| Wallfahrt: | Seit dem 17. Jahrhundert belegte Marienwallfahrt auf der Terrasse von Acladira oberhalb Trun. Kennzeichnend sind der früh dokumentierte Lichttitel, das bekleidete Gnadenbild, eine umfangreiche Ex-voto-Tradition, rätoromanische Wallfahrtslieder, die 1693 errichtete Bruderschaft vom Namen Mariä und die enge Verbindung zum Benediktinerkloster Disentis. |
| Status: | Lebendiger katholischer Wallfahrtsort der Surselva. Die Kirche ist tagsüber zugänglich; der historische Wallfahrtskult wird durch Gottesdienste, das Patrozinium, Votivpraxis, Gebetstradition und den Kreuzweg von Trun nach Acladira fortgeführt. |
| Kultzentrum: | Das Mariengnadenbild im barocken Hochaltar, der Wallfahrtstitel Nossadunna dalla Glisch / Maria Licht und die damit verbundene Fürbitt- und Votivfrömmigkeit. Zu den wichtigsten materiellen Zeugnissen gehört der historische Bestand an Votivtafeln, der als grösster geschlossener Ex-voto-Bestand Graubündens beschrieben wurde. |
| Ort: | Acladira / Caltgadira bei Trun. |
| Region: | Surselva, Kanton Graubünden. |
| Land: | Schweiz. |
| • | Wallfahrtskirche Maria Licht / Nossadunna dalla Glisch, Via Caltgadira 1, 7166 Trun, Kanton Graubünden, Schweiz. Die Kirche steht auf der Terrasse von Acladira nordwestlich oberhalb des Dorfes Trun und ist vom Tal aus über Strasse und Fussweg erreichbar. Der traditionelle Kreuzweg verbindet Trun unmittelbar mit dem Wallfahrtsheiligtum. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte in der Schweiz |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Öffnungszeiten: Sommer täglich 07:30-19:30 Uhr, Winter täglich 08:00-18:00 Uhr. Die Pfarrei bezeichnet die Kirche allgemein als tagsüber geöffnet; vor einer gezielten Besichtigung empfiehlt sich die Kontrolle der aktuellen Angaben vor Ort. |
| • | Wallfahrt und Liturgie: Das heutige Patrozinium wird von der Pfarrei als Name Mariä am 12. September angegeben. Die historische Wallfahrt ist darüber hinaus mit Mariengebet, Votivgaben, dem Kreuzweg und der regionalen Prozessions- und Liedtradition verbunden. |
| • | Web: Römisch-katholische Kirchgemeinde Trun - Wallfahrtskirche Maria Licht |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
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Gesucht werden insbesondere Aufnahmen der Wallfahrtskirche auf der Terrasse von Acladira, des Weges und der Kreuzwegstationen von Trun, der Westfassade und des Turmes, des Hochaltars mit dem Gnadenbild, des Triumphbogenfreskos, der Malereien im Chor und Vorchor, der Seitenaltäre, der Werktagskapelle mit dem Heimsuchungsbild sowie der historischen und neueren Votivtafeln.
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Die Wallfahrtskirche Maria Licht, rätoromanisch Nossadunna dalla Glisch, steht auf der Terrasse von Acladira oberhalb Trun und gehört zu den historisch am besten dokumentierten Marienwallfahrtsorten Graubündens. Ihre Bedeutung beruht nicht allein auf einer Gründungslegende, sondern auf einer ungewöhnlich dichten Verbindung von Schriftquellen, Votivbildern, Wallfahrtsliedern, Bruderschaftswesen, barocker Ausstattung und rätoromanischer Druckkultur. Bereits wenige Jahre nach der Grundsteinlegung ist der Lichttitel urkundlich greifbar; im späteren 17. Jahrhundert lassen sich eine wachsende Pilgerbewegung, eine Erweiterung des Heiligtums, die Ausbildung eines eigenständigen Gnadenbildkultes und die institutionelle Bindung an das Benediktinerkloster Disentis nachweisen. Für die Volkskunde ist Maria Licht wesentlich, weil sich an keinem abstrakten Frömmigkeitsbegriff, sondern an konkreten Dingen und Handlungen beobachten lässt, wie Wallfahrt funktionierte: Gelübde wurden in Bildern festgehalten, Krankheit und Naturgefahr religiös gedeutet, Lieder verbreiteten den Namen des Heiligtums, eine Bruderschaft organisierte Gebet und Zugehörigkeit, und das Gnadenbild bildete den sichtbaren Mittelpunkt einer regionalen Fürbittfrömmigkeit.
Vor der heutigen Marienkirche stand in Acladira eine kleine Kapelle des heiligen Sebastian. Die spätere Überlieferung berichtet, der Bau sei baufällig geworden und der damalige Pfarrer habe nach einer als göttliche Weisung verstandenen Erfahrung auf eine blosse Erneuerung verzichtet und stattdessen eine Marienkapelle errichten lassen. Der Grundstein des Neubaus wurde am 27. April 1663 gelegt. Mit diesem Ereignis verbindet sich die zentrale Gründungslegende von Maria Licht: In der folgenden Nacht soll der Hügel von Acladira in einem ungewöhnlich hellen Licht gestanden haben; andere Fassungen sprechen davon, dass mehrere Menschen ein geheimnisvolles Licht über der Höhe beobachtet hätten. Historisch lässt sich eine Lichterscheinung nicht verifizieren, doch als Wallfahrtsüberlieferung ist sie von hoher Bedeutung, weil sie dem Ort einen unverwechselbaren Namen und eine symbolische Deutung gab. Die Legende erzählt nicht bloss von einem ausserordentlichen Naturphänomen, sondern deutet den Bauplatz als von Maria bezeichneten Raum. Deshalb muss zwischen historischem Baugeschehen und religiöser Erinnerung unterschieden werden: sicher belegt ist die Grundsteinlegung; die Lichterscheinung gehört zur frühen Kultlegende, deren Wirksamkeit sich wiederum historisch nachweisen lässt.
Für die Quellenkritik ist Karl Frys Untersuchung des Lichttitels grundlegend. Er konnte zeigen, dass die Bezeichnung nicht erst aus einer späteren Legende erwuchs, sondern bereits wenige Jahre nach Baubeginn begegnet. 1666 wird ein Geistlicher als Kaplan der Beata Virgo Lucis Montanae, der seligen Jungfrau vom Licht auf dem Berge, bezeichnet. Der Wallfahrtstitel war damit in der Frühzeit des Heiligtums vorhanden. Zugleich weist Fry darauf hin, dass der Lichttitel nicht mit dem liturgischen Konsekrationstitel gleichgesetzt werden darf. Der Visitationsbericht von 1672 nennt für die Kapelle beziehungsweise ihren Altar Mariä Heimsuchung. Auch das frühe Hochaltarbild zeigte die Begegnung Mariens mit Elisabeth. Der Name Maria Licht bezeichnete demnach den Kult- und Wallfahrtsort, während der kirchliche Weihetitel zunächst Mariä Heimsuchung lautete. Diese Unterscheidung erklärt, weshalb frühe Votivinschriften noch allgemein von "Unserer Lieben Frau zu Trun" oder von der Muttergottes sprechen, obwohl der Lichttitel bereits dokumentiert war. Im heutigen liturgischen Gebrauch nennt die Pfarrei als Patrozinium den Namen Mariä am 12. September; der historische Wallfahrtstitel Nossadunna dalla Glisch blieb jedoch die prägende Bezeichnung des Heiligtums.
Die erste Marienkapelle entstand zwischen der Grundsteinlegung von 1663 und ihrer Konsekration Anfang Juli 1672. Der heutige Bau bewahrt diese erste Bauphase noch im Chor und im jetzigen Vorchor, der das Schiff der ursprünglichen Kapelle bildet. Schon wenige Jahre nach der Fertigstellung wurde der Raum für die Zahl der Pilger zu klein. 1681 begann eine Erweiterung nach Westen; ein neues Langhaus wurde angefügt, während der ältere Kapellenraum in den erweiterten Bau einbezogen wurde. Gleichzeitig beziehungsweise in engem zeitlichem Zusammenhang entstanden der markante Turm und die Sakristei. In der älteren kunsthistorischen Literatur findet sich häufig das Weihejahr 1684, doch die von Fry ausgewerteten Visitationsakten belegen die Konsekration des erweiterten Gotteshauses und seiner vier neuen Altäre am 23. Juni 1683. Diese Angabe wird inzwischen auch von der Pfarrei Trun übernommen. Die Differenz ist kein nebensächliches Datierungsproblem, sondern zeigt den Wert quellenkritischer Arbeit: Poeschel folgte noch der klösterlichen Synopsis und setzte die Weihe 1684 an, während der näher am Ereignis stehende Visitationsbefund für 1683 spricht.
Die Entwicklung von Maria Licht ist eng mit dem Benediktinerkloster Disentis verbunden. Seit 1679 stellte die Abtei während ungefähr zweier Jahrhunderte die Benefiziaten des Heiligtums und prägte damit Seelsorge, Liturgie, Wallfahrtsorganisation und künstlerische Ausstattung. Eine Schlüsselfigur war der Benediktiner P. Carli beziehungsweise Karl Decurtins, unter dessen Wirken die Kirche erweitert und 1685 das Benefiziatenhaus errichtet wurde. Dieses Haus erhielt zusätzliche kulturgeschichtliche Bedeutung, weil sich dort von 1687 bis 1691 die Disentiser Klosterdruckerei befand. 1690 erschien bei Nossadunna dalla Glisch die erste Ausgabe der Consolaziun della olma devoziusa, herausgegeben von Carli Decurtins. Dieses geistliche Liederbuch wurde zu einem der wichtigsten Druckwerke der katholischen rätoromanischen Surselva. Wallfahrt, Sprache und Druckkultur berührten sich hier unmittelbar: Lieder, die am Heiligtum entstanden oder dort gedruckt wurden, konnten in Kirchen, Prozessionen, Häusern und bei der Arbeit weitergesungen werden und trugen den Namen Maria Licht weit über Acladira hinaus.
Fry konnte zeigen, dass der Lichttitel besonders durch rätoromanische Wallfahrtslieder popularisiert wurde. Bereits 1674 begegnet bei Balzer Alig der Refrain "O Maria della Glisch". In der Consolaziun von 1690 wurden mehrere Lieder zum Trunser Heiligtum aufgenommen, darunter die ausführliche Gründungs- und Wallfahrtserzählung "Maria, clar eis tarlischar". Solche Lieder sind keine neutralen Chroniken; sie erzählen die Geschichte des Heiligtums aus der Perspektive gelebter Frömmigkeit und verbinden Erinnerung, Gebet und Werbung für die Wallfahrt. Deshalb sind sie volkskundlich ergiebig. Sie berichten von der Marienkapelle, von Hilfe in Krankheit und Not, vom Pilgerzulauf und von der Vergrösserung der Kirche und verankern den Kult in der rätoromanischen Sprache der Bevölkerung. Der Wallfahrtsort wurde dadurch nicht nur besucht, sondern gesungen und erinnert. Der Lichttitel gewann seine Verbreitung somit durch ein Zusammenspiel von lokaler Legende, Predigt, Druck und gemeinschaftlichem Gesang.
1693 wurde an Maria Licht eine Bruderschaft vom Namen Mariä errichtet. Eine erhaltene gedruckte Statutentafel zeigt in ihrer Mitte die bekleidete Gnadenmutter und trägt die lateinische Bezeichnung Sancta Maria de Luce - Illuminatrix Thronensis - Miraculis clara. Im deutschen Statutentext wird das Heiligtum wiederholt als Kirche Unserer Lieben Frau vom Licht zu Trun bezeichnet. Damit ist um 1700 ein voll ausgebildeter Wallfahrtskult greifbar: ein benannter Gnadenort, ein verehrtes Marienbild, Wallfahrtslieder, Votivgaben, eine organisierte Bruderschaft und eine vom Kloster Disentis betreute Seelsorge. Die Bruderschaft schuf einen dauerhaften sozialen Rahmen für Gebet und Zugehörigkeit. Wallfahrt war damit nicht nur das zeitweilige Aufsuchen eines Ortes, sondern konnte in eine Gemeinschaft eingebunden werden, die den Kult durch festgelegte Gebete, Gottesdienste und gemeinsam getragene Frömmigkeitsformen verstetigte.
Die Baugeschichte ist im heutigen Grundriss deutlich ablesbar. Der geostete Bau besteht aus dem dreiseitig geschlossenen Chor, dem zweijochigen Vorchor der ersten Kapelle und dem grossen Langhaus der Erweiterung von 1681-1683. Die Staffelung der Raumteile führt den Blick auf Chor und Hochaltar und macht zugleich die Wachstumsgeschichte des Heiligtums sichtbar. Poeschel hob die für einen Barockbau auffälligen Spitzbogenfenster hervor und erklärte sie als Nachwirkung lokaler Bautradition. Die Westfassade wird durch Lisenen und kleine Bildnischen gegliedert; das Datum 1683 verweist auf den Erweiterungsbau. Der Turm an der Nordseite des Vorchores besitzt einen sehr schlanken Spitzhelm. Die architektonische Wirkung entsteht weniger aus einer einheitlichen barocken Neuschöpfung als aus der Verbindung mehrerer Bauphasen, die durch Malerei, Stuck und Altäre zu einem geschlossenen Wallfahrtsraum zusammengeführt wurden.
Zwischen 1687 und 1690 erhielt das Innere seine prägende malerische Ausstattung durch den Disentiser Benediktiner und Maler Fridolin Eggert. Poeschel betrachtete die umfangreiche Ausmalung als sein Hauptwerk. Stuck und Malerei konzentrieren sich besonders auf Chor und Vorchor; im Schiff werden Fenster und Wandflächen durch Architekturmalerei, Evangelisten und lateinische Kirchenväter gegliedert. Die hölzerne Tonnendecke trug Szenen aus dem Marienleben, darunter Verkündigung, Heimsuchung, Geburt Christi, Marientod und Marienkrönung. Über dem Eingang zum Vorchor beherrscht der Triumphus Marianus den Raum: Maria thront auf einem Triumphwagen, der von Benediktinerheiligen gezogen wird; der heilige Benedikt steht an der Spitze, gefolgt von Mönchen und hohen kirchlichen Amtsträgern. Das Fresko ist zugleich Marienverherrlichung und Selbstrepräsentation des Benediktinerordens, der sich als Träger und Förderer des Kultes inszeniert.
Zum historischen Bildprogramm gehören auch Motive konfessioneller und religiöser Abgrenzung. Poeschel beschreibt, wie der Triumphwagen über als Häretiker bezeichnete Figuren hinwegrollt und gefesselte Schismatiker den Zug beschliessen; die heutige Pfarreibeschreibung nennt zudem Juden und Heiden als unterworfene beziehungsweise vertriebene Figuren. Solche Darstellungen sind als Zeugnisse barocker konfessioneller Polemik und christlicher Triumphikonographie zu verstehen. Sie dokumentieren die religiösen Konfliktvorstellungen ihrer Entstehungszeit, sind aber keine zeitlose Aussage über andere Konfessionen oder Religionen. Gerade eine wissenschaftliche Kunstbeschreibung sollte diese Ebene weder verschweigen noch unkommentiert wiederholen.
Eine ikonographische Besonderheit befindet sich im Chorgewölbe. In einem der zentralen Marienbilder lässt Maria Milch aus ihrer Brust in eine Opferschale fliessen, in der zugleich das Blut Christi aufgefangen wird. Poeschel deutete diese ungewöhnliche Verbindung als Kombination marianischer Fürbittvorstellung, eucharistischer Symbolik und der Vorstellung einer Mitwirkung Mariens am Erlösungsgeschehen. Die Darstellung greift auf die alte Bildtradition der Maria lactans, der stillenden Maria, zurück, übersetzt sie aber in eine theologisch verdichtete barocke Bildform. Für die Frömmigkeitsgeschichte ist das Motiv aufschlussreich, weil es zeigt, wie stark die Rolle Mariens als Fürbitterin, Mutter und Mittlerin in der barocken Bildsprache betont werden konnte. Im Vorchor ergänzen Darstellungen der Mystikerinnen Gertrud von Helfta und Mechthild von Hackeborn das benediktinisch geprägte Programm.
Der Wandel des Hochaltars spiegelt die Entwicklung von einer Marienkapelle zu einem ausgeprägten Gnadenbildheiligtum. Der ursprüngliche Hochaltar besass ein gemaltes Heimsuchungsbild, das Poeschel einem Meister aus dem Raum Danis und Trun zuschrieb und um 1662 ansetzte. Bereits im späten 17. Jahrhundert wurde an seiner Stelle eine bekleidete Marienfigur zum Mittelpunkt des Altares. Poeschel verweist auf ein Votivbild von 1688, auf dem die bekleidete Figur bereits erscheint; die Pfarrei nennt eine Votivtafel von 1690 als Zeugnis dieses Wandels. Das Heimsuchungsbild blieb erhalten und befindet sich heute in der Werktagskapelle. Der heutige Hochaltar entstand um 1740-1750 und ordnet die Gnadenstatue in eine bewegte, reich gegliederte barocke Architektur ein. Damit lässt sich am Altar selbst der Unterschied zwischen ursprünglichem Weihetitel und tatsächlich dominierender Wallfahrtsverehrung ablesen: Die Heimsuchung blieb Teil der Geschichte des Ortes, während die bekleidete Madonna zum visuellen Zentrum der Pilgerfrömmigkeit wurde.
Der historische Ex-voto-Bestand gehört zu den wichtigsten volkskundlichen Quellen von Maria Licht. Poeschel verzeichnete 152 ältere Votivtafeln, beginnend mit der Frühzeit der Kapelle, und bezeichnete sie als grössten geschlossenen Bestand an Votivbildern in Graubünden. Karl Fry widmete den Tafeln bereits 1940/41 eine eigene Studie. Die Bilder dokumentieren nicht nur Frömmigkeit, sondern konkrete Lebenslagen: Krankheit, Unfall, Bedrohung durch Naturereignisse, Familiennot, Geburt, Arbeits- und Weggefahren sowie die Bitte um Schutz und Genesung. Figuren, Kleidung, Häuser, Landschaft, Arbeitsgerät und Unglücksszenen machen die Tafeln zugleich zu Quellen der Sozial-, Alltags- und Trachtengeschichte. Fry weist darauf hin, dass ein Teil des Bestandes bereits verloren war und sogar noch im frühen 20. Jahrhundert Tafeln in den Handel gelangten. Die heutige Präsentation zeigt daher nur einen Teil einer ehemals noch grösseren Votivkultur.
Die Votivpraxis blieb nicht auf die Frühe Neuzeit beschränkt. Auch im 20. Jahrhundert wurden neue Tafeln gestiftet. Zu den bekannten Beispielen gehört ein Ex voto von Alois Carigiet aus dem Jahr 1941, das in der kommunalen Dokumentation von Trun als persönliche Bitte des Künstlers beschrieben wird. Solche neueren Stücke zeigen, dass die Grundform des Votums - eine konkrete Sorge oder Bitte wird an einem verehrten Ort bildlich festgehalten - trotz veränderter Lebensbedingungen fortbestand. Der Bestand erlaubt damit einen seltenen Vergleich von Frömmigkeitsformen über mehrere Jahrhunderte.
Maria Licht liegt in einer alpinen Landschaft, in der Lawinen, Rüfen und andere Naturgefahren zum historischen Erfahrungshorizont gehörten. Entsprechend häufig erscheinen solche Bedrohungen in Votiven. Eine bekannte Erzählung betrifft eine Lawine, die in die Kirche eindrang, während das Ewige Licht nach der religiösen Überlieferung nicht erlosch. In populären Darstellungen wird dieses Ereignis oft in das Jahr 1723 gesetzt und sogar als Ursprung des Namens Maria Licht erklärt. Karl Fry konnte beide Punkte korrigieren. Die von ihm herangezogene Votivtafel wurde zwar 1723 gemalt, nennt das Lawinenereignis jedoch ausdrücklich für den 19. Februar 1720. Sie berichtet, dass die Lawine von der Platta cotschna Fenster und Türen beschädigte und Schnee in die Kirche drang, das Ewige Licht aber nach der frommen Deutung durch die Macht Mariens nicht ausgelöscht worden sei. Der Name Maria Licht kann daraus nicht entstanden sein, weil der Lichttitel bereits 1666 belegt ist und um 1700 allgemein verwendet wurde.
Die Korrektur mindert die Bedeutung der Erzählung keineswegs. Im Gegenteil zeigt sie präziser, wie ein reales Naturereignis in die Wallfahrtsüberlieferung aufgenommen und religiös gedeutet wurde. Eine volkskundliche Untersuchung des 20. Jahrhunderts dokumentierte in Maria Licht drei aufschlussreiche Lawinen-Votivbilder von 1727, 1729 und aus dem späten 18. Jahrhundert. Die Kirche war damit für Menschen des Bündner Oberlandes ein Ort, an dem existenzielle Erfahrungen mit Schnee und Berggefahr in Dank, Bitte und Erinnerung übersetzt werden konnten.
Eine besonders sensible Form frühneuzeitlicher Wallfahrtsfrömmigkeit erschloss Iso Müller in seiner Untersuchung zur Taufe totgeborener Kinder im Bündnerland. Als frühesten von ihm nachgewiesenen Fall nennt er 1680 eine Frau namens Julia Soliva aus Trun oder der näheren Umgebung. Nach der Überlieferung brachte sie ein Kind tot zur Welt und gelobte eine Messe bei der Muttergottes von Maria Licht; anschliessend seien am Kind Lebenszeichen wahrgenommen worden, sodass es getauft werden konnte, bevor es starb. Müller vermerkt, dass auch weitere Mütter mit demselben Anliegen Zuflucht zu Maria Licht nahmen. Solche Berichte gehören in den grösseren europäischen Zusammenhang der sogenannten Erweckungs- oder Wundertaufen. Sie dürfen nicht als medizinisch gesicherte Wiederbelebungen behandelt werden, sondern dokumentieren eine historische religiöse Praxis, die aus der grossen Sorge um das Heil und die kirchliche Bestattung ungetauft verstorbener Kinder entstand. Für die Volkskunde ist der Befund deshalb von erheblichem Wert: Er macht sichtbar, welche existenziellen Sorgen insbesondere Frauen und Familien an den Wallfahrtsort herantrugen und wie Gelübde, Messe, Taufe und Marienfürbitte miteinander verbunden wurden.
In der älteren volkskundlichen und kunsthistorischen Literatur wurde wiederholt vermutet, der Hügel von Acladira habe bereits vor dem Kirchenbau kultische Bedeutung besessen. Poeschel griff die Vorstellung einer vorgeschichtlichen Opferstätte auf und verwies auf einen grossen Findling, um den Prozessionen geführt worden sein sollen, sowie auf Feuerbräuche und das Scheibenschlagen. Christian Caminada behandelte vergleichbare Stein- und Feuerbräuche im Rahmen seiner Forschungen zu alten rätischen Kultformen. Für Maria Licht ist jedoch Vorsicht geboten. Fry zeigte, dass die Quellen keinen Nachweis dafür liefern, dass die Lichtlegende aus einem vorchristlichen Feuerkult hervorgegangen sei. Selbst für das Scheibenschlagen ist nur wahrscheinlich, dass der Brauch zeitweise in der Nähe ausgeübt wurde; nach der jüngeren Überlieferung lag der Schlagplatz nicht auf dem Kirchenhügel selbst. Wissenschaftlich vertretbar ist daher die Feststellung, dass ältere Feuer- und Steinbräuche zur kulturgeschichtlichen Umgebung des Ortes gehören und in der Forschung als mögliche Vorstufen gedeutet wurden. Ein archäologischer Nachweis einer kontinuierlichen vorchristlichen Kultstätte unter der Wallfahrtskirche liegt dagegen nicht vor.
Der Wallfahrtsort besteht nicht nur aus dem Kirchengebäude. Von Trun führt ein Fussweg mit vierzehn Kreuzwegstationen hinauf nach Acladira und bindet das Heiligtum in eine religiöse Weglandschaft ein. Das ursprüngliche Alter dieser Wegtradition ist nicht sicher bekannt; die heutige Anlage wurde 1930 gestaltet. Der Aufstieg verbindet Dorf, Landschaft und Wallfahrtskirche und macht den Weg selbst zu einem Teil der Andacht. Solche Wege ordnen die Annäherung an ein Heiligtum in Stationen, Gebet und Bewegung. Im Fall von Maria Licht ist diese räumliche Inszenierung deutlich, weil die Kirche auf der erhöhten Terrasse über Trun liegt und der Pilgerweg den Wechsel vom Siedlungsraum zum abgelegeneren Marienheiligtum erfahrbar macht.
Am 18. Dezember 1948 wurde die Wallfahrtskirche durch einen Brand schwer beschädigt. Das Staatsarchiv Graubünden verwahrt Unterlagen zur Wiederherstellung und bezeichnet das Gotteshaus ausdrücklich als an diesem Tag durch Brand zerstörte Wallfahrtskirche. Besonders betroffen war die hölzerne Tonnendecke des Schiffes; ihre barocken Malereien gingen verloren und wurden nach historischen Fotografien rekonstruiert. Damit ist der heutige Innenraum nicht in allen Teilen Originalbestand des 17. Jahrhunderts, sondern verbindet erhaltene barocke Ausstattung mit Rekonstruktionen der Nachkriegszeit. Die Wiederherstellung bewahrte jedoch die historische Raumwirkung und das ikonographische Programm soweit, dass die Einheit von Architektur, Malerei und Wallfahrtskult weiterhin ablesbar bleibt. Spätere Restaurierungen konzentrierten sich auf die Sicherung und Pflege des umfangreichen Ausstattungsbestandes.
Maria Licht ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie sich ein Wallfahrtsort aus mehreren ineinandergreifenden Medien bildet. Die Gründungslegende erklärte den Ort, der Lichttitel gab ihm einen Namen, Lieder machten ihn erinnerbar, die Disentiser Benediktiner stellten Seelsorge und Druckkultur bereit, die Bruderschaft organisierte dauerhafte religiöse Bindung, das Gnadenbild verdichtete die Verehrung auf eine sichtbare Figur, und die Votivtafeln hielten individuelle Erfahrungen fest. Diese Tafeln zeigen, dass der Wallfahrtsort seine Bedeutung nicht durch abstrakte Lehrsätze gewann, sondern durch die Hoffnung auf Fürbitte in konkreten Lebenslagen. Gerade Krankheit, Kindstod, Unfall und Naturgefahr treten als Themen hervor. Die Wallfahrt nach Acladira war damit Teil der sozialen und emotionalen Geschichte der Surselva.
Die Wallfahrtskirche ist weiterhin ein geöffneter und liturgisch genutzter Sakralort. Die Pfarrei Trun bezeichnet sie ausdrücklich als Wallfahrtskirche und hebt die fortdauernde Verehrung der Gottesmutter, den Gebetscharakter des Ortes und den Ex-voto-Bestand hervor. Die historische Wallfahrt besitzt damit nicht nur museale Bedeutung. Zugleich hat sich ihre Form verändert: Die grossen frühneuzeitlichen Pilgerströme, Bruderschaftsstrukturen und die frühere Dichte von Gelübdepraktiken sind nicht mit der Gegenwart gleichzusetzen. Fortbestehend sind jedoch das Heiligtum, das Gnadenbild, die liturgische Nutzung, der Kreuzweg und die Erinnerung an eine mehrere Jahrhunderte umfassende Wallfahrtstradition.
Nossadunna dalla Glisch gehört zu denjenigen Wallfahrtsorten, bei denen eine sorgfältige Quellenkritik besonders lohnend ist. Mehrere oft wiederholte Angaben lassen sich präzisieren: Der Lichttitel ist bereits 1666 belegt und kann daher nicht aus der Lawinenerzählung des 18. Jahrhunderts entstanden sein; das betreffende Lawinenereignis fand nach der zeitgenössischen Votivinschrift 1720 statt, auch wenn die Tafel erst 1723 gemalt wurde; der Erweiterungsbau wurde nach dem Visitationsbefund am 23. Juni 1683 konsekriert und nicht erst 1684; und die Vorstellung einer vorgeschichtlichen Kultstätte bleibt eine Forschungshypothese ohne archäologischen Nachweis. Ebenso wichtig ist die Trennung zwischen dem frühen Konsekrationstitel Mariä Heimsuchung, dem Wallfahrtstitel Maria Licht und dem heute von der Pfarrei angegebenen Patrozinium Name Mariä.
Gerade durch diese Differenzierungen wird die Geschichte des Ortes nicht ärmer, sondern deutlicher. Maria Licht zeigt, wie ein frühneuzeitliches alpines Heiligtum durch Legende, Wallfahrt, Benediktinerseelsorge, rätoromanisches Lied, Druck, Bruderschaft, Gnadenbild und Votivpraxis zu einem regionalen Erinnerungsort wurde. Der ungewöhnliche Votivbestand erlaubt Einblicke in Sorgen und Hoffnungen, die in amtlichen Quellen selten sichtbar werden. Damit besitzt Acladira nicht nur kunstgeschichtlichen Rang, sondern ist für eine kulturwissenschaftliche und volkskundliche Wallfahrtsgeschichte Graubündens von besonderer Bedeutung.
Fry, Karl: Die Votivtafeln der Wallfahrtskirche Maria Licht in Truns. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 38, 1940/41, S. 140-150.
Fry, Karl: Der Lichttitel der Wallfahrtskirche Maria Licht in Truns. In: Zeitschrift für schweizerische Kirchengeschichte 37, 1943, S. 113-131.
Poeschel, Erwin: Die Kunstdenkmäler des Kantons Graubünden. Band IV. Basel 1942, Abschnitt "Die Wallfahrtskirche St. Maria Licht in Acladira", S. 428-436.
Batz, Hans: Die Kirchen und Kapellen des Kantons Graubünden. Band 8, Abschnitt zu Nossadunna dalla Glisch / Maria Licht, S. 163-167.
Pechloff, Ursula; Tomaschett, Pius: Trun: Maria Licht. Nossadunna dalla Glisch. Wallfahrtskirche Maria Licht. PEDA-Kunstführer Nr. 17, Passau.
Müller, Iso: Zur Taufe totgeborener Kinder im Bündnerland. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 54, 1958, S. 15-27.
Caminada, Christianus: Steinkultus in Rätien. Beitrag zur älteren volkskundlichen Deutung von Stein-, Feuer- und Kultbräuchen in Graubünden; für Acladira quellenkritisch zu verwenden.
Consolaziun della olma devoziusa. Erstausgabe, herausgegeben von P. Carli Decurtins, Nossadunna dalla Glisch bei Trun 1690; mit Wallfahrtsliedern zum Trunser Marienheiligtum.
Historische Votivtafeln und Inschriften der Wallfahrtskirche Maria Licht, darunter die von Karl Fry ausgewertete Lawinentafel von 1723 zum Ereignis vom 19. Februar 1720.
Staatsarchiv Graubünden: Denkmalpflegerische Dokumentationen zur Wallfahrtskirche Maria Licht in Acladira, insbesondere Unterlagen zum Brand vom 18. Dezember 1948 und zur Wiederherstellung.
Römisch-katholische Kirchgemeinde Trun: Historische und liturgische Dokumentation zur Wallfahrtskirche Maria Licht / Nossadunna dalla Glisch, zur Baugeschichte, zum Gnadenbild, zu den Votivtafeln und zum heutigen Patrozinium.
Gemeinde Trun / regionale Kulturdokumentation: Angaben zu Kirche, Kreuzweg, Zugänglichkeit und zur Wallfahrtslandschaft von Acladira.
Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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