| Wallfahrt: | Wallfahrt zu San Cecilio, dem Stadtpatron von Granada, und zu den Santas Cuevas; jährlich am ersten Sonntag im Februar zieht die Romería de San Cecilio zur Abadía del Sacromonte. |
| Status: | Lebendiges katholisches Wallfahrts-, Reliquien- und Erinnerungszentrum mit Kollegiatkirche, Santas Cuevas und Museum; die Wallfahrt besteht seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert und ist eng mit dem Voto de la Ciudad de Granada verbunden. |
| Kultzentrum: | Die Santas Cuevas mit dem sogenannten Horno de San Cecilio sowie die in der Abtei kirchlich verehrten Reliquien des hl. Cecilio und weiterer Märtyrer; ihre historische Identifizierung mit Personen des 1. Jahrhunderts ist nicht unabhängig gesichert. |
| Ort: | Granada. |
| Bezirk/Region: | Stadtteil Sacromonte, Provinz Granada. |
| Bundesland: | Andalusien, Spanien. |
| • | Abadía del Sacromonte, Camino del Sacromonte s/n, Granada, Spanien; oberhalb des Stadtteils Sacromonte auf dem ehemaligen Monte Valparaíso. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Spanien |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Öffnungszeiten: Öffnungszeiten: In der Sommersaison täglich von 10.00 bis 14.00 Uhr und von 15.30 bis 19.00 Uhr, in der Wintersaison täglich von 10.00 bis 14.00 Uhr und von 15.00 bis 18.00 Uhr. Die genauen saisonalen Wechseltermine sowie mögliche Abweichungen an besonderen Festtagen sollten vor dem Besuch geprüft werden. Sonntags und an Feiertagen wird um 12.00 Uhr Eucharistie gefeiert. |
| • | Abadía del Sacromonte - offizielle Website |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
Wir haben leider noch keine Fotos dieses Wallfahrtsortes.
Besonders willkommen sind Außenansicht, Innenraum, Gnadenbild oder Kultobjekt, Votivgaben, Prozessionen und Festbräuche, Inschriften sowie lokale Besonderheiten.
Mit diesen und weiteren Fotomotiven können Sie hier zur Dokumentation beitragen.
Die Abadía del Sacromonte liegt hoch über Granada auf dem ehemaligen Monte Valparaíso. Von hier reicht der Blick über das Darro-Tal, den Albaicín, die Alhambra und weit in die Landschaft hinein. Der heutige Name "Sacromonte", Heiliger Berg, entstand erst infolge jener spektakulären Funde des späten 16. Jahrhunderts, durch die der Ort binnen weniger Jahre zu einem neuen Pilgerzentrum wurde.
Das Heiligtum ist ungewöhnlich, weil seine Entstehung eng mit einem der berühmtesten Fälschungskomplexe der frühneuzeitlichen spanischen Geschichte verbunden ist. Bleiplatten und arabische Texte sollten eine apostolische Frühgeschichte Granadas belegen und christliche mit arabisch-islamischen Überlieferungen verbinden. Diese Texte gelten heute als Fälschungen. Trotzdem entstand aus ihrem Umfeld eine reale religiöse Landschaft mit Abtei, Höhlenkapellen, Reliquienverehrung, Kreuzen, Prozessionen und einer bis heute lebendigen Wallfahrt zu San Cecilio.
Die Vorgeschichte beginnt 1588 im Zentrum Granadas. Beim Abbruch der Torre Turpiana, des ehemaligen Minaretts der Hauptmoschee, das in den Bereich der Kathedrale einbezogen worden war, fand man eine Bleikassette mit einem Pergament und mehreren Gegenständen, die als frühchristliche Reliquien gedeutet wurden. Genannt wurden unter anderem angebliche Reste des hl. Stephanus und ein der Jungfrau Maria zugeschriebenes Tuch.
Das Pergament war in mehreren Sprachen beziehungsweise Schriften abgefasst und stellte Verbindungen zur frühesten christlichen Geschichte Granadas her. Schon dieser Fund löste intensive Diskussionen unter Gelehrten und Geistlichen aus. Wenige Jahre später verlagerte sich das Geschehen auf den außerhalb der Stadt gelegenen Monte Valparaíso.
Ab 1595 wurden auf dem Berg Bleiplatten, menschliche Überreste, Asche und weitere Gegenstände entdeckt. In den Inschriften wurden Personen wie Cecilio, Tesifón, Hisicio und andere als Märtyrer der ersten christlichen Generation Granadas bezeichnet. Schließlich kamen insgesamt 22 kleine Bleibücher mit arabischen beziehungsweise pseudoarabischen Texten zum Vorschein.
Die Funde erzeugten enorme öffentliche Aufmerksamkeit. Der Berg wurde als Ort frühchristlicher Martyrien verstanden und erhielt bald den Namen Sacromonte. Schon während der laufenden Grabungen kamen große Gruppen von Gläubigen herauf; neue Funde wurden mit Gottesdiensten, Prozessionen und Festen gefeiert.
Die sogenannten Libros Plúmbeos bestehen aus kleinen runden oder ovalen Bleiplatten, die zu Büchern zusammengefügt waren. Ihre Texte wurden angeblich auf San Cecilio, San Tesifón und andere Gestalten der apostolischen Zeit zurückgeführt. Inhaltlich verbanden sie christliche Vorstellungen mit Elementen arabischer beziehungsweise islamischer Tradition.
Ein zentrales Motiv war die Behauptung, Granada besitze eine christliche Geschichte, die unmittelbar in die Zeit der Apostel zurückreiche. Zugleich erschien die arabische Sprache nicht als Gegensatz zum Christentum, sondern als Träger einer angeblich uralten christlichen Überlieferung. Gerade in der angespannten Situation nach dem Aufstand der Moriscos und unter dem Druck ihrer gesellschaftlichen Ausgrenzung war diese Botschaft hochpolitisch.
Die Bleibücher gelten heute in der historischen Forschung als Fälschungen des späten 16. Jahrhunderts. Ihr Zweck wird unterschiedlich gewichtet, doch die Forschung sieht sie im Umfeld gebildeter Moriscos beziehungsweise arabischsprachiger Christen, die versuchten, arabische Kultur und Sprache mit einer alten christlichen Identität zu verbinden und damit die Stellung der Moriscos in der spanischen Gesellschaft neu zu legitimieren.
Der Morisco Miguel de Luna war als Übersetzer an den Vorgängen beteiligt und wird in der Forschung als möglicher Mitautor der Fälschungen diskutiert; eine vollständige Zuschreibung des gesamten Komplexes an eine einzige Person ist nicht gesichert. Die Texte sind daher nicht als antike Quellen zu verwenden, sondern selbst als außergewöhnliche Zeugnisse der religiösen und politischen Konflikte Granadas um 1600 zu lesen.
Die Echtheit der Bleibücher wurde über Jahrzehnte erbittert verteidigt und bestritten. 1642 gelangten die Texte auf päpstliche Anordnung nach Rom. Am 6. März 1682 wurden sie durch ein päpstliches Dekret verurteilt; die Veröffentlichung der Entscheidung folgte im selben Jahr.
Die Abtei versuchte noch, gegen die Verurteilung vorzugehen. An der wissenschaftlichen Einordnung änderte dies langfristig nichts. Die Bleibücher wurden als apokryphe beziehungsweise gefälschte Texte behandelt. Im Jahr 2000 kehrten sie nach Jahrhunderten aus Rom nach Granada zurück und werden heute wieder im Archiv der Abadía del Sacromonte verwahrt.
Von den gefälschten Texten müssen die zugleich gefundenen menschlichen Überreste begrifflich getrennt werden. In einem kirchlichen Verfahren wurden die als Märtyrerreliquien verstandenen Knochen und Aschen anerkannt und anschließend liturgisch verehrt. Diese kirchliche Kultanerkennung besteht unabhängig von der späteren Verurteilung der Bleibücher fort.
Historisch lässt sich daraus jedoch nicht ableiten, dass die Gebeine naturwissenschaftlich oder archäologisch als San Cecilio und seine Gefährten des 1. Jahrhunderts identifiziert wären. Da die behaupteten Namenszuweisungen gerade aus dem problematischen Fundkomplex stammen, ist zwischen liturgisch verehrter Reliquie und gesicherter historischer Personenzuordnung zu unterscheiden.
Die kirchliche Tradition verehrt San Cecilio als ersten Bischof von Granada beziehungsweise Ilíberis und zählt ihn zu den sogenannten Sieben Apostolischen Männern, die mit der frühen Christianisierung Hispaniens verbunden werden. Die Sacromonte-Funde behaupteten darüber hinaus, Cecilio sei ein Schüler des Apostels Jakobus gewesen und am 1. Februar während der Herrschaft Neros auf dem Berg verbrannt worden.
Diese detaillierte Martyriumsüberlieferung ist nicht unabhängig von den Funden des 16. Jahrhunderts belegt. Gerade das Datum 1. Februar gewann durch die Bleiplatten zentrale Bedeutung für den Kult. Seit 1601 wurde der 1. Februar in Granada als Tag San Cecilios begangen; später erhielt er den Rang eines städtischen Festes.
Der Erzbischof Pedro de Castro Cabeza de Vaca y Quiñones war der wichtigste Förderer der Funde und überzeugter Verteidiger ihrer Echtheit. Unter seiner Leitung wurde der Berg systematisch sakralisiert. 1607 gründete er eine Kollegiatkirche zu Ehren San Cecilios und der als Märtyrer verehrten Gefährten.
Der Bau der Abtei begann in den folgenden Jahren. Neben dem eigentlichen Kult sollte hier ein geistliches und akademisches Zentrum entstehen. Seminar, Kollegium, Bibliothek und später ein umfangreiches Archiv machten den Sacromonte zu einer Institution, in der Frömmigkeit und Gelehrsamkeit eng miteinander verbunden waren.
Die Kirche der Abtei ist Mariä Himmelfahrt geweiht. Der heutige Bau besitzt drei Schiffe und erhielt seine endgültige Gestalt im Wesentlichen im 17. und 18. Jahrhundert. Der Innenraum wirkt trotz barocker Ausstattung vergleichsweise streng und wird vom großen Retabel der Capilla Mayor bestimmt.
Dieses Retabel ist zugleich ein Reliquienretabel. Schon 1610 bestand ein früher Aufbau zur Aufnahme der verehrten Märtyrerreliquien. Wegen seines schlechten Zustandes wurde er im 18. Jahrhundert durch den heute erhaltenen barocken Aufbau ersetzt.
Das eigentliche Herz der Wallfahrt sind die Santas Cuevas. Unterirdische Gänge und kleine Kapellen verbinden jene Bereiche, in denen die Funde des späten 16. Jahrhunderts gemacht wurden. Die Höhlen wurden zu einem eigenständigen Andachtsraum, durch den Pilger von Kapelle zu Kapelle gehen.
Dieser unterirdische Weg unterscheidet sich deutlich von der großen Kollegiatkirche. Enge Gänge, niedrige Räume, Gitter, kleine Altäre und die unmittelbare Nähe zum Felsen erzeugen eine Form körperlicher Nähe zum Gründungsort des Kultes. Die Santas Cuevas wurden 1989 wieder für die religiöse Nutzung geöffnet und später mehrfach restauriert.
Ein besonders verehrter Bereich wird als "Horno de San Cecilio" bezeichnet. Nach der Sacromonte-Überlieferung soll Cecilio hier durch Feuer den Märtyrertod erlitten haben. Die Bezeichnung knüpft an antike beziehungsweise spätantike Ofenanlagen auf dem Berg an, verbindet diese aber mit einer erst im späten 16. Jahrhundert konkret ausgebildeten Märtyrererzählung.
Der Horno besitzt daher zwei unterschiedliche Ebenen: einen realen archäologischen beziehungsweise baulichen Befund und eine spätere religiöse Deutung. Für die Wallfahrt ist nicht die archäologische Datierung allein entscheidend, sondern die Vorstellung, am Ort des Martyriums selbst zu beten.
Die frühe Begeisterung für den Sacromonte erfasste Zünfte, Berufsgruppen, Adelige und kirchliche Gemeinschaften. Entlang des Aufstiegs und auf dem Berg wurden zahlreiche steinerne Kreuze errichtet. Die Archidiözese nennt in der Überlieferung eine Gesamtzahl von etwa 1200 Kreuzen, von denen heute nur wenige erhalten sind.
Dokumentiert sind unter anderem Kreuze der Steinmetzen und Soldaten der Alhambra, der Lastenträger von Plaza Nueva und Bib-Rambla sowie anderer Berufsgruppen. Die Pilger markierten den Weg damit dauerhaft. Der gesamte Hang wurde zu einer sakralisierten Landschaft, in der der Weg zum Heiligtum ebenso wichtig war wie das Ziel.
Die Wallfahrt zum Sacromonte ist keine spätere Erfindung des Tourismus. Bereits unmittelbar nach den Funden der 1590er Jahre strömten Bewohner Granadas auf den Berg. Prozessionen begleiteten neue Entdeckungen, Reliquien wurden verehrt und Gruppen stifteten Kreuze.
Damit ist der Sacromonte ein selten gut beobachtbares Beispiel dafür, wie ein neuer Wallfahrtsort nahezu vor den Augen der schriftlichen Überlieferung entsteht. Der Kult benötigte keine jahrhundertelang gewachsene mittelalterliche Tradition: Die spektakulären Funde reichten aus, um innerhalb weniger Jahre eine neue heilige Topographie zu schaffen.
Die institutionalisierte Romería de San Cecilio wird in der andalusischen Kulturdokumentation auf das Jahr 1599 zurückgeführt. Nach der Tradition suchte eine Pest Granada heim; die Stadt wandte sich an San Cecilio und verband mit dem Ende beziehungsweise Nachlassen der Seuche ein Gelübde.
Aus dieser Erinnerung entwickelte sich das "Voto de la Ciudad". Die kommunalen Vertreter nehmen bis heute an der Feier des Stadtpatrons in der Abtei teil. Damit steht neben der persönlichen Wallfahrt eine offizielle Beziehung zwischen Stadt und Heiligem.
San Cecilio wird liturgisch am 1. Februar gefeiert. Da dieser Tag in Granada heute kein allgemeiner arbeitsfreier Feiertag ist, findet die große Romería gewöhnlich am ersten Sonntag im Februar statt. Fällt der 1. Februar selbst auf einen Sonntag, fallen liturgisches Fest und Stadtgelübde unmittelbar zusammen.
Genau dies geschah 2026. Am Sonntag, dem 1. Februar, wurde um 12.00 Uhr in der Kollegiatkirche die feierliche Eucharistie unter Vorsitz des Erzbischofs gefeiert. Vertreter des Ayuntamiento nahmen am Voto de la Ciudad teil, anschließend setzte sich das Fest auf der Freifläche der Abtei fort.
Die traditionelle Bewegung der Pilger führt aus Granada hinauf zum Sacromonte. Der Aufstieg wird in populären Beschreibungen mit den "siete cuestas", den sieben Steigungen, verbunden. Viele Besucher gehen zu Fuß durch den Albaicín und den Camino del Sacromonte bis zur Abtei.
Der Weg ist für die Wahrnehmung des Heiligtums entscheidend. Die zunehmende Höhe, der Blick über Granada und das langsame Entfernen vom Stadtzentrum schaffen eine deutliche räumliche Trennung zwischen Alltag und Festort.
Ältere Beschreibungen berichten, dass Vertreter der Stadt in der Abtei die Reliquie San Cecilios zum Kuss gereicht bekamen. Die Kanoniker übergaben dazu Weihrauchpastillen und künstliche Blumen. Solche Gaben machten die Begegnung mit dem Stadtpatron auch materiell erinnerbar.
Die Formen haben sich im Einzelnen verändert, doch der Kern bleibt: Die Stadt steigt zum Patron hinauf und erfüllt damit ein öffentliches Gelübde. Die Wallfahrt verbindet religiöse Feier, kommunale Repräsentation und Volksfest.
Zu den bekanntesten Speisebräuchen der Romería gehören rohe Saubohnen und "salaíllas", flache salzige Brote. Die Stadt beziehungsweise die Veranstalter verteilen sie traditionell an die Besucher auf der Freifläche beim Sacromonte.
Die Kombination ist so eng mit dem Cecilio-Fest verbunden, dass sie selbst zu einem Erinnerungszeichen der Wallfahrt geworden ist. Rohe Habas und das kräftig gesalzene Brot gehören zur einfachen Frühjahrs- beziehungsweise Winterkost der Region und werden an diesem Tag gemeinschaftlich gegessen.
Weitere Überlieferungen nennen Bacalao, die "tortilla del Sacromonte" und Wein als typische Speisen beziehungsweise Getränke des Festes. Nicht jede Familie oder Gruppe folgt demselben Menü; gemeinsam ist jedoch der lange Aufenthalt im Freien nach dem Gottesdienst.
Wie bei vielen Wallfahrten endet die religiöse Bewegung nicht an der Kirchentür. Der gemeinsame Aufenthalt, Essen und Trinken auf dem Berg gehören ebenso zum Festgedächtnis wie Messe und Reliquienverehrung.
Regionale Tanzgruppen begleiten die Romería. Besonders "La Reja" wird in den heutigen Veranstaltungsbeschreibungen genannt. Daneben treten weitere traditionelle Tänze und Musikformen der Provinz auf.
Der Platz vor der Abtei wird dadurch für einige Stunden zu einem öffentlichen Festgelände. Das Nebeneinander von Messe, Stadtgelübde, Speisen und Tanz ist kein Widerspruch, sondern typisch für die soziale Gestalt vieler mediterraner Wallfahrten.
Zu den reizvollsten Volksüberlieferungen der Santas Cuevas gehört die sogenannte "piedra de las solteras". Junge unverheiratete Frauen küssten beziehungsweise berührten einen bestimmten Stein in der Hoffnung, bald einen Ehemann zu finden. Schon ältere Beschreibungen schildern, wie der Stein durch zahllose Berührungen und Küsse abgenutzt worden sei.
Der Brauch war keineswegs Teil der offiziellen Liturgie. Er entwickelte sich im Umfeld der Höhlen und verbindet den heiligen Ort mit sehr persönlichen Zukunftswünschen. Gerade solche kleinen Handlungen zeigen, wie Pilger einen kirchlichen Raum mit eigenen Erwartungen und Bedeutungen füllen.
Eine humorvolle Überlieferung erzählt von einem Besuch der spanischen Infantinnen Eulalia und Paz. Beide fragten den Abt nach der Wirksamkeit des Heiratssteines. Dieser habe geantwortet, die Leute erzählten es zwar, er selbst könne die Wirkung aber nicht bestätigen. "Für alle Fälle" hätten beide jungen Frauen den Stein dennoch geküsst.
Als Eulalia noch im selben Jahr heiratete und auch die Ehe von Paz vereinbart wurde, verbreitete sich die Geschichte in Zeitungen. Nach einer zeitgenössischen beziehungsweise später aufgezeichneten Darstellung erhielt der Abt daraufhin zahlreiche Anfragen zur genauen Anwendung des Steines. Die Anekdote zeigt, wie ein lokaler Brauch durch Presse und prominente Besucher überregional bekannt werden konnte.
Die heutige touristische Überlieferung kennt zwei Liebessteine. Wer den schwarzen Stein berührt, soll innerhalb eines Jahres den passenden Partner finden. Dem weißen Stein wird dagegen die gegenteilige Wirkung zugeschrieben: Er soll eine bestehende Beziehung beenden.
Diese moderne Ausformung darf nicht als alte kirchliche Tradition verstanden werden. Sie ist eine weiterentwickelte Volkslegende, die aus dem älteren Heiratsstein ein spielerisches Paar gegensätzlicher "Wirkungen" gemacht hat. Gerade diese Veränderung zeigt, dass Volksüberlieferung nicht unverändert bleibt.
Neben San Cecilio besitzt die Unbefleckte Empfängnis in der Abtei große Bedeutung. Die berühmte Inschrift "A María no tocó el pecado primero" fasst die inmaculistische Position zusammen, für die Pedro de Castro und der Sacromonte im 17. Jahrhundert besonders energisch eintraten.
Auch hierin spiegeln die Bleibücher ihre Zeit. Die dort entwickelten Vorstellungen zur Jungfrau Maria wirkten in eine Epoche hinein, in der die Unbefleckte Empfängnis in Spanien intensiv diskutiert und verteidigt wurde. Die Abtei wurde zu einem wichtigen Zentrum dieser Frömmigkeit.
Das heutige Museum bewahrt neben den Bleibüchern und historischen Dokumenten einen bedeutenden Kunstbestand. Dazu gehören Werke und Zuschreibungen aus dem Umfeld von Sánchez Cotán, Bocanegra, Alonso de Mena, Duque Cornejo, Risueño und Goya sowie Handschriften und kirchengeschichtliche Zeugnisse.
Die Sammlung macht sichtbar, dass Sacromonte nicht nur Wallfahrtsort, sondern über Jahrhunderte auch Bildungs- und Kunstzentrum war. Gerade die Bleibücher werden heute nicht mehr als Beweis apostolischer Geschichte gezeigt, sondern als bedeutende historische Dokumente eines frühneuzeitlichen Konflikts.
Eine zweite große Kultschicht ist mit dem Cristo del Consuelo verbunden, einer 1695 von José Risueño geschaffenen Kreuzigungsdarstellung. Die berühmte Karwochenprozession des "Cristo de los Gitanos" führt durch den Sacromonte und gehört zu den bekanntesten Prozessionen Granadas.
Diese Verehrung ist nicht mit der San-Cecilio-Wallfahrt gleichzusetzen. Beide Traditionen nutzen jedoch dieselbe sakrale Landschaft und zeigen, wie sich im Sacromonte mehrere religiöse Erinnerungsräume überlagern konnten.
Die Abtei gehört zu den wenigen Orten Spaniens, an denen zu besonderen Anlässen Eucharistie im hispano-mozarabischen Ritus gefeiert wird. Die Abtei nennt besonders die Feste San Cecilios und Corpus Christi als entsprechende liturgische Termine.
Damit wird ein weiteres Motiv der Institution sichtbar: der Anspruch, sehr alte Schichten des iberischen Christentums liturgisch zu erinnern. Diese heutige liturgische Praxis ist jedoch von den problematischen Behauptungen der Bleibücher über eine konkrete apostolische Gründung Granadas zu unterscheiden.
Die historische Besonderheit des Sacromonte liegt darin, dass die Entlarvung der Bleibücher den Wallfahrtsort nicht verschwinden ließ. Die Texte waren gefälscht, doch die über Jahrzehnte entstandenen religiösen Praktiken hatten längst ein eigenes Leben entwickelt: Menschen pilgerten hinauf, verehrten Reliquien, errichteten Kreuze, feierten San Cecilio und verbanden den Ort mit der Identität Granadas.
Damit zeigt Sacromonte besonders deutlich, dass die Geschichte einer Wallfahrt nicht mit der Frage endet, ob ihre Gründungserzählung historisch wahr ist. Entscheidend ist ebenso, was Menschen aus dieser Erzählung gemacht haben und welche dauerhaften Bräuche, Gebäude und sozialen Bindungen daraus hervorgingen.
Kaum ein anderer spanischer Wallfahrtsort vereint Quellenkritik und lebendige Volkskultur in vergleichbarer Dichte. Ein frühneuzeitlicher Fälschungskomplex führte zu einer realen Pilgerbewegung; aus dem Monte Valparaíso wurde ein heiliger Berg, der mit Hunderten von Kreuzen markiert wurde. Hinzu kamen Stadtgelübde, Reliquienkult, Höhlenandacht und jährliche Romería.
Habas, Salaíllas, Bacalao, Wein und regionale Tänze geben dem Fest seine soziale Gestalt. Die Heiratssteine zeigen zugleich eine intime Ebene persönlicher Wünsche, die neben der offiziellen Verehrung des Stadtpatrons besteht. Religiöse Institution, kommunale Tradition und populäre Überlieferung haben den Sacromonte gemeinsam geformt.
Die Abadía del Sacromonte ist weiterhin ein aktiver religiöser Ort. Sonntags und an Feiertagen wird um 12.00 Uhr Eucharistie gefeiert. Die Santas Cuevas bleiben zugänglich und werden weiterhin als Pilger- und Gebetsort verstanden.
Am ersten Sonntag im Februar steigt Granada zu seinem Patron hinauf. 2026 fiel dieser Tag genau auf den 1. Februar; Stadtregierung, Erzbischof, Klerus und zahlreiche Besucher versammelten sich erneut am Sacromonte. Damit besteht die Wallfahrt mehr als vier Jahrhunderte nach den ersten Funden fort, obwohl die historischen Voraussetzungen ihrer Entstehung heute völlig anders beurteilt werden als um 1600.
Barrios Aguilera, Manuel; García-Arenal, Mercedes (Hrsg.): Los plomos del Sacromonte. Invención y tesoro. Valencia: Universitat de València; Granada: Universidad de Granada; Zaragoza: Prensas Universitarias de Zaragoza, 2006. Biblioteca de Estudios Moriscos 1. ISBN 978-84-370-6464-2.
López-Guadalupe Muñoz, Miguel Luis; Cruz Cabrera, José Policarpo; Martínez Fernández, Francisco Javier: La Abadía del Sacromonte. Vida y arte en las fuentes del cristianismo moderno de Granada. Córdoba: Fundación Abadía del Sacromonte, 2018. ISBN 978-84-09-06013-9.
García-Arenal, Mercedes; Rodríguez Mediano, Fernando: "Médico, traductor, inventor: Miguel de Luna, cristiano arábigo de Granada". Chronica Nova 32, 2006, S. 187-231.
Martínez Medina, Francisco Javier: Cristianos y musulmanes en la Andalucía moderna. La Granada del siglo XVI, una ciudad intercultural: invenciones de reliquias y libros plúmbeos. El Sacromonte. Dissertation, Universidad de Granada, 2015.
Abadía del Sacromonte; Archidiócesis de Granada; Ayuntamiento de Granada; Junta de Andalucía: historische, kunsthistorische, liturgische und volkskundliche Dokumentationen zur Abtei, zu den Santas Cuevas und zur Romería de San Cecilio.
Ergänzungen: Wolfgang Morscher
© www.SAGEN.at