| Wallfahrt: | Der Kultplatz geht auf einen 1519 errichteten steinernen Bildstock für eine heute verlorene Marienfigur zurück. Ein stärkerer Pilgerzulauf ist erst für das 18. und 19. Jahrhundert fassbar. Um 1740 wurde eine Figur "Jesus an der Geisselsäule" zum Kultzentrum; im Zusammenhang mit dem in der versumpften Linthebene verbreiteten Kalt- oder Sumpffieber entwickelte sich das Heiligtum zum sogenannten "Gfrörer-Chappeli". 1848 wurde der Ort unter dem Titel "Unsere Liebe Frau vom Siege" kirchlich als Marienwallfahrtsort neu geordnet. Seit dem späten 19. Jahrhundert prägen weitläufige Grotten-, Kreuzweg- und Kalvarienanlagen den gesamten Buchenwald als begehbare Wallfahrtslandschaft. |
| Status: | Aktiver katholischer Marienwallfahrtsort mit moderner Wallfahrtskirche, Krypta, historischem Bildstock von 1519, Bilderhort sowie ausgedehnter Grotten- und Kreuzweganlage. Der Wallfahrtsort wird heute seelsorgerisch von der Benediktinerabtei St. Otmarsberg in Uznach betreut. Das jährliche Wallfahrtsfest ist mit Mariä Geburt verbunden; weitere marianische und Lourdes-bezogene Gottesdienstformen ergänzen die Wallfahrt. |
| Kultzentrum: | Seit 1966 eine spätgotische schwäbische Madonna mit Kind in der Wallfahrtskirche. Sie ist nicht mit der verlorenen Marienfigur von 1519 identisch. Die Kultgeschichte umfasst mehrere nacheinander verehrte Bildwerke: die ursprüngliche Madonna, "Jesus an der Geisselsäule", das Gemälde "Unsere Liebe Frau vom Siege" von Melchior Paul von Deschwanden, eine spätere Darstellung Franz Vettigers und schliesslich das heutige spätgotische Gnadenbild. Der originale steinerne Bildstock von 1519 befindet sich in der Krypta. |
| Ort: | Benken, Maria Bildstein auf dem Benkner Büchel. |
| Region: | Kanton St. Gallen. |
| Land: | Schweiz. |
| • | Wallfahrtsort Maria Bildstein, Bildsteinstrasse 6, 8717 Benken SG, Schweiz. Der Wallfahrtsort liegt auf dem Benkner Büchel oberhalb der Linthebene in einem ausgedehnten Buchenwald. Zur Anlage gehören die Wallfahrtskirche mit Krypta, das Priesterhaus, der Bilderhort sowie zahlreiche Grotten, Kreuzwegstationen und weitere Andachtsorte. Von Benken und benachbarten Orten führen historische beziehungsweise neu gefasste Pilgerwege durch die Landschaft zum Heiligtum. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte in der Schweiz |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Besuch: Kirche, Krypta und Wallfahrtslandschaft werden weiterhin religiös genutzt. Gottesdienste, Wallfahrtstermine, Rosenkranz, Lichterprozessionen und besondere Anlässe können zeitlich wechseln; für einen gezielten Besuch empfiehlt sich die Kontrolle der aktuellen Angaben des Wallfahrtsamtes Maria Bildstein. Der Grotten- und Stationenweg erschliesst einen wesentlichen Teil des Heiligtums ausserhalb der Kirche. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
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Gesucht werden insbesondere Aufnahmen der Wallfahrtskirche im Buchenwald, der Fassaden und des Glockenträgers, des Kircheninnenraums mit dem heutigen spätgotischen Gnadenbild, der Krypta mit dem originalen steinernen Bildstock von 1519 und den Glasgemälden, der Figur "Jesus an der Geisselsäule", des Bilderhorts mit den historischen Marienbildern und dem Lepanto-Gemälde, der Lourdes-, Bethlehem-, Ölberg- und Grabgrotten, der Kreuzwegstationen, des Kalvarienbergs, der "Madonna im Waldgarten", der historischen Pilgerwege sowie heutiger Wallfahrten, Krankensegnungen, Lichterprozessionen und individueller Pilgerbesuche.
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Maria Bildstein auf dem Benkner Büchel gehört zu den kulturgeschichtlich eigenwilligsten Marienwallfahrtsorten der Schweiz. Seine Bedeutung liegt nicht in der unveränderten Fortdauer eines einzigen Gnadenbildes oder einer seit dem Spätmittelalter gleichförmig bestehenden Wallfahrt, sondern gerade in einer Folge tiefgreifender Veränderungen. Der 1519 errichtete steinerne Bildstock für eine heute verlorene Marienfigur begründete einen Andachtsort; im 18. Jahrhundert wurde eine Christusfigur an der Geisselsäule zum eigentlichen Kultmittelpunkt und verband sich mit der Kaltfieberwallfahrt des "Gfrörer-Chappeli". 1848 wurde der Ort unter dem Titel "Unsere Liebe Frau vom Siege" kirchlich neu profiliert, im späten 19. Jahrhundert zu einer selbständigen Wallfahrtsinstitution ausgebaut und durch Grotten, Kreuzwege und Kalvarienanlagen in eine grossräumige Sakrallandschaft verwandelt. Seit 1966 bildet eine andere, spätgotische Madonna das Gnadenbild der modernen Wallfahrtskirche.
Diese wechselnden Formen machen Maria Bildstein für Volkskunde, Kunstgeschichte und Religionsgeschichte ergiebig. Der Kultort zeigt, dass Wallfahrtskontinuität nicht mit Objektkontinuität gleichzusetzen ist. Bilder können verloren gehen, ersetzt oder funktional umgedeutet werden; Krankheitsbilder und Pilgeranliegen verändern sich; moderne internationale Andachtsformen wie Notre-Dame des Victoires in Paris oder Lourdes können ältere lokale Traditionen überlagern. Gleichwohl bleibt der Ort selbst als religiöser Bezugspunkt bestehen. Der Benkner Büchel wurde über Jahrhunderte immer wieder neu gelesen und gestaltet, bis schliesslich nicht mehr nur die Kirche, sondern der ganze Buchenwald als Wallfahrtslandschaft wirkte.
Der Ursprung des Kultortes ist eng mit dem Damenstift Schänis verbunden. Johann Heinrich beziehungsweise Jan Jud, Meisterknecht des Stifts, brachte 1519 eine von ihm verehrte Marienfigur auf den Oberen Buechberg zwischen Schänis und Benken. Die damalige Äbtissin Barbara Trüllerey beziehungsweise von Trülleren liess für diese Figur noch im selben Jahr einen etwa zwei Meter hohen steinernen Bildstock errichten. Dieser erhaltene Bildstock trägt die Jahreszahl 1519 und bildet die wichtigste materielle Quelle für die Frühgeschichte. Aus dem Bild im Stein beziehungsweise dem steinernen Bildgehäuse erklärt sich der Name "Bildstein".
Die schriftliche Quellenlage für die Gründung ist dagegen auffallend dünn. Die moderne Forschung betont ausdrücklich, dass der erhaltene Bildstock verlässlicher ist als die erst wesentlich später ausformulierten Erzählungen über Juds Beweggründe. Deshalb ist eine klare Abstufung notwendig: Sicher sind der Bildstock, seine Jahreszahl, die Verbindung zu Jud und zum Damenstift sowie die frühe Marienfigur. Nicht sicher ist, weshalb Jud gerade 1519 diesen Ort wählte und welche konkrete religiöse Erfahrung hinter der Stiftung stand.
Die lokale Überlieferung kennt zwei Erklärungsversuche. Nach der einen könnte der Bildstock mit einer Pestwelle zusammenhängen, die im Gaster zahlreiche Opfer forderte; Maria wurde in der katholischen Frömmigkeit als Fürsprecherin in Seuchengefahr angerufen. Ein solcher Zusammenhang ist historisch möglich, doch kein zeitgenössischer Beleg erklärt Juds Handlung ausdrücklich aus der Pest. Die These muss deshalb als plausible Hypothese bezeichnet werden.
Die zweite Erklärung ist quellenkritisch noch problematischer. Laurenz Burgener interpretierte den Bildstein 1864 als katholischen Schutz- und Wehrstein gegen die heraufziehende Reformation. Diese Deutung wurde von der späteren Wallfahrtsliteratur, unter anderem von Josef Fridolin Bucher, übernommen. Neuere Forschung weist jedoch darauf hin, dass 1519 noch kein unmittelbar bevorstehender Bildersturm den konkreten Anlass gegeben haben kann und dass diese Lesart stark durch die konfessionellen Konflikte des 19. Jahrhunderts geprägt wurde. Die reale Reformation in der Region wurde rückblickend in die Gründungsgeschichte hineingelesen. Der erhaltene Bildstock beweist die Stiftung von 1519, nicht ihre spätere konfessionelle Interpretation.
Benken wurde in den 1520er Jahren tatsächlich von der Reformation erfasst und kehrte nach den konfessionellen Auseinandersetzungen wieder zum katholischen Glauben zurück. Diese reale historische Erfahrung erklärt, weshalb spätere katholische Autoren die wenige Jahre zuvor erfolgte Errichtung des Bildstocks gern als vorsorgliche Bewahrung einer Marienfigur deuteten. Im 19. Jahrhundert, als katholische Identität erneut politisch und konfessionell stark markiert wurde, wirkte eine solche Erzählung besonders überzeugend.
Dieser Vorgang ist kulturgeschichtlich aufschlussreich. Wallfahrtsorte bewahren nicht nur Erinnerung, sie produzieren und verändern sie. Eine Stiftung kann Jahrhunderte später mit neuen Bedeutungen versehen werden, die mehr über die Bedürfnisse der späteren Zeit als über die ursprüngliche Handlung aussagen. Maria Bildstein erlaubt damit eine beispielhafte Trennung von historischem Befund und Erinnerungskultur: Der Bildstock von 1519 ist authentisch; die Deutung als Abwehrzeichen gegen die Reformation ist eine spätere Konstruktion.
Die 1519 in den Bildstock gestellte Marienfigur ist nicht erhalten. Nach der Überlieferung verwitterte beziehungsweise zerfiel sie im Laufe der Zeit; die neuere Forschung bezeichnet sie als verschollen oder verloren. Damit besitzt Maria Bildstein zwar den authentischen steinernen Bildstock der Gründungszeit, nicht aber das dazugehörige ursprüngliche Kultbild. Diese Trennung ist wesentlich, weil populäre Kurzfassungen leicht den Eindruck erwecken können, die heutige Madonna sei seit 1519 am Ort verehrt worden.
In der Nische des alten Bildstocks steht heute eine andere, barocke steinerne Madonna, die als Gottesmutter auf der Erdkugel bezeichnet wird. Auch sie ist nicht mit dem heutigen Hauptgnadenbild der Wallfahrtskirche identisch. Bereits an dieser Stelle zeigt sich die ungewöhnliche Objektgeschichte des Heiligtums: Der älteste materielle Fixpunkt ist nicht das Gnadenbild, sondern sein steinernes Gehäuse.
Der Bildstock von 1519 begründet den Kultplatz, doch für die folgenden zwei Jahrhunderte ist kein Pilgerbetrieb in jener Grössenordnung belegt, die später für Maria Bildstein charakteristisch wurde. Das Historische Lexikon der Schweiz setzt einen deutlicheren Zulauf erst im 18. und 19. Jahrhundert an. Auch Joachim Salzgebers grundlegende Untersuchung von 1979 zeigt, dass sich aus dem ursprünglichen Bildstock schrittweise und unter gezielter Förderung durch Geistliche ein regional bedeutender Wallfahrtsort entwickelte.
Diese langsame Entwicklung ist für die historische Einordnung wichtig. Der Ausdruck "Wallfahrtsort seit 1519" ist als Bezeichnung der Ursprungstradition verständlich, darf aber nicht den Eindruck einer seit diesem Jahr unverändert starken und institutionell organisierten Wallfahrt erwecken. Maria Bildstein wuchs aus einem lokalen Andachtsplatz heraus; sein jeweiliges religiöses Profil wurde mehrfach neu bestimmt.
Eine grundlegende Veränderung erfolgte um 1740. Maria Anna Fäh aus Benken erwarb von Dominik Heidolf aus Maseltrangen eine hölzerne Figur des gegeisselten Christus und stellte sie in den Bildstock. Die alte Marienfigur war zu diesem Zeitpunkt bereits unbrauchbar beziehungsweise verloren. Die Christusfigur wurde nun nicht zu einer blossen Ergänzung, sondern zum eigentlichen Gnadenbild des Heiligtums und behielt diese Funktion bis 1848.
Damit wurde aus einem nach seiner Entstehung eindeutig marianischen Andachtsort für ungefähr ein Jahrhundert ein Kultplatz mit christologischem Mittelpunkt. Der Name Maria Bildstein blieb bestehen, doch die konkrete religiöse Anrufung richtete sich wesentlich auf den leidenden Christus. Solche Veränderungen widersprechen der verbreiteten Vorstellung einer stets unveränderten Wallfahrtstradition. Tatsächlich können Kultorte ihre ikonographischen und devotionalen Schwerpunkte stark verändern, ohne dass ihre örtliche Identität verloren geht.
Der stärkere Pilgerzulauf des 18. Jahrhunderts stand eng mit den Lebensbedingungen der Linthebene in Verbindung. Vor der grossräumigen Regulierung der Linth führten Überschwemmungen, Geschiebeablagerungen und stehendes Wasser zu ausgedehnten versumpften Flächen. In der Region trat häufig ein als Kalt-, Sumpf- oder Wechselfieber bezeichnetes Krankheitsbild auf. Die Betroffenen litten unter wiederkehrenden Fieberschüben und starkem Frösteln; im Dialekt wurde dieses Leiden als "Gfrörer" bezeichnet.
Viele Kranke suchten das kleine Waldheiligtum auf dem Benkner Büchel auf, das dadurch im Volksmund den Namen "Gfrörer-Chappeli" erhielt. Gerade in dieser Phase wurde die Figur des gegeisselten Christus zum Zentrum religiöser Hoffnung. Die Wallfahrt verband sich damit nicht allgemein mit jeder Form von Krankheit, sondern erhielt zeitweise ein deutlich regionales medizinisch-religiöses Profil. Umwelt, Krankheit und Wallfahrt standen in einem unmittelbaren Zusammenhang.
Für die wissenschaftliche Interpretation ist es wichtig, historische Krankheitsbezeichnungen nicht vorschnell mit modernen Diagnosen gleichzusetzen. Das in den Quellen genannte Sumpf- oder Kaltfieber lässt sich aus heutiger Sicht in den weiteren Zusammenhang von Wechselfiebererkrankungen feuchter Niederungsgebiete einordnen; die damaligen Menschen verfügten jedoch weder über heutige mikrobiologische Kenntnisse noch über moderne Diagnosekriterien. Ihre Wahrnehmung orientierte sich an wiederkehrendem Fieber, Schüttelfrost, Landschaft und Erfahrung.
Der Wallfahrtsort bot neben den damals verfügbaren medizinischen und häuslichen Massnahmen ein religiöses Handlungssystem. Krankheit konnte als existenzielle Bedrohung erlebt, in Gebet übersetzt und durch Gelübde oder Wallfahrt bearbeitet werden. Nach einer Besserung entstand möglicherweise eine Dankgabe. Diese Verbindung von regionalem Krankheitsmilieu und Wallfahrtskultur macht Maria Bildstein zu einem bedeutenden Quellenort für historische Gesundheitsvorstellungen.
Umwelt- und wallfahrtsgeschichtliche Literatur berichtet von zahlreichen Votivtafeln, die an als ungewöhnlich verstandene Heilungen oder Besserungen des kalten Fiebers erinnerten. Damit besass das Heiligtum nicht nur eine mündliche Heilungstradition, sondern ein sichtbares materielles Archiv. Gemalte Tafeln oder andere Dankzeichen machten persönliche Krankheitsgeschichten öffentlich und konnten bei nachfolgenden Besuchern die Erwartung religiöser Hilfe verstärken.
Eine 1884 geschaffene Folge von Xylographien zeigt den älteren Kapellenraum mit einer grossen Zahl solcher Votivgaben. Diese Darstellungen sind jedoch retrospektive Rekonstruktionen und dürfen nicht wie fotografisch exakte Dokumente des Zustands um 1830 gelesen werden. Der grundlegende Befund einer ausgeprägten Votivkultur ist durch weitere Überlieferung plausibel; Zahl, genaue Anordnung und ikonographische Zusammensetzung des früheren Bestandes bleiben dagegen im Einzelnen zu prüfen.
Votivtafeln dokumentieren keine medizinischen Kausalitäten. Sie bezeugen, dass eine Person oder Familie eine Erkrankung religiös deutete, Hilfe erbat und eine günstige Wendung in Beziehung zum angerufenen Heiligtum setzte. Darin liegt ihr kulturwissenschaftlicher Wert. Krankheit erscheint nicht nur als biologisches Ereignis, sondern als soziale und religiöse Erfahrung, die erzählerisch geordnet und materiell festgehalten wird.
Maria Bildstein bietet hierfür eine selten klare Konstellation. Ein konkret durch die Landschaft mitbestimmtes Gesundheitsproblem erzeugt eine spezifische Wallfahrtsform; die Wallfahrt wiederum erzeugt Votivbilder, Geschichten und eine lokale Bezeichnung des Heiligtums. Das "Gfrörer-Chappeli" ist deshalb nicht bloss ein volkstümlicher Beiname, sondern eine verdichtete Erinnerung an Umweltbedingungen, Krankheit und religiöse Krisenbewältigung.
Mit der Linthkorrektion unter Hans Conrad Escher von der Linth im frühen 19. Jahrhundert veränderten sich Wasserhaushalt und Siedlungsbedingungen der Ebene grundlegend. In der Folge verlor das Sumpf- beziehungsweise Kaltfieber seine frühere regionale Bedeutung. Damit verschwand auch jener konkrete Anlass, der Maria Bildstein im 18. Jahrhundert zu einem stark frequentierten Krankenheiligtum gemacht hatte.
Der Wallfahrtsort selbst ging jedoch nicht unter. Seine Funktion verschob sich. Dieses Beispiel zeigt deutlich, dass Wallfahrten auf Veränderungen der Lebenswelt reagieren. Eine religiöse Spezialisierung kann zurücktreten, wenn die zugehörige Gefahr an Bedeutung verliert; der Kultort kann zugleich durch neue Bilder, neue Titel und neue liturgische Formen weiterbestehen. Genau dies geschah in Maria Bildstein im 19. Jahrhundert.
Mit dem Benkner Kaplan Alois Widmer begann eine neue Phase. In den Jahren 1847 und 1848 liess er erstmals eine eigentliche steinerne Kapelle mit Altar errichten. Der bisherige Wald-Andachtsplatz erhielt damit einen liturgisch vollwertigeren Rahmen. Am 12. September 1848 weihte Johann Peter Mirer, der erste Bischof des neu geschaffenen Bistums St. Gallen, die Kapelle unter dem Titel "Unsere Liebe Frau vom Siege". Zugleich bestimmte er den 8. September, das Fest Mariä Geburt, zum jährlichen Kapell- und Wallfahrtsfest.
Diese Vorgänge können als zweite Gründung Maria Bildsteins verstanden werden. Der ältere Kultplatz bestand seit 1519 und hatte im 18. Jahrhundert eine bedeutende Krankenwallfahrt entwickelt; 1848 erhielt er jedoch eine neue marianische Identität, einen kirchlich festgelegten Titel, regelmässige Messfeier und ein eigenes Wallfahrtsfest. Aus einem traditionsreichen Waldheiligtum wurde nun ein institutionell geordneter Marienwallfahrtsort des jungen Bistums St. Gallen.
Der neue Titel war nicht nur eine Rückkehr zur lokalen Madonna von 1519. Mathilde Toblers kunsthistorische Untersuchung in der Festschrift von 1979 zeigt, dass die Bildsteiner "Unsere Liebe Frau vom Siege" als freie Andachtsübertragung einer Marienverehrung in Notre-Dame des Victoires in Paris zu verstehen ist. Maria Bildstein wurde damit in einen internationalen katholischen Frömmigkeitszusammenhang des 19. Jahrhunderts eingebunden.
Dieser Befund relativiert erneut die Vorstellung einer rein lokalen Traditionsfortsetzung. Die katholische Erneuerung des 19. Jahrhunderts arbeitete intensiv mit neuen Andachtsformen, Bruderschaften, Bildtypen, Medaillen und internationalen Kultzentren. Der Benkner Büchel nahm eine solche moderne Frömmigkeitsform auf und verband sie mit seinem älteren Namen und seiner lokalen Wallfahrtstradition. Ausgerechnet in jener Zeit, in der ältere Autoren die Gründung von 1519 als Abwehrzeichen gegen die Reformation deuteten, wurde der Ort also durch einen zeitgenössischen französischen Marienkult entscheidend erneuert.
Für die neue Kapelle schuf der Stanser Maler Melchior Paul von Deschwanden 1848 ein Gemälde der "Unsere Liebe Frau vom Siege". Deschwanden gehörte zu den prägenden Schweizer Künstlern der katholischen Andachtsmalerei des 19. Jahrhunderts. Seine Werke zielten auf klare Lesbarkeit, emotionale Zugänglichkeit und devotionalen Gebrauch. Das Bild wurde bis 1881 als Gnadenbild verehrt und befindet sich heute im Bilderhort von Maria Bildstein.
Die Wahl Deschwandens unterstreicht den Anspruch der Neugründung. Man beliess es nicht bei einem provisorischen Ersatzbild, sondern gab einem bekannten religiösen Maler den Auftrag für den neuen Kultmittelpunkt. Das Gemälde verband internationale Bildtradition mit schweizerischer Sakralkunst und schuf für mehrere Jahrzehnte jene visuelle Gestalt, unter der die Wallfahrt "Unsere Liebe Frau vom Siege" weiterwuchs.
Die neue Marienwallfahrt entwickelte rasch eine eigene mediale Kultur. Bereits 1857 entstand ein Wallfahrtslied von Joseph Zwyssig. Lieder, Gebetszettel, Andachtsbilder und später Fotografien ermöglichten es, die Erinnerung an Maria Bildstein über den eigentlichen Besuch hinauszutragen. Pilger konnten den Gnadenort im häuslichen Gebet, in Gruppen und bei späteren Wallfahrten wieder vergegenwärtigen.
Solche Medien sind für die Volkskunde ebenso bedeutend wie Gebäude und Kunstwerke. Wallfahrt lebt von Wiederholung und Erinnerung. Ein Lied schafft gemeinschaftliche Identität, ein Andachtsbild macht den Kult im Alltag verfügbar, eine Fotografie verbreitet das Erscheinungsbild des Altars. Maria Bildstein entwickelte im 19. Jahrhundert zunehmend ein eigenes visuelles und musikalisches Repertoire.
Eine institutionell ungewöhnliche Entwicklung setzte 1878/79 ein. Alois Widmer, inzwischen Wallfahrtspriester auf der Iddaburg, begann den Bau eines Priesterhauses auf Maria Bildstein, starb jedoch noch 1878. Pfarrer Alois Tremp von Flawil, Pfarrer Martin Düggelin von Maseltrangen und Franz Anton Schättin aus Benken führten das Vorhaben weiter und gründeten 1879 die Aktiengesellschaft Maria Bildstein. Der Wallfahrtsort wurde organisatorisch von der Pfarrei Benken abgetrennt und erhielt mit Johann Rieser einen eigenen Wallfahrtspriester.
Die Rechtsform einer Aktiengesellschaft wirkt für einen Wallfahrtsort zunächst überraschend, gehört jedoch in die Organisationskultur des 19. Jahrhunderts. Religiöse Initiative verband sich mit privatem Kapital, Vereins- und Gesellschaftsformen sowie bürgerlicher Selbstorganisation. Die Institution sollte Besitz, Ausbau und Seelsorge des Gnadenortes dauerhaft sichern. 1923 wurde die Aktiengesellschaft in die kirchliche Stiftung Maria Bildstein überführt, die den Wallfahrtsort bis heute trägt.
Der Pilgerbetrieb hatte sich so entwickelt, dass die Kapelle von 1848 bald nicht mehr genügte. Durch Sammelaktionen kamen erhebliche Mittel zusammen; nach Plänen des Schwyzer Architekten Clemens Steiner entstand 1881/82 eine grössere Kirche mit Krypta. Die neue Anlage gab Maria Bildstein erstmals die bauliche Gestalt eines repräsentativen regionalen Wallfahrtszentrums.
Auch dieser Bau blieb nicht endgültig, doch seine Entstehung markiert einen entscheidenden Schritt. Der Kultort war nun nicht mehr lediglich eine Kapelle im Wald, sondern verfügte über Kirche, Krypta, Priesterhaus und eine zunehmend eigenständige Wallfahrtsverwaltung. Gleichzeitig setzte eine intensive künstlerische Ausstattung ein, deren Reste im heutigen Bilderhort einen wichtigen Teil des materiellen Gedächtnisses Maria Bildsteins bilden.
1884 schuf Franz Vettiger aus Uznach für die neue Kirche eine weitere Darstellung "Maria vom Siege". Damit wechselte erneut das konkrete Kultobjekt. Die Festschrift von 1979 spricht für die Zeit von 1848 bis 1965 zusammenfassend von der Verehrung "Unserer Lieben Frau vom Siege", während der heutige Wallfahrtsführer präziser zwischen Deschwandens Gemälde von 1848 bis 1881 und der späteren Fassung Vettigers unterscheidet.
Der scheinbare Widerspruch löst sich, wenn Kulttypus und materielles Objekt getrennt werden. Der Titel und das religiöse Bildprogramm blieben bestehen, das konkrete Kunstwerk wechselte. Dieses Muster begegnet in Maria Bildstein wiederholt: Kontinuität entsteht durch Ort, Titel und Praxis, nicht zwingend durch die unveränderte physische Identität eines Bildes.
Zum Bilderbestand der Kirche von 1884 gehörte das grossformatige Gemälde "Die Seeschlacht von Lepanto" von Eugen Zardetti. Benno Schubiger hat diesem Werk in der Festschrift von 1979 eine eigene kunsthistorische Untersuchung gewidmet. Das Thema besitzt eine deutliche Nähe zum Titel "Maria vom Siege": Der Seesieg der christlichen Flotte bei Lepanto 1571 wurde in der katholischen Erinnerung mit Rosenkranzgebet und marianischer Fürsprache verbunden.
Ohne die konkrete Auftragssituation stärker zu überdehnen, lässt sich festhalten, dass das Lepanto-Gemälde den lokalen Wallfahrtsort mit einer grossräumigen katholischen Erinnerungskultur verband. Maria Bildstein erhielt damit neben dem eigentlichen Kultbild ein historisches Monumentalgemälde, das "Sieg" nicht abstrakt, sondern in einer konfessionell aufgeladenen Geschichtsszene visualisierte. Das Werk wird heute im Bilderhort bewahrt.
Der Bilderhort enthält mehrere grossformatige Werke aus früheren Phasen des Wallfahrtsortes, darunter Deschwandens Gnadenbild von 1848, Bilder Franz Vettigers, Werke weiterer Künstler und Zardettis Lepanto-Darstellung. Dadurch besitzt Maria Bildstein etwas, das viele mehrfach umgebaute Wallfahrtsorte verloren haben: einen konzentrierten Bestand von Bildern, die nach ihrer Entfernung aus dem liturgischen Hauptgebrauch dennoch erhalten blieben.
Kulturwissenschaftlich lässt sich der Bilderhort fast als Archiv wechselnder Kultidentitäten lesen. Die Bilder zeigen, wie sich marianische Ikonographie, künstlerischer Geschmack und religiöse Schwerpunktsetzung veränderten. Sie sind deshalb nicht bloss "alte Kirchenausstattung", sondern Quellen zur Geschichte der Wallfahrt selbst.
Die prägendste Gestalt der späten Ausbauphase war Johann Anton Hafner, der von 1882 bis 1920 als Wallfahrtspriester auf Maria Bildstein wirkte. Hafner begnügte sich nicht mit Kirche und Gnadenbild. Er begann den umgebenden Buchenwald systematisch in eine religiöse Landschaft zu verwandeln. Grotten, Kapellen, Kreuzwegstationen und Kalvarienanlagen verteilten sich auf dem Gelände und banden die natürliche Topographie in eine Folge begehbarer heilsgeschichtlicher Szenen ein.
Damit änderte sich die Art des Pilgerns. Der Besucher kam nicht mehr nur zu einer Kirche, sondern bewegte sich durch einen sakralisierten Wald. Unterschiedliche Stationen verlangten Gehen, Innehalten, Schauen und Beten. Landschaft wurde zum Medium religiöser Unterweisung und Andacht. Diese räumliche Erweiterung macht Maria Bildstein innerhalb der Schweizer Wallfahrtslandschaft ungewöhnlich.
Seit den 1880er Jahren entstanden unter anderem Bethlehem-, Ölberg-, Lourdes- und Grabgrotten. Italienische Facharbeiter waren an der Ausführung künstlicher Felsarchitekturen beteiligt. Steinmaterial wurde so geschichtet und bearbeitet, dass naturalistische Höhlenräume entstanden, in denen Statuen, Reliefs oder Glasbilder heilsgeschichtliche Szenen veranschaulichten. Die Grotten waren damit keine blosse Gartendekoration, sondern Stationen einer religiösen Topographie.
Die Bethlehem-Grotte wurde in ihrer frühen Zeit sogar liturgisch genutzt; dort fanden nach der Überlieferung zeitweise weihnachtliche Mitternachtsmessen statt. Damit wurde die räumliche Nachbildung des Geburtsortes Christi nicht nur betrachtet, sondern rituell aktiviert. Der Buchenwald verwandelte sich für die Dauer der Feier symbolisch in Bethlehem. Dieser Vorgang zeigt anschaulich, wie historische Wallfahrtslandschaften reale Geographie und imaginierte Heilsorte miteinander verbinden.
Um 1890 entstand ein gross angelegter Kreuzweg mit festen Stationshäuschen, der in weitem Bogen durch den Wald führt. Zusätzlich liess Hafner auf Zugangswegen aus benachbarten Pfarreien weitere Stationen errichten. Dadurch begann die religiöse Dramaturgie nicht erst an der Wallfahrtskirche. Schon der Anmarsch konnte als Passionsweg gestaltet werden.
Für die Volkskunde ist dieser Befund wesentlich. Wallfahrt ist nicht nur ein Ziel, sondern eine Bewegung. Indem Kreuzwegstationen den Weg strukturieren, wird körperliche Fortbewegung mit religiöser Erinnerung verbunden. Steigung, Entfernung, Rast, Gebet und Bildbetrachtung bilden eine Einheit. Maria Bildstein wurde damit zu einer ausgedehnten Wallfahrtslandschaft, deren Grenzen weit über das eigentliche Kirchengrundstück hinausreichen konnten.
Benno Schubiger bezeichnete die Anlage 1979 als "Sacro Monte im Linthgebiet". Der Vergleich mit den oberitalienischen Sacri Monti ist trotz erheblicher zeitlicher Unterschiede fachlich aufschlussreich. Maria Bildstein ist kein barocker Sacro Monte des 16. oder 17. Jahrhunderts wie Varallo oder Orta; seine Grotten- und Stationslandschaft entstand überwiegend im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Vergleichbar ist jedoch die Grundidee, heilsgeschichtliche Ereignisse durch eine Folge räumlich getrennter Stationen in einer Landschaft begehbar zu machen.
Der Besucher vollzieht dadurch nicht nur eine intellektuelle Erinnerung. Er geht von Ort zu Ort und erlebt Entfernung, Gelände, Vegetation und Architektur. Bethlehem, Ölberg, Kalvarienberg, Grab und Lourdes werden innerhalb des Benkner Waldes symbolisch gegenwärtig. Der "Sacro Monte"-Vergleich bezeichnet deshalb keine historische Gleichzeitigkeit, sondern eine verwandte räumliche Frömmigkeitsform.
Das Staatsarchiv St. Gallen bewahrt 27 Briefe Johann Anton Hafners an den Künstler Franz Vettiger aus den Jahren 1884 bis 1905. Diese Korrespondenz erlaubt einen seltenen Blick hinter die Kulissen der Wallfahrtslandschaft. Hafner schrieb über Seitenaltargemälde, Kreuzwegstationen eines Herstellers in Innsbruck, Material für Grottenbilder, Pläne für Stationskapellen, Fotografien des Hochaltars, eine Kreuzigungsgruppe aus Zinkguss aus München und kleine Andachtsbilder.
Damit erweist sich der scheinbar organisch gewachsene "heilige Wald" als bewusst geplantes, organisatorisch anspruchsvolles und international vernetztes Projekt. Italienische Grottenbauer, Innsbrucker Werkstätten, Münchner Kunstguss, regionale Maler und moderne Reproduktionstechniken wirkten zusammen. Maria Bildstein ist deshalb zugleich ein Beispiel für die Industrialisierung und Internationalisierung katholischer Sachkultur im 19. Jahrhundert.
Hafner wollte unter anderem Fotografien des Hochaltars vervielfältigen und unter der Bevölkerung verbreiten. Daneben entstanden kleine Andachtsbilder nach den örtlichen Kultmotiven "Christus an der Geisselsäule" und "Maria vom Siege". Solche Quellen zeigen, wie stark moderne technische Medien in die Wallfahrtsförderung einbezogen wurden.
Fotografie löste ältere Andachtsgrafik nicht einfach ab, sondern ergänzte sie. Pilger konnten ein Bild des Heiligtums nach Hause tragen, verschenken oder im Gebet verwenden. Das lokale Gnadenbild erhielt dadurch eine Reichweite, die nicht mehr an körperliche Anwesenheit am Benkner Büchel gebunden war. Religiöse Erfahrung wurde reproduzierbar und zirkulationsfähig.
Eine volkskundliche Beschreibung aus dem frühen 20. Jahrhundert erwähnt, dass Pilger Wasser aus Röhren an der Lourdes-Grotte tranken oder in Flaschen nach Hause nahmen und es bei unterschiedlichen Krankheiten verwendeten. Selbst für Haustiere wurde dieses Wasser eingesetzt; beschrieben ist der Fall eines Bauern, der für ein erkranktes Pferd ein wächsernes Pferdevotiv stiftete und das Tier mit Bildsteiner Wasser behandelte. Solche Berichte verbinden Wallfahrt, Heilwassergebrauch, Tiersegen und gegenständliches Votum.
Diese Praktiken sind als historische religiöse und volksmedizinische Handlungssysteme zu dokumentieren, nicht als medizinische Wirksamkeitsnachweise. Gerade ihre Kombination ist aufschlussreich: Ein körperliches Leiden wird durch Wasser, Gebet und Votivgabe bearbeitet. Der Wallfahrtsort stellt dafür Gegenstände, Orte und Deutungsmuster bereit. Maria Bildstein war damit nicht nur ein marianischer Gebetsort, sondern zeitweise ein komplexes religiöses Heilungsumfeld.
Im 20. Jahrhundert erhielt der Ort einen weiteren internationalen Bezugspunkt. In den 1930er Jahren wurden Lourdes-Pilgertagungen mit Krankensegnungen nach dem Vorbild des französischen Gnadenortes durchgeführt. 1958 entstand der Lourdes-Pilgerverein Maria Bildstein und Umgebung. Auch grössere gemeinsame Wallfahrten der Pfarreien des Gasterlandes, Exerzitien, Landjugendtage und andere katholische Veranstaltungen prägten den Ort.
Damit wiederholte sich in neuer Form ein Muster, das bereits 1848 sichtbar geworden war. Maria Bildstein nahm erfolgreiche überregionale Frömmigkeitsmodelle auf und übersetzte sie in seine eigene lokale Landschaft. Im 19. Jahrhundert kam "Unsere Liebe Frau vom Siege" aus dem Umfeld von Notre-Dame des Victoires; im 20. Jahrhundert trat Lourdes hinzu. Der Kultort blieb gerade dadurch lebendig, dass er nicht auf eine einzige historische Form festgelegt war.
Die 1879 gegründete Aktiengesellschaft Maria Bildstein wurde 1923 in eine kirchliche Stiftung umgewandelt. Damit erhielt die inzwischen umfangreiche Wallfahrtsanlage eine institutionelle Form, die stärker ihrer religiösen Funktion entsprach und Besitz, Gebäude sowie Seelsorge langfristig sichern sollte. Die organisatorische Veränderung markiert zugleich den Übergang von der bürgerlich geprägten Ausbauphase des 19. Jahrhunderts in eine stärker kirchlich institutionalisierte Verwaltung des 20. Jahrhunderts.
Die Stiftung trägt bis heute Verantwortung für den Wallfahrtsort. Die seelsorgliche Betreuung wird gegenwärtig von der Benediktinerabtei St. Otmarsberg in Uznach wahrgenommen. Damit ist Maria Bildstein heute zwar kein Klosterwallfahrtsort im historischen Sinn, aber in ein benediktinisches seelsorgliches Netzwerk eingebunden.
Die Kirche des 19. Jahrhunderts wurde in den 1960er Jahren durch einen modernen Neubau ersetzt. Nach Plänen des St. Galler Architekten Hans Burkard entstand 1965/66 die heutige Wallfahrtskirche. Der zweischiffige Bau mit steilem Dach, gedecktem Vorbereich und seitlich angeordnetem Glockenträger verzichtet auf eine historisierende Wiederholung des Vorgängerbaus und formuliert den Wallfahrtsort bewusst in der Architektursprache seiner Zeit.
Der Neubau bedeutete dennoch keinen Bruch mit der Geschichte. In der Krypta unter dem Chor wurde der originale steinerne Bildstock von 1519 aufgestellt. Damit erhielt das älteste materielle Zeugnis des Kultortes einen zentralen Platz innerhalb der modernen Architektur. Die Kirche verbindet also bewusst Gegenwart und Ursprung: oben der neue liturgische Raum, darunter der historische "Bildstein".
Für den Neubau stiftete der Benkner Pfarrer und Stiftungsratspräsident Xaver Lenherr eine spätgotische schwäbische Madonna mit Kind. Diese Skulptur stammt ungefähr aus der Zeit, in der der ursprüngliche Bildstock entstand, besitzt jedoch keine nachweisbare objektgeschichtliche Verbindung zu Johann Heinrich Juds verlorener Madonna von 1519. Erst seit 1966 wird sie als Gnadenbild Maria Bildsteins verehrt.
Diese Auswahl ist kulturgeschichtlich interessant. Die moderne Kirche erhielt bewusst ein altes Bildwerk, dessen Stil und Entstehungszeit eine Verbindung zur Gründungsepoche herstellen. Es handelt sich nicht um materielle Kontinuität, sondern um eine historische Korrespondenz. Die neue Madonna schafft visuell eine Brücke zum frühen 16. Jahrhundert, ohne das verlorene Original zu ersetzen oder zu imitieren.
Kaum ein anderer Schweizer Wallfahrtsort macht so deutlich, wie unabhängig Kultkontinuität von der materiellen Identität eines einzelnen Bildes sein kann. Die ursprüngliche Madonna von 1519 ging verloren. Um 1740 wurde "Jesus an der Geisselsäule" zum Gnadenbild. 1848 trat Deschwandens "Unsere Liebe Frau vom Siege" an seine Stelle. Nach dem Kirchenneubau des 19. Jahrhunderts übernahm eine neue Darstellung Franz Vettigers den marianischen Kulttypus. Seit 1966 steht schliesslich eine spätgotische schwäbische Madonna im Zentrum.
Diese Abfolge ist nicht als Reihe von Brüchen zu verstehen, sondern als Geschichte religiöser Anpassung. Der Ort, sein Name, die Pilgerpraxis und die Erinnerung an frühere Kultphasen stifteten Kontinuität, während die Bildwerke wechselten. Maria Bildstein ist deshalb ein besonders geeignetes Beispiel für die kulturwissenschaftliche Unterscheidung von Kultobjekt, Kulttypus und Kultort.
Die Krypta bewahrt neben dem historischen Bildstock einen sechsteiligen Glasgemäldezyklus von Jost Blöchliger. Die Darstellungen greifen Symbole der Lauretanischen Litanei auf, darunter Turm Davids, geheimnisvolle Rose, Bundeslade, Morgenstern, Goldenes Haus und Pforte des Himmels. Die moderne Kunst verbindet damit den ältesten materiellen Kern des Wallfahrtsortes mit einer traditionellen marianischen Gebetssprache.
Die Krypta ist deshalb mehr als ein Aufbewahrungsraum für den Bildstock. Sie interpretiert die Gründung von 1519 innerhalb eines modernen liturgischen und künstlerischen Konzepts neu. Historisches Objekt und zeitgenössische Glasmalerei treten in einen Dialog, der die lange Wandlungsfähigkeit des Wallfahrtsortes fortsetzt.
Zum 500-Jahr-Jubiläum des Bildstocks wurde 2019 die Skulptur "Madonna im Waldgarten" der St. Galler Künstlerin Marlies Pekarek eingeweiht. Das Werk greift das traditionsreiche Motiv Mariens im Paradies- beziehungsweise Waldgarten auf und wurde bewusst in die bestehende Sakrallandschaft eingefügt. Damit erhielt der "Sacro Monte" des Benkner Büchels eine zeitgenössische Erweiterung.
Dieser Schritt zeigt, dass die Anlage nicht als abgeschlossenes Denkmal des 19. Jahrhunderts verstanden wird. Neue Kunst kann in die historische Wallfahrtslandschaft aufgenommen werden, sofern sie deren religiöse und räumliche Struktur weiterführt. Auch darin setzt sich die Geschichte Maria Bildsteins fort: Der Ort bewahrt seine Vergangenheit gerade nicht durch Stillstand, sondern durch kontrollierte Weiterentwicklung.
Die entscheidende Besonderheit Maria Bildsteins liegt letztlich in der Sakralisierung der Landschaft. In vielen Wallfahrtsorten bildet die Natur eine eindrucksvolle Kulisse für eine Kirche. Auf dem Benkner Büchel wurde der Wald selbst zum Träger religiöser Bedeutung. Grotten, Stationen und Wege verteilen heilsgeschichtliche Szenen über ein grösseres Gebiet und verlangen Bewegung zwischen den einzelnen Orten.
Dadurch entsteht eine andere Form des Sehens und Betens als im geschlossenen Kirchenraum. Der Besucher bewegt sich durch wechselndes Licht, Vegetation, Gelände und Architektur. Naturerfahrung und religiöse Bildwelt überlagern sich. Die Wallfahrt wird räumlich ausgedehnt und körperlich erfahrbar. Diese Struktur rechtfertigt den kunsthistorischen Vergleich mit einem Sacro Monte stärker als jeder blosse touristische Beiname.
Die historischen Zugangswege unterstreichen diesen landschaftlichen Charakter. Von Benken, Schänis, Maseltrangen und anderen Richtungen näherten sich Pilger dem Büchel zu Fuss; Hafners zusätzliche Kreuzwegstationen banden einzelne Wege ausdrücklich in die Andacht ein. Der Weg zum Heiligtum wurde dadurch Teil des Heiligtums.
Auch heute führen Spazier- und Pilgerwege von verschiedenen Ausgangspunkten nach Maria Bildstein. Die moderne Erreichbarkeit mit Fahrzeugen verändert die Bedingungen, doch die historische Struktur bleibt nachvollziehbar. Wer zu Fuss kommt und die Stationen benutzt, erfährt den Ort anders als ein Besucher, der unmittelbar bei der Kirche ankommt. Diese Differenz gehört zur Geschichte moderner Wallfahrt, in der traditionelle Bewegungsformen und bequeme Erreichbarkeit nebeneinander bestehen.
Maria Bildstein wird weiterhin liturgisch und individuell genutzt. Wallfahrtsgottesdienste, marianische Feste, Rosenkranz, Lourdes-bezogene Andachten, Lichterprozessionen und persönliche Besuche halten unterschiedliche Frömmigkeitsformen nebeneinander lebendig. Die Betreuung durch die Benediktinerabtei St. Otmarsberg schafft eine kontinuierliche seelsorgliche Präsenz, während die Stiftung für den Erhalt der umfangreichen Anlage verantwortlich ist.
Jährlich schwankende Besucherzahlen sind für die historische Einordnung weniger aussagekräftig als der fortbestehende Gebrauch. Kirche, Grotten, Stationen und Wege sind nicht ausschliesslich historische Denkmäler, sondern Bestandteile einer gegenwärtigen religiösen Praxis.
Die Frühgeschichte Maria Bildsteins zeigt exemplarisch, wie vorsichtig Wallfahrtsüberlieferung gelesen werden muss. Der Bildstock von 1519 ist eine sichere Sachquelle. Die konkrete Motivation Johann Heinrich Juds ist dagegen unbekannt. Pestbezug und Schutz vor reformatorischem Bildersturm sind spätere Erklärungsmodelle unterschiedlicher Plausibilität. Besonders die konfessionelle Reformationsdeutung wurde im 19. Jahrhundert rückwärts in die Gründungszeit projiziert.
Auch die Bildgeschichte verlangt genaue Unterscheidung. Der historische Bildstock ist erhalten, die ursprüngliche Madonna nicht. Die heutige Madonna ist zwar spätgotisch, kam aber erst 1966 nach Maria Bildstein. Dazwischen lagen mehrere andere Gnadenbilder. Eine wissenschaftlich verantwortliche Darstellung darf diese Objekte nicht zu einer einzigen scheinbar kontinuierlichen "Madonna von 1519" verschmelzen.
Auch Bildquellen müssen differenziert behandelt werden. Die im späten 19. Jahrhundert geschaffenen Darstellungen älterer Bauzustände beruhen teilweise auf Rekonstruktion und konfessioneller Erinnerung und sind keine fotografisch exakten Ansichten. Fotografien aus der Zeit Hafners besitzen einen anderen Quellenwert, zeigen jedoch ebenfalls nur ausgewählte Perspektiven. Andachtsbilder wiederum wurden bewusst produziert, um ein bestimmtes Erscheinungsbild des Gnadenortes zu verbreiten.
Gerade die Vielfalt der Medien macht Maria Bildstein ergiebig. Steinbildstock, Gemälde, Votivtafeln, Xylographien, Fotografien, Andachtsbildchen, Grotten und moderne Skulptur erzählen jeweils unterschiedliche Geschichten. Ihre Aussagen müssen getrennt werden, können aber gemeinsam die Wandlungen des Kultortes sichtbar machen.
Maria Bildstein ist ein historisch gesicherter Wallfahrtsort, dessen Ursprung 1519 durch den erhaltenen steinernen Bildstock ungewöhnlich konkret fassbar ist. Die heute verbreiteten Erklärungen für Johann Heinrich Juds Stiftung sind jedoch nicht gleichrangig mit diesem materiellen Befund. Ein Zusammenhang mit der Pest ist möglich, bleibt aber unbewiesen; die Deutung als Schutzhandlung gegen einen unmittelbar bevorstehenden Bildersturm ist eine spätere konfessionelle Rückprojektion. Ein bedeutender Pilgerzulauf ist erst für das 18. und 19. Jahrhundert sicherer fassbar.
Die besondere wissenschaftliche Bedeutung des Ortes liegt in seiner Wandlungsfähigkeit. Das "Gfrörer-Chappeli" verbindet Wallfahrt mit Umwelt- und Medizingeschichte der versumpften Linthebene. Die Folge mehrerer unterschiedlicher Gnadenbilder zeigt, dass Kultkontinuität auch ohne materielle Objektkontinuität bestehen kann. Die Neugründung von 1848 übertrug mit "Unserer Lieben Frau vom Siege" einen internationalen französischen Marienkult in die Ostschweiz; die Ausbauphase unter Johann Anton Hafner verwandelte den Buchenwald durch Grotten, Kreuzweg und Kalvarienberg in eine begehbare Sakrallandschaft.
Die moderne Kirche von 1965/66 und das erst seit 1966 verehrte spätgotische Gnadenbild setzen diese Geschichte fort. Der originale Bildstock von 1519 bleibt in der Krypta als materieller Ausgangspunkt erhalten, während der Bilderhort frühere Kultbilder und Ausstattungsstücke bewahrt. Maria Bildstein ist damit kein Wallfahrtsort, dessen Bedeutung aus unveränderter Tradition entsteht, sondern ein über fünf Jahrhunderte mehrfach neu interpretierter Sakralraum. Diese Verbindung von historischem Bildstock, Krankheitswallfahrt, internationaler Frömmigkeitsübertragung, industriell und künstlerisch produzierter Sakrallandschaft und gegenwärtiger religiöser Nutzung macht den Benkner Büchel zu einem der kulturwissenschaftlich reichsten Wallfahrtsorte der Ostschweiz.
Maria Bildstein. Der Wallfahrtsort des Linthgebietes im Wandel der Zeiten. Herausgegeben vom Stiftungsrat Maria Bildstein, Redaktion Benno Schubiger. Benken 1979. 108 S. Zentrale wissenschaftliche Festschrift zur Geschichte, Kunstgeschichte, Kultbildentwicklung und Sakrallandschaft des Wallfahrtsortes.
Salzgeber, Joachim: Geschichte des Wallfahrtsortes Maria Bildstein. In: Maria Bildstein. Der Wallfahrtsort des Linthgebietes im Wandel der Zeiten. Benken 1979, S. 15-45. Grundlegende und quellenkritische Untersuchung der Wallfahrtsgeschichte von 1519 bis ins 20. Jahrhundert.
Tobler, Mathilde: Beitrag zu "Unserer Lieben Frau vom Siege" und zur Entwicklung des Gnadenbildes. In: Maria Bildstein. Der Wallfahrtsort des Linthgebietes im Wandel der Zeiten. Benken 1979. Wichtig zur Verbindung mit Notre-Dame des Victoires in Paris und zur Geschichte des Kultbildes.
Schubiger, Benno: Beiträge zum Kapellenbau von 1881-1884, zu Eugen Zardettis Gemälde "Die Seeschlacht von Lepanto" sowie zum "Sacro Monte" im Linthgebiet. In: Maria Bildstein. Der Wallfahrtsort des Linthgebietes im Wandel der Zeiten. Benken 1979. Grundlegend für Bau-, Kunst- und Landschaftsgeschichte.
Anderes, Bernhard: Die Kunstdenkmäler des Kantons St. Gallen. Band V: Der Bezirk Gaster. Basel 1970, Benken S. 36-52, Maria Bildstein besonders S. 48-51. Kunsthistorische Standardgrundlage vor der Festschrift von 1979.
Bucher, Josef Fridolin: Maria Bildstein. Wallfahrtsgeschichte Unserer Lieben Frau vom Siege. 1944. Wichtige ältere lokale Wallfahrtsgeschichte; wegen ihrer konfessionell geprägten Interpretation der Gründungszeit quellenkritisch zu benutzen.
Tremp, Alois: Der Bildsteinpilger. Geschichte von Maria Bildstein. Ausgabe des späten 19. Jahrhunderts, unter anderem 1891 nachweisbar. Bedeutend für die Popularisierung und bildliche Rekonstruktion der Wallfahrtsgeschichte im 19. Jahrhundert.
Burgener, Laurenz: Die Wallfahrtsorte der katholischen Schweiz. Ingenbohl 1864, zu Maria Bildstein S. 53 ff. Wichtige Quelle für die konfessionelle Deutung des Bildstocks von 1519 im 19. Jahrhundert; nicht als unmittelbare Quelle zur Motivation der Gründung zu verwenden.
Henggeler, Rudolf: Helvetia Sancta. Darstellung katholischer Heiligtümer und Wallfahrtsorte; für die ältere Zusammenfassung der Bildsteiner Überlieferung ergänzend heranzuziehen.
Hugger, Paul: Zwischen Himmel und Erde. Wallfahrtsorte der Schweiz. Bern 2007, zu Maria Bildstein S. 146-155. Volkskundliche Einordnung des Wallfahrtsortes und seiner Landschaft.
Unterwegs am Ort der Stille. Ein Führer durch den Wallfahrtsort Maria Bildstein in Benken. Stiftung Maria Bildstein, Benken 2019. Gedruckter Führer auf Grundlage älterer Fachliteratur und örtlicher Archivalien; wesentlich für die erhaltenen Kultbilder, den historischen Bildstock, Krypta, Bilderhort und Grottenanlage.
Staatsarchiv St. Gallen, Bestand W 074/2.2.018-3: 27 Briefe Johann Anton Hafners an Franz Vettiger, 1884-1905. Zentrale archivalische Quelle zur Entstehung und Ausstattung der Grotten- und Kreuzweganlage, zu Künstlern, Werkstätten, Fotografien und Andachtsbildern.
Historisches Lexikon der Schweiz: Artikel "Benken (SG)". Zur allgemeinen Orts-, Konfessions- und Wallfahrtsgeschichte sowie zur Einordnung des stärkeren Pilgerzulaufs im 18. und 19. Jahrhundert.
Stiftung Maria Bildstein: Historische Dokumentationen und Führungsmaterialien zu Bildstock, Gnadenbildern, Wallfahrtskirche, Grotten- und Kreuzweganlage, Bilderhort und heutiger Nutzung. Für aktuelle Besuchsinformationen ergänzend heranzuziehen; historische Angaben wurden mit der gedruckten Fachliteratur abgeglichen.
Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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