Algaida / Randa - Santuari de Cura

Schnellüberblick
Wallfahrt:Regionale Marienwallfahrt auf den Puig de Randa; wichtigste jährliche Wallfahrt ist die Benedicció dels Fruits am dritten Sonntag nach Ostern mit Fußaufstieg, Messe, Prozession, Segnung der Felder in alle vier Himmelsrichtungen und Goigs.
Status:Lebendiges Marienheiligtum, franziskanischer Konvent, Ramon-Llull-Erinnerungsort und historisches Bildungszentrum mit regionaler Wallfahrtstradition.
Kultzentrum:Die Mare de Déu de Cura, eine steinerne spätgotische Marienfigur aus dem späten 15. Jahrhundert im Oratorium des Santuario.
Ort:Puig de Randa, Ortsteil Randa, Gemeinde Algaida.
Bezirk/Region:Insel Mallorca, Pla de Mallorca.
Bundesland:Balearen, Spanien.
Lage und Besuch
Santuari de Cura, Puig de Randa s/n, 07629 Algaida, Mallorca, Spanien; auf dem rund 543 Meter hohen Gipfel des Puig de Randa oberhalb des Dorfes Randa.
Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Spanien
Ansicht in Street View
Öffnungszeiten: Museum, Kirche und Laden in der Sommersaison gewöhnlich von 10.00 bis 17.00 Uhr, in der Wintersaison von 10.00 bis 16.00 Uhr. Sonntags wird um 12.00 Uhr Eucharistie gefeiert. Die Hospedería ist saisonal geöffnet.
Santuari de Cura - offizielle Website
Direkt zum Inhalt
Bilddokumentation
Ausführliche Beschreibung

Bilddokumentation

Wir haben leider noch keine Fotos dieses Wallfahrtsortes.

Besonders willkommen sind Außenansicht, Innenraum, Gnadenbild oder Kultobjekt, Votivgaben, Prozessionen und Festbräuche, Inschriften sowie lokale Besonderheiten.

Foto von Wallfahrtskirche einsenden

Mit diesen und weiteren Fotomotiven können Sie hier zur Dokumentation beitragen.

Ausführliche Beschreibung

Der heilige Berg in der Inselmitte

Der Puig de Randa erhebt sich weithin sichtbar über dem zentralen Mallorca. Mit rund 543 Metern bildet er die höchste Erhebung des Pla de Mallorca und besitzt seit dem Mittelalter eine ungewöhnliche Dichte religiöser Orte. Am Berg liegen drei Heiligtümer: Nostra Senyora de Gràcia, Sant Honorat und auf dem Gipfel das Santuari de Cura. Zusammen bilden sie eine sakrale Berglandschaft, in der Einsiedlerwesen, Ramon-Llull-Erinnerung, Marienverehrung, Bildung und Wallfahrt über Jahrhunderte ineinandergriffen.

Das Santuari de Cura steht am höchsten Punkt. Von der Terrasse reicht der Blick über große Teile Mallorcas, bei klarer Sicht bis zur Serra de Tramuntana und zu den Küsten. Gerade diese zentrale Lage ist für die Wallfahrt zur Benedicció dels Fruits entscheidend: Von hier wird die Insel symbolisch in alle vier Himmelsrichtungen überblickt und gesegnet.

Ramon Llull und Randa

Die älteste fest greifbare religiöse Schicht des Berges ist mit Ramon Llull verbunden. Der mallorquinische Philosoph, Theologe und Missionar lebte von etwa 1232 bis 1316. Nach seiner um 1311 entstandenen "Vita coetanea" zog er sich um 1274 auf den Berg Randa zurück.

Dort habe er jene geistige "Erleuchtung" empfangen, durch die er die Grundprinzipien seines philosophisch-theologischen Systems, der später sogenannten Ars, erkannte. Die Quellenlage ist damit ungewöhnlich gut: Llulls Rückzug auf Randa gehört nicht lediglich zu einer spät entstandenen Lokallegende, sondern wird in seiner frühen biographischen Überlieferung ausdrücklich genannt.

Die "Erleuchtung von Randa"

Llulls Erfahrung auf Randa wurde in den folgenden Jahrhunderten zu einem zentralen Erinnerungsmotiv des Lullismus. Der Berg erschien als Ort, an dem geistige Erkenntnis durch Einsamkeit, Gebet und Kontemplation gewonnen worden sei.

Diese Bedeutung zog Schüler und Anhänger an. Randa wurde damit bereits vor der Entwicklung des späteren Marienheiligtums zu einem religiösen und geistigen Bezugspunkt.

Die Cova de Ramon Llull

Nahe dem heutigen Santuario wird eine Höhle als Cova de Ramon Llull gezeigt. Sie gehört fest zur lokalen Erinnerung und kann heute aufgesucht werden.

Ob gerade diese konkrete Höhle tatsächlich Llulls Rückzugsort war, lässt sich historisch nicht mit Sicherheit entscheiden. Die Höhle ist deshalb am besten als traditionsreicher Erinnerungsort zu verstehen, der die reale Verbindung Llulls mit dem Berg räumlich veranschaulicht.

Die "Mata Escrita"

Eine schöne spätere Legende erzählt von der "Mata Escrita". Nach seiner Erleuchtung habe Llull auf einem Strauch Blätter gesehen, deren Linien und Zeichen auf wunderbare Weise seinem philosophischen System entsprochen hätten.

Diese Erzählung ist keine historische Erklärung für die Entstehung der Ars. Sie zeigt aber, wie die abstrakte Erfahrung geistiger Erkenntnis volkskundlich in eine anschauliche Landschaftslegende übersetzt wurde. Selbst Pflanzen des Berges konnten dadurch zu Zeugen der "Erleuchtung" werden.

Einsiedler auf Randa

In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts festigte sich Randa als Einsiedlerlandschaft. Für 1394 ist durch Bischof Lluís de Prades bezeugt, dass Eremiten dauerhaft in der Umgebung lebten.

Höhlen, kleine Einsiedeleien und spätere Santuaris zeigen, dass der Berg keine einzelne abgeschlossene Gründung war. Vielmehr entstand über Jahrzehnte eine Landschaft religiöser Rückzugsorte, die durch Llulls Erinnerung zusätzlich aufgeladen wurde.

Vom lullistischen Eremitorium zum Marienheiligtum

Im 15. Jahrhundert entwickelte sich auf dem Gipfel aus dem kleinen lullistischen Eremitorium ein dauerhaftes Heiligtum. Von nun an traten zwei religiöse Schwerpunkte nebeneinander: die Verehrung Ramon Llulls und die Marienverehrung der Mare de Déu de Cura.

Diese Verbindung blieb für Cura charakteristisch. Das Santuario war nie ausschließlich Llull-Gedenkstätte und ebenso wenig nur gewöhnliche Marienkapelle. Kontemplation, Bildung und Volksfrömmigkeit bildeten eine ungewöhnliche Einheit.

Keine Fundmadonna

Die Mare de Déu de Cura gehört ausdrücklich nicht zur verbreiteten mallorquinischen Gruppe der "Marededéus trobades", der wundersam gefundenen Marienbilder. Es gibt hier keine alte Überlieferung von einem Hirten, geheimnisvollen Lichtern oder einer Statue, die an einen Fundort zurückkehrt.

Die Verehrung entwickelte sich vielmehr im Umfeld der Einsiedelei und der Schule. Dadurch unterscheidet sich Cura deutlich von vielen anderen mallorquinischen Marienwallfahrtsorten.

Die Mare de Déu de Cura

Die heute verehrte Marienfigur besteht aus Stein und wird in das späte 15. Jahrhundert datiert. Sie gehört stilistisch zur Spätgotik und steht im Oratorium des Santuario.

Maria hält das Jesuskind und trägt in der anderen Hand eine Blume. Die Figur ist eng mit der frühen Blüte des Heiligtums und seiner Bildungsfunktion verbunden und kann daher tatsächlich aus jener Zeit stammen, in der Cura zu einem bedeutenden geistigen Zentrum des Berges wurde.

Schutzmadonna der Schüler

Eine besonders schöne lokale Deutung verbindet die Madonna mit den Schülern der Schule von Randa. Viele junge Männer lebten während ihrer Ausbildung fern von ihren Familien auf dem Berg. Die Mare de Déu de Cura übernahm in der religiösen Vorstellung die Rolle einer schützenden Mutter.

Damit erhielt der Marienkult ein ungewöhnliches Profil. Die Madonna wurde nicht nur um Heilung oder Schutz in Not angerufen, sondern war eng mit Studium, geistiger Ausbildung und dem Alltag einer Schülergemeinschaft verbunden.

Der Name "Cura"

Der Name "Cura" wurde im Lauf der Zeit mit Sorge, Fürsorge und Heilung verbunden. In der Volksfrömmigkeit konnte damit sowohl die Sorge für Seele und Geist als auch körperliche Hilfe gemeint sein.

Diese Bedeutungsvielfalt passt zum dreifachen Charakter des Ortes: Marienheiligtum, geistiger Erinnerungsort und Schule.

Die Escola Lul·liana

Im 15. Jahrhundert entwickelte sich auf Randa eine Escola Lul·liana. Mit ihr ist besonders Pere Joan Llobet verbunden, der lullistische Lehre und Studium auf dem Berg weiterführte.

Die Schule knüpfte an den intellektuellen Ruf Ramon Llulls an und machte den abgelegenen Gipfel zu einem Ort, an dem philosophisch-theologische Bildung und religiöses Leben eng miteinander verbunden waren.

Die Grammatikschule

Aus dem lullistischen Bildungsumfeld entwickelte sich später eine bedeutende Escola de Gramàtica. Sie gehörte zu den wichtigen Grammatikschulen Mallorcas und bereitete junge Männer mit Latein- und Humaniorenunterricht auf höhere Studien vor.

Das erhaltene Aula de Gramàtica wurde im 17. Jahrhundert errichtet. Nach Angaben des Santuario besuchten zeitweise mehr als hundert Schüler pro Jahr den Unterricht. Dadurch war Cura trotz seiner abgelegenen Berglage über Jahrhunderte ein erstaunlich lebendiger Bildungsort.

Das Aula de Gramàtica

Der historische Unterrichtsraum gehört heute zu den wichtigsten erhaltenen Zeugnissen dieser Vergangenheit. Seine schlichte Architektur erinnert daran, dass Bildung auf dem Berg keine bloße Nebenfunktion war.

Die Verbindung von Klassenzimmer und Marienoratorium ist außergewöhnlich. Schüler bewegten sich täglich zwischen Unterricht, religiösem Leben und der Erinnerung an Ramon Llull.

Das Portal von 1682

Das historische Portal des Santuario trägt die Jahreszahl 1682 und mehrere religiöse Zeichen. Besonders auffällig ist eine Inschrift nach Ramon Llulls "Blanquerna": "Amable fill, saluda nostra Dona que és salut e benedicció nostra."

Sinngemäß fordert der Satz den "geliebten Sohn" auf, Unsere Liebe Frau zu grüßen, die Heil und Segen ist. Damit verbindet schon das Portal die beiden Haupttraditionen von Cura: Llull und Maria.

Franziskanische Zeichen

Am Portal erscheinen außerdem Zeichen der franziskanischen Bußbewegung sowie religiöse Sinnsprüche, die an die Predigttradition des heiligen Bernhardin von Siena erinnern. Hinzu kommt das Wappen der Familie Llull.

Die Steinarchitektur wird dadurch selbst zu einem theologischen Programm. Wer das Santuario betritt, überschreitet eine Schwelle, an der lokale Erinnerung, franziskanische Spiritualität und Marienverehrung zusammenkommen.

Zisternen unter dem Platz

Die Wasserversorgung war auf dem Gipfel über Jahrhunderte schwierig. Unter dem heutigen Vorplatz liegen große Zisternen, die um die Mitte des 16. Jahrhunderts angelegt wurden.

Regenwasser wurde gesammelt und für Bewohner, Schüler und Pilger gespeichert. Die technische Infrastruktur war damit eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass ein größerer religiöser und schulischer Betrieb auf dem trockenen Gipfel überhaupt dauerhaft möglich war.

Die Benedicció dels Fruits

Die wichtigste bis heute lebendige Wallfahrt ist die Festa de la Benedicció dels Fruits. Sie findet jährlich am dritten Sonntag nach Ostern statt. Die heutige Form ist seit dem 16. Jahrhundert dokumentiert; ihre Wurzeln reichen nach der Überlieferung bis in das Mittelalter zurück.

Es handelt sich um eine traditionelle Frühlingswallfahrt mit agrarischem Charakter. Gerade zu jener Jahreszeit, in der Getreide und andere Feldfrüchte dringend Regen benötigen, wird die Mare de Déu de Cura um Schutz und eine gute Ernte angerufen.

Pilger aus mehreren Orten

Die Wallfahrt ist nicht auf Randa und Algaida beschränkt. Teilnehmer kommen traditionell auch aus Llucmajor, Montuïri, Porreres und weiteren Orten der Umgebung.

Damit besitzt Cura einen regionalen Einzugsbereich. Die zentrale Lage des Puig de Randa macht den Gipfel zu einem natürlichen Treffpunkt mehrerer Gemeinden des mallorquinischen Inselinneren.

Der alte Weg von Randa

Der traditionelle Pilgerweg beginnt im Dorf Randa und führt etwa zweieinhalb Kilometer zum Gipfel. Dabei werden ungefähr 260 Höhenmeter überwunden.

Der Weg berührt beziehungsweise passiert die Heiligtümer von Gràcia und Sant Honorat. Dadurch führt die Wallfahrt durch eine ganze religiöse Berglandschaft, bevor der Gipfel von Cura erreicht wird.

Drei Heiligtümer an einem Berg

Nostra Senyora de Gràcia, Sant Honorat und Cura besitzen jeweils eine eigene Geschichte. Dennoch werden sie durch denselben Berg und dieselben Wege miteinander verbunden.

Für den Pilger entsteht dadurch eine seltene räumliche Folge religiöser Orte. Randa ist nicht nur Zielpunkt, sondern eine gestufte Sakrallandschaft, in der verschiedene Formen von Eremitentum, Klosterleben und Wallfahrt übereinanderliegen.

Die Messe

Am Tag der Benedicció dels Fruits wird im Oratorium beziehungsweise bei großem Andrang im Bereich des Santuario Eucharistie gefeiert. Die Messe bildet den liturgischen Mittelpunkt der Wallfahrt.

Danach verlässt die Gemeinde die Kirche und zieht zum Aussichtspunkt hinter dem Heiligtum. Erst dort findet jene Handlung statt, die Cura volkskundlich besonders auszeichnet.

Das Lignum Crucis

Bei der Prozession wird ein Reliquiar mit einem als Lignum Crucis verehrten Kreuzpartikel mitgeführt. Die Kreuzreliquie verbindet den Marienwallfahrtsort mit einer alten Form kirchlicher Segenspraxis.

Das Reliquiar wird nicht als historische Beweisführung für die materielle Herkunft des Holzes verwendet, sondern als kirchlich verehrtes Kultobjekt, das während der Feldsegnung eine zentrale rituelle Rolle übernimmt.

Segnung nach Osten

Am Aussichtspunkt richtet sich die Prozession zunächst in eine Himmelsrichtung. Gebet und Segenszeichen werden über die vor der Gruppe liegende Landschaft gesprochen.

Der Blick vom Gipfel reicht weit über Felder und Dörfer. Dadurch ist die Segnung nicht bloß symbolische Geste innerhalb eines Kirchenraumes, sondern bezieht die reale Agrarlandschaft sichtbar ein.

Segnung nach Süden

Die Gemeinde wendet sich anschließend einer weiteren Himmelsrichtung zu. Wieder wird um Schutz für Früchte, Felder und Menschen gebetet.

Die Bewegung um alle vier Richtungen verleiht dem Ritual eine universale Form: Nicht ein einzelnes Dorf oder Feld wird gesegnet, sondern Mallorca als ganze Landschaft.

Segnung nach Westen

Auch nach Westen wird der Segen gesprochen. Vom Gipfel aus erscheint die Insel als zusammenhängender Raum, obwohl ihre Gemeinden unterschiedliche lokale Traditionen besitzen.

Die Wallfahrt schafft dadurch einen symbolischen Mittelpunkt. Cura liegt geografisch günstig, um den Eindruck zu vermitteln, von hier aus könne die gesamte Insel religiös umfasst werden.

Segnung nach Norden

Mit der vierten Himmelsrichtung schließt sich der Kreis. Eine alte Gebetsform verbindet Regen, Wachstum, Ernte und göttlichen Schutz.

Gerade die vierfache Ausrichtung ist ein starkes Beispiel dafür, wie Topographie und Liturgie aufeinander abgestimmt werden. Der Gipfel wird zum Segenspunkt der Insel.

Bitte um Regen

Der historische Sinn der Benedicció dels Fruits ist ausgesprochen konkret. Im späten Frühjahr entscheidet ausreichender Regen über das Reifen des Getreides. Dürre konnte für die landwirtschaftliche Bevölkerung existenzielle Folgen haben.

Die Bitte um Regen ist auch heute nicht bloß folkloristische Erinnerung. Bei Trockenheit wird während der Feier ausdrücklich um Wasser und eine gute Ernte gebetet.

Rückkehr in die Kirche

Nach der Segnung kehrt die Prozession zum Oratorium zurück. Dort endet die Feier mit gemeinsamem Marienlob.

Die rituelle Bewegung ist damit klar gegliedert: Aufstieg zum Berg, Messe, Auszug zur Landschaft, Segnung, Rückkehr zur Madonna.

Goigs der Mare de Déu de Cura

Zum Abschluss werden Goigs an die Mare de Déu de Cura gesungen. Goigs gehören zu den charakteristischen volkssprachlichen religiösen Liedformen des katalanischsprachigen Raums.

Der gemeinsame Gesang verbindet individuelle Wallfahrt mit kollektiver Erinnerung. Texte, Melodie und Heiligtum gehören für viele Teilnehmer untrennbar zusammen.

Pancaritat und Frühlingsfest

Cura gehört zugleich zur größeren mallorquinischen Tradition der Pancaritats. Nach Ostern ziehen Menschen zu Kapellen und Santuaris, feiern Gottesdienst und verbringen anschließend gemeinsam Zeit im Freien.

Religiöse Bitte, Frühlingsfest und gemeinsames Essen gehen dabei ineinander über. Auch auf Randa besitzt die Wallfahrt deshalb eine gesellige Seite, die den Aufenthalt nach dem Gottesdienst wesentlich mitprägt.

Die Landwirtschaft als religiöser Bezugspunkt

Die Benedicció dels Fruits zeigt besonders deutlich, wie stark vormoderne Wallfahrten mit dem wirtschaftlichen Alltag verbunden waren. Die Bitte richtet sich nicht auf ein abstraktes "gutes Jahr", sondern auf Getreide, Niederschläge und die Sicherung der Nahrung.

Gerade deshalb konnte der Brauch über Jahrhunderte überleben. Er berührte existenzielle Erfahrungen, die jeder bäuerlichen Familie vertraut waren.

Niedergang der Schule um 1830

Um 1830 verschwand die Grammatikschule. Damit verlor Cura eine seiner jahrhundertelang tragenden Funktionen. Gleichzeitig gingen auch Marienkult und liturgische Feiern zurück.

Das Santuario trat in eine lange Phase des Verfalls ein. Die wenigen zuständigen Geistlichen konnten die ausgedehnten Gebäude kaum unterhalten.

Siebzig Jahre Verfall

Während des 19. Jahrhunderts verschlechterte sich der bauliche Zustand erheblich. Fotografien vom Beginn des 20. Jahrhunderts zeigen, wie weit der Komplex bereits heruntergekommen war.

Die heutige gepflegte Erscheinung darf deshalb nicht als ununterbrochene Kontinuität verstanden werden. Cura musste im 20. Jahrhundert in großem Umfang neu belebt und restauriert werden.

Pere Joan Campins

1913 griff Bischof Pere Joan Campins ein. Er übertrug den Franziskanern des Dritten Regulierten Ordens, der Tercera Orden Regular de San Francisco, die Betreuung des Santuario.

Der Auftrag war ausdrücklich umfassend: bauliche Wiederherstellung, Wiederbelebung des Marienkultes und Pflege der Ramon-Llull-Tradition. Damit wurde die alte dreifache Identität von Cura bewusst erneuert.

Die Franziskaner des TOR

Die franziskanische Gemeinschaft machte Cura wieder zu einem dauerhaft bewohnten religiösen Ort. Sie organisierte Gottesdienste, betreute Besucher und setzte die Sanierung des Komplexes fort.

Die franziskanische Präsenz prägt das Santuario bis heute. Sie verbindet historische Erinnerung mit gegenwärtigem religiösem Leben.

Neubauten ab 1947

Ab 1947 entstanden das heutige Kloster, die Hospedería und weitere Räume. Diese Bauten veränderten den historischen Komplex deutlich, ermöglichten aber einen modernen Betrieb als Santuario, Unterkunft und Bildungsort.

1956 wurden weitere Teile des Komplexes als Noviziat des Dritten Regulierten Franziskanerordens eröffnet.

Pontifikale Krönung 1955

1955 wurde die Mare de Déu de Cura pontifikal gekrönt. Die Feier markierte den Höhepunkt der religiösen Wiederbelebung nach Jahrzehnten des Verfalls.

Die Krönung bestätigte zugleich die Bedeutung des Marienkultes innerhalb eines Ortes, der in der öffentlichen Wahrnehmung häufig stärker mit Ramon Llull verbunden wird.

Museum und ethnologisches Erbe

Das heutige Museum zeigt die Geschichte der Grammatikschule, Ramon Llull, die franziskanische Tradition und weitere Zeugnisse des Heiligtums. Dazu gehören auch ethnologische Objekte.

Dadurch wird Cura nicht auf eine einzelne historische Persönlichkeit reduziert. Die Ausstellung macht sichtbar, dass der Berg jahrhundertelang von Schülern, Eremiten, Ordensleuten, Pilgern und Landbevölkerung gemeinsam geprägt wurde.

Die Hospedería

Das Santuario besitzt weiterhin eine Hospedería. Gäste können auf dem Berg übernachten und dadurch eine alte Funktion von Wallfahrtsorten fortsetzen.

Unterkunft ist hier nicht nur touristisches Zusatzangebot. Seit Jahrhunderten war der abgelegene Gipfel auf Räume angewiesen, in denen Schüler, Ordensleute und Besucher längere Zeit bleiben konnten.

Der Licor de Randa

Zu den jüngeren Eigenheiten des Santuario gehört der von den Franziskanern vertriebene Licor de Randa. Seine Rezeptur wird vom Orden bewahrt.

Der Likör ist kein religiöses Kultobjekt, gehört aber zur gegenwärtigen materiellen Kultur des Ortes und zeigt, wie ein Kloster auch durch eigene Produkte mit Besuchern und Umgebung verbunden bleibt.

Wallfahrt und Aussicht

Der Blick vom Puig de Randa gehört zur Erfahrung der Wallfahrt. Die Landschaft wird nicht nur betrachtet, sondern während der Benedicció dels Fruits selbst zum Gegenstand des Rituals.

Dadurch unterscheidet sich Cura von Heiligtümern, deren Kult vollständig im Kircheninneren konzentriert ist. Hier ist der Blick hinaus auf Felder und Dörfer wesentlicher Bestandteil der religiösen Handlung.

Randa als Pilgerlandschaft

Der Aufstieg von Randa führt an mehreren religiösen Orten vorbei. Wer zu Fuß hinaufgeht, erlebt die Abfolge von Gràcia, Sant Honorat und Cura als eine Art vertikale Pilgerlandschaft.

Die Wege verbinden mehrere Epochen und Spiritualitäten: mittelalterliches Einsiedlerwesen, Llullismus, Franziskanertum und Marienwallfahrt liegen am selben Berg übereinander.

Volkskundliche Bedeutung

Cura besitzt volkskundlich eine ungewöhnliche Verbindung von Bildungs- und Agrartradition. Die Madonna galt als Beschützerin der Schüler, während die regionale Bevölkerung zugleich mit ihr Regen, Fruchtbarkeit und Ernte verband.

Die Benedicció dels Fruits macht diese Verbindung bis heute sichtbar: Menschen steigen zum Gipfel, feiern die Messe, ziehen mit dem Lignum-Crucis-Reliquiar hinaus und segnen die Insel nach allen vier Himmelsrichtungen.

Ein heiliger Berg mit drei Gesichtern

Die Geschichte des Santuario lässt sich nicht auf eine einzige Funktion reduzieren. Cura ist Marienheiligtum, Llull-Gedenkort und historisches Bildungszentrum.

Gerade diese Mehrdeutigkeit erklärt seine Beständigkeit. Wenn eine Funktion schwächer wurde, konnte eine andere den Ort tragen. Nach dem Niedergang der Schule blieb die religiöse Erinnerung; nach dem baulichen Verfall belebten Franziskaner und Wallfahrt den Berg neu.

Heutiger Kult

Das Santuari de Cura ist weiterhin ein aktiver katholischer Ort. Sonntags wird Eucharistie gefeiert; Kirche, Museum, Hospedería und Kloster machen den Gipfel ganzjährig zu einem religiösen und kulturellen Ziel.

Der stärkste Nachweis für den fortbestehenden Wallfahrtscharakter ist jedoch die jährliche Benedicció dels Fruits. Wenn Pilger aus Randa und den umliegenden Orten aufsteigen und vom Gipfel aus die Felder Mallorcas segnen, lebt eine seit dem 16. Jahrhundert sicher dokumentierte Form agrarischer Volksreligion in bemerkenswerter Kontinuität weiter.

Literatur und Quellen

Llull, Ramon: Vita coetanea. Frühes 14. Jahrhundert. Maßgebliche Quelle zur Randa-Erfahrung Ramon Llulls.

Llull, Ramon: Blanquerna. Mittelalterlicher Roman und religiös-philosophisches Werk; die Inschrift des Portals von Cura nimmt auf Kapitel 61 Bezug.

Hillgarth, J. N.: Ramon Lull and Lullism in Fourteenth-Century France. Oxford: Clarendon Press, 1971.

Bonner, Anthony: The Art and Logic of Ramon Llull. A User's Guide. Leiden / Boston: Brill, 2007.

Trias Mercant, Sebastià: Història del pensament a Mallorca. Palma: Editorial Moll, 1985.

Santuari de Cura: historische und kunsthistorische Dokumentationen zur Geschichte des Heiligtums, zur Mare de Déu de Cura, zur Grammatikschule, zum Ramon-Llull-Gedächtnis und zur franziskanischen Gemeinschaft.

Mallorca Peregrina: Dokumentationen zur Festa de la Benedicció dels Fruits und zu den traditionellen Wallfahrten Mallorcas.

Bisbat de Mallorca: liturgische und pastorale Dokumentationen zur Benedicció dels Fruits und zum Santuari de Cura.

Zurück zur Übersicht Wallfahrtsorte in Spanien

Zurück zur Übersicht Wallfahrt

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

© www.SAGEN.at