Gratwein-Straßengel, St. Pankrazen, Pfarr- und Wallfahrtskirche hl. Pankratius

Schnellüberblick
Wallfahrt:Historische Pankratiuswallfahrt mit einst sehr großem Einzugsgebiet und stark bäuerlichem Kultprofil, insbesondere zum Schutz des Nutzviehs.
Status:Die frühere Bedeutung ist deutlich zurückgegangen; organisierte Fuß- und Pfarrwallfahrten nach St. Pankrazen bestehen weiterhin.
Kultzentrum:Verehrung des hl. Pankratius; charakteristisch waren eiserne Votivtiere und der Opfergang um den Hochaltar.
Hauptfest:Pankratiusfest am 12. Mai; am zweiten Sonntag im Oktober wird der Ruamkirtag mit Pferdemarkt gefeiert.
Besonderheit:Eiserne Tierfiguren als Stellvertreter bäuerlicher Nutztiere sowie der rituelle Altarumgang gehören zu den markantesten überlieferten Wallfahrtsbräuchen.
Ort:St. Pankrazen in Gschnaidt, Marktgemeinde Gratwein-Straßengel.
Region:Steiermark.
Lage und Besuch
Lage: Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Pankrazen, Gschnaidt 1, 8153 Gratwein-Straßengel.
Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Steiermark
Ansicht in Street View (rechts im Vordergrund Annakapelle)
Web: Pfarre St. Pankrazen
Öffnungszeiten: keine Öffnungszeiten veröffentlicht. Für eine gezielte Besichtigung empfiehlt sich eine vorherige Anfrage bei der Pfarre beziehungsweise beim Seelsorgeraum Rein.
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Ausführliche Beschreibung

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Ausführliche Beschreibung

Die Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Pankratius steht im kleinen Kirchweiler St. Pankrazen in der Katastralgemeinde Gschnaidt, heute Teil der Marktgemeinde Gratwein-Straßengel.

St. Pankrazen war Mittelpunkt einer bedeutenden mittelsteirischen Heiligenwallfahrt. Der hl. Pankratius wurde hier besonders um Schutz und Gedeihen des bäuerlichen Nutzviehs angerufen. Charakteristisch für die Wallfahrt waren eiserne Tierfiguren, die als Votivgaben beim Hochaltar dargebracht wurden. Um 1900 kamen Wallfahrer aus rund 115 Pfarren nach St. Pankrazen.

Die einst weit ausstrahlende Wallfahrt ist heute wesentlich kleiner, aber nicht erloschen. Fuß- und Pfarrwallfahrten nach St. Pankrazen werden weiterhin durchgeführt.

Die Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Pankrazen ist nicht mit der ebenfalls zur Marktgemeinde Gratwein-Straßengel gehörenden Wallfahrtskirche Maria Straßengel zu verwechseln. Beide Kirchen besitzen eigenständige Wallfahrtstraditionen.

Geschichte

Gschnaidt wird 1265/67 im landesfürstlichen Gesamturbar als "Gesnayte" erstmals urkundlich genannt. Der Ortsname wird vom mittelhochdeutschen "sneite" abgeleitet und bezeichnet ein Rodungsgebiet beziehungsweise einen durch den Wald geschlagenen Weg.

Nach den Forschungen des Reiner Zisterziensers und Lokalhistorikers Clemens Johann Brandtner dürfte um 1330 in Gschnaidt eine dem hl. Pankratius geweihte Kirche beziehungsweise ein Vikariat entstanden sein. Dieses blieb der Mutterpfarre Gratwein unterstellt.

Ein Marienaltar wurde zwischen 1334 und 1337 geweiht. Urkundlich ist die "St. Pangratzen Pfarre an dem Gesnait" im Jahr 1365 nachweisbar.

Die heute erhaltene Kirche entstand beziehungsweise veränderte sich in den folgenden Jahrhunderten erheblich. Der Chor wird in die Zeit um 1400 datiert, das spätgotische Langhaus an das Ende des 15. Jahrhunderts.

Im Jahr 1607 wurde die Pfarre dem Zisterzienserstift Rein inkorporiert. Die enge kirchliche Verbindung mit Rein besteht bis heute.

Im 18. Jahrhundert erhielt die Kirche eine barocke Ausgestaltung. Umfangreiche Restaurierungen erfolgten im 20. und frühen 21. Jahrhundert.

Die Wallfahrt zum hl. Pankratius

Wann die eigentliche Wallfahrt zum hl. Pankratius einsetzte, lässt sich aus den bislang bekannten Quellen nicht sicher bestimmen. Die frühe Existenz der Kirche und Pfarre darf daher nicht automatisch mit einem ebenso frühen Beginn der Wallfahrt gleichgesetzt werden.

Für die jüngere Geschichte ist die Wallfahrt dagegen ausgezeichnet belegt.

St. Pankrazen entwickelte sich zu einer bedeutenden mittelsteirischen Wallfahrtsstätte. Um 1900 sollen Wallfahrer aus rund 115 Pfarren nach St. Pankrazen gekommen sein.

Damit besaß der kleine Wallfahrtsort ein erstaunlich großes Einzugsgebiet, das weit über die unmittelbare Umgebung von Gschnaidt hinausreichte.

Im Mittelpunkt stand die Fürbitte des Kirchenpatrons Pankratius.

Pankratius als Beschützer des Viehs

Der hl. Pankratius ist ein frühchristlicher Märtyrer. Sein Gedenktag wird am 12. Mai gefeiert. Im allgemeinen Volksglauben ist er heute vor allem als einer der sogenannten Eisheiligen bekannt.

Für die Wallfahrt nach St. Pankrazen besaß jedoch eine andere Funktion besondere Bedeutung.

Pankratius wurde hier um das Gedeihen des bäuerlichen Nutzviehs angerufen.

In der bäuerlichen Wirtschaftsweise früherer Jahrhunderte bedeutete der Verlust eines Rindes, Pferdes oder eines anderen Nutztieres durch Krankheit, Unfall oder Seuche eine erhebliche wirtschaftliche Bedrohung. Die Gesundheit des Viehbestandes konnte unmittelbar über die Existenz eines Hofes entscheiden.

Die Wallfahrer vertrauten ihre Tiere daher der Fürsprache des hl. Pankratius an.

Eiserne Votivtiere

Das charakteristischste volkskundliche Zeugnis der Pankratiuswallfahrt sind die eisernen Votivtiere.

Tierfiguren, besonders solche aus Eisen, konnten am Wallfahrtsort erworben und während der heiligen Messe beim Hochaltar dargebracht werden.

Noch 1968 hielt der Reiner Zisterzienser P. Leopold Grill ausdrücklich fest, dass in St. Pankrazen für das Gedeihen des bäuerlichen Nutzviehs eiserne Tiergestalten beim Opfergang um den Hochaltar geopfert wurden.

Damit ist nicht nur die Existenz der Votivfiguren, sondern auch ihre Verwendung im religiösen Ritual überliefert.

Das eiserne Tier fungierte als Stellvertreter des wirklichen Tieres beziehungsweise des Viehbestandes eines bäuerlichen Haushaltes. Die Votivgabe konnte mit einer Bitte um Schutz und Gesundheit oder mit Dank für erfahrene Hilfe verbunden sein.

Solche eisernen Tierfiguren gehören zu den charakteristischen Formen des traditionellen alpinen Votivwesens. Innerhalb der christlichen Wallfahrt sind sie als Stellvertreter- und Opfergaben zu verstehen.

Ein unmittelbarer Rückschluss auf vorchristliche Opferbräuche ist ohne entsprechende historische Nachweise nicht zulässig.

Ob der Opfergang mit eisernen Tierfiguren heute noch in dieser Form durchgeführt wird, ist nicht bekannt.

Der Opfergang um den Hochaltar

Besonders bemerkenswert ist, dass in St. Pankrazen nicht nur die Votivgabe selbst, sondern auch der rituelle Vollzug überliefert ist.

Die eisernen Tierfiguren wurden beim Opfergang um den Hochaltar getragen beziehungsweise dort dargebracht.

Wallfahrt, Gottesdienst, Umgang des Altares und Votivgabe bildeten damit einen zusammengehörigen religiösen Vollzug.

Das Umgehen eines Altares oder Gnadenbildes begegnet auch an anderen Wallfahrtsorten. Die körperliche Bewegung im Kirchenraum verstärkte die Annäherung an den verehrten Heiligen und machte die Bitte beziehungsweise den Dank zu einer sichtbaren Handlung.

In St. Pankrazen war dieser Umgang unmittelbar mit dem bäuerlichen Votivwesen verbunden.

Ein Votivbild von 1849

Neben den eisernen Tierfiguren ist aus St. Pankrazen ein bemerkenswertes Votivbild erhalten.

Der Volkskundler Manfred Glawogger entdeckte es während seiner Feldforschungen in der Sakristei der Wallfahrtskirche.

Das in Öl auf Leinwand gemalte Bild erinnert an Georg Schweiger vulgo Klein-Nunner, der am 28. Juni 1849 vom Blitz getroffen worden war.

Die Inschrift berichtet, dass Schweiger durch die Fürbitte des hl. Pankratius gerettet worden sei und das Bild als Dankopfer gestiftet habe.

Der Unglücksfall wird auf dem Gemälde anschaulich dargestellt. Schweiger versucht mit einer Stange Früchte von einem Baum zu schlagen, während ein Blitz niederfährt. Auf einer Wolke erscheint der hl. Pankratius in ritterlicher Rüstung als himmlischer Fürsprecher.

Das Votivbild zeigt, dass sich die Verehrung des hl. Pankratius in St. Pankrazen nicht ausschließlich auf den Viehschutz beschränkte. Der Heilige wurde auch bei persönlicher Lebensgefahr angerufen.

Glawogger konnte den auf dem Bild dargestellten Bauernhof anhand archivalischer Quellen identifizieren. Das Votivbild besitzt dadurch neben seiner religions- und wallfahrtsgeschichtlichen Bedeutung auch besonderen Wert als Quelle der Haus- und Sachkultur.

Kunstgeschichte

Die Pfarr- und Wallfahrtskirche besitzt einen spätgotisch geprägten Baubestand.

Der schmale, einjochige Chor mit Fünfachtelschluss und Kreuzrippengewölbe entstand um 1400. Das dreijochige Langhaus mit Netzrippengewölbe gehört dem ausgehenden 15. Jahrhundert an. Der kräftige Westturm trägt einen Zwiebelhelm mit Laterne. Zwei erhaltene Glocken stammen aus den Jahren 1471 und 1696. An der Südseite des Langhauses befindet sich ein 1546 datierter Vorbau mit Aufgang zur Empore. Südlich des Chores wurde 1723 die Sebastianskapelle angebaut.

Der heutige Hochaltar entstand um 1620 und befand sich ursprünglich im Zisterzienserstift Rein. Im Zuge einer Restaurierung wurde er 1968 nach St. Pankrazen übertragen. Im Mittelpunkt steht eine Statue des hl. Pankratius aus dem 19. Jahrhundert.

Die beiden Seitenaltäre stammen aus dem 17. Jahrhundert. Auf dem linken Seitenaltar befindet sich eine spätgotische, später barock veränderte Madonna mit Kind vom Ende des 15. Jahrhunderts.

Zur weiteren Ausstattung gehören eine Kanzel von 1718, ein gotischer zwölfseitiger Taufstein und eine barocke Orgel aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Die Annakapelle

Innerhalb des Friedhofes steht die spätgotische Annakapelle.

Sie war ursprünglich dem hl. Martin geweiht. Dieses ältere Patrozinium ist noch im frühen 17. Jahrhundert nachweisbar. Der Bau trägt am Giebel die Jahreszahl 1497.

Im Inneren befindet sich ein barocker Altar aus dem dritten Viertel des 17. Jahrhunderts. Die Altarmensa ist gotisch.

Die in der Kapelle befindliche Darstellung der Anna selbdritt ist eine Kopie von Fred Höfler. Das spätgotische Original aus der Zeit um 1520/1530 befindet sich seit 1976 im Stift Rein.

Unter der Kapelle liegt ein Ossarium beziehungsweise Beinhaus.

Ruamkirtag und Pferdemarkt

Bis heute wird in St. Pankrazen am zweiten Sonntag im Oktober der sogenannte Ruamkirtag gefeiert.

Mit dem Kirchtag ist ein Pferdemarkt verbunden. Nach dem Gottesdienst findet das weltliche Kirtagsgeschehen im Kirchweiler statt.

Ältere Berichte verbinden den Ruamkirtag mit dem bäuerlichen Erntedank und erinnern in diesem Zusammenhang auch an den Viehschutz und die früher geopferten eisernen Tierfiguren.

Eine unmittelbare historische Ableitung des heutigen Pferdemarktes vom Eisenvotivbrauch lässt sich daraus jedoch nicht belegen.

Bemerkenswert bleibt die enge räumliche Verbindung von Pankratiusverehrung, bäuerlicher Tierhaltung, Wallfahrt, Kirchweih und Pferdemarkt.

Volkskundliche Bedeutung

St. Pankrazen gehört zu den charakteristischen bäuerlichen Heiligenwallfahrten der Steiermark.

Während bei zahlreichen Wallfahrtsorten ein Mariengnadenbild oder eine wundertätige Statue im Mittelpunkt der Verehrung steht, war hier vor allem die Fürbitte des hl. Pankratius entscheidend.

Die eisernen Tierfiguren machten die Sorgen der bäuerlichen Bevölkerung sichtbar. Das wirkliche Tier wurde durch seine metallene Stellvertretung am Wallfahrtsort repräsentiert und dem Schutz des Heiligen anvertraut.

Besonders bemerkenswert ist die Verbindung von Votivgabe und Bewegung im sakralen Raum. Die Tierfiguren wurden nicht lediglich irgendwo in der Kirche abgelegt, sondern beim Opfergang um den Hochaltar dargebracht. Wallfahrt, Gottesdienst, Umgang und Votivopfer bildeten einen zusammenhängenden religiösen Vollzug.

Die Angabe von rund 115 Wallfahrerpfarren um 1900 zeigt zugleich, dass diese Form der Pankratiusverehrung weit über den kleinen Kirchweiler hinaus Bedeutung besaß.

Das Votivbild von 1849 erweitert das Spektrum der Verehrung. Es dokumentiert Pankratius nicht als Viehpatron, sondern als persönlichen Fürsprecher eines Menschen in Lebensgefahr.

St. Pankrazen bietet damit ein anschauliches Beispiel dafür, wie unterschiedliche Nöte des bäuerlichen Alltags – die Gesundheit des Viehs ebenso wie Gefahr für Leib und Leben – in einem Heiligenkult zusammengeführt wurden.

Wallfahrt heute

Die historische Bedeutung der Wallfahrt mit ihrem großen Einzugsgebiet ist heute deutlich zurückgegangen.

Weiterhin führen organisierte Fuß- und Pfarrwallfahrten nach St. Pankrazen. Besonders mit dem Pankratiusfest am 12. Mai sind Wallfahrten und Gottesdienste verbunden.

Unter anderem pilgern Gläubige aus St. Bartholomä zu Fuß nach St. Pankrazen. Auch von Maria Straßengel aus wird eine eigene Pfarrwallfahrt nach St. Pankrazen durchgeführt.

Für eine Fortführung des historischen Eisenvotivbrauches in der früher überlieferten Form liegt derzeit kein verlässlicher aktueller Nachweis vor.

Literatur und Quellen

- Manfred Glawogger: Sankt Pankrazen in der Weststeiermark. Eine volkskundliche Untersuchung seines Wallfahrtswesens. Dissertation, Universität Graz, Graz 1978.

- Manfred Glawogger: "Ein Votivbild aus St. Pankrazen als hauskundliche Quelle." In: Blätter für Heimatkunde, 55. Jahrgang, Graz 1981, S. 13–15.

- Clemens Johann Brandtner: Die Geschichte der Pfarre St. Pankrazen. Rein 2000.

- Hanns Koren: Bauernhimmel. Heiligendarstellungen im bäuerlichen Brauchtum. Graz 1974.

- Leopold Grill: "Ein letztes Band zwischen fränkischen und steirischen Cisterciensern." In: Blätter für Heimatkunde, 42. Jahrgang, Graz 1968.

- P. G. Wittmann: "Zur Baugeschichte der Pfarrkirche St. Pankrazen." In: Marienbote, 25. Jahrgang, Heft 5, September 1968, S. 2–4.

- R. A. Höfer: Dorfbuch der Gemeinde Gschnaidt. St. Pankrazen 1992.

- Ingo Mirsch: Chronik Gratwein-Straßengel. Marktgemeinde Gratwein-Straßengel, 2022.

- Marktgemeinde Gratwein-Straßengel: Durch die Zeiten. Historische Gebäude und Spaziergänge in Gratwein-Straßengel. Abschnitt Gschnaidt: Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Pankrazen und Annakapelle.

- Dehio-Handbuch. Die Kunstdenkmäler Österreichs. Steiermark (ohne Graz). 2. Auflage, Horn/Wien 2006, S. 476–477.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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