Beromünster - Stiftskirche St. Michael, sakraler Erinnerungs- und Pilgerort

Schnellüberblick
Wallfahrt:Historisch aus mittelalterlichen Flur-, Grenz- und Sakramentsprozessionen hervorgegangene Auffahrtswallfahrt des Michelsamtes. Eine Prozession von der Stiftskirche St. Michael über die Pfarrkirche St. Stephan in die Fluren ist bereits 1314 urkundlich fassbar; seit 1420 ist die Sakramentsprozession nachweisbar, 1509 wurde der grosse berittene Auffahrtsumritt in seiner neu geordneten Form institutionalisiert. Bis heute verbindet die "Uffert" Fusswallfahrt, Reiterprozession, Eucharistie, Flur- und Pferdesegen, Predigt, Gebet und feierlichen Abschluss in Beromünster.
Status:Aktives weltliches Chorherrenstift und Stiftskirche, sakraler Erinnerungs- und Pilgerort sowie bedeutendes Zentrum mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Reliquien-, Memorial- und Prozessionskultur. Stiftskirche und Kirchenschatz sind als Kulturgut von nationaler Bedeutung eingestuft.
Kultzentrum:Eucharistische Auffahrtswallfahrt und Flursegen im historischen Michelsamt; St. Michael als Patron des Chorherrenstifts, mittelalterliche Reliquienkultur einschliesslich einer um 1300 bezeugten Michaels-Steinreliquie sowie Stifter- und Totengedächtnis des Stifts. Kein einzelnes Gnadenbild bildet das Zentrum der Wallfahrt.
Ort:Beromünster.
Region:Michelsamt / Kanton Luzern.
Land:Schweiz.
Lage und Besuch
•Chorherrenstift St. Michael, Stift 1, 6215 Beromünster, Kanton Luzern, Schweiz.
Die Stiftskirche liegt auf der leicht erhöhten Stiftsterrasse unmittelbar beim historischen Flecken Beromünster. Zum Stiftsbezirk gehören neben der Kirche unter anderem Propstei, Kapitelhaus, Stiftsbibliothek, Stiftsarchiv, Kapellen und zahlreiche historische Chorhöfe.
•Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte in der Schweiz
•Ansicht in Street View
•Besuch: Die Stiftskirche ist ein lebendiger Gottesdienst- und Gebetsort. Führungen durch Kirche und Kirchenschatz sowie besondere liturgische Feiern und der Auffahrtsumritt folgen eigenen Zeiten und Organisationsformen; für einen gezielten Besuch empfiehlt sich die Kontrolle der aktuellen Angaben des Chorherrenstifts beziehungsweise der Kirchgemeinde.
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Gesucht werden insbesondere Aufnahmen der Stiftskirche und des Stiftsbezirks, der romanischen und barocken Bauteile, der Krypta und des Stiftergedächtnisses, des Chorgestühls, der Altäre und Kanzel, des Kirchenschatzes und der Reliquiare, des Heiligen Grabes, der Himmelfahrtsfigur und der Gewölbeöffnung, des Auffahrtsumritts mit Fusswallfahrern und Reitern, der Monstranz, der geschmückten Triumphbögen, von Flur- und Pferdesegen sowie des feierlichen Wiedereinzugs in Beromünster.

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Ausführliche Beschreibung

Ein sakraler Erinnerungs- und Pilgerort ohne einzelnes Gnadenbild

Die Stiftskirche St. Michael in Beromünster gehört zu den bedeutendsten Sakralorten der Innerschweiz. Ihre Stellung innerhalb einer Dokumentation der Wallfahrtsorte ist jedoch genauer zu bestimmen als bei einer klassischen Marien-, Heiligen- oder Reliquienwallfahrt. In Beromünster steht weder ein einziges Gnadenbild noch eine einzelne Reliquie im Zentrum einer kontinuierlichen Ortswallfahrt. Die Pilgerbedeutung erwächst vielmehr aus einem über Jahrhunderte gewachsenen Geflecht von Stiftergedächtnis, Michaelsverehrung, Reliquienkultur, Eucharistie, Chorherrenliturgie, Flur- und Sakramentsprozessionen sowie dem bis heute lebendigen Auffahrtsumritt.

Diese Mehrschichtigkeit macht Beromünster kulturwissenschaftlich besonders wertvoll. Das Stift ist nicht nur ein Ort, zu dem Menschen pilgern, sondern ein Zentrum, von dem aus das Heilige in die Landschaft getragen wird. Beim Auffahrtsumritt verlässt das Allerheiligste den Kirchenraum, zieht durch Felder und Dörfer, segnet Menschen, Tiere und Fluren und kehrt anschliessend in den sakralen Mittelpunkt zurück. Wallfahrt, Prozession und Landschaftsritual greifen dabei ineinander. Die Stiftskirche bildet in diesem System Herkunfts-, Gedächtnis- und Abschlussraum.

Kein Kloster, sondern ein weltliches Chorherrenstift

St. Michael ist kein Mönchskloster. Das Chorherrenstift ist ein weltliches Kollegiatstift, dessen Mitglieder dem Weltklerus angehören und nicht nach einer monastischen Ordensregel leben. Diese Unterscheidung ist für die Geschichte des Ortes wesentlich. Die Chorherren bildeten eine geistliche Gemeinschaft mit regelmässigem Chorgebet, verwalteten umfangreichen Besitz, übten Herrschafts- und Patronatsrechte aus und prägten über Jahrhunderte das kirchliche, politische und kulturelle Leben des Michelsamtes.

Urkundlich ist das Stift 1036 als "Peronis monasterium" im Zusammenhang mit der dem hl. Michael geweihten Kirche greifbar. Archäologische Untersuchungen weisen jedoch auf eine ältere Sakraltradition hin. Die moderne Bauforschung konnte unter beziehungsweise innerhalb der späteren Stiftsanlage Spuren eines wahrscheinlich karolingischen Vorgängerbaus feststellen. Damit reicht die sakrale Nutzung des Platzes hinter die erste sichere schriftliche Nennung zurück.

Bero und die Gründungsüberlieferung

Der Name Beromünster ist eng mit der Gestalt Bero verbunden. In der späteren Gründungsüberlieferung erscheint Bero als Angehöriger beziehungsweise Vorfahr der Lenzburger Grafen. Eine weit verbreitete Sage erzählt, bei einer Bärenjagd sei ein naher Angehöriger oder Sohn Beros ums Leben gekommen; aus Trauer habe Bero am Ort des Unglücks eine Kirche oder geistliche Stiftung errichtet. Die Erzählung verbindet den Ortsnamen, den Bären und die Stiftung zu einer sinnstiftenden Herkunftsgeschichte.

Historisch lässt sich diese Gründungserzählung nicht als Tatsachenbericht belegen. Sie gehört in die Memorial- und Sagengeschichte des Stifts. Archäologisch ist dagegen eine frühe kirchliche Nutzung des Platzes tatsächlich nachweisbar. Deshalb sollten Legende und Befund weder gleichgesetzt noch gegeneinander ausgespielt werden: Die Archäologie belegt einen alten Sakralort; die Bero-Erzählung zeigt, wie spätere Generationen dessen Ursprung erklärten und personifizierten.

Das Stiftergedächtnis als historische Realität

Unabhängig von der historischen Greifbarkeit der Person Bero ist das über Jahrhunderte gepflegte Stiftergedächtnis selbst eine historische Tatsache. Die Stiftskirche wurde mit der Erinnerung an die Lenzburger und besonders an Bero und Ulrich verbunden. Grabüberlieferungen, Inschriften, liturgische Kommemoration und spätere kunsthistorische Forschungen zeigen, dass die Stifter nicht nur als Namen einer fernen Vergangenheit verstanden wurden, sondern als Bestandteile der institutionellen Identität des Stifts.

Beromünster ist deshalb bereits in seiner Frühgeschichte ein sakraler Erinnerungsort. Erinnerung bedeutet hier nicht museales Anschauen eines Grabmals, sondern liturgische Memoria: Verstorbene Stifter und Wohltäter werden in Gebet, Messstiftungen und institutionellem Gedächtnis gegenwärtig gehalten. Diese Form der Memoria gehört zu den Grundlagen mittelalterlicher Stiftskultur.

Die frühromanische Basilika und ihre Fortdauer im heutigen Bau

Die Stiftskirche des 11. Jahrhunderts war eine frühromanische, dreischiffige Basilika mit Querhaus und Ostabschluss. Bedeutende Teile dieser mittelalterlichen Struktur sind im heutigen Bau trotz späterer Umbauten erhalten. Die Kirche wurde über Jahrhunderte erweitert, erneuert und barock beziehungsweise rokokoisiert, ohne dass der romanische Kern vollständig verschwand.

Diese bauliche Schichtung ist für die Wirkung des Ortes wesentlich. Beromünster besitzt keine stilistisch einheitliche "mittelalterliche" Kirche, sondern einen historischen Organismus, in dem Romanik, Spätmittelalter, Renaissance, Barock und Rokoko ineinandergreifen. Wie die liturgische Tradition besteht auch die Architektur aus übereinanderliegenden Zeitschichten.

Die Krypta als Raum von Alter, Grab und Gedächtnis

Unter dem Chor liegt die Krypta, einer der ältesten erhaltenen Bereiche des Sakralbaus. Krypten besitzen in mittelalterlichen Kirchen häufig eine besondere Nähe zu Reliquien, Grabstätten und Stiftergedächtnis. Auch in Beromünster verstärkt die unterirdische Lage die Verbindung zwischen Kirchenbau und Erinnerung an die frühe Geschichte des Stifts.

Die Krypta ist daher nicht bloss architektonische Sehenswürdigkeit. Sie gehört zur räumlichen Dramaturgie eines Ortes, an dem Vergangenheit religiös erinnert wurde. Oberirdisches Chorgebet und unterirdische Memorialräume bilden unterschiedliche Ebenen desselben sakralen Gedächtnisses.

St. Michael als Patron des Stifts

Der Erzengel Michael ist seit der frühen Stiftsgeschichte Hauptpatron. Das Michaelspatrozinium verbindet Beromünster mit einer im Mittelalter weit verbreiteten Verehrung des Erzengels als himmlischen Kämpfer, Seelenwäger, Schutzpatron und Vermittler zwischen himmlischer und irdischer Ordnung. Der Name des Michelsamtes bewahrt diese Verbindung bis in die politische und landschaftliche Bezeichnung hinein.

Die Michaelsverehrung darf dennoch nicht mit einer eigenständigen, historisch lückenlos belegten "Michaelswallfahrt" gleichgesetzt werden. In den bisher ausgewerteten Quellen fehlt ein klarer Nachweis eines Gnadenbildkultes oder einer spezifischen Heilungswallfahrt zum Erzengel. Michael ist Patron und geistlicher Identifikationspunkt des Stifts; die eigentliche grosse Pilgertradition konzentriert sich dagegen auf Eucharistie, Flurprozession und Auffahrt.

Eine Michaels-Steinreliquie um 1300

Die mittelalterliche Michaelsverehrung war allerdings materiell stärker ausgeprägt, als das Patrozinium allein erkennen lässt. In einem silbervergoldeten Prozessionskreuz des Stifts aus der Zeit um 1300 ist ein Reliquienfragment mit der Beschriftung "de petra sancti Mychahelis" belegt, also ein als Stein des hl. Michael verehrtes Stück. Daneben enthält das Kreuz weitere Reliquien, unter anderem solche, die mit Stephanus und Placidus verbunden wurden.

Ein spätmittelalterliches Reliquienverzeichnis nennt zudem ein "magnum frustum de petra s. Michahelis", ein grösseres Fragment eines Michaelssteines. Ob beide Angaben dasselbe beziehungsweise zusammengehörige Material bezeichnen, ist nicht mit letzter Sicherheit geklärt. Ebenso bleibt die genaue geographische Herkunft offen. In der europäischen Michaelsverehrung konnten Steinreliquien mit bedeutenden Michaelsheiligtümern verbunden werden; für Beromünster ist eine konkrete Herkunft etwa aus Monte Sant'Angelo jedoch nicht sicher nachweisbar und sollte deshalb nicht behauptet werden.

Reliquienbesitz und Wallfahrt sind nicht dasselbe

Der Befund ist für die Geschichte des Stifts hoch bedeutend, darf jedoch nicht zu einem automatischen Wallfahrtsnachweis umgedeutet werden. Mittelalterliche Kirchen besassen oft grosse Reliquiensammlungen, ohne dass zu jeder einzelnen Reliquie eine eigene Wallfahrt bestand. Reliquien dienten Altarweihen, Festliturgien, Prozessionen, Schutzvorstellungen und der sakralen Autorität eines Gotteshauses.

Beromünster zeigt gerade deshalb, wie komplex mittelalterliche Heiligenverehrung war. Der Kirchenschatz bildete ein dichtes Netz heiliger Bezüge. Nicht ein einziges Gnadenobjekt dominierte alles; viele Reliquien und Heiligenfeste waren in Liturgie und Prozessionswesen eingebunden.

Dörflingers Reliquienverzeichnis des 15. Jahrhunderts

Eine der wichtigsten Quellen für diese religiöse Sachkultur ist das im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts angelegte Reliquienverzeichnis des Kaplans Johann Dörflinger. Konrad Lütolf publizierte den Text 1918. Das Verzeichnis dokumentiert einen umfangreichen Bestand an Heiligenreliquien und gibt Einblick in deren Aufbewahrung und Ordnung.

Unter den zahlreichen Zuschreibungen finden sich auch Reliquien des Apostels Jakobus des Älteren. Daraus darf nicht ohne weiteres eine Jakobuswallfahrt nach Beromünster konstruiert werden. Der Befund zeigt aber, dass das Stift in das weitgespannte mittelalterliche System von Reliquienverehrung und Heiligenmemoria eingebunden war.

Das Warnebertus-Reliquiar

Zu den bedeutendsten Objekten des Kirchenschatzes gehört das sogenannte Warnebertus-Reliquiar, ein kleines vergoldetes Reliquienkästchen aus dem späten 7. beziehungsweise frühen 8. Jahrhundert. Es ist damit erheblich älter als die urkundlich sicher fassbare Geschichte des Stifts. Kunsthistorisch und epigraphisch zählt es zu den herausragenden frühmittelalterlichen Reliquienbehältern im Schweizer Raum.

Die Vorgeschichte des Stücks ist nicht vollständig geklärt. Ältere Deutungen versuchten, seinen Weg nach Beromünster mit frühen Stiftungen, Transfers oder kriegerischen Ereignissen zu erklären. Keine dieser Provenienzgeschichten ist in allen Einzelheiten gesichert. Im Artikel ist deshalb zwischen Datierung des Objekts und unbekanntem beziehungsweise nur hypothetisch rekonstruiertem Weg nach Beromünster zu unterscheiden.

Kirchenschatz als materielles Gedächtnis

Der Beromünsterer Kirchenschatz gehört zu den bedeutenden kirchlichen Sammlungen der Schweiz. Reliquiare, Kreuze, liturgische Geräte, Elfenbeinarbeiten, Handschriften und Paramente dokumentieren eine mehr als tausendjährige religiöse Kultur. Die Gegenstände sind nicht bloss Kunstwerke im modernen musealen Sinn. Viele wurden für Liturgie, Prozession und Heiligenverehrung geschaffen und besassen konkrete Funktionen innerhalb des Stiftslebens.

Gerade Prozessionskreuze und tragbare Reliquiare zeigen, dass sakrale Objekte beweglich gedacht waren. Sie konnten den Kirchenraum verlassen und in die Landschaft getragen werden. Diese Mobilität bildet eine direkte Verbindung zwischen Kirchenschatz und Prozessionskultur.

1798: Verluste und Neuordnungen des Reliquienbestandes

Die heutige Sammlung entspricht nicht mehr vollständig der mittelalterlichen Ordnung. Im Zusammenhang mit den politischen und finanziellen Belastungen der Helvetischen Zeit und den französischen Kontributionsforderungen von 1798 wurden Kirchenschatzbestände ausgelagert beziehungsweise verändert. Nicht alle Reliquiare und zugehörigen Textilien kehrten in ihrer ursprünglichen Kombination zurück.

Dieser Vorgang ist für die Quellenkritik wichtig. Wenn mittelalterliche Verzeichnisse einen umfangreicheren oder anders geordneten Reliquienbestand nennen als heute sichtbar ist, folgt daraus nicht, dass die alten Listen unzuverlässig waren. Der Bestand hat reale Verluste, Umlagerungen und Neuordnungen erlebt.

St. Vitalis und die barocke Reliquienkultur

In der frühen Neuzeit erhielt die Reliquienverehrung neue Formen. Anschaulich ist die Aufnahme und feierliche Verehrung eines als hl. Vitalis bezeichneten Katakombenheiligen. Solche "heiligen Leiber" gelangten seit dem 17. Jahrhundert aus römischen Katakomben in zahlreiche katholische Gebiete nördlich der Alpen und wurden dort als Zeichen der Verbindung mit der alten Kirche Roms verehrt.

In Beromünster wurde die Translation des Vitalis in eine aufwendig gegliederte Prozession eingebettet. Heiligenbilder, Fahnen, Kerzen beziehungsweise Fackeln, Geistliche und Reliquien bildeten einen feierlichen Zug. Unterschiedliche Gruppen waren nach Heiligen und liturgischen Bezügen geordnet. Die Prozession machte den Reliquienkult zu einem öffentlichen Ereignis.

Reliquien in Bewegung

Gerade die Vitalis-Translation zeigt, dass Reliquienkultur nicht auf Schatzkammer oder Altar beschränkt war. Das Heilige wurde durch Bewegung sichtbar gemacht. Reliquien wurden getragen, begleitet, geordnet und durch Musik, Fahnen und Bilder in eine performative Form gebracht.

Diese Praxis steht strukturell dem Auffahrtsumritt nahe, auch wenn Inhalt und historischer Kontext verschieden sind. In beiden Fällen wird sakrale Bedeutung nicht nur im stationären Kirchenraum erlebt, sondern durch Prozession in den öffentlichen Raum übersetzt.

1314: der früheste sichere Prozessionsnachweis

Für die Geschichte des Auffahrtsumritts ist eine Urkunde von 1314 wesentlich. Das Stiftskapitel bestimmte damals eine Prozession, die von der Stiftskirche St. Michael zur Pfarrkirche St. Stephan und anschliessend über die Felder führte. Damit ist eine religiöse Begehung beziehungsweise Prozession durch den Landschaftsraum des Stifts bereits im frühen 14. Jahrhundert sicher fassbar.

Diese Quelle korrigiert die oft vereinfachte Vorstellung, der Umritt beginne erst 1420 oder 1509. Richtig ist vielmehr eine Entwicklung in mehreren Stufen. Die Prozessionskultur ist 1314 greifbar; seit 1420 wird die eucharistische Form deutlicher; 1509 wird der grosse berittene Auffahrtsumritt institutionell neu geordnet.

1420: Sakramentsprozession mit dem Allerheiligsten

Seit 1420 ist die Prozession als Sakramentsprozession nachweisbar. Damit rückt die Eucharistie ins Zentrum des Rituals. Das Allerheiligste wird aus dem Kirchenraum in die Landschaft getragen und verbindet den Weg mit sakramentalem Segen.

Dieser Befund ist für die Einordnung als Wallfahrt grundlegend. Bei vielen Wallfahrten bewegt sich der Pilger zu einem stationären Gnadenobjekt. In Beromünster geschieht zusätzlich das Umgekehrte: Das Allerheiligste wird durch die Lebens- und Wirtschaftslandschaft der Menschen getragen. Das Kultzentrum bewegt sich.

1509: Institutionalisierung des grossen Auffahrtsumritts

1509 wurde die Auffahrtsprozession in einer neuen, feierlichen Form institutionalisiert. Quellen und spätere Forschung verbinden den Vorgang mit Propst Heinrich Feer, Stiftsangehörigen, Geistlichen und Bürgern. Künftig sollte am Fest Christi Himmelfahrt ein berittener Flurumgang stattfinden, bei dem Felder und Früchte unter den Schutz Gottes gestellt wurden.

1510 wurde die Rolle des Leutpriesters näher bestimmt: Er hatte das Allerheiligste mitzuführen, unterwegs zu predigen und Segnungen vorzunehmen. Damit wird die liturgische Grundstruktur des späteren Umritts deutlich sichtbar.

Warum Dormann 1928 von Wallfahrt spricht

Anton Dormanns Spezialstudie von 1928 trägt den Titel Der Auffahrtsumritt in Münster und die übrigen Umritte im Kanton Luzern. Das Werk behandelt Quellen, Entwicklung, Weg, Leitung, Finanzierung sowie Wallfahrer- und Reiterzahlen. Aufschlussreich ist ein eigenes Kapitel mit dem ausdrücklichen Titel "Die Umrittprozession eine Wallfahrt".

Damit ist der Begriff Wallfahrt keine moderne touristische Neubezeichnung. Die historische Spezialforschung des frühen 20. Jahrhunderts diskutierte die Prozession bereits ausdrücklich in dieser Kategorie. Beromünster kann deshalb mit guten Gründen in eine Wallfahrtsdokumentation aufgenommen werden, sofern der besondere Charakter als Umritts- und Sakramentswallfahrt deutlich gemacht wird.

Grenzbegehung, Flursegen und Wallfahrt

Der Auffahrtsumritt besitzt mehrere historische Bedeutungsschichten. Mittelalterliche Umritte konnten territoriale Grenzen sichtbar machen und Herrschaftsräume bestätigen. Gleichzeitig hatten sie religiöse Funktion: Schutz vor Unwetter und Missernte, Bitte um Fruchtbarkeit und Segen für Menschen, Tiere und Felder.

Diese Ebenen schliessen einander nicht aus. Gerade in vormodernen Gesellschaften waren politische, rechtliche, wirtschaftliche und religiöse Ordnung eng miteinander verbunden. Wenn Geistlichkeit und Bevölkerung gemeinsam einen Herrschaftsraum umrundeten, konnte dieselbe Handlung Grenzgedächtnis, Flursegen und gemeinschaftliche Glaubenspraxis sein.

Gregor Egloff und die Herrschaft des Stifts

Gregor Egloffs umfangreiche Untersuchung zur Herrschaft des Kollegiatstifts zwischen 1420 und 1700 zeigt, wie stark St. Michael Grundbesitz, Kirchenorganisation, Markt, Recht und gesellschaftliche Ordnung des Michelsamtes prägte. Das Stift war nicht nur geistliches Zentrum, sondern ein bedeutender Herrschaftsträger innerhalb der luzernischen Landvogtei.

Vor diesem Hintergrund erhält der Umritt eine weitere Dimension. Die Prozession bewegte sich durch eine Landschaft, die zugleich religiöser Seelsorgeraum, Wirtschaftsraum und Herrschaftsgebiet war. Der gemeinsame Weg machte diese Ordnung sichtbar und erfahrbar.

Nach der Reformation: katholisches Bekenntnis im öffentlichen Raum

Die Reformation veränderte die Bedeutung des Umritts. In benachbarten Gebieten setzte sich die reformierte Konfession durch, während Beromünster katholisch blieb. Die feierliche Prozession mit Eucharistie, Heiligenbildern, Musik und geistlichen Gewändern erhielt dadurch zusätzlich den Charakter einer sichtbaren katholischen Glaubenskundgebung.

Auch hier gilt: Der Umritt blieb nicht unverändert. Dieselbe äussere Form konnte in neuen politischen und konfessionellen Situationen andere Bedeutungen annehmen. Mittelalterlicher Flursegen wurde in der frühen Neuzeit zugleich konfessionelles Bekenntnis und regionale Identität.

Die Landschaft wird für einen Tag sakralisiert

Historische Berichte nennen Schmuck an Häusern, Wegkreuzen und Stationen entlang der Route. Tannenzweige, Laub, Heiligenbilder und Devotionalien verwandelten den Weg für die Dauer des Umritts. Nicht nur die Kirche, sondern die gesamte Landschaft erhielt ein festliches religiöses Erscheinungsbild.

Die Prozession zieht damit nicht einfach durch einen bereits vorhandenen Sakralraum. Der Raum wird durch Vorbereitung und Handlung immer wieder neu erzeugt. Wege werden Prozessionsachsen, Felder Segensräume, Häuser temporäre Andachtsorte.

Die Triumphbögen des heutigen Umritts

Diese Tradition setzt sich in den geschmückten Triumphbögen fort. Entlang der heutigen Route werden zahlreiche Bögen aus Tannenreisig, Blumen, Stoffen, Kreuzen, Kelchen, Figuren und religiösen Bildern errichtet. Bewohner und lokale Gemeinschaften investieren Zeit und Arbeit in ihre Gestaltung.

Die Bögen sind deshalb keine bloss folkloristische Kulisse. Sie markieren Segensstationen und machen sichtbar, dass die Landschaft für diesen Tag in einen religiösen Fest- und Pilgerraum verwandelt wird.

Die Eucharistie als bewegliches Kultzentrum

Das zentrale heilige Objekt des Auffahrtsumritts ist das Allerheiligste in der Monstranz. Der Weg wird nicht um ein wundertätiges Bild herum organisiert, sondern um die eucharistische Gegenwart Christi. An verschiedenen Stationen wird mit der Monstranz der Segen über Menschen, Tiere und Fluren erteilt.

Diese Struktur unterscheidet Beromünster von vielen anderen Wallfahrtsorten. Das Heilige wartet nicht ausschliesslich am Ziel auf die Pilger. Es bewegt sich mit ihnen und durch ihre Lebenswelt. Deshalb eignet sich der Begriff einer "Sakrallandschaft in Bewegung".

Fusswallfahrer und Reiter

Der Auffahrtsumritt verbindet Fusswallfahrt und Reiterprozession. Heute bilden Fussgänger einen grossen Teil der Teilnehmer. Manche beten den Rosenkranz, andere gehen schweigend, meditieren oder beteiligen sich an den gemeinsamen Gebeten. Die Reiterformationen geben dem Umritt zugleich sein charakteristisches historisches Erscheinungsbild.

Diese Verbindung unterschiedlicher Fortbewegungsformen verweist auf die lange Geschichte des Rituals. Pferde gehören nicht bloss als Schauelement dazu, sondern sind Teil einer ländlichen Sozial- und Wirtschaftsordnung, in der Tiersegen, Landwirtschaft und Prozessionswesen eng verbunden waren.

Reitermusik, Fahnen und St.-Michaelstab

Musik, Fahnen und Amtszeichen gliedern den Zug. Bereits für die frühe Neuzeit sind berittene Musiker belegt. Später wurde die Reitermusik zu einem prägenden Bestandteil des Umritts. Der St.-Michaelstab stellt die Verbindung zum Patron des Chorherrenstifts sichtbar her.

Solche Objekte ordnen die Prozession sozial und symbolisch. Sie zeigen, wer welche Funktion übernimmt, markieren kirchliche und weltliche Rollen und schaffen eine festliche visuelle Ordnung. Wallfahrt erscheint hier als genau strukturiertes gemeinschaftliches Ritual.

Flur- und Pferdesegen

Die Segnung von Fluren und Tieren gehört zum Kern der Tradition. Im agrarischen Alltag waren Fruchtbarkeit der Felder, Gesundheit der Tiere und Schutz vor Unwetter von unmittelbarer existenzieller Bedeutung. Religiöse Segenshandlungen banden diese Unsicherheiten an Gebet und gemeinschaftliche Hoffnung.

Auch wenn die Lebenswelt des Michelsamtes heute weniger ausschliesslich landwirtschaftlich geprägt ist, bleiben diese Segensformen Teil des Rituals. Dadurch bewahrt der Umritt Erinnerungen an eine frühere Wirtschafts- und Lebensordnung und übersetzt sie zugleich in die Gegenwart.

Der Weg als sozialer Raum

Der Auffahrtsumritt ist nicht nur religiöse Bewegung, sondern auch sozialer Raum. Teilnehmer können an unterschiedlichen Orten dazustossen; Bewohner schmücken Stationen; Musikvereine, Reiter, Geistliche, Familien und Zuschauer bilden für einen Tag eine grosse Gemeinschaft. Gottesdienst, Predigt, Segnung und Begegnung wechseln einander ab.

Wallfahrt schafft dadurch Beziehungen zwischen Menschen, die im Alltag nicht notwendig denselben sozialen Kreise teilen. Der gemeinsame Weg erzeugt vorübergehend eine besondere Gemeinschaftsform.

St. Stephan und St. Michael: zwei Kirchen in einem Ritualsystem

Heute wird der öffentliche Auffahrtsumritt eng mit der Pfarrkirche St. Stephan verbunden. Historisch darf daraus jedoch nicht geschlossen werden, St. Michael sei nur ein nachträglicher Nebenort. Bereits 1314 nennt die Prozessionsordnung den Weg von der Stiftskirche St. Michael über St. Stephan in die Fluren.

Beide Kirchen gehören daher in ein historisches Ritualsystem. St. Stephan ist wichtige Pfarr- und Prozessionskirche; St. Michael ist Stifts-, Memorial- und Abschlussraum. Gerade das Zusammenspiel von Kollegiatstift, Pfarrkirche und Landschaft charakterisiert die Sakraltopographie Beromünsters.

Die Himmelfahrtsfigur: Liturgie wird sichtbar

Nach der Rückkehr des Umritts spielt die Stiftskirche eine besondere Rolle. In einer alten szenischen Himmelfahrtsdarstellung wird eine Christusfigur mittels Seilmechanik nach oben gezogen und verschwindet durch eine Öffnung im Gewölbe. Die Himmelfahrt Christi wird damit nicht nur gelesen oder besungen, sondern körperlich und räumlich dargestellt.

Solche "Himmelfahrtschristi" gehören zur mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Tradition szenischer Liturgie. Sie zeigen, wie eng Gottesdienst, Theater, Technik und Volksfrömmigkeit miteinander verbunden sein konnten.

Die "Himmleze" und ihre Mechanik

Historische Untersuchungen belegen in der Stiftskirche eine entsprechende Öffnung im Gewölbe und die zugehörige Seilmechanik. Die Christusfigur wurde in einer mit Kerzen beziehungsweise Lichtzeichen verbundenen Gloriole emporgezogen. Bei anderen Festen konnten weitere bewegliche Figuren, etwa eine Heilig-Geist-Taube, eingesetzt werden.

Der Kirchenraum wurde dadurch selbst zur Bühne heilsgeschichtlicher Bewegung. Architektur war nicht statischer Hintergrund, sondern Teil des Rituals.

Der horizontale und der vertikale Weg

Kulturwissenschaftlich entsteht am Auffahrtstag eine bemerkenswerte Dramaturgie. Zunächst bewegt sich die Gemeinde horizontal durch die Landschaft: Felder, Wege und Dörfer werden umrundet und gesegnet. Anschliessend wird im Kirchenraum die vertikale Bewegung der Himmelfahrt sichtbar gemacht: Christus steigt nach oben.

Der Umritt verbindet dadurch zwei Raumrichtungen zu einem religiösen Gesamtbild. Die Gemeinschaft bewegt sich durch die irdische Welt, während der liturgisch dargestellte Christus in den Himmel auffährt. Diese Verbindung von Landschaftsritual und szenischer Liturgie gehört zu den eindrucksvollsten Merkmalen Beromünsters.

Heiligenspiele und öffentliche religiöse Darstellung

Die Forschung zu den Beromünsterer Heiligenspielen zeigt, dass im 16. Jahrhundert umfangreiche religiöse Aufführungen stattfanden. Ein Apostel- beziehungsweise Heiligenspiel ist für 1560 belegt. Solche Aufführungen standen in einem Umfeld, in dem Prozession, Liturgie und Theater nicht scharf voneinander getrennt waren.

Teile der Forschung erwägen, dass Auffahrtsliturgie, Umritt und Heiligenspiele in einem grösseren religiösen Aufführungszusammenhang gestanden haben könnten. Wo die Quellen eine direkte Verbindung nicht sicher beweisen, muss dies als Hypothese gekennzeichnet bleiben. Dennoch zeigt bereits die parallele Existenz dieser Formen, wie stark religiöse Inhalte in Beromünster öffentlich und körperlich inszeniert wurden.

Das Chorgestühl von 1606-1610

Zu den herausragenden Kunstwerken der Stiftskirche gehört das reich geschnitzte Chorgestühl der Brüder Heinrich und Melchior Fischer aus den Jahren 1606 bis 1610. Reliefs und zahlreiche kleinere Figuren verbinden biblische Szenen, Heilige, Tiere, fantastische Wesen und dekorative Elemente zu einer ausserordentlich dichten Bildwelt.

Seine Bedeutung liegt nicht nur in der Schnitzkunst. Das Gestühl wurde für das gemeinschaftliche Chorgebet geschaffen. Dadurch verbindet es Kunstwerk und liturgische Funktion. Der Ort, den heutige Besucher kunsthistorisch bewundern, steht in einer lebendigen Tradition chorherrlichen Gebets.

Chorgebet als fortdauernde Memoria

Das tägliche Stundengebet gehört zu den zentralen Aufgaben eines Chorherrenstifts. Es strukturiert Zeit und Gemeinschaft und verbindet Lob Gottes mit der Erinnerung an Kirche, Stifter und Verstorbene. Diese Praxis unterscheidet einen lebendigen Stiftsort von einem rein musealisierten historischen Komplex.

Auch für die Pilgerbedeutung ist dies wichtig. Wer St. Michael besucht, betritt keinen ehemaligen Klosterraum, dessen religiöse Funktion beendet ist, sondern einen weiterhin liturgisch genutzten Ort.

Das Heilige Grab

Eine weitere Besonderheit der Stiftskirche ist das monumentale Heilig-Grab-Schaugerüst des 18. Jahrhunderts, das Josef Ignaz Weiss zugeschrieben wird. In der Literatur begegnen unterschiedliche Datierungen; kunsthistorische Darstellungen setzen das Werk häufig in die spätere Phase des 18. Jahrhunderts. Eine zu frühe Datierung sollte deshalb nicht unkritisch übernommen werden.

Das Heilige Grab wird nicht einfach dauerhaft wie ein Museumsobjekt gezeigt, sondern innerhalb des Kirchenjahres aufgebaut. Dadurch verwandelt es den Kirchenraum zeitweise in eine illusionistische Passionslandschaft. Kunst wird liturgisch aktiviert.

Das Kirchenjahr als bewegte Sakrallandschaft

Heiliges Grab, Auffahrtsumritt und Himmelfahrtsfigur lassen sich gemeinsam als besondere Form des religiösen Raumgebrauchs verstehen. In der Passionszeit entsteht im Kirchenraum ein Grab-Christi-Bildraum. An Auffahrt zieht das Allerheiligste durch die reale Landschaft. Anschliessend steigt Christus im Kirchenraum sichtbar empor.

Der sakrale Raum Beromünsters ist deshalb nicht statisch. Er verändert sich mit dem Kirchenjahr. Objekte erscheinen und verschwinden, Prozessionen verlassen die Kirche und kehren zurück, Figuren bewegen sich. Heilsgeschichte wird nicht nur erzählt, sondern räumlich vollzogen.

Barock und Rokoko über romanischem Kern

Die Stiftskirche erhielt in der frühen Neuzeit eine umfangreiche barocke und rokokozeitliche Neugestaltung. Altäre, Stuck, Malerei und liturgische Ausstattung veränderten den Eindruck des mittelalterlichen Raumes grundlegend, ohne dessen Struktur vollständig zu zerstören.

Dieses Übereinander ist charakteristisch. Der Besucher erlebt keine rekonstruierte romanische Basilika, sondern einen über Jahrhunderte weiterentwickelten Gottesdienstraum. Kunstgeschichte und Liturgie haben sich Schicht um Schicht in das Gebäude eingeschrieben.

Das Stift als sakraler Mikrokosmos

St. Michael ist mehr als die Stiftskirche allein. Propstei, Kapitelhaus, Sakristeien, Kreuzgangbereiche, Galluskapelle, Bibliothek, Archiv und zahlreiche Chorhöfe bilden einen historisch gewachsenen Stiftsbezirk. Die unterschiedlichen Gebäude spiegeln geistliches Leben, Verwaltung, Bildung, Wohnen und Erinnerung.

Damit kann Beromünster als sakraler Mikrokosmos verstanden werden. Der einzelne Kirchenraum steht innerhalb einer grösseren geistlichen Topographie, die wiederum mit Pfarrkirche, Umrittsweg, Fluren, Kapellen und weiteren religiösen Orten des Michelsamtes verbunden ist.

Stiftsbibliothek und Stiftsarchiv als Gedächtnisorte

Zum materiellen Erbe gehören auch Bibliothek und Archiv. Handschriften, Urkunden, liturgische Bücher, Rechnungen und Verwaltungsakten dokumentieren nicht nur Institutionengeschichte, sondern religiöse Praxis. Prozessionsordnungen, Reliquienverzeichnisse und Stiftungsurkunden machen Abläufe sichtbar, die ohne Schriftüberlieferung verloren wären.

Der sakrale Erinnerungsort besitzt somit auch eine schriftliche Dimension. Liturgische und volkskundliche Traditionen werden nicht allein durch Erinnerung weitergegeben, sondern durch Akten, Bücher und Inventare immer wieder rekonstruierbar.

Die Waldkathedrale als Teil der erweiterten Stiftslandschaft

Zum historischen Umfeld des Stifts gehört auch die sogenannte Waldkathedrale im Schlössliwald, eine barock geprägte Garten- und Alleenanlage. Sie ist kein eigener Wallfahrtsort, zeigt aber, wie weit die Gestaltungskraft des Stifts über die Kirche hinausreichte. Landschaft wurde geordnet, inszeniert und mit religiöser beziehungsweise repräsentativer Bedeutung versehen.

Damit ergänzt die Waldkathedrale das Bild einer Sakrallandschaft, in der Architektur und Natur nicht voneinander getrennt gedacht wurden.

Die "Uffert" als lebendige Tradition

Der Auffahrtsumritt wird bis heute als "Uffert" gepflegt. Er gehört zu den bekanntesten noch bestehenden religiösen Umritten der Zentralschweiz und ist im schweizerischen Inventar der lebendigen Traditionen dokumentiert. Dort werden nicht nur historische Wurzeln, sondern auch heutige Rollen, Musik, Dekoration, Gebet und gesellschaftliche Beteiligung beschrieben.

Diese Aufnahme unterstreicht, dass der Umritt nicht lediglich historischer Brauch ist. Er besitzt eine fortdauernde soziale Trägerschaft und wird von Generation zu Generation aktiv neu vollzogen.

Tradition bedeutet Wandel

Trotz seiner langen Geschichte ist der Umritt nicht unverändert geblieben. Route, Teilnehmerzahlen, Musik, organisatorische Formen und einzelne liturgische Elemente haben sich im Lauf der Jahrhunderte verändert. Darin liegt die Lebendigkeit einer Tradition.

Dabei sollte daher weder einen vermeintlich unveränderten mittelalterlichen Brauch behaupten noch den heutigen Umritt als moderne Neuschöpfung behandeln. Er ist das Ergebnis fortlaufender Anpassungen innerhalb einer bemerkenswert stabilen religiösen Grundidee.

Warum Beromünster in die Wallfahrtsdokumentation gehört

Der Wallfahrtsstatus von St. Michael beruht nicht auf einem einzelnen Gnadenbild. Er ergibt sich aus dem historischen Prozessionssystem, der ausdrücklichen Einordnung des Auffahrtsumritts als Wallfahrt, der Eucharistie als beweglichem Kultzentrum, dem Zusammenhang von Stiftskirche, Pfarrkirche und Landschaft sowie aus der bis heute gepflegten Pilger- und Gebetstradition.

Diese Form erweitert den Begriff Wallfahrt. Pilgern kann bedeuten, zu einem besonderen Bild oder Grab zu gehen. Es kann aber auch bedeuten, gemeinsam mit dem Allerheiligsten einen sakral markierten Landschaftsraum zu durchschreiten und in einem historischen Stiftszentrum liturgisch zu beginnen oder zu enden.

Kein klassischer Michaels-Gnadenort

Deshalb sollte Beromünster nicht vereinfachend als "Wallfahrtskirche zum hl. Michael" bezeichnet werden. Der Erzengel ist Patron, besitzt eine reiche ikonographische und reliquiengeschichtliche Präsenz und prägt den Namen des Stifts und der Region. Der grosse Wallfahrtsbrauch richtet sich jedoch nicht auf eine einzige Michaelsstatue oder eine als wundertätig geltende Michaelsreliquie.

Die korrekte Bezeichnung als "sakraler Erinnerungs- und Pilgerort" bildet diese Vielschichtigkeit besser ab.

Beromünster als Ort von Memoria

Die verschiedenen Traditionen lassen sich unter dem Begriff Memoria zusammenfassen. Das Stift erinnert seine Gründer und Wohltäter, bewahrt Reliquien von Heiligen, feiert die Heilsereignisse des Kirchenjahres, betet für Lebende und Verstorbene und wiederholt jahrhundertealte Prozessionen. Erinnerung ist dabei nie nur intellektuell.

Sie wird gesungen, gegangen, geritten, getragen, aufgebaut und dargestellt. Genau darin unterscheidet sich sakrale Memoria von historischer Information.

Beromünster als Ort religiöser Bewegung

Kaum ein anderer Schweizer Stiftsort verbindet so viele Formen von Bewegung: Reliquien werden getragen, die Eucharistie zieht durch die Landschaft, Pilger gehen zu Fuss, Reiter begleiten den Zug, Segenshandlungen richten sich auf Felder und Tiere, und eine Christusfigur steigt im Kirchenraum zum Himmel auf.

Diese Bewegungen sind nicht zufällig. Sie machen religiöse Vorstellungen sichtbar und körperlich erfahrbar. Das Heilige wird nicht nur betrachtet, sondern bewegt sich mit den Menschen.

Quellenkritische Chronologie des Auffahrtsumritts

Dabei ist eine klare zeitliche Staffelung notwendig. 1314 ist eine Prozession von St. Michael über St. Stephan in die Felder urkundlich belegt. Seit 1420 ist die sakramentale beziehungsweise eucharistische Form nachweisbar. 1509 wird die grosse berittene Auffahrtsprozession in einer neuen Form institutionalisiert; 1510 werden Aufgaben des Geistlichen und die Mitführung des Allerheiligsten näher geregelt.

Damit darf weder 1420 noch 1509 als einfacher "Beginn" aller Tradition bezeichnet werden. Beide Daten markieren Entwicklungsschritte innerhalb einer bereits älteren Prozessionskultur.

Quellenkritisches Fazit

Beromünster ist kein klassischer Gnadenort mit einem einzigen wundertätigen Kultbild. Seine Bedeutung liegt in einer wesentlich komplexeren sakralen Struktur. Die Stiftskirche St. Michael verbindet frühmittelalterliche und romanische Baugeschichte, dynastisches Stiftergedächtnis, mittelalterliche Reliquienkultur, Michaelspatrozinium, chorherrliches Gebet und ein weit in die Landschaft ausgreifendes Prozessionssystem.

Der Auffahrtsumritt ist der entscheidende Wallfahrtsnachweis. Bereits 1314 ist eine Prozession von der Stiftskirche in die Fluren fassbar; seit 1420 ist die Sakramentsprozession belegt, 1509 wird die bis heute prägende berittene Form institutionalisiert. Die Eucharistie bildet das bewegliche Zentrum. Menschen gehen und reiten mit, Landschaft und Tiere werden gesegnet, Stationen geschmückt und Gemeinschaft sichtbar gemacht.

Nach der Rückkehr wird das Heilsgeschehen in der Stiftskirche nochmals räumlich verdichtet, wenn die Christusfigur im Himmelfahrtsritus nach oben gezogen wird. Zusammen mit Heiligem Grab, Reliquienprozessionen und Heiligenspielen zeigt dies eine Kultur, in der religiöse Inhalte durch Bewegung, Bild, Architektur und Landschaft verkörpert werden.

Deshalb eignet sich Beromünster besonders gut für die Bezeichnung "sakraler Erinnerungs- und Pilgerort". Die Wallfahrt richtet sich nicht auf ein isoliertes Objekt. Vielmehr wird eine ganze Sakrallandschaft aktiviert, in deren Zentrum St. Michael als historisches Chorherrenstift steht.

Die kulturwissenschaftliche Besonderheit lässt sich in einem Satz zusammenfassen: In Beromünster pilgern die Menschen nicht nur zu einem heiligen Ort - das Heilige selbst wird durch ihre Landschaft getragen.

Literatur und Quellen

Dormann, Anton: Der Auffahrtsumritt in Münster und die übrigen Umritte im Kanton Luzern. Historische Studie. Beromünster 1928; 2. Auflage 1950. Grundlegende Spezialuntersuchung zum Umritt, mit eigenen Abschnitten zu Quellen, Bannritt, Entwicklung, Umrittweg, Leitung, Wallfahrern und Reitern sowie ausdrücklich zur Umrittprozession als Wallfahrt.

Büchler-Mattmann, Helene: Das Stift Beromünster im Spätmittelalter 1313-1500. Beiträge zur Sozial- und Kulturgeschichte. Beromünster 1976. Grundlegend für soziale, kirchliche und institutionelle Verhältnisse der Zeit, in der die mittelalterliche Prozessionstradition fassbar wird.

Eggenberger, Peter: Das Stift Beromünster. Ergebnisse der Bauforschung 1975-1983. Luzerner Historische Veröffentlichungen 21. Luzern 1986. Archäologische und bauhistorische Grundlagenuntersuchung der Stiftskirche und weiterer Teile des Stiftsbezirks.

Reinle, Adolf: Die Kunstdenkmäler des Kantons Luzern. Band IV: Das Amt Sursee. Die Kunstdenkmäler der Schweiz 35. Basel 1956. Grundlegende kunsthistorische Darstellung von Stiftskirche, Ausstattung und Stiftsbezirk.

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Egloff, Gregor: Herr in Münster. Die Herrschaft des Kollegiatstifts St. Michael in Beromünster in der luzernischen Landvogtei Michelsamt am Ende des Mittelalters und in der frühen Neuzeit (1420-1700). Luzerner Historische Veröffentlichungen 38. Basel 2003. Grundlegend für Herrschaft, Besitz, Verwaltung und gesellschaftliche Einbettung des Stifts.

Büchler-Mattmann, Helene (Hg.): Uffert. 500 Jahre Auffahrtsumritt Beromünster. Beromünster 2009. Sammelband zur Geschichte, religiösen Bedeutung und Gegenwart des Auffahrtsumritts.

Suter-Brun, Ludwig: Der Auffahrtsumritt Beromünster. In: Volksfrömmigkeit in der Schweiz. Zürich 1999, S. 454-463. Zur volkskundlichen Einordnung des Umritts als religiöse Tradition.

Greco-Kaufmann, Heidy: Theater, Frömmigkeitspraktiken, Politik: Ein Versuch zur Situierung der Beromünsterer Heiligenspiele. In: European Medieval Drama, Band 19, 2015/2016, S. 95-115. Wichtig für die frühen Prozessionsnachweise von 1314 und 1420, die Neuordnung von 1509 sowie den Zusammenhang von Auffahrtsumritt, szenischer Liturgie und Heiligenspiel.

Lütolf, Konrad: Dörflingers Reliquienverzeichnis von Beromünster. In: Zeitschrift für schweizerische Kirchengeschichte, Band 12, 1918, S. 157-197. Edition und Untersuchung des spätmittelalterlichen Reliquienverzeichnisses des Stifts.

Donkin, Lucy E. G.: Stones of St Michael: Venerating Fragments of Holy Ground in Medieval France and Italy. In: Matter of Faith. An Interdisciplinary Study of Relics and Relic Veneration in the Medieval Period. British Museum Research Publication 195. London 2014. Mit Behandlung der um 1300 im Beromünsterer Prozessionskreuz bezeugten Michaels-Steinreliquie.

Aebi, Joseph Ludwig: Das Grabmal der Grafen Bero und Ulrich von Lenzburg in der Stiftskirche zu Bero-Münster und dessen Inschriften. In: Der Geschichtsfreund, Band 22, 1867, S. 227-236. Ältere Untersuchung zur Stifter- und Grabüberlieferung.

Aebi, Joseph Ludwig: Bericht über ein altes Reliquienkästchen in der Stiftskirche zu Beromünster. In: Der Geschichtsfreund, Band 24, 1869. Frühe wissenschaftliche Beschäftigung mit dem später sogenannten Warnebertus-Reliquiar.

Braun, Joseph: Untersuchungen zum Warnebertus-Reliquiar von Beromünster und zur Geschichte mittelalterlicher Reliquiare. Kunsthistorische Grundlagen zur Datierung und Einordnung des frühmittelalterlichen Reliquienbehälters.

Schweizerisches Inventar der lebendigen Traditionen: Auffahrtsumritte in Beromünster und Umgebung. Dokumentation von Geschichte, heutiger Praxis, Prozessionsordnung, Triumphbögen, Musik, Fusswallfahrt, Reitern sowie Flur- und Segensritualen.

Historisches Lexikon der Schweiz: Artikel zum Chorherrenstift St. Michael und zu Beromünster. Wissenschaftliche Überblicke zu Gründung, Stiftsgeschichte, Bauentwicklung und Herrschaftsverhältnissen.

Schweizerisches Kulturgüterschutzinventar mit Objekten von nationaler und regionaler Bedeutung: Stiftskirche, Stift und Kirchenschatz Beromünster. Einstufung als Kulturgut von nationaler Bedeutung.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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