| Wallfahrt: | Historische Wallfahrt zur Schmerzhaften Muttergottes; im 19. Jahrhundert als weithin bekannter Gnadenort beschrieben |
| Status: | Historischer Gnaden- und Wallfahrtsort; eine heute regelmäßig stattfindende überörtliche Wallfahrt ist derzeit nicht belegt |
| Kultzentrum: | Historisches Gnadenbild der Schmerzhaften Muttergottes; sein Verhältnis zur heute in der Kapelle befindlichen Darstellung ist nicht abschließend geklärt |
| Ort: | Latsch, an der östlichen Ortseinfahrt |
| Bezirk: | Vinschgau |
| Bundesland: | Südtirol |
| • | Lage: an der Hauptstraße bei der östlichen Ortseinfahrt von Latsch, 39021 Latsch. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Südtirol |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Seelsorge: Pfarre Latsch, Seelsorgeeinheit Latsch-Martell |
| • | Öffnungszeiten: nach örtlicher Angabe in den Sommermonaten zu besichtigen. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
• Außenansicht der Gnadenkapelle zur Schmerzhaften Muttergottes an der Brücke.
Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie
• Fassade der Kapelle. Über der Tür steht die Aufforderung zur Marienandacht:
"O liebes Kind, wo gehst Du hin?
Wisse, dass ich Deine Mutter bin.
Und wer liebt Dich mehr als ich?
So steh doch still und grüsse mich."
Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie
• Innenansicht der Kapelle mit der heute verehrten Darstellung der Schmerzhaften Muttergottes.
Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie
• Die heute in der Kapelle befindliche Darstellung der Schmerzhaften Muttergottes. Ob sie mit dem in den historischen Wallfahrtsquellen genannten Gnadenbild identisch ist, ist bislang nicht sicher geklärt.
Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie
An der östlichen Ortseinfahrt von Latsch steht die kleine Kapelle zur Schmerzhaften Muttergottes an der Brücke. Hinter dem unscheinbaren barocken Bau verbirgt sich eine bemerkenswerte, heute nur noch teilweise rekonstruierbare Wallfahrtsgeschichte. Sicher belegt sind der Bau von 1713, ein historisches Gnadenbild der Schmerzhaften Muttergottes, die Rettung dieses Bildes bei der Hochwasserkatastrophe von 1772, eine Dankprozession zur Kapelle am Weißen Sonntag 1773 sowie eine im 19. Jahrhundert ausdrücklich überlieferte Verehrung mit zahlreichen Votivtafeln. Schwieriger ist dagegen die berühmte Legende von der wunderbaren Erscheinung des Gnadenbildes um 1765, weil sie die Entstehung der Kapelle erst nach diesem Ereignis ansetzt und damit dem gesicherten Baudatum 1713 widerspricht.
Die Kapelle ist ein kleiner barocker Zentralbau mit offener Vorhalle, Kuppel und Laterne mit Zwiebelhaube. Die heutige regionale Beschreibung datiert den Bau eindeutig in das Jahr 1713. Auch Ulrich Köpf führt die Kapelle in seiner Untersuchung zur Kirchengeschichte des Vinschgaus als Beispiel für die frühneuzeitliche Spezialisierung älterer Marienverehrung auf das Patrozinium der Schmerzhaften Muttergottes an.
Über den unmittelbaren Anlass für den Bau von 1713 und über die erste Ausstattung sind bislang keine ausreichend gesicherten Nachrichten greifbar. Gerade deshalb ist es wichtig, Baugeschichte und spätere Wallfahrtslegende voneinander zu trennen. Die Kapelle bestand bereits mehr als fünf Jahrzehnte, bevor sich jenes Ereignis zugetragen haben soll, das die spätere Überlieferung als Ursprung des Gnadenortes erzählt.
Das Kultzentrum der Wallfahrt war ein Bild der Schmerzhaften Muttergottes, also eine Darstellung Mariens mit dem toten Christus. Der "Marianische Festkalender" von 1866 bezeichnet dieses Bild ausdrücklich als weithin bekanntes und wundertätiges Gnadenbild und berichtet von zahlreichen Gnadenerweisen und vielen Votivtafeln. Zugleich hält diese Quelle fest, dass sich das damals berühmte Gnadenbild zu ihrer Zeit bereits in der Pfarrkirche St. Peter und Paul zu Latsch befand.
Damit entsteht für die heutige Ausstattung eine wichtige offene Frage. In der Brückenkapelle befindet sich auch heute eine Darstellung der Schmerzhaften Muttergottes, die den religiösen Mittelpunkt des kleinen Raumes bildet. Ob dieses heute vorhandene Bild mit dem historischen, später in die Pfarrkirche übertragenen Gnadenbild identisch ist, ob es nach einer zwischenzeitlichen Rückübertragung wieder in die Kapelle kam oder ob hier ein anderes Bild die ältere Kultfunktion übernommen hat, lässt sich aus den bislang greifbaren Quellen nicht sicher entscheiden. Eine Gleichsetzung sollte daher nicht ohne weiteren archivalischen oder kunsthistorischen Nachweis vorgenommen werden.
Eine ausführliche Fassung der Latscher Gnadenbildlegende ist im "Marianischen Festkalender" von 1866 überliefert. Danach hörten die Bewohner von Latsch um das Jahr 1765 am ersten Sonntag nach Ostern in der Morgendämmerung ein starkes Krachen: Am Sonnenberg hatten sich Felsen gelöst. Mehrere Einwohner gingen zur Straße bei der Brücke, um nach möglichen Verunglückten zu sehen. Dort sollen sie nach einem neuerlichen Krachen ein schimmerndes Bild vom Berg herabschweben gesehen haben. Das Bild stellte die Schmerzensmutter mit dem toten Christus auf dem Schoß dar und habe sich in der Nähe der Brücke niedergelassen.
Die Dorfbewohner hätten das Bild noch am selben Tag in feierlicher Prozession in die nahe Kirche "auf dem Bühel" getragen. Am folgenden Tag, so die Legende weiter, habe man am Erscheinungsort mit dem Bau einer Kapelle begonnen. Wegen des starken Zustroms an Marienfesten sei diese bald zu klein geworden; das Gnadenbild sei deshalb nach einigen Jahren feierlich in die Pfarrkirche St. Peter und Paul übertragen worden.
Als historische Gründungsgeschichte kann diese Erzählung nicht unverändert übernommen werden. Der heute bestehende Bau ist bereits für 1713 datiert und damit älter als das angebliche Erscheinungsereignis von etwa 1765. Denkbar wären eine falsche Datierung innerhalb der späteren Legende, die Verbindung zweier ursprünglich verschiedener Kulttraditionen oder eine nachträgliche Umdeutung einer schon bestehenden Kapelle. Welcher Vorgang tatsächlich dahintersteht, ist derzeit nicht zu entscheiden. Gerade dieser Widerspruch zeigt anschaulich, wie stark sich bei Wallfahrtsorten Baugeschichte, Kultgeschichte und Legendenbildung überlagern können.
Ein bemerkenswerter, allerdings nur vorsichtig zu deutender Hinweis fällt zeitlich unmittelbar in die Nähe der überlieferten Erscheinungslegende. Adalbert Sikora verzeichnet in seiner auf obrigkeitlichen Theaterakten beruhenden Übersicht für Latsch im Jahr 1766 ein "Schauspiel von der Mutter Gottes". Sikora weist selbst darauf hin, dass in den von ihm ausgewerteten Akten nicht jedes genannte Stück nachweislich auch tatsächlich aufgeführt wurde; teilweise handelt es sich lediglich um Gesuche um Spielerlaubnis. Ob dieses Latscher Marienstück mit dem Gnadenbild der Schmerzhaften Muttergottes oder mit der später niedergeschriebenen Erscheinungslegende zusammenhing, ist nicht belegt. Die zeitliche Nähe bleibt dennoch ein bemerkenswerter Hinweis auf eine intensive Marienfrömmigkeit im Ort.
Einen wesentlich festeren Boden bietet die Überlieferung zur Hochwasserkatastrophe von 1772. Nach der Latscher Chronik Hans Peggers musste das Gnadenbild aus der Brückenkapelle vor dem Wasser gerettet und in die Pfarrkirche gebracht werden. Dass hierbei ausdrücklich vom Gnadenbild der Brückenkapelle die Rede ist, belegt den Kult spätestens zu diesem Zeitpunkt unabhängig von der später gedruckten Erscheinungslegende.
Am Weißen Sonntag des folgenden Jahres, 1773, fand aus Dank für die weitgehende Verschonung des Dorfes eine feierliche Prozession zur Brückenkapelle statt. Rechnungen belegen, dass Musikanten an der festlichen Gestaltung beteiligt waren. Dieser Vorgang gilt zugleich als frühester schriftlicher Nachweis der späteren Bürgerkapelle Latsch. Für die Wallfahrtsgeschichte ist vor allem der Zusammenhang von Naturgefahr, Rettung des Kultbildes und gemeinschaftlicher Dankprozession bedeutsam.
Auffällig ist, dass auch die Erscheinungslegende das wunderbare Ereignis auf den ersten Sonntag nach Ostern, also auf den Weißen Sonntag, legt. Ob die spätere Legende damit eine bereits bestehende Prozessions- oder Gedenktradition aufgriff, lässt sich nicht beweisen. Die Übereinstimmung ist jedoch bemerkenswert und sollte bei einer künftigen archivalischen Untersuchung im Auge behalten werden.
Der "Marianische Festkalender" schildert den Latscher Gnadenort im Jahr 1866 als weithin berühmt und verweist ausdrücklich auf zahlreiche Gnadenerweise und viele Votivtafeln. Solche Votive gehörten zu den wichtigsten materiellen Zeugnissen historischer Wallfahrt: Sie hielten erfahrene oder als erfahren verstandene Hilfe sichtbar fest und machten den Gnadenort zugleich für nachfolgende Besucher als Ort wirksamer Fürbitte lesbar.
Die gleiche Quelle berichtet auch von der Choleraepidemie des Jahres 1836. Während die Krankheit in der Umgebung schwer gewütet habe, sei die große Pfarrgemeinde Latsch beinahe ganz verschont geblieben. Die zeitgenössische Wallfahrtsliteratur deutete dies als besonderen Schutz der Gottesmutter. Historisch greifbar ist damit weniger ein medizinischer Kausalzusammenhang als vielmehr die religiöse Interpretation einer bedrohlichen Epidemie durch die Bevölkerung und die Einbindung des Gnadenbildes in das kollektive Schutzdenken der Gemeinde.
Architektonisch gehört die Brückenkapelle zu den kleinen barocken Andachtsbauten, die durch Kuppel, Laterne und Vorhalle trotz ihrer bescheidenen Größe deutlich hervorgehoben werden. Der religiöse Inhalt wird durch die Schmerzensmutter bestimmt. Das Motiv der Pietà beziehungsweise des Vesperbildes zeigt Maria mit dem Leichnam Christi und war besonders geeignet, menschliches Leid, Krankheit, Todesangst und Trauer mit dem Leiden Mariens in Beziehung zu setzen.
Auch der Standort an einer Brücke ist volkskundlich bezeichnend. Brücken waren im traditionellen Verkehr Übergangs- und Gefahrenorte; Kapellen, Kreuze und Bildstöcke konnten solche Stellen religiös markieren und unter besonderen Schutz stellen. In Latsch verbinden sich mit diesem Ort zusätzlich Naturkatastrophen, die Rettung eines Gnadenbildes und eine gemeinschaftliche Dankprozession.
Die Inschrift über der Tür richtet sich unmittelbar an den Vorübergehenden und fordert ihn zum kurzen Innehalten vor Maria auf: "O liebes Kind, wo gehst Du hin? Wisse, dass ich Deine Mutter bin. Und wer liebt Dich mehr als ich? So steh doch still und grüsse mich." Gerade an einer Straße und Brücke wird damit aus dem Vorübergehen selbst eine mögliche Andachtssituation.
Die Kapelle besteht weiterhin als marianischer Andachtsort und ist nach örtlichen Angaben in den Sommermonaten zu besichtigen. Für eine heute noch regelmäßig stattfindende überörtliche Wallfahrt liegen derzeit keine belastbaren Belege vor. Historisch ist der Wallfahrtscharakter dagegen deutlich: Gnadenbild, Votivtafeln, die Überlieferung zahlreicher Gnadenerweise und die Prozession zur Brückenkapelle bezeugen eine ausgeprägte lokale und zeitweise überörtliche Verehrung der Schmerzhaften Muttergottes.
- Marianischer Festkalender. Regensburg 1866, Abschnitt "Unsere Liebe Frau zu Latsch in Südtirol".
- Adalbert Sikora: Zur Geschichte der Volksschauspiele in Tirol. In: Zeitschrift des Ferdinandeums für Tirol und Vorarlberg, Dritte Folge, 50. Heft, 1906, S. 339-372, hier insbesondere die Übersicht zu Latsch.
- Ulrich Köpf: Frühes Christentum im Vinschgau. Die religiöse Prägung einer Durchgangslandschaft. Tübingen: Mohr Siebeck 2023, besonders S. 46.
- Maria Raffeiner: Tosender Applaus für die älteste Musikkapelle im Bezirk. In: Vinschgerwind, Ausgabe 6/2023; mit Angaben aus der Chronik von Hans Pegger zur Hochwasserkatastrophe 1772 und zur Prozession am Weißen Sonntag 1773.
- Tourismusverein Latsch-Martell: Kapelle zur Schmerzhaften Muttergottes an der Brücke, aktuelle Beschreibung des Baues und der Besuchsmöglichkeit.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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