Prad-Agums - Wallfahrt zum "Großen Herrgott" von Agums

Schnellüberblick
Wallfahrt:Historische Herren- und Kreuzwallfahrt zum "Großen Herrgott von Agums". Der Aufschwung setzte nach den 1702 bis 1704 berichteten Erscheinungen am Kruzifix ein; 1705 wurde eine eigene Gnadenkapelle errichtet, 1736 eine Heilig-Kreuz-Bruderschaft gegründet.
Status:Lebendige regionale Wallfahrt. Seit der Rückkehr des Gnadenkreuzes nach St. Georg im Jahr 1988 werden die alten Wallfahrtstraditionen wieder gepflegt; besonders die Fastenfreitage ziehen Gläubige aus umliegenden Orten an.
Kultzentrum:Monumentales gotisches Kruzifix, kunsthistorisch wahrscheinlich aus dem 14. Jahrhundert. Eine Legende erzählt dagegen, ein Hirte habe das Kreuz 1618 auf dem Prader Ochsenberg geschnitzt. Historisch greifbar wird der Gnadenkult durch Pfarrer Gregor Schezers Bericht von 1704 und die kirchlichen Untersuchungen von 1705 und 1707.
Ort:St. Georg oberhalb von Agums, Gemeinde Prad am Stilfserjoch, Vinschgau.
Bezirk:Vinschgau / Burggrafenamt
Bundesland:Südtirol
Lage und Besuch
St. Georg liegt auf einer Anhöhe oberhalb von Agums, 39026 Prad am Stilfserjoch. Vom Dorf führt ein alter, steingepflasterter Kirchsteig unmittelbar zum Friedhof und zur Kirche.
Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Südtirol
Ansicht in Street View
Pfarre: Pfarrei Maria Königin Prad-Agums
Öffnungszeiten: in der Regel saisonal etwa von Ostern bis Oktober; Gottesdienst- und Besichtigungszeiten können sich ändern. Im Sommer werden auch geführte Besichtigungen angeboten.
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Bilddokumentation
Ausführliche Beschreibung

Bilddokumentation

Alte Pfarrkirche und Wallfahrtskirche St. Georg oberhalb von Agums. Der spätgotische Bau liegt innerhalb des ummauerten Friedhofs auf einer weithin sichtbaren Anhöhe. Von 1303 bis 1958 war St. Georg Pfarrkirche von Prad-Agums; der heutige Bau entstand ab 1493 und wurde 1510 geweiht.

Alte Pfarrkirche und Wallfahrtskirche St. Georg in Prad-Agums

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Die 1705 für den "Großen Herrgott" erbaute Gnadenkapelle. Das kunstvolle schmiedeeiserne Abschlussgitter schuf 1719 Christoph Zobl aus Schlanders. Die Kapelle wurde beim Kirchenbrand vom 5. Oktober 1971 schwer beschädigt und erhielt während der Restaurierung 1985 bis 1988 ein neues Gewölbe.

Gnadenkapelle der Wallfahrtskirche St. Georg in Agums

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Der "Große Herrgott von Agums", das zentrale Gnadenkreuz der Wallfahrt. Kunsthistorisch gehört der monumentale Corpus wahrscheinlich dem 14. Jahrhundert an. Die Legende setzt seine Entstehung dagegen in das Jahr 1618. Die im frühen 18. Jahrhundert berichteten "Schwitzungen" und Gebetserhörungen führten zur kirchlichen Untersuchung und zum starken Aufschwung der Wallfahrt.

Großer Herrgott von Agums, Gnadenkreuz in St. Georg

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Titelblatt der zweiten Auflage des Agumser Wallfahrtsbüchleins von Pfarrer Kaspar Rainer, Agums 1904. Schon im 19. Jahrhundert wollte Rainer damit verhindern, dass die ältere Geschichte des Gnadenkreuzes in Vergessenheit geriet oder durch spätere Ausschmückungen entstellt wurde.

Titelblatt des Wallfahrtsbüchleins Der große Herrgott oder die Wallfahrt in Agums, zweite Auflage 1904

Reproduktion nach: Pfarre Prad-Agums, "Der Große Herrgott kehrt zurück", Nachrichten aus der Kreuzgasse, 9. Oktober 1988, S. 12.

Historische Aufnahme vom großen Heilig-Kreuz-Jubiläum am 3. Oktober 1933. Das monumentale Kruzifix wurde damals in Prozession durch das Dorf getragen. Das Foto dokumentiert eindrucksvoll, dass das Gnadenkreuz nicht nur stationär am Altar verehrt, sondern bei besonderen Anlässen in den öffentlichen religiösen Raum des Dorfes getragen wurde.

Prozession mit dem Großen Herrgott von Agums beim Heilig-Kreuz-Jubiläum am 3. Oktober 1933

Reproduktion nach: Pfarre Prad-Agums, "Der Große Herrgott kehrt zurück", Nachrichten aus der Kreuzgasse, 9. Oktober 1988, S. 14.

Eine besonders persönliche Votivgabe: ein 1895 gestifteter Haarzopf mit der Inschrift "Aus Dank dem Gnadenheilande in Agums". Menschliches Haar gehört zu den körpernahen Votivgaben und macht die individuelle Dankbeziehung zum verehrten Christusbild unmittelbar sichtbar.

Votivgabe Haarzopf von 1895 beim Großen Herrgott von Agums

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Hölzerne Votivgaben in der Gnadenkapelle. An einzelnen Stücken sind noch Brandspuren vom 5. Oktober 1971 erkennbar. Sie sind damit zugleich Zeugnisse der Wallfahrtsfrömmigkeit und materielle Spuren des dramatischsten Ereignisses der jüngeren Kirchengeschichte.

Hölzerne Votivgaben mit Brandspuren in der Wallfahrtskirche St. Georg in Agums

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Ausführliche Beschreibung

Die alte Pfarrkirche St. Georg oberhalb von Agums gehört zu den bemerkenswertesten Herrenwallfahrtsorten des Vinschgaus. Anders als bei den zahlreichen Marienwallfahrten der Region steht hier nicht die Gottesmutter oder ein Heiliger, sondern der gekreuzigte Christus im Mittelpunkt. Das Ziel der Pilger ist der monumentale "Große Herrgott von Agums", ein wahrscheinlich aus dem 14. Jahrhundert stammendes Kruzifix, um das sich seit dem frühen 18. Jahrhundert eine historisch gut fassbare Wallfahrt entwickelte. Ihre Geschichte lässt sich ungewöhnlich dicht verfolgen: durch einen Bericht des Agumser Pfarrers Gregor Schezer von 1704, eine kirchliche Zeugenvernehmung von 1705, das bischöfliche Urteil von 1707, Wallfahrtsbüchlein, Bruderschaftsstatuten, Votivgaben, Kreuzgänge aus anderen Vinschgauer Gemeinden und schließlich durch die umfangreiche Dokumentation über Brand, Restaurierung und Rückkehr des Gnadenkreuzes im 20. Jahrhundert.

Die Wallfahrt ist keine nur historische Erinnerung. Nach dem Kirchenbrand von 1971 blieb der "Große Herrgott" siebzehn Jahre in der neuen Pfarrkirche Maria Königin in Prad. Am 9. Oktober 1988 wurde er feierlich nach St. Georg zurückgebracht und der Wallfahrtsweg von Prad über Gargitz und Frauwaal nach Agums gesegnet. Seit dieser Wiederbelebung werden in St. Georg wieder regelmäßig Gottesdienste gefeiert; besonders die Fastenfreitage ziehen bis heute Gläubige aus umliegenden Orten an. Damit verbindet sich in Agums ein außergewöhnlich gut dokumentierter historischer Gnadenkult mit einer weiterhin lebendigen regionalen Frömmigkeit.

St. Georg oberhalb von Agums

Die Kirche liegt weithin sichtbar auf einer Anhöhe südwestlich oberhalb von Agums. Vom Dorf führt ein steingepflasterter Kirchsteig, beiderseits von Mauern begleitet, direkt in den ummauerten Friedhof. Die Anlage wirkt fast wehrhaft: weiße Mauern, der kräftige Turm mit Spitzhelm und die starke Friedhofsmauer prägen das Bild. Der Kirchenstandort war jahrhundertelang das religiöse Zentrum der Pfarre Prad-Agums. Bereits 1303 wurden Prad und Agums gemeinsam mit Stilfs und Sulden von der Urpfarre Schluderns getrennt; St. Georg blieb bis zum Bau der neuen Pfarrkirche Maria Königin im Jahr 1958 Pfarrkirche.

Der spätgotische Kirchenbau 1493 bis 1510

Über die Entstehung des heutigen spätgotischen Baues informiert ein im Pfarrarchiv erhaltener Vertrag von 1493. Beteiligt waren die vier damaligen Gemeinden Agums, Prad, Stilfs und Sulden. Der Bau war ein gemeinschaftliches Unternehmen: Stilfs und Sulden hatten unter anderem vierzig Ladungen Tuffstein zu brechen und zur Baustelle zu liefern. Dieser rötliche Stein aus der näheren Umgebung ist noch heute an Portal, Strebepfeilern und im Inneren am spätgotischen Rippennetzgewölbe sichtbar. Die Leitung der Arbeiten lag bei dem aus dem Lechtal stammenden Werkmeister Cristan Reffel. Am 9. Mai 1510 nahm ein Churer Weihbischof die Weihe der Kirche und ihrer drei Altäre vor; damit war die spätgotische Bauphase im Wesentlichen abgeschlossen.

Zu den älteren Kunstwerken gehört eine spätgotische Reiterfigur des heiligen Georg aus dem späten 15. Jahrhundert, die ursprünglich Teil des ersten Flügelaltares war und heute in einer Nische der Gnadenkapelle aufgestellt ist. Werner Kuntner bezeichnet sie als ein Kunstwerk ersten Ranges. Sie darf nicht mit dem Gnadenkreuz verwechselt werden: Kirchenpatron ist der heilige Georg, das Kultzentrum der Wallfahrt aber der "Große Herrgott".

Christophorusfresko am Chor

An der Außenseite des Chorabschlusses befindet sich eine heute stark verblasste monumentale Darstellung des heiligen Christophorus. Werner Kuntner bezeichnet sie als eine der größten Christophorusdarstellungen Südtirols. Das Fresko dürfte noch vor dem 1589 datierten Zifferblatt der Turmuhr entstanden sein. Die weithin sichtbare Darstellung des riesenhaften Heiligen ist an dieser Stelle keineswegs zufällig: Christophorus galt besonders als Schutzpatron der Reisenden und wurde an mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Kirchen häufig so groß und weithin sichtbar dargestellt, dass der Vorübergehende sein Bild bereits aus der Ferne erkennen konnte. Nach verbreiteter religiöser Vorstellung sollte schon der Anblick des Heiligen für den betreffenden Tag vor einem unvorbereiteten Tod schützen.

Der "Große Herrgott" - das Gnadenkreuz

Das zentrale Kultobjekt ist ein außergewöhnlich großes, ausdrucksstarkes Kruzifix. Die kunsthistorische Datierung ist nicht völlig gesichert, doch stilistische Merkmale weisen deutlich in das 14. Jahrhundert. Damit wäre der Corpus erheblich älter als jene Legende, die seine Entstehung in das Jahr 1618 setzt. Gerade diese Trennung ist wichtig: Die Datierung in das Mittelalter gehört zur Kunstgeschichte; die Erzählung vom Hirten ist eine Legende zur Herkunft des Kreuzes.

Die Festschrift von 1988 verweist auf eine weitere materialkundliche Beobachtung. Bei der Restaurierung durch Giancarlo Pocher wurde festgestellt, dass das Haupt des Christus nicht aus Lindenholz, wie früher einmal angegeben worden war, sondern aus Zirmholz gefertigt ist. Ob alle Teile des monumentalen Kruzifixes derselben Entstehungsphase angehören, lässt sich daraus allein nicht entscheiden; der Befund zeigt jedoch, wie sehr das Bildwerk selbst noch offene kunsttechnologische Fragen aufwirft.

Die Legende vom Hirten auf dem Ochsenberg

Nach der alten Legende schnitzte im Jahr 1618 ein frommer Hirte auf dem Prader Ochsenberg während des Hütens das große Kruzifix. Vier Bauern hätten anschließend versucht, das Kreuz zur Pfarrkirche zu tragen, es aber nicht einmal heben können. Der Hirte selbst habe es dagegen ohne Mühe vom Berg bis nach Agums getragen. Pfarrer Gregor Schezer hielt diese Erzählung 1704 nicht als eigenen Augenzeugenbericht fest, sondern ausdrücklich als das, was die alten Bauern von ihren Eltern gehört hätten. Schon dadurch ist erkennbar, dass zwischen dem behaupteten Ereignis von 1618 und seiner schriftlichen Fixierung fast ein Jahrhundert liegt.

In einer im 19. Jahrhundert aufgezeichneten Sage wurde die Geschichte noch weiter ausgeschmückt: Dem Gnadenbild seien Bart und Haare gewachsen, und als man es habe bemalen wollen, habe es keine Farbe angenommen. Solche Motive gehören eindeutig in den Bereich der Sage. Sie sind volkskundlich aufschlussreich, weil sie dem Bildwerk eine eigene, dem menschlichen Zugriff entzogene Lebendigkeit zuschreiben; sie dürfen aber nicht mit den später schriftlich dokumentierten Vorgängen von 1702 bis 1704 gleichgesetzt werden.

Vom wenig beachteten Kruzifix zum verehrten Gnadenbild

Gerade Schezers Bericht von 1704 ist deshalb so wertvoll, weil er den späteren Ruhm des Kreuzes nicht rückwirkend in die gesamte Vergangenheit hineinprojiziert. Er schreibt ausdrücklich, das Kruzifix sei viele Jahre in der Kirche gewesen, ohne besonders beachtet zu werden; es habe davor keine eigentliche Andacht gegeben. Als an seiner früheren Stelle an der linken Seitenwand ein Altar errichtet wurde, ließ Schezer das große Kreuz ungefähr neunzehn Jahre vor seinem Bericht, also um 1685, in die Kapelle der Totengruft am Ende des Friedhofs übertragen. Dort beteten viele Menschen für die Armen Seelen, doch auch hier blieb das Kruzifix zunächst ohne besondere Verehrung.

Damit lässt sich die Entstehung der Wallfahrt ungewöhnlich klar fassen: Nicht die bloße Anwesenheit eines alten Kruzifixes machte St. Georg zum Wallfahrtsort. Erst die ab 1702 berichteten Erscheinungen, die daraufhin einsetzenden Gebetsformen, Gebetserhörungen und die kirchliche Untersuchung schufen jenen besonderen Gnadenruf, der Pilger aus einem größeren Einzugsgebiet anzog.

1702 bis 1704 - die berichteten "Schwitzungen"

Pfarrer Gregor Schezer sandte am 10. März 1704 einen ausführlichen Bericht mit dem lateinischen Titel "Relatio de ligneo Crucifixo sudante" an das bischöfliche Ordinariat in Chur. Darin schilderte er, dass in der Oktav von Fronleichnam 1702 mehrere nach dem Gottesdienst betende Personen an dem Kruzifix zahlreiche helle und große Tropfen bemerkt hätten. Schezer reagierte zunächst zurückhaltend, weil ihm die Beobachtung nicht ausreichend bezeugt erschien.

Im Jahr 1703, in einer Zeit großer Kriegsgefahr, wurden in der Totengruft an den Freitagen Messen und Rosenkranzgebete für die Armen Seelen gehalten. In diesem Zusammenhang seien im Juli mehrfach erneut Tropfen am Corpus aufgetreten. Besonders eindringlich beschreibt Schezer den 28. Juli 1703: Während er mit einer großen Menschenmenge vor dem Bild betete, hätten sich im Gesicht, am Bart, am Körper, besonders an Herz, Brust und zwischen den Rippen, immer mehr größere und kleinere Tropfen gebildet. Am 23. Februar 1704 habe sich das Phänomen erneut und stärker gezeigt und etwa vier Stunden gedauert; wegen des großen Zulaufs auch fremder Leute ließ der Pfarrer mit der großen Glocke ein Zeichen geben, sobald das "Schwitzen" begann.

Für die heutige Darstellung ist entscheidend, die historische Quelle genau zu lesen. Schezer berichtet, was er und andere damals wahrgenommen zu haben glaubten. Er erwähnt selbst, dass man mit Vorsicht geprüft habe, ob eine natürliche Ursache oder ein Betrug vorliegen könne. Die Berichte sind damit hervorragende Quellen für die Entstehung des Wallfahrtskultes; sie sind keine naturwissenschaftliche Bestätigung eines übernatürlichen Vorgangs.

1705 und 1707 - kirchliche Untersuchung und Anerkennung

Die Vorgänge wurden nicht nur örtlich weitererzählt. Am 27. September 1705 ließ der Churer Generalvikar Josef Paul Baron von Hausmann im Auftrag des Fürstbischofs in Agums sieben Männer aus Agums und Prad als Zeugen vernehmen. Zu ihnen gehörten der Prader Anwalt Jakob Mayr und der Tischlermeister Ferdinand Karner. Karner berichtete unter anderem von einer auffälligen Heilung eines Augenleidens. Daneben waren weitere Gebetserhörungen schriftlich festgehalten worden.

Am 27. September 1707 erließ Fürstbischof Ulrich VII. von Chur sein Urteil. Nach der in der Agumser Festschrift wiedergegebenen historischen Formulierung wurden die außergewöhnlichen Erscheinungen am Bild und die berichteten Gebetserhörungen als "ganz wahrhaftig" beurteilt; die Verehrung des "Großen Herrgotts" als wundertätiges Gnadenbild wurde gutgeheißen. Dieses Urteil ist ein wichtiger kirchengeschichtlicher Befund: Es dokumentiert die damalige kirchliche Anerkennung des Kultes. Es ist als historische kirchliche Beurteilung zu verstehen, nicht als moderne naturwissenschaftliche Untersuchung.

Die Gnadenkapelle von 1705

Schon 1705 wurde an der Nordseite beziehungsweise linken Seite des Presbyteriums eine eigene, geräumige Gnadenkapelle angebaut. Ihre Größe zeigt, dass die Verehrung bereits stark angewachsen war. Das Kruzifix erhielt dort einen eigenen Altar und wurde zwischen Maria und Johannes aufgestellt. Über der Kreuzigungsgruppe hing ursprünglich ein kostbarer Baldachin aus rotem Seidensamt, eine Opfergabe einer Herrschaft aus Innsbruck. Die Festschrift von 1988 berichtet, dass dieser Baldachin auf einem Votivbild von 1814 noch dargestellt sei. Der Altarraum wurde durch ein hohes schmiedeeisernes Gitter abgeschlossen; an diesem hängten Pilger ihre Votivgaben auf.

Das bis heute erhaltene Gitter schuf 1719 der Schlanderser Schlosser Christoph Zobl. Mit seiner reichen vegetabilen Ornamentik ist es nicht nur eine funktionale Schranke zwischen Kirchenraum und Gnadenkapelle, sondern ein herausragendes Kunstwerk des barocken Schmiedehandwerks. Es markiert zugleich die besondere Stellung des Gnadenraumes innerhalb der Kirche.

Die Ausstattung der Gnadenkapelle - nicht alle Datierungen sind eindeutig

Die heutige Kreuzigungsgruppe ist über einen längeren Zeitraum gewachsen. Die lokalen Quellen stimmen bei der Datierung einzelner Teile nicht vollständig überein. Die Festschrift von 1988 nennt 1844 für den Ersatz des roten Samtbaldachins durch einen geschnitzten Altar. Ein späteres, undatiertes Informationsblatt schreibt den Altar mit Baldachin, Engeln sowie den Figuren des heiligen Josef und des Apostels Thomas dem Imster Künstler Franz Xaver Renn zu und nennt 1840. Werner Kuntner formuliert 1996 vorsichtiger und setzt die Assistenzfiguren Maria und Johannes, die beiden Engel sowie Josef und Thomas gegen Ende des 18. Jahrhunderts beziehungsweise in das Umfeld der Werkstatt des Schludernser Bildhauers Andreas Reinalter.

Solange diese unterschiedlichen Angaben nicht durch die zugrunde liegenden Rechnungen oder Verträge eindeutig geklärt sind, ist Zurückhaltung angebracht. Für die Einordnung ist jedoch klar: Das alte Kruzifix ist das Gnadenbild und Zentrum der Wallfahrt; die begleitenden Figuren und die architektonische Rahmung gehören zu späteren Ausstattungsphasen.

1736 - die Heilig-Kreuz-Bruderschaft

Die inzwischen gefestigte Kreuzverehrung erhielt 1736 mit der Gründung einer Heilig-Kreuz-Bruderschaft eine dauerhafte organisatorische Form. Die Mitglieder verpflichteten sich, das Heilige Kreuz besonders zu verehren, das Leiden Christi häufig zu betrachten, den Kreuzweg zu besuchen, das Freitagsgebet zu verrichten und die Kreuzverehrung zu fördern. Fürstbischof Joseph Benedikt genehmigte die Gebetsgemeinschaft; Papst Clemens XII. verband sie mit Ablässen. Im Einschreibebuch der Bruderschaft stand nach der lokalen Dokumentation der Fürstbischof von Chur an erster Stelle.

Zum Hauptfest wurde der 14. September, das Fest Kreuzerhöhung, bestimmt. An allen Freitagen des Jahres sollte beim Kreuzaltar die Litanei vom Leiden Christi gebetet werden; an bestimmten Tagen waren Ämter für lebende und verstorbene Mitglieder vorgesehen. Damit wurde aus einer zunächst an außergewöhnlichen Ereignissen entzündeten Verehrung ein regelmäßig geordneter religiöser Jahreslauf.

Fastenfreitage, Kreuzgänge und Bitten um Wetter und Heilung

Pfarrer Kaspar Rainer, der von 1845 bis 1874 in Agums wirkte, beschrieb im 19. Jahrhundert die ältere Praxis der Wallfahrt. Demnach wurden an allen Freitagen Messen am Kreuzaltar gefeiert und anschließend die Litanei zum gekreuzigten Heiland sowie das Freitagsgebet verrichtet. Besonders die Fastenfreitage waren mit Predigt, Amt und mehreren Messen verbunden. Rainer berichtet von so großen Menschenmengen, dass die Kirche die Gläubigen oft nicht fassen konnte.

Zahlreiche Kreuzgänge führten nach Agums. Gemeinden oder ganze Gegenden kamen mit gemeinschaftlichen Anliegen: bei Trockenheit mit der Bitte um Regen, bei anhaltendem schlechten Wetter mit der Bitte um günstige Witterung oder bei ansteckenden Krankheiten. Damit war die Wallfahrt nicht nur Ort persönlicher Frömmigkeit, sondern auch Teil der kollektiven Krisenbewältigung einer agrarisch geprägten Gesellschaft. Wetter, Ernte, Seuchen und Krankheit konnten über das Wohl ganzer Dorfgemeinschaften entscheiden; der gemeinsame Weg zum "Großen Herrgott" verband religiöse Bitte und soziale Geschlossenheit.

Agums im Netz der Vinschgauer Kreuzgänge

Dass solche Kreuzgänge keine bloße spätere Erinnerung sind, lässt sich auch von außerhalb Agums belegen. Der Historiker Rainer Loose konnte in den Tschenglser Kirchpropstrechnungen des 17. Jahrhunderts nachweisen, dass die Tschenglser Jahr für Jahr mit dem Kreuz nach Stilfs, Agums, Laas und Tartsch gingen. Solche Bittgänge hatten nahezu den Rang gebotener Feiertage; grundsätzlich sollte die Bevölkerung teilnehmen, und in den Rechnungen erscheinen sogar Ausgaben für Fahnenträger, Geistliche und Verpflegung.

Loose ordnet den "Großen Herrgott in Agums" ausdrücklich unter die benachbarten Gnadenstätten ein, die neben der bedeutenden Tschenglser Marienwallfahrt im mittleren und oberen Vinschgau Anziehungskraft besaßen. Dadurch wird sichtbar, dass die historischen Wallfahrtsorte der Region kein isoliertes Nebeneinander bildeten. Zwischen ihnen bestanden Wege, gegenseitige Besuche und Kreuzgänge. Ein Dorf konnte selbst Ziel von Wallfahrern sein und zugleich mit dem Kreuz zu einem anderen Gnadenort ziehen.

Die Wallfahrt verändert auch das Dorf

Der starke Zustrom blieb nicht ohne wirtschaftliche Folgen. Die Häusergeschichte von Agums bringt die Entstehung weiterer Schank- und Beherbergungsmöglichkeiten ausdrücklich mit der Wallfahrt zum "Großen Herrgott" in Verbindung. Der Maria-Theresianische Kataster von 1775 belegt einen entsprechenden Gastbetrieb. Das ist volkskundlich bedeutsam: Eine Wallfahrt verändert nicht nur den Kirchenraum, sondern kann auch Wege, Versorgung und dörfliche Infrastruktur prägen.

Pfarrer Kaspar Rainer und das Wallfahrtsbüchlein

Im 19. Jahrhundert scheint der große Pilgerzustrom zeitweise nachgelassen zu haben. Pfarrer Kaspar Rainer sorgte sich deshalb um die Erinnerung an Ursprung und Sinn der Kreuzverehrung. In den 1860er Jahren veröffentlichte er ein eigenes Wallfahrtsbüchlein über den "Großen Herrgott"; eine zweite Auflage erschien 1904 in Agums. Rainer begründete seine Arbeit damit, dass die Geschichte selbst in der näheren Umgebung zunehmend unbekannt werde und die alten Papiere durch Alter und Gebrauch zugrunde gingen. Zugleich wollte er verhindern, dass die Geschichte durch spätere Zusätze märchenhaft entstellt werde.

Gerade diese Motivation ist heute quellenkundlich bemerkenswert. Rainer war selbst Teil der Wallfahrtstradition, versuchte aber zugleich, alte Schriftstücke zu sichern und zwischen älteren Nachrichten und späteren Ausschmückungen zu unterscheiden. Sein Büchlein wurde damit zu einem wichtigen Bindeglied zwischen den frühneuzeitlichen Quellen und der Wallfahrt des 20. Jahrhunderts.

Votivgaben - sichtbarer Dank an den Gnadenheiland

Zur Wallfahrt gehörten Votivtafeln, Gedenkzeichen und Opfergaben. Sie machten persönliche oder gemeinschaftliche Bitten sichtbar und blieben nach erfahrener Hilfe als Zeichen des Dankes am Gnadenort zurück. Die Gnadenkapelle besaß dafür einen besonders sinnfälligen Ort: Am schmiedeeisernen Gitter wurden Votivgaben befestigt.

Ein außergewöhnliches erhaltenes Beispiel ist der Haarzopf von 1895 mit der Inschrift "Aus Dank dem Gnadenheilande in Agums". Der konkrete Anlass der Stiftung ist heute nicht mehr bekannt. Gerade deshalb spricht die Gabe für sich: Menschliches Haar ist ein körpernahes, persönliches Opfer und verweist auf eine individuelle Erfahrung von Not, Bitte und Dank, ohne dass sich die dazugehörige Lebensgeschichte noch rekonstruieren lässt.

Auch hölzerne Votivgaben haben sich erhalten. Einige tragen noch Brandspuren von 1971. Damit besitzen sie eine doppelte Aussagekraft: Sie dokumentieren die ältere Wallfahrtsfrömmigkeit und zugleich das Weiterleben dieser materiellen Zeugnisse durch eine Katastrophe, die den gesamten Gnadenraum beinahe vernichtet hätte.

Das Heilig-Kreuz-Jubiläum von 1933

Eine historische Fotografie hält das große Heilig-Kreuz-Jubiläum vom 3. Oktober 1933 fest. Der "Große Herrgott" wurde damals in Prozession durch das Dorf getragen. Das Bild zeigt eindrucksvoll die Dimension des Kruzifixes und die Mühe seiner Träger, zugleich aber auch die öffentliche Funktion des Kultbildes: Bei besonderen Festen verließ das Gnadenkreuz seinen Altar und wurde sichtbar in die Gemeinschaft hineingetragen.

Der Kirchenbrand vom 5. Oktober 1971

Am 5. Oktober 1971 brach bei Arbeiten am Turm ein verheerender Brand aus. Kirchendach und Dachstuhl des Turmes brannten ab; der herabstürzende Turmhelm zerstörte das Gewölbe der Gnadenkapelle. Das Kruzifix konnte in letzter Minute und unter erheblichem persönlichem Einsatz gerettet werden. Anschließend brachte man den "Großen Herrgott" in die neue Pfarrkirche Maria Königin nach Prad.

Die Restaurierung von St. Georg erfolgte in mehreren Etappen. Ein erster Abschnitt wurde 1971 bis 1975 durchgeführt, eine weitere umfassende Phase 1985 bis 1988. In der Gnadenkapelle musste ein neues Gewölbe errichtet werden; die Stuckaturen wurden nach den erhaltenen Teilen ergänzt, und auch die neugotische Schablonenmalerei des Langhauses wurde wiederhergestellt. Das Rosettenfenster an der Westwand entwarf 1988 die Meraner Künstlerin Susanne Demmel Brunner.

Ein zweites Unglück 1985

Während der siebzehn Jahre in der Pfarrkirche Maria Königin wurde das Gnadenkreuz weiterhin verehrt, besonders bei den Fastenfreitagen. Am 23. Februar 1985 kam es jedoch zu einem weiteren dramatischen Zwischenfall. Für die Fastenzeit sollte das schwere Kreuz im vorderen Kirchenraum besonders hervorgehoben werden; dabei löste es sich aus einer Halterung und stürzte aus etwa sechs bis sieben Metern Höhe auf den Steinboden. Glücklicherweise traf zuerst der Kreuzbalken auf, sodass der Corpus vergleichsweise geringe Schäden erlitt.

Im selben Jahr restaurierte Giancarlo Pocher aus Brixen das Kruzifix. Der durch Staub und Kerzenrauch stark verschmutzte Corpus wurde gereinigt, beschädigte Teile wurden wieder befestigt. Für die Fastenzeit 1986 stellte man das Kreuz nicht mehr hängend, sondern sicher in einer massiven Eisenschiene auf. Vor einem großen rot-weißen Vorhang bildete es die liturgische Mitte der Feiern; auswärtige Priester predigten, und die Kapuziner von Mals unterstützten den Beichtdienst.

Die Rückkehr nach Agums am 9. Oktober 1988

Die Entscheidung, den "Großen Herrgott" wieder nach St. Georg zurückzubringen, war innerhalb der Pfarrgemeinde keineswegs selbstverständlich. Das Kruzifix war nach siebzehn Jahren in Maria Königin vertraut geworden, und die neue Pfarrkirche bot mehr Platz, Heizung und leichtere Zugänglichkeit. Für die Rückkehr sprachen jedoch der historische Entstehungsort der Wallfahrt, die eigens für das Kreuz errichtete Gnadenkapelle und der Wunsch, St. Georg als Wallfahrtskirche neu zu beleben.

Am Sonntag, dem 9. Oktober 1988, wurde die Rückkehr feierlich vollzogen. Nach einem Festgottesdienst auf dem Kirchplatz in Prad wurde der "Große Herrgott" durch das Dorf nach Agums übertragen. Am Nachmittag folgte eine Wallfahrt von der Pfarrkirche über Gargitz und Frauwaal nach St. Georg; dabei wurde der Wallfahrtsweg gesegnet. Eine Kreuzwegandacht in St. Georg schloss den Tag ab. Bischof Wilhelm Egger bezeichnete das Kruzifix in seinem Grußwort zur Feier als das bekannteste Christusbild des Vinschgaus und erinnerte daran, dass Menschen an diesem Ort seit Jahrhunderten in Leid und Not Kraft und Trost gesucht hätten.

Der Wallfahrtsweg von Prad nach St. Georg

Der 1988 gesegnete Fußweg knüpft an die alte Vorstellung an, dass Wallfahrt nicht erst am Ziel beginnt. Von der Pfarrkirche Maria Königin führt die Route über Gargitz und den Frauwaal nach St. Georg. Ein späteres Informationsblatt bezeichnet sie ausdrücklich als "Wallfahrtsweg nach St. Georg" und nennt daneben einen Kreuzweg von der Pfarrkirche nach St. Georg sowie den Rückweg durch Agums.

Der Weg verbindet damit die neue Pfarrkirche im Tal mit der alten Wallfahrtskirche auf der Anhöhe. Diese Verbindung ist auch pastoral bedeutsam: St. Georg wurde 1958 als Pfarrkirche abgelöst, blieb aber durch den Großen Herrgott und den Wallfahrtsweg in das religiöse Leben der Gesamtpfarre eingebunden.

Die Wallfahrt heute

Seit der Rückkehr des Gnadenkreuzes wird St. Georg wieder regelmäßig liturgisch genutzt. Besonders an den Fastenfreitagen kommen Gläubige aus den umliegenden Dörfern nach Agums. Auch Freitagabend-Gottesdienste, das Hochamt zu Allerseelen und besondere Feiern halten die Kirche im religiösen Jahreslauf präsent. Der heutige Kult ist damit kleiner als in den großen Wallfahrtszeiten des 18. Jahrhunderts, aber keineswegs erloschen.

Gerade diese Kontinuität macht Agums bemerkenswert. Der historische Gnadenruf gründete sich auf die im frühen 18. Jahrhundert berichteten "Schwitzungen" und Gebetserhörungen. Später trugen Bruderschaft, Fastenfreitage, Kreuzgänge und Votivwesen die Verehrung weiter. Nach Brand, Verlagerung und Restaurierung musste die Wallfahrt im 20. Jahrhundert bewusst neu belebt werden. Die Geschichte zeigt deshalb nicht nur Entstehung und Blüte eines Gnadenortes, sondern auch, wie religiöse Traditionen schwächer werden, ihren Ort verlieren und dennoch wieder aufgenommen werden können.

Der Hochaltar - vom Gnadenkreuz zu unterscheiden

Der Hochaltar im Chor ist kunstgeschichtlich bedeutend, bildet aber nicht das Zentrum der Wallfahrt. Nach einer Kirchenrechnung von 1672/73 schuf der Grauner Bildhauer Paul Moriggl die Skulpturen eines neuen Altares; Georg Pixner aus Imst fasste und vergoldete ihn und malte das zentrale Georgsbild sowie das ovale Aufsatzbild. Die neuen Altarbilder wurden sogar nach Marienberg zur Begutachtung gebracht, was die Bedeutung des Klosters als religiösen und künstlerischen Bezugspunkt im Vinschgau erkennen lässt.

1760 wurde der Hochaltar unter Wiederverwendung der älteren Gemälde vergrößert und umgestaltet. Die großen Figuren werden stilistisch Josef Anton Renn aus Imst zugeschrieben. Die beiden Seitenaltäre erhielten 1767 Gemälde von Josef Georg Telser: links die heilige Luzia, rechts die Verkündigung Mariens. Um 1900 kamen Herz-Jesu- und Herz-Mariä-Darstellungen hinzu.

Neugotische Ausmalung und Glasfenster

1901 erhielt die Kirche durch Theodor Spöttl eine historistische, neugotische Ausmalung. Von ihm stammen die Engel im Chorgewölbe, Verkündigung und Pietà, der thronende Gottvater und die vier Evangelisten am Triumphbogen sowie die ornamentale Fassung des Langhauses. Die Chorfenster wurden bereits 1899 von der Innsbrucker Glashütte Neuhauser geschaffen. Weitere Glasmalereien der Gnadenkapelle entstanden 1908 in der Glashütte Strobl und Jäger in Brixen. Das 1988 von Susanne Demmel Brunner geschaffene Rosettenfenster der Westwand ist nach der Wiederaufstellung der Orgel im Inneren weitgehend verdeckt und daher vor allem von außen wahrnehmbar.

Die historische Orgel - Humpel, Reinisch und die Restaurierung von 1995

Auch die Orgel von St. Georg besitzt eine ungewöhnlich vielschichtige Geschichte. Bereits 1696 schloss die Gemeinde mit dem Bozner Orgelmacher Martin Junghans einen Vertrag über ein Instrument, das spätestens 1699 fertiggestellt war. Die für das heutige Erscheinungsbild entscheidende Orgel schuf Johann Caspar Humpel in den Jahren 1723 bis 1726. Das reich verzierte Gehäuse mit Akanthuswerk, Engelsköpfen und aus Hermenpilastern hervorwachsenden Halbfiguren gehört zu den bemerkenswertesten barocken Orgelgehäusen der Region.

1862 baute Franz Reinisch aus Steinach am Brenner das Instrument grundlegend um. Das Innenwerk wurde weitgehend erneuert, während das alte Gehäuse und mehr als die Hälfte des älteren Pfeifenmaterials weiterverwendet wurden. Dadurch ist die oft gebrauchte Bezeichnung "Humpel-Reinisch-Orgel" durchaus sinnvoll, solange man darunter ein historisch gewachsenes Instrument versteht und keine unveränderte Humpel-Orgel von 1726.

Beim Kirchenbrand von 1971 verbrannte die im Dachstuhl untergebrachte Balganlage. Das Feuer wurde jedoch gestoppt, bevor es das eigentliche Orgelwerk vernichten konnte. Nach langen Vorarbeiten restaurierte die Werkstatt Peter Vier das Instrument 1993 bis 1994; 1995 wurden Prospektfassung und Vergoldung ergänzt. Bei der Wiederherstellung entschied man sich bewusst gegen eine vollständige Rückführung auf den Zustand von 1726, weil dafür die selbst bereits denkmalwürdige Reinisch-Technik von 1862 hätte zerstört werden müssen. Das Gehäuse erhielt jedoch wieder seine ursprünglicheren Proportionen. Seit der feierlichen Weihe am 13. August 1995 besitzt die Orgel wieder 873 Pfeifen, davon 726 aus Zinn und 147 aus Holz, bei 14 Registern.

Volkskundliche Bedeutung

Agums ist ein besonders anschauliches Beispiel dafür, wie sich ein Wallfahrtsort aus mehreren Schichten zusammensetzt. Am Anfang steht ein mittelalterliches Kruzifix, das lange kaum besondere Beachtung fand. Eine Legende erklärte seine Herkunft aus dem Jahr 1618. Erst die in den Jahren 1702 bis 1704 berichteten Erscheinungen und Gebetserhörungen führten zu einer neuen Aufmerksamkeit, einer kirchlichen Untersuchung und schließlich zur Anerkennung des Kultes. Die Gnadenkapelle, das Votivwesen und die Heilig-Kreuz-Bruderschaft gaben dieser Verehrung sichtbare und dauerhafte Formen.

Hinzu kommt die Einbindung in den Alltag einer ländlichen Gesellschaft. Kreuzgänge baten um Regen, günstiges Wetter oder Schutz vor Krankheit; Votivgaben bewahrten individuelle Dankerfahrungen; der Pilgerzustrom beeinflusste sogar die dörfliche Versorgung. Der Haarzopf von 1895 steht für eine höchst persönliche Form des Dankes, während die Kreuzgänge aus Tschengls die überörtliche Vernetzung des Kultes zeigen.

Der Brand von 1971 und die Rückkehr von 1988 fügen dieser Geschichte eine moderne Schicht hinzu. Der Gnadenort musste nach einer Katastrophe nicht nur baulich, sondern auch religiös neu hergestellt werden. Die Entscheidung, das Kreuz wieder an seinen historischen Ort zurückzubringen, die Segnung des Wallfahrtsweges und die Wiederaufnahme der Fastenfreitage zeigen, dass Wallfahrt nicht allein aus einem alten Kunstwerk entsteht. Sie lebt davon, dass Menschen einen Ort tatsächlich aufsuchen, ihre Anliegen dorthin tragen und religiöse Formen von Generation zu Generation weitergeben.

Literatur und Quellen

- Kuntner, Werner: Die Kirchen der Pfarre Prad-Agums. Tappeiner Verlag, Lana 1996, ISBN 88-7073-226-6.

- Pfarre Prad-Agums: Der "Große Herrgott" kehrt zurück. Nachrichten aus der Kreuzgasse, 9. Oktober 1988. Pfarramt Prad-Agums, Gesamtherstellung Athesiadruck, Bozen 1988.

- Rainer, Kaspar: Der große Herrgott oder die Wallfahrt in Agums, das ist Ursprung und Geschichte des wunderthätigen Crucifixbildes daselbst mit einigen Andachtsübungen zum Gekreuzigten. Erste Ausgabe 1867/68; 2. Auflage, Verlag der Pfarrkirche Agums, Agums 1904.

- Orgelkomitee und Pfarramt Prad/Agums (Hg.): Orgelweihe in St. Georg zu Agums. Prad, 13. August 1995. Druck und Gestaltung Kofel GmbH, Schlanders 1995.

- Loose, Rainer: Wallfahrt, Täufer, Christenlehre. Kirchliches Leben und Reform in der Pfarrgemeinde Tschengls im Vintschgau (ca. 1499 bis 1700). In: Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens und seiner Zweige, Band 122, 2011. EOS Verlag, Erzabtei St. Ottilien. Für Agums besonders wichtig als archivalischer Nachweis regelmäßiger Tschenglser Kreuzgänge nach Agums und zur Einordnung in das regionale Wallfahrtsnetz.

- Tinkhauser, Georg / Rapp, Ludwig: Topographisch-historisch-statistische Beschreibung der Diözese Brixen, mit besonderer Berücksichtigung der Kulturgeschichte und der noch vorhandenen Kunst- und Baudenkmale aus der Vorzeit. Band 4, Brixen 1890, zu Agums und Prad S. 788-822.

- Zingerle, Ignaz Vinzenz: Sagen aus Tirol. Witting, Innsbruck 1850; 2., stark vermehrte Auflage, Wagner, Innsbruck 1891. Zur späteren Sagentradition des Agumser Kruzifixes.

- Egg, Erich: Kunst im Vinschgau. Bozen 1992.

- Weingartner, Josef: Die Kunstdenkmäler Südtirols. 7. Auflage, Band 2, bearbeitet von Magdalena Hörmann-Weingartner, 1991.

- Landesdenkmalamt Bozen: Denkmalpflege in Südtirol 1987/88. Bozen 1989.

- Informationsblatt "St. Georg - Alte Pfarrkirche Prad-Agums", ohne Impressum und ohne Jahr, nach 1995. Lokale Zusammenstellung zu Bau, Ausstattung, Wallfahrt, Orgel und Wallfahrtsweg.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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