Lana – Mariahilf-Gnadenbild in der Kapuzinerkirche St. Joachim und Anna

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Wallfahrt:Seit 1641 entstandene Mariahilf-Wallfahrt in Oberlana; ursprünglicher Gnadenort bei der Falschauer. Nach Schließung der alten Maria-Hilf-Kirche wurde das Gnadenbild am 9. August 1786 in die Kapuzinerkirche übertragen.
Status:Historisch bedeutende regionale Mariahilf-Wallfahrt. Das Gnadenbild wird weiterhin in der Kapuzinerkirche verehrt; die Maria-Geburts-Prozession bewahrt wesentliche Elemente der alten öffentlichen Wallfahrtskultur.
Kultzentrum:Mariahilf-Gnadenbild, eine frühe Tiroler Kopie des berühmten Mariahilf-Bildes von Lucas Cranach d. Ä.; seit 1786 am Hochaltar der Kapuzinerkirche.
Besonderheiten:Mirakelbuch mit mehr als 150 überlieferten Gebetserhörungen, ehemals rund 820 Votivtafeln, Marianische Liebsversammlung seit 1686, seit 1661 nachweisbare Maria-Geburts-Prozession und Lourdesgrotte von 1913.
Ort:Oberlana, Marktgemeinde Lana.
Region:Burggrafenamt, Südtirol.
Lage und Besuch
Kapuzinerstraße 1, 39011 Lana, Südtirol.
Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Südtirol
Ansicht in Street View
Pfarre: Pfarrei Lana
Öffnungszeiten: täglich untertags.
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Bilddokumentation
Ausführliche Beschreibung

Bilddokumentation

Fassade und Portal der Kapuzinerkirche St. Joachim und Anna in Lana. Im oberen Fassadenbereich befindet sich eine Darstellung des Mariahilf-Bildes nach Lucas Cranach d. Ä.

Fassade der Kapuzinerkirche St. Joachim und Anna in Lana

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Mariahilf-Darstellung an der Fassade der Kapuzinerkirche. Das Bildmotiv folgt dem berühmten Cranach-Typus mit der eng aneinander geschmiegten Muttergottes und dem Jesuskind.

Mariahilf-Bild an der Fassade der Kapuzinerkirche Lana

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Hochaltar der Kapuzinerkirche St. Joachim und Anna mit dem historischen Mariahilf-Gnadenbild. Das Bild wurde 1786 aus der geschlossenen Maria-Hilf-Wallfahrtskirche hierher übertragen.

Hochaltar und Mariahilf-Gnadenbild in der Kapuzinerkirche Lana

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Ausführliche Beschreibung

Die Kapuzinerkirche zu den heiligen Joachim und Anna in Oberlana bewahrt heute ein Mariahilf-Gnadenbild, dessen Verehrung auf eine der bedeutenderen barocken Marienwallfahrten des Burggrafenamtes zurückgeht. Der Ursprung dieser Wallfahrt liegt jedoch nicht in der Kapuzinerkirche selbst, sondern an der Falschauer, wo 1641 eine erste Andachtsstätte entstand. Erst nachdem die ursprüngliche Maria-Hilf-Kirche im Zuge der josephinischen Reformen geschlossen worden war, wurde das Gnadenbild 1786 in die nahe Kapuzinerkirche übertragen. Der Kult überdauerte damit die Aufhebung seines ursprünglichen Heiligtums: Nicht allein das Gebäude, sondern vor allem das Gnadenbild erwies sich als materieller Träger der Wallfahrt.

Diese Verlagerung macht Lana zu einem besonders aufschlussreichen Beispiel für die Geschichte barocker Gnadenbildverehrung. Mirakelberichte, Hunderte Votivtafeln, eine große marianische Bruderschaft und die bis heute gepflegte Maria-Geburts-Prozession zeigen, dass der Kult zeitweise weit über Lana hinauswirkte. Das hauptsächliche Einzugsgebiet lag im Burggrafenamt und im mittleren Vinschgau.

Die Entstehung der Wallfahrt 1641

Die Anfänge der Wallfahrt fallen in eine Zeit, in der der Mariahilf-Kult in Tirol einen außerordentlichen Aufschwung erlebte. Die lokale Überlieferung verbindet die erste Andachtsstätte mit einem Gelübde der adeligen Dorothea Stocker. Im Bereich eines damaligen Schießplatzes nahe der Falschauerbrücke wurde zunächst ein Bildstock beziehungsweise eine kleine Andachtsstätte eingerichtet.

Eine neuere Darstellung zur Geschichte des Maria-Geburtsfestes nennt zugleich den Kapuzinerpater Angelikus Dietmair als maßgeblichen Förderer. Dietmair regte 1641 die Errichtung einer Kapelle zu Ehren Maria Hilfs an. Die Kapuziner besaßen damals noch kein eigenes Kloster in Lana, wirkten aber bereits von Meran aus als Prediger und Seelsorger im Ort. Ein persönliches Gelübde, die Bereitschaft der Gemeinde zur Errichtung eines Andachtsortes und die gezielte Förderung durch die Kapuziner dürften somit bei der Entstehung zusammengewirkt haben.

Eine frühe Kopie des Innsbrucker Mariahilf-Bildes

Besonders wichtig ist die Herkunft des verehrten Bildes. Nach der jüngeren lokalen Überlieferung nutzte Pater Angelikus Dietmair seine Verbindungen zum landesfürstlichen Kammersekretär Josef Grebmer von Wolfsthurn, um für die neue Kapelle eine besonders qualitätvolle Kopie des Mariahilf-Bildes zu beschaffen. Sie wird als eine der frühen und guten Tiroler Kopien des berühmten Vorbildes bezeichnet.

Das Original von Lucas Cranach dem Älteren entstand um 1537 und befindet sich heute im Dom zu St. Jakob in Innsbruck. Der Bildtypus verbreitete sich im 17. Jahrhundert in zahllosen Kopien über Tirol, Bayern, Österreich und weitere Teile Mitteleuropas. Für die frühneuzeitliche Frömmigkeit war dabei entscheidend, dass eine Kopie keineswegs nur als kunsthandwerklicher Ersatz des Originals verstanden werden musste. Auch eine Nachbildung konnte selbst zum Mittelpunkt eines eigenständigen Gnadenkultes werden. Genau dies geschah in Lana: Die dortige Kopie entwickelte eine eigene Kultgeschichte, eine eigene Mirakelüberlieferung und einen eigenen Kreis von Wallfahrern.

Die Ikonographie des Gnadenbildes

Der Mariahilf-Typus unterscheidet sich deutlich von repräsentativen Darstellungen der thronenden Himmelskönigin. Maria erscheint als junge Mutter in enger körperlicher Beziehung zu ihrem Kind. Das Jesuskind schmiegt sich an sie und greift nach ihrem Gesicht; Mutter und Kind bilden eine nahezu geschlossene emotionale Einheit.

Der Bildtypus steht in der Tradition der zärtlichen Gottesmutter, der sogenannten Eleousa. Seine Wirkung beruht weniger auf Herrschaftsattributen als auf Nähe, Schutz und körperlicher Geborgenheit. Gerade diese unmittelbar verständliche Bildsprache dürfte einen wesentlichen Anteil am außerordentlichen Erfolg des Mariahilf-Kultes gehabt haben. Für Menschen, die in Krankheit, bei schwierigen Geburten, nach Unfällen oder in familiärer Not Hilfe suchten, bot das Bild eine besonders persönliche Form der Anrufung.

Die erste Kapelle und die Zerstörung von 1647

Die kleine Andachtsstätte erwies sich wegen des rasch zunehmenden Zustroms bald als unzureichend. Der Bau einer Kapelle begann 1641; 1644 erfolgte ihre Weihe. Ihre Existenz war jedoch nur von kurzer Dauer. 1647 wurde die Anlage bei einem schweren Hochwasser der Falschauer zerstört. Das Gnadenbild konnte gerettet werden.

Diese Rettung muss für die weitere Kultentwicklung eine erhebliche symbolische Bedeutung besessen haben: Während das Bauwerk der Naturgewalt zum Opfer fiel, blieb das verehrte Marienbild erhalten. Gerade angesichts der historischen Bedrohung Oberlanas durch die Falschauer verband sich die Marienverehrung damit auch mit der Hoffnung auf Schutz gegenüber dem Wasser.

Die neue Maria-Hilf-Kirche von 1652

Nach der Zerstörung wurde an der Falschauer eine größere Kirche errichtet und 1652 geweiht. Dieses Gebäude besteht noch heute, trägt jedoch inzwischen das Patrozinium des heiligen Johannes Nepomuk. Ursprünglich war es die eigentliche Wallfahrtskirche Maria Hilf.

Die Lage unmittelbar am Fluss ist für die Geschichte des Heiligtums wesentlich. Das Wasser war einerseits lebensnotwendiges Element der Siedlungslandschaft, andererseits eine ständig drohende Naturgefahr. Dass später gerade Johannes Nepomuk, der traditionelle Brücken- und Wasserheilige, zum Patron der ehemaligen Maria-Hilf-Kirche wurde, fügt sich in diesen Landschafts- und Erinnerungskontext.

Der Aufstieg zu einem regionalen Gnadenort

Der Zustrom zur neuen Maria-Hilf-Kirche muss erheblich gewesen sein. Die Wallfahrt erreichte im 17. und 18. Jahrhundert ihre größte Bedeutung. Eine jüngere lokale Aufarbeitung nennt ein historisches Mirakelbuch mit mehr als 150 verzeichneten Gebetserhörungen und nicht weniger als 820 Votivtafeln.

Solche Zahlen sind als historische beziehungsweise lokal überlieferte Bestandsangaben zu lesen; der einstige Votivbestand ist heute nicht mehr in dieser Form vorhanden. Dennoch vermitteln sie eine Vorstellung vom Umfang des Kultes. Eine Kirche mit mehreren hundert Votivtafeln war kein bloßer örtlicher Andachtsraum. Jede Tafel stand für ein Gelübde, eine Gefahr, eine Krankheit oder eine als erfahren verstandene Hilfe.

Das Mirakelbuch

Das Mirakelbuch ist für die volkskundliche Beurteilung des Lanaer Gnadenortes von besonderem Wert. Solche Aufzeichnungen sammelten jene Fälle, in denen Menschen nach ihrer eigenen Überzeugung oder nach Einschätzung der kirchlichen Umgebung durch die Fürbitte des Gnadenbildes Hilfe erfahren hatten.

Sie sind weder als medizinische Krankenakten noch als naturwissenschaftliche Beweise eines wunderbaren Eingreifens zu lesen. Ihr Quellenwert liegt vielmehr darin, dass sie zeigen, welche Gefahren die Menschen beschäftigten, welche Erwartungen sie mit der Wallfahrt verbanden und wie eine überraschende Rettung oder Genesung religiös interpretiert wurde. Krankheiten, schwierige Geburten, Unfälle, Sorge um Kinder und andere existenzielle Gefahren treten darin als konkrete menschliche Erfahrungen hervor.

Die Rettung des Apothekers Valerius Prunner 1657

Zu den konkret überlieferten Fällen gehört der Apotheker Valerius Prunner. 1657 geriet er nach der Darstellung des Mirakelbuches in eine gefährliche Situation mit seinem Pferd. Gleichzeitig näherte sich ein Gespann, sodass eine schwere Kollision beziehungsweise Verletzung drohte.

Prunner rief Maria Hilf an. Daraufhin, so erzählt der Bericht, seien die Pferde des entgegenkommenden Wagens plötzlich stehen geblieben und er selbst unverletzt aus der Gefahr gekommen. Der Vorgang entspricht einem charakteristischen Typus barocker Mirakelberichte: Die zeitliche Übereinstimmung zwischen Anrufung und unerwarteter Rettung wird als Zeichen der Fürsprache verstanden.

Ein Kind in Erstickungsgefahr

Ein weiterer Mirakelbericht betrifft ein kleines Kind, das einen Knochen verschluckt hatte und zu ersticken drohte. Seine Mutter wandte sich in ihrer Verzweiflung an Maria Hilf; kurz darauf, so die Überlieferung, konnte das Kind wieder atmen.

Gerade dieses Beispiel führt sehr unmittelbar in die Lebenswelt der frühneuzeitlichen Wallfahrt. Kinderkrankheit und Kindersterblichkeit gehörten zu den bedrängendsten Erfahrungen der damaligen Bevölkerung. Der Bericht ist deshalb weniger wegen des außergewöhnlichen Ereignisses als wegen der menschlichen Situation eindrucksvoll: Er beschreibt die Angst einer Mutter um ihr Kind und die religiöse Form, in der diese Angst bewältigt wurde.

Die Votivtafeln - ein verlorenes Archiv menschlicher Schicksale

Die Nachricht von 820 Votivtafeln ist für Lana besonders bemerkenswert. Ein solcher Bestand wäre heute ein außerordentlich umfangreiches Archiv regionaler Alltags-, Medizin- und Frömmigkeitsgeschichte. Votivtafeln machten private Erfahrungen öffentlich. Häufig wurden die Notsituation, das Gnadenbild und die gerettete beziehungsweise geheilte Person gemeinsam dargestellt; Inschriften konnten Namen, Ort, Datum und Art der Gefahr nennen.

Der Verlust des Großteils dieses Bestandes bedeutet daher zugleich den Verlust zahlreicher einzelner Lebensgeschichten. Das Mirakelbuch gewinnt dadurch umso größere Bedeutung, weil es zumindest einen Teil jener Erfahrungen schriftlich bewahrt, die einst zusätzlich durch Bilder im Kirchenraum sichtbar waren.

Die Maria-Geburts-Prozession seit dem 17. Jahrhundert

Eine überraschend frühe Kontinuität lässt sich für die große Maria-Geburts-Prozession nachweisen. Kirchenrechnungen erwähnen diesen Umgang bereits ab 1661. Damit bestand die Prozession schon Jahrzehnte vor der späteren Bruderschaft und mehr als ein Jahrhundert vor der Übertragung des Gnadenbildes in die Kapuzinerkirche.

Das ist für die Geschichte des heutigen Festes wesentlich. Der noch immer von der Kapuzinerkirche ausgehende Umgang ist nicht einfach eine jüngere örtliche Prozession, sondern steht in einer bis in die Blütezeit der alten Maria-Hilf-Wallfahrt zurückreichenden Tradition. Das Fest Mariä Geburt am 8. September bildete dabei einen religiösen Mittelpunkt des Kultes.

Die Marianische Liebsversammlung

1686 wurde an der Maria-Hilf-Kirche eine "Marianische Liebsversammlung" eingerichtet. Vorbild war die kurz zuvor in München entstandene gleichnamige Laienbruderschaft. Die Lanaer Vereinigung gewann nach der örtlichen Überlieferung innerhalb kurzer Zeit mehrere tausend Mitglieder. Zu den religiösen Verpflichtungen beziehungsweise Übungen gehörte auch der Besuch des Titularfestes Mariä Geburt.

Damit entstand rund um das Gnadenbild ein weit über spontane Einzelwallfahrt hinausgehendes religiöses Netzwerk. Bruderschaften banden Menschen dauerhaft an einen Gnadenort. Mitglieder beteten füreinander, nahmen an Gottesdiensten und Prozessionen teil und blieben durch Gebets- und Ablasspraxis auch dann mit dem Heiligtum verbunden, wenn sie nicht persönlich dorthin pilgerten.

Vom Wallfahrtsfest zum "Landesfest"

Mit dem Anwachsen der Liebsversammlung nahm auch der Maria-Geburts-Umgang immer größere Dimensionen an. In der lokalen Überlieferung wird das Fest schließlich sogar als "Landesfest" bezeichnet. Die Prozession machte die Verehrung öffentlich sichtbar. Der Kult blieb nicht auf Hochaltar, Beichte oder individuelles Gebet beschränkt, sondern zog hinaus in den Ort. Fahnen, Heiligenfiguren, Geistliche, Musik und Bevölkerung verwandelten die Straßen für die Dauer des Festes in einen sakralen Handlungsraum.

Die Kapuziner in Lana

Die Kapuziner wirkten bereits vor der Errichtung ihres eigenen Klosters in Lana. Von der Meraner Niederlassung kamen Patres als Prediger und Seelsorger in den Ort. Die frühen Beziehungen zur Maria-Hilf-Wallfahrt sind durch Pater Angelikus Dietmair besonders deutlich erkennbar.

Zwischen 1664 und 1667 entstand schließlich eine eigene Kapuzinerniederlassung in Lana. Die Ordensleute wirkten als Prediger und in der einfachen Seelsorge, betreuten Kranke und Sterbende während Pest- und Choleraepidemien und kümmerten sich auch um Pilger. Die Klosterkirche wurde zu Ehren der heiligen Joachim und Anna errichtet. Damit bestanden in Oberlana zunächst zwei voneinander getrennte religiöse Zentren: die eigentliche Maria-Hilf-Wallfahrtskirche bei der Falschauer und die nahe Klosterkirche der Kapuziner.

Die Kapuzinerkirche St. Joachim und Anna

Die Kirche entspricht dem für den Orden charakteristischen schlichten Bautyp des 17. Jahrhunderts. Das rechteckige Schiff besitzt ein Tonnengewölbe; an der Nordseite befindet sich eine Seitenkapelle. Der langgestreckte Chor wird durch den hohen Hochaltar geteilt. Der Raum hinter dem Altar war ursprünglich den Ordensleuten vorbehalten; eine kleine Öffnung ermöglichte ihnen die Teilnahme an der Messfeier. Hochaltar und Seitenaltäre stammen im Kern noch aus dem 17. Jahrhundert.

Die bewusst zurückhaltende Architektur entspricht dem franziskanisch-kapuzinischen Ideal. Umso deutlicher wurde nach 1786 das Mariahilf-Gnadenbild am Hochaltar zum visuellen und religiösen Mittelpunkt des Raumes.

Der josephinische Einschnitt von 1786

Die Reformen Kaiser Josephs II. bedeuteten für die Lanaer Wallfahrt einen tiefen Einschnitt. Die bisherige Maria-Hilf-Kirche wurde 1786 geschlossen. Der Kult des Gnadenbildes sollte damit jedoch nicht verschwinden. Der Bevölkerung wurde gestattet, das verehrte Bild in die Kapuzinerkirche zu übertragen. Am 9. August 1786 erfolgte nach der örtlichen Überlieferung die feierliche Translation.

Dieser Vorgang ist für die Wallfahrtsforschung besonders aufschlussreich: Der ursprüngliche Wallfahrtsort verlor sein zentrales Kultobjekt, aber der Kult selbst erlosch nicht. Das Gnadenbild wanderte in ein anderes Gotteshaus - und mit ihm verlagerte sich die Verehrung.

Wenn ein Gnadenort seinen Standort wechselt

Die Übertragung von 1786 zeigt besonders deutlich, dass die sakrale Bedeutung einer Wallfahrt nicht notwendig unverrückbar an einen bestimmten Bau gebunden sein muss. Die alte Kirche hatte über mehr als ein Jahrhundert das räumliche Zentrum der Wallfahrt gebildet. Dort waren Mirakel verkündet, Votive aufgehängt, Gelübde erfüllt und Prozessionen gefeiert worden. Dennoch konnte ein erheblicher Teil dieser religiösen Bedeutung gemeinsam mit dem Bild in die Kapuzinerkirche übersiedeln.

Volkskundlich lässt sich von einer Übertragung des Kultzentrums sprechen. Das Gnadenbild fungierte als materieller Träger religiöser Kontinuität. Die neue Kirche erbte gewissermaßen die kultische Biographie der alten. Präzise formuliert entstand die Mariahilf-Wallfahrt von Lana 1641 an der Falschauer und wurde seit 1786 in der Kapuzinerkirche fortgeführt.

Die alte Wallfahrtskirche nach 1786

Die ehemalige Maria-Hilf-Kirche blieb nach ihrer Schließung bestehen. Sie wurde später dem heiligen Johannes Nepomuk geweiht beziehungsweise erhielt ihn als Hauptpatron. Damit existieren in Lana bis heute zwei materielle Erinnerungsorte derselben Wallfahrtsgeschichte: die ehemalige Maria-Hilf-Kirche als ursprünglicher Gnadenort und die Kapuzinerkirche als heutiger Aufbewahrungsort des historischen Gnadenbildes.

Fortdauer der Verehrung in der Kapuzinerkirche

Nach der Übertragung entwickelte sich die Kapuzinerkirche zur vielbesuchten Andachts- und Wallfahrtsstätte. Die alte Maria-Geburts-Tradition wurde ebenfalls an den neuen Standort gebunden. Bis heute nimmt die große Prozession ihren Ausgang bei der Kapuzinerkirche.

Der Fortbestand der Verehrung zeigt sich auch im Kirchenraum selbst. Das Mariahilf-Bild besitzt weiterhin einen hervorgehobenen Platz am Hochaltar und wird nicht bloß als historisches Kunstwerk bewahrt.

Die "Ferggelen"

Eine besondere Rolle beim Maria-Geburts-Umgang spielen die in Lana als "Ferggelen" bezeichneten tragbaren Heiligenfiguren beziehungsweise Figurengruppen. Gemeinsam mit alten Prozessionsfahnen werden sie durch den Ort getragen; Häuser und Wege entlang der Prozessionsstrecke werden geschmückt.

Solche Tragefiguren verleihen einer Prozession eine besondere Anschaulichkeit. Die Heiligen verlassen für die Dauer des Festes gewissermaßen den Kirchenraum und werden Teil des öffentlichen Lebens. Im Zusammenhang mit Lana ist dies besonders passend: Auch das eigentliche Gnadenbild hat seine Geschichte durch Bewegung erfahren - zunächst als Kopie eines Innsbrucker Vorbildes, dann innerhalb der alten Wallfahrtskirche und schließlich 1786 bei der Übertragung in die Kapuzinerkirche.

Die Lourdesgrotte von 1913

Vor der Kapuzinerkirche befindet sich eine 1913 errichtete Lourdesgrotte. Sie gehört einer völlig anderen Epoche der Marienfrömmigkeit an als der barocke Mariahilf-Kult. Während das Mariahilf-Bild für die barocke Bildwallfahrt des 17. Jahrhunderts steht, verweist Lourdes auf die moderne Erscheinungswallfahrt des 19. Jahrhunderts und deren europaweite Verbreitung durch Grotten, Statuen und Wallfahrtsvereine.

Volkskundlich ist die unmittelbare Nachbarschaft dieser beiden Kultformen bemerkenswert. Die jüngere Lourdesfrömmigkeit verdrängte das ältere Gnadenbild nicht, sondern trat als weitere Schicht marianischer Andacht hinzu.

Kapuzinerhospiz, Kloster und heutige Nutzung

Auch die Geschichte des Klosters selbst war von den josephinischen Reformen betroffen. Die Kapuzinerniederlassung wurde formal aufgehoben, die Patres durften jedoch weiterhin in Lana bleiben; die Gemeinschaft bestand als "Hospiz" fort. 1898 wurde daraus wieder offiziell ein Kapuzinerkloster.

2007 schenkte die Südtiroler Kapuzinerprovinz die Kapuzinerkirche und den straßenseitigen Westtrakt des Klosters der Pfarrei Lana. Das eigentliche Kloster wurde 2013 endgültig aufgelassen. Die Kirche blieb jedoch Gotteshaus und Ort der Mariahilf-Verehrung. Damit hat erneut eine institutionelle Veränderung den Kult nicht beendet.

Eine lebendige Prozession

Der Maria-Geburts-Umgang gehört weiterhin zum religiösen Jahreslauf Lanas. Er wird mit Gnadenbildverehrung, Heiligenfiguren, Prozessionsfahnen, Musik und geschmücktem Weg begangen. Damit besteht zumindest ein wesentlicher Teil der alten öffentlichen Wallfahrtskultur fort.

Zwischen der großen barocken Wallfahrt mit Mirakelbuch, Votivwesen und Bruderschaft und der heutigen Situation ist jedoch zu unterscheiden. Die historische Wallfahrt besitzt nicht mehr dieselbe organisatorische Form und Intensität wie im 17. und 18. Jahrhundert; die Verehrung des Gnadenbildes und zentrale Elemente der Fest- und Prozessionskultur sind aber lebendig geblieben.

Rückkehr der Mirakelgeschichten an den ursprünglichen Gnadenort

Eine bemerkenswerte jüngere Entwicklung betrifft ausgerechnet die ehemalige Maria-Hilf-Kirche, also den ursprünglichen Standort des Gnadenbildes. Im Jahr 2026 wurden dort ausgewählte Berichte aus dem historischen Mirakelbuch wieder öffentlich vorgestellt. Dadurch entstand eine interessante doppelte Erinnerungskultur: Das historische Gnadenbild befindet sich weiterhin in der Kapuzinerkirche, während am ursprünglichen Wallfahrtsort die alten Mirakelgeschichten wieder erzählt werden.

Nach fast zweieinhalb Jahrhunderten sind damit beide Orte auf unterschiedliche Weise Träger desselben Kultgedächtnisses geblieben.

Volkskundliche Bedeutung

Die Mariahilf-Verehrung von Lana ist ein besonders vielschichtiges Beispiel barocker und nachbarocker Volksfrömmigkeit. Am Anfang steht ein Gnadenbild, das selbst eine Kopie ist und dennoch eine eigenständige religiöse Wirksamkeit entwickelt. Um die Lanaer Kopie entstehen Wallfahrt, Mirakelüberlieferung, Hunderte Votivtafeln und eine große Bruderschaft.

Hinzu tritt die konkrete Landschaftserfahrung. Die Falschauer bedroht den Ort und zerstört 1647 die erste Kapelle, während das Gnadenbild gerettet wird. So verbindet sich Marienverehrung mit der Hoffnung auf Schutz eines ganzen Siedlungsraumes. Die Bruderschaft wiederum macht aus einzelnen Wallfahrern eine dauerhafte religiöse Gemeinschaft. Die seit mindestens 1661 nachweisbare Maria-Geburts-Prozession trägt die Verehrung in den öffentlichen Raum und verbindet Gnadenbild, Heiligenfiguren, Fahnen, Straßen, Häuser und Bevölkerung.

1786 wird schließlich sichtbar, wie stark der Kult am Objekt selbst haftet. Die Obrigkeit schließt die Wallfahrtskirche, doch die Wallfahrt verschwindet nicht einfach. Das Bild wird in eine andere Kirche getragen und nimmt einen erheblichen Teil seiner religiösen Bedeutung mit.

Lana besitzt deshalb gewissermaßen einen geteilten Gnadenort: Die ehemalige Maria-Hilf-Kirche bewahrt den historischen Entstehungsort und die Erinnerung an Mirakel und Votivwesen; die Kapuzinerkirche bewahrt das Gnadenbild und führt die öffentliche Maria-Geburts-Tradition fort. Genau darin liegt die besondere Bedeutung Lanas für die Wallfahrtsforschung. Der Ort zeigt, dass Wallfahrt kein statischer Zustand ist. Gebäude können zerstört, geschlossen oder umgewidmet werden, Orden können kommen und gehen, Bruderschaften verschwinden und Votivbestände verloren gehen. Solange jedoch Bild, Erzählung, Ritual und gemeinschaftliche Erinnerung fortbestehen, kann ein Kult seine historische Kontinuität auch unter veränderten Bedingungen bewahren.

Literatur und Quellen

- Martin Laimer / Simon Peter Terzer: Baudenkmäler in Lana. Rundgänge zur Architektur, Kunst und Kultur. Herausgegeben von der Marktgemeinde Lana, Lana 2016.

- Kapuzinerprovinz Brixen (Hrsg.): 400 Jahre Kapuziner in Meran - 400 anni Cappuccini a Merano. Brixen 2017.

- Walter Garber: Die Kapuzinerbibliotheken von Lana und Neumarkt. Erschließung Historischer Bibliotheken in Südtirol, Brixen 2010.

- Maria-Geburtsfest-Komitee Lana: historische Darstellung zum Fest Mariä Geburt und zur Mariahilf-Wallfahrt in Lana; insbesondere zur Gründung 1641, P. Angelikus Dietmair, Josef Grebmer von Wolfsthurn, zur Marianischen Liebsversammlung von 1686 und zur seit 1661 nachweisbaren Prozession.

- Simone Santer: "Ein stiller Ort, der stärkt. Die Maria-Hilf-Kirche in Oberlana." In: die BAZ, 23. April 2026; mit Angaben zum Mirakelbuch, zum historischen Votivbestand und zu einzelnen Gebetserhörungen.

- Diözese Innsbruck: Dom St. Jakob, Geschichte und Verehrung des Mariahilf-Gnadenbildes von Lucas Cranach d. Ä.

- Autonome Provinz Bozen - Südtirol, Monumentbrowser: Kapuzinerkloster mit Kirche St. Joachim und Anna, KULTIS-ID 15595.

- Erschließung Historischer Bibliotheken in Südtirol: Kapuziner Lana; zur Geschichte der Niederlassung und ihrer historischen Bibliothek.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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