| Wallfahrt: | Seit dem frühen 16. Jahrhundert belegter Marienwallfahrtsort auf einem Felsen über der Kleinen Emme. Ausgangspunkt war eine ältere Kultstätte, deren Entstehung mit einer Licht- und Engelgesangsüberlieferung verbunden wurde. Nach der Übertragung einer Pietà aus Fribach/Freibach im bernischen Gebiet 1528 nahm die Wallfahrt stark zu. Im 17. und 18. Jahrhundert gehörte Werthenstein zu den bedeutenden Wallfahrtsorten der Zentralschweiz; Mirakelbücher, gedruckte Wallfahrtsliteratur, Votivtafeln, Sachvotive, Gemeindegelübde und ein weit ausgreifender Pilgerraum sind ungewöhnlich dicht überliefert. |
| Status: | Lebendiger katholischer Pfarr- und Wallfahrtsort. Die ehemalige Franziskanerkirche dient heute als Pfarr- und Wallfahrtskirche. Organisierte Wallfahrten, Pilgergottesdienste und persönliche Besuche bestehen weiterhin. Das ehemalige Kloster bildet mit Kirche, Kreuzgang, Friedhof, Pilgerwegen, Holzbrücke und Gnadenbrünneli ein historisch gewachsenes Sakralensemble. |
| Kultzentrum: | Marienverehrung mit einer aus Fribach/Freibach stammenden Pietà als historischem Gnadenbild. Daneben gehören die frühe Licht- und Engelgesangsüberlieferung, das Gnadenbrünneli, die Mirakel- und Votivtradition sowie die franziskanische Wallfahrtsseelsorge zu den prägenden Kultschichten. |
| Ort: | Werthenstein. |
| Region: | Entlebuch, Kanton Luzern. |
| Land: | Schweiz. |
| • | Wallfahrtskirche Unserer Lieben Frau und ehemaliges Kloster Werthenstein, Oberdorfstrasse 9, 6106 Werthenstein, Kanton Luzern, Schweiz. Der historische Wallfahrtskomplex liegt weithin sichtbar auf einem Felsen über der Kleinen Emme. Die gedeckte Holzbrücke, der Aufstieg zum Gnadenbrünneli und die hoch gelegene Kirche bilden eine charakteristische historische Zugangssituation. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte in der Schweiz |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Besuch: Kirche und Wallfahrtsbereich sind Teil einer lebendigen Pfarrei. Gottesdienstzeiten, Wallfahrtstermine und mögliche Besichtigungsbeschränkungen können wechseln; vor einer gezielten kunsthistorischen Besichtigung empfiehlt sich die Kontrolle der aktuellen Angaben des Pastoralraums Region Werthenstein. |
| • | Wallfahrt: Werthenstein wird weiterhin von Einzelpilgern und organisierten Gruppen aufgesucht. Historische und neuere Fusswallfahrten verbinden den Ort mit umliegenden Gemeinden; zudem liegt Werthenstein im grösseren Netz der Zentralschweizer Pilgerwege. |
| • | Web: Pastoralraum Region Werthenstein |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
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Gesucht werden insbesondere Aufnahmen des Kloster- und Kirchenensembles über der Kleinen Emme, der gedeckten Holzbrücke, des historischen Pilgeraufstiegs, des Gnadenbrünneli, des Kircheninnenraums, der Pietà und weiterer Marienbilder, der Pfyfferkapellen, des Kreuzgangs, der erhaltenen Votivtafeln und Sachvotive sowie heutiger Wallfahrten und Pilgergruppen.
Mit diesen und weiteren Fotomotiven können Sie hier zur Dokumentation beitragen.
Werthenstein gehört zu den eindrucksvollsten historischen Wallfahrtsorten der Zentralschweiz. Die Kirche und das ehemalige Franziskanerkloster stehen hoch über der Kleinen Emme auf einem Felsen, der den Ort zugleich räumlich absondert und weithin sichtbar macht. Schon der historische Zugang besitzt eine eigene Dramaturgie: Der Pilger überschreitet den Fluss, steigt von der Brücke zum Heiligtum hinauf, passiert das Gnadenbrünneli und erreicht schliesslich Kirche, Kloster und Friedhof. Die religiöse Topografie ist damit nicht auf den Innenraum der Kirche beschränkt. Brücke, Weg, Quelle, Felsen, Gnadenbild und Kloster bilden zusammen eine gewachsene Sakrallandschaft.
Die Geschichte des Ortes lässt sich ungewöhnlich dicht verfolgen. Neben archivalischen Nachrichten und kunsthistorischer Forschung sind mehrere frühneuzeitliche Wallfahrtsdrucke erhalten. Wesentlich sind Niklaus Ratzenhoffers 1618 gedruckte Kurtze Erzehlung dess Vrsprungs, vnd der Wunderzeichen dess Gottshauses vnser lieben Frawen zu Werdenstein, der von den Werthensteiner Franziskanern herausgegebene Mirakelband Puteus aquarum viventium Mariano-Werdtensteinensis von 1649 sowie das handschriftliche Wunderzeichenbuch mit 442 Mirakelberichten. Diese Quellen machen Werthenstein zu einem seltenen Fall, in dem nicht nur Bau- und Institutionengeschichte, sondern die religiöse Alltagspraxis der Pilger über Jahrhunderte sichtbar wird.
Die ältere Gründungsüberlieferung führt den Beginn des Kultes auf einen aus den Niederlanden stammenden Goldwäscher zurück, der im Gebiet der Kleinen Emme tätig gewesen sein soll. Beim nächtlichen Gebet habe er jenseits des Flusses einen ungewöhnlichen Lichtschein gesehen und einen als himmlisch beziehungsweise engelhaft verstandenen Gesang vernommen. An einer Tanne befestigte er anschliessend ein kleines Marienbild, in der Überlieferung eine Darstellung der Krönung Mariens, und suchte den Ort regelmässig zum Gebet auf. Diese Geschichte ist spätestens im frühen 17. Jahrhundert schriftlich fixiert und daher keine moderne touristische Sage. Sie gehört zu jener Form frühneuzeitlicher Kultentstehung, bei der ungewöhnliche Licht- und Klangwahrnehmungen die Heiligkeit eines Ortes markieren.
Die Erzählung sagt weniger über einen objektiv überprüfbaren Vorgang als über die religiöse Deutung der Landschaft. Ein auffälliger Felsen über dem Fluss wird durch Gebet, Bild und Erinnerung zum heiligen Platz. Diese erste Phase ist wichtig, weil das spätere Gnadenbild der Pietà erst 1528 nach Werthenstein gelangte. Die Wallfahrt besitzt also eine ältere Ortsheiligkeit, auf die später weitere Kultschichten aufgesetzt wurden.
Zu den ältesten Mirakelgeschichten gehört der Bericht von einem etwa dreijährigen Kind aus Wolhusen, das sich einen Pflaumenstein tief in die Nase geschoben hatte. Ein Wundarzt hielt nach der Erzählung einen operativen Eingriff für nötig. Die Eltern suchten stattdessen den frühen Werthensteiner Gebetsort auf und verbanden ihre Bitte mit einem Gelübde. Der Pflaumenstein kam nach einem Niesen heraus. Entscheidend für die Kulturgeschichte ist weniger die Frage nach dem medizinischen Vorgang als das, was danach geschah: Die Mutter bewahrte den Stein auf und liess ihn später in der Kapelle aufhängen.
Damit begegnet bereits in der frühesten Phase ein typisches Sachvotiv. Der Gegenstand, der zuvor Ursache der Gefahr gewesen war, wurde anschliessend zum sichtbaren Erinnerungszeichen der als erhört verstandenen Bitte. Das Grundschema, das sich später hunderte Male wiederholt, ist hier bereits vollständig ausgebildet: Notlage, Gelübde, Wallfahrt, erfahrene Hilfe und materielle Danksagung.
Die wachsende Verehrung führte zum Bau einer Kapelle. Das Wunderzeichenbuch nennt den 28. August 1520 als Tag ihrer Weihe. In der Überlieferung wird ausserdem erzählt, die für den Bau benötigten Steine seien aus der Emme geholt und von Menschen aus der Umgebung von Hand zu Hand den Hang hinaufgereicht worden. Ob jedes Detail dieser Baulegende überprüfbar ist, lässt sich nicht mehr entscheiden; die Erzählung ist jedoch ein frühes Zeugnis dafür, dass der Kirchenbau als Gemeinschaftswerk verstanden wurde.
Die Jahreszahlen 1518 und 1520 bezeichnen damit keine widersprüchlichen Gründungsdaten. 1518 steht für die frühe Kult- und Bauphase, 1520 für die ausdrücklich überlieferte Weihe der ersten Kapelle. Diese Unterscheidung ist für eine präzise Wallfahrtsgeschichte wichtig.
Eine entscheidende Erweiterung des Kultes erfolgte 1528. Aus der Wallfahrtskapelle Fribach beziehungsweise Freibach bei Gondiswil im bernischen Gebiet gelangte eine geschnitzte Pietà nach Werthenstein. Die Überlieferung verbindet die Verbringung mit der Reformation und der Gefahr der Bilderzerstörung. Die schmerzhafte Muttergottes mit dem Leichnam Christi entwickelte sich in Werthenstein zum eigentlichen Gnadenbild und verlieh der Wallfahrt eine neue, stark von Passion, Tod, Schmerz und mütterlicher Fürbitte geprägte Ausrichtung.
Die Vorgeschichte des Bildes ist für Werthenstein von erheblicher Bedeutung. Peter Xaver Weber widmete der Wallfahrtskapelle und der Familie von Fribach 1937 eine eigene Studie. Für die endgültige Bewertung der Bildprovenienz ist die ältere Berner Kultgeschichte deshalb ebenso zu berücksichtigen wie die Werthensteiner Tradition. Sicher ist, dass die Pietà spätestens seit ihrer Übertragung nach Werthenstein das religiöse Profil des Wallfahrtsortes wesentlich mitbestimmte.
1618 erschien in München Niklaus Ratzenhoffers Kurtze Erzehlung dess Vrsprungs, vnd der Wunderzeichen dess Gottshauses vnser lieben Frawen zu Werdenstein. Ratzenhoffer war Luzerner Ratsherr und Baumeister und zugleich mit Werthenstein verbunden. Der Druck umfasst knapp hundert Seiten und verbindet Ursprungserzählung, Kultgeschichte und Mirakelüberlieferung. Damit wurde die bis dahin lokal und handschriftlich tradierte Geschichte einem grösseren Leserkreis zugänglich gemacht.
Der Druck ist nicht als neutraler Bericht im modernen Sinn zu lesen. Er verfolgt ausdrücklich eine religiöse Absicht und trägt dazu bei, den Ruf des Heiligtums zu verbreiten. Deshalb ist er kulturhistorisch so wichtig: Er zeigt, dass die Wallfahrt bereits im frühen 17. Jahrhundert durch Druckmedien aktiv kommuniziert wurde. Der Pilgerort war nicht nur ein Platz, an den Menschen aufgrund mündlicher Erzählungen kamen, sondern Bestandteil einer katholischen Buch- und Erinnerungskultur.
Der wachsende Pilgerzustrom machte die ältere Kapelle zu klein. Der Luzerner Rat beschloss 1607 einen Neubau. Die heutige Wallfahrtskirche entstand im Wesentlichen zwischen 1608 und 1612 beziehungsweise in einer bis 1613 reichenden Bauphase; 1616 wurde sie feierlich geweiht. Als Planer wird Anton Isenmann genannt. Die Kirche bewahrt eine nachgotische Formensprache, obwohl sie bereits im frühen 17. Jahrhundert entstand. Diese zeitliche Überschneidung von spätgotischer Tradition und frühbarocker Frömmigkeit ist für die Schweizer Sakralarchitektur charakteristisch.
Renward Forer arbeitete an der frühen Ausstattung. Spätere Umbauten, der Einsturz des Langhausgewölbes 1826 und Restaurierungen veränderten jedoch den Bestand, sodass die heutige Einrichtung nicht ohne weiteres mit jener des frühen 17. Jahrhunderts gleichgesetzt werden darf. Die Baugeschichte muss deshalb immer in einzelnen Schichten gelesen werden.
Um 1620/21 entstanden an der Kirche zwei charakteristische Kapellen, deren Stiftung mit einem Gelübde Hans Ludwig Pfyffers verbunden wird. Nach der Überlieferung geriet Pfyffer auf einer Seereise nach Tunis in einen schweren Sturm und versprach im Fall seiner Rettung zwei Kapellen in Werthenstein. Gemeinsam mit seinem Bruder Christoph erfüllte er das Gelübde; 1621 wurden die Kapellen geweiht.
Damit begegnet eine anschauliche Form des Votivs. Nicht ein kleines Bild, ein Wachsobjekt oder ein Schmuckstück wurde gestiftet, sondern Architektur. Die Kapellen machen eine persönliche Gefahrenerfahrung dauerhaft im Baukörper des Wallfahrtsortes sichtbar. Sie zeigen zugleich, dass Votivpraxis alle sozialen Schichten umfasste: Arme Pilger konnten Kerzen oder kleine Gegenstände opfern, Angehörige der politischen Oberschicht monumentale Bauteile stiften.
Die Wallfahrt war bereits mehr als ein Jahrhundert alt, als die Franziskaner-Konventualen 1630 die Seelsorge übernahmen. In den folgenden Jahren, vor allem 1631 bis 1636, entstand unter einem Gesamtkonzept von Niklaus Geisler der grosse Klostertrakt. 1636 wurde das Kloster den Franziskanern übergeben. Die Ordensniederlassung ist somit nicht Ursprung, sondern Folge und organisatorische Verdichtung einer bereits lange bestehenden Wallfahrt.
Mit den Franziskanern erhielt Werthenstein eine dauerhafte institutionelle Basis für Predigt, Beichte, Gottesdienst, Pilgerbetreuung und die Pflege der Mirakeltradition. Gerade unter ihrer Leitung wurde das Heiligtum zu einem überregional bekannten Gnadenort. Der Kreuzgang, das Kloster, der Friedhof und die Kirche bilden bis heute ein Ensemble, das die Verbindung von Ordensleben und Wallfahrt räumlich sichtbar macht.
1649 veröffentlichten die in Werthenstein lebenden Franziskaner einen weit umfangreicheren Mirakelband unter dem Titel Puteus aquarum viventium Mariano-Werdtensteinensis, deutsch sinngemäss "Lebendiger Wasserbrunn Unserer Lieben Frau zu Werthenstein". Der Druck umfasst rund 180 Seiten und kündigt schon im Titel an, die grossen Mirakel und Wunderzeichen von 1615 bis zum Ende des Jahres 1648 zu erzählen. Damit schliesst er zeitlich an die ältere Überlieferung an und bringt mehrere Jahrzehnte franziskanischer Wallfahrtspraxis in eine gedruckte Ordnung.
Der Band ist redaktionell wesentlich stärker strukturiert als Ratzenhoffers frühe Schrift. Die Mirakel werden in mehrere Teile gegliedert. Bereits der Beginn macht deutlich, dass zuerst jene Gnaden behandelt werden, die sich auf Menschen beziehen, die sich ausdrücklich nach Werthenstein verlobten und den Ort aufsuchten; weitere Abschnitte ordnen Berichte nach räumlichen Zusammenhängen, darunter auch Ereignisse in Luzern. Der Druck vermittelt damit nicht nur einzelne Geschichten, sondern eine Geografie des Gnadenortes.
Aufschlussreich ist ein Hinweis am Ende des Werkes. Die Franziskaner räumen selbst ein, dass einzelne Berichte, die in späteren Teilen stehen, rückblickend vielleicht einer anderen Gruppe hätten zugeordnet werden müssen. Manche Nachrichten seien erst nachträglich bekannt geworden oder hinsichtlich des genauen Ortes nicht eindeutig gewesen. Diese redaktionelle Selbstkorrektur ist quellenkundlich wertvoll: Die Herausgeber präsentieren ihre Sammlung zwar devotional, behaupten aber nicht, jede Einzelinformation vollkommen sicher eingeordnet zu haben.
Der Titel Puteus aquarum viventium verwendet die Vorstellung des lebendigen Brunnens zunächst mariologisch. Maria wird als Quelle der Fürbitte und Gnaden verstanden. Gleichzeitig existierte am realen Pilgerweg unterhalb des Heiligtums das Gnadenbrünneli, dessen Wasser in der Wallfahrtspraxis verwendet wurde. Symbolische Brunnenmetapher und tatsächliche Quelle überlagerten sich deshalb auf anschauliche Weise.
Die Mirakelüberlieferung zeigt, dass Pilger am Brunnen Hände, Augen, Beine oder andere leidende Körperteile wuschen und Wasser mit nach Hause nahmen. Solche Handlungen sind bereits im 17. Jahrhundert belegt. Die religiöse Deutung des Wassers darf nicht mit einem naturwissenschaftlichen Heilversprechen verwechselt werden; kulturgeschichtlich gehört das Gnadenbrünneli jedoch eindeutig zur Praxis des Werthensteiner Kultes.
Die wichtigste volkskundliche Quelle ist das handschriftliche Wunderzeichenbuch. Die erhaltene Handschrift umfasst mehr als 160 Folioseiten und enthält 442 eigentliche Mirakelberichte. Anton Schwingruber hat den Text vollständig transkribiert und durch ein umfangreiches Personen- und Ereignisregister erschlossen. Das Register enthält noch deutlich mehr Einträge als die Zahl der Mirakel, weil darin auch Eltern, Ehepartner, Priester, Zeugen, Ärzte, Retter und andere Beteiligte aufgenommen sind.
Die Einleitung des Wunderzeichenbuchs erklärt selbst, weshalb die Sammlung angelegt wurde: Am Heiligtum befanden sich zahlreiche gemalte Votivtafeln und andere Dankgaben. Manche waren bereits verschwunden, andere durch Alter und Witterung unleserlich geworden. Deshalb sollten die noch greifbaren Berichte schriftlich gesichert werden. Genannt werden neben Tafeln auch Votivgaben aus Gold, Silber und Wachs, darunter Nachbildungen von Körperteilen. Zusätzlich vermerkt die Überlieferung 23 ältere Votivtafeln aus den Jahren 1606 bis 1755, bei denen zwar das Jahr noch bekannt, die zugrunde liegende Geschichte aber bereits verloren war. Das Wunderzeichenbuch ist damit selbst eine Art frühneuzeitliches Denkmalinventar des Votivwesens.
Die 442 Berichte ergeben zusammengenommen keinen Katalog medizinisch überprüfter Wunder, sondern einen ungewöhnlichen Querschnitt durch die Gefahren, Krankheiten, Ängste und Hoffnungen frühneuzeitlicher Menschen. Die folgende Auswahl orientiert sich an den im Wunderzeichenbuch und in Schwingrubers Register greifbaren Gruppen; Jahreszahlen werden nur dort genannt, wo sie in der überlieferten Transkription sicher fassbar sind. Die Formulierungen geben die religiöse Deutung der Quellen wieder und machen keine Aussagen über naturwissenschaftliche Kausalität.
Kinder, Geburt und familiäre Not. Um 1518 steckt sich ein etwa dreijähriger Knabe aus Wolhusen einen Pflaumenstein tief in die Nase; nach dem Gebet am frühen Marienort kommt der Stein heraus und wird später in der Kapelle als Sachvotiv aufgehängt. Ebenfalls in die früheste Überlieferung gehört Balthasar Grüter, der von einem frisch beschlagenen Pferd schwer am Kiefer verletzt wird. 1564 fällt der kleine Ueli Bühler bei Ebersecken in einen Brunnen und wird ohne Lebenszeichen herausgezogen; die Familie verbindet seine Rettung mit einem Gelübde und erfüllt die Wallfahrt wenige Tage später. 1576 fällt ein vierzehn Monate alter Knabe bei einer Mühle im Willisauer Amt vom nassen Steg in den Mühlbach und wird unter einem laufenden Mühlrad hindurchgetragen. 1574 treffen zwei Notsituationen dieselbe Familie: Margrith Muri liegt in schweren Geburtsnöten, während ihr sechsjähriger Sohn in der Küche in das Feuer fällt und siedendes Wasser über sich bekommt. Das Register nennt zahlreiche weitere Geburtsnöte, unter anderem Frauen aus Lumertschwil, Luzern, Entlebuch, Freiburg im Breisgau, Stüsslingen, Wattwil, Pfyn und Wohlen. Hinzu kommen Kinder, die sich in Wiegenbändern verfangen, aus Fenstern, von Erkern, Dächern, Bäumen oder Heubühnen fallen, in Brunnen, Bäche, Reuss oder Emme geraten, Pfirsichsteine, Nägel oder Knochen verschlucken oder sich an Feuer und Lauge verbrühen. Diese Gruppe macht die alltägliche Gefährdung von Kindern in vormodernen Haushalten sichtbar.
Bäume, Dächer, Gerüste und Arbeitsunfälle. Heinrich Achermann aus Richenthal stürzt 1612 ungefähr sechs Meter von einer Leiter im Kirschbaum auf die harte Strasse. Das Register nennt eine auffällige Häufung von Stürzen aus Kirsch-, Birn-, Nuss-, Buchen-, Eichen- und Tannenbäumen. Auch Holzerunfälle treten häufig auf. Jakob Kunz gerät 1642 mit einem Schleifwagen und drei Pferden auf verschneitem Gefälle ausser Kontrolle und hängt später eine Votivtafel auf. 1753 wird Konrad Mangoli bei Gettnau von einem schwer mit Holz beladenen Wagen begraben. Hinzu kommen Stürze von Hausdächern, Türmen, Aufrichten und Baugerüsten. Solche Berichte spiegeln eine Arbeitswelt, in der Höhenarbeit, Holztransport und bäuerliche Nutzung von Bäumen zum Alltag gehörten und schwere Verletzungen entsprechend häufig waren.
Wasserunfälle. Diese bilden eine der grössten Gruppen. Anna Hufschmid aus Escholzmatt gerät 1618 beim Viehhüten in die hochwasserführende Ilfis und gelobt in der Strömung eine Wallfahrt. Jakob Hüssin aus Wangen an der Aare erlebt Schiffbruch; weitere Gruppen geraten bei Brugg, im Rhein, auf dem Sempachersee, Zugersee und Bodensee in Not. 1639 fällt der achtjährige Johannes Stadelmann aus Schüpfheim von einem Steg in die Emme und wird vom Wasser fortgetragen. 1700 kentert ein Schiff auf dem Zugersee: Zwei Männer überleben, zwei ertrinken. Dieser Bericht zeigt, dass das Wunderzeichenbuch nicht jede Katastrophe vollständig glücklich enden lässt. 1738 geraten Johann Adam Burlemann aus Malters, Pferd, Wagen und Schwiegersohn in die hochgehende Emme; die Tochter gelobt am Ufer nach Werthenstein. 1765 fällt bei Wolhusen ein Kind auf dem Weg zur Christenlehre von einem Steg in die angeschwollene Emme und wird weit unter Wasser fortgetragen, bis ein Retter nachspringt. Reuss, Birs, Wigger, Mühlbäche und weitere Gewässer erscheinen ebenfalls regelmässig. Die Mirakelüberlieferung ist damit zugleich eine Quelle zur historischen Gefährlichkeit von Flüssen, Brücken und Wasserwegen.
Das Gnadenbrünneli. Verena Muffler aus Gams pilgert wegen eines schwer geschädigten Schenkels nach Werthenstein, wäscht die Wunde am Brunnen und verbindet den Aufenthalt mit Beichte, Kommunion und Gebet. 1637 bringt sie ihre fast erblindete Tochter Maria Jakobe nach Werthenstein und wäscht deren Augen zwei Tage nacheinander am Brünneli. Apollonia Aychler aus dem schwäbischen Raum kommt 1639 wegen eines schweren Fussleidens auf Krücken, wäscht den Fuss am aus dem Felsen kommenden Brunnen und lässt anschliessend die Krücken als Votivgabe zurück. Benedikt Hundsberger bei Burgdorf erhält 1639 von einer Pilgerin Werthensteiner Wasser, das ihm nach dem Bericht in Speise und Trank gegeben wird; zusätzlich wird eine Messe gestiftet. Maria Höss aus dem Elsass wird 1641 wegen Blindheit nach Einsiedeln und anschliessend nach Werthenstein gebracht, wo das Auge mit Wasser aus dem Marienbrünneli gewaschen wird. Hans Schneider aus Malters berichtet 1647 von wiederholten Waschungen bei einem Bruchleiden. Diese Fälle belegen eindeutig, dass die reale Quelle im 17. Jahrhundert Bestandteil der Wallfahrtspraxis war.
Krücken, Wachsvotive und andere materielle Dankgaben. Das Wunderzeichenbuch erwähnt Votivtafeln ebenso wie Gegenstände aus Gold, Silber und Wachs. Apollonia Aychler hängt 1639 zwei Holzkrücken in Werthenstein auf. Margareth Leu aus Franken kommt 1641 wegen eines schweren Knieschadens auf Krücken; eine Krücke lässt sie bereits unterwegs zurück, die zweite in Werthenstein. Anna Maria Deckhins aus der Gegend von Speyer lässt Krücken und Stock am Gnadenort. Agatha Bachmann aus dem Elsass legt nach einem langwierigen Lähmungsleiden ihre Krücken ab. Georg Peter aus Orbis lässt 1643 nach einem jahrelangen offenen Schenkelleiden seine Krücken zurück. Für Peter Lauber wird 1641 ein wächsernes Ärmlein gelobt; Maria Stöckli aus Malters verspricht 1692 wegen langjähriger Kopfschmerzen ein Wachszeichen. Solche Gegenstände machen sichtbar, wie körperliche Erfahrung in materielle Erinnerung übersetzt wurde.
Pferde, Ochsen und andere Tiere. Bereits die frühe Geschichte Balthasar Grüters betrifft einen Pferdetritt. Später werden Kinder und Erwachsene von Pferden geschlagen, von Wagen mitgerissen oder in Verbindung mit Reit- und Zugtieren verletzt. 1702 gerät Leonz Dürig unter einen umstürzenden Wagen und einen Ochsen. 1737 stiftet Kaspar Fischer aus Kottwil eine Votivtafel, nachdem ein entlaufener Ochse und ein Pferd samt Pflug unbeschädigt zurückgekehrt sind. 1740 gerät Niklaus Riner aus Kriens zwischen einen Stierzug und transportiertes Sägeholz; ein jugendlicher Begleiter gelobt für ihn eine Votivtafel. Auch Jagdunfälle erscheinen mehrfach. Die Berichte zeigen, wie eng Tierhaltung, Transport und persönliches Risiko miteinander verbunden waren.
Fuhrwerke, Wein- und Warentransport. Pferdeschlitten, Rübenwagen, Getreidewagen und Weinfuhren erscheinen regelmässig in den Berichten. Michael Bühlmann, Weinfuhrmann aus Sempach, wird 1639 von einem schwer beladenen Wagen überrollt. Mehrere weitere Weinfuhrleute aus Luzern, Alberswil und Sempach verunglücken mit ihren Transporten. 1701 gerät Christoph Stofer am Hauenstein mit einem Weinwagen ausser Kontrolle und gelobt eine Votivtafel. Die Geschichten sind zugleich Quellen zur frühneuzeitlichen Verkehrs- und Wirtschaftsgeschichte.
Feuer, Blitz und Wetter. Einzelne Häuser, Backhäuser, Scheunen und ganze Orte erscheinen in Brandnot. Das Register nennt den grossen Brand von Luzern, den Brand von Sursee am 10. November 1650 und weitere Feuersbrünste. 1707 bedroht ein durch schweres Gewitter ausgelöstes Feuer Dagmersellen; im Namen der Pfarrei Altishofen wird eine Prozession nach Werthenstein gelobt. 1726 verspricht Konrad Neff aus Willisau eine Votivtafel, als Feuer in einem Garbenstock ausbricht und kaum Wasser verfügbar ist. 1731 wird Jakob Müller beim Läuten im Kirchturm von Emmen vom Blitz getroffen; der Bericht beschreibt sogar den angenommenen Weg des Blitzes durch den Körper. 1736 verspricht Klaus Jost in Feuersnot ein Messgewand. Wetter- und Brandgefahren gehören damit neben Krankheit und Unfall zu den wichtigsten Anlässen kollektiver wie persönlicher Gelübde.
Krieg, Gefangenschaft und Gewalt. Das Wunderzeichenbuch enthält Berichte von Menschen im Kriegsdienst in Holland, Lothringen und anderen Regionen. Ein anschaulicher Fall betrifft Theodosius Dietrich Paulus aus Saarburg, der 1642 in Italien einen Kopfschuss erhält. Das Gelübde richtet sich nicht auf körperliche Heilung, sondern darauf, dass der Verwundete noch einmal zu Bewusstsein komme und beichten könne; nach dem Bericht gelingt dies, danach stirbt er. Die "Gnade" besteht hier also in geistlicher Vorbereitung auf den Tod. Elisabeth Ulmer aus Zürich wird 1642 wegen ihres katholischen Glaubens gefangengesetzt, flieht an einem Seil und stürzt, als dieses reisst. Weitere Berichte betreffen Bauernkrieg, Räuber, Messerangriffe, Schussverletzungen und Gefangenschaft. Sie zeigen, dass Werthenstein auch in politischen und konfessionellen Krisen angerufen wurde.
Krankheit, Behinderung und chronisches Leiden. Das Register nennt Wassersucht, Gicht, Blutungen, Augenleiden, Gehörlosigkeit, Lähmungen, Brüche, langwierige Schmerzen und schwere Hauterkrankungen. Menschen werden als von Geburt an gehbehindert, "lahm und krumm" oder an Händen und Füssen gelähmt beschrieben. 1714 berichtet Johann Jost Meyer aus Willisau, er habe ein Jahr weder stehen noch gehen können; sein Gelübde verbindet Rosenkranz, Messe und Votivtafel. 1725 erscheint Appollonia Kurmann mit einem schweren Lähmungsleiden. Auch psychische und seelische Zustände werden überliefert, darunter Schwermut und als Geisteskrankheit bezeichnete Krisen. Die Begriffe der Quelle entsprechen nicht moderner Medizin und dürfen nicht nachträglich diagnostisch umgedeutet werden.
Ungewöhnliche Verletzungen und verschluckte Gegenstände. Ein Kind hat einen Knochen im Hals, ein anderes verschluckt einen Pfirsichstein, ein weiteres einen kopflosen Nagel. Überliefert sind Verletzungen durch Schusteraalen, Zaunstecken, Eisensplitter, Spiesse, Kuhhörner und Werkzeuge. Manche dieser Berichte wirken aus heutiger Sicht kurios, waren für die Beteiligten jedoch akute lebensbedrohliche Situationen. Gerade solche Fälle machen das Wunderzeichenbuch zu einem ungewöhnlichen Quellenbestand zur Alltagsgeschichte.
Reise- und Fernwallfahrtsgefahren. Jakob Meyer aus Willisau stürzt 1615 auf dem Gotthard mit seinem Pferd in eine Gletscherspalte; vorbeikommende Soldaten helfen bei der Rettung. Andere Reisende geraten am Gotthard in Schneegefahr. Ein Pilger verunglückt auf einer Romfahrt, ein anderer erkrankt auf einer Jakobspilgerreise in Frankreich. Mehrere Soldaten erleben Schiffbruch an der Loire; ein weiterer Bericht reicht bis Ancona. Das zeigt, dass Werthenstein in die Mobilität von Soldaten, Pilgern, Händlern und Reisenden eingebunden war und auch aus grosser Entfernung als Gelübdeort angerufen wurde.
Kollektive und kommunale Gelübde. Wesentlich ist das Gelübde von Oensingen 1686. Die Gemeinde verpflichtet sich für zwanzig Jahre, jährlich drei Pilger nach Werthenstein zu schicken und dort drei Messen bezahlen zu lassen. Anliegen sind religiöse Erneuerung, Vergebung und Schutz vor Not und schädlichem Wetter. 1707 gelobt die Pfarrei Altishofen im Zusammenhang mit der Feuersbrunst von Dagmersellen eine Prozession nach Werthenstein. 1746 wird eine ganze Pfarrei in einer gefährlichen Kriegssituation dem Gnadenort verlobt und lässt anschliessend Messgelder an den Guardian schicken. Solche Fälle zeigen, dass Wallfahrt nicht nur Privatsache war. Gemeinden konnten stellvertretende Pilger entsenden und langfristige Verpflichtungen eingehen.
Nicht jede Geschichte endet mit vollständiger Heilung. Der bereits erwähnte Theodosius Dietrich Paulus stirbt nach seinem Kopfschuss, erhält nach der religiösen Deutung aber noch die Möglichkeit zu Beichte und bewusstem Sterben. Bei einem Zugersee-Unglück 1700 sterben zwei Männer, während zwei andere überleben. Andere Berichte nennen Menschen, die nach einem Unfall noch Sakramente empfangen, aber dennoch sterben. Das ist quellenkritisch wichtig: Das Wunderzeichenbuch konstruiert nicht ausschliesslich Erzählungen vollständiger körperlicher Rettung. "Gnade" kann auch geistlichen Beistand, Sakramentenempfang oder die Rettung einzelner Menschen innerhalb einer Katastrophe bedeuten.
Der geografische Einzugsbereich. Neben Luzern, Willisau, Entlebuch, Malters, Ruswil, Wolhusen, Schüpfheim, Pfaffnau und Grosswangen erscheinen Pilger aus Schwyz, Uri, Unterwalden, Zug, Solothurn, dem Freiamt, Freiburg, Bern, Thurgau und weiteren Schweizer Regionen. Besonders auffällig ist der oberrheinisch-süddeutsche Raum: Elsass, Breisgau, Freiburg im Breisgau, Schwaben, Gegend von Memmingen, Speyer und Franken. Einzelne Nachrichten führen bis Lothringen, Frankreich und Italien. Das Wunderzeichenbuch ist damit zugleich eine Quelle zur überregionalen Kommunikations- und Bewegungslandschaft eines Luzerner Marienheiligtums.
Bei aller Vielfalt der Ereignisse wiederholt sich ein überschaubares Repertoire religiöser Handlungen. Menschen geloben eine Wallfahrt, eine Messe, einen Rosenkranz oder Fasten; sie versprechen eine Votivtafel, ein Wachszeichen, ein Messgewand oder eine Geldgabe; manche lassen Krücken oder den Gegenstand einer Gefahr zurück. Häufig erfüllen nicht die Betroffenen selbst, sondern Eltern, Ehepartner, Kinder, Priester oder ganze Gemeinden das Gelübde. Die Wallfahrt ist damit ein soziales Geschehen. Krankheit und Gefahr werden in Familie und Nachbarschaft mitgetragen, Gelübde werden stellvertretend ausgesprochen, und die Erfüllung erfolgt gemeinschaftlich.
Aufschlussreich sind Fälle, in denen mehrere Wallfahrtsorte gleichzeitig gelobt werden. Werthenstein, Einsiedeln, St. Jost auf Blatten, Heiligkreuz und andere Gnadenorte erscheinen nicht als konkurrierende religiöse "Marken", sondern als Teile eines Netzes. Pilger konnten verschiedene Orte miteinander verbinden oder je nach Anliegen mehrere Heiligtümer anrufen. Die Zentralschweizer Wallfahrtslandschaft bestand deshalb aus Bewegungsbeziehungen, nicht aus isolierten Punkten.
Der Vergleich zwischen Handschrift und Druck zeigt unterschiedliche Funktionen. Das Wunderzeichenbuch sammelt eine grosse Zahl lokaler Einzelberichte und bewahrt Details, Namen, Herkunftsorte und konkrete Votivformen. Ratzenhofer 1618 verdichtet Ursprung und frühe Wunder zu einer handlichen gedruckten Wallfahrtsgeschichte. Der Franziskanerband von 1649 systematisiert dagegen mehrere Jahrzehnte neuer Mirakel, ordnet sie in Teile und stellt Werthenstein ausdrücklich als weithin berühmten Gnadenort dar. Druck macht aus der lokalen Erinnerung ein überregionales Kommunikationsmittel.
Die Auswahl im Druck ist deshalb selbst eine Quelle. Nicht jede im handschriftlichen Bestand vorhandene Geschichte musste gedruckt werden; ausgewählt wurden Fälle, die sich zur religiösen Erbauung, zur Darstellung der Reichweite des Kultes oder zur Veranschaulichung bestimmter Gnadentypen eigneten. Zugleich zeigt die redaktionelle Bemerkung von 1649, dass die Franziskaner mit einem heterogenen Material arbeiteten, dessen Herkunft und Ortszuweisung nicht immer vollständig sicher war. Das macht eine kritische Nutzung der Drucke notwendig, mindert ihren kulturhistorischen Wert aber nicht.
Im späten 18. Jahrhundert erschien ein weiterer umfangreicher Wallfahrtsdruck unter dem Titel Kurze Beschreibung der weltberühmten und herrlichen Wallfahrt der schmerzhaften Mutter Gottes Mariae zu Werdenstein, Zug 1781. Schon der Titel zeigt das Selbstverständnis des Heiligtums. Der Druck enthält erneut Gnaden- und Mirakelberichte und gibt die Zahl der jährlichen Kommunikanten mit ungefähr 80.000 an. Diese Zahl darf nicht wie eine moderne Besucherstatistik behandelt werden; sie ist eine Angabe aus devotionaler Literatur und kann rhetorisch zugespitzt sein. Dennoch belegt sie die ausserordentliche Bedeutung, die Werthenstein im 18. Jahrhundert für sich beanspruchte und offenbar auch tatsächlich besass.
Aufschlussreich ist die Bemerkung, dass dabei jene Wallfahrer nicht einmal mitgerechnet seien, die auf ihrer Reise an anderen Gnadenorten wie Hergiswald, Heiligkreuz oder Heilig Blut in Willisau kommunizierten. Damit wird das Netzwerk der Zentralschweizer Wallfahrt unmittelbar sichtbar. Pilger verbanden mehrere Orte miteinander und bewegten sich innerhalb einer regionalen Sakrallandschaft.
Der Wallfahrtsverkehr prägte auch die Siedlungs- und Verkehrsgeschichte. Eine Brücke über die Kleine Emme ist bereits im 16. Jahrhundert nachweisbar; die heutige gedeckte Holzbrücke stammt aus dem 18. Jahrhundert. Die Strasse über Werthenstein wurde in der Blütezeit des Heiligtums stark benutzt. Der Siedlungskern unterhalb und um den Wallfahrtsort entwickelte sich wesentlich im Zusammenhang mit Pilgerverkehr, Kloster und Dienstleistungen.
Die Brücke ist deshalb mehr als ein malerisches Architekturmotiv. Sie gehört funktional zur Wallfahrt. Wer von der gegenüberliegenden Seite kam, überschritt hier den Fluss und begann den Aufstieg zum Heiligtum. Verkehrsgeschichte und Frömmigkeitsgeschichte greifen unmittelbar ineinander.
Auch Kaspar Meglinger, bekannt durch den Totentanz an der Luzerner Spreuerbrücke und den späteren Bilderhimmel von Hergiswald, arbeitete in Werthenstein. Für den Klosterbereich schuf er unter anderem Malereien und eine Darstellung zur Gründung. Der Kreuzgang verband Kirche, Kloster und Friedhof und bot zugleich Raum für Erinnerung, Gebet und Prozession. Der Werthensteiner Komplex gehört damit zu jener Zentralschweizer Sakralkultur des 17. Jahrhunderts, in der Malerei, Architektur, Wallfahrt und Ordensleben eng zusammenspielten.
Am 5. Februar 1826 stürzte das Tuffsteingewölbe des Langhauses ein. Das Ereignis beschädigte den Innenraum und Teile der Ausstattung erheblich. Auch der damalige Kreuzaltar beziehungsweise der Bereich des Gnadenbildes war betroffen. Die heutige Kirche ist deshalb das Ergebnis mehrerer Wiederherstellungs- und Restaurierungsphasen. Für kunsthistorische Aussagen muss stets zwischen dem frühbarocken Zustand, Veränderungen des 18. Jahrhunderts, Schäden von 1826 und späteren Restaurierungen unterschieden werden.
Die politischen Veränderungen des 19. Jahrhunderts brachten einen tiefen institutionellen Bruch. 1838 hob die Luzerner Regierung das Franziskanerkloster auf. Teile des Inventars wurden verkauft oder zerstreut. Die Kirche blieb jedoch bestehen und diente weiterhin als Pfarr- und Wallfahrtskirche. Damit endete zwar die jahrhundertelange franziskanische Präsenz, nicht aber die religiöse Funktion des Ortes.
Das ehemalige Kloster wurde anschliessend unterschiedlich genutzt. Unter anderem befand sich zeitweise eine Taubstummenanstalt in Teilen der Anlage. Von 1909 bis 1980 wirkten die Missionare von der Heiligen Familie in Werthenstein und trugen wiederum zur Seelsorge bei. Die Ordensgeschichte des Ortes besteht somit aus mehreren Phasen, deren wichtigste für die klassische Wallfahrtsblüte jedoch die Zeit der Franziskaner-Konventualen bleibt.
Die Votivkultur blieb bis weit in das 20. Jahrhundert lebendig. Umso bedauerlicher ist, dass im Zusammenhang mit Renovierungen in den 1970er Jahren zahlreiche beim Marienaltar aufgehängte Dankeszeichen entfernt wurden und ein grosser Teil des Bestandes verloren ging. Auch später neu angebrachte Votivtafeln wurden teilweise wieder abgenommen. Aus heutiger volkskundlicher Sicht bedeutet dies den Verlust eines wichtigen sozialgeschichtlichen Archivs.
Deshalb besitzt die schriftliche Überlieferung des Wunderzeichenbuches einen so hohen Wert. Sie bewahrt zumindest die Geschichten zu vielen jener materiellen Zeugnisse, die nicht mehr vorhanden sind. Der frühneuzeitliche Versuch, Votive vor dem Vergessen zu retten, hat sich damit nach Jahrhunderten als besonders vorausschauend erwiesen.
Werthenstein ist trotz der historischen Brüche kein ausschliesslich musealer Ort. Die Kirche wird als Pfarr- und Wallfahrtskirche genutzt, und organisierte Fusswallfahrten aus umliegenden Gemeinden finden weiterhin statt. Darüber hinaus liegt Werthenstein in einem grösseren Netz heutiger Pilgerwege. Die Formen haben sich verändert, doch das Grundmotiv des Aufsuchens eines besonderen Ortes ist erhalten geblieben.
Für Besucher ist gerade die Verbindung von Landschaft, Brücke, Aufstieg, Quelle, Kirche und Kloster anschaulich. Werthenstein lässt sich nicht auf ein einzelnes Gnadenbild reduzieren. Der historische Wallfahrtsraum erschliesst sich erst im Zusammenspiel seiner verschiedenen Orte.
Werthenstein ist für die Geschichte der schweizerischen Wallfahrt von ungewöhnlicher Bedeutung. Die frühe Ortslegende, die Pietà von Fribach, der Neubau der Kirche, die monumentalen Votivstiftungen der Pfyffer, die Franziskanergründung, das Gnadenbrünneli und die dichte Mirakelüberlieferung bilden mehrere aufeinander aufbauende Kultschichten. Besonders selten ist die Überlieferungslage: Handschrift, gedruckte Wallfahrtsliteratur und kunsthistorische Quellen erlauben es, die Wallfahrt nicht nur aus späteren Rückblicken, sondern aus der Perspektive ihrer Blütezeit zu untersuchen.
Das Wunderzeichenbuch mit seinen 442 Berichten ist dabei weit mehr als eine Sammlung frommer Geschichten. Es ist ein Archiv der Alltagsgefahren: Kinderunfälle, Geburt, Krankheit, Feuer, Hochwasser, Vieh, Holzarbeit, Fuhrwerke, Krieg, Reise und Tod. Gleichzeitig ist es ein Archiv religiöser Handlungen: Gelübde, Messe, Rosenkranz, Prozession, Votivtafel, Wachszeichen, Krücke, Brunnenwasser und Dankwallfahrt. Diese Verbindung macht Werthenstein zu einem herausragenden volkskundlichen Quellenort.
Ratzenhoffer, Niklaus: Kurtze Erzehlung dess Vrsprungs, vnd der Wunderzeichen dess Gottshauses vnser lieben Frawen zu Werdenstein, in der Statt Lucern hohen Landts Obrigkeit in der Eydtgnoschafft gelegen. München 1618. 4 ungezählte Blätter und 97 Seiten. Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern. Früher gedruckter Bericht über Ursprung und Mirakel der Wallfahrt.
Puteus aquarum viventium Mariano-Werdtensteinensis. Das ist: Lebendiger Wasserbrunn Unser Lieben Frauen zu Werdtenstein. Oder: Eigentliche Erzählung grosser Mirakel und Wunderzeichen ... beschrieben von dem 1615. bis zu Ende des verflossenen 1648. Jahrs durch die allda wohnenden ehrwürdigen Väter Sanct Francisci Conventualen. Hohenems 1649. Zentralbibliothek Zürich. Umfangreicher franziskanischer Mirakeldruck mit systematischer Gliederung des Materials.
Wunderzeichenbuch Werthenstein. Handschriftliche Sammlung mit 442 Mirakelberichten sowie zusätzlichen Hinweisen auf ältere Votivtafeln. Vollständige Transkription und Register von Anton Schwingruber, 2020. Für die volkskundliche Auswertung der Votiv- und Mirakelüberlieferung von zentraler Bedeutung.
Kurze Beschreibung der weltberühmten und herrlichen Wallfahrt der schmerzhaften Mutter Gottes Mariae zu Werdenstein. Zug 1781. Spätbarocker Wallfahrtsdruck mit Gnadenberichten und Angaben zur Reichweite der Wallfahrt.
Weber, Peter Xaver: Wallfahrtskapelle und Familie von Fribach (Freibach Kt. BE). In: Der Geschichtsfreund 92, 1937, S. 307-313. Wichtig für die Vorgeschichte des Werthensteiner Gnadenbildes.
Horat, Heinz: Wallfahrtskirche Werthenstein LU. Schweizerische Kunstführer, Nr. 312. Bern 1981.
Horat, Heinz: Die Kunstdenkmäler des Kantons Luzern. Neue Ausgabe I: Das Amt Entlebuch. Bern 1987, S. 357-431 zu Werthenstein. Grundlegende kunsthistorische Darstellung von Kirche, Kloster, Baugeschichte und Ausstattung.
Helvetia Sacra. Abteilung V, Bd. 1, S. 288-299. Zur Geschichte der Franziskanerniederlassung Werthenstein.
Glauser, Fritz; Siegrist, Jean-Jacques: Die Luzerner Pfarreien und Landvogteien. 1977. Quellen- und verwaltungsgeschichtlicher Kontext.
Schwingruber, Anton u. a.: Die Gemeinde Werthenstein. 1989. Ortsgeschichtliche Gesamtdarstellung.
Historisches Lexikon der Schweiz: Artikel Werthenstein. Überblick zu Wallfahrt, Kloster, Kirche, Siedlungs- und Verkehrsgeschichte.
Pastoralraum Region Werthenstein: aktuelle kirchliche Angaben zu Pfarrei, Wallfahrt, Gottesdiensten und Kontakt. Für historische Aussagen nicht als Hauptquelle verwendet.
Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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