| Wallfahrt: | Antoniuswallfahrt, die sich aus einer gegenreformatorischen Pfarrgründung des frühen 17. Jahrhunderts entwickelte und 1830 bereits ausdrücklich als Wallfahrt bezeichnet wurde. |
| Status: | Lebendiger Antoniuswallfahrtsort; der Antonisonntag wird weiterhin besonders gefeiert und von Pilgern besucht. |
| Kultzentrum: | Antoniusbild von 1602 mit dem Jesuskind, später in den hochbarocken Hochaltar übernommen. |
| Hauptfest: | Gedenktag des hl. Antonius am 13. Juni; in Radmer besonders der traditionelle Antonisonntag. |
| Besonderheit: | Der gesamte barocke Kirchenraum ist mit Szenen aus Leben und Wundern des hl. Antonius auf den Wallfahrtsheiligen ausgerichtet; die Entstehung steht zugleich im Zusammenhang mit der Bergbaulandschaft. |
| Ort: | Radmer im steirischen Eisen- und Bergbaugebiet. |
| Region: | Steiermark. |
| • | Lage: Pfarr- und Wallfahrtskirche zum hl. Antonius von Padua, Radmer an der Stube, 8795 Radmer. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Steiermark |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Web: Pfarre Radmer |
| • | Öffnungszeiten: meist tagsüber zugänglich. Bei weiter Anreise beim Pfarramt oder auf der Gemeinde erkundigen. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
Auf einer Anhöhe im Radmertal steht die Pfarr- und Wallfahrtskirche zum hl. Antonius von Padua, eine der bemerkenswertesten Kirchen des steirischen Eisen- und Bergbaugebietes. Ihre Entstehung unterscheidet sich wesentlich von vielen älteren Gnadenorten, denn am Beginn steht weder eine wunderbare Auffindung eines Kultbildes noch eine Marienerscheinung oder Heilungslegende, sondern die gegenreformatorische Neuordnung einer vom Bergbau geprägten Landschaft. Aus der zu Beginn des 17. Jahrhunderts errichteten Pfarrkirche entwickelte sich in der Folge eine Antoniuswallfahrt, deren Bedeutung durch das verehrte Antoniusbild, eine umfangreiche barocke Bildwelt mit Szenen aus Leben und Wundern des Heiligen sowie den bis in die Gegenwart gefeierten Antonisonntag sichtbar geblieben ist.
Die im Denkmalschutz als "Kirchhofanlage hl. Antonius von Padua und Friedhof" bezeichnete Anlage umfasst Kirche und den gleichzeitig angelegten Friedhof. Für die Wallfahrtsgeschichte ist allerdings die Bezeichnung Pfarr- und Wallfahrtskirche zum hl. Antonius von Padua wesentlich aussagekräftiger, weil sie den eigentlichen Kult und die religiöse Funktion des Ortes bezeichnet.
Die Entstehung der Kirche ist eng mit der religiösen Situation um 1600 verbunden. Am 28. Juni 1600 kam der Seckauer Bischof Martin Brenner im Zuge einer landesfürstlichen Rekatholisierungskommission nach Radmer. Das abgelegene Tal war durch den seit dem 16. Jahrhundert stark ausgebauten Kupferbergbau wirtschaftlich bedeutend geworden und beherbergte eine größere Bergarbeiterbevölkerung, während sich während der Reformationszeit auch hier protestantische Glaubensformen verbreitet hatten.
Im Zusammenhang mit der Rekatholisierung ersuchte die Bevölkerung um die Errichtung einer eigenen Kirche und eines Friedhofes. Der damalige Landesfürst Erzherzog Ferdinand, der spätere Kaiser Ferdinand II., unterstützte das Vorhaben und wurde damit zum Stifter des Gotteshauses. Nach dem Dehio-Handbuch wurde die Kirche von 1600 bis 1603 unter dem Baumeister Hans Reßl errichtet, wobei die Pläne wahrscheinlich auf den bedeutenden Hofkünstler und Architekten Giovanni Pietro de Pomis zurückgehen.
Bereits am 10. August 1602 wurde die Kirche durch Bischof Martin Brenner in Anwesenheit des Landesfürsten und seiner Familie dem hl. Antonius von Padua geweiht. Die bei Dehio genannte Bauzeit bis 1603 und die bereits 1602 erfolgte Weihe widersprechen einander nicht, da abschließende Bauarbeiten auch nach der liturgischen Indienstnahme des Gotteshauses fortgeführt worden sein können.
Bemerkenswert ist, dass Kirche und Friedhof von Anfang an gemeinsam angelegt wurden. Das Gotteshaus steht bis heute innerhalb des umgebenden Friedhofes, wodurch der sakrale Bezirk eine geschlossene Einheit bildet. Die heute denkmalpflegerisch verwendete Bezeichnung "Kirchhofanlage" beschreibt daher einen bereits in der Gründungsphase entstandenen Zusammenhang und nicht eine erst später gewachsene Verbindung zwischen Kirche und Begräbnisstätte.
Der Friedhof gehört damit ebenso zur gegenreformatorischen Neugestaltung des Radmertales wie der Kirchenbau selbst. Pfarrkirche, Begräbnisplatz und katholische Liturgie schufen gemeinsam ein dauerhaftes religiöses Zentrum für eine Bevölkerung, die zuvor über keinen vergleichbaren eigenen Kirchenraum verfügt hatte.
Die Kirche besitzt ein vierjochiges Langhaus, an das sich ein schmälerer zweijochiger Chor mit leicht gerundetem Abschluss anschließt. Langhaus und Chor werden durchgehend von Stichkappentonnen überwölbt, die auf gestuften Pilastern mit Kompositkapitellen ruhen.
Diese architektonische Gestaltung verleiht dem Innenraum trotz seiner überschaubaren Größe eine bemerkenswerte Geschlossenheit und Monumentalität. Die regelmäßige Gliederung durch Pilaster und Gewölbejoche führt den Blick in Richtung des Hochaltares und schafft damit zugleich jene klare räumliche Ausrichtung, die für eine Kirche mit ausgeprägtem Heiligenkult besonders wirkungsvoll ist.
Die beiden Türme wurden 1757 erhöht und mit Doppelzwiebelhelmen versehen, die das äußere Erscheinungsbild der Kirche bis heute wesentlich bestimmen. Die vergleichsweise glatte Westfassade besitzt zwei Figurennischen mit Heiligenstatuen aus der Zeit um 1700.
Während der Kirchenbau selbst noch aus den ersten Jahren des 17. Jahrhunderts stammt, erhielt der Innenraum seine heute bestimmende Erscheinung im Hochbarock. Die wesentliche Ausstattung und die reiche Stuckdekoration entstanden um 1720 beziehungsweise in den unmittelbar anschließenden Jahren.
Besonders charakteristisch ist der Laub-, Bandl- und Gitterwerkstuck, der die Gewölbeflächen in ein dichtes ornamentales System einbindet. Diese Dekoration darf nicht nur als repräsentative Verschönerung verstanden werden, denn gemeinsam mit den Fresken schuf sie einen reich ausgestatteten Bildraum, in dem Leben, Wunder und Verehrung des Kirchenpatrons anschaulich vermittelt wurden.
Im Mittelpunkt der Wallfahrt steht der hl. Antonius von Padua. Das zentrale Antoniusbild stammt bereits aus dem Jahr 1602 und gehört damit in die unmittelbare Gründungszeit der Kirche. Es zeigt den Heiligen mit dem Jesuskind und wurde später in den hochbarocken Hochaltar übernommen.
Damit besitzt Radmer eine bemerkenswerte kultische Kontinuität: Der barocke Ausbau des 18. Jahrhunderts ersetzte den älteren Antoniuskult nicht durch ein neues Gnadenbild, sondern integrierte das aus der Gründungszeit stammende Bild in eine wesentlich aufwendigere Ausstattung. Das alte Antoniusbild blieb somit über mehrere Jahrhunderte der bildliche Mittelpunkt der Verehrung.
Der heutige Hochaltar entstand um 1727 und bildet gemeinsam mit Stuck und Fresken den Höhepunkt der hochbarocken Innenausstattung. Im Zentrum blieb das ältere Antoniusbild von 1602 erhalten, wodurch der Altar zugleich die historische Verbindung zwischen der gegenreformatorischen Kirchengründung und der späteren Blüte der Wallfahrt sichtbar macht.
Für einen Wallfahrtsort besitzt diese Kontinuität besondere Bedeutung. Der Pilger des 18. oder 19. Jahrhunderts stand nicht vor einem erst im Zuge der barocken Ausstattung geschaffenen Antoniusbild, sondern vor jenem Bild des Kirchenpatrons, das bereits mit der Entstehung des Gotteshauses verbunden war.
Die besondere Ausrichtung des Kirchenraumes auf den hl. Antonius beschränkt sich nicht auf den Hochaltar. Die Gewölbefresken zeigen Szenen aus Leben und Wundern des Heiligen und entfalten damit über dem Kirchenraum eine umfangreiche bildliche Antoniuslegende.
Gerade für die Wallfahrt besaßen solche Darstellungen eine wichtige Funktion. Sie vermittelten dem Besucher, welche außergewöhnlichen Taten und Wunder dem Heiligen zugeschrieben wurden, und machten die Heiligenlegende auch Menschen verständlich, die keinen Zugang zu gedruckten Lebensbeschreibungen besaßen. Die Kirche wurde dadurch selbst zu einem Medium religiöser Unterweisung: Der Pilger sah nicht nur das verehrte Bild am Hochaltar, sondern wurde bereits durch die übrige Ausstattung mit den Wundern und der besonderen Fürsprache des hl. Antonius vertraut gemacht.
Der 1231 verstorbene Franziskaner Antonius von Padua entwickelte sich zu einem der populärsten Heiligen der katholischen Volksfrömmigkeit. Seine Verehrung erfasste sehr unterschiedliche Lebensbereiche; besonders bekannt wurde seine Anrufung beim Verlust von Gegenständen, daneben wandte man sich an ihn aber auch in zahlreichen anderen persönlichen und familiären Anliegen.
Für Radmer selbst lassen sich aus den bislang greifbaren Quellen jedoch keine einzelnen Wallfahrtsmotive mit jener Genauigkeit bestimmen, wie dies etwa bei Gnadenorten mit überlieferten Mirakelbüchern oder genau bezeichneten Heilindikationen möglich ist. Es wäre daher verfehlt, die allgemein verbreitete Antoniusverehrung ohne weiteren Nachweis unmittelbar auf die historischen Radmerer Wallfahrer zu übertragen.
Sicher ist hingegen, dass der Heilige selbst und nicht ein eigenständiges Marienbild oder eine andere Kultfigur das Ziel der Wallfahrt bildete. Das Antoniusbild am Hochaltar sowie die bildliche Darstellung seiner Wunder bestimmen den gesamten Kirchenraum und zeigen, wie stark die religiöse Identität des Gotteshauses auf den Kirchenpatron konzentriert wurde.
Zu den bis heute bekanntesten Formen der Antoniusverehrung gehört seine Anrufung, wenn etwas verloren oder vergessen wurde. Diese Funktion entwickelte sich aus der volkstümlichen Auslegung einer Episode seiner Legende, nach der ein verlorenes beziehungsweise entwendetes Buch durch die Fürsprache des Heiligen wieder zurückgekehrt sei.
Die daraus entstandene Vorstellung des hilfreichen Antonius beim Wiederfinden verlorener Gegenstände verbreitete sich weit über die eigentlichen Antoniuswallfahrtsorte hinaus und gehört zu den besonders langlebigen Elementen katholischer Alltagsfrömmigkeit. Ob gerade dieses Anliegen innerhalb der historischen Radmerer Wallfahrt eine besondere Stellung einnahm, ist bislang allerdings nicht ausreichend belegt.
Die Entstehung der Kirche fällt in die große Zeit des Radmerer Kupferbergbaus. Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts wurde der Bergbau stark ausgebaut und beschäftigte zeitweise mehrere hundert Menschen, wodurch sich das abgelegene Tal zu einem bedeutenden Montanrevier entwickelte.
Die Kirche entstand daher nicht innerhalb einer ausschließlich bäuerlichen Bevölkerung, sondern in einer Landschaft, deren wirtschaftliche und soziale Struktur wesentlich durch Bergbau, Hüttenwesen und die damit verbundenen Berufsgruppen bestimmt wurde. Dies unterscheidet Radmer von zahlreichen bäuerlich geprägten Wallfahrtsorten der Steiermark.
Ob die Bergleute den hl. Antonius in Radmer in bestimmten beruflichen Gefahren besonders anriefen oder ob eigene bergmännische Wallfahrtsbräuche bestanden, ist bislang nicht ausreichend dokumentiert. Dass mit der hl. Barbara eine der wichtigsten Patroninnen des Bergbaus innerhalb der Kirchenausstattung erscheint, fügt sich zwar überzeugend in die lokale Montanlandschaft ein, belegt aber für sich allein noch keine eigene Barbara-Wallfahrt.
Zu den älteren Teilen der barocken Ausstattung gehören die beiden großen Seitenaltäre am Triumphbogen, die 1681 entstanden. Einer von ihnen ist marianisch geprägt, während auf dem anderen die drei weiblichen Heiligen Barbara, Katharina und Margaretha erscheinen.
Diese Zusammenstellung der drei populären Heiligen erinnert an jene im Volksmund verbreitete Gruppe der "drei heiligen Madln", die in unterschiedlicher Zusammensetzung und regionaler Ausprägung innerhalb der katholischen Volksfrömmigkeit besondere Verehrung genossen.
Gerade die hl. Barbara erhält im Bergbauort Radmer zusätzliche Bedeutung. Als Patronin der Bergleute und Helferin gegen plötzlichen Tod gehörte sie zu den wichtigsten religiösen Schutzgestalten der Montanbevölkerung. Ihre Aufnahme in die Ausstattung verbindet die überregionale Heiligenverehrung auf anschauliche Weise mit der konkreten Arbeits- und Lebenswelt des Radmertales.
Die Kanzel stammt aus dem Jahr 1714 und wird Josef Claudius Zeller zugeschrieben. Gemeinsam mit Hochaltar, Seitenaltären, Stuck und Fresken gehört sie zu jenem umfangreichen barocken Ausstattungsprogramm, das die Kirche während der Blütezeit des Antoniuskultes erhielt.
Gerade in einer Wallfahrtskirche besaß die Kanzel besondere Bedeutung, weil Predigt und mündliche Vermittlung der Heiligenlegenden wesentliche Bestandteile des religiösen Erlebnisses bildeten. Die bildlich dargestellten Wunder des hl. Antonius konnten in der Predigt erklärt, erweitert und auf die konkreten Sorgen der Pilger bezogen werden.
Dass Radmer spätestens im frühen 19. Jahrhundert eindeutig als Wallfahrtsort verstanden wurde, belegt eine zeitgenössische Bildquelle besonders anschaulich. In Joseph Franz Kaisers "Lithographirten Ansichten der Steiermark" erscheint das Gotteshaus 1830 ausdrücklich unter der Bezeichnung "Die Wallfahrtskirche St. Anton in der Radmar".
Der Quellenwert dieser Benennung ist beträchtlich, weil hier nicht eine spätere kunsthistorische Rückschau den Begriff Wallfahrtskirche verwendet, sondern eine zeitgenössische Darstellung des frühen 19. Jahrhunderts den Ort bereits ausdrücklich als solchen bezeichnet.
Die Wallfahrt war zu diesem Zeitpunkt somit ein feststehendes Merkmal der Kirche und ihrer öffentlichen Wahrnehmung.
Die Antoniuswallfahrt erreichte nicht nur die Bevölkerung des Radmertales. Noch in jüngerer Zeit kamen zum Antoni-Sonntag und zu anderen größeren kirchlichen Festen Pilgergruppen aus verschiedenen steirischen Pfarren sowie aus angrenzenden Gebieten Ober- und Niederösterreichs.
Die abgelegene Lage des Ortes macht dieses überregionale Einzugsgebiet besonders bemerkenswert. Der Weg nach Radmer bedeutete für viele Wallfahrer eine längere Anreise und häufig auch einen beträchtlichen Fußweg, wodurch der Besuch des Antoniusheiligtums deutlich über eine gewöhnliche Teilnahme am örtlichen Pfarrgottesdienst hinausging.
Der liturgische Gedenktag des hl. Antonius von Padua wird am 13. Juni begangen. In Radmer entwickelte sich daraus der traditionelle Antonisonntag, an dem der Kirchenpatron und Wallfahrtsheilige in besonderer Weise verehrt wird.
Die Wallfahrtstradition ist nicht lediglich historisch überliefert, sondern lebt bis heute fort. Gottesdienste am Antonisonntag ziehen weiterhin Pilger und Besucher an, sodass Radmer als lebendige Antoniuswallfahrt und nicht als erloschener historischer Wallfahrtsort einzustufen ist.
Wallfahrt bestand auch in Radmer nicht ausschließlich aus dem Aufenthalt vor dem Antoniusbild. Der gemeinsame Weg, Gottesdienst und Gebet verbanden sich mit Rast, Begegnung und gemeinschaftlichem Aufenthalt im Umfeld der Kirche.
Gerade bei überregionalen Pilgergruppen war eine entsprechende Versorgung selbstverständlich notwendig. In jüngerer Zeit wird dieser soziale Aspekt etwa durch die Bewirtung von Pilgern im Umfeld des Pfarrhofes sichtbar. Solche scheinbar nebensächlichen Einrichtungen gehören zur praktischen Infrastruktur einer lebendigen Wallfahrt, weil gemeinsames Essen und Ausruhen seit jeher Bestandteile größerer Pilgerzüge waren.
Im Bereich der Kirche befindet sich außerdem ein Antoniusbrunnen, dessen Name die Verbindung mit dem Kirchenpatron erkennen lässt. Der Platz wird auch im heutigen religiösen Leben genutzt.
Ein besonderer historischer Heilwasserkult oder eine volksmedizinische Verwendung des Brunnenwassers lässt sich aus den bislang greifbaren Quellen jedoch nicht zuverlässig nachweisen. Der Antoniusbrunnen sollte deshalb nicht ohne weitere Belege mit jenen Wallfahrtsquellen gleichgesetzt werden, deren Wasser traditionell gegen bestimmte Krankheiten verwendet wurde.
Am 15. Oktober 1951 wurde die Kirche durch einen Brand schwer beschädigt. Der Wiederaufbau beziehungsweise die Wiederherstellung erfolgte bis 1953; weitere umfassende Restaurierungen wurden gegen Ende des 20. Jahrhunderts durchgeführt.
Der Brand bildete einen tiefen Einschnitt in die Baugeschichte, unterbrach jedoch die religiöse Bedeutung des Ortes nicht dauerhaft. Die Kirche blieb Pfarr- und Wallfahrtskirche, während ihre barocke Ausstattung restauriert und erhalten werden konnte.
Die Wallfahrtsinfrastruktur von Radmer unterscheidet sich von jener großer Marienwallfahrtsorte mit ausgedehnten Pilgerherbergen und Devotionaliengeschäften. Der Mittelpunkt liegt deutlich im kirchlichen Ensemble selbst: Kirche, Friedhof, Pfarrhof, Antoniusbrunnen und die Wege zum Heiligtum bilden den räumlichen Rahmen, in dem sich die Wallfahrt vollzieht.
Zu größeren Wallfahrtstagen kommt die soziale Versorgung der Pilger hinzu. Damit wird sichtbar, dass auch ein vergleichsweise kleiner Wallfahrtsort praktische Strukturen benötigt, die über den eigentlichen Gottesdienst hinausreichen und Ankunft, Aufenthalt und Begegnung der Wallfahrer ermöglichen.
Ob in Radmer historisch ein eigener Devotionalienhandel mit Antoniusbildern, Medaillen oder anderen Wallfahrtsandenken bestand, wäre noch gesondert zu untersuchen. Gerade angesichts der überregionalen Bedeutung des Antonisonntages wäre eine solche Andenkenkultur durchaus denkbar, lässt sich derzeit jedoch nicht ausreichend belegen.
Die Pfarr- und Wallfahrtskirche Radmer ist bis heute ein lebendiger Antoniuswallfahrtsort. Der Antonisonntag wird weiterhin besonders gefeiert, und die Kirche wird nicht nur von der örtlichen Pfarrgemeinde, sondern auch von Pilgern aufgesucht.
Gleichzeitig hat sich der Charakter der Wallfahrt gegenüber früheren Jahrhunderten verändert. Große Fußwallfahrten und überregionale Pilgerzüge besitzen heute nicht mehr jene alltägliche Selbstverständlichkeit, die sie in einer vormodernen katholischen Kulturlandschaft hatten; dennoch ist der Wallfahrtsbrauch nicht abgebrochen, sondern in konzentrierter Form um die besonderen Antoniustermine erhalten geblieben.
Radmer vertritt innerhalb der steirischen Wallfahrtslandschaft einen besonders interessanten Entstehungstyp. Am Anfang steht kein wunderbares Kultbild und keine Gründungslegende, sondern die gegenreformatorische Stiftung einer Kirche für eine religiös und sozial neu zu ordnende Bergbaubevölkerung. Aus dieser Pfarrgründung entwickelte sich jedoch ein wirklicher Wallfahrtsort, dessen kultischer Mittelpunkt von Anfang an der hl. Antonius von Padua war.
Das Antoniusbild von 1602 verbindet die gegenreformatorische Gründungsphase unmittelbar mit der späteren Wallfahrt, während die hochbarocke Ausstattung den Heiligen und seine Wunder in einen umfassenden visuellen Erzählraum einbettet. Der Pilger begegnete Antonius nicht ausschließlich am Hochaltar, sondern wurde im gesamten Kirchenraum mit seinem Leben und seiner Wunderkraft konfrontiert.
Ebenso bedeutsam ist die soziale Umgebung des Kultes. Die Kirche entstand in einer Montanlandschaft und damit in einer Arbeitswelt, deren Bewohner besonders mit körperlicher Gefahr, wirtschaftlicher Unsicherheit und den Risiken des Bergbaus vertraut waren. Konkrete bergmännische Antoniusbräuche lassen sich derzeit zwar nicht nachweisen, doch bildet die Verbindung von Bergbauort, gegenreformatorischer Kirchengründung und späterer Heiligenwallfahrt einen bemerkenswerten kulturgeschichtlichen Zusammenhang.
Die zeitgenössische Bezeichnung als "Wallfahrtskirche St. Anton in der Radmar" im Jahr 1830, das überregionale Einzugsgebiet und der bis heute gefeierte Antonisonntag zeigen schließlich, dass sich aus der landesfürstlichen Kirchengründung des frühen 17. Jahrhunderts eine über Jahrhunderte beständige Wallfahrt entwickelte.
- Dehio-Handbuch: Die Kunstdenkmäler Österreichs. Steiermark.
- Gugitz, Gustav: Österreichs Gnadenstätten in Kult und Brauch. Wien 1956.
- Kaiser, Joseph Franz: Lithographirte Ansichten der Steiermark. Graz 1830. Darin: "Die Wallfahrtskirche St. Anton in der Radmar".
- "Zu Besuch beim hl. Antonius von Padua". In: Sonntagsblatt für Steiermark, 23. Juli 2006.
- Pfarre Radmer / Seelsorgeraum an der Eisenstraße: Angaben zur Geschichte und gegenwärtigen Wallfahrt.
- Gemeinde Radmer: Geschichte der Pfarr- und Wallfahrtskirche zum hl. Antonius von Padua.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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