| Wallfahrt: | Bedeutende Marienwallfahrt zur Schmerzhaften Muttergottes in Maria Weißenstein. |
| Status: | Lebendiger Pilgerort mit weiterhin gepflegten Wallfahrtswegen und organisierten Pilgerfahrten. |
| Kultzentrum: | Kopie der kleinen Pietà aus Alabaster beziehungsweise hellem Stein; das ursprüngliche Gnadenbild wurde 1787 nach Leifers übertragen. |
| Besonderheit: | Der Kult lebte trotz josephinischer Aufhebung und Verlust des Originals wieder auf; Ursprungskapelle, Votivbilder und Servitentradition sind erhalten. |
| Ort: | Maria Weißenstein / Deutschnofen. |
| Gebiet: | Regglberg. |
| Bundesland: | Südtirol. |
| • | Lage: Localita' Pietralba, 9, 39050 Deutschnofen. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Südtirol |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Web: weissenstein-pietralba.com |
| • | Öffnungszeiten: täglich von 7:30 bis 19:00 geöffnet. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
• Detailansicht Gnadenbild am Hochaltar:
Bei der Aufhebung des Klosters im Jahr 1787 wurde das Gnadenbild aus Alabaster nach Leifers übertragen, wo es sich noch heute befindet. 1836 kehrten die Serviten zurück und renovierten das Kloster und führten die Gnadenstätte zu neuer Blüte. Im Altar befindet sich eine idente Kopie.
Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie
Maria Weißenstein (Pietralba) ist ein Wallfahrtsort südöstlich von Bozen auf 1520 m Höhe auf dem Regglberg in der Nähe von Petersberg, einer Fraktion von Deutschnofen. In Maria Weißenstein befindet sich ein Servitenkloster mit der angeschlossenen Wallfahrtskirche Unsere Liebe Frau.
Von den Höhen des Reggelberges schaut eines der bedeutendsten Tiroler Marienheiligtümer weit ins Land. Die Legenden von Weißenstein kreisen um nicht gehaltene Gelöbnisse: der irrsinnige Bauer Leonhard, der nach der ersten Heilung die Kapelle nicht baut; die Karneider Ritter, die nach der Pest alle Versprechen vergaßen und als Geister geritten kommen; die Boznerin, die als Kröte wallfahrtete, aber nach sieben Jahren als Erlöste anlangte.
Der Beginn der Wallfahrt fällt in das Jahr 1533, der Bau der heutigen Kirche in das Jahr 1638; 1719-1722 errichteten die Serviten ein Kloster, um die vielen Wallfahrer seelsorglich zu betreuen. Nach der rücksichtslosen Aufhebung des Klosters im Jahre 1787 wurde das Gnadenbild, eine kleine Pietà aus Alabaster, nach Leifers übertragen, wo es sich heute noch befindet.
Die Wallfahrt nach Weißenstein erlosch jedoch nicht, und 1836 kehrten die Serviten zurück und führten die Gnadenstätte zu neuer Blüte. Nach Weißenstein pilgerten die Menschen auf beschwerlichem Weg und trugen noch zur seelischen Last Steine mit. Für Weißenstein war kein Anliegen zu schwer, wie die Votivtafeln und Mirakelbücher bezeugen Gemütskrankheiten und Frauenleiden, Heimkehr vom Krieg und wirtschaftliche Bedrängnis. In Weißenstein geweihte Loretoglöcklein halfen gegen Ungewitter.
(Karl Gruber, Hans Griessmaier, Südtiroler Wallfahrten, Bozen 1994, S. 116)
Die Entstehung der Wallfahrt wird auf das Jahr 1553 zurückgeführt und ist eng mit dem Bauern beziehungsweise Einsiedler Leonhard Weißensteiner verbunden. Der Überlieferung nach errichtete er nach einer wunderbaren Erfahrung mit der Gottesmutter eine erste kleine Kapelle. Diese wurde bald zum Ziel zahlreicher Hilfesuchender und Pilger. Mit dem Anwachsen der Wallfahrt entstand schließlich ein wesentlich größeres Heiligtum: Der Bau der Wallfahrtskirche begann 1638, wurde 1654 vollendet und 1673 geweiht. Die ursprüngliche Kapelle Leonhard Weißensteiners blieb dabei erhalten und wurde in die spätere Kirchenanlage einbezogen.
Eine entscheidende Rolle für die weitere Entwicklung spielten die Serviten, die "Diener Mariens". 1718 übernahmen Serviten der Innsbrucker Ordensprovinz die Betreuung des Wallfahrtsortes; der große Klosterbau entstand in den folgenden Jahren und wird auf 1722 datiert. Damit erhielt die inzwischen bedeutende Wallfahrt eine dauerhafte seelsorgliche Betreuung durch einen Orden, dessen Spiritualität in besonderer Weise der Verehrung der Schmerzhaften Muttergottes verbunden ist.
Einen tiefen Einschnitt brachte die josephinische Kirchenpolitik. 1787 wurde der Wallfahrtsort aufgehoben, die Serviten mussten Weißenstein verlassen und das verehrte Gnadenbild wurde nach Leifers gebracht. Die Kirche wurde profaniert und zeitweise als Scheune sowie Holz- und Lagerraum genutzt. Erst 1836 konnten die Serviten Weißenstein wieder erwerben und den Ort erneut als Wallfahrts- und Gebetsstätte beleben. Die Wiederherstellung erfolgte nach der lokalen Darstellung ausdrücklich auch auf Wunsch der zahlreichen Pilger und Wallfahrer, die an der alten Tradition festhielten.
1885 wurde die Verehrung der Schmerzhaften Muttergottes mit einer außergewöhnlich großen Feier erneut bekräftigt: Am 24. August nahm der Trienter Bischof Giovanni Giacomo della Bona im Beisein von rund 130 Priestern und 15.000 Gläubigen eine feierliche Neukrönung des Marienbildes vor. 1985 erhielt die Wallfahrtskirche den Rang einer Basilica minor; am 17. Juli 1988 besuchte Papst Johannes Paul II. Maria Weißenstein.
Das ursprüngliche Gnadenbild ist eine kleine Darstellung der Schmerzhaften Muttergottes, eine Pietà aus Alabaster beziehungsweise hellem Stein. Nach der Legende soll Leonhard Weißensteiner die kleine Figur beim Ausschachten für seine Kapelle gefunden haben. Sie wurde zum materiellen Mittelpunkt der entstehenden Wallfahrt.
Hier liegt allerdings eine für Deine Dokumentation sehr wichtige Besonderheit vor: Nach der josephinischen Aufhebung wurde das ursprüngliche Gnadenbild 1787 auf behördliche Anordnung nach Leifers übertragen. Die offizielle Südtiroler Tourismusseite lokalisiert das historische "Gnadenbild Maria Weißenstein" heute ausdrücklich in Leifers; die Beschreibung der Wallfahrtskirche Weißenstein spricht dagegen von einer Kopie des Gnadenbildes im barocken Hochaltar.
Damit haben wir volkskundlich einen ausgesprochen interessanten Fall: Das ursprüngliche materielle Kultobjekt verließ den Wallfahrtsort, doch der Wallfahrtskult kehrte zurück und konnte sich um eine Kopie erneut entfalten. Die sakrale Bedeutung blieb also nicht ausschließlich an der Originalfigur gebunden, sondern haftete offenbar ebenso am überlieferten Gnadenort, an der Ursprungskapelle und an der jahrhundertelang gewachsenen religiösen Tradition. Das erinnert an unsere Überlegungen zu Tschengls und Unsere Liebe Frau im Walde und ist ein schönes Beispiel für die Frage, worin die "Authentizität" eines Wallfahrtsortes letztlich liegt. Diese Einordnung ist eine volkskundliche Interpretation der belegten Übertragung und späteren Wiederbelebung.
Die heutige Basilika ist wesentlich vom Barock geprägt. Zu ihren bedeutenden Ausstattungsstücken gehören der mit Blattgold und Blattsilber geschmückte Hochaltar, die Gewölbefresken von Adam Mölk, Seitenaltäre von Pußjäger sowie weitere Arbeiten von Alfons Siber und Franz Haider. Besonders bemerkenswert ist, dass die kleine Ursprungskapelle als historischer Kern der Wallfahrt bis heute innerhalb der großen Kirchenanlage erhalten geblieben ist.
Dadurch ist die Entstehungsgeschichte des Wallfahrtsortes architektonisch unmittelbar ablesbar: Der monumentale barocke Sakralraum hat den bescheidenen Ursprungsort nicht beseitigt, sondern gleichsam umschlossen. Der Besucher gelangt damit vom großen repräsentativen Wallfahrtsheiligtum zurück zu jenem kleinen Raum, an dem die Überlieferung den Beginn des Kultes verortet.
Zum Wallfahrtskomplex gehört außerdem die Kapelle des hl. Peregrin Laziosi, eines Heiligen des Servitenordens, der besonders als Fürsprecher von Krebskranken verehrt wird. Damit hat sich neben der historischen Verehrung der Schmerzhaften Muttergottes eine weitere, stark auf Krankheit und Heilung ausgerichtete religiöse Tradition am Wallfahrtsort entwickelt.
Die ausführliche Gründungslegende erzählt, Leonhard Weißensteiner sei von einer schweren Krankheit befallen gewesen und in eine tiefe Schlucht gestürzt. Dort sei ihm die Muttergottes erschienen und habe ihm Heilung versprochen, wenn er zu ihrer Ehre eine Kapelle errichte. Als Zeichen dafür, dass die Erscheinung wahr sei, sollte er neun Tage ohne Nahrung und Trank in der Schlucht verbringen, bevor ihn seine Angehörigen finden würden.
Obwohl alles so eingetroffen sei, habe Leonhard sein Versprechen zunächst vergessen und sei erneut erkrankt. Gleichzeitig habe man an der betreffenden Stelle ein geheimnisvolles Licht wahrgenommen. Schließlich erinnerte er sich an sein Gelübde und begann mit dem Kapellenbau. Beim Graben soll er die kleine Figur der Schmerzhaften Muttergottes gefunden haben. Nachdem er die Kapelle vollendet und das Bild dort aufgestellt hatte, sei er von seiner Krankheit geheilt worden. In der Folge kamen immer mehr Menschen, um vor dem Bild zu beten, und aus der kleinen Kapelle entwickelte sich der Wallfahrtsort Maria Weißenstein.
Volkskundlich ist diese Legende ungewöhnlich reich. Sie verbindet gleich mehrere klassische Motive: Krankheit und wunderbare Heilung, Marienerscheinung, Gelübde und zunächst vergessenes Versprechen, wunderbare Rettung aus Lebensgefahr, ein geheimnisvolles Licht und schließlich die Auffindung eines Gnadenbildes. Das Heiligtum erhält dadurch eine vielfache sakrale Legitimation. Nicht ein einziges Wunder begründet den Ort, sondern eine ganze Kette wunderbarer Ereignisse.
Für die volkskundliche Dokumentation besonders bedeutend sind die zahlreichen Votivbilder. Sie säumen dicht den Seiteneingang zur Kirche und dokumentieren die Dankbarkeit von Generationen von Pilgern für erfahrene oder erhoffte Hilfe. Maria Weißenstein besitzt damit einen unmittelbar sichtbaren Bestand materieller Zeugnisse der Wallfahrtsfrömmigkeit.
Gerade in Verbindung mit der Gründungslegende zeigt sich eine bemerkenswerte Kontinuität des Grundmotivs: Schon Leonhard Weißensteiner soll aufgrund eigener Krankheit und wunderbarer Rettung zur Gottesmutter gefunden haben; spätere Wallfahrer kamen wiederum mit ihren Krankheiten, Unglücksfällen und persönlichen Nöten. Das Votivbild übersetzt dabei die individuelle Erfahrung in ein öffentlich sichtbares Zeugnis: "Ich war in Not – ich bat um Hilfe – mir wurde geholfen – dafür danke ich." Diese Deutung ergibt sich aus der Funktion des dokumentierten Votivbestandes.
Maria Weißenstein blieb auch nach den historischen Brüchen ein lebendiger Pilgerort. Alte beziehungsweise heute weiter gepflegte Wallfahrtswege führen unter anderem von Leifers, Aldein, Petersberg und Deutschnofen zum Heiligtum. Besonders der Weg von Leifers ist ein ausgeprägter Fußpilgerweg mit erheblichem Höhenunterschied und führt über Kreuzwegstationen hinauf nach Weißenstein.
Die Wallfahrt ist auch gegenwärtig keine bloße Erinnerung an frühere Volksfrömmigkeit. Die Diözese Bozen-Brixen veranstaltet beziehungsweise unterstützt weiterhin organisierte Pilgerfahrten nach Weißenstein.
Der Ort zeigt sehr deutlich, dass eine große Wallfahrt nicht statisch ist, sondern über Jahrhunderte immer wieder neu hergestellt wird.
Am Anfang steht die persönliche Notsituation eines einzelnen Menschen. Daraus entsteht eine kleine Kapelle, aus der Kapelle eine Wallfahrt und aus der Wallfahrt ein monumentaler Kirchen- und Klosterkomplex. Ein Orden übernimmt die Betreuung, Pilger hinterlassen Votivbilder, die Obrigkeit hebt den Ort auf und entfernt sogar das ursprüngliche Gnadenbild – und dennoch lebt die Wallfahrt wieder auf. Selbst der Verlust des Originals beendet den Kult nicht.
• Literatur zur Wallfahrt:
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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