| Wallfahrt: | Lebendige regionale Heiligen- und Quellwallfahrt zum hl. Ulrich von Augsburg; Quelle, heilkräftig gedachtes Wasser und Kapelle bilden gemeinsam den Kultort. |
| Status: | Lebendige regionale Wallfahrt; der Ulrichssonntag wird weiterhin mit Prozession und Festgottesdienst begangen. |
| Kultzentrum: | Ulrichsverehrung, Ulrichsbrunnen und Wallfahrtskirche; ein einzelnes Gnadenbild wird in der bestehenden Dokumentation nicht als Kultzentrum bezeichnet. |
| Hauptfest: | Ulrichssonntag in zeitlicher Nähe zum Fest des hl. Ulrich am 4. Juli. |
| Besonderheit: | Dem Wasser des Ulrichsbrunnens wird in der Volksüberlieferung besondere Hilfe bei Augenleiden zugeschrieben. |
| Ort: | Ulrichsbrunn in der Katastralgemeinde Windhof bei Semriach. |
| Region: | Steiermark. |
| • | Lage: Ulrichsbrunn 3, 8102 Semriach. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Steiermark |
| • | Ansicht in Street View (knapp vor dem Ulrichsbrunn) |
| • | Web: Pfarre Semriach |
| • | Öffnungszeiten: Die Anlage und der Ulrichsbrunnen sind frei zugänglich. Für eine gezielte Innenbesichtigung empfiehlt sich eine vorherige Anfrage bei der Pfarre Semriach. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
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Die Wallfahrtskirche hl. Ulrich in Ulrichsbrunn bei Semriach liegt in der Katastralgemeinde Windhof unmittelbar bei einer Quelle, die seit Jahrhunderten mit der Verehrung des hl. Ulrich von Augsburg verbunden ist. Ulrichsbrunn ist ein charakteristisches Beispiel einer Heiligen- und Quellwallfahrt, deren religiöser Mittelpunkt nicht ein einzelnes Gnadenbild, sondern das Zusammenwirken von Ulrichsverehrung, Quelle, heilkräftig gedachtem Wasser und Kapelle bildet. Dem Wasser des Ulrichsbrunnens wird in der Volksüberlieferung besondere Hilfe bei Augenleiden zugeschrieben.
Die Wallfahrt ist bis heute lebendig und wird vor allem am Ulrichssonntag in zeitlicher Nähe zum Fest des Heiligen am 4. Juli sichtbar, wenn die traditionelle Prozession nach Ulrichsbrunn führt und dort der Festgottesdienst gefeiert wird.
Ulrichsbrunn bei Semriach ist nicht mit anderen gleichnamigen Ulrichsbrunnen in der Steiermark zu verwechseln. Insbesondere der Ulrichsbrunn am Reinerkogel in Graz und das frühere Ulrichsbrunn bei Heilbrunn beziehungsweise Maria Kleinheilbrunn sind eigenständige Kultorte.
Die Verehrung des hl. Ulrich an der Quelle dürfte älter sein als die heutige Kapelle. Nach der Überlieferung befand sich zunächst eine Ulrichssäule beziehungsweise eine Darstellung des Heiligen beim Brunnen, bevor die religiöse Verehrung durch einen eigenen Kapellenbau dauerhaft architektonisch gefasst wurde.
Ein konkreter historischer Nachweis für die Bemühungen um die Errichtung einer Kapelle liegt aus dem späten 17. Jahrhundert vor. Der Semriacher Pfarrer und Lokalhistoriker Ambros Gasparitz berichtet, dass der Bauer Adam Anhofer aus der Gmein im Jahr 1690 ein erstes Legat zur Errichtung einer Kapelle über dem Ulrichsbründl stiftete. Damit sind die Bestrebungen zum Bau eines eigenen Heiligtums an der Quelle seit 1690 nachweisbar.
Über das genaue Baujahr bestehen unterschiedliche Angaben. Die ältere Forschung setzt die Errichtung der Kapelle ungefähr um 1710 an, während jüngere kirchliche und denkmalpflegerische Beschreibungen eine Entstehung um beziehungsweise nach 1720 nennen. Der heutige barocke Bau ist daher dem frühen 18. Jahrhundert zuzuordnen.
Im Jahr 1779 wurde das Dach der Kapelle durch einen Blitzschlag zerstört; der Wiederaufbau erfolgte 1811. Mehrere spätere Renovierungen sicherten den Bestand des kleinen Wallfahrtsheiligtums, eine größere Erneuerung erfolgte zuletzt im ausgehenden 20. Jahrhundert.
Ulrich von Augsburg wurde 890 geboren und war von 923 bis zu seinem Tod 973 Bischof von Augsburg. Besondere historische Bekanntheit erlangte er im Zusammenhang mit der Abwehr der Ungarn während der Schlacht auf dem Lechfeld im Jahr 955; sein Fest wird am 4. Juli gefeiert.
In der Volksfrömmigkeit entwickelte sich Ulrich jedoch weit über seine historische Rolle als Bischof hinaus zu einem vielseitigen Schutzheiligen, wobei eine besondere Verbindung zu Quellen und Brunnen entstand. Zahlreiche nach ihm benannte Ulrichsbrunnen und Ulrichsquellen zeigen, dass der Heilige im mitteleuropäischen Raum auch mit Wasser und dessen heilender beziehungsweise schützender Kraft verbunden wurde. Zu seinen charakteristischen Attributen gehört ein Fisch.
Das eigentliche Zentrum von Ulrichsbrunn ist die Quelle, die unmittelbar neben beziehungsweise unterhalb der Kapelle gefasst wurde und eine bildstockartige Brunnenarchitektur mit einer Darstellung des hl. Ulrich besitzt. Die Quelle dürfte bereits verehrt worden sein, bevor der heutige Kirchenbau entstand, und dem Wasser des Ulrichsbrunnens wird in der örtlichen Volksüberlieferung besondere Heilkraft zugeschrieben.
Vor allem bei Augenleiden suchten Menschen den Brunnen auf und verwendeten sein Wasser in der Hoffnung auf Hilfe. Diese Vorstellung gehört in den Bereich des traditionellen Heil- und Wallfahrtsglaubens und ist nicht als medizinisch nachgewiesene Wirkung zu verstehen.
Die Verbindung zwischen dem hl. Ulrich und Quellen ist kein ausschließliches Phänomen von Semriach, sondern begegnet in mehreren Regionen Österreichs und Süddeutschlands, wo Quellen und Brunnen seinen Namen tragen. Daraus entwickelte sich eine eigene Form der Ulrichsverehrung, in der Wasser, Heilung und Fürbitte miteinander verbunden wurden; auch der Fisch als Attribut des Heiligen dürfte diese Verbindung zusätzlich begünstigt haben.
In Ulrichsbrunn wurde diese allgemeine Ulrichstradition an einen konkreten Quellort gebunden. Die Quelle erhielt dadurch eine ausgeprägte religiöse Bedeutung, während der hl. Ulrich zugleich zum Patron des Brunnens und zum Mittelpunkt der dortigen Wallfahrt wurde.
Wann aus der lokalen Quellenverehrung eine eigentliche Wallfahrt entstand, lässt sich nicht genau bestimmen. Die Entwicklung des Kultortes ist jedoch deutlich erkennbar: Am Anfang stand die Quelle mit einer Ulrichsdarstellung; seit 1690 sind konkrete Bemühungen um die Errichtung einer Kapelle dokumentiert, und im frühen 18. Jahrhundert entstand schließlich das heute erhaltene Gotteshaus.
Mit dem Kirchenbau erhielt die bereits vorhandene Ulrichs- und Quellenverehrung einen dauerhaften liturgischen Mittelpunkt. Die Wallfahrt konzentrierte sich besonders auf das Fest des hl. Ulrich Anfang Juli und verband den Besuch des Brunnens mit Prozession und Gottesdienst.
Der wichtigste Wallfahrtstag ist bis heute der sogenannte Ulrichssonntag in zeitlicher Nähe zum Fest des hl. Ulrich am 4. Juli. Mit diesem Festtag ist eine Prozession nach Ulrichsbrunn verbunden, an deren Ziel in der Wallfahrtskirche ein Festgottesdienst gefeiert wird.
Damit lebt die traditionelle Verbindung von Weg, Prozession, Heiligtum und Ulrichsverehrung bis heute weiter; auch in jüngerer Zeit wird der Ulrichssonntag regelmäßig begangen und bildet den sichtbarsten Ausdruck der fortbestehenden Wallfahrt.
Mit dem Ulrichssonntag ist neben der Quellen- und Heiligenverehrung auch eine agrarische Bittdimension verbunden. In Gottesdienstordnungen erscheint ausdrücklich die Bitte um die "Erhaltung der Erdfrüchte", womit eine weitere Funktion der Wallfahrt sichtbar wird.
Der Festtermin Anfang Juli liegt mitten in der Vegetationsperiode, in der Wetter, Hagel, Trockenheit und andere Naturereignisse den Ertrag der Felder entscheidend beeinflussen konnten. Die Wallfahrt verband daher die persönliche Bitte um Hilfe und Heilung mit dem gemeinschaftlichen Anliegen nach Schutz der landwirtschaftlichen Lebensgrundlage.
Die Wallfahrtskirche ist ein kleiner barocker Zentralbau mit einem als gestrecktes Achteck ausgebildeten Grundriss. Im Osten schließt eine Sakristei an, über dem Dach sitzt ein kleines Glockentürmchen. Der Innenraum besitzt eine ovale Wirkung und wird von einer hölzernen Flachdecke überspannt; eine Sängerempore ergänzt den kleinen Kirchenraum.
Der Altar mit drei Figuren stammt aus dem Jahr 1777. Die insgesamt schlichte Architektur entspricht der ursprünglichen Funktion als kleine Wallfahrts- und Quellkapelle, deren Bedeutung sich weniger aus monumentaler Ausstattung als aus dem Zusammenhang von Heilquelle, Heiligenverehrung und Wallfahrt ergibt.
Besonders bemerkenswert ist die hölzerne Außenkanzel, deren Funktion sich unmittelbar aus dem Wallfahrtsbetrieb erklärt. An stark besuchten Festtagen konnte die kleine Kapelle nicht alle Gläubigen aufnehmen, sodass der Geistliche von der Außenkanzel zu den außerhalb der Kirche versammelten Pilgern sprechen konnte.
Die Außenkanzel ist damit nicht nur ein architektonisches Detail, sondern ein unmittelbares Zeugnis für den früheren Wallfahrtsbetrieb und zeigt, dass selbst das kleine Quellheiligtum zu bestimmten Festzeiten größere Besuchergruppen anzog.
Ulrichsbrunn ist ein charakteristisches Beispiel für die Verbindung von Heiligenverehrung und Quellenkult innerhalb der christlichen Wallfahrtsfrömmigkeit. Im Mittelpunkt steht kein einzelnes Gnadenbild; der sakrale Charakter des Ortes entsteht vielmehr aus dem Zusammenwirken der Quelle, der Verehrung des hl. Ulrich, der Vorstellung eines heilkräftigen Wassers, der Kapelle und der Wallfahrt zum Ulrichsfest.
Die Quelle bestand vor dem heutigen Kirchenbau, und erst später wurde die religiöse Verehrung durch die Errichtung einer Kapelle dauerhaft architektonisch gefasst. Die Zuschreibung heilender Wirkung an Quellen gehört zu den weit verbreiteten Formen traditioneller Volksfrömmigkeit, wobei besonders Augenleiden häufig im Zusammenhang mit heiligen Quellen und Brunnen begegnen. Das Waschen der Augen oder die Mitnahme von Wasser machte die erhoffte Hilfe des Heiligen unmittelbar körperlich erfahrbar.
Für Ulrichsbrunn ist eine vorchristliche Kulttradition jedoch nicht nachweisbar, weshalb eine solche Deutung ohne historische Belege nicht angenommen werden sollte. Neben dem Heilbrauch tritt eine agrarische Dimension: Die Bitte um Schutz und Erhaltung der Feldfrüchte verbindet die Ulrichsverehrung mit den existenziellen Sorgen einer bäuerlichen Bevölkerung.
Ulrichsbrunn vereint damit Heilbrauch, Prozession, Heiligenverehrung und landwirtschaftliche Bittfrömmigkeit an einem einzigen kleinen Wallfahrtsort und zeigt besonders anschaulich, wie sich ein lokaler Quellkult innerhalb der christlichen Frömmigkeit zu einem dauerhaften regionalen Wallfahrtsbrauch entwickeln konnte.
Die Wallfahrt nach Ulrichsbrunn ist bis heute lebendig, wenn auch überwiegend regional geprägt. Der Ulrichssonntag wird weiterhin mit Prozession und Festgottesdienst gefeiert, während die Kapelle darüber hinaus auch für weitere Gottesdienste und Andachten genutzt wird, darunter Maiandachten, Osterspeisensegnungen, Schulgottesdienste, Florianimessen und Gottesdienste zu Mariä Himmelfahrt.
Ulrichsbrunn ist damit nicht nur ein historischer Wallfahrtsort, sondern zugleich eine weiterhin genutzte Filialkirche und ein lokaler Andachtsort. Auch heute kann daher von einer lebendigen regionalen Heiligen- und Quellwallfahrt gesprochen werden.
- Ambros Gasparitz: Semriach mit Schöckel und Lurloch geschichtlich dargestellt. Graz 1894, besonders S. 95 ff.
- P. Leopold Grill SOCist.: "St. Ulrich in der Steiermark." In: Blätter für Heimatkunde, 47. Jahrgang, Graz 1973, S. 38–46, besonders S. 45–46.
- Franz Leskoschek: "Heilige Quellen und Wunderbrunnen in Steiermark." In: Blätter für Heimatkunde, 21. Jahrgang, Graz 1947, S. 3–24.
- Gustav Gugitz: Österreichs Gnadenstätten in Kult und Brauch. Bd. 4: Kärnten und Steiermark, Wien 1956.
- Friedrich Grell: Die Verehrung des heiligen Ulrich von Augsburg im heutigen Österreich und in Südtirol. Salzburg 1963.
- Johann Schleich: Heil- und Wunderquellen in der Steiermark. Graz–Wien–Köln 1998.
- Dehio-Handbuch. Die Kunstdenkmäler Österreichs. Steiermark (ohne Graz). Abschnitt Semriach/Ulrichsbrunn.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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