| Wallfahrt: | Historischer Marienwallfahrtsort auf einem mittelalterlichen Kirchenplatz. Das Marienpatrozinium ist 1441 belegt; das heute verehrte spätgotische Gnadenbild entstand wahrscheinlich um 1510/20 im Umfeld des Schaffhauser Bildschnitzers Augustin Henckel. Nach der Überlieferung gelangte die Madonna während der Reformation aus dem Prämonstratenserkloster Rüti nach Dreibrunnen, doch diese Herkunft ist nicht zweifelsfrei urkundlich gesichert. Spätestens seit der Mitte des 17. Jahrhunderts nahm der Pilgerbesuch stark zu und führte 1666/72 zu einer Erweiterung der Kirche. Historisch besonders ausgeprägt war eine Frauenwallfahrt bei Kinderwunsch, Schwangerschaft und familiären Anliegen. Die Rokokoausstattung von 1761-1763 geht auf ein Gelübde des Wiler Malers Jakob Joseph Müller nach einer Seenot zurück. |
| Status: | Aktive katholische Wallfahrts- und Gottesdienstkirche im heutigen Stadtgebiet von Wil SG, Ortsteil Bronschhofen. Die 1932/33 geschaffene Wallfahrtspfründe war keine Gründung der Wallfahrt, sondern eine institutionelle Neuordnung eines bereits seit Jahrhunderten bestehenden Gnadenortes. Marienfeste, Wallfahrtsgottesdienste, persönliche Fürbitte und seelsorgliche Begleitung werden weiterhin gepflegt. |
| Kultzentrum: | Spätgotische gekrönte Muttergottes mit dem Jesuskind im Hochaltar, entstanden wahrscheinlich um 1510/20; das Jesuskind und Teile der Hände gelten als spätere Ergänzungen. Die traditionelle Herkunft der Figur aus dem 1526 aufgehobenen Kloster Rüti ist möglich, aber nicht abschliessend bewiesen. Der Gnadenkult steht in engem Zusammenhang mit der historischen Marienverehrung, dem Patrozinium Mariä Heimsuchung, der weiblichen Fürbittkultur sowie dem barocken und rokokozeitlichen Bildprogramm der Kirche. |
| Ort: | Dreibrunnen, Bronschhofen / Wil SG. |
| Region: | Kanton St. Gallen. |
| Land: | Schweiz. |
| • | Wallfahrtskirche Maria Dreibrunnen, Kapellstrasse 1, 9552 Bronschhofen, Schweiz. Die Kirche liegt westlich von Wil in einer leicht eingetieften, historisch von Quellen, Weihern und Feuchtgebieten geprägten Kulturlandschaft. Zum Ensemble gehören die Wallfahrtskirche, das Haus Maria Dreibrunnen beziehungsweise Priesterhaus, der Friedhof und das landschaftlich weitgehend erhaltene Umfeld. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte in der Schweiz |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Besuch: Die Kirche wird regelmässig liturgisch und als Wallfahrtsort genutzt. Gottesdienstzeiten, Marienfeiern, Beichtgelegenheiten, Gruppenwallfahrten und seelsorgliche Angebote können wechseln; für einen gezielten Besuch empfiehlt sich die Kontrolle der aktuellen Angaben der Katholischen Kirchgemeinde Wil beziehungsweise des Wallfahrtsortes Maria Dreibrunnen. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
Wir haben leider noch keine Fotos dieses Wallfahrtsortes.
Gesucht werden insbesondere Aufnahmen der Kirche in ihrer historischen Landschaft, der Fassaden und der Vorhalle, des Kirchenraums mit der Rokokoausstattung, des spätgotischen Gnadenbildes im Hochaltar, der barocken Altäre, des Deckenfreskos "Auxilium Christianorum", der Marienmedaillons, der Stuckaturen Johann Melchior Modlers, der Seitenaltäre, der Kanzel, historischer Andachts- und Schatzobjekte, der Umgebung mit Quellen- und Weiherlandschaft sowie heutiger Wallfahrten, Marienfeiern und individueller Pilgerbesuche.
Mit diesen und weiteren Fotomotiven können Sie hier zur Dokumentation beitragen.
Maria Dreibrunnen westlich von Wil gehört zu jenen Wallfahrtsorten, deren historische Bedeutung sich erst erschliesst, wenn Kirchen-, Kunst-, Landschafts- und Frömmigkeitsgeschichte gemeinsam betrachtet werden. Der Ort war zunächst keine eigens gegründete Wallfahrtskapelle, sondern ein mittelalterlicher Pfarrkirchenplatz, der seit dem 13. Jahrhundert fassbar ist. Spätestens 1441 ist das Marienpatrozinium belegt; im frühen 16. Jahrhundert kam ein qualitätvolles spätgotisches Marienbild hinzu, dessen Herkunft aus dem Prämonstratenserkloster Rüti zwar zur festen örtlichen Überlieferung gehört, quellenmässig aber nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden kann. Im 17. Jahrhundert verdichtete sich die Verehrung zu einer ausgeprägten Wallfahrt, die wegen des anwachsenden Pilgerbesuchs sogar bauliche Erweiterungen erforderte.
Volkskundlich besitzt Dreibrunnen ein besonders eigenständiges Profil. Der Gnadenort wurde über lange Zeit auffällig häufig von Frauen mit Kinderwunsch, Schwangerschafts- und Familienanliegen besucht. Diese religiöse Funktion entwickelte sich in einer historisch wasserreichen Landschaft aus Quellen, Mulden, Weihern und Feuchtgebieten, zu der sich Erzählungen über den Ursprung ungeborener Kinder erhalten haben. Im 18. Jahrhundert wurde dieser ältere Marienkult durch ein hochkomplexes barockes und rokokozeitliches Bildprogramm überformt. Die zentrale künstlerische Leistung von 1761 bis 1763 geht auf das persönliche Gelübde des Wiler Malers Jakob Joseph Müller zurück, der nach einer gefährlichen Seereise versprach, im Fall glücklicher Heimkehr ein Werk zu Ehren Mariens zu schaffen. Die berühmte Innenausstattung ist damit nicht nur Kunstwerk, sondern in ihrem Ausgangspunkt ein monumentales Votum.
Gründer und genaues Entstehungsjahr der ältesten Kirche sind nicht bekannt. Daniel Studer datiert den ersten nachweisbaren Sakralbau vorsichtig in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts. Mauerpartien an der Nordseite des heutigen Langhauses, darunter älteres Fischgrätmauerwerk, gehören noch zu diesen frühen Bauphasen. Damit reicht die materielle Geschichte des Kirchenplatzes mehrere Jahrhunderte hinter den späteren Wallfahrtsbetrieb zurück.
1275 erscheint der Ort in mittelalterlichen Namensformen wie "Tüffenbrunnen" beziehungsweise "Tiunbrunnen". Der Kirchen- und Besitzkomplex stand im Umfeld der Grafen von Toggenburg. Am 1. Mai 1289 schenkte Graf Diethelm von Toggenburg den Kehlhof zu Tünbrunnen dem Prämonstratenserkloster Rüti im Zürcher Oberland. 1330 wurde auch die Kirche auf päpstliche Anordnung dem Kloster Rüti inkorporiert. Seit dem 15. Jahrhundert versah ein Vikar aus Wil die Seelsorge. Dreibrunnen war somit lange vor dem ausgeprägten Gnadenkult ein kirchlich organisierter Mittelpunkt in einer ländlichen Siedlungslandschaft.
Für die Wallfahrtsgeschichte wesentlich ist der Nachweis, dass Maria bereits vor der Reformation als Patronin des Gotteshauses verehrt wurde. Johannes Huber nennt 1441 als urkundlichen Beleg des Marienpatroziniums. 1508 bestand am Ort zudem ein Schwesternhaus, 1518 erscheint die Kirche ausdrücklich als Pfarrkirche. Diese Daten zeigen, dass die marianische Prägung nicht erst durch ein während der Reformation angeblich aus Rüti gerettetes Kultbild entstand.
Die verbreitete Kurzformel, eine aus Rüti gerettete Madonna habe um 1525/26 den Marienkult von Dreibrunnen begründet, ist daher zu einfach. Selbst wenn die Herkunft des heutigen Gnadenbildes aus Rüti zutrifft, traf die Figur auf einen bereits marianisch geprägten Kirchenplatz. Sie kann den Kult intensiviert, neu fokussiert und dem Ort ein besonders verehrtes Bildzentrum gegeben haben; die Verehrung Mariens selbst ist jedoch älter.
Im Mittelpunkt des Hochaltars steht eine gekrönte sitzende Muttergottes mit dem Jesuskind. Kunsthistorisch wird die Figur in die Zeit um 1510/20 datiert und dem weiteren Werkstattumfeld des Schaffhauser Bildschnitzers Augustin Henckel zugeordnet. Henckel zählt zu den qualitätvollen spätgotischen Bildschnitzern der Ostschweiz. Gesichtstypus, Haarbehandlung und Gewandbildung der Dreibrunner Madonna weisen Beziehungen zu anderen Figuren seines Umfelds auf.
Von besonderem Interesse sind zwei Figuren der heiligen Katharina und Barbara, die später in Wil nachgewiesen wurden und heute museal erhalten sind. Aufgrund von Stil und Grösse wurde die Möglichkeit erwogen, dass die Dreibrunner Madonna ursprünglich die Mittelfigur eines gemeinsamen spätgotischen Altarschreins bildete. Eine solche Rekonstruktion ist kunsthistorisch plausibel, beweist aber weder den ursprünglichen Standort des Altars noch die spätere Überführung aus Rüti. Hier muss zwischen stilistischer Zusammengehörigkeit und gesicherter Provenienz unterschieden werden.
Das heute verehrte Bildwerk entspricht nicht vollständig seinem spätgotischen Ursprungszustand. Das Jesuskind und Teile der Hände Mariens gelten in der kunsthistorischen Forschung als spätere Ergänzungen. Auch Fassung, Schmuck, Krone, Strahleninszenierung und die Einbindung in den barocken Hochaltar entstanden in jüngeren Phasen. Das Gnadenbild wurde damit nicht als museales Objekt konserviert, sondern über Jahrhunderte kultisch angepasst.
Diese Veränderungen sind für die Geschichte der Wallfahrt aussagekräftig. Ein Gnadenbild besitzt seine religiöse Identität nicht ausschliesslich durch unveränderte materielle Substanz. Es kann restauriert, ergänzt, neu gekleidet oder in andere architektonische Zusammenhänge versetzt werden, ohne seine kultische Kontinuität zu verlieren. Dreibrunnen zeigt damit ähnlich wie andere historische Wallfahrtsorte, dass Objektgeschichte und Kultgeschichte nicht deckungsgleich sind.
Nach einer fest verankerten Überlieferung gelangte die spätgotische Madonna während der Zürcher Reformation aus dem aufgehobenen Prämonstratenserkloster Rüti nach Dreibrunnen und wurde dadurch vor der Bilderzerstörung bewahrt. Der Zusammenhang ist historisch durchaus plausibel, weil Rüti über Jahrhunderte Besitz- und Patronatsrechte in Dreibrunnen ausgeübt hatte und die institutionellen Verbindungen eng waren. Ein unmittelbarer zeitgenössischer Beleg, der die konkrete Überführung genau dieser Skulptur dokumentiert, ist jedoch nicht bekannt.
Für eine wissenschaftlich verantwortliche Darstellung ist daher eine abgestufte Formulierung notwendig. Die Rütner Herkunft gehört zur historischen Tradition und kann aufgrund der Besitzgeschichte nicht als unwahrscheinlich abgetan werden. Sie ist jedoch nicht in derselben Weise gesichert wie die kunsthistorische Datierung der Figur oder die dokumentierte Übernahme Dreibrunnens durch das Wiler Heilig-Geist-Spital im Jahr 1526. Überlieferung, Plausibilität und urkundlicher Nachweis müssen getrennt bleiben.
Nach der durch die Reformation bedingten Aufhebung des Klosters Rüti verkaufte die Stadt Zürich Dreibrunnen 1526 an das Heilig-Geist-Spital in Wil. Damit wechselte ein ehemals eng mit einem Zürcher Prämonstratenserkloster verbundener Kirchenplatz in den Besitz einer katholisch gebliebenen Institution der Stadt Wil. Über drei Jahrhunderte blieb das Spitalamt für Dreibrunnen von zentraler Bedeutung.
Dieser Besitzwechsel war für den Fortbestand des Marienkultes vermutlich wichtiger als jede später ausgeschmückte Rettungslegende. Kirche und Kultbild befanden sich nun in einem konfessionellen Umfeld, in dem Marienverehrung, Bilderkult und Wallfahrt weitergeführt und später intensiviert werden konnten. Dreibrunnen entwickelte sich zunehmend zu einer Filiale beziehungsweise einem religiösen Aussenort der Stadt Wil.
Die Quellen erlauben keine einfache Jahreszahl als "Gründung" der Wallfahrt. Einzelne moderne Darstellungen nennen 1728 als erste ausdrücklich urkundlich belegte Wallfahrt beziehungsweise Prozession. Das darf jedoch nicht als Beginn des Gnadenkultes verstanden werden. Daniel Studers Auswertung der älteren Akten zeigt, dass der Besuch des Wallfahrtsortes bereits seit der Mitte des 17. Jahrhunderts stark zugenommen hatte.
Ein Inventar von 1652 nennt auf dem Hochaltar ausdrücklich das Gnadenbild "Unserer Lieben Frau". 1666 sah sich das Wiler Heilig-Geist-Spital veranlasst, zu Geldspenden und Frondiensten für eine Vergrösserung der Kirche aufzurufen. Eine solche bauliche Reaktion ist ein besonders belastbarer Hinweis auf tatsächlichen Besucherandrang. Spätestens um 1650 war Dreibrunnen daher ein entwickelter Gnaden- und Pilgerort; spätere ausdrückliche Nennungen konkreter Wallfahrtszüge dokumentieren eine bereits bestehende Praxis.
Das Inventar von 1652 ist nicht nur wegen des Gnadenbildes wichtig. Es nennt daneben eine Annafigur, eine Katharinafigur und eine Auferstehungsgruppe. Damit lässt sich zumindest ein Teil der älteren Ausstattung vor der grossen barocken Umbauphase rekonstruieren. Die Figuren zeigen, dass der Marienkult in ein breiteres heilsgeschichtliches und heiligenbezogenes Programm eingebettet war.
Die Präsenz der heiligen Anna verdient im Zusammenhang der später gut fassbaren Frauenwallfahrt besondere Aufmerksamkeit. Anna, Mutter Mariens und Grossmutter Jesu, gehörte in Spätmittelalter und früher Neuzeit zu den wichtigen Fürsprecherinnen in Fragen von Ehe, Mutterschaft und Familie. Aus dem Inventareintrag allein darf keine spezialisierte Geburtswallfahrt konstruiert werden; gemeinsam mit anderen Befunden entsteht jedoch ein auffälliger thematischer Zusammenhang.
Der zunehmende Pilgerbesuch machte die vorhandene Kirche zu klein. 1666 wurden deshalb Geldspenden und Frondienste für eine Erweiterung gesammelt. Mehrere bauliche Möglichkeiten wurden erwogen, ehe man sich zu einem tiefgreifenden Umbau entschloss. 1672 brach man den älteren Chor ab und errichtete einen wesentlich grösseren, dreiseitig geschlossenen Chor. Das Schiff erhielt ein Tonnengewölbe und die charakteristischen Lünettenfenster.
Am 26. November 1672 konnten bereits drei Altäre geweiht werden. Die Baugeschichte zeigt damit unmittelbar die soziale Wirksamkeit der Wallfahrt. Pilgerzahlen sind für das 17. Jahrhundert nicht in moderner statistischer Form verfügbar; die Erweiterung des Kirchenraums ist jedoch selbst eine Quelle für den gestiegenen Bedarf. Wallfahrt produzierte hier Architektur.
Der Hochaltar gehört im Kern in die Umbauphase um 1672. Gedrehte, reich dekorierte und teilweise versilberte Säulen rahmen das spätgotische Gnadenbild. Maria wird von Anna und Joachim flankiert, den Eltern der Gottesmutter. Weitere Figuren und Darstellungen führen das Programm nach oben bis zu Gott Vater und zum Auge Gottes.
Die barocke Inszenierung veränderte die Wahrnehmung des älteren Gnadenbildes grundlegend. Die spätgotische Holzfigur erhielt einen monumentalen architektonischen Rahmen, der ihre Stellung als kultisches Zentrum sichtbar steigerte. Gleichzeitig wurde Maria in eine genealogische und heilsgeschichtliche Ordnung eingebettet. Für einen Ort, an dem Frauen mit Kinder- und Familienanliegen beteten, ist die Präsenz von Anna und Joachim besonders resonanzfähig, auch wenn eine ausdrücklich darauf zielende Auftragserklärung bislang nicht bekannt ist.
Eine der bemerkenswertesten Eigenheiten des Gnadenortes ist die historisch fassbare starke Beteiligung von Frauen. Johannes Huber beschreibt Dreibrunnen als einen Ort, der besonders von Frauen aus Wil und dem näheren Umland aufgesucht wurde. Überliefert sind Anliegen bei unerfülltem Kinderwunsch, Problemen während der Schwangerschaft und weiteren familiären Nöten. Der Ort entwickelte damit ein religiöses Funktionsprofil, das über allgemeine Marienverehrung hinausging.
Solche Wallfahrten dürfen nicht als vormoderne "Medizin" im engeren Sinn missverstanden werden. Sie gehörten zu einem religiösen Handlungssystem, in dem körperliche und familiäre Unsicherheiten durch Gebet, Fürsprache, Gelübde und Wallfahrt bearbeitet wurden. Gerade Schwangerschaft und Geburt waren mit erheblichen Risiken verbunden; zugleich lagen viele ihrer Verläufe ausserhalb unmittelbarer menschlicher Kontrolle. Ein Marienheiligtum bot einen symbolisch und emotional dichten Ort, an dem Hoffnung, Angst und Dank artikuliert werden konnten.
Der Name Dreibrunnen geht nicht auf drei gemauerte Brunnen im modernen Sinn zurück. Die mittelalterlichen Namensformen Tüffenbrunnen beziehungsweise Tuffenbrunnen werden sprachgeschichtlich mit tief gelegenem Gelände und Quellen in Verbindung gebracht. Die Umgebung war historisch von Quellen, Mulden, Feuchtstellen und Weihern geprägt. Bereits im Spätmittelalter sind Fischweiher in der Landschaft nachweisbar.
Damit liegt die Kirche in einer Kulturlandschaft, in der Wasser über Jahrhunderte den Alltag, die wirtschaftliche Nutzung und die Vorstellungskraft prägte. Wichtig ist jedoch die Unterscheidung: Die Kirche selbst steht nicht unmittelbar über einer nachweisbaren "Wunderquelle". Der religiöse Bezug zum Wasser ergibt sich vielmehr aus der gesamten historischen Umgebung, aus Sagen, aus späteren Deutungen und aus dem Bildprogramm der Kirche.
Bis in das 19. Jahrhundert beziehungsweise in jüngerer mündlicher Überlieferung hielten sich Erzählungen, nach denen ungeborene Kinder aus den Weihern, Quellen oder dem Buchenhain von Dreibrunnen kämen. In einer Variante sollen Kinder am Grund eines Weihers sichtbar gewesen sein; eine spätere Erzählung verbindet den Blick ins Wasser sogar mit der Vorstellung, dort die Augenfarbe eines künftigen Kindes erkennen zu können.
Diese Überlieferungen gehören zu einem weit verbreiteten europäischen Motivkomplex von Kinderbrunnen, Kinderteichen, Quellen und Bäumen als vorgestellten Herkunftsorten ungeborenen Lebens. Für die Dreibrunner Frauenwallfahrt sind sie deshalb kulturhistorisch ausgesprochen interessant. Sie beweisen jedoch keinen vorchristlichen Kultplatz. Die Forschung hat die Möglichkeit älterer, vor- oder nebenchristlicher Fruchtbarkeitsvorstellungen diskutiert; archäologisch nachgewiesen ist ein solcher Kult nicht.
Gerade bei wasserbezogenen Wallfahrtsorten besteht die Versuchung, christliche Marienverehrung vorschnell als blosse Überlagerung eines "heidnischen" Quellkultes zu erklären. Für Dreibrunnen wäre eine solche Aussage wissenschaftlich nicht haltbar. Sicher belegt sind der mittelalterliche Kirchenplatz, das Marienpatrozinium seit 1441, die wasserreiche Landschaft und spätere Kinder- und Fruchtbarkeitssagen. Eine direkte Kultkontinuität aus vorchristlicher Zeit ist dagegen nicht nachgewiesen.
Die richtige kulturwissenschaftliche Fragestellung lautet daher nicht, ob unter der Marienkirche ein vermeintlich älterer Kult "versteckt" sei, sondern wie sich christliche Marienverehrung, Landschaft, weibliche Anliegen und regionales Erzählgut gegenseitig beeinflussten. Die Bedeutung des Wassers kann real und tiefgreifend sein, ohne dass daraus eine unbelegte vorgeschichtliche Kultstätte konstruiert werden muss.
Das Patrozinium Mariä Heimsuchung bezeichnet die biblische Begegnung der schwangeren Maria mit ihrer ebenfalls schwangeren Verwandten Elisabeth. Im späteren Seitenaltarprogramm wird dieses Motiv ausdrücklich dargestellt. Die Szene besitzt für einen Wallfahrtsort mit historisch dokumentierten Kinderwunsch- und Schwangerschaftsanliegen eine besondere inhaltliche Resonanz.
Es wäre jedoch methodisch falsch, das Patrozinium ohne Quelle unmittelbar aus dieser Wallfahrtsfunktion abzuleiten. Das Patrozinium ist älter als viele der greifbaren Berichte über spezialisierte Frauenwallfahrt. Gleichwohl konnten spätere Pilgerinnen in der Begegnung Marias und Elisabeths ein besonders anschlussfähiges biblisches Bild finden: zwei Frauen, Schwangerschaft, Verheissung, Freude und Weitergabe des Lebens.
1682 wurde in die Sakristei eingebrochen. Zu den gestohlenen Gegenständen gehörten Gold- und Silbersachen, Korallen, Kelche, eine Krone, ein Zepter und Teile silberner Kruzifixe. Spätere Stiftungen ersetzten einen Teil der Verluste. Der Vorgang zeigt, dass die Kirche bereits im 17. Jahrhundert über einen bemerkenswerten Bestand an kostbarer Kultausstattung verfügte.
Krone und Zepter verweisen auf die herrscherliche Inszenierung der Gottesmutter. Korallen sind in der frühneuzeitlichen Sachkultur häufig mit Schutz, Kindheit und Marienfrömmigkeit verbunden. Aus dem blossen Inventareintrag lässt sich jedoch nicht beweisen, dass die Dreibrunner Korallen konkrete Votivgaben von Müttern oder Kindern waren. Der Kirchenschatz dokumentiert kultische Wertschätzung, nicht automatisch die Herkunft jedes einzelnen Stückes.
An der Choraussenwand wurde 1742 eine Darstellung der Muttergottes von Dreibrunnen angebracht. Das Bild zeigt Maria in einer Form, die an die weithin bekannte Einsiedler Madonna erinnert. Die Darstellung wurde im 20. Jahrhundert stark erneuert und kann daher nicht in allen Einzelheiten als unverändertes Original von 1742 gelesen werden.
Die Aufnahme eines Einsiedler Bildtypus ist dennoch kulturgeschichtlich interessant. Regionale Marienheiligtümer entwickelten sich nicht isoliert. Bilder, Wallfahrtsdrucke und Andachtsformen zirkulierten zwischen den Kultorten. Dreibrunnen konnte ein eigenes Gnadenbild besitzen und gleichzeitig auf die visuelle Autorität des berühmten Einsiedler Heiligtums zurückgreifen.
Jakob Joseph Müller wurde 1729 in Wil geboren. Er ging als junger Mann nach Rom und wurde Schüler des bedeutenden Rokokomaler Corrado Giaquinto. Als Giaquinto 1752 nach Madrid berufen wurde, folgte Müller ihm nach Spanien. Dort setzte er seine Ausbildung fort, nahm an der Academia de San Fernando teil und bewegte sich damit in einem europäischen Kunstmilieu, das weit über die Ostschweiz hinausreichte.
Diese internationale Ausbildung sollte später für Dreibrunnen entscheidend werden. Müller brachte nach Wil nicht nur handwerkliche Fähigkeiten, sondern eine in Rom und Madrid geprägte Bildsprache mit. Das erklärt die ungewöhnliche Monumentalität und thematische Dichte seiner Dreibrunner Fresken, die sich deutlich von einer rein lokalen Kirchenmalerei unterscheiden.
1760 trat Müller die Heimreise aus Spanien an. Der Weg führte über Santiago de Compostela nach La Coruña, von wo aus er eine Seereise durch die Biskaya begann. Das Schiff geriet in einen schweren Sturm und nach der überlieferten Darstellung in akute Gefahr zu kentern. Müller wandte sich in der Not an Maria und gelobte, im Fall glücklicher Rettung unentgeltlich ein Deckengemälde in seiner Heimat zu schaffen.
Die Reise endete glücklich, und Müller betrachtete sich an sein Gelübde gebunden. Damit ist die spätere Ausstattung von Dreibrunnen nicht bloss das Ergebnis eines gewöhnlichen Kunstauftrags. Sie beginnt mit einer persönlich erfahrenen Gefahr und einer religiösen Verpflichtung. Genau diese Struktur entspricht dem klassischen Votum: Notlage, Gelübde, Rettung und Erfüllung des Versprechens.
Im Mai 1761 bot Müller dem Wiler Rat an, die Kirche Maria Dreibrunnen auszumalen, sofern die notwendigen Materialkosten übernommen würden. Am 5. September 1761 wurde ein ausführlicher Vertrag geschlossen. Müller übernahm weit mehr als nur ein einzelnes Deckengemälde. Er koordinierte Stuck- und Maurerarbeiten, wirkte an der Planung von Altar- und Kanzelausstattung mit und prägte die künstlerische Gesamtkonzeption des Innenraums.
Das ursprüngliche Gelübde wuchs damit zu einem umfassenden Gestaltungsprojekt. Nicht jede einzelne Ausgabe oder handwerkliche Leistung war persönliche Opfergabe Müllers; die Initiative und die zentrale malerische Leistung standen jedoch unmittelbar im Zusammenhang mit seinem Versprechen. Kulturwissenschaftlich darf die Rokokoausstattung deshalb als monumentales Votivwerk verstanden werden, sofern diese Bezeichnung den komplexen Finanzierungs- und Arbeitsprozess nicht auf einen einzigen Stifter reduziert.
Votivkultur wird häufig mit kleinen Holztafeln, Wachsfiguren oder Silberanhängern verbunden. Dreibrunnen zeigt eine wesentlich grössere Dimension. Ein Künstler gerät in Lebensgefahr, verspricht ein Werk und setzt nach seiner Rückkehr die künstlerische Transformation eines ganzen Sakralraums in Gang. Die Erfüllung des Gelübdes wird dauerhaft sichtbar und prägt den Wallfahrtsort bis heute.
Damit erweitert Dreibrunnen den Begriff des Ex voto. Nicht nur ein Gegenstand, sondern ein raumgreifendes Kunstprogramm kann Ausdruck eines Gelübdes sein. Für die Volkskunde ist dieser Befund besonders wertvoll, weil sich individuelle Biographie, religiöse Handlung und öffentliche Kunstproduktion unmittelbar verbinden.
Für die plastische Ausgestaltung arbeitete Müller mit dem aus dem süddeutsch-bayerischen Raum stammenden Stuckateur Johann Melchior Modler zusammen. Zwischen 1761 und 1763 entstand jene Rokokoausstattung, die den heutigen Innenraum bestimmt. Stuckrahmen, Rocaille, vegetabile Formen, Kartuschen und plastische Ornamente verbinden sich mit Müllers Fresken zu einem geschlossenen Gesamtbild.
Daniel Studer würdigt die Zusammenarbeit Müllers und Modlers als ungewöhnlich geglücktes Zusammenspiel zweier Künstler. Die Architektur des 17. Jahrhunderts blieb erhalten, wurde jedoch durch Malerei und Stuck in einen neuen visuellen Zusammenhang gestellt. Der Raum wirkt dadurch weder rein barock noch ausschliesslich rokokohaft, sondern als historisch geschichtete Einheit.
Das zentrale Deckenbild trägt das Thema "Auxilium Christianorum", Maria als Hilfe der Christen. In einer grossräumigen Komposition verbindet Müller die katholische Erinnerung an die Seeschlacht von Lepanto 1571 und an den Entsatz von Wien 1683. Über dem Kampfgeschehen erscheint Maria mit dem Jesuskind, das einen Rosenkranz hält; Erzengel Michael und allegorische Gestalten von Glaube, Hoffnung und Vertrauen ergänzen die Szene.
Der Bildinhalt gehört zur katholischen Erinnerungskultur des 17. und 18. Jahrhunderts. Aufschlussreich ist jedoch die biographische Resonanz: Ein Künstler, der selbst wenige Monate zuvor eine gefährliche Seereise überstanden hatte, gestaltete als Zentrum seines Gelübdewerks eine monumentale Seeschlacht unter dem Schutz Mariens. Eine ausdrückliche schriftliche Aussage Müllers, er habe Lepanto wegen seiner persönlichen Seenot gewählt, ist nicht bekannt; der Zusammenhang bleibt daher kulturhistorische Interpretation, ist aber angesichts der Entstehungsgeschichte ausserordentlich suggestiv.
Die Schlacht von Lepanto war in der katholischen Erinnerung eng mit Rosenkranzgebet und marianischer Fürsprache verbunden. Der Sieg der christlichen Flotte von 1571 wurde in zahlreichen Kirchen, Bruderschaften und Andachtsbildern als Zeichen himmlischer Hilfe interpretiert. Das Dreibrunner Fresko greift diese bereits etablierte Tradition auf und verbindet sie mit dem Titel Maria als Hilfe der Christen.
Das Bild ist daher zugleich politisch-historisches Erinnerungsbild und marianische Andachtsdarstellung. Für die Pilger des 18. Jahrhunderts musste die konkrete Seeschlacht nicht im modernen historischen Sinn verstanden werden. Entscheidend war die religiöse Botschaft: Maria hilft in äusserster Bedrohung. Diese Botschaft verband die grosse Geschichte Europas mit den sehr persönlichen Nöten einzelner Wallfahrer.
Zwischen den Lünettenfenstern schuf Müller eine Folge von Medaillons mit Szenen aus dem Leben Mariens. Dargestellt sind unter anderem Tempelgang, Himmelfahrt, Unbefleckte Empfängnis, Pfingsten, Weihnachten, Heimsuchung, Verkündigung, Schutzmantelmadonna, Flucht nach Ägypten und Darstellung im Tempel. Das letzte Bild ist mit Müllers Signatur und der Jahreszahl 1763 verbunden.
Die Folge macht Maria in unterschiedlichen Rollen sichtbar: als Kind, Jungfrau, Mutter, Glaubende, Schutzfigur und verherrlichte Himmelskönigin. Für einen Wallfahrtsort mit vielfältigen persönlichen Anliegen war diese ikonographische Breite besonders geeignet. Die Pilger begegneten nicht nur einem einzelnen Gnadenbild, sondern einem ganzen visuellen Lebenszyklus Mariens.
In den Eckkartuschen erscheinen weibliche Gestalten des Alten Testaments, darunter Miriam, Abigail, Judith und Esther. In christlicher Typologie wurden solche Figuren häufig als Vorbilder beziehungsweise Vorausbilder Mariens gelesen. Judith und Esther standen etwa für Mut, Fürsprache und Rettung des Volkes; Miriam für Lobpreis und Befreiung.
Damit erweitert das Bildprogramm die weibliche Ikonographie weit über die Gottesmutter hinaus. Frauen erscheinen als Trägerinnen von Rettung, Fürbitte, Glauben und Heilsgeschichte. Für einen Wallfahrtsort mit starker weiblicher Besucherschaft erhält diese Bildwelt eine zusätzliche kulturgeschichtliche Bedeutung, auch wenn die Künstlerverträge keine direkte Aussage über eine speziell auf Pilgerinnen zugeschnittene Programmatik überliefern.
Im Chorgewölbe erscheint die biblische Geschichte Hagars in der Wüste. Hagar und ihr Sohn Ismael geraten in lebensbedrohlichen Wassermangel; ein Engel weist auf die rettende Quelle hin. In der wasserreichen Landschaft von Dreibrunnen besitzt gerade dieses Bild eine auffällige Resonanz. Die Quelle wird zum Zeichen von Leben, Rettung und göttlicher Fürsorge.
Eine moderne kulturhistorische Interpretation verbindet diese Darstellung mit dem gesamten Wasser- und Fruchtbarkeitskomplex des Ortes. Eine solche Lesart ist plausibel, muss jedoch als Interpretation gekennzeichnet bleiben. Sicher ist, dass die biblische Quelle innerhalb eines Wallfahrtsortes erscheint, dessen Name, Landschaft und Volksüberlieferung seit Jahrhunderten mit Wasser verbunden waren.
Das marianische Programm verwendet Lobtitel, in denen Maria mit Leben, Quelle und Heil verbunden wird. Die Vorstellung Marias als "Born des Lebens" fügt sich sowohl in die christliche Bildsprache als auch in die konkrete Landschaft Dreibrunnens. Wasser wird hier nicht als selbständige magische Kraft verstanden, sondern in eine theologische Symbolik von Gnade, Leben und göttlicher Hilfe eingebunden.
Diese Übersetzung ist kulturgeschichtlich bemerkenswert. Eine Landschaft, in der Quellen und Weiher tatsächlich zum Alltag gehörten, konnte religiös überhöht werden, ohne ihre materielle Realität zu verlieren. Aussen lagen Wasserstellen und Teiche; innen begegneten Pilger biblischen Quellen, marianischen Lebenssymbolen und vegetabiler Rokokodekoration.
Johannes Huber hat einzelne Formen von Modlers Rokokostuck als an feuchte Grottenvegetation, Tang oder tropfende Pflanzenformen erinnernd interpretiert. Diese Deutung ist keine dokumentierte Absicht des Stuckateurs, bietet jedoch einen kulturhistorisch interessanten Zugang zum Raum. Die plastischen Formen wirken stellenweise organisch, beweglich und feucht, wodurch der Kirchenraum eine fast grottenartige Atmosphäre erhalten kann.
In Verbindung mit Quellenlandschaft, Hagarbild und marianischer Lebenssymbolik entsteht eine bemerkenswerte Korrespondenz zwischen Innenraum und Umgebung. Sie sollte nicht als starres ikonographisches Geheimprogramm beschrieben werden, wohl aber als Beispiel dafür, wie natürliche Umwelt und sakrale Bildwelt in der Wahrnehmung eines Wallfahrtsortes ineinandergreifen können.
Der linke Seitenaltar zeigt Mariä Heimsuchung, die Begegnung der schwangeren Maria mit Elisabeth. Das Bild greift das Kirchenpatrozinium unmittelbar auf. Maria und Elisabeth verkörpern zwei Frauen, deren Schwangerschaften in der biblischen Erzählung unter besonderen Vorzeichen stehen. Gerade für Pilgerinnen mit Kinderwunsch und Schwangerschaftssorgen konnte diese Darstellung hohe emotionale Nähe besitzen.
Die Verbindung ist religionsgeschichtlich plausibel, darf aber nicht zu einer monokausalen Erklärung verkürzt werden. Das Patrozinium wurde nicht nachweislich erst wegen dieser spezifischen Wallfahrtsanliegen gewählt. Vielmehr erhielten ältere liturgische Tradition und jüngere individuelle Bedürfnisse im selben Bildraum neue gegenseitige Bedeutung.
Zum erhaltenen Kirchenschatz gehört ein qualitätvoller Rokokokelch des Augsburger Goldschmieds Josef Anton Seethaler, der 1770 nach Dreibrunnen gestiftet wurde. Das Objekt zeigt, dass die künstlerische Aufwertung der Kirche nach Abschluss der grossen Fresken- und Stuckarbeiten weiterging. Dreibrunnen blieb ein Ort, an dem hochwertige liturgische Geräte und Stiftungen zusammenkamen.
Solche Gegenstände gehören zur materiellen Kultur der Wallfahrt, auch wenn nicht jede Stiftung als Votum im engeren Sinn verstanden werden darf. Sie dokumentieren Wertschätzung, liturgische Nutzung und die soziale Reichweite des Heiligtums.
Zwischen 1773 und 1778 liess Fürstabt Beda Angehrn die moderne Fürstenlandstrasse von Rorschach über St. Gallen in Richtung Wil ausbauen. Der stift-st. gallische Strassenabschnitt erreichte in Dreibrunnen den Anschluss an das eidgenössische Verkehrsnetz. Diese Infrastruktur entstand erst nach der grossen Rokokoausstattung und erklärt daher nicht den Ursprung der Wallfahrt.
Für die spätere Geschichte ist die Lage jedoch wichtig. Wallfahrtsorte sind auf Wege angewiesen. Neue Strassen verändern Erreichbarkeit, Reisezeit, Besucherstruktur und wirtschaftliche Beziehungen. Dreibrunnen lag damit nicht nur in einer religiös geprägten Quelllandschaft, sondern zugleich an einer bedeutenden Verkehrsachse des späten 18. Jahrhunderts.
Über drei Jahrhunderte hatte das Heilig-Geist-Spital in Wil Dreibrunnen geprägt. 1840 kam es im Rahmen einer öffentlichen Versteigerung zur Veräusserung. In der Folge wechselten Teile der Liegenschaft beziehungsweise Besitzverhältnisse mehrfach, während die kirchliche und religiöse Bedeutung des Ortes fortbestand.
Dieser Eigentumswandel zeigt erneut, dass Wallfahrt nicht vollständig mit einer einzelnen Institution identisch ist. Träger, Besitzer und Verwaltungsformen können wechseln, während die religiöse Bindung an Gnadenbild und Kirche weiterbesteht.
Ende des 19. Jahrhunderts erhielt die Kirche eine neue, loggiaartige Vorhalle nach Plänen des Architekten August Hardegger. Der Eingriff fügte dem mittelalterlich-barock-rokokozeitlichen Bau eine weitere historische Schicht hinzu. Trotz der unterschiedlichen Entstehungszeiten wirkt der Gesamtbau heute bemerkenswert geschlossen.
Diese Vielschichtigkeit ist für Dreibrunnen charakteristisch. Der Kirchenbau ist kein stilistisch einheitliches Denkmal einer einzigen Epoche, sondern das Ergebnis jahrhundertelanger Anpassungen an Liturgie, Wallfahrt, Kunstgeschmack und praktische Bedürfnisse.
Zu Beginn der 1930er Jahre wurde die seelsorgliche Betreuung institutionell neu geordnet. Eine Schrift von 1931 warb ausdrücklich für ein Priesterhaus und verwies auf Pilger, Arme, Kranke, Irrende, Sünder und Betrübte, die einzeln oder in Prozessionen nach Dreibrunnen kämen. Nach Fertigstellung des Pfrundhauses 1932/33 errichtete das Bischöfliche Ordinariat St. Gallen eine eigene Wallfahrtspfründe.
Die bisweilen verwendete Formulierung, Dreibrunnen sei damals "offizieller Wallfahrtsort" geworden, darf daher nicht als Beginn der Wallfahrt missverstanden werden. Das Gegenteil ist der Fall: Gerade die Einrichtung einer Wallfahrtspfründe setzt einen lange bestehenden Pilgerbetrieb voraus. 1932/33 wurde dieser organisatorisch und seelsorglich neu abgesichert.
Am 6. März 1938 beschloss die Kirchgemeinde Wil den Erwerb des Wallfahrtsortes beziehungsweise der zugehörigen Liegenschaft für 120.000 Franken. Damit gelangte Dreibrunnen wieder in eine dauerhaft kirchliche Trägerschaft. Der Schritt war für den langfristigen Erhalt von Kirche, Priesterhaus und Wallfahrtsfunktion von grosser Bedeutung.
Auch dieser Vorgang gehört zur materiellen Geschichte des Gnadenortes. Wallfahrt benötigt nicht nur Frömmigkeit, sondern Gebäude, Unterhalt, Personal und rechtliche Sicherung. Die religiöse Kontinuität hängt deshalb immer auch von organisatorischen Strukturen ab.
Maria Dreibrunnen wird weiterhin als Wallfahrts- und Gottesdienstort genutzt. Marienfeste, Eucharistiefeiern, persönliche Fürbitte, Beichte und seelsorgliche Gespräche gehören zur gegenwärtigen Praxis. Der Ort wird von Einzelpersonen, Familien, Gruppen und kirchlichen Gemeinschaften besucht. Auch seine Beliebtheit als Trauungskirche zeigt, dass sich historische Marienfrömmigkeit und moderne persönliche Lebensrituale am selben Ort überlagern.
Unabhängig von wechselnden Jahresprogrammen und konkreten Uhrzeiten besteht der religiöse Gebrauch fort. Dreibrunnen ist kein museal stillgelegtes Rokokodenkmal, sondern ein historischer Kirchenraum mit lebendiger Wallfahrtsfunktion.
Die besondere Bedeutung Dreibrunnens liegt in der Verbindung unterschiedlicher Ebenen. Das spätgotische Gnadenbild bot eine konkrete Ansprechfigur. Patrozinium, Anna- und Joachimdarstellungen sowie die Heimsuchungsszene stellten Schwangerschaft und Familie in eine biblische Ordnung. Quellen, Weiher und Kindersagen banden den Kult an die Landschaft. Pilgerinnen brachten ihre persönlichen Anliegen in diesen symbolisch dichten Raum ein.
Materielle Religion entsteht hier nicht aus einem einzelnen Objekt, sondern aus dem Zusammenspiel von Figur, Altar, Bildprogramm, Landschaft, Weg, Wasser, Gebet und Erinnerung. Deshalb eignet sich Dreibrunnen gut für eine kulturwissenschaftliche Betrachtung, die Wallfahrt nicht nur als kirchliche Institution, sondern als gelebte Praxis versteht.
Unter den zahlreichen kulturhistorischen Besonderheiten des Ortes ist Müllers Gelübde von ungewöhnlicher Bedeutung. Es verbindet eine persönliche Krise mit einer öffentlich sichtbaren künstlerischen Leistung. Der Künstler überlebt eine gefährliche Seereise, verspricht Maria ein Werk und verwandelt nach der Heimkehr gemeinsam mit weiteren Handwerkern die Kirche in einen der markantesten Rokokoräume der Region.
Die zentrale Seeschlacht, Maria als Hilfe der Christen und die marianischen Lebensbilder verleihen diesem Votum eine doppelte Dimension. Es ist persönliche Danksagung und zugleich allgemeine Wallfahrtsbotschaft. Das individuelle Erlebnis eines Künstlers wird in einen Raum übersetzt, der fortan von Generationen anderer Pilger gelesen, betrachtet und religiös genutzt wird.
Die Frühgeschichte verlangt eine klare Trennung zwischen sicherer Überlieferung und späterer Tradition. Sicher ist, dass Maria bereits 1441 Patronin der Kirche war. Sicher ist auch, dass das heutige Gnadenbild in das frühe 16. Jahrhundert gehört. Möglich und aufgrund der institutionellen Beziehungen plausibel ist seine Herkunft aus dem Kloster Rüti. Nicht sicher belegt ist jedoch die konkrete Rettung der Figur während eines Bildersturms und ihre anschliessende Überführung nach Dreibrunnen.
Eine verantwortliche Darstellung darf daher weder die Rütner Tradition verwerfen noch sie zur unbestreitbaren Tatsache erheben. Gerade die Spannung zwischen örtlicher Erinnerung und kunsthistorischer beziehungsweise archivalischer Evidenz ist selbst Teil der Wallfahrtsgeschichte.
Ebenso sorgfältig ist der Umgang mit der Quell- und Fruchtbarkeitsthematik. Gut belegt sind die wasserreiche historische Landschaft und die besondere Frauenwallfahrt. Überliefert sind Kinder- und Teichsagen, die ungeborenes Leben mit Wasser verbinden. Daraus ergibt sich ein starker volkskundlicher Motivkomplex.
Nicht belegt ist ein vorchristlicher Fruchtbarkeitskult. Die Annahme älterer Kultschichten bleibt eine Forschungshypothese; massgeblich sind daher die nachweisbaren kulturellen Zusammenhänge, nicht unbelegte Tiefenchronologien.
Maria Dreibrunnen ist ein historisch gesicherter Marienwallfahrtsort, dessen Entwicklung nicht auf ein einziges Gründungsereignis reduziert werden kann. Der Kirchenplatz reicht in das 13. Jahrhundert zurück; Maria ist spätestens 1441 als Patronin belegt. Das spätgotische Gnadenbild entstand um 1510/20 und gehört wahrscheinlich in das Werkstattumfeld Augustin Henckels. Seine traditionelle Herkunft aus dem Kloster Rüti ist plausibel, aber nicht zweifelsfrei dokumentiert. Nach der Übernahme durch das Wiler Heilig-Geist-Spital 1526 entwickelte sich der Kult kontinuierlich weiter.
Spätestens seit der Mitte des 17. Jahrhunderts ist der Pilgerandrang deutlich fassbar. Die Erweiterung von 1672 und das Inventar von 1652 bestätigen einen entwickelten Gnadenort lange vor der Einrichtung der Wallfahrtspfründe von 1932/33. Volkskundlich besonders bedeutsam ist die starke Frauenwallfahrt bei Kinderwunsch und Schwangerschaft. Sie verband sich mit einer historischen Quell- und Weiherlandschaft, deren Kinder- und Wassersagen bis in die jüngere Überlieferung fortlebten, ohne dass daraus ein archäologisch unbelegter vorchristlicher Kult konstruiert werden darf.
Die grösste künstlerische Verdichtung erfuhr Dreibrunnen durch Jakob Joseph Müllers Gelübde nach seiner Seenot von 1760. Zwischen 1761 und 1763 entstand zusammen mit Johann Melchior Modler ein marianischer Rokokoraum, dessen zentrale Darstellung Maria als Hilfe der Christen über einer gewaltigen Seeschlacht zeigt. Das persönliche Gelübde wurde damit zu einem monumentalen Votivwerk, das bis heute den Charakter des Wallfahrtsortes prägt. Dreibrunnen verbindet auf ungewöhnlich dichte Weise mittelalterlichen Kirchenplatz, spätgotisches Kultbild, weibliche Wallfahrtsfrömmigkeit, wassergeprägte Kulturlandschaft und ein aus persönlicher Danksagung hervorgegangenes Rokoko-Gesamtkunstwerk.
Huber, Johannes M.: Wallfahrtskirche Maria Dreibrunnen bei Wil SG. Kunst- und Kulturführer. Bronschhofen 1998. Spezialführer zur Geschichte, Wallfahrt, Gnadenbild, Ausstattung und Kulturlandschaft.
Studer, Daniel: Ein barockes Kleinod: Die Wallfahrtskirche Maria Dreibrunnen. In: Aus der Geschichte von Bronschhofen. Wil 1996. Grundlegende bau- und kunsthistorische Untersuchung; wesentlich für die mittelalterliche Baugeschichte, das Inventar von 1652, den Ausbau von 1672, Jakob Joseph Müllers Seenotgelübde und die Ausstattung von 1761-1763.
Huber, Johannes: Glaube, Wunder, Geld. Ostschweizer Wallfahrtsorte am Vorabend der Reformation. In: Neujahrsblatt des Historischen Vereins des Kantons St. Gallen, 157. Jahrgang, 2017, S. 100-153. Wichtig für das Marienpatrozinium von 1441, die spätgotische Skulptur, die kunsthistorische Einordnung in das Umfeld Augustin Henckels sowie die quellenkritische Behandlung der Rütner Herkunftstradition.
Huber, Johannes: Die Fürstenland-Strasse entdecken in der Kulturlandschaft St. Gallen. In: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung, Band 130, 2012, zu Dreibrunnen besonders S. 105-108. Wichtig für Quellen- und Weiherlandschaft, Kinder- und Fruchtbarkeitssagen, Frauenwallfahrt und die kulturhistorische Deutung des Rokokoprogramms.
Grünenfelder, Josef: Jakob Joseph Müller. Der "Maler von Wil" (1729-1801). In: Unsere Kunstdenkmäler, Band 20, 1969, S. 348-357. Spezialstudie zu Müllers Biographie, seiner Ausbildung im Umfeld Corrado Giaquintos und seiner kunsthistorischen Stellung.
Dora, Cornel: Dreibrunnen. In: Historisches Lexikon der Schweiz. Zusammenfassende Referenz zu mittelalterlicher Besitzgeschichte, Kloster Rüti, Reformation, Wiler Heilig-Geist-Spital und Entwicklung des Wallfahrtsortes.
Denkmalpflege Kanton St. Gallen: Jahresbericht 2020. Ergänzende Grundlage zur denkmalpflegerischen Bewertung, zur historischen Bausubstanz und zur Restaurierung der Kirche Maria Dreibrunnen.
Schrift zur Errichtung eines Wallfahrtspriesterhauses in Maria Dreibrunnen, 1931. Zeitgenössische Quelle zur Wallfahrtsseelsorge und zum bestehenden Pilgerbetrieb unmittelbar vor Einrichtung der Wallfahrtspfründe 1932/33.
Katholische Kirchgemeinde Wil: Historische und seelsorgliche Dokumentationen zu Maria Dreibrunnen. Ergänzend für gegenwärtigen Status und institutionelle Entwicklung; historische Angaben wurden mit der gedruckten und wissenschaftlichen Fachliteratur abgeglichen.
Franziskanische Gemeinschaft Maria Dreibrunnen: Dokumentation des Wallfahrtsortes und der gegenwärtigen seelsorglichen Nutzung. Ergänzend für aktuelle Besuchs- und Kontaktinformationen.
Ergänzungen: Wolfgang Morscher
© www.SAGEN.at