Murau, Wallfahrtskirche St. Leonhard

Schnellüberblick
Wallfahrt:Seit 1439 belegte Leonhardswallfahrt; ein Mirakelbuch überliefert 44 als wundersam verstandene Erhörungen aus dem 15. bis 17. Jahrhundert.
Status:Lebendige, heute vorwiegend regionale Leonhardswallfahrt mit Gottesdiensten am Leonharditag und einem eigenen Leonhardisonntag.
Kultzentrum:Verehrung des hl. Leonhard; die zentrale Darstellung des Heiligen mit Abtstab und Kette ist in den frühbarocken Hochaltar eingebunden.
Hauptfest:Leonharditag; zusätzlich wird ein eigener Leonhardisonntag begangen.
Besonderheit:Das Mirakelbuch dokumentiert unter anderem Gefangenenbefreiungen sowie Wachs-, Eisen- und Tieropfer und macht den Wandel des Leonhardskultes besonders anschaulich.
Ort:Leonhardiberg südlich von Murau.
Region:Steiermark.
Lage und Besuch
Lage: Schlatting 62, 8850 Murau.
Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Steiermark
Ansicht in Street View (Luftbild)
Web: Pfarre Murau
Öffnungszeiten: außerhalb von Gottesdiensten und besonderen Öffnungstagen grundsätzlich versperrt. In den Sommermonaten werden regelmäßig Besichtigungsmöglichkeiten und kurze Kirchenführungen angeboten. Außerhalb dieser Zeiten kann beim Pfarramt Murau wegen einer Schlüsselausgabe angefragt werden. Die Heiliggrabkapelle ist zumindest bis zur Gittertür auch ohne Schlüssel zugänglich.
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Bilddokumentation
Ausführliche Beschreibung

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Leonarditeich und Leonardikirche in Murau:

Leonarditeich und Leonardikirche in Murau

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Ausführliche Beschreibung

Die Wallfahrtskirche St. Leonhard, in Murau meist Leonhardikirche genannt, erhebt sich südlich der Stadt auf dem bewaldeten Leonhardiberg nahe der ehemaligen Burg Grünfels. Der hoch aufragende gotische Bau liegt weithin sichtbar über dem rechten Murufer. Von Murau führt ein Kreuzweg auf den Berg zur Kirche. Der Kirchenbezirk ist von Resten einer Wehrmauer umgeben; westlich der Kirche schließt die Heiliggrabkapelle an. Der Leonhardiberg bildet damit zugleich einen historischen Kalvarienberg.

Geschichte

An der Stelle der heutigen Kirche befand sich zuvor die Burgkapelle St. Katharina. Die Gründung der Leonhardikirche wird Niklas von Liechtenstein, dem damaligen Herrn von Murau, zugeschrieben. Bereits 1439 ist die Kirche als Wallfahrtsstätte belegt; 1450 wird sie in einem Ablassbrief genannt. Damit gehört St. Leonhard zu den bereits im Spätmittelalter nachweisbaren Wallfahrtsstätten der Obersteiermark.

Der Bau entstand im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts und zeigt deutliche Beziehungen zur bedeutenden Wallfahrtskirche St. Leonhard bei Tamsweg. Gerade diese Verbindung ist auch volkskundlich interessant: Während Tamsweg als der "Große St. Leonhard" bezeichnet wurde, begegnet für Murau die Bezeichnung "Kleiner Leonhard".

Im Zuge der barocken Frömmigkeitsentwicklung wurde der Leonhardiberg zusätzlich zu einem Kalvarienberg ausgebaut. Ab 1680 entstanden die Kreuzwegstationen; im selben Jahr wurde westlich der Kirche die Heiliggrabkapelle errichtet. Kirche, Kreuzweg und Heiliges Grab verbanden damit Leonhardswallfahrt und Passionsfrömmigkeit zu einem größeren sakralen Ensemble.

Kunstgeschichte

Die Leonhardikirche gehört zu den bemerkenswertesten erhaltenen spätgotischen Sakralbauten Muraus. Der schlanke Bau besteht aus einem zweieinhalbjochigen Hallenraum mit leicht eingezogenem Langchor und Dreiachtelschluss. Strebepfeiler, große Maßwerkfenster und ein reich gestaltetes Südportal mit krabbenbesetzten Kielbögen bestimmen das Äußere. Ein mehrfach gestuftes Kaffgesims zieht sich um den Bau. Das ursprünglich große Maßwerkfenster der Westfassade wurde vermutlich nach einem Sturmschaden im 19. Jahrhundert vermauert.

Besonders eindrucksvoll ist der Innenraum mit seinem Netzrippengewölbe. Die Schlusssteine tragen vegetabile Ornamente; im Chor erscheint auch der Kopf des hl. Leonhard. Die steinerne Musikempore besitzt eine reich gearbeitete Maßwerkbrüstung. An ihr befinden sich Wappen Anna Neumanns, ihrer Ehemänner sowie des Hauses Schwarzenberg.

Hochaltar, Kanzel und rechter Seitenaltar entstanden um 1640. Der frühbarocke Hochaltar nahm ältere gotische Skulpturen auf. Mehrere Figuren aus der jüngeren Villacher Werkstatt werden um 1520 datiert; erhalten sind unter anderem die Heiligen Georg, Florian und Eustachius. Auch die zentrale Darstellung des hl. Leonhard mit Abtstab und Kette gehört der spätgotischen Bildtradition an. Weitere ursprünglich aus der Kirche stammende Figuren befinden sich heute in der Alten Galerie des Universalmuseums Joanneum.

Die Wallfahrt

Für die Geschichte der Wallfahrt besitzt Murau eine außergewöhnliche Quelle: ein im 17. Jahrhundert von Stadtpfarrer Philipp Jacob Zach zusammengestelltes Mirakelbuch. Zach sammelte ältere schriftliche und mündliche Überlieferungen und zeichnete insgesamt 44 wunderbare Erhörungen auf. Die Berichte betreffen zunächst die Jahre 1439 bis 1450 und setzen nach einer langen Lücke für die Jahre 1626 bis 1660 wieder ein. Das lange Zeit als verschollen geltende Buch konnte von der Volkskundlerin Elfriede Grabner wieder aufgefunden und wissenschaftlich untersucht werden.

Schon die Einleitung des Mirakelbuches berichtet, dass seit 1439 zahlreiche Menschen von auswärts die Leonhardikirche wegen Krankheiten und anderer Nöte aufsuchten. Die frühen Mirakel zeigen ein überraschend großes Einzugsgebiet: Wallfahrer werden unter anderem aus Tamsweg, Voitsberg, Schöder, Judenburg und Neumarkt sowie aus Kärnten – etwa aus Gurk, Villach, Friesach und Weitensfeld – genannt.

Die Hilfesuchenden verlobten sich nach St. Leonhard, versprachen eine Kirchfahrt und brachten nach erfolgter Erhörung Opfergaben dar. Die Berichte nennen Heilungen bei Taubheit und Blindheit, Lähmungen und Fußleiden, Geschwüren, schweren Krankheiten und den "Fraisen", außerdem Rettungen aus Unglücksfällen und Geburtsnöten. Zwei von einer Lawine verschüttete Kinder sollen 1444 nach der Anrufung des Heiligen lebend aufgefunden worden sein; zu Pfingsten erfüllten sie beziehungsweise ihre Familie das Gelübde durch die Kirchfahrt nach Murau.

St. Leonhard als Gefangenenbefreier

Besonders bemerkenswert ist die ursprüngliche Funktion des Murauer Leonhard als Gefangenenbefreier. Unter den spätmittelalterlichen Mirakeln befinden sich elf Berichte über die wunderbare Lösung von Fesseln und die Befreiung aus Gefangenschaft. Damit tritt in Murau eine ältere Schicht des Leonhardskultes deutlich hervor, während sein später besonders populäres Patronat für Pferde und Vieh zunächst weniger im Vordergrund steht.

Ein Bericht erzählt von zwei Gefangenen in Böhmen, denen im Traum ein Mönch erschien und auftrug, nach ihrer Befreiung nach Murau zu kommen – obwohl sie Murau zuvor nicht einmal gekannt hätten. Nach ihrer Flucht erfüllten sie ihr Gelübde. Einer der Befreiten opferte in St. Leonhard Wachs entsprechend seinem eigenen Körpergewicht. Andere ehemalige Gefangene brachten ihre eisernen Fesseln oder Schlösser als Votivgaben mit. 1446 ist ausdrücklich die Stiftung eines Eisenobjektes als Dank für die Befreiung überliefert.

Auch ein silberner Halsring wird als Votivgabe genannt. Ein Mann, der nach einem Schiffsunglück aus dem Meer gerettet worden sein soll, ließ ihn anfertigen und brachte ihn nach St. Leonhard. Solche Gaben verbinden die Murauer Wallfahrt unmittelbar mit dem für den Leonhardskult charakteristischen Motiv von Kette, Fessel und Befreiung. Eine eigentliche Kettengürtung der Kirche, wie sie von anderen Leonhardsheiligtümern bekannt ist, ist für Murau allerdings nicht nachgewiesen.

Wandel des Wallfahrtskultes

Volkskundlich besonders aufschlussreich ist der Wandel zwischen dem 15. und dem 17. Jahrhundert. Während die mittelalterlichen Mirakel noch ein weit über Murau hinausreichendes Einzugsgebiet und zahlreiche Gefangenenbefreiungen dokumentieren, stammen die zehn Berichte aus der Zeit von 1626 bis 1660 fast ausschließlich aus Murau und dessen näherer Umgebung. Zugleich treten Krankheiten, Unglücksfälle und die lokale Lebenswelt stärker in den Vordergrund.

So berichtet das Mirakelbuch von einem Murauer Bürger, der mit seinem Pferd in der Taurach in große Gefahr geraten war und nach Anrufung des Murauer Leonhard gemeinsam mit dem Tier unversehrt gerettet worden sei. In einer anderen Eintragung wird ein "lebendiges Opfer" versprochen; Elfriede Grabner weist darauf hin, dass darunter die Darbringung lebender Haustiere zu verstehen ist, wobei in der frühen Neuzeit besonders Geflügel als Opfergabe vorkam. Diese Einträge zeigen zwar bereits die enge Verbindung des Leonhardskultes mit der bäuerlichen Lebenswelt und mit Tieren; als eigentlicher Viehpatron spielt der hl. Leonhard in den 44 Mirakelberichten jedoch noch keine Rolle. Dieses Patronat gewann in Murau erst in den folgenden Jahrhunderten an Bedeutung.

Volkskundliche Bedeutung

Die Murauer Leonhardikirche ist daher weit mehr als ein kunstgeschichtlich bedeutender gotischer Bau. Sie dokumentiert nahezu mustergültig die Entwicklung eines Heiligenkultes vom spätmittelalterlichen Gefangenenlöser und allgemeinen Nothelfer zum in späteren Jahrhunderten besonders hervortretenden Patron der bäuerlichen Lebenswelt und des Viehs.

Von besonderer Bedeutung sind dabei die im Mirakelbuch beschriebenen religiösen Handlungsmuster: das Verloben zu einem Wallfahrtsort, die versprochene Kirchfahrt, das stellvertretende Gelübde für Angehörige, die öffentliche Bestätigung einer Erhörung vor Pfarrer und Zechmeister sowie Wachs-, Geld-, Eisen- und Tieropfer. Die Quelle erlaubt damit einen ungewöhnlich unmittelbaren Einblick in Wallfahrtsfrömmigkeit, Volksmedizin und Votivwesen des 15. bis 17. Jahrhunderts.

Auch die Bezeichnung als "Kleiner Leonhard" gegenüber dem "Großen St. Leonhard" in Tamsweg zeigt die Einbindung Muraus in eine größere ostalpine Leonhards-Wallfahrtslandschaft. Dennoch entwickelte die Murauer Kirche einen eigenständigen Kult mit eigenem Mirakelbestand und eigener regionaler Ausstrahlung.

Wallfahrt heute

Die Wallfahrt ist nicht erloschen, wenn sie auch nicht mehr die überregionale Bedeutung des Spätmittelalters besitzt. Die Pfarre führt die Kirche weiterhin ausdrücklich als Wallfahrtskirche St. Leonhard. Am Leonharditag werden mehrere Gottesdienste mit Wallfahrerinnen und Wallfahrern gefeiert; auch ein eigener Leonhardisonntag wird begangen. Darüber hinaus finden Prozessionen und Gottesdienste in der Kirche statt. Die Wallfahrt kann somit als heute noch lebendige, jedoch vorwiegend regionale Leonhardswallfahrt bezeichnet werden.

Literatur und Quellen

- Elfriede Grabner: Sankt Leonhard als "Steirischer Nothelfer". Ein lange als verschollen geglaubtes Mirakelbuch und seine Wunderberichte aus dem 15. und 17. Jahrhundert. In: Zeitschrift des Historischen Vereines für Steiermark, Jg. 100, Graz 2009, S. 185–200.
Online bereitgestellt:
https://www.historischerverein-stmk.at/wp-content/uploads/Z_Jg100_Elfriede-GRABNER-Sankt-Leonhard-als-Steirischer-Nothelfer.pdf

- Gustav Gugitz: Österreichs Gnadenstätten in Kult und Brauch, Band 4, Wien 1956, S. 212.

- Waltraud Zinner: Leonhardverehrung im Bezirk Murau, Diplomarbeit, Universität Graz 1989, besonders S. 124–138.

- Hermine Pusarnig: Die Verehrung des hl. Leonhard in Österreich, ungedruckte Dissertation, Graz 1951.

- Georg Göth: Das Herzogthum Steiermark, 3. Band, Graz 1843, S. 390.

- Josef Andreas Janisch: Topographisch-statistisches Lexikon von Steiermark, Band 1, Graz 1878, S. 498.

- Die Kunstdenkmäler Österreichs. Dehio Steiermark (ohne Graz), Wien 1982, für Bau und Ausstattung der Murauer Kirchen.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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