardisch geschulter Baumeister erweitert. Durch Querschiff, Vierungskuppel, Gewölbe und drei Apsiden erhielt sie im Laufe des 13. Jahrhunderts ihre heutige Grundgestalt. Am 16. Oktober 1284 wurde der vollendete Bau geweiht; der monumentale Turm entstand erst um 1320 beziehungsweise zwischen 1320 und 1326.

Die Kirche ist eine dreischiffige romanische Basilika mit Querhaus, Vierungskuppel und drei halbrunden Apsiden. Unter dem erhöhten Chor liegt die dreischiffige Krypta. Im 15. Jahrhundert kamen die zweigeschossige Vorhalle und die Dorotheenkapelle hinzu; 1524 wurde die Nothelferkapelle errichtet. Die Kirche wurde später barock verändert, im 19. und besonders bei der Restaurierung von 1967 bis 1970 jedoch wieder weitgehend auf ihre romanische Raumwirkung zurückgeführt. Damals rekonstruierte man auch die zeitweise abgetragene und zugeschüttete Krypta und legte das monumentale romanische Kuppelfresko wieder frei.

Die romanische Kreuzigungsgruppe

Mittelpunkt des Kirchenraumes und der historischen Wallfahrt ist die überlebensgroße romanische Kreuzigungsgruppe aus der Mitte des 13. Jahrhunderts. Sie besteht aus dem gekreuzigten Christus und den seitlich stehenden Assistenzfiguren Maria und Johannes. Das Werk zählt zu den bedeutendsten erhaltenen Schöpfungen der romanischen Holzbildhauerkunst im Ostalpenraum.

Christus erscheint nicht als geschundener, sterbender Mensch, wie dies besonders in der Gotik üblich wurde. Er wird als Christus triumphans oder Christus victor, als strahlender Sieger über Tod, Sünde und Hölle, dargestellt. Sein Körper hängt nicht kraftlos am Kreuz, sondern steht nahezu aufrecht vor dem Kreuzbalken. Die Augen sind geöffnet, das Haupt ist erhoben und mit einer Lilienkrone geschmückt. Wunden, Todeskampf und körperliche Qual treten gegenüber der königlichen Würde zurück.

Die Figur vermittelt daher nicht in erster Linie den Augenblick des Sterbens, sondern bereits die Gewissheit der Auferstehung. Das Kreuz wird vom Hinrichtungsinstrument zum Thron des siegreichen Christus. Diese Bildauffassung entspricht der romanischen Theologie, in der Kreuzestod, Auferstehung und Weltherrschaft Christi noch eng miteinander verbunden erscheinen.

Unter den Füßen Christi befindet sich ein menschlicher Kopf. Seine Bedeutung wird unterschiedlich erklärt. In älteren örtlichen Darstellungen wurde er als "Mongolenkopf" und damit als Sinnbild einer aus dem Osten drohenden Gefahr verstanden. Andere Deutungen sehen darin den Teufel oder die überwundene Hölle. Kunsthistorisch besonders überzeugend ist die Interpretation als Kopf Adams: Christus steht als neuer Adam über dem ersten Menschen, durch den nach christlicher Vorstellung Sünde und Tod in die Welt gelangten. Durch den Kreuzestod Christi werden Adam und mit ihm die gesamte Menschheit erlöst.

Maria und Johannes stehen unter den ausgebreiteten Armen Christi. Maria hat die Hände über der Brust gekreuzt; Johannes hält ein Buch, vermutlich sein Evangelium. Die Figuren zeigen zwar Trauer, bleiben aber streng, ruhig und hieratisch. Auch sie sind in die Vorstellung des bereits überwundenen Todes einbezogen.

Das Brandwunder von 1413

Der entscheidende Anstoß zur weithin bekannten Kreuzwallfahrt war der verheerende Brand vom 16. Oktober 1413, dem Festtag des heiligen Gallus. Während des mehrtägigen Gallimarktes dürfte Funkenflug von den zahlreichen offenen Feuern den Brand ausgelöst haben. Die Stiftskirche, die Michaelskirche und nahezu der gesamte Markt Innichen gingen in Flammen auf.

Der massive Turm der Stiftskirche diente vielen Bewohnern zunächst als Zufluchtsort. Als auch er Feuer fing, kamen mehrere Menschen im Rauch um; andere stürzten sich in ihrer Verzweiflung aus den Schallöffnungen. Ein zeitgenössischer oder zeitnaher Bittbrief schilderte die vollständige Zerstörung von Kirchen, Häusern, Glocken, Orgeln, Fenstern und Gemälden. Mit Genehmigung des Landesfürsten, des Bischofs von Brixen und des Erzbischofs von Salzburg durfte anschließend in den Diözesen um Unterstützung für den Wiederaufbau gesammelt werden.

In diesem Bittbrief wurde auch ein Ereignis beschrieben, das die leidgeprüfte Bevölkerung als Wunder deutete. Die Kreuzigungsgruppe war vom Feuer verschont geblieben. Am Körper Christi habe man

"ein Schweis in sichtbarlicher Gestalt eines frischen fließenden bluetes"

gesehen.

Damit war offenbar eine Flüssigkeit gemeint, die wie frisch ausgetretenes warmes Blut erschien. Eine handschriftliche Pergamenttafel mit dem Bericht hing bis 1968 in der Vorhalle der Stiftskirche. Eine Reproduktion dieser Tafel ist in der Jubiläumspublikation zu 1250 Jahre Innichen abgebildet.

Die Nachricht verbreitete sich nach Egon Kühebacher "in Windeseile". Die Stiftskirche wurde plötzlich zu einem "Wallfahrtszentrum ersten Ranges". Täglich seien Pilger aus dem gesamten Ostalpenraum gekommen, um das wundertätige Kreuz zu verehren. Zugleich trafen Spenden für den Wiederaufbau des Stiftes und des Marktes ein.

Das Wunder erfüllte damit mehrere Funktionen. Es verlieh der Katastrophe eine religiöse Deutung, gab der Bevölkerung Hoffnung und trug zugleich wesentlich zur materiellen Bewältigung des Brandes bei. Das unversehrte Kreuz wurde zum Zeichen dafür, dass Christus den Markt trotz der Zerstörung nicht verlassen hatte.

Entwicklung der Kreuzwallfahrt

Die Stiftskirche war bereits vor 1413 ein bedeutender kirchlicher Mittelpunkt und Wallfahrtsort. Ursprünglich dürften dabei die Stiftspatrone Candidus und Korbinian, ihre Reliquien und die überregionale Stellung des Innichner Stiftes im Vordergrund gestanden haben. Durch das Brandwunder erhielt die Verehrung jedoch einen neuen, klar auf das Kreuz gerichteten Mittelpunkt.

Seit dem Spätmittelalter bestand in Innichen eine eigene Heiligkreuzbruderschaft. Um 1700 zählte sie nach Angabe der Pfarrei weit über 2.000 Mitglieder, die nicht nur aus dem Pustertal, sondern aus verschiedenen Teilen der Habsburgermonarchie stammten. Diese außerordentliche Mitgliederzahl belegt den weiträumigen Ruf des Innichner Kreuzes. Die Bruderschaft wurde 1786 aufgehoben, also während der josephinischen Neuordnung und Einschränkung zahlreicher Bruderschaften.

Zu den Aufgaben einer solchen Bruderschaft gehörten üblicherweise die Förderung der Kreuzverehrung, die Teilnahme an bestimmten Gottesdiensten und Prozessionen, das Gebet für lebende und verstorbene Mitglieder sowie mitunter gegenseitige Hilfe in Krankheit und Sterben. Für Innichen müssten die genauen Statuten und Verpflichtungen allerdings anhand der von Egon Kühebacher ausgewerteten Archivalien rekonstruiert werden.

Die Wallfahrt ist auch durch materielle Zeugnisse belegt. In der Jubiläumspublikation zu Innichen ist ein eigenes Wallfahrtsbildchen für Pilger zum Heiligen Kreuz der Stiftskirche abgebildet. Ebenso ist ein um 1750 von einem Pilger gestiftetes Votivbild erhalten. Es zeigt Innichen mit der Franziskanerkirche und der ehemaligen Nepomukkapelle und befindet sich über der Innenseite des Südportals der Stiftskirche. Das Bild ist ausdrücklich als Votivgabe an das Kreuz bezeichnet.

Noch bis ins 20. Jahrhundert kamen zu den Hochfesten des Heiligen Kreuzes sowie der Stiftspatrone Candidus und Korbinian große Betergruppen aus den Pfarren und Kuratien des Dekanates nach Innichen. Das Einzugsgebiet erstreckte sich von Welsberg im Westen bis Abfaltersbach und in den Osttiroler Raum. Die Stiftskirche galt als gemeinsame Kirche der sogenannten "Innichner Pfarrmenige", des großen historischen Seelsorgeverbandes des östlichen Pustertales.

Die Staatsgrenze von 1920 durchschnitt diesen alten religiösen Zusammenhang. Pfarren, die jahrhundertelang nach Innichen orientiert gewesen waren, lagen nun in zwei verschiedenen Staaten. Volkskundlich ist dies ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür, wie politische Grenzen gewachsene Wallfahrtsräume und kirchliche Kulturlandschaften verändern konnten.

Heutige Wallfahrt

Die große Kreuzwallfahrt der frühen Neuzeit besteht heute nicht mehr in ihrer früheren Form. Die Verehrung ist jedoch keineswegs erloschen. Die Kreuzverehrung ist weiterhin lebendig.

Das Fest Kreuzerhöhung am 14. September gilt für die Innichner Pfarrgemeinde als Patrozinium der Stiftskirche und wird gewöhnlich am dritten Sonntag im September gefeiert. Seit dem Jubiläumsjahr 2019 findet zu diesem Anlass eine Sternwallfahrt aller Pfarreien der Seelsorgeeinheit Oberes Pustertal nach Innichen statt.

Damit ist die Kreuzwallfahrt in einer zeitgemäßen regionalen Form erneuert worden. Die historische Bruderschaft und die täglichen Pilgerströme bestehen nicht mehr, aber die Stiftskirche bleibt am Kreuzfest gemeinsames Wallfahrtsziel der Pfarreien des Oberen Pustertales.

Volkskundliche Bedeutung

Volkskundlich ist die Innichner Kreuzwallfahrt sehr interessant, weil sich an ihr mehrere zentrale Erscheinungen der Wallfahrtskultur beobachten lassen.

- Das unversehrte Kultbild in der Katastrophe

Das Wunder von 1413 folgt einem weitverbreiteten Erzählmuster: Ein heiliger Gegenstand übersteht eine Katastrophe, obwohl seine Umgebung vollständig zerstört wird. Das unversehrte Bild erscheint dadurch als von übernatürlicher Kraft erfüllt. Es ist nicht mehr nur Darstellung Christi, sondern sichtbarer Träger seiner Gegenwart.

- Blut und Schweiß

Der blutähnliche Schweiß verbindet zwei Vorstellungen. Einerseits erinnert er an Christi Blutschweiß am Ölberg und an sein Leiden. Andererseits reagiert das Bild gewissermaßen körperlich auf das Unglück der Bevölkerung. Der triumphierende, sonst über Schmerz und Tod erhabene Christus nimmt sichtbar Anteil am Leiden Innichens.

Bemerkenswert ist dabei der Gegensatz zwischen Kunstwerk und Wundererzählung: Kunsthistorisch zeigt die romanische Figur den lebenden und siegreichen Christus. In der Wunderüberlieferung beginnt gerade dieser Christus zu schwitzen und zu bluten. Die ältere romanische Triumphdarstellung wurde damit im Spätmittelalter emotional neu gelesen.

Wallfahrt und Wiederaufbau

Der Kult wirkte unmittelbar auf die wirtschaftliche und gesellschaftliche Erholung des Ortes. Pilger brachten Spenden; die Erzählung vom Wunder verbreitete sich zusammen mit den Sammelaktionen für den Wiederaufbau. Religiöse Verehrung, Kommunikation und Katastrophenhilfe waren eng miteinander verbunden.

Bruderschaft als überregionales Netzwerk

Die mehr als 2.000 Mitglieder der Heiligkreuzbruderschaft bildeten ein religiöses Netzwerk weit über das Pustertal hinaus. Bruderschaften banden Menschen an ein Heiligtum, auch wenn diese nur selten persönlich dorthin kamen. Gebete, Mitgliedsbeiträge, Ablässe, Totenfürsorge und Wallfahrten machten das Innichner Kreuz zu einem geistlichen Bezugspunkt innerhalb der Habsburgermonarchie.

Der historische Wallfahrtsraum

Die Pilgergruppen aus dem Gebiet zwischen Welsberg und Abfaltersbach zeigen, dass Wallfahrtslandschaften nicht mit heutigen Staats- oder Verwaltungsgrenzen übereinstimmen. Die Stiftskirche war Mittelpunkt eines zusammenhängenden Kulturraumes des Oberen Pustertales. Die Grenzziehung nach dem Ersten Weltkrieg zerschnitt diesen Raum, während die heutige Sternwallfahrt zumindest innerhalb Südtirols erneut eine regionale Gemeinsamkeit herstellt.

• Literatur zur Wallfahrt:

- Egon Kühebacher: "Zur Geschichte der Verehrung des hl. Kreuzes von Innichen". In: Der Schlern, 45. Jahrgang, 1971.

- Eppacher, Franz: Die Stiftskirche Innichen. Kunst – Symbolik – Glaube. Innichen 2011.

- Kühebacher, Egon: Kirche und Museum des Stiftes Innichen. Begleiter und Führer bei der Betrachtung der Kulturdenkmäler und Kunstwerke des ältesten Tiroler Stiftes. Bozen: Athesia 1993, besonders S. 263–316.

- Kühebacher, Egon: Kunst- und Kulturlandschaft des Gemeindegebietes von Innichen. 3. Auflage, Innichen 2003.

- Kühebacher, Egon: "Innichen im Kampf gegen Feuer und Wasser". In: 1250 Jahre Innichen – Ein Fest für Innichen, Jubiläumspublikation 2019.

- Kühebacher, Egon: 1250 Jahre Innichen. Eine Festschrift zum Jubiläumsjahr 2019. Innsbruck: Universitätsverlag Wagner 2019.

- Beer, Manuela: Triumphkreuze des Mittelalters. Ein Beitrag zu Typus und Genese im 12. und 13. Jahrhundert. Regensburg: Schnell & Steiner 2005, zum Innichner Kreuz besonders S. 651–656.

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Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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