Kainach bei Voitsberg, St. Radegund am Heiligen Wasser

Schnellüberblick
Wallfahrt:Historische Quellen- und Heiligenwallfahrt zur hl. Radegund, eng verbunden mit dem als heilkräftig verehrten "Heiligen Wasser" und bäuerlichen Schutzbitten.
Status:Die Wallfahrt ist heute kleiner als in früheren Jahrhunderten, besitzt aber weiterhin eine lebendige regionale Funktion.
Kultzentrum:Kirche St. Radegund mit der unmittelbar benachbarten Brunnenkapelle und der als Augenbründl verehrten Quelle.
Hauptfest:Radegundistag am 13. August; zu den älteren Wallfahrtsterminen gehörten außerdem Ostermontag und das Fest des hl. Augustinus am 28. August.
Besonderheit:Heilquellenbrauch, Eisenopfer, Tierseuchen- und Viehschutzwallfahrt verbinden sich an diesem Ort in besonders dichter Form.
Ort:St. Radegund am Heiligen Wasser bei Kainach bei Voitsberg.
Region:Steiermark.
Lage und Besuch
Lage: Wallfahrts- und Filialkirche St. Radegund am heiligen Wasser, Hadergasse 19, 8573 Kainach bei Voitsberg.
Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Steiermark
Ansicht in Street View
Web: Pfarre Kainach
Öffnungszeiten: Die Quelle und die Brunnenkapelle sind frei erreichbar.
Die Kirche ist nur zu Gottesdiensten und Wallfahrtsterminen geöffnet.
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Ausführliche Beschreibung

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Ausführliche Beschreibung

Die Wallfahrtskirche St. Radegund am Heiligen Wasser bei Kainach zählt zu den volkskundlich bemerkenswerten Quellenwallfahrten der Weststeiermark. Ihre religiöse Bedeutung gründet in der Verbindung einer als heilkräftig verehrten Quelle mit dem Kult der hl. Radegund, zu dem sich im Lauf der Zeit eine auffallend starke Verehrung des hl. Augustinus gesellte. Augenleiden, allgemeine Krankheiten, Tierseuchen und die Sorge um die bäuerliche Lebensgrundlage bildeten wesentliche Anliegen der Pilger, die ihre Bitten und ihren Dank nicht nur im Gebet, sondern auch durch ein ungewöhnlich reiches Votivwesen zum Ausdruck brachten.

Eiserne, hölzerne und papierene Opfergaben, Tierdarstellungen, Körpervotive, Haaropfer und historische Votivbilder dokumentieren die vielfältigen Funktionen des Wallfahrtsortes. Unmittelbar neben der Kirche befindet sich die Brunnenkapelle, in der das Quellwasser durch eine bildhafte Inszenierung aus der Seitenwunde des gekreuzigten Christus austritt. Natürliche Quelle, Heiligenverehrung, biblische Wassersymbolik und volksmedizinischer Gebrauch bilden damit eine außergewöhnlich geschlossene religiöse Kultlandschaft.

Die Wallfahrt ist heute kleiner als in früheren Jahrhunderten, aber keineswegs erloschen. An mehreren traditionellen Terminen im Kirchenjahr werden weiterhin Gottesdienste gefeiert, und die Verbindung des Wallfahrtsortes mit bäuerlicher Frömmigkeit zeigt sich bis heute unter anderem in der Haltermesse und der Kräutersegnung.

Die Wallfahrtskirche liegt abgeschieden auf etwa 910 Meter Seehöhe an der Westseite des Lukaskogels, in der Streusiedlung Hadergasse im Gemeindegebiet von Kainach bei Voitsberg.

In unmittelbarer Nähe befinden sich die Quelle mit der Brunnenkapelle sowie das historische Gasthaus "Heiliges Wasser".

Die heutige Abgeschiedenheit darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Gegend früher stärker in regionale Verkehrswege eingebunden war. In der Nähe verlief eine alte Verbindung vom Kainachtal über die Gleinalm in das obere Murtal, sodass der Platz zumindest verkehrsgeographisch keineswegs völlig isoliert war.

Ein älteres Quellenheiligtum?

Die Lage einer Wallfahrtskirche unmittelbar bei einer als heilkräftig angesehenen Quelle legt die Vermutung nahe, dass der Ort bereits vor seiner christlichen Nutzung besondere religiöse Bedeutung besessen haben könnte.

In der Literatur wurde deshalb die Möglichkeit eines älteren, vielleicht sogar vorchristlichen Quellenkultes wiederholt erwogen. Für eine solche Kontinuität fehlen jedoch bislang sichere archäologische oder schriftliche Belege.

Auch eine mittelalterliche Verehrung der hl. Radegund an genau diesem Platz lässt sich derzeit nicht nachweisen.

Für die historische Darstellung ist deshalb zwischen Vermutung und gesichertem Befund zu unterscheiden. Die Vorstellung eines älteren Quellenheiligtums ist kulturgeschichtlich durchaus plausibel, wissenschaftlich sicher fassen lässt sich der Kult am Heiligen Wasser jedoch erst im 17. Jahrhundert.

Die Gründungslegende

Mit der Entstehung des Wallfahrtsortes verbindet sich eine klassische Auffindungslegende.

Nach der Überlieferung entdeckte ein Bauer auf dem Weg nach Kainach bei der Quelle in einem Baum eine Statue der hl. Radegund. Der Fund wurde als besonderes Zeichen verstanden, und an diesem Platz entwickelte sich zunächst eine Andachtsstätte, aus der schließlich die Kirche hervorging.

Mit dem Kirchenbau wurde im Jahr 1659 begonnen. Die Weihe erfolgte am 16. November 1669 durch Franz von Kaltenhausen, Abt von St. Lambrecht.

Die im Hochaltar verehrte Radegundisstatue gilt in der örtlichen Überlieferung als jene Figur, die ursprünglich im Baum gefunden worden sein soll. Ob es sich tatsächlich um dasselbe historische Objekt handelt, lässt sich nicht zweifelsfrei feststellen; die Gleichsetzung gehört deshalb in den Bereich der lokalen Kultüberlieferung.

Volkskundlich entspricht die Erzählung dem verbreiteten Typus des aufgefundenen Kultbildes, das einen bestimmten Ort als religiös ausgezeichnet erscheinen lässt. Im Fall von St. Radegund verstärkt die bereits vorhandene Quelle diesen Charakter zusätzlich: Bild und Wasser legitimieren gemeinsam die Sakralität des Platzes.

Die Heilungslegende

Neben der Auffindungslegende existiert eine zweite Überlieferung, in der nicht die Statue, sondern unmittelbar die heilende Wirkung des Wassers im Mittelpunkt steht.

Walter Kainz überlieferte in seiner Sammlung Volksdichtung aus dem Kainachtale die Erzählung von einer blinden Frau, die sich zu der Quelle führen ließ, dort betete und ihre Augen wiederholt mit dem Wasser benetzte. Nachdem sie sich erhoben hatte, soll sie ihr Augenlicht wiedererlangt haben.

Die Nachricht von dieser Heilung habe sich verbreitet, immer mehr Menschen mit Augenleiden seien zur Quelle gekommen, und schließlich sei eine Kapelle errichtet worden.

In einer anderen Variante tritt an die Stelle der blinden Frau ein kranker Flößer, der durch den Gebrauch des Wassers Heilung erfahren haben soll.

Beide Überlieferungen sind als Wallfahrtslegenden zu verstehen. Sie erklären nicht nur die Bedeutung der Quelle, sondern geben dem späteren Heilbrauch eine religiöse Ursprungserzählung.

Die Quelle als Augenbründl

Die wichtigste volksmedizinische Funktion des Heiligen Wassers lag offenbar im Bereich der Augenleiden.

Pilger benetzten ihre Augen mit dem Wasser, wuschen sich damit oder nahmen es mit nach Hause. Die erwartete Wirkung beruhte auf religiöser und volksmedizinischer Vorstellung, nicht auf einer nachgewiesenen medizinischen Eigenschaft des Wassers.

Gerade die Verbindung von Auge und Quelle prägte die Kultgeschichte in besonderem Maß. Mehrere der am Ort verehrten Heiligen wurden mit Augenheilung in Verbindung gebracht, und auch historische Votivbilder bezeugen entsprechende Gelübde.

Das Wasser war damit nicht bloß ein landschaftliches Element des Wallfahrtsortes, sondern ein zentraler Bestandteil der religiösen Handlung.

Radegund und Augustinus

Obwohl die Kirche der hl. Radegund geweiht ist, entwickelte sich am Heiligen Wasser eine auffallend starke Verehrung des hl. Augustinus.

Radegund bildet als Kirchenpatronin und zentrale Heiligenfigur den älteren Kultmittelpunkt, während Augustinus insbesondere mit dem Heilwasser und mit Augenleiden verbunden wurde. Sein Fest gehörte zu den traditionellen Wallfahrtsterminen, und die Quelle wird örtlich auch als Augustinibrunnen bezeichnet.

Damit entstand eine Art Doppelkult, in dem Radegund und Augustinus unterschiedliche, aber miteinander verschränkte Funktionen übernahmen.

Wie stark diese Verbindung im lokalen Bewusstsein verankert war, zeigte selbst das ehemalige Gemeindewappen von Gallmannsegg: Der Brunnstein mit flammendem Herzen verwies auf den hl. Augustinus, dessen Attribut das brennende Herz ist, während die Krone auf die hl. Radegund Bezug nahm.

Quelle, Radegund und Augustinus wurden dadurch zu einem gemeinsamen örtlichen Identitätssymbol.

Das Votivbild der Eva Sauer

Ein besonders aussagekräftiges Zeugnis des Augustinuskultes ist ein Votivbild aus dem Jahr 1861.

Eva Sauer, vulgo Bauer am Pichl, hatte durch den Stoß einer Kuh ein Auge verletzt und sich daraufhin "beim heiligen Wasser" verlobt. Die Inschrift des Bildes führt ihre spätere Genesung ausdrücklich auf das Vertrauen in die Fürbitte des hl. Augustinus zurück.

Das Votivbild dokumentiert damit mehrere für den Wallfahrtsort typische Elemente zugleich: Unfall, Augenverletzung, Gelübde, Wallfahrt, Heiligenfürbitte und Dankstiftung. Es gehört zu jenen Sachzeugnissen, die unmittelbarer als spätere Beschreibungen erkennen lassen, wie die Menschen selbst ihren Wallfahrtsbesuch verstanden.

Die Brunnenkapelle

Unmittelbar neben der Kirche befindet sich die kleine Brunnen- beziehungsweise Bründlkapelle.

In ihr steht eine steinerne Darstellung des Gnadenstuhls, also Gottvater mit dem gekreuzigten Christus und dem Heiligen Geist. Das Quellwasser wird so zur Figur geleitet, dass es durch ein Rohr aus der Seitenwunde Christi austritt und anschließend in das darunterliegende Becken fließt.

Der Brunnen trägt die Jahreszahl 1866, während die Gnadenstuhlsgruppe selbst älter ist und dem 18. Jahrhundert zugerechnet wird.

Diese Inszenierung gehört zu den eindrucksvollsten Besonderheiten des Wallfahrtsortes.

Die natürliche Quelle wird nicht nur christlich gesegnet oder mit einer Heiligenfigur verbunden, sondern bildlich unmittelbar in die Passion Christi einbezogen. Das Wasser erscheint symbolisch als aus der Seitenwunde des Erlösers hervorgehende Gabe.

Der ursprüngliche Heilquellenbrauch erhält dadurch eine ausgesprochen starke christologische Deutung.

Das Wasser als Teil der Heilsgeschichte

Diese christliche Umdeutung der Quelle begegnet auch im großen historischen Votivbild von 1713, das Johann Feiertag stiftete.

Das umfangreiche Gemälde verbindet die örtliche Gründungsgeschichte mit mehreren biblischen Wasserszenen. Dargestellt sind unter anderem die Taufe Christi im Jordan, Christus und die Samariterin am Jakobsbrunnen, die Heilung des Blindgeborenen am Teich von Siloah, Mose, der Wasser aus dem Felsen schlägt, und Naaman, der sich im Jordan wäscht.

Der lokale Brunnen wird dadurch bewusst in einen größeren heilsgeschichtlichen Zusammenhang gestellt.

Das Wasser des Lukaskogels erscheint nicht mehr als bloße natürliche Quelle, sondern als Teil einer religiösen Symbolwelt, in der Wasser seit biblischer Zeit Reinigung, Heilung, Taufe und göttliche Hilfe bedeutet.

Besonders die Darstellung des Blindgeborenen verweist unmittelbar auf den örtlichen Augenheilungskult.

Johann Feiertag und Mariazell

Johann Feiertag, der zu den bedeutenden Förderern der Kirche gehörte, stammte aus Kainach und war beruflich in Mariazell tätig, wo er mit Wallfahrtsandenken handelte.

Diese Verbindung ist kulturgeschichtlich bemerkenswert.

Ein Mann, der aus eigener Erfahrung den Betrieb eines großen europäischen Wallfahrtsortes kannte, unterstützte damit ein kleines regionales Heiligtum in seiner Heimat. Er wusste um die Bedeutung von Devotionalien, Votivgaben und Pilgerströmen und trug nicht nur finanziell, sondern auch durch die Stiftung des großen Votivbildes zur Ausgestaltung des Kultortes bei.

Der Zusammenhang zwischen Mariazell und St. Radegund ist damit zwar kein unmittelbarer Kulttransfer, zeigt jedoch, wie eng kleinere regionale Wallfahrtsorte mit den Erfahrungen größerer Gnadenstätten verbunden sein konnten.

Das historische Votivwesen

St. Radegund besitzt ein außergewöhnlich reiches und vielfältiges Votivwesen.

Erhalten beziehungsweise überliefert sind eiserne, hölzerne und papierene Opfergaben, menschliche Körperteile, Tierdarstellungen, Bienenkörbe, Schweinegruppen, Totenkronen, Heiligenbilder und ein abgeschnittener Haarschopf.

Damit spiegeln die Votive nahezu die gesamte bäuerliche Lebenswelt wider.

Die Menschen kamen nicht nur mit persönlichen Krankheiten, sondern mit Sorgen um Vieh, Bienenhaltung, wirtschaftliches Fortkommen, Tod und Familie.

Das Votiv machte eine oft abstrakte Bitte sichtbar und konkret. Ein Tier wurde durch eine Tierfigur vertreten, ein Körperteil durch seine Nachbildung, ein landwirtschaftlicher Erwerbszweig durch das entsprechende Symbol.

Die religiöse Sorge erhielt dadurch materielle Gestalt.

Eisenopfer und regionale Schmiedekultur

Ein Teil der historischen Eisenopfer wurde in der sogenannten Abrahamschmiede am Weg zwischen St. Pankrazen und Großstübing hergestellt. Damit lässt sich das Votivwesen sogar mit einem konkreten regionalen Handwerksbetrieb verbinden.

Die eisernen Figuren waren nicht nur religiöse Gegenstände, sondern Produkte einer spezialisierten lokalen Schmiedekultur, die auf die Bedürfnisse der Wallfahrer reagierte.

Wallfahrt erzeugte damit, ähnlich wie an größeren Pilgerorten, eigene wirtschaftliche und handwerkliche Strukturen.

Gerade bei kleinen ländlichen Heiligtümern ist ein derart konkreter Zusammenhang zwischen Wallfahrtsbrauch und Produktionsort selten so gut fassbar.

Tierseuchen und bäuerliche Schutzwallfahrt

Ein wesentlicher Teil der Wallfahrt galt dem Schutz des Viehs.

Historische Quellen berichten ausdrücklich, dass Menschen zum Heiligen Wasser kamen, um Hilfe gegen Tierkrankheiten und Viehseuchen zu erbitten. Entsprechende Tier- und Wirtschaftsvotive wurden aus Eisen, Holz oder Papier geopfert.

Damit war St. Radegund nicht lediglich ein Augenheilbrunnen.

Der Wallfahrtsort gehörte ebenso zur bäuerlichen Schutzreligion, in der Gesundheit von Mensch und Tier, Ernte, Wetter und wirtschaftliche Sicherheit als zusammengehörige Bereiche verstanden wurden.

Der Verlust eines Tieres konnte für einen bäuerlichen Haushalt existenzbedrohend sein; die Bitte um Schutz des Viehs besaß daher unmittelbare wirtschaftliche Bedeutung.

Bienenkörbe und Schweinegruppen

Besonders anschaulich sind die überlieferten Votive in Form von Bienenkörben und Schweinegruppen.

Sie zeigen, wie konkret Wallfahrtsbitten formuliert werden konnten.

Ein Bienenkorb vertrat nicht allgemein "die Landwirtschaft", sondern die Bienenzucht eines bestimmten Hofes; eine Gruppe von Schweinen konnte für den gesamten Tierbestand stehen, dessen Gesundheit und Gedeihen erbeten wurde.

Die religiöse Handlung übersetzte damit eine konkrete wirtschaftliche Sorge in eine gegenständliche Form.

Solche Votive sind gerade deshalb volkskundlich so aussagekräftig, weil sie unmittelbaren Einblick in die tatsächlichen Lebensprobleme der Wallfahrer ermöglichen.

Haaropfer

Unter den überlieferten Votivgaben befindet sich auch ein abgeschnittener Haarschopf. Wie bei anderen Wallfahrtsorten handelt es sich dabei um eine besonders persönliche Form der Opfergabe.

Während ein Gegenstand aus Eisen oder Holz lediglich als Stellvertreter dient, gehört das Haar tatsächlich zum Körper des Opfernden. Durch das Abschneiden und Zurücklassen wird ein Teil der eigenen Person dem Heiligtum übergeben.

Haaropfer können mit Krankheit, Genesung, Dank oder einem Gelübde verbunden sein und besitzen dadurch eine besonders intensive symbolische Qualität.

Die hl. Kümmernis

Zu den ungewöhnlicheren Bildwerken der Kirche gehört eine Darstellung der hl. Kümmernis.

Das kleine Bild zeigt die bekleidete weibliche Gestalt am Kreuz, vor ihr den knienden Geiger, und gehört damit zu einem im Alpenraum weit verbreiteten, volksreligiös besonders wirksamen Bildtypus.

Leopold Kretzenbacher behandelte gerade diese Darstellung bereits in seiner grundlegenden Untersuchung über die Kümmernisverehrung in Innerösterreich und zog in Erwägung, dass auch die Kümmernis am Heiligen Wasser mit Augenleiden in Verbindung gestanden haben könnte.

Damit verdichtet sich im kleinen Kirchenraum eine ungewöhnliche Vielzahl von Heil- und Schutzvorstellungen.

Neben Radegund und Augustinus begegnen Kümmernis, Rochus und Sebastian, dazu Quelle, Gnadenstuhl und Votivwesen.

Die Kirche erscheint beinahe als religiöses Schutzprogramm für jene Gefahren, denen die ländliche Bevölkerung ausgesetzt war.

Pest- und Seuchenpatrone

Die Verehrung von Rochus und Sebastian ergänzt den Heilquellenkult um die klassische Bitte um Schutz vor Pest und Seuchen.

Beide Heiligen gehörten seit dem Spätmittelalter zu den wichtigsten Patronen in Zeiten epidemischer Krankheiten.

Zusammen mit dem Augenheilungskult, der Viehseuchenabwehr und der allgemeinen Nutzung des Heilwassers ergibt sich ein breites religiöses Schutzsystem, das die wesentlichen körperlichen und wirtschaftlichen Gefährdungen der bäuerlichen Bevölkerung umfasste.

Gerade diese Vielfalt erklärt, warum ein kleiner, abgelegener Wallfahrtsort über lange Zeit eine so große regionale Bedeutung entfalten konnte.

Historische Wallfahrtstage

Zu den älteren Gottesdienst- und Wallfahrtsterminen gehörten der Ostermontag, der Radegundistag am 13. August und das Fest des hl. Augustinus am 28. August.

Nach der Kirchenweihe entwickelte sich zusätzlich am 24. Juni, dem Fest Johannes des Täufers, eine größere Prozession zum Heiligen Wasser, die auf Johann Feiertag zurückgeführt wird. Nach seinem Tod verlor dieser Brauch an Bedeutung, und auch spätere Versuche, ihn wiederzubeleben, waren offenbar nicht dauerhaft erfolgreich.

Im 19. Jahrhundert ist wiederum eine regelmäßige Prozession von Kainach zur Wallfahrtskirche nachweisbar.

Diese Veränderungen zeigen, dass Wallfahrtstraditionen niemals völlig statisch sind. Einzelne Termine gewinnen Bedeutung, verschwinden wieder oder werden durch neue Formen ersetzt, während der Gnadenort selbst bestehen bleibt.

Wallfahrt heute

Die Wallfahrt zum Heiligen Wasser ist heute deutlich kleiner als in früheren Jahrhunderten, besitzt jedoch weiterhin eine lebendige regionale Funktion.

Gottesdienste werden unter anderem am Ostermontag, Pfingstmontag, zu Mariä Himmelfahrt, am Augustinisonntag und im Rahmen der Haltermesse im Herbst gefeiert.

Am Ostermontag führt ein Emmausgang aus der Umgebung zum Heiligen Wasser, während Mariä Himmelfahrt mit der Kräutersegnung verbunden ist.

Die Haltermesse erinnert in besonderer Weise an die jahrhundertealte Verbindung des Wallfahrtsortes mit Viehwirtschaft und bäuerlicher Lebenswelt.

Damit haben sich wesentliche Elemente des älteren Kultprofils bis in die Gegenwart erhalten, auch wenn der große historische Pilgerstrom heute einer stärker regionalen Wallfahrt gewichen ist.

Volkskundliche Bedeutung

St. Radegund am Heiligen Wasser gehört zu jenen Wallfahrtsorten, an denen sich besonders deutlich beobachten lässt, wie eine natürliche Quelle durch Heiligenverehrung, Legende, Bild, Votivbrauch und Liturgie in eine umfassende christliche Kultlandschaft eingebunden wurde.

Die Quelle bleibt dabei stets der materielle Mittelpunkt des Wallfahrtsbrauches, wird jedoch auf mehreren Ebenen religiös gedeutet. Die Heilungslegenden verbinden sie mit Augenleiden, Radegund und Augustinus fungieren als Fürsprecher, die Brunnenkapelle stellt das Wasser symbolisch als aus der Seitenwunde Christi hervorgehend dar, und das große Votivbild von 1713 reiht die lokale Quelle in die biblische Heilsgeschichte des Wassers ein.

Daneben zeigt das reiche Votivwesen, wie breit das Spektrum der Anliegen war. Augenkrankheiten, allgemeine körperliche Beschwerden, Tierseuchen, Schweinehaltung, Bienenzucht, Tod und persönliche Gelübde hinterließen materielle Spuren.

Besonders bemerkenswert ist, dass sich diese religiösen Funktionen nicht voneinander trennen lassen. Der Mensch, sein Körper, seine Tiere und sein wirtschaftliches Fortkommen bildeten innerhalb der bäuerlichen Lebenswelt eine Einheit, und entsprechend umfassend war auch der Schutz, den man am Heiligen Wasser suchte.

Gerade darin liegt die besondere volkskundliche Bedeutung des Ortes: St. Radegund ist nicht bloß ein "Augenbründl", sondern ein komplexes regionales Heiligtum, in dem Quellenkult, Heiligenverehrung, bäuerliche Schutzfrömmigkeit, Votivwesen und christliche Wassersymbolik in ungewöhnlicher Dichte zusammentreffen.

Literatur und Quellen

- Dorothée Kleinmann: Radegunde. Eine europäische Heilige. Verehrung und Verehrungsstätten im deutschsprachigen Raum. Graz 1998, besonders S. 138–141.

- Ernst Reinhold Lasnik: "Die Filial- und Wallfahrtskirche ‚Zum Heiligen Wasser'." In: Ernst Reinhold Lasnik (Hg.): Das obere Kainachtal. Aus der Geschichte der Gemeinden Kainach, Gallmannsegg und Kohlschwarz. Kainach/Gallmannsegg/Kohlschwarz 2006, S. 337–339.

- Walter Brunner (Hg.): Geschichte und Topographie des Bezirkes Voitsberg. Band 2, Graz 2011, S. 84–85.

- Gustav Gugitz: Österreichs Gnadenstätten in Kult und Brauch. Band 4: Kärnten und Steiermark. Wien 1956, S. 155.

- Leopold Kretzenbacher: "St. Kümmernis in Innerösterreich. Bilder, Legenden und Lieder." In: Zeitschrift des Historischen Vereines für Steiermark 44, 1953.

- Walter Kainz: Volksdichtung aus dem Kainachtale. 1936.

- Dehio-Handbuch. Die Kunstdenkmäler Österreichs. Steiermark (ohne Graz). Abschnitt St. Radegund am Heiligen Wasser.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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